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Friedrich Gerstäcker: Der Kunstreiter - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleDer Kunstreiter
publisherEnck-Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080406
projectid9040a667
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1.

Auf der Hauptpromenade der Residenzstadt *** herrschte heute, bei dem außerordentlich freundlichen und warmen Wetter, reges Leben. Dieser Platz lag am entferntesten von dem Meßtreiben, das gerade jetzt die übrige Stadt erfüllte, und, zahlreiche Equipagen fuhren auf und ab, während das schattige Laub der Parkanlagen selbst eine Menge Fußgänger angelockt hatte. Da kam plötzlich eine ganz ungewohnte Bewegung in die vor wenigen Minuten noch so ruhig Promenierenden. Ein großer Volkshaufe wälzte sich von oben die breite Hauptstraße herab, und die Equipagen drehten um und fuhren aus dem Wege, während die meisten der Fußgänger dem Schwarme ebenfalls auszuweichen suchten.

Zwei junge Damen, von einem Kürassieroffizier begleitet, blieben unschlüssig stehen und sehen den Weg hinauf.

»Wenn wir zurückgehen,« sagte die ältere von ihnen, »so verfehlen wir jedenfalls den Papa, der gerade in dieser Stunde aus dem Ministerium kommt, und wir haben versprochen, ihm bis hierher entgegen zu gehen. Was kann das nur sein?«

»Jedenfalls irgend ein Meßzug,« erwiderte der Offizier, »wenn wir einen Augenblick in der Veranda jenes Cafés Schutz suchen, wird sich die Menge vorüberwälzen und verlaufen.«

Unter der mit allen möglichen Blumen und Pflanzen der Tropenwelt geschmückten Veranda fand sich so nach und nach in gleicher Absicht eine zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen ein, und wie sich dort eine Menge Bekannte trafen, sammelten sich plaudernd und lachend kleine Gruppen.

Unter einem in vollen Blüten prangenden Granatbaume hatte sich die junge, reizende Komtesse Melanie, die Tochter des Kriegsministers von Ralphen, mit Ihrer jüngeren Schwester auf ein paar leichten Rohrfauteuils niedergelassen. Der Menschenschwarm stockte oben in der Straße, und es dauerte eine Zeitlang, bis er sich wieder in Bewegung setzte. Die junge Komtesse hielt einen Becher mit Erdbeer-Gefrorenem in den zarten Fingern, nur langsam dann und wann daran kostend, und neben ihr, beide Hände auf den zwischen seinen Knien stehenden Pallasch gestützt, saß Graf Wolf von Geyerstein, Rittmeister eines Kürassierregiments in ***schen Diensten. Graf Geyerstein stammte aus einer alten norddeutschen Familie und war ein deutscher Edelmann im schönsten Sinne des Wortes. Von ernstem, für seine Jahre vielleicht zu ernstem Wesen, mischte er sich dabei selten oder nie in die leichtfertigen Vergnügungen der Kameraden, und wenn ihn auch manche für stolz und kalt hielten, schlug doch ein für alles Gute warmes Herz in seiner Brust.

In diesem Augenblicke hatte aber die reizende Plauderin an seiner Seite den Ernst aus den edlen Zügen gebannt. Das offene dunkle Auge hing lächelnd an den Lippen der schönen Nachbarin und lauschte, weniger dem Sinn als dem Klange der Worte, die wie das Rauschen eines murmelnden Waldquells zu ihm drangen.

»Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, an was Sie jetzt gedacht haben!« unterbrach sich da plötzlich Melanie, indem sie ihren kleinen Teller senkte und sich halb gegen ihren Nachbar wandte.

»Ich, Komtesse?« rief der Graf, halb erschreckt wie aus einem Traume auffahrend, und er fühlte dabei, daß er errötete, »wahrhaftig nur an Sie.«

»An mich?« sagte die Dame, ungläubig mit dem Kopfe schüttelnd, »und zweimal habe ich Sie indes gefragt, ob Sie den jungen Grafen Selikoff schon gesprochen, ohne daß Sie mir auch nur mit einer Silbe geantwortet hätten.«

»Und doch war ich nur bei Ihnen,« entgegnete mit herzlichem Tone der junge Mann. »Zürnen Sie mir nicht, daß ich den Sinn der gleichgültigen Frage überhörte.«

»Gleichgültige Frage?« lachte die Komtesse, »und woher wissen Sie, Herr Rittmeister, daß mir die Frage oder vielmehr deren Beantwortung gleichgültig war? – Aber ich sehe, Sie sind heute wieder in einer verzweifelten Stimmung. Man muß erstaunliche Geduld mit Ihnen haben.«

»Und nicht wahr, Komtesse, die fehlt Ihnen?« lächelte der Graf.

»Darüber können Sie sich wahrlich nicht beklagen, und ich weiß gar nicht – aber was ist das?« unterbrach sich die junge Dame im nächsten Augenblicke selbst, als jene lärmende wogende Menschenmenge die Straße herunterdrängte. Einzelne Trompetenstöße wurden dazwischen laut, und der Graf selber horchte erstaunt auf.

»Ach, das ist herrlich!« rief die Komtesse Rosalie, Melanies jüngere Schwester, »das muß die Kunstreiter- und Seiltänzergesellschaft sein, Monsieur Bertrand mit seiner Truppe, der seine Tour durch die Residenz macht, um sich dem Publikum vorzustellen. Letzte Woche hat er auf dem hochgespannten Seile getanzt, und diesen Abend wird die erste Vorstellung in dem erst heute fertig gewordenen Zirkus sein.«

»Du bist ja sehr genau unterrichtet,« lächelte Melanie. »Haben Sie diesen Monsieur Bertrand schon gesehen, Herr Graf? Er soll in seiner Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten.«

»Noch nicht, Komtesse,« erwiderte der junge Mann. »Ich liebe derartige Kunststücke nicht, und das Seiltanzen vor allem ist mir das Verhaßteste, Entwürdigendste für den Menschen.«

»Und weshalb? Gehört nicht ein außergewöhnlicher Mut dazu, um sein Leben in schwindelnder Höhe auf dem schwanken Seil zu wagen?«

»Es ist das kein Mut mehr, den ich in dem Manne gewiß ehren würde,« erwiderte der Rittmeister, »sondern nur eine verzweifelte Tollkühnheit, welche Glieder und Leben um wenige Taler, oft um Groschen preisgibt; ja, nicht selten sogar kaum mehr als feige Furcht, durch Arbeit eine Existenz erringen zu müssen, die jedenfalls ehrenvoller wäre als solch ein Dasein.«

»Sie urteilen zu streng.«

»Ich glaube kaum. Es ist wenigstens meine Überzeugung.«

»Und doch fühlen sich die Menschen glücklich in ihrem Berufe.«

»Das kann ich mir kaum denken,« erwiderte kopfschüttelnd der Graf. »Äußerlich mag es allerdings so scheinen; wer sie aber beobachten könnte, wenn sie sich unbeachtet wissen, möchte doch wohl ein anderes Urteil über sie fällen. Aber da kommen sie; ich kann wenigstens die wallenden Federn eines Baretts oder Helms erkennen.«

Hunderte von Menschen drängten indessen lachend und erzählend vorbei, um mit dem Zuge zu gehen und den Marsch mit anzuhören, den das gemietete Musikkorps blies, während andere wieder stehenblieben, die wunderlich gekleideten Gestalten an sich vorbeipassieren zu lassen. So etwas sahen sie nicht alle Tage.

Und macht es nicht einen gar eigentümlichen Eindruck auf den Zuschauer, plötzlich, in dem wirklichen, bestimmt ausgesprochenen Alltagsleben, das ihn nach allen Seiten umgibt, und in dem ihn das geringste Außergewöhnliche schon störte, ja selbst im hellen, lichten Sonnenschein phantastisch aufgeputzten und geschminkten Menschen zu begegnen? Die unteren Schichten der Bevölkerung, mit den Kindern, freuen sich allerdings darüber. Sie sehen nur die äußere Hülle, das Flittergold und die wallenden Federn, die gestickten Wämser und bunten Farben. Den Gebildeten überkommt bei solchem Anblick aber fast immer ein eigenes unbehagliches Gefühl – nicht der Bewunderung etwa, sondern eher des Mitleids mit den Unglücklichen, die solcher Art, in ihrem glänzenden Elend, äußerlich stolz und guter Dinge, doch nur – »an der menschlichen Gesellschaft vorüber – den Pranger reiten.«

Weit anders ist es mit der Bühne. Hier wird uns ein abgerundetes und in sich feststehendes Kunstwerk von Künstlern vorgeführt, und die phantastischen Trachten, die durch die Kulissen ihren wahren Hintergrund, durch die Lichter ihre richtige Beleuchtung erhalten, stören uns nicht, ja, sind sogar nötig, die Täuschung zu vollenden, die uns in andere Zeiten, andere Sitten versetzen soll. Ich rede hier freilich nicht von jener Entweihung der Kunst, dem neu aufgekommenen Unfug der Sommertheater, die zu den »Kunstreitern« schon den Übergang bilden. – Hier dagegen, wo die Häuser, in denen wir selber wohnen, den Hintergrund formen und wir in eigener Person, sobald solche abenteuerliche Gestalten zwischen uns und aus ihrem Rahmen heraustreten, Mitspieler in dem Drama werden, schaut uns der Ernst des Lebens nur so viel greller aus solchem Spottgebild entgegen.

Aber ähnliche Gedanken erfüllten schwerlich die Herzen der lärmenden Schar, die gerade jetzt die Straße heraufgezogen kam, bis dicht am Café français vorüber, von wo aus man den bunten Trupp vollkommen gut übersehen konnte. Wenn auch das Volk – Arbeiter, Kindermädchen und Müßiggänger – einen festen Wall an der Seite bildete, so ragten die berittenen und phantastisch geschmückten Gestalten doch über die Köpfe dieser hoch hinaus. Voran ritten dem Zuge zwölf Trompeter in roten, abgetragenen und verschossenen, mit unechten Borden besetzten Uniformen, ungeschickte, hohe Tschakos mit roten und weißen Federbüschen auf dem Kopfe, und bliesen einen schmetternden Marsch. Der Zug wollte gesehen werden, und je mehr Lärm sie deshalb machten, desto besser. Unmittelbar hinter diesen folgte der Herr der Schar, der berühmte Monsieur Bertrand, in einem reichbesetzten, schwarzsamtnen Waffenrock, ein schwarzes Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Straußenfedern, die von einer mit jedenfalls unechten Steinen besetzten Agraffe gehalten wurden. Es war eine hohe, männliche Gestalt, mit edlen Zügen, so weit sich diese nämlich unter dem nach vorn gerückten Barett und dem vollen dunkeln Bart erkennen ließen. Ernst und schweigend blickte der Reiter aber auf den Kopf seines Rappen nieder, der unter ihm sprang und tanzte; weder nach rechts noch links schaute er hinüber und schien die ihn umtobende, jauchzende Menge so wenig zu hören, als ob er allein durch eine Wüste ritte.

Den Gegensatz zu ihm bildete ein wunderschönes Weib an seiner Seite. Eine wahrhaft junonische Gestalt, mit Augen voll Glut und Leben und in feuerfarbene goldgestickte Seide gekleidet, bändigte sie den wilden Fuchs, den sie ritt, doch mit der kleinen Hand so kräftig und hielt ihn so fest im Zügel, daß er seinen Platz innehalten mußte, er mochte wollen oder nicht. Dabei neigte sie sich mit holdem Lächeln bald hier, bald da hinüber, einem oder dem andern der Grüßenden zu danken, und nichts entging dem scharfen Blick der kühnen Reiterin.

Die Gesellschaft, die bis dahin in der Veranda des Cafés gesessen, war aufgestanden, um den Zug besser übersehen zu können, und Komtesse Melanie sagte jetzt: »Das ist die sogenannte schöne Georgine, die Frau des Seiltänzers. Sehen Sie nur, Herr Graf, wie sie so keck nach uns herüberschaut.« Ihr Nachbar erwiderte kein Wort, und als sie sich erstaunt nach ihm umwandte, hielt er den Blick fest und starr auf die Gruppe geheftet – ja, es schien ihr fast, als ob alles Blut seine Wangen verlassen hätte.

»Ei, ei, Herr Rittmeister!« flüsterte die schöne Komtesse, während ihr ein Gefühl durch das Herz zuckte, von dem sie sich selber keine Rechenschaft geben konnte oder wollte, »wie mir scheint, haben Sie dort drüben eine alte Bekanntschaft entdeckt.«

»Ich glaubte es im Anfang, Komtesse, aber ich habe mich geirrt. Es war nur eine Ähnlichkeit, wie man sie ja so oft im Leben findet.«

Wildes Jauchzen und Geschrei, sowie Lachen und Jubeln der Masse übertönte in diesem Augenblick seine Worte, denn hinter dem Zuge, der gerade jetzt vorüber war, kam der Hanswurst der Truppe in buntscheckigem Anzug, die weiße spitze Filzmütze auf dem Kopf, das Gesicht auf die grellste Weise bemalt, auf einem kleinen Pony nachgeritten. Auf diesem aber führte er die groteskesten Künste aus: bald stand er auf dem Kopf, bald überschlug er sich, bald war er unten und fuhr mit seiner Pritsche unter die kreischend zurückdrängende Straßenjugend, während er im nächsten Augenblick wieder rittlings auf seinem Tiere saß und den Nachspringenden Gesichter schnitt. Das Volk schrie und jauchzte dabei vor Vergnügen, und selbst die in dem Gedränge mitgehenden Polizeidiener vergaßen für kurze Zeit ihren sonstigen Ernst und lächelten.

Mit dem Hanswurst wogte aber auch der Menschenschwarm vorüber, und wie die Trompeten in weiter Ferne verklangen, nahm die Straße wieder ihren früheren ruhigen Charakter an. Ein paar Freundinnen der Komtesse Melanie, die sich ebenfalls vor dem Gedränge hierher geflüchtet hatten, beschäftigten die junge Dame jetzt vollkommen, da es galt, den Besuch der heutigen Vorstellung Monsieur Bertrands zu bereden. Außerdem ging das sehr interessante Gerücht, das die beiden Damen mitbrachten, der tollkühne Mensch habe sich erboten, zwischen den Türmen der Katharinenkirche ein Seil zu spannen und dort oben seine Künste zu zeigen. Der Magistrat hätte es aber bis jetzt noch nicht gestattet, und man glaubte, er wolle sich deshalb an den Fürsten selber wenden.

Der Kriegsminister von Ralphen, der versprochen hatte, seinen Töchtern hier zu begegnen, kam jetzt ebenfalls die Straße herunter und ging, als er den Rittmeister von Geyerstein erkannte, auf ihn zu, um ihn zu begrüßen.

»Ach, Papa,« bat die Komtesse Rosalie, die sich schmeichelnd an seinen Arm hing, heut' abend ist die erste Vorstellung Monsieur Bertrands im Zirkus, und es soll so hübsch werden. Dürfen wir hin?«

»Recht gern, mein liebes Kind,« sagte der alte Herr freundlich, indem er ihre Stirn streichelte, »und deine Mutter wird euch gewiß begleiten. Ich selber bin leider durch eine Sitzung verhindert, die meine Zeit wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt, und doch möchte ich euch nicht gern ohne männlichen Schutz an solchem Platze wissen.«

»O, dann begleitet uns Graf Geyerstein!« rief die lebhafte Rosalie, halb bittend, halb fragend zu dem Rittmeister aufschauend. »Ich habe überdies ein Vielliebchen von ihm gewonnen, das er noch einlösen muß, und setze es jetzt zum Pfand.«

»Sie sind zu gnädig, Komtesse,« lächelte mit einer leichten Verbeugung der junge Mann, »mir eine solche Ehre als Buße aufzuerlegen. Ich stehe natürlich den Damen mit Vergnügen zu Diensten – wenn Exzellenz es gestatten.«

»Ich bin Ihnen dankbar dafür, lieber Geyerstein,« nickte ihm der alte Herr zu, »und da es gerade mit der Zeit zusammentrifft, so speisen Sie heute mittag bei uns, und fahren dann mit den Damen nach dem Diner hinüber in den Zirkus. Das wäre also abgemacht, Kinder, und da sich die Menge jetzt verlaufen hat, denk' ich, wir gehen nach Hause. Es ist spät geworden, und eure Mutter wird euch erwarten.«

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