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Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleAlwin
authorPellegrin (Friedrich de la Motte Fouqué)
year1808
firstpub1808
publisherFriedrich Braunes
addressBerlin
titleAlwin
pages648
created20090512
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Sie ritten in der Dämmerung schweigend neben einander hin, bis endlich Thorwald anfing: es ist nicht gut, daß die mehrsten Trennungen am frühen Morgen geschehn. Man hat den langen Tag vor sich, der mit jeder Viertelstunde gleichsam die Glocke zieht, uns zu erinnern, daß wir aus dem gewohnten Kreise gerückt sind, und Alles verändert und fremd auf uns zutritt. Und dann die schaurige Morgenkühle nach den Thränen des Abschieds, meist nach einer schlaflosen Nacht! Reiste man gegen Abend fort, so wäre Alles 30 besser. Die Rückbleibenden weinten sich auf ihren Kissen ein, und der Wandersmann empfände auf dem ungewohnten Nachtpfade so viel Wunderliches, ja Erschütterndes daß ihm wenig Zeit bliebe, sich der schmerzlichen Wehmuth hinzugeben. Noch ungerechnet, daß ihm die Zeichen der verlaßnen Heimath nicht so fernher nachblickten, als wollten sie ihn wieder zu sich hin locken.

Alwin schaute unwillkürlich zurück, und die Thürme der väterlichen Burg streckten sich über die Baumwipfel hervor. Er antwortete nicht. Alles was Thorwald gesagt hatte, empfand er so eben, und es war ihm verdrießlich, daß ein Fremder und grade dieser seinen Schmerz so keck und laut in dürre Worte kleidete. Sein unbehagliches Gefühl vermehrte sich, indem er einen Seitenblick auf seinen Gefährten fallen ließ. In dem falben 31 Morgennebeln, auf der öden Stelle, wo sie sich befanden, kam ihm die lange Gestalt auf dem großen, schwarzen Rosse äußerst fremd vor. Er mußte wider Willen an alle Mährchen denken, wo der Menschen Erbfeind leichtgläubige Thoren aus ihren Hütten lockt, um sie vom steilen Bergpfad hinunter zu schmettern. Dann warf er sich es wieder vor, daß er so häßliche Gedanken nähre gegen einen Mann, den ihm der getreue, scharfblickende Vater zum Führer gewählt hatte.

Thorwald schien nichts von seiner Unzufriedenheit zu bemerken. Er sprach von diesem und jenen, unbefangen und sehr verständig, so daß endlich Alwin mit einstimmen mußte, und seiner trüben Gedanken ziemlich Meister ward, um so mehr, da die Sonne hell über die herbstliche Waldgegend strahlte, alles mit ihren klaren Blicken vergoldend und 32 verschönernd. Man fand gegen Mittag einen warmen, sonnigen Platz zum Mahle aus, und labte sich an den mitgenommnen Flaschen und Eßwaaren. Um Vieles vertraulicher ritten die Reisegefährten gegen Abend einen Berghang hinunter, schon nahe bei der Einsiedelei, wo sie übernachten wollten, weil jene Gegend des Harzes ziemlich leer an Bewohnern war.

Alwin freute sich über die seltsame Gestaltungen der Felsstücke, und über die steigenden Nebel im Thale. Dabei fielen ihm allerhand wunderliche Mährchen ein von verzauberten Prinzen und Damen, die er sich kaum dem ernsten Begleiter vorzusagen enthielt. Aber einzelne Strophen von alten Romanzen sang er laut in die Thäler hinein, so daß er manches schöne Echo zur Antwort reizte.

33 Habt Ihr Euch nie selbst mit der Poesie abgegeben? fragte Thorwald. Es sollte mich doch wundern, da Ihr so viel Freude daran findet, schöne Lieder zu singen. Ja wohl, erwiederte Alwin. Ich bin nie froher, als wenn ich über ein Gedicht sinne, und es mir vorschwebt in goldner Gestaltung wie jene Abendwolken, räthselhaft und doch lockend, daß man sich mit Seele und Leib in das himmlische Spiel verlieren möchte. Und wenn es sich nun immer sicherer bildet und formt, bis es zuletzt wie ein eignes, abgesondertes Wesen vor uns steht, uns anschaut wie aus klaren Augen, so fremd und doch so innig vertraut, – es kann wohl kein Genuß auf der Welt darüber gehn.

Wenn Euch wirklich zu Muthe ist, wie Ihr sagt, erwiederte Thorwald, so steht Ihr zu beneiden.

34 Hätte der Vater nur gewollt, wie ich, fuhr Alwin fort; ich wäre aller weitern Mühe überhoben geblieben. Meine eigne Welt hätte ich mir geschaffen, und blos als ein Sänger gelebt, wie die herrlichsten Menschen vor Zeiten. Aber ich durfte dergleichen gar nicht vor ihm äußern.

Weil er ein verständiger Mann ist, sagte Thorwald. Leichtes Gewölk, das sich in Liedern so ziemlich ausnimmt; weiter nichts!

Glaubt Ihr denn nicht, rief Alwin an die Wundermänner der Vorwelt? Nicht an den großen Poetenfürsten Homer? Nicht an den kunstreichen Orpheus? Ja, auch unser Vaterland wußte vor zwei, dreihundert Jahren noch von glücklichen Dichtern, die lebten, um zu singen, und von der Minne ihren Namen führten.

Alles zu seiner Zeit, sagte Thorwald. Ihr 35 glaubt doch auch an den starken Herkules, an Ritter Roland und andre Paladins Karl des Großen, ob Ihr es gleich ziemlich seltsam finden würdet, wenn heut zu Tage Jemand sein Leben damit zubrächte, den Harz von Wölfen zu säubern, und über See zu fahren, um hülfsbedürftige Damen aufzusuchen.

Und wäre das denn etwas so gar Verkehrtes? fragte Alwin. Ich wüßte nächst dem Leben eines Sängers nichts Schönres, als über die Erde zu reisen, ein Rächer aller Unbilden. Wenn es auch nicht eben auf Wölfe ginge, oder allein für wandernde Damen, so bliebe doch mancherlei Herrliches in dieser Art zu thun.

Wollte Gott, rief Thorwald, Ihr wärt der Einzige und der Mächtigste, dem ich solche Grillen auszureden hätte! Mich dünkt immer, wir Beide würden noch einig. Ihr 36 gesteht mir doch zu, daß gegenwärtig ein Verfechter der Tugend und Schönheit andre Thaten vollbringen müßte und auf eine andre Weise als jene fabelhaften Ritter. Nicht wahr? Statt Eines Schwerdtes müßte er nun schon wenigstens ein Paar hundert lenken können, für täglich neue und wechselnde Abentheuer, bestimmt die Seite Einer religiösen und politischen Parthei in unserm angefangnen Bürgerkriege erwählen. –

Das Letztre möchte nicht so unbedingt nothwendig seyn, sagte Alwin; wenn man nur die Gefährten darnach fände.

Zugegeben Euer und Eurer Spießgesellen abentheuerliches Glück, erwiederte Thorwald, bleiben Eure Wege doch immer anders gestaltet als die vor hundert und tausend Jahren.

Würde daraus etwas gegen mich folgen, 37 und gegen meine Hoffnungen auf ein poetisches Leben? fragte Alwin.

Allerdings, antwortete Thorwald. Eins greift unaufhaltsam in das Andre. Keine fahrenden Ritter, keine Heldensänger. Aus den Waffen schallt der Klang hervor, der erweckend über die Cithersaiten dahin streift.

Nur, sagte Alwin, daß uns keinesweges die Aussicht in die herrliche Vergangenheit abgeschnitten ist, noch abgeschnitten werden kann.

Wenn sich doch Niemand mit solchen Rückblicken täuschen wollte! rief Thorwald. Hin ist hin. Die Zeit reißt uns unaufhaltsam vorwärts, wie jämmerlich wir uns dagegen auch sperren mögen. Weisheit ist es allein, der Mächtigen willig zu folgen, und unter die Wissenden ihres Rathes zu gehören. Ihr wollt doch verstanden seyn, wenn ihr 38 dichtet. Das besagt die Stimme, welcher Ihr die lustigen Gebilde anvertraut. So redet denn zu Euern Mitmenschen, wie sie es hören wollen und können, singt aber keine Minneliedchen in einer bedächtigen Staatsversammlung, sondern höchstens einmal zur Erholung etwas Bekanntes, wenn sich die ganze Gesellschaft darnach sehnt. Schon ist es mit der mündlichen Mittheilung beschränkter geworden: man druckt Bücher, und was sollte daraus für Eure Kunst entstehn?

Vielleicht wieder ein ganz neues Sängerleben, erwiederte Alwin, davon wir jetzt noch keinen rechten Begriff haben. Denkt Euch, daß man mit einem Gedichte ganz Deutschland anregen könnte, tausend niegesehne Freunde gewinnen, da man bei dem Gesange doch immer auf den zufälligen Kreis der Hörer beschränkt bleibt.

39 Ein drolliger Gedanke, sagte Thorwald. Das Reisen der Minne- und Meistersänger hätte alsdann billig aufgehört, und der ächte Poet machte hinter seinem Ofen hervor, spirituelle Reisen um die Welt. Der ächte Poet, sage ich, denn vergeßt bei solcher Schiffahrt nicht die gefährlichste Klippe, daß nämlich Niemand weiß, wie er mit sich selber daran ist.

Das gilt von jeder Unternehmung, wandte Alwin ein.

Von einer poetischen ganz vorzüglich, sagte Thorwald. Ihr sehnt Euch vielleicht nur ein gutes Lied zu hören, und bildet Euch darüber ein, es wandle Euch die Begeisterung an, selbst eins zu dichten. Bei andern Arbeiten tritt Gefahr oder Schwierigkeit sichtbar in den Weg, uns befragend, wie viel wir der Kräfte mitbringen, sie zu besiegen. Hier aber geht Alles aus Luft in Luft, und ist daher auch 40 bald mit ein Paar lustigen Worten wo nicht abgemacht, doch verkleidet.

Und doch, sagte Alwin, wollt Ihr auf diese Lust das Gebäude meines Glückes gründen, oder ich habe Euch Gestern Abends unrecht verstanden.

Allerdings habt Ihr das, sagte Thorwald. Die Welt ist so beschaffen, daß man sich durch irgend eine Spielerei darin einführen muß, um für eine Person gehalten zu werden. Dazu kann Euch das zufällige Talent, was Ihr jetzt so hoch anschlagt, wohl dienen, wie dichtrisch oder undichtrisch es auch in Euerm Innern aussehn mag. Glaubt mir aber, daß ich bei Euch etwas Höheres spüre, und auch dem Gemäßes mit Euch im Sinne habe.

Unter solcherlei Gesprächen waren sie bis zur Einsiedelei gekommen. 41

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