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Carl Spitteler: Xaver Z'Gilgen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleXaver Z'Gilgen
pages5-20
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Carl Spitteler

Xaver Z'Gilgen

Wer die Natur aufrichtig schätzt, hat seine Lieblingsgegenden, in welche er immer wieder zurückkehrt, selbst wenn er inzwischen überlegenere landschaftliche Bilder kennengelernt haben sollte.

Ja, es wird sich gewöhnlich etwas Eifersucht in die Liebe mischen. Man möchte eine Landschaft, die man in den verschiedensten Stimmungen geschaut und hierdurch gewissermaßen erlebt und sich angeeignet hat, nicht mit dem ersten besten teilen; man empfindet die Anlage einer Verkehrsstraße oder den Bau eines Gasthauses als einen Eingriff, man fühlt sich dadurch verletzt und beleidigt.

Eine der Gegenden, die es mir angetan haben, liegt zwischen dem Kloster Einsiedeln und dem Flecken Schwyz; sie ist schön genug, um das Auge und das Herz durch ihre Majestät zu entzücken, aber auch einsam genug, um ungestörtes Sinnen und Genießen zu erlauben.

Man fährt des Morgens in der Frühe mit der Bahn von Zürich an dem freundlichen Seeufer dahin, dann mit einer Bergbahn nach den Höhen der Schindellegi und über die Wasserscheide nach Einsiedeln.

Hier hat die Welt ein kleines, hohes und wildes Ende, und es gilt, über den Yberg, einen harmlosen, die Kraft eines rüstigen Spaziergängers erfordernden Paß unterhalb des Mythenstocks, zu steigen.

Der Weg ist weiter, als einem die Erinnerung, welche ja stets die Entfernungen verkürzt, gesagt hatte; die Zeit verstreicht; man hat vielleicht ein Stündchen zu lange beim Mittagessen verweilt, und wenn man oben auf der Paßhöhe angelangt ist, wird es wahrscheinlich Abend sein.

Aber wie sehr auch die Uhr und die sinkende Sonne mahnen mögen, oben bei dem Hüttchen werden wir eine Stunde ruhen; denn vor uns liegt zwischen dunklen Wäldern eine grüne, nicht allzu steile Halde von schwindelhafter Tiefe, oben einsam, unten mit hundert winzigen Häuschen besät, ganz zuunterst ein Zipfelchen Vierwaldstättersee, eingeschlossen in einem wahren Labyrinth von wirr durcheinander geschobenen trotzigen Alpenhäuptern. Das ist keine «Aussicht», es ist mehr als das: eine Landschaft, und zwar eine Landschaft, wie sie etwa die Phantasie eines Lionardo da Vinci hätte träumen mögen.

Während stundenlang keine menschliche Seele zu erblicken war, schleichen jetzt, wo die Sonne sich zum Untergange anschickt, einige Gestalten plumpen Ganges nach dem Felsen zu unserer Linken.

Was wollen sie dort oben? Sie gucken zwischen den Tannen hervor und lugen bedächtig ins Tal.

Plötzlich beginnt ein Jodeln nach allen vier Windrichtungen hin; tief unten an der Halde antwortet Schellenklang und Rindergebrüll, und ehe wir uns dessen versehen, klettern und kriechen die Herden ameisenartig gegen uns heran, immer zahlreicher und immer größer, quer über die Triften, schlangenförmig auf dem gewundenen Weg, längs den Hecken.

Da gibt es kein Entrinnen, wir müssen mitten hindurch.

Die Kühe bleiben wie auf Befehl stehen, uns anglotzend, bis wir auf Armeslänge herankommen, dann flüchten sie mit schwerfälligen Sprüngen zur Seite; die Stiere dagegen behaupten mürrisch das Feld, wir müssen ihnen den Platz räumen.

Und dann geht es stundenlang im steilen Zickzack talabwärts zwischen Ställen und Sennhütten, an schmucken Landhäusern, dem luftigen Sitze der beneidenswerten Herren von Schwyz, vorbei.

Die Dämmerung schleicht aus dem See empor; hoch oben blinken die Sterne; um die fernen Gipfel der Alpen brüllt ein Gewitter, und wenn wir endlich in Schwyz anlangen, ist es finstere, späte Nacht.

Nicht immer jedoch teilen sich Blitze und Sterne friedlich in den Himmel; es kann auch vorkommen, und dann kommt es meist urplötzlich vor, daß man sich auf halber Höhe dem Unwetter preisgegeben sieht.

So erging es auch mir im vergangenen Sommer.

Die Nacht, der strömende Regen und der fast ununterbrochene Blendschein der blauen Blitze verhüllten mir den Weg, und ich kam nur tappend und tastend vorwärts. Da überholte mich ein junger, wohlgestalteter, fester Senn und bot mir in der biederen und treuherzigen Weise der Älpler Hilfe und Quartier an. So brachte ich die Nacht in einer Hirtenwohnung zu.

«Vornehm ist's nicht», munkelte der Brave, als er mich in die Kammer seines abwesenden Bruders geleitete, «aber gut ist's gemeint, und hätt' ich's besser, so gäbe ich's besser. Und» – fügte er mit einigem Stolze hinzu –«wenn Ihr etwa vor dem Schlafen noch ein wenig lesen wollt ...»

Mit diesen Worten leuchtete er mit der rauchenden Talgkerze gegen den Fenstersims und legte mir drei staubige Bücher in die Hand.

Die Artigkeit erforderte, daß ich sie oberflächlich musterte. Es war eine Schweizergeschichte für Schulen, ein Andachtsbuch und eine vergilbte Sammlung von Hexen- und Zauberprozessen.

Wie ich die letztern aufschlug, fiel mein Blick auf folgenden Satz:»... und selbst auf dem Wege nach dem Hochgericht seyne Unbußfertigkeit nicht abgeleget, und die Sanctam Absolutionem nicht nachgesuchet, sondern fortgefahren, die heylige Dreyfaltigkeyt u. Fürsehung u. Weltordnung mit schrecklichen Reden anzuklagen, auch unter den peinlichen Griffen des Henkers seyne gräuliche Ketzerey keineswegs widerruffen, sondern mit lauter Stimme geschrieen, dem heyligen Evangelio zum Trotze dabey zu verbleiben, daß die gesammte Mundicreation aus eytel Bosheyt u. Schadenfrohmüthigkeyt von s. v. dem Teuffel auscogitiret u. einstituiret worden sey.»

Diese Worte überraschten mich, da in religiösen Zeiten selbst die ruchlosesten Verbrecher den Namen Gottes und der Heiligen zu schonen pflegten. Offenbar war da von einem Vorläufer der modernen Pessimisten die Rede, und ich war um so begieriger, die Beweggründe dieser vereinzelten Denkungsart kennenzulernen, als dieselben von gewaltiger Kraft sein mußten, um die furchtbare Rüstung der Kirche und des Zeitalters zu durchlöchern.

Nachdem daher mein Wirt die Kammer mit einem frommen «Bhüt Euch Gott!» verlassen, spürte ich dem Anfang des Berichtes nach, wobei ich denn aus dem Wust von gerichtlichen Prozeduren und aktenmäßig niedergeschriebenen Geständnissen eine ergreifende Leidensgeschichte herauslas.

Xaver Z'Gilgen, so hieß der Delinquent, war einst ein armer Schiffsmann aus Brunnen bei Schwyz, der um Lohn die Marktleute in die Dörfer und Flecken des gegenüberliegenden Seeufers und mitunter bis gegen Flüelen hinaufführte.

Einmal im Jahre, zumeist im Spätherbst, trieb er eine der großen Viehherden über den Gotthard auf den Markt von Lauis. Wenn der Winter kam und die Arbeit mangelte, verdingte er sich wohl auch für einige Monate als Bedienter bei den Vornehmen in Schwyz, wo er wegen seines stillen, bescheidenen Wesens, seiner Anstelligkeit und seines gefälligen Äußern gern gelitten war.

Die Sorgen um den Lebensunterhalt nahmen nicht allein seine Tätigkeit, sondern auch seine Aufmerksamkeit in Anspruch, und obschon der schmucke Bursche auf dem Tanzboden die reichsten Sennen in der Gunst der Mädchen ausstach, war ihm doch niemals eingefallen, daß so ein armer Schiffsmann heiraten dürfte.

So verstrichen die Sommer und Winter, und als er Anno 1641 dreißig Jahre alt wurde, überließ er als alter Knabe den Tanzboden den Jüngeren.

Im folgenden Herbst trieb er wie gewöhnlich seine Herde nach Lauis, und da er gerade dazukam, wie in Giornico die Weinlese stattfand, stellte er seine Herde in den Pferch und schaute mit der Ruhe des Älplers dem Geschäft zu.

Eine braune Dirne mit bloßen Füßen und aufgeschürztem Rock, welche eine Granatblüte über dem Ohr in den schwarzen Locken stecken hatte, schritt mehrmals freien Ganges mit dem gefüllten Korbe an ihm vorüber, ihm einen prüfenden Seitenblick zuwerfend. Endlich wies sie ihm ihre weißen Zähnchen, stieß ihn mit dem Ellenbogen leicht an und rief mit lauter Stimme in gebrochenem Schwyzerdeutsch: «Faulpelz! Anstatt da zu stehen, könntest du uns ein wenig helfen.»

Ein allgemeines Gelächter hinter den Weinranken begleitete ihre Neckerei, und Xaver hielt sich hierdurch für verpflichtet, der Aufforderung nachzukommen.

Den ganzen Abend führte er fleißig das Winzermesser, und wenn er einen Augenblick ruhen wollte, deutete die Dirne auf die Trauben.

«Ancora!» befahl sie, und er begann sofort von neuem.

Nicht einmal einen Dank bekam er zum Abschied. Es mußte wohl in Giornico gewöhnlicher Brauch sein, die Reisenden zum Winzerdienst zu pressen.

Aber als er schon hundert Schritte entfernt war, wendete er sich um und schlich nochmals herbei.

Die Augen des Mädchens leuchteten, wie sie ihn umkehren sah, dann biß sie sich auf die Lippen und wartete.

«Wie heißt du?» fragte er mit unsicherer Stimme.

«Speranza», antwortete sie und lachte mit heller Stimme.

Jetzt schämte er sich über die Maßen. Offenbar hatte er etwas Dummes gefragt, und es reute ihn, daß er umgekehrt war.

Der Weg nach Lauis ist weit, und die Herden «fahren langsam». Xaver fand mithin, obschon er nichts weniger als ein Denker war, Zeit genug, um mit den Gedanken, die ihm unwillkürlich aufstiegen, fertig zu werden.

Nachdem er daher in Lauis seine Geschäfte erledigt hatte, begab er sich zum Landvogt, einem Schwyzer, bei dem er einst in Dienst gestanden, und fragte ihn treuherzig, ob er wohl ein Mädchen, das er gerne heiraten möchte, heiraten solle.

Der Landvogt klopfte ihm auf die Schulter und sprach: «Vereli, ich bin kein Beichtvater, und wenn ich auch ein solcher wäre, so würde ich mir's zweimal bedenken, ehe ich einem andern in Heiratsangelegenheiten einen Rat gäbe; aber so viel getraue ich mir schon zu sagen, weil Ihr mich einmal gefragt habt, daß es nichts schadet, wenn man diejenige, welche man heiratet, gerne heiratet.»

Danach begab sich Xaver auf die Heimreise, suchte seine Speranza auf, machte es mit ihr «richtig» und nahm sie als seine Frau mit über den Gotthard.

Vieler Umstände bedurfte es dabei nicht, denn die Gemeinde war froh, der bettelarmen Speranza loszuwerden, und ein Fuhrwerk hatten sie auch nicht; die ganze Mitgift des Mädchens hatte in einem Bündel Platz, welchen Xaver auf seinen Rücken schnallte.

Xavers Landsleute sperrten die Augen auf und schüttelten den Kopf, als sie ihn mit einer Frau heimkehren sahen. Daß sie arm war, wollten sie ihm zur Not verzeihen, aber eine Fremde und dazu noch eine aus dem ennetbergischen Untertanenland zu nehmen, während man unter den vollblütigen Schwyzerinnen wählen konnte, das kam einer Beleidigung des herrschaftlichen eidgenössischen Kantons gleich. Eine Mißheirat wird auf dem Lande noch strenger geahndet als bei Hofe.

Xaver sah sich als «Abtrünniger» gemieden, und wenn ihn nicht seine Gönner, die Vornehmen von Schwyz, welche freieren Anschauungen huldigten, mit Arbeit bedacht hätten, so würde ihn seine Vereinsamung zur Auswanderung gezwungen haben.

Für die Ungunst, die ihm in der Öffentlichkeit, auf der Landsgemeinde und im Wirtshaus begegnete, entschädigte ihn freilich das Glück, das er in seinem Häuschen fand. Speranza, obschon unordentlich, ja selbst unreinlich im Hauswesen, so daß die Nachbarinnen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, war allzeit fröhlich, sang bei der Arbeit in der Küche und im Gärtchen und lachte, wenn sie nichts Besseres zu tun oder zu reden wußte. Des Sonntags, auf dem Weg zur Messe, ging sie mit aufrechter Haltung und vornehmen Schritten neben ihm einher, daß er sich wie der Landammann von Schwyz vorkam und mit dem reichsten Sennen nicht getauscht hätte.

Als sie ihm vollends übers Jahr ein Mädchen schenkte, da wurde er glücklich wie ein Kind, kümmerte sich um die ganze Welt nicht mehr, besuchte weder die Landsgemeinde noch das Wirtshaus, ja sogar nur selten die Kirche und saß zu Hause, so oft es nur seine Arbeiten erlaubten.

Natürlich ließ er das Mädchen Speranza taufen, denn einen lieberen Namen wußte er nicht auf der Welt.

Das ging so in Glück und Frieden bis zum Februar 1645.

Um diese Zeit, während der Fastnacht, auf dem Heimweg vom Tanz in Lowerz, wo sie allein hingegangen war, weil Xaver unterdessen das Kind hütete, wurde seine Speranza von «lustigen Nachtbuben» aus Zug angehalten und, da sie sich zur Wehre setzte, erschlagen – «aus Übermut und Kurzweil», wie es in den Akten heißt.

Seit diesem Augenblick – ich folge von nun an der Anklage im Stil wie im Inhalt – legte Xaver ein unchristliches Wesen an den Tag.

Zunächst zeigte er seinen Hochmut damit, daß er ein großes «Wesen» von dem Totschlag machte, ungeachtet derselbe doch nur von trunkenen Nachtbuben zur Kurzweil an einem hineingeschleppten ennetbergischen Mädchen verübt worden war. Ja, allen vernünftigen Zureden zum Trotze belästigte er die gnädigen Herren und die Landsgemeinde mit unaufhörlichen Anträgen, man möge um dieser unnützen Geschichte willen den lieben, teuren, eidgenössischen, freundnachbarlichen und katholischen Stand Zug von Amts wegen zeihen und beklagen, respektive mit Krieg überziehen.

Nachdem er wiederholt in dieser Angelegenheit von der Landsgemeinde mit Spott und Schande überstimmt worden war, verschloß er sich plötzlich den Menschen, vernachlässigte seine Arbeit und seine Kleidung, ging auch nicht mehr zu Kommunion und Beichte und antwortete dem Kaplan, wenn ihm dieser derohalben Vorstellungen machte, erst möge ihm der liebe Gott ein Wunder zeigen und ihm seine liebe Speranza wieder ins Leben rufen, dann wolle er seine Güte und Allmacht preisen.

Während er dergestalt die heilige Kirche verachtete, trieb er eine ärgerliche Abgötterei mit seinem Kinde, indem er ihm aus dem jahrelang zusammengesparten Gelde köstliche Kleider und Leckerbissen und allerlei Kurzweil kaufte, daß es hochmütig einherging wie eines Ratsherrn Töchterlein von Luzern. Auch züchtigte er dasselbe niemals mit Ruten, nach frommem, christlichem Brauch, sondern liebkoste es vom Morgen bis zum Abend, nannte es mit den süßesten Namen und willfahrte jedem seiner Wünsche, gleich als ob er sein Diener und nicht sein Vater gewesen wäre. Und das Kind hing an ihm wie ein Hund an seinem Herrn und wollte mit keinen andern Kindern spielen, sondern begleitete seinen Vater auf seinen Fahrten, bis Stans und Luzern, ja sogar nach Uri und Italien.

Und es herrschte eine solche sündhafte, abgöttische Anhänglichkeit zwischen den beiden, daß es allmählich ruchbar wurde, wie er zu dem Frevel seiner hochmütigen Ketzerei noch das Verbrechen der Zauberei hinzugesellte.

Vor allen Augen offenbar aber wurde seine Zauberei bei der schweren Heimsuchung, welche Gott der Allmächtige in seiner Gnade im Jahre 1647 über die Gemeinde Brunnen wegen ihrer Sünden verfügte.

Im selbigen Sommer nämlich führte der Magister Balzer die Kinder zum Feste nach Einsiedeln über den Yberg.

Weil aber jenseits der Allmend im Walde viele rote giftige Beeren wuchsen, welche schon manchem Schaden an seiner Gesundheit gebracht hatten, so ermahnten die Väter ihre Kinder mit vieler Strenge, nicht seitwärts vom Wege zu gehen und keine roten Beeren zu essen, sondern dem Magistro in Gehorsam untertan zu bleiben, gleich wie sie selber ihrer Obrigkeit in Zucht und Frömmigkeit untertan wären.

Und damit ihre fürsorgliche Lehre und Exhortation eindrücklicher im Gedächtnis verbliebe, züchtigte ein jeder sein Kind vor dem versammelten Volke mit Ruten; auch hielten sie den Magistrum an, selbige Züchtigung zu besserem Gedächtnis zu wiederholen, zuerst an der Säge, unterhalb der Allmend, und dann auf dem Berge bei den vier Winden ob dem Walde.

Nur Xaver Z'Gilgen züchtigte weder sein Kind selber mit Ruten, noch wollte er leiden, daß der Magister dasselbe tätlich exhortiere, redete ihm auch nicht scharf zu, sondern sah ihm milde in die Augen und fragte mit sanfter Stimme, ob es ein freies Schwyzerkind sein wolle oder ein stolzes. So nämlich pflegte er es alle Tage zu fragen. Das Kind aber zeigte keinerlei Angst noch Untertänigkeit, sondern antwortete mit beherzter Stimme, ein freies Schwyzerkind sein zu wollen und keine Beeren anzurühren, geschweige denn rote, und sie zu essen.

Xaver Z'Gilgen belobte sein Kind und herzte es gleich einer Mutter und gab ihm durchaus keine andere Exhortation, so daß das Volk von großem Schrecken über sein nahes, elendigliches Ende ergriffen wurde.

Und die Kinder überwältigten den Magistrum bei den vier Winden ob dem Walde und banden ihm die Hände und Füße mit Tüchern.

Darauf gingen sie hin und aßen rote Beeren bis zum späten Abend.

Aber als der Mond herauszog und die Kälte ihnen zusetzte und das Gift in ihren Eingeweiden zu grimmen anfing, bereuten sie ihren Ungehorsam, lösten den Magistrum von seinen Banden, umfaßten seine Knie und flehten zu ihm mit Tränen und erbärmlichen Reden, er möge sie doch um Christi Barmherzigkeit willen von ihrer grausamen Pein erretten und in ihre Heimat zurückführen.

Und von selbigen Kindern starben sieben eines elenden Todes, die einen auf dem Wege, die andern am folgenden Tage in ihren Betten, die übrigen aber lagen lange Zeit krank unter großen Schmerzen.

Einzig Speranza Z'Gilgen, obschon sie weder Zucht noch Exhortation erhalten hatte, wich nicht von dem Magistro und aß nicht von den roten Beeren und spürte auch keinerlei Pein, so daß ihres Vaters Zauberei vor allen Augen offenbar wurde und ohne die Intervention und Fürbitte der gnädigen Herren von Schwyz schon damals seine Freveltaten zur verdienten Strafe wären gezogen worden.

Allein da sich sein Hochmut von Tag zu Tag mehrte, setzte der Allmächtige seiner Langmut ein Ende, indem er den sündhaften Abgott seines Herzens, die Speranza, an einem Steinwurf, den sie in der Kurzweil mit fröhlichen Knaben erhalten, nicht gesunden, sondern unter grausamen Schmerzen dahinsiechen ließ.

Anstatt jedoch die Strafe mit christlicher Demut zu seiner Buße und Besserung zu benützen, verstockte Xaver Z'Gilgen sich nur um so hartnäckiger und setzte seinem ketzerischen Hochmut dadurch die Krone auf, daß er, die wundertätige Fürbitte des Klosters verachtend, mit großen Kosten zwei gelahrte Doctores nächtlicherweile von Luzern auf dem Nauen herüberholte, welche die Kranke mit aller Kunst und Sorgfalt schonten und pflegten und ihr die schwärenden Wunden mit dem Messer und dem glühenden Eisen säuberlich reinigten.

Speranza aber wollte sich den Doctoribus nicht in Güte unterziehen, sondern begann heftig zu schreien und zu klagen, warum sie so grausame Pein leiden müsse und ob sie denn nicht allezeit ein freies Schwyzerkind gewesen sei.

Und sie flehte mit Worten und Blicken so rührend zu ihrem Vater, daß alle Umstehenden weinten.

Selbst jetzt aber noch redete er ihr nicht mit Strenge zu, erklärte ihr auch nicht, daß sie ihre Leiden als gnädige, gerechte Strafe für ihre Sünden erdulde, sondern lobte sie mit zärtlichen Reden, schalt auf die Welt und den Himmel und nannte sie sein liebes, freies Schwyzerkind.

Als aber Speranza die abgöttische Liebe ihres Vaters bemerkte, umschlang sie seinen Hals und schwor mit Zittern und mit Schreien, sie wisse nicht, was sie Übles getan habe, daß er sie so grausam von den Doctoribus bestrafen lasse, und er möge ihr doch verzeihen und die Doctores wegschicken und ihre Schwären heilen, so wolle sie ihr ganzes Leben lang ein freies Schwyzerkind sein und nie wieder etwas Stolzes begehen.

So flehte und schrie sie bis an ihr unbußfertiges Ende, den 12. Januarium 1648.

Am 17. Januario aber, am Tage der heiligen Gertrud, als der ehrwürdige Pater Aloysius in der Kirche zu Brunnen über den Text predigte: «Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte: und siehe da, es war sehr gut» (1. Moses 1,31), da sprang Xaver Z'Gilgen auf und schalt unter vielem Schreien und Weinen den ehrwürdigen Patrem Aloysium einen Lügner und das heilige Evangelium eine Irrlehre und fing an, insbesondere greuliche Ketzereien auszustoßen, als wäre die Welt nicht aus Güte vom lieben Gott geschaffen worden, sondern von «s. v. dem Teuffel» aus grausamer Arglist, um sich an der Pein und Folter der unschuldigen Menschen und Tiere zu belustigen.

Also kam seine ruchlose Ketzerei an den Tag.

Das Volk aber empörte sich über seine Reden, schlug ihn und überwältigte ihn und überlieferte ihn den Richtern zu seiner wohlverdienten Strafe ...

Die Kerze war zu Ende gebrannt, und die Müdigkeit übermannte meine Gedanken.

Während der Donner rollte und der Regen durch die Fugen der Fenster strömte, schlief ich einen gesunden Schlaf bis zum späten Morgen.

Aber als nun beim Erwachen der glänzende Tag ins Zimmer schien und unten vor meinen Augen Brunnen über dem See im hellen Sonnenschein glitzerte und oben der hohe Mythen und der Yberg, da erinnerte ich mich, die ganze Nacht von dem unglücklichen Xaver Z'Gilgen, seinem schönen Weibe und der lieblichen kleinen Speranza geträumt zu haben. Wir wandelten alle vier von Einsiedeln nach Schwyz; Xaver und sein Weib jauchzten oben am Gipfel von den Felsen übers Tal, Speranza pflückte mir Enzianen, und ich nannte sie ein liebes, freies Schwyzerkind.

«Ihr habt gut geschlafen», lachte der Hirt, der in diesem Augenblick unversehens zur Kammer hereinstieg. «Ja, ja! wenn man's nicht gewohnt ist – nach einem tüchtigen Marsch, wie Ihr gestern einen gemacht habt, kann man das Schlafen schon brauchen. Ich bring' Euch ein Glas Milch, wenn Ihr fürlieb nehmen wollt. Kaffee und Zichorien und Zucker und derlei Kostbarkeiten kann ich Euch leider nicht anbieten.»

«Wem habe ich für die Gastfreundschaft zu danken?»

«Ignaz Z'Gilgen sagt man mir», und da er meine Bewegung bemerkte und durch einen Blick auf die abgebrannte Kerze und das aufgeschlagene Buch die Ursache derselben erriet, fügte er hinzu: «Von einem Bruder jenes Xaver Z'Gilgen stamm' ich ab ... Es ist seither manches besser geworden. Und wenn ich schon gerade wie er mit einer Tessinerin verlobt bin, habe ich deshalb doch keine Angst. Auf der andern Seite des Gotthard sind sie ja auch Menschen, so gut wie wir, oder was meint Ihr dazu?»