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Fritz Reuter: Eine Heirathsgeschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämmtliche Werke Band IV
authorFritz Reuter
year1903
publisherHinstorff'sche Hofbuchhandlung Verlagsconto
addressWismar
titleEine Heirathsgeschichte
pages314-318
created20021008
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Fritz Reuter

Eine Heirathsgeschichte.

(1855)

»Gu'n Morrn ok, Herring!« – Mit diesem Gruße tritt der alte wrampige und schon pollsaure (wir nehmen diese beiden überaus bezeichnenden Epitheta in den hochdeutschen Wörterschatz auf), also sage ich: tritt der alte wrampige und pollsaure Tagelöhner Sæbenbrod, von dem es zweifelhaft ist, ob die auch geltende Version seines Namens ›Sægenbrod‹ nicht die richtige ist, in das Zimmer seines Gutsherrn.

»»Guten Morgen! Nun, Alter, was ist Sein Begehr?««

»Je, Herring,« antwortet Sæbenbrod und dreht seine Mütze vor Verlegenheit, »mit mi hett dat 'ne Bewandtniß.«

»»Na? und was für eine?««

»Je, Herring,« sagt Sæbenbrod und windet sich und dreht seine Mütze stärker, »ick wull, dat mi de Deuwel halt hadd, as ick mi up de Umstänn' inlet!«

»»Na, nur 'raus damit! Was will er denn eigentlich?««

»Frigen wull 'ck, Herring.«

Das verhängnisvolle Wort ist 'raus, die Mütze dreht sich nicht länger.

»»Frigen?! – Is Hei dull? – Hei is en Kirl æwer de Sößtig, hett twei Frugens dod. Mi dücht, dor süll Hei denn doch nahgradens naug von hewwen.««

»Segg ick 't nich? Heww ick dat nich ümmer seggt? Wat ward uns' Herring dortau seggen, segg ick; wat ward hei seggen, Jochen, dat Du Di wedder in anner Umstänn' begewen willst.«

»»Na, weit Hei denn all en Mäten, wat Em heww'n will?««

»Ih woll, Herring, Mätens naug! Dor is Fik Schulten un Korlin' Kräugers un Marik Schröders und Dürt Bolten un denn noch de annern all; æwer so 'n, de mi heww'n will, so 'n weit ick nich; dat müßt ick leigen.«

»»Aber mein Gott! Er muß doch 'ne Braut haben, wenn Er heirathen will.««

»Ih, Herring, de krig' ick sacht! Ick heww minen Ogenwinkel so up Liesch Fleischfreters smeten, un de Scheper säd – na, Sei weiten jo, de hett ümmer so 'ne Bonbons in 'ne Mund – na, de säd, de süll 'ck nehmen, denn denn kem' Fleisch un Brod tausam. Un ick heww mi dat so æwerleggt un heww so bi mi dacht, sei hett sick ok all twei anschafft, un ick heww de beiden Lütten, un wenn wi de vir so tausam smeten, denn född sick dat beter.«

»»Na, hat Er mit der denn schon gesprochen?««

»Ih ne, Herring, wo ward ick dat! Ick wull Sei de ganze Bewandtniß doch irst unner 'n Faut gewen un wull Sei bidden . . . . .« – hier fängt die Mütze wieder an sich zu drehen – »un wull Sei mal fragen . . . . . . . . – Un ick dacht so, wat Sei nich so gaud sin wullen, mi tau de Ümstänn'n tau verhelpen un mal en Wurt mit Lieschen von ehre Uterwähltheit tau reden.«

»»Also, ick sall Sinen Friwarwer maken? Na, dit is lustig!««

»Ja, Herring, lustig is 't! un wat Sei seggen, is wohr, un Sei hewwen ümmer Recht! Aewer wenn Sei 't ehr seggen, denn deiht sei 't.«

Dem Gutsherrn kam die ganze Geschichte so heiter vor, daß er sich entschloß, das ungewohnte Gebiet der Freiwerberei zu betreten. –

Liesch Fleischfreters tritt in's Zimmer des Gutsherrn; sie ist ein päonienhochrothblühendes junges Mädchen von so'n Jahrener sechsunddreißig.

»Liesch, ick heww Di raupen laten un wull Di fragen, wat Du woll frigen müggst.«

»»Herr Je! Ih, Gott Du bewohr, wo heww ick mi verfirt! Herr, Sei spaßen!«« Und Liesch nimmt den Zipfel ihrer Schürze, schlägt denselben um ihre Hand und wischt sich mit der Schürze den Mund, wie Einer, der gewaltigen Appetit auf ein Gericht hat und in Ermangelung desselben sich doch wenigstens zu dem köstlichen Genusse rüsten will, der ihn erwartet.

»Ne, Liesch, de Sak is wohr; ick segg de reine Wohrheit.«

Liesch guckt verstohlen aus der Schürze hervor, und als sie gewahr wird, daß ihr Gutsherr überaus ernsthaft vor ihr steht, sagt sie: »»Du leiwer Gott, wo geiht mi dit! Ick heww ümmer glöwt, ick würd mi nich verännern, un nu kam ick doch so wid. Herr, wer is 't denn?««

»Jochen Sæbenbrod will Di heww'n.«

»»Joch – – Jochen Sægenbrod?!«« Und Liesch läßt die Schürze fallen, und die Arme fallen ihr am Leibe herunter, und sie selbst wäre fast vor Schreck gefallen, als ihr der Name ihres Zukünftigen genannt wurde.

»Na, steiht de Di denn nich an?«

»»Ach, Herr, ick glöwt, dat wir en jungen Kirl; ick dacht, dat würd uns' Kutscher wesen. Ne, Herr, Jochen Sægenbrodten? Ne, Herr! Un wenn ick bet in min hunnertst Johr in 'n Jumfernstand bliwen sall, denn' nem ick nich.««

»Ick will Di dortau ok nich bereden. Denn kannst Du gahn.«

Liesch geht ab und protestirt lebhaft auf dem Flur dem Stubenmädchen gegenüber gegen den etwa möglicherweise auftauchenden Verdacht, daß Sægenbrod eine still genährte Neigung von ihr sei. Sie spricht sich in diesem Sinne sehr bestimmt aus und schließt mit den Worten: »Wat so 'n oll Ekel woll meint!« – –

Am Abend kommt Jochen Sæbenbrod zur Gutsherrschaft und dreht wieder seine Mütze: »Gu'n Abend, Herring! Na? Ick heww sei nah 'n Hof herupper gahn seihn, un ick dacht, ick wull doch mal . . . . Un wo sick dat reiht hadd, un wat sei tau de Umstänn' säd, un wat de Sak nu för 'ne Bewandtniß hadd.«

»»Je, Sæbenbrod, sei will Em nich.««

»Sei will mi nich? Wo? Is sei denn 'ne Gräwin? Glöwt sei, dat sei 'ne geburne Prinzessin is?!« Bei diesen Worten stößt Sæbenbrod ein wahrhaft teuflisches Hohngelächter aus, wirft die unglückliche Mütze auf die Erde und ruft: »Un dat will ick ehr wisen! Ick will noch 'ne ganz Anner krigen! Un ick weit noch Ein', un hett drei Bolten Linn'n in 'n Kuffert un en schönes Bedd, un is 'ne rechte staatsche un in de richtigen Johren. Un, Herring, wenn Sei nicks dorgegen hadden, denn müggt ick woll hen nah Jessnitz gahn un s' mi mal orndlich beseihn, wat sei in min Umstänn' paßt un wat dat för 'ne Bewandtniß mit ehr hett. Un Korl Schult künn den Meß för mi upladen. Je, ick krig' noch 'ne ganz Anner!«

»»Ja, de Erlaubniß will ick Em gewen.««

»Un wat de oll Dirn sick woll denkt? Un ick krig' noch 'ne ganz Anner, un Order heww ick ehr all seggen laten, denn ick dacht so: Jochen Sæbenbrod, dacht ick, häng' Din Tüg in so 'ne Umstänn' nich all an einen Nagel. Un wenn 't uns' Herring nich æwel nimmt, denn bring' ick morgen Abend Bescheid un bring' dat Frugensminsch glik mit un wis' s' em. – Na, gu'n Abend ok!«

»»Gu'n Abend!«« – –

Am andern Abend hört der Gutsbesitzer schon auf dem Flur sehr laut die Worte: »Wo Du Di hest? Büst nich klauk? Hei deiht Di nicks!« Und Sæbenbrod tritt in's Zimmer, seine Liebste beim Arme hinter sich herzerrend und ihr zur größeren Deutlichkeit ab und an einen kleinen Stoß mit dem Ellenbogen verabreichend. »Na, Herring! – Gott bewohre, Du föllst jo woll gor, so mak Din Ogen doch up!« – Diese Ermahnung wird an seine Verlobte gerichtet, die an der Stubenschwelle stolpert. – »Na, Herring, gu'n Abend ok! Dit is s'! – Wo, ne! Wo is 't mæglich! Wo? Du pedd'st jo woll gor in den Spuckkasten! – Herring, nemen S' 't nich æwel, æwer sei is en beten æwersichtig, seihn kann s' nich gaud; æwer süs – nich wohr? Wat meinen Sei? Süll sei woll? – Na, vel kann ick ok nich verlangen! Aewer, bet up de Pockennoren afgerekent is sei doch en schires Frugensminsch. – Häh?«

»»Dat mag woll sin, Sæbenbrod. – Wo büst Du denn eigentlich her, min Döchting?««

Die Braut sieht den Herrn an, sieht den Bräutigam an und schweigt. Sæbenbrod giebt ihr einen Stoß mit dem Ellenbogen: »So antwurt doch, wenn de Herr Di fröggt! – Je so! – Je, Herring, dow is 't oll Minsch ok; æwer ick dacht ok so: wi hewwen all uns' Fehlers.«

»»Da hat Er Recht, mein lieber Sæbenbrod.««

»Un ick dacht ok so, denn hest Du doch wen in 'n Hus', un sei kann mi jo denn ok 's Morrns de Tüften braden, un denn ok wegen Liesch Fleischfreters, dat ick ehr doch wisen wull, dat ick noch 'ne Anner kreg'; un denn ok wegen den widen Weg nah Jessnitz, un dat ich doch de Umstänn' mi nich vergews makt hadd. Un wenn Sei 't mi nich æwel nemen, denn will 'ck s' doch man behollen, Herring.«

»»Das muß Er am besten wissen.««

»Na, denn Adjüs ok! Denn behöllt dat also dormit sin Bewandtniß! (seiner Braut in die Ohren schreiend): Dirn, mak en Knicks, un pedd' nich wedder in 'n Spuckkasten!«