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Georg Queri: Die Schnurren des Rochus Mang - Kapitel 2
Quellenangabe
typefarce
booktitleDie Schnurren des Rochus Mang, Baders, Meßners und Leichenbeschauers zu Fröttmansau
authorGeorg Queri
year1912
publisherR. Piper & Co., Verlag
addressMünchen
titleDie Schnurren des Rochus Mang
pages3-5
created20040629
sendergerd.bouillon
firstpub1909
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Zur Einführung

Rochus Mang ist ein unwichtiges Individuum, das in diesem Büchlein keine Rolle spielen soll. Er ist lediglich ein Typ, der Repräsentant für die Klasse von altbayrischen Bauern, die die natürliche Schwerfälligkeit überwunden haben und die heimliche Pfiffigkeit bereits in Humor umsetzen und laut werden lassen.

Rochus Mang: ein Verkünder bäuerlicher Geselligkeit. Sein Beruf erhebt ihn nicht über die Bauern, mit denen und neben denen er lebt; seine Ämter geben ihm einen winzigen Grad von Bildung mehr und seine Vielseitigkeit erweitert seinen Blick. Er ist der biedere Dorfbader mit bäuerlichen Manieren und durch seine standesgemäße Geschwätzigkeit zum Dolmetsch bäuerlicher Art berufen.

Darum und nicht aus zufälligen Ursachen mußte der Mann dem Buche Pate stehen.

Was gilt's, er existiert in Tausenden von Exemplaren? Ich will ihn in jedem Dorfe zeigen und in Funktion stellen, wenn die Präliminarien abgehandelt sind, die seine Zunge lösen.

Und dann erzählt der Typ Rochus Mang.

Wenn er reale Dinge schildert, bleibt er völlig im Horizont des Gemeinwesens seines Dorfes, selbst wenn er auf das Gebiet der Politik gerät. Wenn's aber zum Fabulieren kommt, dann greift er in den reichen Säckel, den der Volksmund eines ganzen Sprachgebietes mit Schnurren gefüllt hat seit anno dazumal, da die allgemeinere Belletristik in den Rollwagenbüchlein gipfelte.

Schnurren – das Märchen kennt unser Bauer nicht, oder er goutiert es nicht. Es ist ihm zu spät oktroyiert worden, um ihn in Besitz zu nehmen; Legenden über kühne Menschen, Soldaten, Räuber, Mörder, Wilderer, sind ihm sympathischer; gruselige Geschichten von Hexen, Truden und Gespenstern sind ihm sehr interessant – aber die Schnurre zieht er allen anderen Fabelkünsten vor.

Dieser Favoritenrang mußte die Schnurre groß machen. Sie entstand aus lustigen Ereignissen als Ortsscherz, um, einmal geprägt, der lokalen Überlieferung für lange Zeiten erhalten zu bleiben und sich wohl auch ins Land hinaus zu verbreiten. Zu diesen bodenständigen Fazetien aber gesellte sich der neutrale Dorfwitz – den die einmal wachgerufene Lust am fidelen Fabulieren verlangte – mit dem ausgesprochenen Bedürfnis, sich im derben Scherz an Lebensmeinungen, an der Gesellschaftsordnung, an Moralthesen, am Stumpfsinn und an der Dummheit zu reiben.

Oft aber, sehr oft ist die Schnurre stark erotischen Charakters – es liegt nichts Verwunderliches in der Tatsache: die Erzählung schließt sich dem Wesen des Liedes an, die erotische Schnurre dem erotischen Volkslied.

Dem erotischen Volkslied? Ich ersuche den Leser, die brav bürgerlichen Volksliedersammlungen nicht als Gegenbeweise anführen zu wollen. Sie sind geläutert und versittlicht von vornherein und durch die Fülle der moralischen Einwände und verlegerischen Bedenken, die das und jenes lustige Liedlein dem Drucker entrissen, von allem Anfang an einseitig und seicht geraten und geben keine umfassende Charakteristik der Volksdichtung – ich spreche nur von der altbayrischen. Wenn ich eine der vielen landläufigen purifizierten Sammlungen lese, die sich beispielsweise »Tausend Schnaderhüpfeln« betitelt, so weiß ich auf der Stelle eine Sammlung von tausend anderen zu geben, die einen sehr erotischen Einschlag zeigen. Weder die eine noch die andere vermag – gesondert – ein Volk genügend zu beleuchten; beide zusammen geben Licht und Schatten gleichmäßig, wenn gesunde Erotik wirklich den Charakter zu beschatten vermag – die Zeit der Männerbünde hat diese Begriffe etwas verwirrt.

Einen Schritt weiter in diesen Betrachtungen eines Folkloristen: der altbayrische Roman mit seinen Süßigkeiten hat längst den Groll der Gesunden heraufbeschworen. Er sündigt gegen die Naivitäten des Volkslebens und schwelgt in Trivialitäten; er vertuscht, verhimmelt, schwächt, angelisiert und entmannt – aber die Menge verschlingt ihn. Die Romanschreiber sprechen zu Millionen die Lüge hat keine kurzen Beine und hinkt nicht; vor ihrem graziösen Pas bleibt die Wahrheit in ihrem uralten Schneckentempo liegen.

Ein schöner Wahn, für Wahrheit kämpfen. Die Rentabilität liegt auf einem anderen Operationsfelde. Gleichwohl muß man Versuche machen: schürfen, schürfen im Volksleben und die echten Dokumente dieses Lebens zu Tage fördern, das Volkslied, die Volkserzählung. Der feine private Genuß, der in dieser Arbeit liegt, wiegt viel von dem auf, was ein ohnmächtiger Zorn an Verdruß brachte.

Hier also eine Sammlung von gut altbayrischen Dokumenten des Bauernhumors. Gott, vieles mag nicht mehr neu klingen – diese lustigen Dinger hat man sich mit Wohlgefallen weitererzählt. Gleichwohl gebe ich sie wieder, um sie nur einmal im Druck festzuhalten.

Vielleicht wär's notwendig gewesen, dem bäuerlichen Musengaul die Scheuleder vorzubinden, um den nun einmal bestehenden Gesellschaftsbegriffen über Sittlichkeit und Ästhetik zu genügen – aber ich habe mich nun so schön in die gute alte Zeit der Rollwagenbüchlein hineingelebt, daß ich die neue Ordnung der primitiven Begriffe nicht mehr verstehe. Ohne Scheuleder also.

Ein wenig Freimut kann verzeihlich sein. Es fällt mir auch eben ein, daß der Norddeutsche uns Altbayern gegenüber recht duldsam ist und mit Achtung und Hutab den gröberen Ton einer anderen Rasse respektiert; wär's nicht hübsch, wenn die altbayrischen Vormünder des guten Tones den Kern der eigenen Rasse mit mehr Achtung behandeln wollten? Es ist mir nun zweimal passiert, daß ein prononciert katholisches Münchener Blatt den Bauern eines Flachlanddorfes und den Bauern eines Bergdorfes empfahl, mich mit Schimpf und Schande hinauszujagen, als ich dort mein Wanderzelt aufgeschlagen hatte. Merkwürdig: die Bauern schüttelten die Köpfe und duldeten den Gast, der von ihrer Rasse war.

Starnberg, im Sommer 1911.

Georg Queri.

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