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Theodor Mügge: Afraja König von Lappland - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorTheodor Mügge
titleAfraja König von Lappland
publisherOtto Maier Verlag
illustratorEberhard Binder-Staßfurt
isbn3473395293
year1979
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090223
projectidbb9f0bdf
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Zweites Kapitel

Das erste Handelsgeschäft

Auch Gustav Helgestad zeigte sich in fröhlicher Stimmung, als er nach der Abfahrt seines Vaters zu seinem Gast trat.

»Freund Henrik«, sagte er, »jetzt, da mein Vater deine Sache in die Hand genommen hat, ist sie wohlgeborgen. Er geht sonst seinen eigenen Weg und schaut wenig nach rechts und links, was andre treiben. Doch du mußt ihm gefallen haben, und deshalb nimmt er deine Sorgen auf seine Schultern, die breit genug sind, die neue Last mitzutragen. Sei also fröhlich und guter Dinge, Henrik Sture, und laß uns zum Essen gehen, das meine Schwester Ilda indes bereitet. Ja, meine Schwester«, rief er, »das ist ein Mädchen, die steht fest auf ihren Füßen und hält den Kopf stolz im Nacken. Du sollst mit ihr tanzen heut drüben in Ostvagöe, denn heute Abend ist Ball im Gaardhaus. Da wirst du erfahren, wie flink sie sich dreht.«

Als sie in die Kajüte traten, war Ilda bereits mit den Vorbereitungen zum Mahl beschäftigt. Obgleich sie sich nur langsam und bedächtig bewegte, ging ihr doch alles flink von der Hand, und sicher und ohne je zu schwanken, schritt sie in dem sich auf den unruhigen Wellen wiegenden Schiff auf und ab, indem sie Gerät hereinbrachte und überhaupt Ordnung in dem beschränkten Raum schuf.

Endlich war der Tisch bereit, auf welchem eines der Nationalgerichte, eine Grützsuppe mit Backpflaumen und Salzheringen, aufgetragen wurde. Gustavs Gesicht verklärte sich. »Das ist recht, Schwester«, rief er ihr zu, »daß du uns das Leibgericht zum Willkommen vorsetzt. Da wollen wir tapfer mithalten, Freund Henrik, lang zu, denn auch du wirst hungrig sein.«

Dies traf bei dem jungen Edelmann nun allerdings zu, doch hielt ihn ein inneres Grausen von der süßen Suppe mit der salzigen Zutat zurück, und nur die Rücksicht auf seine Wirte überwältigte seinen Widerwillen, so daß er den Löffel ergriff und in die Schüssel tauchte. Ehe er ihn jedoch zum Munde führen konnte, wurde sein Arm durch Ildas Hand zurückgehalten, die ihn ernst anschaute und ebenso ernst sprach: »Ehe wir die Speise genießen, dürfen wir das Gebet nicht vergessen.«

»Ist in Ordnung, Ilda, laßt uns beten«, entgegnete Gustav und setzte wie entschuldigend hinzu: »Hab's ganz vergessen, war eben zu lange von Haus fort und immer unter dem wüsten Schiffsvolk.«

Als Ilda das Tischgebet gesprochen hatte, wandte sich Gustav zu Henrik: »Du mußt wissen«, sagte er, »daß meine Schwester eine fromme Jungfrau ist, die von keiner Kirchfahrt zurückbleibt, mag das Wetter noch so bös sein. Es ist aber kein Spaß, zur Winterzeit über den Fjord zwei Meilen zur Kirche zu fahren und im offenen Boot, wenn es stürmt und Eis treibt. Mancher Mann riegelt da seine Tür zu, schürt das Feuer auf dem Herd an, und indem er sich mit seiner Bibel behilft, läßt er in der entfernten Kirche den Pastor für sich allein predigen. Dafür allerdings kommen zuweilen die Lappen von den Fjelden herunter, hören die Predigt an und verstehen in ihrer Dummheit kein Wort davon.«

»Du urteilst falsch und ungerecht, Gustav«, sagte Ilda.

»Nun, laß gut sein«, meinte der Bruder lachend, »ich weiß schon, was du sagen willst. Ich will dir klar machen, Henrik, was Ilda meint. Wir haben hier einen Pastor im Lande, Klaus Hornemann heißt er, der hat es sich in den Kopf gesetzt, das heidnische Finnenvolk, die Renntierhirten und Fjeldlappen, welche auf- und abziehen in der unvermeßlichen Wildnis, zu bekehren und zu taufen. Meine Schwester hilft ihm getreulich bei der harten Arbeit und hat den Vater so lange gebeten, bis er es erlaubte, daß die Tochter eines alten, verwitterten Burschen, der Tausende von Renntieren besitzt und unter seinem Volk als eine Art Fürst und Weiser gilt, ja sogar als ein Schwarzkünstler und Hexenmeister bekannt ist, in unser Haus kommen durfte. Der alte Afraja hat es ungern genug getan; schnitt Gesichter wie ein Wolf in der Schlinge, denn sie haben meist eine so große Abneigung gegen uns, wie die Weiber vor den Spinnen, und es kostete eine ansehnliche Portion Tabak, auch Branntwein und harte Drohungen dazu, ehe er das Mädchen herabziehen ließ. Jetzt haben wir sie im Hause, und Ilda hat sie zahm gemacht, hat sie stricken und lesen gelehrt und ihr allerlei Künste beigebracht. Du wirst sie sehen, Henrik Sture, es ist ein anstelliges Mädchen, die eine Sache begreift, und das können sie meist alle, denn Gott hat ihr Volk nicht ohne Verstand gelassen. Weil nun aber das Mädchen die sonstigen Fehler ihrer Nation abgelegt hat, weil sie weder diebisch, noch faul, noch schmutzig ist, sondern gut und freundlich, meint Ilda, die Landsleute ihrer Pflegeschwester seien ebenso geartet und bildungsfähig, und wirft mir vor, ich höhne mit Unrecht dieses Lappenvolk, das kein Nordmann anrührt, sondern den Fuß nimmt und es von sich stößt.«

»Die Lehre des Heilandes ist die Liebe«, sagt Ilda, und ihre Augen glänzten hell. »Deshalb sollst du deinen Nächsten, wo du ihn findest, als deinen Bruder achten und ihm die Hand reichen.«

»Der Lappe ist weder mein Nächster, noch mein Bruder«, rief Gustav ärgerlich, »er ist ein schmutziges Tier, oder noch schlimmer als das!«

»Du sollst dich schämen, Bruder!« sprach Ilda in strafendem Ton. »Du sprichst gerade so ohne Nachdenken, wie sie alle. – Aber«, fuhr sie fort und ihre Miene wurde weniger streng, »während wir hier plaudern, vergeht die Zeit, und unserem Gast scheint aller Hunger vergangen zu sein, er läßt die Suppe kalt werden.«

Der Junker hatte den Löffel niedergelegt, denn das Gericht wollte seinem Geschmack auf keine Weise zusagen.

Gustav lachte laut auf, als er den Ausdruck des Abscheus bemerkte, der auf Stures Gesicht lag. »Ihr wißt nicht, was gut schmeckt, ihr Dänen« sagte er. »Das ist ein schönes altnordisches Gericht, wonach jeder Nordmann sich sehnt, wenn er es nicht hat.«

»Nun«, versetzte Henrik trocken, »ich beneide dich und deine Landsleute nicht darum, wünsche euch vielmehr jederzeit eine volle Schüssel davon; mich, als Dänen, mußt du aber entschuldigen, wenn ich aufhöre.«

»Wer sein Vaterland verläßt und zu einem fremden Volk kommt, um bei ihm zu wohnen, muß Sitte und Gebrauch, Speise und Getränk annehmen, wie er es findet«, erwiderte Ilda. »Du tust nicht recht, Herr, wenn du unter uns ein andrer sein willst als wir selbst.«

Das war offenbar ein Verweis, wie ihn der junge Edelmann nicht gewöhnt sein mochte, doch begleitete das strafende Wort ein so freundliches, sonniges Lächeln, daß Sture, er wußte selbst nicht wie, den Löffel wieder in seiner Hand fühlte, und nicht eher hörte er nun wieder auf, denselben zu gebrauchen, bis sein Teller völlig geleert war.

Das laute Gelächter der Geschwister, als er sich dann von dieser Arbeit aufrichtete wie ein Held, der einen schweren Sieg erfochten hat, weckte seine eigene Lustigkeit. Er stimmte fröhlich mit ein, antwortete auf das spottende Lob und fand, daß die Tochter des Kaufmanns aus den Fjorden ihm weit größeres Vertrauen schenkte als vorher.

Die Stimmung beim Mahl – auf dem Tisch prangten jetzt auch Fleisch und Fisch – wurde die heiterste, als Gustav eine Flasche alten Madeira aus dem Verschlag holte. Es wurde angestoßen auf das Willkommen im Lande, auf gutes Glück und Gedeihen, auf stete Freundschaft und endlich auch darauf, daß Henrik Sture sein Haus in der Nähe des Lyngenfjord bauen und als guter Nachbar sein Leben lang gesegnet und in Frieden darin wohnen möge.

»Gib acht«, rief Gustav, »es wird dir gefallen, ehe du es denkst, und hast du einmal diese Felsen und wilden Wasser liebgewonnen, so gibt es auch nichts auf der Welt, was dich wieder davon losreißen kann. Ich habe es selbst gesehen, daß Männer zu uns kamen, die im ersten Jahr nahe daran waren, sich das Leben zu nehmen, weil sie es inmitten dieser Einöden nicht auszuhalten vermeinten. Bald aber wurden sie wieder froh, und endlich fanden sie es schön, daß nichts sie bestimmen konnte, in ihr Vaterland zurückzukehren, obwohl sie Geld und Gut genug dazu besaßen.«

Sture blickte vor sich hin. Ihm dünkte es unbegreiflich, daß es Menschen geben sollte, die freiwillig in dieser Felsenwüste blieben, wenn ein gütiges Geschick es ihnen gestattete, mildere Luft zu atmen und unter Eichen und Buchen zu wandeln.

»Das ist seltsam«, murmelte er, »sehr seltsam!«

»Ich finde es natürlich«, antwortete ihm das Mädchen. »Die Männer, welche kamen, waren fremd und verlassen. Einsamkeit und Entbehrungen bedrückten ihr Gemüt. Nach und nach erwarben sie Freunde, ihr Wohlstand mehrte sich, sie fühlten den Segen der Arbeit und fanden Frieden und Ruhe in ihrer Familie. Du, Henrik Sture, kommst freilich aus einer Welt der Zerstreuungen und Vergnügungen, und darum mag dich der Gedanke an die Einsamkeit, die dich hier erwartet, doppelt drücken. Denn einsam, sehr einsam ist es in der Wildnis, das ist wahr! Bei uns hast du nichts als dein Haus, und Wochen und Monde können vergehen, ehe ein fremder Fuß deine Schwelle betritt. In deinem Hause mußt du daher all dein Glück finden, das dir auf Erden gegeben ist.«

Damit stand sie auf, doch nicht, ohne daß ihre Augen mit einem sanften und freundlichen Glanze auf den Fremdling gerichtet gewesen wären, und rief: »Da kommt der Vater zurück, ich höre ihn rufen. Sein Boot liegt schon an der Leiter.« Und so war es wirklich, denn nach einigen Augenblicken schallten die schweren Schritte des Kaufmanns auf dem Deck und kamen dann die Treppe herunter.

»Nuh«, rief er beim Eintreten, »sehe, habt reinen Tisch gemacht, Kinder; schadet aber nichts, nehme auch mit den Überbleibseln fürlieb. Gustav, stell eine neue Flasche auf den Tisch, und du, Mädchen, tisch auf, was du noch hast. Denn von all dem Sprechen und Handeln spüre ich einen rechtschaffenen Appetit. Ja, ja, Herr Sture, ist nichts ohne Mühe in der Welt.« Er nahm seinen Teerhut ab, zog einen Sessel an den Tisch und strich sein gelbgraues, langsträhniges Haar mit beiden Händen aus dem faltigen Gesicht. – Einige Minuten saß er still, als wolle er erst genau bedenken, was er rede, dann richtete er den Kopf auf und sagte zu Sture: »Ist also abgemacht der Handel. Habe zweitausend Vog guten Fisch für Euch aussuchen und trocken hängen lassen, macht tausend Speciestaler bar zu zahlen auf heutigen Tag in der sechsten Abendstunde dort drüben in Ostvagöe.«

»Gut«, entgegnete Sture, »das Geld soll bereit sein.«

»Alles recht«, rief der Kaufmann freundlich, »gebt mir mit diesem vollen Glas Bescheid, und laßt Euch den Handel nicht gereuen. Habt Ihr Glück, so könnt Ihr das Fünf- und Sechsfache dabei verdienen, habt Ihr kein Glück, werdet Ihr, wie ich glaube, wenigstens nichts verlieren. Es ist ein alter, erprobter Satz: Beim Handel überlegen und dann wagen. So ist's. Und nun noch einmal, stoßt an auf ein gedeihliches erstes Geschäft!«

Sture tat der Aufforderung des Kaufmanns Genüge und fragte ihn dann, was er ihm riete, in diesem Jahr weiter zu beginnen.

»Will's Euch sagen, wie ich darüber denke«, antwortete Helgestad mit wohlwollender Miene. »Wißt, daß mein Haus am Lyngenfjord steht. Ist eine feine Stelle; denn drei Märkte im Jahr werden nahebei abgehalten, und ist auch sonst viel Zulauf und Verkehr von Fischern, Quänern und Fjeldlappen. Ist aber auch ein Gewirr von Sunden dort, schießen ein Dutzend von Strahlen zusammen gegen die Lappmarken hin, und liegt manches gesegnete Plätzchen da noch wüst und leer. Weiß einen von allen darunter, wo ein tüchtiger Mann sein Haus aufrichten kann und reichlich sein Fortkommen finden wird.«

»Und dort soll ich mich ansiedeln?« fragte Sture.

»Denke so«, sagte der Alte. »Werdet am Lyngenfjord bei mir wohnen, bis Euer Haus aufgebaut ist; kaufen dann Boote und Fischerzeug samt einer Jacht für die Bergen-Fahrten, denn müßt Euch selbst holen, was in den Kramladen paßt.«

Eine dunkle Röte überzog Stures Gesicht. »Einen Kramladen soll ich halten?« rief er halb lachend, halb entsetzt vor dem Gedanken. »Einen Kramladen für Lappen und Quäner?«

»Sicher müßt Ihr das«, versetzte der Kaufmann kaltblütig, »oder denkt Ihr etwa als Kammerjunker hier zu leben! Sind manche hier, die hunderttausend Species im Kasten haben, aber dennoch einen Kramladen offen halten.«

»Aber, wenn ich auch wollte«, entschuldigte sich Sture, »zum Bauen und Einrichten gehört Geld, viel Geld – wo soll ich es herbekommen?«

»Zeigt mir einmal Euren Schenkungsbrief«, sagte Helgestad, und nachdem Sture, etwas verwundert über das plötzliche Verlangen, die Urkunde des Königs hervorgeholt hatte, las der Kaufmann sie mit größter Aufmerksamkeit durch und schien Wort für Wort förmlich zu studieren. Das Papier dann seinem Eigentümer zurückgebend, sagte er mit zufriedenem Kopfnicken: »Alles recht. Habt einen Freund im Lyngenfjord, soll Euch nichts fehlen, was Ihr braucht. Habe Geld und Waren genug, Euch einzurichten, wie es not tut. Müßt dann freilich auf eigenen Füßen stehen. Seid Ihr ein tüchtiger Mann, wie ich glaube, werdet Ihr Eure Sache so gut zu wenden wissen, daß Ihr bei keinem Fall aufs Gesicht zu liegen kommt; seid Ihr's nicht, so ist es Eure Schuld, wenn andere die Äpfel essen, die für Euch gebraten waren.«

Nach diesen Worten stand er auf, und seine große Uhr hervorziehend fuhr er fort: »Es ist jetzt Zeit, daß wir aufbrechen, wenn wir unser Geschäft im Gaard Gaard ist ein größeres Bauerngut. von Ostvagöe noch abmachen wollen, ehe der Tanz beginnt. Holt also Euer Geld heraus, Herr Sture, und kommt in die Jolle. Gustav und Ilda werden uns im anderen Boote folgen.«

Unter den Händen zweier stämmiger Fischer flog die Jolle an den Klippenrand, wo drei Nordmänner anscheinend wartend standen, die das Fahrzeug festhielten und über das Geröll zogen.

Eine hölzerne Treppe führte auf die Felsen, wo der Gaard von Ostvagöe, ein rot angestrichenes Balkenhaus mit kleinen Fenstern, stand. Aus dem Vorderraum wand sich ein schmaler Weg zwischen Fässern, Netzen, Angeln und Fischbeinen in ein großes Gemach, das als Gaststube und Tanzsaal zugleich diente. Hier angelangt, machte Helgestad den dänischen Junker mit den drei Verkäufern bekannt, die ihm gefolgt waren und nun am selben Tisch mit ihm Platz nahmen.

»Habt hier drei von den besten Männern aus Nordland, ist ihr Wort so fest wie Stahl und Eisen. Also zur Sache. Kaufte Euch von Olaf Gödwad achthundert Vog Fische, von Henrik Nielsen sechshundert, von Gullik Stefenson sechshundert, sind im ganzen zweitausend, nach meiner Wahl ausgesucht und mir für Euch überwiesen. Schlagt ein, Herr Sture, seht her, halten Euch die Hände hin, und jetzt nehmt Euren Beutel, und zahlt hier auf den Tisch, hat mancher blanker Species schon auf ihm gelegen.«

Gehorsam zählte Sture sein Geld auf, das vorsichtig nachgerechnet und mit scharfen Blicken geprüft wurde, ehe die drei Fischhändler es in ihre tiefen Taschen verschwinden ließen. Als Sture den leeren Beutel einsteckte, kam eine Bangigkeit über ihn, die ihn fast bereuen ließ, was er getan. Wie, wenn ihn diese unbekannten Männer im Verein um das Wenige betrogen, was er besaß? – Er hatte recht gut bemerkt, wie sie sich heimlich ansahen und sich mit schlauen Blicken verständigten, wie spöttisch die Augen der Zuschauer ringsum auf ihm ruhten. Und der Kaufmann selbst? Er schien ein weites Gewissen zu haben, und die Art, wie er mit gierigem Schmunzeln den klingenden Goldstücken nachsah, hatte viel von der Freude eines Gauners, dem ein famoser Streich geglückt ist. Doch Sture schüttelte gewaltsam alle trüben Gedanken von sich ab. Das Geld war fort und ließ sich nicht zurückfordern, denn mit diesen derben, markigen Gestalten durfte man sicher keinen Scherz treiben. Er mußte hier als Mann ein für allemal für seinen Handel einstehen. Schon kam auch der Kauftrunk, bestehend aus großen, mit Punsch gefüllten Gläsern. Man trank ihm zu, schüttelte ihm die Hände, und bald sammelten sich Fischer und Kaufleute um den Ankömmling, um seinen Erzählungen aus der dänischen Hauptstadt aufmerksam zu lauschen.

Nach und nach füllte sich der weite Raum zusehends, und als die Musik, bestehend aus zwei Violinen, einer Trompete und einer Flöte, ihre seltsamen Tanzweisen begann, drehte sich bald alt und jung, hoch den Staub aufwirbelnd, im Kreise.

Ein sechs Fuß hoher Nordländer, namens Olaf Veigand, den Gustav Helgestad als Freund begrüßt hatte, führt mit Ilda den Reigen an, und unter Lärmen und Lachen und lautem Gejauchze folgten die übrigen Paare wild durcheinander. Da der Abend bereits tief dunkelte, brannten auf den Tischen wohl ein Dutzend Talglichter, die auf leere Flaschen gesteckt waren, allein ihr schwacher Schimmer reichte nicht hin, in der großen Halle die Finsternis, vermehrt durch Tabaksqualm, zu überwältigen.

Henrik Sture lehnte allein in einer Ecke und schien der einzige, der Widerwillen vor dem wilden Trubel ringsum empfand. Niemand schien sich um ihn zu kümmern, doch plötzlich faßte der alte Helgestad über den Tisch hinüber seinen Arm und zog ihn aus seinem Winkel hervor.

»Nuh«, sagte er, »gefällt Euch das Treiben nicht? Kann's mir denken und will Euch jemand zeigen, dem es auch nicht behagt. Steht dort der Neffe vom Tromsöer Vogt, sein Schreiber und Gehilfe, Paul Petersen; ist ein Mann von Eurem Zuschnitt, aber einer, der nicht allen Leuten gefällt. Muß Euch das sagen, Herr, ehe wir gehen«, fuhr er fort. »Ist eine Art scharfer Brennessel, und muß sich jeder hüten, ihn mit bloßer Hand anzufassen. Seid aber freundlich gegen ihn, denn Ihr könnt ihn brauchen, wenn Ihr Euren Brief seinem Onkel in Tromsö vorlegt.«

Er war bei diesen Worten, indem er Stures Hand festhielt, quer durch das Gemach geschritten, wo in der Nähe der Tür neben einigen Vögten und Sorenskrivern Geschworene Schreiber. ein junger Mann saß, der, nachdem Helgestad seine Schulter berührt hatte, sich umdrehte und sein gelblich bleiches, von Blatternnarben zerrissenes und von dunkelrotem Haar umgebenes Gesicht dem Kaufmann und seinem Begleiter zuwandte. Sogleich stand er auf und reichte Sture freundlich die Hand, als Helgestad, auf diesen deutend, sagte: »Höre, Paul Petersen, hier ist ein Freund, der dich kennenlernen will. Ist ein Mann aus Kopenhagen, wo es dir so gut gefallen hat. Denke deshalb, Ihr werdet zusammenpassen und gute Freundschaft halten.«

»Herr von Sture«, sprach der junge Mann höflich, »ich habe von Ihrer Ankunft gehört und hätte Sie schon aufgesucht, wenn ich nicht durch ein paar gute Bekannte hier festgehalten wäre. Seien Sie willkommen im Lande, dessen größte Herrlichkeit, den Fischfang auf den Lofoten, Sie bereits kennengelernt haben. Ich brauche Sie nicht zu fragen, wie Ihnen der Ball im Gaardhaus gefällt«, setzte er auflachend hinzu, »denn ich sehe Ihrem Gesicht die Freude darüber an. Verlieren Sie aber den Mut nicht, bei uns zu bleiben. Der Mensch gewöhnt sich an alles, und nach einigen Jahren werden Sie sich vielleicht mit demselben Vergnügen hier im Kreise herumdrehen, wie alle diese guten Leute. – Kommen Sie jetzt an unseren Tisch, ich mache Sie dort mit einigen von unseren Vögten bekannt, und dann wollen wir mitsammen ein Glas auf gute Bekanntschaft leeren.« Der Junker folgte der Einladung um so lieber, als er hier endlich in diesen Einöden einen Menschen fand, der sich in der Welt umgesehen hatte und auf Bildung Anspruch haben durfte. Der Sorenskriver hatte sich einige Jahre in Kopenhagen aufgehalten, die Rechte studiert, war darauf Praktikant in Kristiania gewesen, und hatte sich endlich zur Unterstützung seines Onkels nach Tromsö begeben, wo er, wie es schien, gut gestellt war.

Während Sture mit sämtlichen Vögten und geschworenen Schreibern Punsch trinken mußte, fühlte er nach und nach in der anregenden Unterhaltung mit dem Schreiber Petersen seinen Widerwillen gegen das Treiben ringsum schwinden, und als jetzt Ilda Helgestad mit ihrem Bruder Gustav herantrat und ihm die Ehre antat, ihn selbst zum Tanz aufzufordern, welche Höflichkeit allerdings dem Mädchen ein Spottlächeln von dem rotköpfigen Neffen des Tromsöer Vogtes eintrug, folgte Sture ihr fröhlich und dankbar, und bald walzte er mit der Jungfrau noch flinker herum als die übrigen Paare.

Am zweiten Morgen nach diesem Ball hob Helgestads Jacht die Anker und steuerte dem Norden zu. Den Tag vorher hatte der Kaufmann seine Geschäfte abgetan, auch Stures gekaufte Fischvorräte überwiesen und ihm dabei manchen guten Rat erteilt, wozu ihn seine Erfahrung befähigte. Gustav blieb mit den Booten und Fischgeräten zurück, die er auf der zweiten Jacht seines Vaters nach Haus führen sollte.

Als Sture das Verdeck betrat, lagen die Lofoten schon in weiter Ferne hinter einer Wand düsterer Nebel, aus der nur die höchsten Bergspitzen hervorragten. Alles kam ihm fast wie ein Traum vor. Nur mit Mühe konnte er sich einbilden, daß dort hinter den Klippen seine Stockfische auf den Gerüsten schwankten. Als aber ein wildes Schneegewirbel losbrach und Land und Meer in seine Wolken einhüllte, fühlte er alle Besorgnisse eines Eigentümers, und die Angst um seinen Besitz trieb ihn unruhig das Deck auf und ab. Er trug jetzt nach Art der Handelsherren einen gefütterten Lederrock und eine Mütze aus Renntierfell, was beides er auf Ildas Antrieb in Ostvagöe gekauft hatte, und wohlgefällig betrachtete Niels Helgestad den Gast in seiner neuen Kleidung, als er jetzt ebenfalls an Deck erschien. »Herr Helgestad«, rief ihm Sture eifrig entgegen, »wir haben da ein böses Wetter, welches gewiß viel Schaden unter den Fischgerüsten anrichten wird.«

»Ha, packt Euch die Sorge schon!« lachte der Alte laut auf. »Ist ein gutes Zeichen für mich und ein ebenso gutes Zeugnis für Euch, daß Ihr Euer Hab und Gut fleißig im Auge behalten werdet. Ist aber keine Not darum, unsere Gerüste sind fest, und kein Schnee oder Sturm wird ihnen etwas anhaben.«

Durch diese Worte beruhigt, konnte Sture um so friedlicher den Tag und noch drei andere verleben, wo er an Bord der Jacht durch die Sunde und Fjorde schwamm, bis endlich das schwere Schiff mit Strömung und Wind durch die Straße von Tromsö trieb, wobei die Kirche, umringt von einer Anzahl rotangestrichener Holzhäuser, vor den Blicken der Reisenden erschien.

Auf Niels Helgestads Rat wollten sie hier anhalten und den Vogt Paulsen aufsuchen, um ihn zur sofortigen Registrierung des königlichen Schenkungsbriefes zu bewegen, wodurch Sture von Gesetzes wegen die Erlaubnis erhielt, sich alsbald das ihm zusagende Land auszuwählen. »Es ist besser«, meinte der alte Kaufmann, listig mit den Augen blinzelnd, »wenn die Sache in Richtigkeit ist, ehe der Schreiber nach Hause kommt, damit er nicht gar noch seinem Onkel eine Mücke ins Ohr setzt!«

Die Meinung des schlauen Alten achtend, durfte Henrik Sture nicht versäumen, zu dem beabsichtigten Besuch seine scharlachrote, goldbetreßte Gardeoffiziers-Uniform anzulegen, und wenn auch sein verwandeltes Äußeres, als er sich wieder in der Kajüte zeigte, bei Ilda nur ein leises Spottlächeln und bei ihrem Vater ein derbes Witzwort hervorrief, so wußte der hohe Beamte in Tromsö das bunte, ihm wohlbekannte Kleid desto besser zu schätzen und empfing den dänischen Baron voll Höflichkeit und Auszeichnung.

Henrik Sture fand in dem Hause des Vogtes den weitbekannten Freund und Seelsorger der Lappen, Klaus Hornemann, vor, und lernte in ihm, wie auch in Wahrheit sein Ruf war, einen würdigen Priester und ausgezeichneten Menschen kennen, während der Vogt selber ihm den Eindruck eines rohen und hinterlistigen Charakters machte, dessen Brutalität sich hinter mühsam angelernten, geselligen Formen versteckte. Es wäre ihm gewiß auch schwerlich gelungen, den Beamten so schnell seinen Wünschen willfährig zu machen, um so mehr als dessen Artigkeit sich bald mit einem gewissen Mißtrauen mischte, nun er von dem Schenkungsbrief des Königs hörte, wenn ihn nicht Niels Helgestad in ein Nebengemach gezogen und dort lange Zeit mit ihm geflüstert hätte. Als beide endlich wieder zu dem Missionar und dem jungen Edelmann hereintraten, die sich indessen lebhaft und von gegenseitigem Wohlwollen beseelt über die Verhältnisse des Landes unterhalten hatten, war der Vogt wieder die Höflichkeit und Artigkeit selbst.

»Ich habe die Richtigkeit Ihres Begehrens anerkannt, Herr Baron«, sagte er, »und den Brief Seiner Majestät in die Register eingetragen, wenn ich auch dazu eigentlich die Ankunft meines Neffen Paul abwarten müßte, der diese Register führt. Da jedoch, wie ich höre, Paul Petersen den Schenkungsbrief bereits selbst gelesen und Sie zum Hierherkommen aufgefordert hat, ist die Sache auch so in Ordnung. Es ist Ihnen somit die Erlaubnis erteilt, drüben im Lande, wo Sie wollen, Grund und Boden auszuwählen nach Ihrem Belieben. Sobald es geschehen ist, soll die Besitz-Akte Ihnen zugestellt werden. – Somit viel Glück, Herr Baron! Brauchen Sie guten Rat, so kommen Sie wieder nach Tromsö. Sie sind jedoch bei Niels Helgestad in den besten Händen und konnten sicherlich keinen klügeren Mann finden!«

Sein listiger Blick glitt von Sture auf den alten Kaufmann, der seinen Hut nahm und das volle, vor ihm stehende Glas ergriff. »Stoßt an, Vogt,« rief er, »und laßt uns trinken darauf, daß alle unsre Wünsche sich erfüllen mögen.«

»Recht, Niels«, sagte Paulsen lachend, »alle unsre Wünsche sollen sich erfüllen! Ihr wollt also nicht bei mir bleiben?«

»Nein, Vogt, es kann nicht sein.«

»So fahrt mit Gott, Niels! Grüßt Jungfrau Ilda. Ich will wetten, Paul hält es nicht lange bei mir in Tromsö aus und kommt Euch nach. – Noch ein Glas, Niels, auf das Wohl der Jungfrau Ilda.«

Man mußte dem Vogt den Willen tun, der gern beim Glase festsitzen blieb und sich deshalb nur schwer entschließen konnte, seine Gäste zu entlassen.

Das Boot legte schnell genug an Bord der Jacht an. Henrik Sture sprang, ohne den alten Helgestad abzuwarten, ihm zur Kajüte voraus, wo er leichten Trittes die Stufen hinabstieg und durch die angelehnte Tür blickte. Jungfrau Ilda saß bei einer Handarbeit, doch die Nadel ruhte in ihrer Hand. Ihre Finger hatte sie verschränkt, schweigend blickte sie im tiefen Nachsinnen vor sich nieder, und dieser Ernst gab ihrem Gesicht einen edlen, zu Herzen gehenden Ausdruck. Bei dem Geräusch an der Tür blickte sie auf und sah Sture stehen, worauf ein Schein der Freude über ihre Züge flog.

»Da bin ich, Jungfrau Ilda«, rief er ihr zu, »und wie ich denke, werde ich dich sobald nicht wieder verlassen. Meine Schenkungsakte ist nun eingetragen, dein Vater hat es auf der Stelle bewirkt. So kann ich denn mein Land suchen, wo ich will, und mein Haus bauen, wo es mir gefällt. In deiner Nähe, wenn du mich nicht forttreibst.«

»Du weißt, wir sehen dich alle gern«, erwiderte sie.

»Und wie seltsam ich mir vorkomme in diesem rot-goldenen Kleid«, fuhr er fort. »Dein Vater hat recht, mir wird heiß und bange darin, der Pelzrock und der Lederkragen, das ist die Tracht, die sich für mich schickt.« Die Blicke des Mädchens wurden immer freundlicher, während er redete, und mit sichtlicher Teilnahme erwiderte sie: »Das höre ich gern von dir, Henrik Sture. Du wirst dich an dein neues Vaterland bald gewöhnen.«

Sture entfernte sich jetzt, und als er, in sein nordländisches Wams gekleidet, wieder hereintrat, wurde er mit Wohlgefallen von Helgestad empfangen. Ilda hatte inzwischen den Tisch bestellt, und während die Jacht, von einem frischen Wind getrieben, durch die mondhelle Nacht schwamm, saßen die Reisenden unter angenehmen Plaudereien noch spät beisammen.

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