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Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel.

Die französische Küste.

Ich hatte den Brief meines Onkels wohl hundertmal gelesen und konnte ihn fast auswendig. Und doch zog ich ihn jetzt, auf dem Schiffe, wieder aus der Tasche, um ihn nochmals mit größter Aufmerksamkeit durchzulesen, als wäre es das erstemal. Die gezierten, spitzigen Schriftzüge mochten von der Hand eines Landadvokaten herrühren, und die Adresse lautete: Monsieur Louis de Laval, zu Händen des Mr. William Hargreaves, Wirt zum grünen Mann in Ashford, Kent.

Mein Quartiergeber bezog nämlich große Mengen geschmuggelten Branntweins von der normannischen Küste; und durch Schmuggler hatte auch dieser Brief heimlich den Weg zu ihm gefunden.

»Mein lieber Neffe,« so las ich, »jetzt, da Dein Vater tot ist, und Du in der Welt allein stehst, wirst Du unseren alten Familienzwist wohl nicht weiterzuführen gedenken. Zur Zeit der großen Unruhen stellte sich Dein Vater an die Seite des Königs, mich aber zog es zu dem Volke hin. Was weiter geschah, weißt Du. Dein Vater mußte fliehen, und ich wurde Besitzer seiner Güter in Grobois. Es mag Dich betrüben, Dich in so veränderten Verhältnissen Deinen Vorfahren gegenüber zu befinden; aber lieber als in fremden Händen wirst Du sicherlich die Ländereien in meinem Besitze wissen. Bei dem Bruder Deiner Mutter wirst Du ja immer Liebe und Entgegenkommen finden.

Und nun will ich Dir einen guten Rat geben. Ich war, wie Du weißt, immer Republikaner; aber gegen das Schicksal kann man nicht ankämpfen, und Napoleons Macht ist nicht mehr zu erschüttern. Deshalb suchte ich mich ihm nützlich zu machen. Mit gutem Erfolge. Er ist mir wohlgesinnt und gewiß auch zu Gegendiensten bereit. Wie Du wohl erfahren hast, befindet er sich augenblicklich mit seiner Armee in Boulogne, wenige Meilen von Grobois. Wenn Du hierher kommst, wird er gewiß mit Rücksicht auf die Verdienste Deines Oheims die Feindschaft gegen Deinen Vater vergessen. Zwar steht Dein Name noch auf der Liste der Proskribierten, aber mein Einfluß auf den Kaiser wird die Sache rasch in Ordnung bringen. So komm denn sofort in vollem Vertrauen auf Deinen Onkel Bernac.«

Mehr noch als der Brief selbst gab mir dessen Umschlag zu denken. Die roten Wachssiegel an den Enden zeigten den Abdruck grober Handlinien. Offenbar hatte mein Onkel statt eines Siegelringes den Daumen benutzt. Und oberhalb des einen Siegels standen hastig hingekritzelt die englischen Worte: Kommen Sie nicht! Ob von weiblicher oder männlicher Hand, war nicht zu erraten; aber sie standen da, ein unheimlicher Zusatz zu der freundlichen Einladung.

Kommen Sie nicht! War mein Oheim plötzlich anderen Sinnes geworden? Kaum; warum hätte er dann den Brief überhaupt abgesandt? Oder wollte mich jemand anderes vor dem Besuche warnen? Der Brief war französisch, die warnenden Worte englisch. Vielleicht waren sie gar erst in England hinzugefügt worden. Aber die Siegel waren ja unverletzt; und in England konnte niemand von dem Inhalte des Briefes wissen.

Das Schiff stach in See; die geschwellten Segel über mir, die rauschenden Wellen an meiner Seite, rief ich mir alles ins Gedächtnis, was ich in früheren Zeiten über meinen Oheim gehört hatte.

Mein Vater entstammte einer der ältesten und stolzesten Adelsfamilien Frankreichs; seine schöne, tugendhafte Gattin war ihm nicht ebenbürtig. Sie selbst gab ihm niemals Anlaß, seine Wahl zu bedauern; einer ihrer Brüder jedoch, der damals Rechtsanwalt war, hatte schon in den Tagen des Glanzes der Familie durch seine heuchlerische Unterwürfigkeit das Mißfallen meines Vaters erregt. Später, nach dem Sturz der Adelsherrschaft, war er der ärgste Feind meiner Familie. Der einstige Bauernketzer war nunmehr einer der werktätigsten Anhänger Robespierres geworden und wurde von diesem zum Herrn auf Orobois eingesetzt. Nach dem Sturze Robespierres wußte er die Gunst Barras' zu gewinnen. Auch keine der folgenden Umwälzungen vermochte ihn von Grobois zu verdrängen. Und nun ersah ich aus diesem Briefe, daß auch der neue Kaiser für ihn Partei ergriffen hatte; so sonderbar mir dies erschien, in Anbetracht der Vorgeschichte dieses Mannes. Was für Dienste konnte ihm mein Oheim, der Republikaner, wohl geleistet haben?

Es mag unbegreiflich erscheinen, daß ich die Einladung eines Mannes annahm, den mein Vater als Verräter gebrandmarkt hatte. Aber die jüngere Generation der damaligen Zeit war nicht geneigt, den Groll gegen die neuen politischen Verhältnisse aufrecht zu halten. Für die alten Auswanderer schien mit dem Jahre 1792 die Zeit stille zu stehen; ihre Ideale und ihre Abneigungen standen unabänderlich fest. Wir Jungen aber, die wir in der Fremde aufgewachsen waren, fühlten, daß eine neue Zeit angebrochen war. Frankreich war nicht mehr das Land der Sansculotten und der Guillotine; siegreich und doch hart bedrängt von allen Seiten rief das Vaterland nach seinen versprengten Söhnen; und mehr als der Brief meines Oheims zog mich der Kriegslärm über den Kanal hinüber nach Frankreich.

Lange schon kämpfte ich im Herzen mit der Sehnsucht nach meinem Vaterlande. Zu Lebzeiten meines Vaters sprach ich nie davon; ihm, der unter Condé gedient und bei Quiberon gefochten hatte, wäre ein solcher Wunsch geradezu verräterisch erschienen. Mit seinem Tode jedoch fiel alles weg, was mich von der Rückkehr nach Frankreich abhielt, und meine Sehnsucht wurde um so dringender, da auch Eugenie – die nun seit dreißig Jahren meine Frau ist – ebenso dachte wie ich. Ihre Eltern, ein Zweig der Familie Choiseul, hatten ebenso unbeugsame Prinzipien und Vorurteile wie mein Vater. Um die Gesinnung ihrer Kinder kümmerten sie sich wenig. So oft sie im Hause über einen französischen Sieg trauerten, sprangen wir im Garten vor Freude. Bei einem lorbeerumkränzten Fenster des Gartenhauses hatten wir nächtliche Zusammenkünfte und schlossen uns um so enger zusammen, je mehr wir uns unserer Umgebung entfremdeten. Ich entwickelte meine ehrgeizigen Pläne; und Eugenie bestärkte mich darin durch ihre begeisterte Zustimmung. So war der Brief meines Oheims nur der äußere Anlaß zur Ausführung eines längst gehegten Planes.

Außer dem Tode meines Vaters und dem Briefe meines Onkels kam noch ein anderes Ereignis meinem Entschlusse zu Hilfe. In Ashford war mir seit kurzem der Boden heiß geworden. Gewiß kamen die Engländer im allgemeinen den französischen Auswanderern sehr freundlich entgegen. Jeder von uns bewahrt England und seinen Bewohnern ein gutes Andenken. Aber überall gibt es übermütige, prahlerische Menschen, und diese fehlten auch in dem ruhigen, schläfrigen Ashford nicht. Da war besonders ein kentischer Junker, Namens Forley, der als spott- und streitsüchtig bekannt war. So oft er einem von uns begegnete, stieß er Schmähungen aus, nicht nur gegen die französische Regierung, was man einem englischen Patrioten allenfalls hätte zugute halten können, sondern gegen Frankreich selbst und gegen alle Franzosen. Lange stellten wir uns taub seinen Angriffen gegenüber, aber endlich wurde mir die Sache zu arg, und ich beschloß, ihm eine Lehre zu geben. Eines Abends saß ich mit einigen Freunden in der Wirtsstube, und am Nebentische saß Forley. Er war halb betrunken und machte unausgesetzt hämische Bemerkungen über die Franzosen. »Und jetzt, Monsieur de Laval,« schrie er endlich, seine schwere Hand auf meine Schulter legend, »jetzt müssen Sie mit mir einen Toast ausbringen: auf den Arm Nelsons, der Frankreich vernichten soll.«

»Gut,« sagte ich, »ich will mit Ihnen trinken, wenn Sie versprechen, später bei meinem Toast mitzuhalten.«

»Abgemacht,« sagte er, und wir tranken.

»Nun kommt Ihr Toast an die Reihe,« rief er.

»Wohlan denn,« entgegnete ich, »ein Hoch der Kanonenkugel, die diesen Arm zerschmettert.«

Als Antwort schüttete er mir den Wein ins Gesicht. Es kam zum Zweikampf, und ich schoß ihn durch die Schulter. Abends traf ich Eugenie an dem gewohnten Fenster; sie pflückte ein paar Blätter von den Lorbeerbüschen und bekränzte mein Haupt.

Dieser Vorfall erschütterte meine Stellung in Ashford und trug wesentlich zu meinem Entschlusse bei, die Einladung meines Oheims – jenen mahnenden Worten zum Trotz – anzunehmen. Wenn er durch seinen Einfluß den Kaiser bewegen könnte, meinen Namen von der Liste der Proskribierten zu streichen, so stand meiner Rückkehr nach Frankreich nichts mehr im Wege.

Versunken in meine Gedanken, hatte ich ganz vergessen, wo ich mich befand. Da legte der Schiffer plötzlich seine Hand auf meine Schulter und schreckte mich aus meinen Träumereien auf.

»Nun denn, Herr,« sagte er, »jetzt müssen Sie in den Kahn steigen,«

Mein aristokratisches Gefühl regte sich, und ich schob seine schmutzige Hand sanft von meinem Arm. »Die Küste ist noch weit,« bemerkte ich.

»Tun Sie, was Sie wollen,« sagte er; »ich fahre nicht weiter. Steigen Sie ins Boot oder schwimmen Sie hinüber.«

Vergeblich hielt ich dem Manne vor, daß ich den ganzen Fahrpreis gezahlt hatte. Sogar meine Uhr, ein altes Erbstück der Familie, hatte ich dafür geopfert.

»Wenig genug,« schrie er wild. »Die Segel nieder, Gin, und das Boot heran. Jetzt, Herr, steigen Sie hinein, oder kommen Sie zurück mit mir nach Dover. Südweststurm ist im Anzug; ich fahre nicht einen Faden weiter.«

»Dann steige ich ins Boot,« sagte ich.

»Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben,« rief er und lachte so aufreizend, daß ich ihn hätte prügeln mögen. Aber solchen Leuten gegenüber ist man ganz machtlos; wenn man den Stock gegen sie erhebt, so schlagen sie einem mit der blanken Faust die Zähne ein. So machte ich denn gute Miene zum bösen Spiel und sprang in den Kahn. Mein Bündel – ein feines Reisegepäck für einen Herrn von Laval – flog mir nach. Zwei Matrosen legten die Ruder ein und strebten mit mächtigen Schlägen der fernen Küste zu.

Eine schlimme Nacht stand uns bevor. Dunkle Wolken ballten sich am Horizont, und durch ihre zerrissenen Ränder brachen die Strahlen der untergehenden Sonne. Fahlrotes Licht ergoß sich über das Firmament und spiegelte sich in der bleischweren See. Unser kleines Boot schaukelte heftig und tanzte auf den Wellen. Ängstlich blickten die Ruderer bald nach dem Himmel, bald nach der Küste. Schon sah es aus, als ob sie umkehren und zu dem großen Segler zurückfahren wollten.

»Was sind das für Lichter, die da auf beiden Seiten durch den Nebel blitzen?« fragte ich, um ihre Gedanken von den Wettersorgen abzulenken.

»Hier im Norden ist Boulogne und im Süden Etaples,« antwortete mir einer der Ruderer höflich.

Boulogne! Etaples! Wie mich diese Namen berührten! In Boulogne hatte ich als Knabe viele Sommer zugebracht. Wie oft war ich an der Hand meines Vaters am Strand dahingeschlendert, die ehrfurchtsvollen Grüße der Fischersleute mit kindlichem Stolze erwidernd. Und gar Etaples! Da waren wir auf der Flucht nach England durchgekommen. Das rasende Volk hatte sich am Hafen angesammelt und bewarf uns mit Steinen. Meiner armen Mutter zerschmetterten sie das Knie. Der Aufschrei meines Vaters und der schrille Schreckensruf meiner eigenen Kinderstimme gellt mir noch heute in den Ohren. Und zwischen diesen beiden Orten, in dem weiten dunklen Raume, den ihre Lichter begrenzten, lag auch Grobois, die Burg meiner Väter. Wie strengte ich meine Augen an, ihr schwarzes Dach zu erspähen!

»Hier ist die Küste recht einsam,« sagte einer der Seeleute; »so manchen Ihrer Kameraden haben wir hier ausgeschifft.«

»Wofür halten Sie mich denn?« fragte ich.

»Das sage ich nicht,« entgegnete er, »es gibt Dinge, über die man am liebsten nicht spricht.«

»Sie halten mich wohl für einen Verschwörer?«

»Nun ja, wenn Sie es selbst sagen; solche Leute sind bei uns nicht selten,«

»Auf Ehrenwort, ich bin kein Verschwörer.«

»Also ein entlaufener Sträfling?«

»Auch das nicht.«

Der Mann hielt mit dem Rudern inne; ein neuer Verdacht schien ihm aufzusteigen, »Wenn Sie ein Spion Bonapartes sind . . .«

»Ich ein Spion!« rief ich entrüstet. Der Ton meiner Stimme schien ihn zu überzeugen.

»Nun gut,« sagte er, »der Teufel soll wissen, was Sie sind. Aber einen Spion hätte ich um keinen Preis ans Land gesetzt.«

»Oho,« polterte der andere Ruderer heraus, »schimpft nicht über Bonaparte; er ist unser bester Freund.«

An einem Engländer überraschte mich diese Sympathie für den Kaiser, aber die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten.

»Daß wir armen Seeleute das bißchen Zucker und Kaffee über die Grenze bringen können,« sprach der Seemann weiter, »verdanken wir nur Bonaparte; früher haben die Kaufleute ihren Schnitt gemacht, jetzt ist die Reihe an uns.«

In der Tat hatte Bonaparte den ganzen Handel zwischen England und Frankreich den Schmugglern in die Hände geliefert.

Plötzlich hielt der Sprecher inne und wies mit der rechten Hand in die dunkle Ferne, während die linke eifrig weiter ruderte.

»Dort ist Bonaparte selbst,« rief er aus.

Bonaparte! Ihr, die ihr in einem ruhigen Zeitalter lebt, könnt den Schreck, der mir beim Klange dieses Namens durch die Glieder fuhr, nicht begreifen. Vor zehn Jahren hatte man das erstemal von dem Manne mit dem sonderbaren italienischen Namen gehört. Was erreichen gewöhnliche Sterbliche in zehn Jahren? Er aber war von einem Augenblick zum anderen aus nichts zu einem allmächtigen Manne geworden. Heuschreckenschwärmen gleich überschwemmten seine Armeen ganz Norditalien; Venedig und Genua seufzten unter dem Drucke dieses unscheinbaren, schlecht genährten Burschen. Er beschämte die tapfersten Soldaten und überlistete die schlauesten Diplomaten. Mit ungeahnter Tatkraft brach er gegen den Orient vor; und während noch die Augen Europas nach Ägypten, der neuen französischen Provinz, blickten, war er wieder zurück in Italien und schlug Österreich zum zweitenmal auf das Haupt, überall kam er überraschend; die Nachrichten über seine Bewegungen konnten mit diesen selbst nicht Schritt halten. Wohin er kam, siegte er, verschob die Grenzen und stürzte die herrschende Ordnung, Holland, Savoyen, die Schweiz, sie waren zu geographischen Begriffen herabgesunken. Nach allen Seiten streckte Frankreich seine Arme aus. Nun war er gar zum Kaiser ausgerufen worden. Die Republikaner, deren die ältesten Königsgeschlechter und der stolzeste Adel nicht Herr werden konnten, lagen vor ihm im Staube. Mit atemloser Spannung folgten wir in der Ferne seinen waghalsigen Unternehmungen. Überall heftete sich der Erfolg an seine Fersen. Wie etwas Übermenschliches, Ungeheuerliches stellte ich mir ihn vor, das einer finsteren Wolke gleich über Frankreich schwebte und ganz Europa bedrohte.

Bonaparte! In meiner überhitzten Phantasie erwartete ich, eine riesenhafte Gestalt, ein überirdisches Fabelwesen zu sehen, finster, schrecklich und unheilsschwanger, thronend über den Gewässern.

Was ich wirklich sah, entsprach meinen kindischen Erwartungen durchaus nicht.

Im Norden die langgestreckte flache Küste. Im Abendlichte grau, wie das dahinterliegende Heideland, begann bei einbrechender Dunkelheit ihr Saum zu leuchten wie schwachglühendes Eisen. Der rote Strich glich einem feurigen Schwerte, dessen Spitze gegen England wies.

»Was ist das dort?« fragte ich.

»Ein französisches Schiff; ob Bonaparte selbst an Bord ist, weiß ich nicht; das hier sind Signallichter; auf dem Wege nach Ostende könnten Sie noch viele zu sehen bekommen, Er wäre kühn genug, da herein zu kommen, der kleine Bony, wenn Nelson nicht wäre.«

»Wie kann Lord Nelson wissen, was er vorhat?« fragte ich.

Der Seemann zeigte über meine Schulter hinaus in die Finsternis; weit draußen am Horizont entdeckte ich zwei Lichter.

»Seine Wachhunde,« sagte er mit rauher Stimme.

»Andromeda. Nr. 44,« ergänzte sein Kamerad.

Wie oft habe ich mir seither dieses Bild ins Gedächtnis zurückgerufen! Der rote Küstensaum und davor die drei blinkenden Lichter, als Repräsentanten der zwei großen Rivalen, als Wahrzeichen ihres Kampfes um die Vorherrschaft zu Wasser und zu Land; des Kampfes, der seit Jahrhunderten tobt und noch Jahrhunderte dauern mag.

Das Leuchten der Küste war schwächer geworden, und das Rollen des Sandes auf dem Meeresgrunde schlug immer lauter an mein Ohr. Schon nahm ich den Anprall der Wogen an die Küste deutlich aus. Da schoß plötzlich, wie eine aus ihrem Versteck aufgescheuchte Forelle, ein langes, schwarzes Boot aus der Finsternis hervor und flog geradeswegs auf uns zu.

»Zollwächter,« rief einer der Seeleute.

»Wir sind verloren,« schrie der andere und stopfte rasch etwas unter seinen Sitz.

Aber knapp vor uns schwenkte das große Boot jählings ab und fuhr mit Windeseile davon. Die Seeleute zogen die Augenbrauen hoch und starrten ihm nach.

»Die haben auch kein reines Gewissen,« meinte der eine, »vielleicht waren es Kundschafter.«

»Jedenfalls sind wir heute nacht nicht die einzig Verdächtigen,« ergänzte der andere.

»Weiß der Teufel, wer sie waren; meinen Tabak habe ich auf alle Fälle versteckt. Mit den französischen Gefängnissen habe ich schon einmal Bekanntschaft gemacht. Die Ruder weg, Bill, wir sind da.«

Im nächsten Augenblick fuhr das Boot knirschend auf sandigen Grund. Mein Bündel flog ans Land, und ich sprang hinterdrein. Die Ruderer stießen den Kahn mit einem kräftigen Ruck ab und fuhren eiligst davon. Das glühende Rot im Westen war geschwunden. Gewitterwolken deckten den Himmel, und undurchdringliche Finsternis lag über dem Ozean. Als ich mich umwandte, dem Boote nachzuschauen, schlug mir ein feiner Regen ins Gesicht; der Sturm heulte, und das Brüllen der erregten See machte die Luft erzittern.

Ja, das war eine schreckliche Nacht, damals im Frühling des Jahres 1805, da ich nach vierzehnjähriger Verbannung zum erstenmal den Boden meines Vaterlandes wieder betrat, dessen Zierde und Stütze meine Familie Jahrhunderte hindurch gewesen. Es hatte mir übel mitgespielt, das Land meiner Väter; unsere Verdienste hat es mit Beschimpfung und Verbannung belohnt. Aber jetzt war alles vergessen. Ich fiel auf die Knie und küßte mit Inbrunst den Boden der geliebten Heimat.

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