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Peter Rosegger: Peter Rosegger: Kleine Erz - Als Großvater freien ging
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Deutsche Literatur
authorPeter Rosegger
titleAls Großvater freien ging
volume6
editorBenno von Wiese
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
pages888-892
senderhille@abc.de
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Peter Rosegger

Als Großvater freien ging

Beim Kreuzwirt auf der Höh' saßen sie um den großen Tisch herum: Fuhrleute von oben und unten, Gewerbsleute von Pöllau und Vorau, Holzarbeiter vom Rabenwald und Masenberg, Grenzwächter von der ungarischen Markung.

Mein Großvater, der Waldbauer von Alpl, war auch unter ihnen. Er war damals eigentlich noch lange nicht mein Großvater, und ihm war sie voll und rund, die Welt, die später jedesmal ein Loch bekam, so oft eins der Seinigen nicht bei ihm war. So geht's auf der Welt, man meint in jungen Jahren, man hätte es fertig mit allem und ahnt nicht, welche Herzensgewalten noch in der Zukunft schlummern.

Und daß ich denn erzähle. Mein Großvater – Natz – Natz, wie er eigentlich hieß ... nein, da ich einmal da bin, so will ich ihn doch lieber Großvater heißen schon in seiner Jugendzeit – mein Großvater also ging damals gerade »im Heiraten um«. Immer war er auf dem Viehhandel aus, oder im Getreidekauf, oder im Obstmostsuchen, oder im Wallfahrten, oder in diesem und jenem – und keinem Menschen sagte er's, warum er eigentlich wanderte. Der hübschen Mägdlein und jungen Witwen gab es genug im Lande; mancher Bauer sagte, er gebe auch eine gute Aussteuer mit, bevor man noch wußte, daß er eine heiratsfähige Tochter habe. Aber mein Großvater war einer von denen, die nach etwas anderem gucken. Er hatte den Glauben, für jeden Mann gebe es nur ein Weib auf der Welt und es käme für den Heiratslustigen darauf an, dasselbe aus allen anderen lächelnden und winkenden Weibern herauszufinden. Er hat nach jahrelanger Suche schließlich die rechte und einzige gefunden, aber nicht in der weiten Welt draußen, sondern ganz nahe – zehn Minuten seitab von seinem Vaterhause. Dort war sie eines Sonntags im langen Heidelbeerkraut herumgegangen, um für ihre Mutter Beeren zu sammeln. Das rotwangige Köpfel und vom Busen ein bescheidener Teil ragte hervor, alles andere stak im Kraut.

Mein Großvater lugte ihr durch das Gezweige des Dickichts zu, sprach sie aber nicht an. Und als sie fort war, schlich auch er davon und dachte:

Jetzt geh' ich morgen noch einmal in die Pöllauergegend hinab, und wenn mir keine Gescheite unterkommt, so laß ich's gut sein und nimm die da.

So war er noch einmal in der Pöllauergegend gewesen. Und dort hatte er richtig eine aufgetrieben, die reicher und feiner war als das Mädel im Heidekraut; aber gar zu gerngebig. Das freute ihn wohl für den Augenblick, doch ließ er's dabei bewenden; eine Häusliche wollte er haben und er lenkte seine Schritte heimwärts – der Sparsameren zu.

Und da war's unterwegs, daß er beim Kreuzwirt auf der Höh' einkehrte. Er saß anfangs abseits beim Ofenbanktischchen, trank ein Glas Apfelmost und biß ein Stück schwarzes Brot dazu. Seine Gedanken hatte er – wie alle Freiersleute – nicht beisammen; seine Ohren nahmen wohl teil an dem lebhaften Gespräche der gemischten Gesellschaft, die um den großen Tisch herumsaß und Wein trank. Die Grenzwächter hatten draußen in der Holzhauerhütte schwerverpönten ungarischen Tabak gefunden und wollten demnach den Eigner desselben mit sich fort zum Gerichte führen. Da kamen jedoch andere Männer des Waldes herbei und mit Knütteln stellten sie den Grenzwächtern die Wahl was ihnen lieber wäre: Prügel oder zwei Maß beim Kreuzwirt, denn mit dem Schergengeschäft wär's diesmal nichts. Wollten die Überreiter, wie man die Grenzer nannte, sofort zu ihren Gewehren greifen; diese waren aber schon in den Händen der Holzhauer – sonach wählten sie von den beiden Dingen die zwei Maß Wein beim Kreuzwirt. Nun saßen die Grenzwächter lustig unter den lustigen Zechern, wollten Bruderschaft mit den Waldleuten und Fuhrmännern und stopften schließlich ihre Pfeifen mit jenem Tabak, den sie in der Holzhauerhütte in Beschlag genommen hatten.

Zum Kartenspielen kam's und Silbergeld kollerte auf dem Tisch herum. Einer der Holzhauer, ein schielendes, weißhaariges Männlein, war nicht glücklich; sein bocklederner Beutel, der manchen schrillenden Fall auf den Tisch getan hatte, der immer tiefer umgestülpt werden mußte, bis die dürren gierigen Finger auf sein silbernes Eingeweide kamen – der Beutel gab endlich nichts mehr herfür. Da zog das Männlein seine Taschenuhr hervor: »Wer kauft mir den Knödel ab?« Die Uhr ging im Kreis herum; es war ein tüchtiges Zeug mit drei schweren Silbergehäusen und einer Schildkrötenschale am Rücken, welche ringsum mit kleinen Silbernieten besetzt war. Ein Spindelwerk mit gewaltigem Zifferblatt, auf welchem der Messingzeiger just die dritte Nachmittagsstunde anzeigte.

Dreißig Gulden verlangte der Mann für die Uhr; man lachte ihm hell ins Gesicht, der Eigentümer aber behauptete: »Was wollt ihr wetten, ehe der Zeiger auf halb vier steht, ist die Uhr verkauftl« Darauf lachten sie noch unbändiger.

Mein Großvater, der hatte von seiner Ofenbank aus die Sache so mitangesehen. Diese verkäufliche Uhr. mit dem Schildkrötengehäuse, sie machte ihm die Seele heiß. So eine Uhr war längst sein Plangen gewesen; und wenn er nun als Bräutigam eine könnte im Hosenbusen tragen, oder wenn er sie gar der Braut zur Morgengabe spenden möchte! Eine Uhr! Eine Sackuhr! Eine silberne Sackuhr mit Schildkrötengehäuse! – So weit kam's, daß mein Großvater aufstand, zum großen Tisch hinging und das Wort sprach: »Geh', laß mich das Zeug anschauen!«

»He, du bist ja der Bauer vom Alpl!« rief der Holzhauer, »na, du kannst leicht ausrucken und dir darf ich's unter vierzig Gulden gar nicht geben!«

Mein Großvater hatte aber nicht viel im Sack, darum sagte er: »Steine haben wir dies Jahr mehr im Alpl, als Geld.«

»Was willst denn, Bauer, hast nicht groß Haus und Grund?«

»Im Haus steht der Tisch zum Essen, aber auf dem Grund wächst lauter Heidekraut«, entgegnete mein Großvater.

»Und Korn und Hafer!« rief einer drein.

»Wohl, wohl, ein wenig Hafer«, sagte mein Großvater.

»Hafer tut's auch«, rief der Weißkopf, »weißt, Bauer, wenn du einverstanden bist, ich laß dir die Uhr billig.«

»Damit bin ich schon einverstanden«, antwortete mein Ahn.

»Gut«, und sofort riß ihm der Holzhauer die Uhr wieder aus der Hand, wendete sie um, daß das Schildkrötengehäuse nach oben lag, »siehst du die Silbernieten da am Rand herum?«

»Sind nicht übel«, entgegnete mein Großvater.

»Übel oder nicht«, rief der schielende Weißkopf, »nach diesen Nieten zahlst mir die Uhr. – Für die erste Niete gibst mir ein Haferkorn, für die zweite gibst mir zwei Haferkörner, für die dritte vier, für die vierte acht, und so verdoppelst mir den Hafer bis zur letzten Niete, und die Uhr gehört dein mitsamt der Silberkette und dem Frauentaler, der dran hängt.«

»Gilt schon!« lachte mein Großvater, bei sich bedenkend, daß er für eine solche Uhr eine Handvoll Hafer doch leicht geben könne.

Der Kreuzwirt hatte im selben Augenblick meinen Großvater noch heimlich in die Seite gestoßen, der aber hielt das für lustige Beistimmung und schlug seine Rechte in die des Alten. »Es gilt, und alle Männer, die beim Tisch sitzen, sind Zeugen!«

Er hatte aber keinen Hafer bei sich.

Tat nichts. Sofort brachte der Kreuzwirt ein Scheffel Hafer herbei, um durch Zählen der Körner, wie mein Ahn meinte, die Rechnung zu bestimmen.

Sie setzten sich um den Hafer zusammen, mein Großvater, vom frischen Apfelmost im Kopfe erwärmt, lachte still in sich hinein; des Gewinnes gewiß, freute er sich schon auf die großen Augen, die das Heidelbeermägdlein zur gewichtigen Uhr machen werde.

Zuerst wurden die Nieten gezählt, die um das Schildkrötenblatt herumliefen: es waren deren gerade siebzig. Dann kam's an die Haferkörner; mein Großvater sonderte sie mit den Fingern, der Holzhauer zählte nach, und die anderen überwachten das Geschäft.

Erste Niete: ein Korn; – zweite Niete: zwei Körner; – dritte Niete: vier Körner; – vierte: acht Körner; – fünfte: sechzehn; – sechste: zweiunddreißig; – siebente: vierundsechzig; – achte: hundertachtundzwanzig; neunte: zweihundertsechsundfünfzig; – zehnte Niete: fünfhundertzwölf Körner. – »Wirtin, den kleinen Schöpflöffel herl« – Das ist gerade ein gestrichener Schöpflöffel voll.

Mein Großvater schob die Körner mit der Hand hin: »Macht's weiter, ich seh's schon, es wird schier ein Metzen herauskommend«.

Und die anderen zählten: Elfte Niete: zwei Schöpflöffel voll Hafer; – zwölfte Niete: vier Löffel voll; – dreizehnte: acht Löffel; – vierzehnte: sechzehn Löffel voll. Das machte eine Maß. – Fünfzehnte Niete: zwei Maß; – sechzehnte: vier Maß. – Das ist ein Maßl – Siebzehnte Niete: zwei Maßl; – achtzehnte: vier Maßl; – neunzehnte: acht Maßl; – zwanzigste Niete: sechzehn Maßl oder ein Wecht. –

Jetzt tat mein Großvater einen hellen Schrei. Die anderen zählten fort und bei der dreißigsten Niete kostete die Uhr über tausend Wecht Hafer, Das war mehr, als die Jahresernte der ganzen Gemeinde Alpl.

»Jetzt hab' ich mein Haus und Grund verspielt«, schrie der Freier.

»Sollen wir noch weiterzählen?« fragten die Männer.

»Wie ihr wollt«, antwortete mein Großvater mit stieren Augen.

Bei der dreiundvierzigsten Niete hatten sie eine Million Wecht Hafer. Bei der fünfzigsten rief mein Großvater, die Hände zusammenschlagend, aus: »O, du himmlischer Herrgott, jetzt hab' ich deinen ganzen Hafer vertan, den du seit der Schöpfung der Welt tust wachsen lassen!«

»Sollen wir weiterzählen?« fragten die Männer.

»Nicht nötig«, antwortete das weißköpfige Männlein gemessen, »das übrige schenk' ich ihm.«

Mein Großvater – er erbarmt mir heute noch – war blaß bis in den Mund hinein. Er hatte es in seiner Kindheit schon gehört, die Weltkugel mit allem was auf ihr, drehe sich im Kreise; jetzt fühlte er's deutlich, daß es so war – ihm schwindelte. – Da geht er ins Heiraten aus und vertut sein ganzes Gütel. – »Alle Rösser auf Erden«, rief er, »fressen nicht so viel Hafer, als die lumpigen paar Nieten da in der Uhr!«

»Steck' sie ein, Bauer, sie gehört ja dein«, sagte der alte Waldmann, »und zahl' den Bettel aus.«

»Ihr Leut«, lachte mein Großvater herb, –.»ihr habt mich übertölpelt.« –»Du bist auch nicht auf den Kopf gefallen«, entgegnete man ihm, »du kannst zählen, wie jeder andere. Wirst jetzt wohl müssen geben, was du hast. – Schau, die ehrenwerten Zeugen!«

»Ja, ja, die ehrenwerten Zeugen«, rief mein Ahn, »lauter Leut' die geschwärzten Tabak rauchen!«

»Sei still, Bauer!« flüsterte ihm der Kreuzwirt zu, »umliegend ist der Wald! Wenn sie dich angehen, ich kann dir nicht helfen.«

Der alte Weißkopf schielte in den wurmstichigen Tisch hinein: er mochte merken, daß für ihn hier eigentlich doch nichts Rechtes herauskam, er sagte daher zu meinem Großvater: »Weißt, Bauer, du könntest jetzt wohlfeil zu einem Körndl kommen. Ich will Hafer verkaufen. Gib mir dreißig Gulden für den ganzen.«

Abgemacht war's. Leichten Herzens legte mein Großvater dreißig Gulden auf den Spieltisch und eilte davon. Im freien Wald sah er auf die Uhr; der Zeiger stand auf halb vier.

Mein Ahn kehrte heim, warb um das Heidelbeermädchen und verehrte ihm die Uhr zum Brautgeschenk.

»Aber«, sagte er, »mein Schatz, das nehm' ich mir aus, du mußt mir für die erste Silberniete da einen Kuß geben, und bei jeder weiteren Niete die Küsse verdoppeln.«

Das arglose Mädchen ging darauf ein. –

Die Leutchen sind alt, sind meine Großeltern geworden, doch starben sie lange bevor großmutterseits die Uhr bezahlt war. Und wir Nachkommen werden kaum jemals imstande sein, diese ererbte Schuld der Großmutter vollends wettzumachen.

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