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: Auf dem Heilwigshof - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorAdalbert Meinhardt
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleAuf dem Heilwigshof
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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Alles in der Welt vergeht. Jugend und Glück, und Treu' und Glauben, heiße Lieb' und feste Freundschaft, was dauert denn? Nicht einmal das Leben das Schlechteste von allen. Und so findet – man sollt's nicht denken – sogar auch eine Familiengesellschaft auf dem Lande zuletzt ihre Endschaft.

Wenn man gegen ein Uhr mittags zusammengekommen ist, kräftig gespeist, darauf den Kaffee getrunken, eine Partie Billard oder L'hombre miteinander gemacht, etwas Kuchen zur Vesper genommen, noch die Pferde besichtigt und einen Blick in den neuen Schafstall getan hat, während die Damen bei ihrem Strickstrumpf in ehrbar lehrreichen Gesprächen über Wirtschaft und Kinderzucht die Stunden verbrachten, so rückt allmählich, allmählich die Zeit für das Abendessen heran. Und ist das aufgedeckt und verzehrt, genügend mit gutem Rot- oder Rheinwein hinuntergespült – die Herren Inspektoren und Volontäre helfen getreulich – so ist es wohl nahe an 11 Uhr geworden, und bleibt nichts übrig, als Abschied zu nehmen. Der Bruder Sanitätsrat besteigt seinen Braunen; der Schwager Amtsrichter mit Frau und Kindern richtet sich ein auf seinem Gefährt, so gut es eben der Raum gestattet; der Neffe Förster und der Herr Pastor gehen zu Fuß. Es währt nicht sehr lange, so ist kein Gast mehr auf dem alten Heilwigshofe, bis auf den einen, der hier daheim ist, der neben dem Gutsherrn auf den Stufen vor der Tür des breiten, vielfenstrigen Wohnhauses steht und den sich Entfernenden nachschaut.

»Endlich!« sagte er.

Johannes Heilwig wendet sich zu seinem Freunde: »Schien dir es so lang'?«

»Ich denke, ein wenig ... Bist du jetzt für mich zu haben?«

»Sogleich. Geh nur voran. Ich komme.«

Doch das kann so schnell nicht geschehen. Es gibt für den Hausherrn noch so manches abzutun. Der Verwalter erstattet Rapport; Fräulein Dreesen, die brave ältliche Wirtschafterin – sie hat inzwischen aus der Diele, dem Mittelraum und Empfangssaal des Hauses, die Sessel und Tische schon wieder an ihre Plätze gerückt – will wissen, was für morgen angeordnet ist; der Stallmeister berichtet von dem Ergehen der jüngsten Fohlen, und der Wächter – er ist Rademacher bei Tage – fragt an, ob er jetzt schließen solle. Heilwig tritt hinaus auf die Rampe, um, wie jeden Abend, zu sehen, daß alles mit rechter Ordnung zugeht. Draußen neben dem hohen Tor, das gegen die Straße, welche zum Dorf führt, den Gutshof abgrenzt, macht jener die Diana los von der Kette, riegelt die schweren Torflügel zu. In langen Sätzen kommt der Hund, rund um den kleinen Rasenplatz, der vor der Anfahrt zum Hause liegt, zu seinem Herrn herangesprungen, sich den klugen Kopf von ihm streicheln zu lassen. Der alte Friedrich, der in seiner tadellosen Livree, mit dem glattgebürsteten, schneeweißen Haupthaar und der strammen Haltung, stumm wie ein Schatten, Heilwig auf Schritt und Tritt gefolgt ist, räuspert sich:

»Der Herr wollten morgen um vier Uhr geweckt sein,« beginnt er mahnend, »aufs Feld zu reiten ...«

»Du hast recht, es ist spät. So geh nur schlafen, ich brauche dich nicht mehr, gute Nacht.« – Und er tritt in das blaue Zimmer zur Rechten, wo der Gast seiner wartet: »Nun also – was gibt es? was wünschst du von mir?«

»Ich von dir!« – Der andere bleibt stehen in seinem ungeduldigen Lauf durch das Zimmer – »ich dächte, du hättest mir etwas zu sagen.«

»Du meinst?«

»Johannes, weshalb bin ich hier? Das will ich wissen. Es kann nichts Gutes sein, obwohl du dein allerzufriedenstes Hundertfuderweizengesicht behaglich zur Schau trägst. In all den Jahren, seit wir uns kennen – wie viele es sind, ich weiß es kaum selbst mehr – in all dieser Zeit bin ich sehr oft, vom Zufall, von Laune, von verzweifelter Stimmung getrieben, auf den Heilwigshof gekommen; von dir gerufen, noch nie bis heute.«

»Weshalb kamst du denn nicht, wie ich dich erwartet hatte, schon früh am Morgen?«

»Das fragst du mich nun zum dritten Male. Als ob sich dadurch irgend etwas verändert hätte! Deine ehrenwerten Verwandten wären noch nicht bei der Suppe gewesen, statt daß ich sie so beim Braten antraf. Den Verlust dieses halben Diners, wahrlich, den will ich leicht verschmerzen. Übrigens, wenn du durchaus den Grund meiner Zögerung wissen mußt: als ich in der Stadt aus der Bahn stieg und den Kutscher Karl, deine Pferde, den Wagen sah und gleichzeitig erfuhr, du seist gesund und kein Unglück geschehen – da fiel mir ein schwerer Stein vom Herzen, daß ich all meiner Sorgen vergaß ...«

»Nun und?«

»Da habe ich mir, ehe ich weiterfuhr, ein paar Bauern gezeichnet, Auswanderer mit vergrämten Gesichtern, die sich an der Station mit ihren Sachen gelagert hatten. Mir schien die allzugroße Eile nicht mehr nötig.«

»Ich dachte, du hättest Stift und Pinsel für immer verschworen?«

»Schrieb ich das? es ist wohl möglich. Denn manchmal packt es mich wie Verzweiflung. Ich muß mich fragen, wer in der Welt denn glücklicher davon wird, oder klüger, oder gar besser, daß ich noch ein halbes Dutzend reinlicher weißer Leinwandstücke – unbrauchbar mache. Und ob ich nun schöne Römerinnen male, oder häßliche Proletarier, ob die Nachwelt mich loben wird oder tadeln – wenn sie überhaupt sich dessen erinnert, daß ein Paul Gordon einst existierte – das alles erscheint mir so grenzenlos unwichtig dann und so gleichgültig, daß ich am liebsten den ganzen Plunder, den man leben und malen benamst, beiseite würfe. Was mich zurückhält, Alter, weißt du's? Es ist der Gedanke, daß da droben im Norden, hinter Teterow, wo die gebildete Menschheit aufhört, ein Mann lebt, mit einer so dicken, guten, ehrlichen Haut, und daß dem mein Auf- und Davongehen möglicherweise wehtun könnte.«

Der Gutsherr streckte ihm nur die Hand hin.

»Aber du ließest mich doch nicht kommen, daß ich dir meine alten Schmerzen vorklagen sollte? Oder haben mich die Heilwigs wieder verklatscht? Weiß Gott, sie strecken ihre Spionenarme, glaube ich, über halb Europa aus und erfahren genauer, als man's in Rom ober in Paris weiß, was in meinem Atelier vorgeht. Haben sie dir schon gesteckt, weshalb deine Bitte, jetzt zu kommen, mir unbequem war, mich zögern ließ?«

»Die Heilwigs haben andres zu denken als an deine Liebschaften, mein Junge.«

»Ja wahrhaftig, das schien mir fast selbst so. Was ist denn in deine Verwandten gefahren, daß sie mich heute mit so ausgesuchter Höflichkeit behandelten? Sonst sahen sie, wie mein guter Feind, der Friedrich, in mir immer nur noch den Vagabunden, als welchen du mich zu allererst hier ins Haus gebracht hast. Aber heute: rsaquo;ein so berühmter Maler wie Sie!rlsaquo; – rsaquo;ein Mann, der so viel Schönes geschaffenrlsaquo; – rsaquo;Sie sind ein Dichter, wahrlich, Herr Gordonrlsaquo; – wie kommen denn die guten Leute zu diesen gedrechselten Redensarten, mit denen ich in der sogenannten Gesellschaft zwar mir die Taschen vollstopfen kann, die ich aber hier, auf dem Heilwigshof, hören zu müssen nicht gewohnt war?«

»Ich sagte es dir schon, sie haben anderes im Kopfe, sie fürchten dich nicht mehr.«

»Fürchten? und mich! Aber ums Himmels willen, Johannes, was konnten die Heilwigs und die Müllers und deine werten Neffen und Vettern von mir denn fürchten?«

»Wärest du etwas früher gekommen, hätte ich dir vor Tische gesagt, was ich dir berichten wollte, und dann zur guten Mahlzeit den anderen es auch mitgeteilt.«

»Schon wieder! – Nun also, da ich um jene eine kostbare, unwiederbringliche Stunde zu spät kam – was nun, Pedant?«

»Nun werde ich es jedem einzelnen schriftlich anzeigen müssen. Und das Schreiben, wie du weißt, ist nicht meine Sache. Viel reden zwar auch nicht. Doch kurz und gut, du bist mein Freund. Deshalb hatte ich mir vorgesetzt, dir eher als allen anderen zu sagen, daß ich mich verheiraten will.«

»Daß du...!«

»Ja, so ist's, Die Heilwigs werden höchstwahrscheinlich nicht einverstanden sein. Mir scheint, sie ahnen schon so etwas. Doch du, was du dagegen haben könntest, das wüßte ich nicht. Zum Glück spielt zwischen dir und mir das Geld keine Rolle, auf meine Erbschaft wartest du schwerlich. So wird denn für dich der einzige Unterschied darin bestehen, daß, wenn du künftig zum Besuch kommst, eine kleine Frau im Haus ist, mit welcher du über deine Interessen, Bilder, Bücher, was weiß ich, was dich beschäftigt – besser als mit einem ungebildeten Bauern dich unterhalten kannst. Und somit...«

»Es ist merkwürdig heiß hier. Ich bin kein Bauer wie du, ich bin deshalb der frischen Luft nicht so abgeneigt. Gestatte, daß ich das Fenster öffne.«

»Paul!«

»Sieh da, die Diana! Der gute Hund kennt mich wahrhaftig noch. Es ist zum Verwundern. Besonders, da's eine Hündin ist.«

»Paul, komm zurück von deinem Fenster.«

»Zu Befehl, Herr Heilwig.«

»Setze dich her.«

»Was geruhen Ew. absolute Majestät sonst noch zu wünschen?«

»Daß du vernünftig redest. Du kannst doch im Ernste nicht glauben, daß ich dich um einen Gedanken, um einen Atemzug weniger gern haben, weniger dein Freund sein könnte, weil ich in mein Haus eine Frau nehmen will?«

»Ich habe mir allerdings angemaßt, so etwas dergleichen zu denken. Es wird dir, vermute ich, nicht ganz neu sein, daß die Liebe in der Welt für ein berauschenderes Getränk gilt als Männerfreundschaft.«

»Die Liebe? Vielleicht, wie du sie verstehst. Du weißt, ich bin ein fester Trinker und kann ein gutes Glas vertragen; mir steigt so leicht kein Wein zu Kopfe. Und dann – ist es denn auch Wein? Bisher war mir unsere Freundschaft das und soll es, denke ich, auch bleiben, was das Leben reich macht und heiter. Daß du, Paul, du, auf ein armes, junges Ding eifersüchtig werden könntest, das hätte ich mir nicht träumen lassen.«

»Nun denn, ich bin's, eifersüchtig und mißtrauisch zugleich. Alle schlechten Eigenschaften, die ein Menschenherz zu beherbergen vermag, die sind in mir. Ich will nicht, daß sich hier und in dir irgend etwas verändert. Du bist mir immer der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht gewesen, wenn mich das Leben um und um trieb. Und an das Glück, das du mir ankündigst, glaube ich nicht. Obwohl ich noch nicht einmal weiß, wie es aussieht und wer dies Glück ist.«

»Du glaubst nicht dran? Ich denke, du solltest mich doch kennen und mir vertrauen; ich weiß, was ich tue. Es ist die Komtesse Willfriede Markow, die Tochter des alten, gelehrten Grafen, die ich heimführen will.«

»Also richtig. Man munkelte vorhin so etwas bei Tische. Ich wollte es nicht hören. Erster Grund, eine Frau zu nehmen: daß sie an Alter, an Stand und Erziehung zu uns nicht paßt. Zweiter: daß sie bettelarm ist, verwaist und schwächlich – sie hinke, sagte dein Schwager Müller –, daß sie wahrscheinlich eine Gesellschafterinnenstelle annehmen müßte, wenn sich nicht ein braver Mann fände, gutmütig genug, sein selbst erworbenes Vermögen, seinen schönen Besitz, seinen hochgeachteten Namen und sein edles Herz dem Fräulein Komtesse zu Füßen zu legen, damit ihre adeligen Hackenpantoffeln hübsch darauf herumtrampeln können.«

»Paul, du vergißt ...«

»Jawohl, verzeih mir, ich vergaß den einen und einzigen stichhaltigen Grund, der einen Mann antreiben darf, sich von einem Weibe den klaren Kopf verdrehen zu lassen: nämlich eine heiße, unsinnige Liebe. Davon scheinst du nicht viel zu verspüren. Du, Apostel der kühlen Vernunft, willst heiraten, damit dein Freund, wenn er künftig zum Besuch kommt, – wie nanntest du's doch? – passende Unterhaltung finde über Kunst und Wissenschaften. Hat der Gedanke allein dich erfüllt, als du deine Verlobung gefeiert?«

»Ich habe sie noch nicht gefeiert.«

»Nicht? So ist's noch Zeit? Johannes, ich beschwöre dich! Ich kenne sie nicht. Aber ich kenne sonst die Weiber – besser als du. Von meiner Mutter an, die – bevor die Schuh' verbraucht, womit sie meines Vaters Leiche folgte – Hochzeit machte mit seinem Bruder; von dieser ersten angefangen, die Basen und Muhmen, Modelle später, Freundinnen und Verehrerinnen, ich kenne sie! Und – laß es dir sagen – sie sind eine Männerfreundschaft nicht wert!«

»Das meine ich auch.rlsaquo;

»Und doch!«

»Eben deshalb. Es scheint mir nicht von so großer Wichtigkeit, ob von zwei Freunden sich einer ein Weib nimmt oder gar, ob beide es tun. Wenn zum Beispiel du dich entschließen wolltest – –« »Ich!« – Paul lacht hell auf. Er setzt sich Heilwig ganz nahe gegenüber und nimmt seine Hände und schaut ihm ins Auge: – »Im Ernst, Johannes, da du den Schritt noch nicht getan hast, tu's lieber nicht, ich bitte dich.«

Johannes raucht ruhig. »Du findest mich zu alt?«

»Wahrhaftig, daran dachte ich noch gar nicht. Wie alt bist du denn eigentlich? Als wir uns kennen lernten, warst du, – wart einmal, – du warst ...«

»Sagen wir: so etwa vierzig.«

»Seitdem ist viel Zeit verflossen. Ob's ein Jahrzehnt war oder zwei, dir sieht man's nicht an, Mensch, wie kann man sich so konservieren! Ich glaube, wenn ich dich mir so betrachte, man hielte dich heute kaum noch für vierzig. Du hast ja kein graues Haar an den Schläfen und trägst dich stramm, als wärst du ein Jüngling.«

»Das macht die Landluft.«

»Ich dagegen –«

»Ja, wenn ich noch denke, wie ich dich damals gefunden habe, ein schmächtiges, halbreifes Bürschchen, die brennenden Augen, das wirre, lange Haar und die Schultern...«

»Ich bin seitdem nicht schöner geworden. Und was die wehenden Künstlerlocken anbetrifft,« – Paul streicht sich mit der Hand von der hohen Stirn ein paar grau untermischte Strähne zurück, – »die macht man mir jetzt nicht mehr zum Vorwurf.«

»Tat ich das je? Mich dünkt, um so äußerliche Dinge, wie wehendes Haar oder ein adeliger Name es sind, sollte man keinen Menschen verdammen. Ich, der ich hier, wie du oftmals sagtest, auf dem fetten Weizenboden nur für Vieh und Felder lebe, ich habe von meinen Äckern gelernt, daß man über nichts urteilen darf, was man nicht erforscht hat, bis in die innerste Bodenkrume.«

»Gut, ich will nichts mehr gegen sie sagen, bis ich sie kenne. Liebt sie dich denn?«

»Wie kann ich das wissen?«

»Aber daß sie dich nehmen wird, weißt du?«

»Ich denke, ja.«

»Du bist noch nicht sicher?«

»Ich erzählte dir schon, daß ich es für meine Pflicht gehalten, zu allererst dir und darauf meinen Brüdern und Schwestern von der Sache Mitteilung zu machen.«

»Eh' du mit ihr selber gesprochen? Sie weiß noch von nichts?«

»Gar nichts. Ich verlobe mich morgen. Den Geschwistern schreibe ich vorher.«

»Und wenn du geschrieben hast und sie will nicht?«

Herr Heilwig schüttelte nur den Kopf. Daß jemand nicht wolle, was er wollte, das war ihm in seiner langen Praxis als Gutsherr und Gebieter in Haus und Familie nicht vorgekommen.

»Ich beschwöre dich, Johannes,« wiederholte leidenschaftlich der Künstler, »wenn du noch nicht gebunden bist, so tu es nicht, überlege es wenigstens noch. Du bist allzulang' gewöhnt, nur dein eigener Herr zu sein, einzig nach deinem Ermessen zu handeln. Wie willst du's ertragen, eine zweite, gleichberechtigte Macht neben dir zu sehen, weiblichen Wünschen oder Launen dich fügen zu müssen!«

Johannes erhob sich. »Nun, wir werden ja sehen. Einstweilen schlaf wohl.«

Als Paul Gordon allein geblieben, stieß er das Fenster vollends auf. Es war still draußen. Von den großen Stallungen her, die zur Linken und Rechten des breiten, zweistöckigen Herrenhauses, das Viereck des Hofes einschließend, sich bis an die Umfassungsmauer hinzogen, klang zuweilen ein leises Grunzen oder Knurren der schlafenden Tiere. Die Diana lag im weißen Mondlicht auf den Stufen der Rampe vor der Haustür. Den Kopf auf ihre Pfoten gesenkt, schien sie gleichfalls sanft zu schlummern. Doch als der Wächter gegangen kam, seine allstündliche Runde zu machen, hob der Hund die feine Schnauze und ließ einen kurzen, gedämpften Ton vernehmen, zum Zeichen, daß auch er auf der Hut sei.

Paul lehnte sich in das grüne Blattwerk, – der Weinstock, der am Haus emporwuchs, war durch ein Loch in der Fensterwandung nach innen gezogen und trieb hier im Zimmer seine Ranken und seine nie reifenden harten Trauben lustig weiter; – wie gut kannte er jeden Ton, eine jede Bewegung in Haus und Hof.

Da er zuerst hier eingekehrt, war er, wie Johannes gesagt, fast ein Knabe gewesen. Er war seinen Eltern davongelaufen. Herr Heilwig hatte den jungen Menschen, müde von tagelangem ziellosen Wandern, auf der Landstraße angetroffen, hatte ihn, ohne viel nach woher noch wohin zu fragen, mit sich genommen. Der Gutsbesitzer war dazumal auch noch Gerichtsherr; Landstreicher pflegte er streng zu bestrafen. Doch dieser blasse Vagabund, im verregneten und trotzdem noch sorgfältigen Anzug, mit der verzweifelt düsteren Miene, der sich, er selber wußte nicht wie, in diese Gegend her verirrt, der war denn doch zu jung, hatte auch sonst kein nachweisbares Verbrechen begangen, das ihn für das Dorfgefängnis reif scheinen ließ. So quartierte Heilwig ihn, zu des alten Friedrich Entsetzen, neben seinem eigenen Schlafgemach in dem blauen Zimmer ein, wo er ihn unter den Augen hatte. In diesem selben blauen Zimmer machte Paul ihm nächsten Tages sein Geständnis. Er war wohlhabender Leute Kind. Die Gordons betrieben zu Hamburg, wo der Ahnherr, ein vorsichtiger, sparsamer Schotte, vor hundert Jahren eingewandert, ein hochgeachtetes Handlungsgeschäft, waren alle brave, höchst ehrbare Leute. Die Mutter wollte es nie begreifen, was diesem einzigen aus ihrer wohlgeratenen Kinderschar den fremden Tropfen eingeflößt, daß er den gebahnten Weg nicht gehen mochte. Er selber wußte es nur zu gut. Da er, vierzehnjährig, erlebt, wie seine Mutter, die Witwe des älteren Paul Gordon, kaum zwölf Monde nach dessen Tode Frau Hermann Gordon geworden war, da wandelte sich ihm das Blut; sein »edler Geist« ward ihm zerstört, so wie der Hamlets. Nun konnte er sich nicht mehr fügen. Er haßte alles, was jene liebten. Um nichts in der Welt wollte er dasselbe werden, was sein Stiefvater war. Und da zu einem anderen Beruf die Eltern nicht ihre Zustimmung gaben, da war er ihnen davongegangen.

Herr Heilwig hatte damals die Beichte schweigend gehört. Er wußte zwar nicht viel von Hamlet. Aber er selbst hatte eine Stiefmutter gehabt. Und wenn er mit ihr auch im allerschönsten Frieden gelebt, so begriff er dennoch des Jünglings verbitternden, brennenden Schmerz. Trotzdem entschied er, Paul müsse vorerst zurück zu den Seinen und Abbitte leisten. Er begleitete ihn nach Hamburg, was damals, zu Anfang der fünfziger Jahre, wo es noch nicht eine direkte Eisenbahn gab, für den vielbeschäftigten Gutsbesitzer kein so geringes Opfer an Zeit war. Als er dort von den Eltern erfahren, daß der Flüchtling wahr geredet, daß ihn nicht eine tiefere Schuld davongetrieben hatte, und nun sah, wie die Mutter des Sohnes sich schämte, der Vater ihn geringschätzig behandelte, der Jüngling selbst eine trotzige Miene zur Schau trug und seine schlimmsten Seiten im Verkehr mit jenen zeigte, da legte sich Heilwig kurz entschlossen ins Mittel. Vor allem, erklärte er, tue es not, daß der blasse, allzu schnell aufgeschossene Bursche Kräfte gewinne. Und deshalb gedenke er, Johannes Heilwig, ihn mit sich aus das Land zu nehmen, wo er fleißiges Arbeiten und friedliches Ausruhen lernen könne. Was weiter zu geschehen habe, das werde sich finden.

Die Eltern willigten mit Freuden ein. Dem Jüngling erschien der Vorschlag wie Rettung. Als die beiden allein im Postwagen saßen, hatte er dem älteren Manne, zum Danke für seine befreiende Tat, seine Freundschaft angeboten. Herr Heilwig mußte ein wenig lächeln. Dann aber nahm er die dargereichte Hand in die seine. »Gut, willst du mein Freund sein, so zeig, daß du's bist durch das, was du tust. Daß ich der deine bin, hast du erfahren.«

So war es gekommen, daß Paul Gordon mit anderen jungen Volontären ein Jahr auf dem Heilwigshof verlebte. Nicht als ob er von der Landwirtschaft in dieser Zeit viel mehr erlernt hätte, als auf welchen Bäumen im Garten die besten und saftigsten Kirschen wachsen und wie man sich beim Erntebinden am leichtesten mit einem Kuß loskauft. Freilich auch, wie über dem gelblich reifenden Kornfeld fern, fern im Duft die Lerche aufsteigt, wie die braungefleckten Kühe auf grüner Wiese gegen den blauen Himmel stehen, und wie hoch droben die Wolken ziehen, daß sich das Herz sehnt, ihnen zu folgen. Als das Jahr um war, wußte er, fester noch als vorher, daß er nur Maler werden könne.

Heilwig hatte in dieser Zeit seinen jungen Hausgenossen so lieb gewonnen, daß es ihm schwer fiel, ihn von sich zu lassen. Er hätte ihn gern hier zum Landmann gemacht. Zwischen all den Neffen und Vettern, Untergebenen, Dienstleuten, die von ihm Beistand erwarteten, denen er nur der reiche Onkel, der vielvermögende Gutsherr war, an den sie sich um Hilfe wandten, erschien der eine, welcher nichts begehrte als Freundschaft, ihm selten wie ein weißer Rabe. – Paul dachte daran, wie der ernsthaft praktische Mann auf seine Träumereien verständnisvoll eingegangen war, wie er, der von dem Leben der Welt draußen herzlich wenig, von Kunst und Malen gar nichts wußte, für alles, was den Freund betraf, Sinn und Augen offen hielt. Der junge Maler hatte es ziemlich bunt getrieben. Die Gordons in Hamburg schlugen die Hände kopfschüttelnd zusammen; die Heilwigs und Müllers machten bedenklich lange Gesichter, sprachen düstere Warnungsworte. Johannes lächelte – dies war alles, was er auf die Klagen, die Anschuldigungen, die ihm von verschiedenen Seiten über seinen Schützling zu Ohren kamen, geantwortet hatte. Da er ihn einmal in sein gutes, großes Herz aufgenommen, saß er fest und sicher darinnen, daß ihn nichts wieder austreiben konnte.

So unwandelbar würde er auch an die junge Adelige glauben, wenn sie sein Weib ward, so blindlings würde er ihr vertrauen. Ob sie's wert war? In schwerem Sinnen schritt Paul auf und nieder. Von der Seitentür her, die zu Johannes' Zimmer führte, tönte gleichmäßig taktfestes Atmen. Er horchte darauf. Wer so seelenruhig, so gesund in der Nacht vor seiner Verlobung zu schlafen vermochte, wer über diese annoch fragliche Verlobung und ihre Folgen so sicher und selbstgewiß denken konnte, der war auch darin eben einzig. Und wenn die häßliche Kinderkrankheit, die man das Verliebtsein benennt, andere Männer in ihrer Grundtonart ummodeln mag, und wenn auch Paul Gordon mehr als einmal in solchem Anfall sich selber untreu werden gefühlt, – dem würde es nicht so ergehen. Er würde jede Gefahr besiegen, würde auch danach der Alte bleiben, ob mit Weib, ob ohne Weibeseinfluß, der Freund und ein Mann. – Und Paul schloß behutsam den Fensterflügel.

Als nächsten Tages im Morgengrauen der Hausherr frisch ausgeschlafen, bereit zur Arbeit und hochgestiefelt sein Pferd bestieg, über Feld zu reiten, lag der Gast im tiefen, traumlosen Schlummer.

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