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Johanna Schopenhauer: Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828 - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828
authorJohanna Schopenhauer
firstpub1831
year1987
publisherReimar Hobbing Verlag
addressEssen
isbn3-920460-32-4
titleAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828
created20050310
sendergerd.bouillon
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Rückblick

Mit verdoppelter Eile rauscht die Zeit im Alter an uns vorüber, Tage werden zu Wochen, zu Monaten, zu Jahren, ehe wir uns dessen versehen, während in der Kindheit die zwischen zwei Sonntagen liegenden Wochentage, die wir sehnsuchtsvoll zählen, sich uns zu einer kleinen Ewigkeit ausdehnen, bis endlich der erwünschte Freudentag wieder herankommt, an welchem wir geputzt und schulfrei uns in kindischem Wohlleben festlich ergötzen dürfen.

Aber auch in anderer Hinsicht verdoppelt im Alter sich uns das Leben; auf eine Weise, die gewissermaßen für den Verlust uns entschädigt, den wir durch die größere Eile, mit der die Zeit uns fortreißt, scheinbar erleiden; denn das längst Vergangene wird beim leichtesten Anlaß in Erinnerungen uns wieder wach, deren lebensreiche und mannichfaltige Gebilde die langweilige Oede der Gegenwart uns freundlich verhüllen.

Dieses fühlte ich recht lebhaft, als ich beim Antritt dieser Reise, von Weimar aus, in Erfurt einfuhr und auf dem holprigen Steinpflaster der schönsten und breitesten Straße dieser großen Stadt mich langsam hinschleppen lassen mußte. Was ich um mich her erblickte, eignete sich eben nicht dazu, mir das kleinste Interesse abzugewinnen; einige Bauerwagen, hin und wieder ein Paar Soldaten, Dienstmädchen, Bettler, bedächtigen Schrittes ihren Geschäften nachgehende Bürger, die vereinzelt in der sehr breiten Straße, der Anger genannt, sich dem Auge fast verloren, konnten höchstens nur beweisen, daß die weitläuftige Stadt nicht völlig verödet und unbewohnt dastehe, deren Bauart noch überall Spuren des regungsvollen, reichbewegten Lebens verräth, das in früheren Zeiten sie zu einer der ersten in Deutschland erhob.

Schon war ich im Begriff, über die unbarmherzigen Stöße recht ungeduldig zu werden, die ich in meinem sonst ganz bequemen Wagen auf dem unerlaubt schlechten Pflaster alle Augenblicke erhielt, als mir, ich weiß nicht mehr durch welchen äußern Anlaß, meine Phantasie zu Hülfe kam und mich um zwanzig Jahre zurück, in eine von uns schon mehr als halb vergessene Zeit versetzte, deren man aber, nun die auf ihr ruhende Schmach von uns abgewälzt ist, wohl gedenken mag; Bilder der Vergangenheit zogen an mir vorbei, über die ich jede gegenwärtige Unannehmlichkeit vergaß, und die mich noch viele Stunden weit über Erfurt hinaus begleiteten.

Gerade vor zwanzig Jahren, im Jahre 1808, welch ein buntes unermeßliches lebensreiches Gewühl drängte in diesem nämlichen, jetzt so verödeten Raum sich zusammen, als der damals allmächtige Wille jenes Wunderbaren, der nun auch schon seit Jahren auf der Felseninsel St. Helena vom seltsamsten Lebenstraume ausruht, Kaiser und Könige, und was jene ereignißreiche Zeit an großen bedeutenden Männern nur zählte, wie durch ein Zauberwort sich hier zu versammeln berief!

Welch einen Anblick gewährte damals diese nämliche Straße, wie rasselten die Räder der vier- und sechsspännigen prachtvollen Equipagen zwischen alle den vielen Tausenden hin, die, von unwiderstehlicher Schaulust gefesselt, in steter Gefahr, von den vorübereilenden Wagen zerschmettert zu werden, vom Morgen bis zum Abend hier standen und zu den jetzt so spärlich bewohnten Häusern hinaufschauten, in der Hoffnung, irgend ein gekröntes oder sonst hochberühmtes Haupt, oder wohl gar den damaligen unumschränkten Gebieter der Welt an den Fenstern derselben zu erblicken. Bürger und Bauern, Fremde aus allen Ländern, Hofherren in reichgestickten Galakleidern, deren bis dahin veraltete, jetzt wieder neu aufgefrischte Form der jüngeren Welt fast lächerlich auffiel, während sie die älteren Frauen an die schönen Tage ihrer Jugendzeit erinnerte, polnische Juden, vornehme Staatsmänner und Officiere, mit Orden und Sternen bedeckt, Bürgerfrauen, elegant geputzte Damen, Lastträger, Bauerweiber mit ihren Körben auf dem Rücken wogten hier im wunderlichsten Gemisch durcheinander und wurden von dem zu Fuß und zu Pferde mit klingendem Spiel zum Exerciren ausziehenden französischen Militair ängstlich zusammengepreßt. Der ganze Anger, so lang und breit er auch ist, die Häuser, ja die große Stadt selbst waren viel zu enge, um alle die Tausende von Fremden bequem zu fassen, die in jenen Tagen aus der Nähe und Ferne in dem sonst so stillen Erfurt sich zusammendrängten. Die vornehmsten und angesehensten Einwohner der Stadt waren rücksichtslos aus Küche und Keller, sogar aus ihren eignen Zimmern in die ihrer Bedienten vertrieben, um dem Gefolge des französischen Kaisers Platz zu machen; die Besitzer kleinerer Häuser in abgelegneren Straßen freuten sich hingegen der goldenen Ernte, die ganz unerwartet ihnen zufiel, und hätten sich gern mit den lieben Ihrigen in ein Mausloch zusammengschmiegt, um nur recht viele Zimmer an die zahllosen Fremden zu vermiethen, die täglich von allen Seiten herbeiströmten. Alle Gasthöfe waren längst überfüllt und kein Unterkommen in denselben mehr zu finden.

Napoleon hatte die berühmtesten Schauspieler von Paris nach Erfurt entboten: Talma, die berühmte aber unschöne Duchesnois, die bezaubernde Mars, die schöne George, die reizende Bourgoing zeigten sich wöchentlich mehrere Male zur Unterhaltung der hohen Versammlung in ihren beliebtesten Rollen. Ein kleines, in einem ehemaligen Jesuiterkloster vorgefundenes Theater war in aller Geschwindigkeit mit französischer Behendigkeit und französischer Eleganz zu diesem Zwecke eingerichtet worden. Und so war denn der Anblick aller dieser gekrönten Häupter, dieser weltberühmten Männer, deren Namen man unzählige Male in allen Zeitungen gelesen, von denen in minder bewegten Zeiten jeder einzelne, wo er auch immer sich zeigte, die allgemeinste Aufmerksamkeit erregen mußte, dieser war es nicht allein, was alle diese Fremden nach Erfurt zog.

Billets zu den Seitenlogen wurden bei jeder Vorstellung an fremde und einheimische Damen vertheilt; aber zu dem Besitz eines solchen zu gelangen, war selbst für die in der Nähe wohnenden Damen von Weimar nicht leicht. Es gehörte dazu langes vielfältiges Correspondiren mit unsern im Gefolge des Großherzogs von Weimar in Erfurt anwesenden Freunden, viel Bemühungen von Seiten dieser, viel Protectionen, vom Kammerdiener an bis zu dem Herrn von Champagny hinauf, ehe ich und einige meiner Freundinnen so glücklich waren, die erfoderlichen Billets zu einer Vorstellung des Trauerspiels Oedipe zu erlangen, bei welcher Talma und die seit einem halben Jahrhundert als tragische Königin berühmte Raucourt in den Hauptrollen auftreten sollten.

In mehrere Wagen vertheilt, fuhren wir erwartungsvoll nach Erfurt, lauter Frauen; denn an männliche Begleitung war für uns in jener Zeit nicht zu denken: politisches Interesse, Schaulust, oder auch die mit ihrer Stellung im Dienste des Großherzogs von Weimar verbundene Pflicht hatte alle unsere männlichen Bekannten längst fortgezogen. Glücklich kamen wir an, legten wohlgezählt unsre Billets in dem uns auf einige Stunden abgetretenen Zimmer nieder und versuchten auszugehen; aber das furchtbare Gedränge in den Straßen trieb uns bald wieder zurück; in steter Gefahr, überritten oder überfahren zu werden, sahen wir gar nichts, weil es eben zu viel zu sehen gab.

Welch ein Schrecken ergriff uns, als wir nun unsre Billets zur Hand nahmen, um uns recht frühzeitig in das Theater zu begeben! in hinreichender Anzahl für uns alle hatten wir sie zurückgelassen, und jetzt, wir mochten sie überzählen, so oft wir wollten, immer waren deren zwei zu wenig. Starr vor Entsetzen blickten wir verstummend einander an; daß zwei von uns für ihre Freundinnen sich opfern und im einsamen Zimmer zurückbleiben mußten, war klar wie der Tag. Es war ein furchtbarer, großer Moment, die Zeit drängte, jede von uns fühlte in ihrem Herzen das Erhabene einer solchen unerhört edelmüthigen That; aber jede war auch geneigt, die Ehre der Ausführung derselben der geliebten Freundin zu überlassen. Vergebens wurde jeder Winkel des Zimmers durchsucht, die Billets waren und blieben verschwunden; vermuthlich hatte, mit Hülfe eines Hauptschlüssels, einer der Aufwärter im Hause sich ihrer bemächtigt, um sie unter der Hand zu verkaufen, denn es wurde damals ein bedeutender Handel mit solchen Billets getrieben, und Fremde, die ganz ohne alle Connexionen nach Erfurt kamen, bezahlten sie oft mit mehr als einem Louisdor.

»Hätten wir nur ein Paar Officiere!« seufzte endlich die jüngste unter uns, die während des Congresses schon einmal in Erfurt gewesen war: »ein Officier mit einem Orden ist hier im Theater eben so gut als ein Billet!« Ein hellleuchtender Hoffnungsstrahl drang mit diesen Worten in unsre sorgenerfüllten Gemüther; ein Paar Ritter, wie wir sie bedurften, um uns bedrängte Damen aus dieser Noth zu erlösen, waren unter unsern in Erfurt eben anwesenden Bekannten bald aufzufinden, und so zogen wir denn mit erleichtertem Herzen und fröhlichen Muthes, mit und ohne Billet, am Arm unserer Beschützer dem Theater zu, kamen ziemlich wohlbehalten durch das es umwogende Gedränge, wurden oben an der Treppe von grimmigaussehenden Gardisten empfangen und ohne Weiteres in mehrere Logen des noch fast ganz leeren Hauses vertheilt.

Mir und noch zweien von uns wurde die vordere Reihe einer Loge, ganz nahe an der Bühne, zu Theil, von der wir das Parquet deutlich übersehen konnten. Wir priesen dankbar unser seltenes Glück, indem wir recht bequem uns zurechtsetzten, aber unsre Freude währte nicht lange. Die Seitenlogen füllten sich nach und nach bis zum Uebermaaß, auch die Thüre der unsrigen wurde aufgerissen; »comment,« rief zürnend der über uns die Aufsicht führende Gardist oder Gendarme, ich weiß nicht recht, was er eigentlich war, aber grimmig und militairisch genug sah er aus: »comment, trois femmes sur trois chaises? il-y-a là bien de la place pour six,« und damit schob er noch zwei Damen zwischen uns ein, in denen wir zum Glück zwei Bekannte aus der Umgegend von Weimar fanden.

Alle Logen, und auch die unsrige, füllten sich immer mehr, wir wurden unbarmherzig zusammengepreßt, so daß wir uns kaum noch regen konnten, die Hitze war zum Ohnmächtigwerden, doch dazu hatte jetzt keine von uns Zeit; die hohe Bedeutsamkeit des großen Schauspiels, das allmälig im Parquete sich vor uns entwickelte, nahm Geist und Sinne dermaßen gefangen, daß wir darüber das Unbequeme unserer Stellung völlig vergaßen.

Nahe vor der Bühne waren im Parquet zwei Fauteuils für die beiden Kaiser, und neben diese zu beiden Seiten gewöhnliche Stühle für die Könige und regierenden Fürsten gestellt. Der Raum hinter denselben begann nun sich zu beleben. In Galakleidern, mit Orden und Sternen überdeckt, traten berühmte Staatsmänner und Generale, aus fast allen europäischen Ländern, in das Parquet, lauter Männer, deren damals auf allen Zungen schwebende Namen schon jetzt größtentheils der Geschichte anheimgefallen sind. Die von Gold starrenden Uniformen, der nicht zu verhehlende Uebermuth, welcher sowohl in jeder ihrer Bewegungen, als in ihren lebhaften, größtentheils sehr markierten Gesichtszügen sich deutlich aussprach, zeichnete die Franzosen vor den ernsteren prunklosen Deutschen merklich aus. Berthier, Soult, Caulincourt, Savary, Lannes, Duroc und noch viele Andere von gleicher Bedeutsamkeit standen da in dichten Reihen; der Abglanz der Herrlichkeit ihres Kaisers verklärte auf eine ganz eigenthümliche Weise das Gesicht eines jeden unter ihnen, und mitten unter diesen stand Göthe, mit dem vollen Ausdruck unerborgter stiller Hoheit und Würde in den edlen Zügen, und neben ihm Wieland's ehrwürdige Gestalt. Der Großherzog von Weimar, der, ihre Nähe ungern entbehrend, Beide zu sich nach Erfurt geladen, der geistreiche, von seiner Zeit zu wenig anerkannte Herzog von Gotha, mehrere deutsche Fürsten und königlichen Häusern nahverwandte Prinzen gesellten sich zu jenen Beiden und bildeten einen Kreis um sie her, wie ihn die Welt sobald nicht wiedersehen wird.

Draußen wurde die Trommel gerührt; der Kaiser kommt! ging es flüsternd durch die Reihen in dem übervollen Hause. »Bêtes que vous êtes, que faites vous, ce n'est qu'un roi,« donnerte die zürnende Stimme des commandirenden Officiers, und ein deutscher König trat ins Parquet, noch drei folgten ihm nach und nach, die Könige von Sachsen, von Baiern, von Würtemberg traten still und prunklos herein, der weit später ihnen folgende König von Westfalen überstrahlte sie alle im schimmernden Glanze der reichen Stickerei und der Juwelen. Auch Kaiser Alexander erschien in ernster hoher Majestät; die große Loge dem Theater gegenüber erglänzte im blendendsten Schimmer; in der Mitte derselben thronte die Königin von Westfalen, mit Diamanten übersäet, neben ihr leuchtete wie ein Stern die Großherzogin von Baden, die schöne Stephanie, durch Anmuth und Grazie den blendenden Glanz des reichen Schmuckes bei weitem überstrahlend, den sie trug. Einige zum Besuch gekommene deutsche Fürstinnen saßen jenen Beiden zur Seite, den Hintergrund der Loge füllten die zum Hofstaat gehörenden Damen und Herren. Das geblendete Auge vermochte kaum den von ihr ausgehenden Gold- und Juwelenschimmer zu ertragen.

Auch Talleyrand zeigte sich jetzt in der dem vordern Theil des Parquets dicht zur Seite angebrachten kleinen Parterreloge, die für ihn eingerichtet worden war, weil seine misgestalteten Füße ihm nicht erlaubten, lange zu stehen. Kaiser und Könige standen vor der Brüstung derselben, um sich mit dem ganz bequem Dasitzenden zu unterhalten. Alles war versammelt, nur er allein, der alle diese Großen und Hohen hiehergeladen, fehlte noch und ließ lange auf sich warten.

Endlich wirbelten draußen die Trommeln mit verdoppeltem Getose, Aller Augen wandten dem Eintritt sich zu, in stiller, fast ängstlicher Erwartung. Die wunderbarste, unbegreiflichste Erscheinung jener wunderbaren, unbegreiflichen Zeit zeigte sich endlich, Schmucklos wie immer, fast zu einfach, in seiner gewöhnlichen Kleidung, wie man in jedem Bilderladen ihn abgebildet sieht, begrüßte Napoleon ziemlich obenhin die anwesenden Monarchen, die so lange auf ihn hatten harren müssen, und nahm zur Rechten des russischen Kaisers seinen Armstuhl ein. Seine kurze, etwas unförmlich gewordene Figur contrastirte auffallend mit Kaiser Alexanders hoher, männlichschöner Heldengestalt. Auch dieses Götterbild ist nun dahin.

Die vier Könige vertheilten sich auf ihren nicht sehr bequem scheinenden Stühlen ohne Seitenlehne, und das Schauspiel begann. Doch vergebens bot Talma alle seine Kunst auf, Jokaste-Raucourt, deren Schönheit und Talent schon vor 50 Jahren den Baron Grimm in Paris entzückte, jammerte vergebens über das gröbliche Unheil, das ihre »foibles appas« angestiftet, wir hatten nur Augen und Sinn für das Parquet dicht vor uns. Die Gendarmes an unserer Logenthüre gaben sich indessen alle Mühe, unserer vernachlässigten Erziehung nachzuhelfen und uns während der Zwischenacte zu einem schicklichen Betragen in Gegenwart des Herrn der Welt anzuhalten; »à bas la Lorgnette, l'empereur ne le veut pas!« rief einer von ihnen, über alle hinter uns sitzende Damen sich hinbeugend, uns zu: »tenez vous droite, n'allongez pas le cou, l'empereur n'aime pas cela!« rief ein anderer. Es war viel, aber wir nahmen uns ein Beispiel an den Königen und Fürsten dicht vor uns und ertrugen geduldig die französische Impertinenz, weil wir eben für den Augenblick es nicht abändern konnten.

Gleich bei der Exposition der vielleicht hundertmal von ihm gesehenen Tragödie hatte Napoleon sich indessen in seinem Lehnstuhl recht bequem zurückgelehnt und war fest eingeschlafen. Daß dieses zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht von seinem bloßen Wollen abhing, ist bekannt; Augenzeugen versichern, daß er selbst mitten in einer entscheidenden Schlacht sich vorsätzlich auf eine oder ein Paar Stunden dem Schlaf ergab, um neue Kräfte zu sammeln, und immer zu der von ihm in voraus dazu bestimmten Zeit von selbst wiedererwachte. Heute aber hatte er beim Exerciren seiner Truppen sich viele Stunden lang im freien Felde ermüdet.

Den Furchtbaren, Gewaltigen so aufgelöst im sanftesten Schlummer, so ganz aller seiner, das Glück oder Unheil einer halben Welt bestimmenden Pläne vergessend zu sehen, machte auf uns einen ganz eignen ergreifenden Eindruck. Wir konnten nicht aufhören ihn mit scheuer Verwunderung zu betrachten; denn es liegt nun einmal in der menschlichen Natur, bei ausgezeichneten Menschen gerade durch das Allernatürlichste, wodurch sie Andern sich völlig gleichstellen, sich in Erstaunen versetzen zu lassen, als wäre dergleichen etwas ganz undenkbar Unerwartetes. Die dunkle Uniform des auf der andern Seite neben ihm sitzenden Kaisers von Rußland erhob auffallend Napoleons antik-schönes Profil, indem sie demselben zum Hintergrunde diente. Das tiefe, düsterglühende Auge war von den Augenliedern dicht verschleiert, die schmalen Lippen noch fester als gewöhnlich geschlossen; er lag augenscheinlich so harmlos, so wehrlos da, wie jeder andere Schlafende; und in solcher Umgebung!

Zwanzig Jahre sind seitdem an uns vorübergezogen; welch eine kurze Spanne Zeit, kaum daß sie den dritten Theil eines gewöhnlichen kurzen Menschenlebens umfaßt. Zwanzig Jahre! wie wenig scheinen sie, wenn sie durchlebt sind, und welchen gewaltigen Umschwung hat dennoch dieses Fünftel eines Seculums der Welt gegeben. Wie ist doch Alles so ganz anders in ihr geworden, als man es damals kaum zu träumen wagte. Wir Alle sollten nur recht oft den Blick rückwärts, der uns zunächstliegenden Vergangenheit zuwenden, um der Gegenwart ihr volles Recht angedeihen zu lassen und jeder Unzufriedenheit mit ihr vorzubeugen.

Aber wie furchtbar hat auch in jener Handvoll Jahren die Sichel der Zeit gemäht, und welche große Ernte ist ihr anheimgefallen!

Wo sind die Könige, die Gewaltigen, die Großen alle hin, die hier versammelt waren, wohin er selbst, der sie zusammenrief! Er schläft am meerumbrausten Felsen den langen Schlaf.

Kaiser Alexanders kurzes schönes Leben ist beendet, die Könige von Sachsen, von Baiern, von Würtemberg ruhen in ihren Marmorgräbern, nur der ehemalige König Hieronymus hat sie alle überlebt; doch wer gedenkt noch seiner? mit seinem bunten fantastischen Feenreich ist auch sein Andenken zerstoben wie ein Morgentraum.

Die Großherzogin von Baden, die schöne Stephanie, betrauert schon seit Jahren den in der Blüthe des Lebens ihr entrissenen Gemahl; der Herzog von Gotha, der nur keinen Fürstenhut hätte tragen sollen, um durch Geist, Gemüth und Talent die Welt zu entzücken, auch er ist dahin, sein Stamm erloschen; auch Karl August von Weimar, der Unvergeßliche, lebt nur noch im Angedenken der Seinen und in der Geschichte, die seinen Namen auf die späteste Nachwelt bringen wird. Und wie viel große, bedeutende, für alle Zeiten berühmte Namen von Männern, die damals noch in rüstiger Lebenskraft hier beisammenwaren, könnten diese Todesliste noch vermehren!

Talma, dessen bedeutendes Talent damals sie alle erfreute, auch er ist seitdem von der Bühne des Lebens abgetreten. Wieland's heiterlächelndes Auge ist geschlossen, er schläft neben seinen ihm vorangegangenen Lieben, unter dem grünen Hügel in Osmannstedt, den er sich selbst zur letzten Ruhestätte erkoren, und hat die große Zeit, nach der sein Herz sich sehnte, ohne an ihre Möglichkeit zu glauben, nicht mehr erlebt. Göthe lebt uns noch, in ungebeugter Kraft, und möge ein günstiges Geschick ihn uns noch lange so erhalten!

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