Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

Friedrich Gerstäcker: Der Osage - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Silbermine
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDer Osage
pages79-92
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Friedrich Gerstäcker

Der Osage

Weit, weit im fernen Westen von Missouri, an der Grenze des Osagen-Gebiets, wo nur erst wenige der kühnen Pionniere, die den zurückweichenden oder vielmehr zurückgetriebenen Indianern auf dem Fuße folgen, ihre Blockhütten aufgeschlagen hatten, wo sie jagten und fischten und sich dabei ein klein wenig Mais zogen – gerade so viel, als sie unumgänglich haben mußten, um nicht ohne Brod zu sein; da, wo sogar jetzt noch der Elk oder Riesenhirsch seine Fährten dem fetten Boden der Flußthäler eindrückt oder die weite, endlose Prairie durchstreift, zog eines Morgens ein weißer Jäger, die Büchse auf der Schulter, das Messer an der Seite, in der gewöhnlichen Tracht der »Hinterwäldler«, nur mit Schuhen anstatt Moccasins an den Füßen, und mit einer grauen, runden Filzmütze auf dem Kopf, leise und vorsichtig durch den dichten Wald, der sich hier und da in kleinen offenen Stellen lichtete und die Aussicht auf schmale, mit hohem Gras bewachsene Prairien oder Steppen gewährte.

Es war ein wunderlieblicher Maimorgen, wohl noch etwas frisch, die Sonne aber, die schon über die Baumwipfel hinüberschaute, meinte es gut, sandte ihre warmen Strahlen durch das dichte Laubwerk der Bäume und trocknete den Thau, der in schweren, großen Tropfen an den Grashalmen hing.

Der Jäger war schon den ganzen Morgen umhergestrichen; aber obgleich er mehrere Hirsche in dem thauigen Gras gespürt und ihren Fährten eine Zeit lang gefolgt war, obgleich er selbst ein paar prächtige BöckeDie amerikanischen Hirsche, die mehr zum Dam- als Rothwild gehören, werden Böcke und Doen genannt. mit schon recht stattlichen Ansätzen von Geweihen gesehen hatte, war ihm doch noch keiner zum Schuß gekommen. Vergebens strengte er seine Augen an, vergebens schaute er forschend umher, ja kroch er selbst, mehr als er ging, über das feuchte Land hinweg, es wollte nichts seinen Pfad kreuzen, und unmuthig ließ er sich endlich auf einem umgefallenen Baumstamm nieder, um auszuruhen und seine Jagd dann, in der Richtung nach Hause zu, fortzusetzen; da hörte er in weiter Entfernung einen Schuß.

Er lauschte lange und aufmerksam, konnte aber nichts weiter wahrnehmen und lehnte sich nachlässig an einen Ast des Stammes, auf dem er saß, hinausschauend auf einen langen, schmalen Steppenstreifen, der sich weit hinein in die dunkle Waldung dehnte und von weißblumigen Dogwoodbäumen und schlanken, hoch über dieselben hinausragenden Eichen eingefaßt war. Kaum aber zehn Minuten mochte er so gelegen und die liebliche Landschaft betrachtet haben, als da, wo sich der Wald zu vereinigen schien und die Prairie umschloß, ein Hirsch aus dem Dickicht brach und vollen Laufes gerade auf ihn zu kam.

Schnell sprang er empor und machte sich fertig, um seine Beute in Empfang zu nehmen, die, wie es schien, sorglos angesetzt kam; als sich aber der Bock, denn ein solcher war es, näherte, erkannte das geübte Auge des Jägers bald, daß er nicht mehr ganz gesund, sondern angeschossen sei, und das Langsame seiner Bewegung nicht von einem Gefühl der Sicherheit, sondern von Schwäche und Mattigkeit herrühre.

Nichtsdestoweniger blieb er im Anschlag liegen, und als sich ihm das verwundete Thier auf etwa sechzig Schritt genähert hatte, pfiff er es an.

Er stutzte – hielt – und brach im nächsten Augenblick, von der sicheren Kugel getroffen, zusammen.

Ruhig blieb er auf seinem Standpunkt stehen, lud wieder und trat dann zu dem gefallenen Thier, um es abzustreifen, als er durch die Prairie einen Indianer, mit einem andern geschossenen jungen Hirsch auf den Schultern, in vollem Laufe der Fährte des verwundeten Thieres folgend, ankommen sah. In einem kurzen Trab, kaum, wie es schien, der Last achtend, die er trug, näherte er sich, warf, als er den Erlegten erblickte, schnell seine Beute von den Schultern und begann, ohne auch nur im Geringsten den weißen Jäger zu beachten, den Hirsch von seiner Haut zu befreien.

»Aber, lieber Freund,« sagte der Abkömmling der Europäer, »es scheint Euch sehr gleichgültig zu sein, wer den Hirsch geschossen hat, so ihr nur die Haut bekommt, nicht so? Ich sollte doch denken, daß ich auch einiges Recht dazu hätte, denn ohne mein Stück Blei möchten Eure Finger wohl schwerlich von seinem Blute roth geworden sein!«

»Hierher gucken!« sagte der rothe Sohn der Wälder, auf die Keule zeigend, in der vier kleine Wunden, von Rehposten herrührend, sichtbar waren. – »Mir!« fuhr er dann in seinem gebrochenem Englisch fort, indem er sich mit dem Stiel seines Scalpirmessers auf die Brust klopfte – »mir erst geschossen, nachher weißes Gesicht – mir Haut – weißes Gesicht Fleisch;« und mit bewunderungswürdiger Schnelle beendete er sein Geschäft des Abstreifens, während der Weiße dabei stand und nicht übel Lust zu haben schien, dem wilden Gesellen mit Büchsenkolben oder Messer bessere Sitte zu lehren. Dieser jedoch behielt ihn von der Seite immer scharf im Auge und beobachtete, wohl solchen Vorsatz vermuthend, jede seiner Bewegungen. Er war kräftig und stark gebaut, und die Farben, mit denen er bemalt, der Schmuck, mit dem er behangen war, kündeten den Krieger an, den manche ehrenvolle Narbe über Brust und Schultern, als ihm die wollene Decke bei der Arbeit herunterrutschte, gerade als keinen Feigling bezeichnete.

Endlich war er fertig, zog seine Decke wieder über die Achseln, hing das eben abgestreifte Fell um, hob sich auf dasselbe noch den erstgeschossenen Hirsch, ergriff dann sein Schrotgewehr, und dem Weißen ein flüchtiges » Good bye« zurufend, schritt er schnell und, wie es schien, nicht im Mindesten durch seine Bürde belästigt, dem Dickicht zu, in dem er wenige Minuten darauf verschwand.

Halb lachend, halb ärgerlich sah ihm der Weiße noch eine Zeit lang nach, dann aber war es, als ob der Zorn für einen Augenblick die Oberhand gewinnen wollte; er stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden und machte eine Bewegung, dem Indianer in vielleicht keiner ganz freundlichen Absicht zu folgen, doch mochte er sich wohl eines Bessern besinnen, blieb stehen, sah eine kurze Zeit vor sich nieder auf den abgestreiften Hirsch und brach dann in ein helles Gelächter aus.

»Hol' ihn der Böse,« rief er endlich, als er sein Messer aus dem Gürtel nahm und neben dem Wildpret niederkniete – »größere Unverschämtheit ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen – kühles Blut – ächt Indianisch. Aber laß ihn zum Henker gehen, er hat mir doch das Wildpret gelassen; ist übrigens sehr ungewiß, ob ich selbst das hier hätte, wenn ihm das andere nicht schon Mühe genug machte.«

Während er die letzten Worte so vor sich hin in den Bart murmelte, trennte er die Keulen und den Rücken vom Vordertheil, stand dann auf und ging zu einem jungen Hickory, von dem er einen Streifen Rinde abschälte, sich das Fleisch damit umzuhängen.

»So,« fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort, als er die Büchse schulterte und dieselbe Richtung einschlug, die der Indianer genommen hatte – »so, da habe ich doch wenigstens ein Stück Fleisch und komme nicht leer nach Hause; der Onkel wird aber schön lachen, wenn ich die Haut nicht mitbringe. – Verdamm' den Burschen! Ich wollte doch, ich hätte ihn nicht so bereitwillig fortgelassen! – Nun, läuft er mir wieder einmal über den Weg, dann soll er mir für die Haut nachzahlen müssen;« und noch lange vor sich hinbrummend, zog er dem Hause seines Onkels zu.

Dieser, ein alter freundlicher Yankee, der vor etwa fünf Jahren von Connecticut nach St.-Louis gekommen war und sich erst seit etwa zehn Monaten so weit im fernen Westen niedergelassen, hatte dies natürlich aus keiner andern Ursache gethan, als um mit den Indianern Handel zu treiben und ihnen ihre Felle so billig wie möglich abzunehmen, hingegen seine Waaren, die sie von ihm, aus Mangel eines andern Händlers in der Nähe, kaufen mußten, so hoch als möglich anzuschlagen. Dennoch hatte er, trotzdem daß er bei dem Handel schon viel Geld verdient und die armen, unwissenden Indianer oft, ja fast bei jedem Geschäft übervortheilte, diese durch sein immer freundliches, gemüthliches Wesen (er war, ganz unähnlich den Yankees, ein kleiner, dicker Mann und alle kleinen, dicken Männer sind gemüthlich) so für sich eingenommen, daß sie gern und willig mit ihm verkehrten und sich nie, selbst nicht bei ihren heftigsten Streitigkeiten, die keineswegs selten vorfielen, feindlich gegen ihn benahmen.

Er trieb, wie alle diese Kaufleute (oder besser Krämer) an den indianischen Grenzen, ja selbst in den westlichen Ansiedelungen, fast nur Tauschhandel und gab für Felle und geräuchertes, oft auch frisches Fleisch, für Pelze und gegerbte Häute, für Bärenöl und Honig wieder solche Waaren, deren die Indianer bedurften, als: Pulver und Blei, Decken, Eisenwaaren (wie Tomahawks und Messer), Büchsen, Zinnober, Glaskorallen &c. &c.; sein Haupthandel bestand aber in dem verbotenen Whisky, den er um so theurer an die Indianer abließ, da diese wußten, daß es ihm durch das Gesetz von seinem großen Häuptling verboten war, ihnen das »fließende Feuer« weder zu schenken noch zu verkaufen. Er hielt auch aus dem Grund die Fässer unter dem Hause vergraben, obgleich er in diesem abgelegenen Theil des Staates wenig Nachsuchung zu fürchten hatte.

Der Alte saß vor der Thür seines kleinen Waarenlagers und schaute, behaglich rauchend, einem Volk großer schwarzer Truthühner (aus Eiern der wilden aufgezogen) zu, die um ihn herum die zerstreuten Körner und Samen aufpickten, als den kleinen Fußpfad entlang, der aus dem Walde gerade auf sein Haus zuführte, unser schon vorher eingeführter Indianer schnellen Schrittes daher kam und, tief Athem holend, seine Last zu den Füßen des Yankee abwarf.

»Hallo, Tom,« rief dieser, dem Wilden die Hand entgegenstreckend, »hast wacker getragen! Nun was bringst Du? zwei Felle und ein Stück roh Fleisch? – bah! ist das die ganze Jagd?«

»Gut – setze den Fall, Ihr geht – nehmt Flinte – kriecht durch Büsche – kriecht durch die Prairien auf Bauch – weit – weit – schleicht an Hirsch – setze den Fall, Ihr schießt nichts!« erwiderte Tom.

»Wohl möglich!« lachte der Alte, »ich müßte mich auch gut ausnehmen, wenn ich im nassen Grase auf dem Bauch herumkriechen wollte – nein –; ich bin übrigens nie ein Jäger gewesen und das einzige Große, was ich je geschossen habe, war bei St.-Louis eine von meines Schwagers Kühen, als wir einmal Nachts mit der Fackel eine Feuerjagd machen wollten.«

Der Indianer verzog den Mund zu einem breiten Lachen.

»Euer Schwager wird recht' Freude gehabt haben,« fuhr er nach einer kleinen Pause wieder ganz ernsthaft fort.

»Ja! Er schwur, ich dürfe nie wieder eine Büchse anrühren, so lange ich mich in der Nähe seiner Kühe und Schweine befände – nun, ich war damit zufrieden – aber, Tom, was führt Dich zu mir? was willst Du für Deine Felle haben? soll ich denn das Fleisch auch behalten?«

»Guter, fetter Bock,« sagte Tom, den Hirsch herumdrehend, daß der Alte den breiten Rücken sehen konnte, – »nicht so breit wie Ihr!« fuhr er grinsend fort, »aber viel breit, sehr viel breit.«

»Nun gut, komm! trag es hier in den Laden, da kann ich Dir gleich, was Du dafür haben willst, geben,« erwiderte Jener und schritt ihm voran in das kleine Gebäude, während der Indianer seine Schrotflinte auswendig daran lehnte und ihm mit seiner Beute folgte.

Drinnen angelangt, legte er Alles auf den Ladentisch und begann dann zwischen den Waaren, die überall zur Schau aushingen, umherzublicken, als ob er sich etwas aussuchen wollte.

»Nun, Tom, was willst Du heute Morgen haben?« fragte ihn endlich der Alte; »heraus mit der Sprache.«

»Wenig Pulver, wenig Blei, wenig Messer, wenig Tabak und viel Whisky!« sagte Tom.

»Whisky? pfui, Tom,« verwies ihn Jener, »Du weißt, ich darf keinen Whisky verkaufen und möchte nicht um alle rothen Felle, die in Missouri herumlaufen, Unannehmlichkeiten solch' verbotenen Handels wegen haben. Tom, Du willst mich nur auf die Probe stellen!«

»Ich guter Indianer!« betheuerte Tom, die Hand auf die Brust legend, »ich ein sehr guter Indianer – habe weißen Mann lieb, thue Alles für weißen Mann, gehe in die Kirche; ich ein ganz guter Indianer!«

»Aber weißt Du wohl,« widerlegte ihn der Händler, »daß kein guter Indianer Whisky anrührt? daß die guten Indianer ihn alle verschmähen, und daß nur die Bösen, Nichtsnutzigen das Feuerwasser trinken?«

»Ich kein guter Indianer – ich ein verdammter Schurke!« entgegnete Tom höchst ernsthaft.

»Ja, wenn das ist,« lachte der Alte laut auf, »da muß ich wohl herausrücken,« und schmunzelnd schenkte er dem Indianer ein volles Glas ein, das dieser mit freundlicher Miene leerte.

Kaum war Tom mit seinem erlegten Wild in das Haus getreten, als der Neffe des Yankee, eben derselbe Jäger, dem Tom an diesem Morgen so ohne Weiteres den Hirsch abstreifte, am Hause erschien. Er hatte den Indianer erkannt und warf fluchend sein Hirschfleisch von der Schulter, als er dessen Flinte am Hause lehnen sah.

»Warte, Schurke,« murmelte er vor sich hin, »Du sollst doch wenigstens Deinen nächsten Schuß fehlen, dafür will ich sorgen, und wenn ich kein Fell habe, magst Du, auf diese Ladung Pulver wenigstens, auch keins mit heimbringen.«

Damit schlich er sich leise an die Flinte heran, zog mit seinem Kretzer schnell den obersten Pfropfen heraus und ließ sich die Schrote in die Hand laufen; damit aber noch nicht zufrieden, nahm er den andern Pfropfen ebenfalls und setzte einen neuen auf, daß sich ja kein Schrot in jenem hätte verhalten und doch vielleicht noch tödten können, lehnte dann die Flinte wieder an ihre alte Stelle und trat, als ob er eben käme, zu den Männern in den Laden.

Tom hatte seine Einkäufe besorgt, steckte, was er für seine Jagdbeute erhalten, in die Kugeltasche, die an seiner rechten Seite hing, setzte nochmals das Glas an, das er schon zum zweiten Mal leer getrunken, und sog die letzten Tropfen heraus, trat dann vor die Thür, ergriff seine Flinte und war im Begriff, nach kurzem Gruß den Weg nach seinem Dorfe einzuschlagen, als die Truthühner seine Aufmerksamkeit erregten, die eben, durch einige ihnen vorgeworfene Maiskörner herbeigelockt, die Köpfe alle zusammen auf einen Punkt hielten und dadurch ein herrliches Ziel boten.

Tom bemerkte es und lächelnd auf sie anschlagend, rief er zum alten Kaufmann zurück. »Ich sehr froh – solchen Schuß draußen im Wald!«

»Und ich wette einen Dollar, Du triffst keinen!« rief der junge Mann, der die Gelegenheit schnell ergriff, sich an dem Indianer zu rächen.

»Ich keinen Dollar haben,« antwortete Tom ganz ruhig; »alte Mann aber hat Otterfell von mir – groß Otterfell – werth ein Dollar und ein halb Dollar – Ihr wettet ein Dollar und ein halb Dollar dagegen – ich treffen viel – viel von denen da!«

»Topp!« rief Jener, »hier sind meine anderthalb Dollar – und verlierst Du, so zahlt mir Onkel das Otterfell.«

»Gut,« sagte der Indianer und zog den Hahn seiner Flinte auf, um nach dem Pulver zu sehen.

Der Alte wollte Einwendungen dagegen machen, denn er hielt es garnicht für möglich, daß der Indianer fehlen könne, und fürchtete, sein Neffe werde das Geld wirklich bezahlen müssen; doch gab ihm dieser schnell einen Wink und leicht beruhigte er sich, als er den wahren Stand der Sache ahnte. – Den Indianer anzuführen, hielt er für nicht mehr als Recht.

Tom hatte sich unterdessen überzeugt, daß das Pulver in der Pfanne trocken und in gutem Zustande sei, legte also an, zielte und – drückte ab. Bei dem so nahen Schuß (kaum dreißig Schritt von ihnen entfernt) flatterten die Truthühner erschreckt empor und zerstreuten sich; keins von allen aber fiel oder gab nur das mindeste Zeichen, daß es verwundet sei.

Tom stand wie versteinert und schaute bald seine Flinte, bald die Hühner, bald die beiden Männer an; der Jüngere aber sprang und jubelte und lachte und geberdete sich wie toll. Endlich, als er wieder zu Worte kommen konnte, rief er, immer noch mit vor Lachen halb erstickter Stimme.

»Guter Tom, guter Tom, wo ist Dein ein Dollar und ein halber Dollar für das Otterfell? oh, guter Tom!« und wieder begann er zu tanzen und zu springen. Tom aber war sehr kleinmüthig und meinte, seine Decke fest um sich herumziehend:

»Tom zu viel Whisky – nicht gut! macht Kopf schwer und Hand zittern – Tom keinen Whisky mehr trinken!« und damit trollte er in seinem schwebenden Gang dem Walde zu, in dem er bald darauf verschwand.

Vierzehn Tage mochten nach diesem Vorfall etwa vergangen sein, als eines Nachmittags, wo die beiden Weißen, Onkel und Neffe, gerade wieder zusammen vor der Thür des Waarenhauses saßen, Tom denselben Weg daher geschlendert kam; er trug diesmal einen ganzen Pack zusammengebundener getrockneter Felle, sowohl von Hirschen als Ottern, und sah ordentlich und ehrbar aus; doch verfinsterte sich sein Gesicht ein wenig, als er den jungen Mann erblickte – er mochte wohl an den Schuß denken. Die beiden Weißen begrüßten ihn aber herzlich; er lehnte, wie das vorige Mal, seine Flinte auswendig an's Haus und ging nach kurzem Gespräch mit dem Alten in den Laden, um dort den neuen Handel abzuschließen.

Er schien die Truthühner, die ebenfalls wieder auf dem Platz umherliefen, gar nicht zu bemerken; kaum aber waren die Beiden durch die Ladenthür verschwunden, als der Zurückgebliebene von seinem Sitz aufsprang und in wenigen Secunden mit dem Kretzer aus dem dicht daneben stehenden Wohnhaus zurückkam.

Leise schlich er wie damals an die Flinte, zog schnell die Ladung Schrot heraus, verbarg den Kretzer und setzte sich dann wieder ruhig auf seinen Stuhl, um das Ende des Handels und das Erscheinen des Indianers zu erwarten.

Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten, er hatte heute wenig Waaren gebraucht und fast Alles in baarem Geld bezahlt genommen; schien übrigens wenig Lust zu haben, ein Gespräch mit den Beiden anzuknüpfen, sondern ergriff seine Flinte und sagte ihnen ein kurzes Lebewohl.

»Holla, Tom!« rief ihm aber der junge Mann nach, »willst Du denn heute Dein Glück nicht wieder mit einem Schuß versuchen?«

»Tom hat nicht so viele Dollars!« entgegnete kopfschüttelnd der Wilde, indem er stehen blieb und nach Jenem zurücksah; »die weißen Männer versprechen Feuerwasser,« fuhr er ernsthaft fort, »da schießt Indianer Alles, was vorkommt – Großes und kleines, Männchen und Weibchen; – Indianer liebt Feuerwasser. Vor fünf Schneen waren Ottern viel da – sehr viel – große Ottern und fett – jetzt rothe Mann kann fünf Fallen stellen und fängt eine. – Ottern gehen, wo weiße Gesicht kommt – Indianer auch. – Indianer ist arm!«

»Bah, bah!« rief der Jüngere lachend – »Du hast wohl selbst heute Morgen wieder einen tüchtigen Schluck Whisky genommen und fürchtest zu fehlen.«

»Nein,« sagte Tom, die Hand auf die Brust legend, »nicht angerührt – nicht mit Fuß!«

»Du schwankst aber doch so,« fuhr Jener, um ihn zu reizen, lachend fort.

»Ich schwanken?« sagte Tom entrüstet – »gut, ich will schießen, will weißem Gesicht zeigen, ich nicht schwanken.«

»Gut, hier ist mein Dollar,« sagte der Weiße, das Geld auf einen umgehauenen Baumstamm legend.

»Und hier ist meiner,« sagte Dom, »nicht viel Geld ein Dollar – mir gleichgültig.«

»Oho, wenn Du so mit Geld prahlst, hier sind fünf Dollars, anstatt des einen; setzest Du dagegen?«

»Daß ich kein Truthahn treffe?« frug vorsichtig der Indianer.

»Gewiß,« war die Antwort; »triffst Du einen oder mehrere, so habe ich verloren.«

»Gut!« entgegnete Tom und langte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, noch vier andere Dollars, die er eben für seine Felle erhalten hatte, aus der Kugeltasche und legte sie zu den anderen, nahm dann eine Hand voll Mais aus einem dicht dabei stehenden Futtertrog und warf ihn den Truthühnern hin, trat etwa zwanzig Schritt zurück, zog den Hahn auf, zielte, und beim Schuß – flatterten vier zum Tode getroffene am Boden, und lagen nach wenigen Secunden still und leblos da.

Mit weit geöffnetem Munde starrten die beiden Weißen auf das Verderben hin, das Tom's Flinte nicht allein an ihren Truthühnern, sondern auch in ihrer Börse angerichtet hatte. – Der Alte erholte sich aber zuerst wieder und fing an, in allem Ernst gegen den Erfolg des Schusses zu protestiren.

»Wenn irgend eine Rothhaut,« wie er sich in vollen Zorn hineinarbeitend, rief – »über seine Truthühner oder sein sonstiges Eigenthum wetten wollte, so konnte sie das in Gottes Namen thun; wer ihm aber sein Geflügel auf dem eigenen Hofe und gewissermaßen unter der eigenen Nase fortschoß, der mußte auch für die Folgen stehen und den Schaden, den er angerichtet hatte, mit baarem Gelde ersetzen.«

Er schien dabei nicht übel Lust zu haben, dem Indianer den eben gewonnenen Satz wirklich streitig machen zu wollen; der aber, der indessen und ohne weiter auf den Zorn des kleinen Mannes zu achten, seine Flinte nur ruhig wieder geladen hatte, schritt langsam auf den alten Baumstamm zu, und erst als der Kleine in der That Miene machte, ihm den Weg zu vertreten, wandte er den Kopf nach ihm um. Aber in dem einen Blick, der ernst auf den Weißen fiel, lag, ganz dem bisher gezeigten Charakter des Wilden entgegen, ein solcher Lavastrom voll Zorn, Haß und Rache, daß der Händler erschreckt einen Schritt zurücktrat und den Osagen ruhig gewähren ließ.

Im nächsten Moment leuchtete wieder das alte gemüthliche Lächeln aus den Augen des Wilden – ohne weiter eine Miene zu verziehen, ging er zum Baumstamm, schob leise zählend die zehn Dollars, einen nach dem andern, in seine Kugeltasche und warf dann seine Flinte wieder über die Schulter. Als er sich aber zum Fortgehen rüstete, wandte er sich noch einmal zu den Männern und sagte freundlich:

»Setze den Fall, Ihr wolltet schießen noch einmal – heut in acht Tagen ich wieder hier – aber,« fuhr er vertraulich fort, als er sich dem jungen Mann etwas mehr näherte, »wenn ich komme zu weiß Gesicht, ich immer zwei Schuß Schrot in der Flinte – setze den Fall, weißer Mann zieht einen heraus – gut – noch genug drin vor andern Schuß. – Good bye