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Paul Arène: Carmentrans Ende - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorPaul Arene
booktitleFranzösische Liebesgeschichten Von Nodier bis Maupassant
titleCarmentrans Ende
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
editorHans Marquardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9df37f6e
created20061212
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Paul Arène

Carmentrans Ende

Zu den Zeiten, von denen wir erzählen, war die Eisenbahnstrecke zwischen Marseille und Gap, die als feingestricheltes Band auf den Land- und Straßenkarten hinläuft, allerdings erst geplant. Damals sah das Tal der Durance noch nicht viermal täglich und jeweils für die Dauer einiger Sekunden die beiden aufwärts klimmenden und die beiden niederwärts rollenden Züge, die über seine Fluren und seine Felsen, die stets danach wieder in tieferer schweigender Einsamkeit liegen, ihr Fauchen und Pfeifen hinwirbeln und den Schatten einer Rauchwolke hingleiten lassen. Aber dagegen hallte, vom frühen Morgen an, die jetzt verödete Landstraße von Wagenzügen der Fuhrleute wider: Da gab es nichts als ein immerwährendes Fluchen und Peitschenknallen, da zog es einher in langen Reihen, Gespann hinter Gespann, von Maultieren, die ihr fransenbehängtes, aus hellem Garn geknüpftes Fliegennetz über den Rücken und ihr provenzalisches Kummet um den Hals trugen, das gehörnt und spitz, mit blaugefärbtem Hundefell überzogen, mit zahllosen heiter bimmelnden Schellen und zwei Glasringen behangen war, durch die der Lenkriemen lief; da rollte und rollte es dahin von zweirädigen Karriolen, den hochbeladenen Lastwagen, die wie drei Deck hohe Schiffe stampften und schlingerten, mit der kleineren Karrete hinterdrein, die in der Kiellinie des Staubmeers nachfolgte; und alle Abende, in den von Wegstrecke zu Wegstrecke längs der Straße stehenden »Ausspannen«: »La Begudo«, »La Mounino«, in den »Drei Königen«, brachten nie enden wollende Mahlzeiten an vollbesetzten Tischen die Wirtsmägde in Trab und die Kamine und Herde in flammende Hitze...

Man war gerade mit dem Nachtmahl zu Ende im »Heim der dicken Wirtin«, der Schenke, in der die Fuhrleute absteigen, in dem halbprovenzalischen, aber schon bergigen Landstädtchen Saint-Domnin. Es war ein Mahl müder Leute, das man, die Ellbogen auf dem Tisch, fortsetzt, indem man das altherkömmliche Biskuit aus Veynes in das letzte Glas Wein eintaucht. Etliche der Gäste waren mit der Nase auf ihren verschränkten Armen eingenickt, andere machten den Vorschlag, noch irgendwo andershin zu gehn, um »das Gloria« anzuheben. In diesem Augenblick trat ein Mann von kräftigem und doch sanftem Aussehen in die Wirtsstube; er trug Steinmetzwerkzeug über der Schulter.

»Guten Abend allerseits und der ganzen Gesellschaft!«

»Sieh an, Lenthéric! Wie geht's, Lenthéric? Du trinkst doch wohl mit uns ein Glas Wein!«

»Gerne, aber – die Frau wartet auf mich. Ich kam nur mal auf dem Heimweg vom Steinbruch vorbei, um zu erfahren, ob der Vetter nicht da ist.«

»Perdigal? Den haben wir in Manosque mit einer Ladung Steingut aus Apt gelassen...«

»... Und sein Carmentran?«

»Natürlich – wir sind ja im Karneval. Ein prächtiger Carmentran, acht Fuß – oder wenn du willst: zweieinhalb Meter hoch, goldig wie die Sonne und mit einem halben Zentner Stroh im Bauch. Perdigal schleppt ihn seit acht Tagen vorn auf seiner Karrete überall mit herum und gedenkt, ihn hier zu verbrennen.«

»Also – Perdigal könnte heut' nacht oder morgen hier sein?« »Eher übermorgen, gerade richtig zum Aschermittwoch. Und jetzt ist dein Glas eingeschenkt: Auf die Freundschaft!«

Der Steinmetz war gegangen. – »Der große – heilige Joseph der!« rief ein kleiner rothaariger Schlaukopf ihm nach. Aber der alte Fuhrmann, der eingeschenkt hatte, unterbrach ihn:

»Du meinst, Pierre-Antoine ...?«

»Ich meine, daß es denen droben aus Gap übel bekommt. wenn sie sich Provenzalinnen nehmen, und daß der Lenth éric, wenn er wissen will, wann der Vetter sich einstellt, nur seine Frau zu fragen braucht.«

»Du hast eine lose Zunge, Pierre-Antoine!«

»Und keinen kurzen Blick, Meister Arnaud! Der hat mich, auf meiner Fahrt, von weitem deutlich zwei Karreten erkennen lassen, die am Straßenrand standen, und der hat mich auch sehen lassen, wie einer, der dem Perdigal ähnlich sah, mit einer Frau in ein Feldhäuschen hineinging, das Ihr kennt, das erste links hinter der Jabron-Brücke, zwischen der Landstraße und dem Fluß.«

»Ins Feldhäuschen vom Lenthéric?«

»Ich weiß nicht, ob das Feldhäuschen dem Lenthéric seins ist, aber die Frau war seine, das ist sicher.«

»Dann«, sagte der alte Fuhrmann, während er vom Tisch aufstand, »dann mögen Perdigal und die Schöne sich verstecken! Der Lenthéric geht – das bringt sein Beruf mit sich – gern mit dem Pulver um: Man kennt ihn als so guten Jäger wie Steinbrecher....«

Der kleine Rothaarige flunkerte durchaus nicht; bald bewiesen die Ereignisse, daß der Lenthéric nicht recht daran getan hatte, sich ein Weib in der Provence zu suchen.

Zu dieser Heirat war es auf folgende Weise gekommen:

Zwei Jahre zuvor hatten die Herren Gebrüder Damase aus Jouques (im Departement Rhone-Mündung), die Besitzer einer noch nach altem Muster eingerichteten Papiermühle waren, zwei riesige neue Steinbottiche nötig, da beim Bereiten der Masse ihnen die alten Wannen unter dem ständigen Gestampfe der schweren Stößel mit zerbröckelt waren. Weil das Gestein in der Gegend zu weich war, beauftragten sie Perdigal, der die Fuhren ins Gebirge machte, ihnen zwei Blöcke in gewünschter Größe aus dem festen Stein von Saint-Domnin zu verschaffen, einem schönen dichtkörnigen Kalkstein, der hart wie Stahl ist und unter dem Meißel den Glanz grünen Marmors annimmt. Perdigal und Lenthéric kannten einander; Lenthéric hatte einen Steinbruch in Champ-Brencous, oberhalb Saint-Domnin, und in seinem Bruch einen mächtigen Gesteinsgang, aus dem man, wenn man wollte, Blöcke herausholen konnte, die größer als Häuser waren. Die Sache ging also wunderbar vonstatten:

»In drei Wochen komme ich wieder vorbei«, sagte Perdigal.

»Kannst du!« erwiderte Lenthéric.

Drei Wochen später, auf den Tag genau, standen die Blöcke bereit. Ein eines Römers würdiges Werk! Man hatte, um sie herauszulösen, von der Frühe bis in die Nacht hinein sich abmühn, Keilhaue und Pulver sich betätigen lassen müssen, wobei man die natürlichen, mit Humus vollgestopften Gesteinsrisse ausnützte, in die Buchs- und Lavendelwurzeln ihre langen Saugfäserchen hineingetrieben hatten, Risse, die Lenthéric ausgeforscht hatte und aus denen er als Meister im Steinbrechen Vorteil zu ziehen wußte.

Ganz Saint-Domnin wollte diese Blöcke bewundern.

Die Biederleute rechneten bei sich das Gewicht dieser Brocken aus und erstaunten darüber, wie ein einzelner Mensch mit zwei solchen Riesenstücken zu Rande kommen konnte; der Herr Gymnasialdirektor versicherte, wenn man sie so, auf der Höhe des Bergplateaus, gegen den Horizont sich abheben sehe, könnte man sie fast für Druidensteine halten.

Was die Frage betraf, ob es besser sei, sie am Werkplatz auszuhauen oder sie einfach grob zu bearbeiten und dann die Feinarbeit in Jouques zu vollenden, das zu entscheiden überließen die Herren Gebrüder Damase dem Meister Lenthéric. Lenthéric entschloß sich zu letzterem, weil es wohl das Vorsichtigere sei: Ein roher Block braucht nichts zu befürchten, während einem fein zugehauenen Stein – zumal wo Fuhrmänner und Handlanger so wenig behutsam damit umgehn – stets Unfall und Gefahr drohen. Vielleicht auch sah Lenthéric mit Vergnügen eine Gelegenheit mit voraus, eine Rundfahrt durch die Provence dabei zu machen. Den Gebirglern in der Provence erscheint die wahre Provence – die Tiefebene der immergrünen Eiche und des Olivenbaums, der Tamburine und der schönen Mädchen – als eine Art Gelobtes Land. Schon die ganz kleinen Kinder träumen von ihr, und wer ein, zwei Jahre in ihr verbracht hat, bringt von drunten die feine Redeweise und die wohlklingende Sprache mit, die er sein Leben lang beibehält.

Lenthéric kannte von der Welt nur seinen Steinbruch, das schmale winddurchregte Plateau, und das in seinen schwarzen Mauern so düstere Saint-Domnin im Rund der hellen Felswände, das der stürmische Lauf der Durance mit ewigem Tosen erfüllt. Daher erquickte und berauschte ihn jetzt all das Neue: diese dreitägige Fahrt mit Perdigal, die Landstraßen lang, hinter dem niedrigen Rollwagen her, der unter dem Gewicht der angeketteten Blöcke ächzte, durch das noch nie gesehene Land; der klarere Himmel, die durchsichtigere Luft, seit man die Schluchten hinter sich gelassen hatte; nicht zu vergessen: das Nachtmahlen, die Lieder, die lustige Gesellschaft der Fuhrleute – all das fiel wie mächtiger Sonnenschein in sein alltagsgraues Leben.

Am dritten Tage, als der Abend einbrach, faßte Perdigal seinen Peitschenstiel aus geflochtenen Weidenruten bei der Mitte und zeigte mit dem Ende nach einem Dorf auf halber Höhe und einem langen, niedrigen Haus dahinter, das hundert Fenster in seiner Wand hatte und das sich im Grün versteckte:

»Jouques«, sagte er. »Da unten, das ist die Fabrik.«

Und während er die Peitschenschnur um sich ringelte, ließ er sein Gespann in eine Pappelallee hineintraben. »Guten Tag, Perdigal!« rief eine frische Frauenstimme.

»He! Guten Tag, Base!«

»Was für Prachtsteine, bou diou! Zwei hübsche Diamanten aus Gap droben!«

»Sag nichts Schlechtes drüber, hier ist der Goldschmied!«

Als das junge Mädchen Lenthéric dahinter auftauchen sah, lief es davon.

»Wir sind Vetter und Base miteinander. Ihr Vater, der Arbeiter hier war, ist beim Aufziehn der Schleuse – es ist schon lange her, sie war noch ganz klein – ertrunken. Die Herren haben sie behalten. Jetzt falzt sie Papier in der Fabrik.«

»Sie ist lustig wie ein Stieglitz, deine Base«, meinte Lenthéric.

»Vivette heißt sie«, sagte Perdigal darauf.

Die Arbeit konnte einen guten Monat dauern.

Man lud die Blöcke vor der Papiermühle am Rand einer Wiese ab, die der Wasserschwall des großen Mühlrades besprengte; und schon am nächsten Morgen machte sich Lenthéric an sie. Die Stelle ist freundlich, eine Sykomore spendet da ihren Schatten, und Vivette, die immer unterwegs war, fand jeden Tag zwanzigmal Mittel und Wege, dort stehenzubleiben und den Steinsplittern zuzusehen, die unter dem Meißel Lenthérics davonflogen.

»Geben Sie acht auf Ihre Augen, Misè Vivette; denn es wäre schade, wenn ihnen weh getan würde!«

»Ach, wirklich? Wär-r-e es sehr-r schade?« scherzte Vivette zurück und machte dabei die Sprache der Gebirgler nach. Der Tonfall des Burschen aus Gap droben brachte sie zum Lachen, aber seine Huldigungen gingen ihr ans Herz.

Doch in dem Maß, in dem die Arbeit an den Bottichen voranschritt, verfiel Lenthéric in Sinnen darüber, daß er nun bald wieder von hier fortmüßte. Er ging manchmal mitten am Tag vom Werk und streckte sich abseits auf der Wiese ins frische Gras hin; und da lag er, während über ihm in den Bäumen die Vögel sangen, ohne vor dem dumpfen Geklopf der Pochstößel, dem Gedröhn der Maschine und dem Strudel der donnernden Mühlwehrwässer zu erschrecken, sah drüben Vivette an einem der Fenster des Trockensaals erscheinen und rückgewandten Gesichtes lächeln, stellte sich seinen Steinbruch in Champ-Brencous, seine immer einsame Arbeit vor und sagte sich, wie unglücklich er doch sein werde, wenn nun ein solches Leben für ihn wieder beginne. Dann kam ihm ein Gedanke: Warum nicht Vivette mitnehmen? Vivette würde mit ihrer Gegenwart alles heller machen. Vivette war zwar noch keine zwanzig; aber er war doch auch kaum erst vierzig. Vivette war arm und ein Waisenkind; aber dafür hatte er Hab und Gut für zwei: ein Haus, einen Wingert, ein Feld, ganz zu schweigen von seinem Beruf. Geradezu, wie ein Gebirgler, und übrigens auch von der Zeit dazu gedrängt, kam er eines Tages mit seiner Absicht vor den Herren Damase heraus, die seinen Plan guthießen; Vivette sagte auch durchaus nicht nein, und die Hochzeit wurde in der Fabrik gefeiert, noch am Tage der Aufstellung der beiden großen Bottiche, und Perdigal machte dabei den Brautführer.

Vivette fühlte sich, wie man sagt, gleich zu Hause in Saint-Domnin. Sie hatte ihr Heim, war kein Arbeitermädchen mehr, sondern Handwerkerfrau, und Lenthéric war so gut, so liebevoll mit ihr, daß man, wohl oder übel, ganz zufrieden mit dem Glück, das man hatte, sein mußte. Dann fand sie auch rechten Anklang mit ihrer feinen Sprache und ihren hübschen provenzalischen Umgangsformen. Alle Welt war wie vernarrt in sie: Drei Wochen lang rissen die Besuche, Gastmahle, Kaffeekränzchen und großen Landpartien unter Freunden und Nachbarn nicht ab, von denen man erst bei sinkender Nacht mit Gesang heimkehrte.

Sogar das traurige Champ-Brencous gefiel Vivette. Alle Vormittage gegen elf Uhr trug sie aus der Stadt Lenthéric das Frühstück in einem Korb hinauf. Sie stieg den Weg von Saint-Jean, zwischen dem neuen Friedhof und der Veste, empor und ging dann das felsige Plateau entlang; auf dem seines Gipfeldiadems beraubten Kamm, aus dem Stein für Stein ganz Saint-Domnin entstanden ist, an aufgetürmten Blöcken, an gähnenden Löchern vorbei, an Steinrutschhalden und, dann und wann, einem Plätzchen ebenen Rasens entlang, der je nach der Jahreszeit mit blau blühenden Disteln oder kleinen, in Wind und Berghöhe verliebten Nelken besternt war. Ganz am Ende, mitten im bewaldeten Gestein, lag der Steinbruch und neben ihm ein halber Arpent Rebacker, der dem Wald abgerungen war, ein Gärtchen aus hinaufgetragener Erde und ein Häuschen nebst Keller und Zisterne, das Lenthéric in seinen Mußestunden erbaut hatte. Über dem Keller stand zu lesen »Für mich!« und über der Wasserzisterne »Für die Freunde!« – ein Scherz, der jeden zum Lachen brachte und niemanden betrog; denn Lenthéric war weder ein stillvergnügter Zecher noch überhaupt dazu fähig, wem es auch sei, ein Glas Wein vorzuenthalten. Sobald Vivette angelangt war, frühstückte man in traulichem Beieinander auf einem Stück Felsbruch; und das war dann immer so bezaubernd schön in dem würzigen Duft der Ginsterbüsche und Buchssträuche, in den sich mitunter der scharfe Geruch einer Pulversprengung mischte.

Ach! Nach einem Jahre verflog dieser Zauber des Neuen. Saint-Domnin, Champ-Brencous kamen Vivette trostlos vor; und nun geschah es ihr oft, wenn sie zum Steinbruch hinaufstieg oder wenn sie von ihm zurückkam, daß sie stehenbleiben mußte, um hinüberzuschauen, ob sie am fernsten Ausgang des Tales mit ihren Augen, die dem Lauf der da und dort aufglänzenden Durance folgten, zwischen dem Uferkies und den Rosenkränzen der kleinen Seen das freundliche Land Jouques, das Dorf, die Papierfabrik erblicken könnte. Aber drunten, am fernsten Ausgang, versperrte ein Bergzug das Tal. Eine wahre Gefängnistür, dieser Bergriegel!

Er, der gute Lenthéric, wurde nichts gewahr. Er ging ganz in seinem Doppelberuf eines Quaderbrechers und Steinmetzen auf, war stets lustig und guter Dinge und gönnte sich gern einen freien Nachmittag, wenn die Arbeit nicht zu sehr drängte, um in den steinigen Hängen einen vom Thymian feist gewordenen Hasen oder ein saftiges Rebhuhn zu erlegen.

Aber ob die Arbeit drängte oder nicht, ob die Jagd eröffnet war oder nicht: Hasen und Rebhühner hatten stets auf der Hut zu sein, sooft der Vetter Perdigal vorüberkam.

Der Vetter kam einmal im Monat vorbei, manchmal zweimal, bald an einem Tag und bald am andern, je nach den Aufträgen, die er hatte.

Von allen Fuhrleuten in der Provence und im Dauphiné war dieser blonde Bursche wohl der lustigste, der die blaue Bluse und die rote Leibbinde trug. Man hatte ihn gern, der kernig wie Brot, gediegen wie Gold und dabei sehr gewitzt war. Er, der letzte im Stroh, wenn es galt, seine Tiere zu pflegen, und der erste frühmorgens in den dunklen Stallgewölben, um da dem gähnenden Roßknecht auf die Finger zu sehen, der, die Augen voll Schlaf, mit dem Schritt des Nachtwandlers dahintappt und – holla! – doch sehr hellseherisch ist, wenn es sich darum handelt, die Hälfte eines Bündels Heu oder die ganze Metze voll Hafer zu stibitzen – er, Perdigal, stand durchaus seinen Mann im Beruf, durchzog von oben bis unten die vier Departements, brachte seine Ladungen Früchte, Lämmer- und Zickelfelle, Mandelpistazien aus dem Gebirge ins Unterland und rollte wieder hinauf mit den Kolonialwaren aus Marseille, den starken Weinen des Var, den langen Knoblauch- und Zwiebelzöpfen, den Melonen aus Cavaillon, den Orangen, den Artischocken; den Kardis, den Auberginen und den Tomaten, die schon rot wie Korallen sind, wenn die in Saint-Dommin erst kaum grünen. Dazu war er ein munterer Gesellschafter, prächtiger Tänzer, tüchtiger Ringer; beim Kartenspiel und beim Kugelschieben kam ihm niemand gleich; und wie kein zweiter groß im Erzählen gesalzener Geschichten und im Singen gepfefferter Lieder: »ein Tausendsasa«, wie er genannt wurde.

Dieser Teufelsbursche von einem Perdigal hatte jeden Tag neue Einfalle. Solange der Sommer dauerte, ergötzte er das ganze Land mit riesigen Hüten aus geflochtenem Halfagras, die hoch wie Minaretts und breit wie Plattformen waren und die ihm einer seiner Freunde, ein Schiffskoch, aus Algerien mitbrachte. Im Winter zog er mit einem »Carmentran«, einer gewaltigen Puppe, die er vom ersten Karnevalstag an neben sich auf seiner Karriole baumeln hatte, drei Wochen so kreuz und quer durch Dörfer und Märkte bis zum Aschermittwoch, an dem der Strohmann zu guter Letzt abgeurteilt und in aller Form verbrannt wurde – da, wo einen gerade auf gut Glück der Wegweiser hingeführt hatte.

»Wenn er ihn doch heuer bei uns im Ort anzünden möchte!« sagten die Leute in den Dörfern längs seiner Fahrstraße.

Und das war der Grund, weshalb die öffentliche Meinung dem Namen Perdigals den glorreichen Spitznamen »Carmentran« angehängt hatte.

Wenn er so von seinen Fuhrmannsfahrten aus Marseille in die Berge heimkehrte, immer gut aufgelegt und immer bereit, den verblüfften Gapern von seinen Vergnügen und seinen Liebesabenteuern da unten zu erzählen, schien es, als bringe Perdigal, oder – wenn ihr wollt – Carmentran, vom Ende der weißen Landstraße über die kahlen Höhen in dieses graue Nest Saint-Domnin etwas von dem blendenden Glänze des provenzalischen Babylon mit. Das Getöse und Gewoge der Belsunce-Promenade und des alten Hafens, die Straßen mit ihren Gaslaternenreihen, die erleuchteten Kaffeehäuser, die Theater, die Seemannskneipen, die geheimnisvollen Gäßchen, von alldem zog ein Schimmer und ein Hauch mit ihm ein. Daher wurde er, der schlichte Fuhrmann, heimlich doch von den Herren Supernumeraren und Diätaren beneidet, die zu zwei und zwei mit sehr eiligem Aussehen über den großen Stadtplatz streben und auf diesen gewaltsamen Hinundhermärschen ihre Herzensregungen loszuwerden hoffen; die Herbergsmädchen schenkten ihm ein Lächeln, das übers ganze Gesicht ging; und ihm träumten sogar noch die kleinen Handwerkerfrauen nach, wenn sie auf ihrer Türschwelle mit den Fingerenden in den Silberketten ihrer Scheren spielten. Aber Carmentran machte deswegen nicht mehr von sich her und trug heiter, als echter Bruder Lustig, der er war, sein Päckchen eines Teufelskerls, den man aus ihm gemacht hatte.

Vor der Frau seines Freundes, zum Beispiel, wurde der Don Juan schüchtern. Ja, man muß schon sagen, daß man nach den zwei Jahren kaum mehr das junge Mädchen wiedererkannt hätte, für das die schmiegsame provenzalische Zunge den Kosenamen Vivette – gleichsam als ihr lebendiges Ebenbild – gefunden hatte. Vivette? Nein, aber dafür Geneviève, die schöne Genèvieve, wie die Leute sie zu nennen anfingen.

Eine blühende Schönheit, über der ein feiner Schleier von Trauer lag, erheiterte sich die schöne Geneviève doch jedesmal, wenn Perdigal wiederkam. Das war dann ein Sonnenblick, wie wenn die Wolken sich lichteten, um das Dorf auf seinem Hügel, die Fabrik und die sonnigen Jugendjahre sichtbar werden zu lassen.

Eines Abends, als Perdigal und Geneviève vom Steinbruch zurückkamen, Seite an Seite, ohne miteinander zu reden, während doch ihre innersten Gedanken, wie sie, Seite an Seite die gleiche Richtung gingen, seufzte Geneviève:

»Ach, wenn ich gewußt hätte...!«

»Wenn wir's gewußt hätten!« sagte Perdigal darauf.

Dann verstummten sie, da sie im Geröll die eisenbeschlagenen Schuhe Lenthérics klingen hörten.

Von da an wurden, ohne daß sich mehr noch ereignet hätte, die Fahrten häufiger, die Perdigal machte. Für ihn wie für Geneviève gab es fortan keine ändern Glückszeiten mehr als die seltenen Tage, die sie miteinander verbrachten. Marseille lockte vergebens mit seinen Freuden; vergebens äugelten, um ihn zurückzuhalten, die Stubenmädchen ihn an und verschwendeten an ihn ihr schönstes Lachen und bogen sich vor ihm in gespieltem Schreck zurück mit einer Bewegung, die den Hals mit seinen Grübchen freigibt und das Mieder sich wölben läßt: »Ich hab's eilig, Mesdemoiselles, man wartet auf mich in Saint-Domnin !«

Aber wie lang erschien ihm jetzt die Straße, über die er früher so lustig dahingerollt war!

Einmal blieb Perdigal zwei Monate aus: Ein Onkel war zu beerben, dann mußte unbedingt eine Fahrt ins untere Languedoc gemacht werden, um Weine zu holen. Da wurde Geneviève so trübsinnig, daß sogar Lenthéric es merkte:

»Hör, Vivette, du hast Sehnsucht nach deiner Heimat! Und anderseits, sieh mal, haben mir schon vor einer Weile die Herren Damase den Vorschlag gemacht, zu ihnen hinunterzukommen, wegen einer Arbeit. Wenn du willst, setzen wir uns morgen in den Wagen und bleiben vier, fünf Tage unten in Jouques.«

Nach den fünf Tagen wollte man Vivette noch nicht fortlassen.

»Mag sie bleiben!« sagte Lenthéric. »Ich werde meinen Spaß daran haben, ein, zwei Wochen mir mein Essen selber zu machen, wie früher, als ich noch Junggeselle war.«

Und er fuhr lustig ab. Der arme Lenthéric!

Noch am Abend, bei sinkender Sonne, ging Vivette in die Pappelallee und setzte sich an die Stelle, wo der Weg einbiegt; und da war ihr, während sie sich des Zusammentreffens vor zwei Jahren wieder erinnerte, als Perdigal und Lenthéric die Steine gebracht hatten, sie lebe wieder ihr Leben und lebe es wieder mit Perdigal.

»Alles ist wie damals!« sagte sie.

Und wirklich ganz wie damals ertönte ein Schellengebimmel unter den Bäumen, und ein Karren tauchte aus der Nacht auf, die hereinbrach, und ließ sein großes helles Plachenzelt hin und her schaukeln.

»Perdigal!«

»Vivette!«

Währenddessen werkte der wackere Lenthéric, indes er mit seinen Gedanken bei Vivette war, droben über der Landstraße von Saint-Domnin.

Das ist – so wie sie die Leute erzählen – die Geschichte der Verirrung von Vivette mit Perdigal.

Das ging schon seine sechs Monate, als an jenem Tage der gute Lenthéric die Wirtsstube im »Heim der dicken Wirtin« betrat, um die Fuhrleute zu fragen, wann der Vetter einträfe. »Wenn der Vetter heut' nacht anrollt«, sagte Lenthéric zu seiner Frau, »dann kommt er und weckt uns morgen in aller Frühe, und ich hab' dann noch Zeit, vorm Frühstück hinauszugehn und ihm seinen Hasen mit heimzubringen.«

Aber da am Morgen Perdigal nicht gekommen war, um ihn zu wecken, stieg Lenthéric wie sonst zu seinem Steinbruch hinauf.

Um elf brachte Vivette, wie immer, Lenthéric die Suppe; nur wollte sie nicht frühstücken:

»Ich esse daheim dann; ich habe ein Schaff voll Wäsche unten, die ich zum Spülen ins Wasser getan habe, und die Lauge darf nicht kalt werden...« Lenthéric frühstückte für sich, dann machte er sich ruhig wieder ans Behauen einer feinen Steinplatte, die unter dem Steinmetzschlegel wie eine Glocke erklang und mit ihren klar hallenden Tönen den Steinbruch und das Häuschen erfüllte. Diese Steinplatte sollte die Gruft eines reichen Bürgers aus Saint-Domnin wieder schließen. Lenthéric war also dabei, ein schönes »HIER RUHT« in gotischen Lettern einzumeißeln; und er trieb gerade, ganz in sein Werk vertieft, den feinen Stechmeißel mit behutsamen Schlägen in den zweiten Ast des »T« hinein, als fröhliches Geschrei aufschallte.

Eine Bande halbwüchsiger Bengel, mit ordentlich zerzaustem Haar und ganz atemlos vom Laufen, war beim Anblick des Steinmetzen stehengeblieben. Sie hatten Bücher und Schulmappen.

»Einen recht guten Tag, Moussiu Lenthéric! Wenn es Ihnen weiter nichts ausmacht, möchten wir gern quer durch Ihren Wingert laufen.«

»Durch meinen Wingert, und warum?«

»Wir kamen aus der Schule, und da haben wir ausgemacht, wir wollten rennen und Ihren Vetter am Großen Tor abpassen!«

»Perdigal! Der kommt also?«

»Heut' um sechs, mit einer Ladung Steingut aus Apt. Der Gemeindebote hat's schon öffentlich ausgerufen... Gar möglich, daß er auf der Karrete seinen Carmentran mit hat, der verbrannt werden soll... Weil's nun hier durch der kürzeste Weg ist...«

Der angeblich »kürzeste Weg« war gut eine halbe Stunde lang; aber sei es, daß es die Scheu davor war, die Stadt unter dem Blick der strengen Elternaugen zu durchtraben; sei es, daß sie ihr Schulbubensinn für wilde Stätten und noch ungebahnte Fährten dazu trieb – sie hatten sich für diesen Weg entschlossen.

»Also, meinetwegen, rennt durch, ihr Nichtsnutze!«

Und indes die Bande über den Hang weg brüllend auf das Große Tor zu entstob, meinte Lenthéric bei sich, nachdem er seinen spähenden Blick über die menschenleere Landstraße zwischen ihren zwiefachen Reihen Kieselhaufen und Kilometersteinen bis zum Horizont hin geschickt hatte:

»Der Vetter, soweit ich sehe, wird nicht vor guten fünf Viertelstunden hiersein; ich hab' also hübsch Zeit, meinen Hasen vorher noch umzulegen.«

Als Lenthéric seinen Hasen erlegt hatte, rechnete er sich aus, daß Perdigal nicht mehr weit sein könnte, ließ sich am Straßenrand nieder und beschloß, ihn bei einer Pfeife zu erwarten.

Er stellte sich die Freude Perdigals vor, wenn er den Hasen sehen würde, und die Überraschung Vivettes. Dann bedachte er bei sich, daß ihm Vivette nichts vom Eintreffen Perdigals gesagt hatte, und das wunderte ihn etwas. Aber da Lenthéric ein Mann ohne Arg und Falschheit war, seine Frau hochschätzte und von Perdigal wußte, daß er sein Freund war, kam er von diesem Gedanken wieder ab und gab sich anderen Träumen hin.

Nach kurzer Weile kündigten Peitschenknallen, das gemächliche Scheppern von hundert Schellen und das gleichmäßige Klick-Klack von mächtigen Rädern, die in ihren Achsen knirschten, die Ankunft der beiden Wagen an. Perdigal schritt etwas hinter seinem Karren her, dicht am folgenden; vorn auf dem ersten, der fast leer war, schlenkerte ein riesiger Strohmann an einer langen Stange lässig hin und her.

Lenthéric wollte schon näher gehen und sich zeigen, da bemerkte er, daß eine Frau in der kleinen Hängematte aus Espartohanf saß, die sich die Fuhrleute in ihren Wagen aufspannen, um darauf etwas auszuruhen – entgegen den Vorschriften–, wenn sie müde und keine Gendarmen in Sicht sind.

›Teufelskerl von einem Perdigal!‹ dachte Lenthéric. ›Immer der gleiche!‹

Und da er Perdigal in seinen Liebschaften nicht stören wollte, entschloß er sich, die Karren vorbeiziehen zu lassen.

Aber die Karren hielten an. An dieser Stelle macht die Landstraße einen Bogen, und da braucht man nicht besorgt zu sein, beobachtet zu werden. Die Frau sprang auf den Weg hinab.

»Halt, Vivette, du vergißt den Schlüssel!«

Lenthéric, der Vivette erkannt hatte, erkannte auch den Schlüssel zum Feldhäuschen wieder, das er ein paar Kilometer weiter hin stehen hatte und in dem er, in der Erntezeit, die Mandelpistazien seines kleinen Feldes und die Beerentrauben seines Stückchens Wingert verwahrte. Es durchfuhr ihn wie ein Blitz, er erriet alles.

»Lauf davon, Vivette, da ist wer!« raunte plötzlich Perdigal, der ganz blaß geworden war.

Und während sich Vivette in Sicherheit brachte, drehte sich Perdigal mit verschränkten Armen dahin um, wo Lenthéric stand. Er sah ihn nicht, aber er erriet, daß er es war, als er das Knacken einer Flinte hörte, die man schußfertig macht, und einen Flintenlauf sah, der sich zwischen den Zweigen niedersenkte.

»Schieß, Lenthéric!«

Lenthéric, in seiner blinden Wut, schoß.

»Du hast mich – zur Strecke gebracht!« stieß Perdigal hervor und faßte sich nach der Brust mit beiden Händen, über die das Blut hinfloß.

Mit einemmal war Lenthéric aller Zorn verraucht... Er hatte, wie im Traum, Perdigal auf den Karren gebettet und ihm aus seiner Feldflasche Branntwein zu trinken gegeben:

»Ein Freund! Ist es bei Gott möglich? Ein Freund!« seufzte er, ohne recht zu wissen, was er damit sagen wollte, und ob er selber oder seine zu rasche Hand oder gar der Verrat Perdigals es war, dem der Vorwurf galt. Nach einer kleinen Weile machte Perdigal die Augen auf. Sein erstes Wort war:

»Und Vivette...?«

Bei diesem Namen fühlte Lenthéric, wie ihm das Blut aufwallte; aber da er den Tod auf Perdigals Stirn sah, hielt er das Verbrechen für hinreichend gesühnt und sagte leise:

»Ich vergebe ...«

»Allen beiden?«

»Allen beiden!«

Perdigal legte seine Hand in die Hand Lenthérics.

»Lenthéric, einen letzten Dienst: Du wirst das Kästchen am Karren aufmachen und mir das Pistol hinter dem Dudelsack herlangen!«

Lenthéric zauderte; er verstand nicht.

»Gib rasch her, ich hab' es eilig!«

Diesmal folgte Lenthéric der Aufforderung, aber Perdigal gab ihm die Waffe wieder und sagte: »Schieß in die Luft! Ich hab' keine Kraft mehr...«

Lenthéric schoß in die Luft.

»Jetzt steck mir das Pistol zwischen die Finger... so, ja... gut!« bedeutete ihm Perdigal, dessen Stimme schwächer wurde. »Verstehst du, Lenthéric, deinetwegen, Vivettes wegen... darf niemand auf dich Verdacht bekommen, müssen alle glauben ...«

Dann machte er eine letzte Anstrengung:

»Hü! Braune, hardi!« rief er.

Die Gabelpferde zogen an, als sie seine Stimme hörten, und die beiden Karren setzten sich in Fahrt.

Währenddessen hatte sich die Menge, die an den Toren der Stadt wartete, als der zweite Schuß vernehmbar wurde, gesagt: »Perdigal kündigt sich an, er läßt ein tüchtiges Einzugsgeböller los!«

Daraufhin stellte sich das Tribunal aus Advokaten, Anklägern und Richtern zusammen; die Straßenjugend, die im voraus mit der sicheren Verdammung Carmentrans rechnete, schleppte schon seit dem Morgen Reisigbündel herbei, um einen Scheiterhaufen daraus aufzutürmen, der einer solchen Persönlichkeit würdig sei, und eine Farandole wirbelte durch die Straßen, aus der auf die altfeierliche Weise der tragikomische Trauergesang erschallte:

»Fahr hin: armer...!
Fahr hin: armer...!
Fahr hin: armer Carmentran!...«

Plötzlich rasten die vorausgezogenen Späher in gestrecktem Lauf wieder zurück:

»Da ist er! Da ist er!«

Und dahinter tauchte, mit den Füßen über die bebänderte Kruppe der Pferde hinbaumelnd, riesig über die Menschenmenge hinausragend, Carmentran auf. Er hatte einen roten Rock mit goldenen Verzierungen, eine weiße Weste und blaue Kniehosen an in Stulpenstiefeln aus Lackleder; ein Dreispitz mit Wollknauf krönte seine Hanfperücke; und so schwebte er mit seinem Witzboldgesicht einher, unter den Stößen der Karrete schaukelnd, und hielt, wie segnend, seine zwei riesigen weitgespreizten Pratzen an seinen beiden steifen und kurzen Armenden auseinander.

»Wie schön er ist!... Wie groß er ist!... Er wird nie unterm Tor durchkommen können!...«

»Nur – Perdigal ist nicht zu sehen. He, Perdigal...!«

»Geduld, Freunde, wenn sich Perdigal versteckt, dann steckt auch irgendeine Schnurre dahinter!«

Aber sowie sich die Menge öffnete und der Karren hindurchzog, hallte ein Geschrei auf: »Carmentran ist tot!«

»Carmentran hat sich erschossen!«

Hinter dem feisten Stoffmann, der grinste und dienerte in seiner schönen goldenen Tracht, hatte man Perdigal liegen sehen, auf den Bodenplanken der Karrete, das Gesicht zum Himmel gewendet. Er hatte seine Pistole in der Hand, ein Streifen Blut rann über sein Hemd unter der offenen Bluse hervor, und sein feiner blonder Kopf mit den immer noch spöttischen Zügen schlug bei jeder Raddrehung, bei jedem Schritt der Pferde gegen die Karrenwände.

»Es war ein Narr!«

»Der arme Carmentran!«

Und vom andern Ende der Stadt herüber vernahm man den Gesang der Farandole, die im tollsten Jagen dahin wirbelte:

»Fahr hin: armer...!
Fahr hin: armer...!
Fahr hin: armer Carmentran!...«

Alle Welt in Saint-Domnin glaubte an Selbstmord, alle Welt, Vivette ausgenommen. Lenthéric äußerte kein Wort darüber. Er gab seinem Freunde das letzte Geleit und weinte. Als er dann wieder zu seinem Steinbruch hinaufgestiegen war, nahm er seine Arbeit aus den Vortagen wieder auf und führte die Inschrift, die er auf der Platte begonnen hatte, so zu Ende:

HIER RUHT Jean-Louis PERDIGAL
genannt
CARMENTRAN FUHRMANN