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Johann Georg Hamann: Aesthetica in nuce - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleSokratische Denkwürdigkeiten / Aesthetica in nuce
authorJohann Georg Hamann
year1968
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000926-X
titleAesthetica in nuce
pages75-147
created19990527
sendergerd.bouillon
firstpub1759
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Sollte diese Rhapsodie gar die Ehre haben einem Meister in Israel zur Beurtheilung anheim zu fallen: so laßt uns ihm in heiliger ProsopopeeL'art de personifier ouvre un champ bien moins borné et plus fertile que l'ancienne Mythologie. Fontenelle sur la Poesie en general. Tom. VIII., die im Reiche der Todten eben so willkommen als im Reiche der Lebendigen ist (– – si NVX modo ponor in illis) entgegen gehen:

Hoch- und Wohl-gelahrtester
Rabbi!

»Des heiligen Römischen Reichs Postillon, der auf dem Schilde seines Wapens zum Wahlspruch: Relata refero, trägt, hat mich zur letzten Hälfte der Homilien de sacra poesi recht lüstern gemacht. Ich brenne darnach – und warte umsonst bis auf den heutigen Tag, wie die Mutter des Hazoritischen Feldhauptmanns nach dem Wagen ihres Sohns zum Fenster aussahe, und durchs Gitter heulte – – Verdenken Sie es mir also nicht, wenn ich gleich dem Gespenst im Hamlet durch Winke mit Ihnen rede, biß ich gelegnere Zeit haben werde, mich durch sermones fidelesJob. III, 11. – Der gröbsten Unwissenheit, die es sich am ersten einfallen lassen dörfte, gegenwärtige Nachahmung der kabbalistischen Schreibart für gut oder arg auszuschreyen, sucht man mit nachfolgender Stelle vorzubeugen: In interpretandi modo duo interueniunt excessus. Alter eiusmodi praesupponit in Scripturis perfectionem, vt etiam omnis Philosophia ex earum fontibus peti debeat, ac si Philosophia alia quaeuis res profana esset & ethnica. Haec intemperies in schola Paracelsi praecipue, nec non apud alios inualuit; initia autem eius à Rabbinis & CABBALISTIS defluxerunt. Verum istiusmodi homines non id assequuntur, quod volunt: neque enim honorem, vt putant, Scripturis deferunt, sed easdem potius deprimunt & polluunt. – Quemadmodum enim neologiam in Philosophia quaerere, perinde est ac si viuos quaeras inter mortuos: ita Philosophiam in Theologia quaerere, non aliud est, quam mortuos inter viuos. Alter autem interpretandi modus (quem pro excessu statuimus) videtur primo intuitu sobrius & castus; sed tamen & Scripturas ipsas dedecorat, & plurimo Ecclesiam afficit detrimento. Is est (vt verbo dicamus) quando Scripturae diuinitus inspiratae eodem, quo scripta humana, explicantur modo. Meminisse autem oportet, DEO, Scripturarum Auctori, duo illa patere, quae humana ingenia fugiunt: Secreta nimirum cordis & successiones temporis. – – Quum Scripturarum dictamina talia sint, vt ad cor scribantur, & omnium seculorum vicissitudines complectantur; cum aeterna & certa praescientia omnium haeresium, contradictionum & status Ecclesiae varii & mutabilis, tum in communi, tum in electis singulis: interpretandae non sunt solummodo secundum latitudinem & obuium sensum loci: aut respiciendo ad occasionem, ex qua verba erant prolata: aut praecise ex contextu verborum praecedentium & sequentium; aut contemplando scopum dicti principalem: sed sic, vt intelligamus, complecti eas, non solum totaliter, aut collectiue, sed distributiue, etiam in clausulis & vocabulis singulis, innumeros doctrinae riuulos & venas, ad Ecclesiae singulas partes & animas fidelium irrigandas. Egregie enim obseruatum est, quod Responsa Saluatoris nostri ad quaestiones non paucas, ex iis, quae proponebantur, non videntur ad rem, sed quasi impertinentia. Cuius rei causa duplex est. Altera, quod quum cogitationes eorum, qui interrogabant, non ex verbis, vt nos homines solemus, sed immediate & ex sese cognouisset, ad cogitationes eorum, non ad verba respondet: Altera, quod non ad eos solum locutus est, qui tunc aderant, sed ad nos etiam, qui viuimus & ad omnis aeui ac loci homines, quibus Euangelium fuerit praedicandum. Quod etiam in aliis Scripturae locis obtinet. Baco de Augm. Lib. IX. zu erklären. Werden Sie es ohne Beweiß wohl glauben, daß des berühmten Schwärmers, Schulmeisters und Philologen Amos ComeniusS. die Kortholtsche Samml. der Briefe des H. von Leibnitz. Vol. 3. Ep. 29. Orbis pictus und Muzelii Exercitia viel zu gelehrte Bücher für Kinder sind, die sich noch im bloßen Buch-sta-bi-ren üben – – und wahrlich, wahrlich, Kinder müssen wir werden, wenn wir den Geist der Wahrheit empfahen sollen, den die Welt nicht fassen kann, denn sie sieht ihn nicht, und (wenn sie ihn auch sehen sollte) kennt ihn nicht. – – Vergeben Sie es der Thorheit meiner Schreibart, die sich so wenig mit der mathematischen Erbsünde Ihrer ältesten, noch mit der witzigen Wiedergeburt Ihrer jüngsten Schriften reimt, wenn ich ein Beyspiel aus der Fibel borge, die ohne Zweifel älter als die Bibel seyn mag. Verlieren die Elemente des A B C ihre natürliche Bedeutung, wenn sie in der unendlichen Zusammensetzung willkührlicher Zeichen uns an Ideen erinnern, die, wo nicht im Himmel, doch im Gehirn sind? Falls man aber die ganze verdienstliche Gerechtigkeit eines Schriftgelehrten auf den Leichnam des Buchstabens erhöht; was sagt der Geist dazu? Soll er nichts als ein Kammerdiener des todten oder wohl gar ein bloßer Waffenträger des tödtenden Buchstabens seyn? Das sey ferne! – – Nach Dero weitläuftigen Einsicht in physischen Dingen wissen Sie besser, als ich Sie daran erinnern kann, daß der Wind bläst, wo er will – Ungeachtet man sein Sausen wohl hört; so ersieht man doch am wankelmüthigen Wetterhahn, von wannen er kommt, oder vielmehr, wohin er fährt – –«

Ah scelus indignum! soluetur litera diues?
Frangatur potius legum veneranda potestas.
Liber & alma Ceres succurrite! – –S. Kaysers Octauii Augusti poetisches Edict, kraft dessen Virgils letzter Wille de abolenda Aeneide aufgehoben seyn soll – – Man kann mit beyden Händen zugeben, was D. George Benson über die Einheit des Verstandes mit wenig Nachsinn, Wahl und Salbung mehr zusammengeraft als ausgearbeitet. Wenn er uns einige irrdische Sätze über die Einheit der Lesart hätte mittheilen wollen; so würde uns seine Gründlichkeit sinnlicher fallen – – Man kann ohn ein sehr zweydeutiges Lächeln die vier Bände dieser paraphrastischen Erklärung nicht durchlaufen, und die häufige Stellen verfehlen, wo D. Benson mit einem Sparren des Pabstthums in seinem eigenen Augapfel, über die Splitter der römischen Kirche eyfert – und unsere theologische Hofräthe nachahmt, welche jeden übereilten blinden Einfall laut beklatschen, durch den das Geschöpf mehr als der Schöpfer geehrt wird – – Zuförderst müste man D. George Benson fragen: ob die Einheit mit der Mannigfaltigkeit nicht bestehen könne? – Ein Liebhaber des Homers läuft gleiche Gefahr durch einen französischen Paraphrasten, wie la Motte, und durch einen tiefsinnigen Dogmatiker, wie Samuel Clarke, die Einheit des Verstandes zu verlieren – – Der buchstäbliche oder grammatische, der fleischliche oder dialektische, der kapernaitische oder historische Sinn sind im höchsten Grade mystisch, und hängen von solchen augenblicklichen, spirituosen, willkührlichen Nebenbestimmungen und Umständen ab, daß man ohne hinauf gen Himmel zu fahren, die Schlüssel ihrer Erkenntnis nicht herabholen kann, und keine Reise über das Meer noch in die Gegenden solcher Schatten scheuen muß, die seit gestern oder vorgestern, seit hundert oder tausend Jahren – Geheimnisse! – geglaubt, geredt, gelitten haben, von denen uns die allgemeine Weltgeschichte kaum so viel Nachricht giebt, als auf dem schmallsten Leichenstein Raum hat, oder als Echo, die Nymphe vom lakonischen Gedächtnisse, auf einmal behalten kann. – – Derjenige muß freylich die Schlüssel des Himmels und der Hölle haben, der uns die Projecte vertrauen will, die Gedankenreiche Schriftsteller an einem kritischen Ort zur Bekehrung ihrer ungläubigen Brüder schmieden. – – Weil Moses das Leben im Blute setzt, so gräuelt allen getauften Rabbinen vor der Propheten Geist und Leben, wodurch der Wortverstand, als ein einzig Schooskind εν παραβολη aufgeopfert, und die Bäche morgenländischer Weisheit in Blut verwandelt werden. – – Die Anwendung dieser erstickten Gedanken gehört für keinen verwöhnten Magen. – Abstracta initiis occultis; Concreta maturitati conueniunt, nach Bengels Sonnenweiser (plane pollex, non index).

Die Meynungen der Weltweisen sind Lesarten der Natur und die Satzungen der Gottesgelehrten, Lesarten der Schrift. Der Autor ist der beste Ausleger seiner Worte; Er mag durch Geschöpfe – durch Begebenheiten – oder durch Blut und Feuer und RauchdampfApostelgesch. II, 19. reden, worinn die Sprache des Heiligthums besteht.

Das Buch der Schöpfung enthält Exempel allgemeiner Begriffe, die GOTT der Kreatur durch die Kreatur; die Bücher des Bundes enthalten Exempel geheimer Artickel, die GOTT durch Menschen dem Menschen hat offenbaren wollen. Die Einheit des Urhebers spiegelt sich bis in dem Dialecte seiner Werke; – in allen Ein Ton von unermäslicher Höhe und Tiefe! Ein Beweiß der herrlichsten Majestät und leersten Entäußerung! Ein Wunder von solcher unendlichen Ruhe, die GOTT dem Nichts gleich macht, daß man sein Daseyn aus Gewissen leugnen oder ein ViehPs. LXXIII, 21. 22. seyn muß; aber zugleich von solcher unendlichen Kraft, die Alles in Allen erfüllt, daß man sich vor seiner innigsten Zuthätigkeit nicht zu retten weiß! –

Wenn es auf den Geschmack der Andacht, die im philosophischen Geist und poetischer Wahrheit besteht, und auf die StaatsklugheitLa seule politique dans un Poeme doit être de faire de bons vers, sagt der Herr von Voltaire in seinem Glaubensbekenntnis über die Epopee. der Versification ankommt; kann man wohl einen glaubwürdigern Zeugen als den unsterblichen Voltaire anführen, welcher beynahe die Religion für den Eckstein der epischen Dichtkunst erklärt, und nichts mehr beklagt, als daß seine ReligionWas der Herr von Voltaire unter Religion verstehen mag, Grammatici certant & adhuc sub Iudice lis est; hierum hat sich auch der Philolog so wenig als seine Leser zu bekümmern. Man mag die Freyheiten der gallikanischen Kirche, oder die Schwefelblumen des geläuterten Naturalismus dafür ansehen: so werden beyde Erklärungen der Einheit des Verstandes keinen Eintrag thun. das Widerspiel der Mythologie sey? –

Bacon stellt sich die Mythologie als einen geflügelten Knaben des Äolus vor, der die Sonne im Rücken, Wolken zum Fußschemel hat, und für die lange Weile auf einer griechischen Flöte pfeiftFabulae mythologicae videntur esse instar tenuis cuiusdam aurae, quae ex traditionibus nationum magis antiquarum in Graecorum fistulas inciderunt. De Augm. Scient. Lib. II, Cap. XIII..

Voltaire aber, der Hohepriester im Tempel des Geschmacks schlüßt so bündig als KaiphasQu'un homme ait du jugement ou non, il profite egalement de vos ouvrages: il ne lui faut que de la MEMOIRE, sagt ein Schriftsteller, in dessen Munde Weissagung ist, dem Herrn von Voltaire ins Gesicht – – Και τοι ουκ αν πρεποι γε επιλησμονα ειναι ραψωδον ανδρα. Sokrates in Platons Jon., und denkt fruchtbarer als HerodesPhotius (in den Amphilochiis Quaest. CXX, welche Joh. Chr. Wolf seinem Füllhorn philologischer und kritischer Grillen angesetzt hat) sucht in den Worten Herodes zu den Weisen aus Morgenland: »damit ich auch komme, und ihn anbete« eine Prophezeyung, vergleicht sie mit Kaiphas Ausspruch Joh. XI, 49-52. und macht die Anmerkung: Ιδοις δ'αν παραπλησιως τουτοις και ετερα τινα κακουργω μεν γνωμη και ορμη μιαιφονω προενηνεγμενα, περας δε προφητικον ειληφοτα. Photius denkt sich im Herodes einen Ianus bifrons, der nach seinem Geschlechte die Heiden, nach seiner Würde die Juden vorstellte. – Sehr viele hämische und unnütze Einfälle, (womit sich Herren und Diener brüsten) würden ein ganz ander Licht für uns gewinnen, wenn wir uns bisweilen erinnern möchten: ob sie von sich selbst reden oder weissagend verstanden werden müssen? – –. Wenn unsere Theologie nämlich nicht so viel werth ist als die Mythologie: so ist es uns schlechterdings unmöglich, die Poesie der Heyden zu erreichen – geschweige zu übertreffen; wie es unserer Pflicht und Eitelkeit am gemäßesten wäre. Taugt aber unsere Dichtkunst nicht: so wird unsere Historie noch magerer als Pharaons Kühe aussehen; doch Feenmährchen und Hofzeitungen ersetzen den Mangel unserer Geschichtschreiber. An Philosophie lohnt es garnicht der Mühe zu denken; desto mehr systematische Kalender! – mehr als Spinneweben in einem verstörten Schlosse. Jeder Tagedieb, der Küchenlatein und Schweitzerdeutsch mit genauer Noth versteht, dessen Name aber mit der ganzen Zahl M. oder der halben des akademischen Thieres gestempelt ist, demonstrirt Lügen, daß Bänke und die darauf sitzende Klötze Gewalt! schreyen müssen, wenn jene nur Ohren hätten und diese, wiewohl sie der leidige Spott Zuhörer nennt, mit ihren Ohren zu hören geübt wären. – – –

»Wo ist Euthyphrons Peitsche, scheues Gaul?
daß mein Karren nicht stecken bleibt – – –«

Mythologie hin! Mythologie her!Fontenelle sur la Poesie en General. Quand on saura employer d'une maniere nouvelle les images fabuleuses, il est sûr qu'elles feront un grand effet. Poesie ist eine Nachahmung der schönen Natur – und Nieuwentyts, Newtons und Büffons Offenbarungen werden doch wohl eine abgeschmackte Fabellehre vertreten können? – – Freylich sollten sie es thun, und würden es auch thun, wenn sie nur könnten – Warum geschieht es denn nicht? – Weil es unmöglich ist; sagen eure Poeten.

Die Natur würkt durch Sinne und Leidenschaften. Wer ihre Werkzeuge verstümmelt, wie mag der empfinden? Sind auch gelähmte Sennadern zur Bewegung aufgelegt? – –

Eure mordlügnerische Philosophie hat die Natur aus dem Wege geräumt, und warum fordert ihr, daß wir selbige nachahmen sollen? – Damit ihr das Vergnügen erneuren könnt, an den Schülern der Natur auch Mörder zu werden –

Ja, ihr feinen Kunstrichter! fragt immer was Wahrheit ist, und greift nach der Thür, weil ihr keine Antwort auf diese Frage abwarten könnt – Eure Hände sind immer gewaschen, es sey, daß ihr Brodt essen wollt, oder auch, wenn ihr Bluturtheile gefällt habt – Fragt ihr nicht auch: Wodurch ihr die Natur aus dem Wege geräumt? – – – Bacon beschuldigt euch, daß ihr sie durch eure Abstractionen schindet. Zeugt Bacon die Wahrheit; wohlan! so werft mit Steinen – und sprengt mit Erdenklößen oder Schneeballen nach seinem Schatten – – –

Wenn eine einzige Wahrheit gleich der Sonne herrscht; das ist Tag. Seht ihr an statt dieser einzigen so viel, als Sand am Ufer des Meeres; – hiernächst ein klein Licht

– – & notho – – –
– lumine –
                Catull. Carm. Sec. ad Dian.
das jenes ganze Sonnenheer am Glanz übertrift
– – micat inter omnes
Iulium sidus, velut inter ignes
                Luna minores. Horat. Lib. I. Od. XII.
; das ist eine Nacht, in die sich Poeten und Diebe verlieben. – – Der Poet2 Kor. IV, 6. am Anfange der Tage ist derselbe mit dem DiebOffenb. XVI, 15. am Ende der Tage – –

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