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Arthur Conan Doyle: Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Red Circle - Das Abenteuer des Roten Kreises
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
translatorreuters@abc.de
copyright2003 Jeannette Schneider
secondcorrectorGerd Bouillon
senderJeannewords@gmx.net
created20031019
titleDas Abenteuer des Roten Kreises
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Arthur Conan Doyle

Das Abenteuer des Roten Kreises

Eins

»Nun, Frau Warren, ich sehe weder, warum Sie einen besonderen Grund zur Besorgnis haben, noch verstehe ich, warum ich meine kostbare Zeit für diese Angelegenheit opfern sollte. Ich habe wirklich andere Dinge zu tun,« sagte Sherlock Holmes und wandte sich wieder dem großen Album zu, in dem er sein neuestes Material ordnete und katalogisierte.

Aber die Hauswirtin besass die ganze Hartnäckigkeit und Schlauheit ihres Geschlechtes. Sie gab nicht auf.

»Letztes Jahr lösten Sie ein Problem für einen meiner Mieter,« sagte sie – »Herrn Fairdale Hobbs.«

»Richtig – ein einfacher Fall.«

»Aber er hört nicht auf darüber zu reden – über Ihr Entgegenkommen, mein Herr, und über die Art, wie Sie Licht in das Dunkel brachten. Ich erinnerte mich seiner Worte, als ich mich selber in Zweifel und Ungewissheit befand. Ich weiß, dass Sie helfen könnten, wenn Sie nur wollten.«

Holmes war für Komplimente zugänglich, er war aber auch, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, hilfsbereit. Beides brachte ihn dazu, seinen Klebepinsel mit einem resignierten Blick wegzulegen und seinen Sessel zurückzuschieben.

»Gut, Frau Warren, dann lassen Sie hören. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich rauche? Danke, Watson – die Streichölzer! Sie sind besorgt, wenn ich Sie recht verstehe, weil sich Ihr neuer Mieter nur in seinen Räumen aufhält und Sie ihn nicht zu Gesicht bekommen. Nun – du meine Güte, Frau Warren – wenn ich Ihr Mieter wäre, würden Sie mich oft wochenlang nicht zu sehen bekommen.«

»Kein Zweifel, mein Herr; aber dieser Fall liegt anders. Er macht mir Angst, Herr Holmes. Ich kann vor Angst nicht schlafen. Seine schnellen Schritte hören zu müssen, wie sie sich hierhin und dorthin bewegen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht und noch nicht einmal einen flüchtigen Blick auf ihn erhaschen zu können – das ist mehr als ich ertragen kann. Mein Mann ist darüber genauso beunruhigt wie ich, aber er ist den ganzen Tag fort bei der Arbeit, während ich keinen Moment Ruhe finden kann. Warum versteckt er sich? Was hat er getan? Außer dem Mädchen bin ich ganz alleine im Haus mit ihm, und das ist mehr als meine Nerven aushalten können.«

Holmes lehnte sich nach vorne und legte der Frau seine langen, schmalen Hände auf die Schultern. Wenn er wollte, konnte er jemanden mit fast hypnotischer Kraft beruhigen. Der erschrockene Ausdruck wich aus ihren Augen und ihre verstörten Gesichtszüge glätteten sich. Sie setzte sich in den Sessel, den er ihr angeboten hatte.

»Wenn ich mich darum kümmern soll, muss ich jedes Detail kennen,« sagte er. »Denken Sie bitte gründlich nach. Jede Kleinigkeit kann von Bedeutung sein. Sie sagen, der Mann zog vor vor zehn Tagen ein und bezahlte Ihnen für zwei Wochen Kost und Logis im voraus?«

»Er erkundigte sich nach meinen Bedingungen, mein Herr. Ich sagte fünfzig Schilling die Woche. Unsere Wohnung ist oben im Haus, mit einem kleinen Wohnzimmer und Schlafzimmer.«

»Und?«

»Er antwortete, ›Ich werde ihnen fünf Pfund die Woche bezahlen, wenn Sie meine Bedingungen akzeptieren.‹ Ich bin eine arme Frau, mein Herr, und Herr Warren verdient wenig, ich brauche das Geld. Er zog eine Zehnpfundnote heraus und hielt sie mir hin. ›Sie können alle zwei Wochen wieder eine bekommen, und zwar für einige Zeit, wenn Sie sich an meine Bedingungen halten,‹ sagte er. ›Wenn nicht, will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben.‹«

»Und wie waren die Bedingungen?«

»Nun, mein Herr, er wollte einen Schlüssel vom Haus haben. Das ist in Ordnung, Mieter haben oft die Schlüssel. Auch wollte er, dass er völlig in Ruhe gelassen wird und nie, unter keinem Vorwand, gestört wird.«

»Daran ist nichts Merkwürdiges, oder?«

»Eigentlich nicht, mein Herr. Aber merkwürdig ist es doch: er lebt seit zehn Tage hier und weder Herr Warren, noch ich, noch das Mädchen haben ihn je zu Gesicht bekommen. Wir können nur seine schnellen Schritte hören, auf und ab, ab und auf, nachts, morgens und abends; aber ausser in der ersten Nacht hat er nicht ein einziges Mal das Haus verlassen.«

»Oh, er ging also in der ersten Nacht aus?«

»Jawohl, und er kam sehr spät zurück – nachdem wir alle schon zu Bett waren. Nachdem er die Zimmer gemietet hatte, sagte er sagte mir, dass er das vorhabe und bat mich, die Tür nicht abzusperren. Ich hörte ihn nach Mitternacht die Treppe heraufkommen.«

»Und seine Mahlzeiten?«

»Er gab die besondere Anweisung, dass wir immer, wenn er klingelt, sein Essen auf einen Stuhl vor die Tür stellen sollen. Dann klingelt er wieder, wenn er fertig ist und wir holen das Geschirr von demselben Stuhl ab. Wenn er etwas anderes will, druckt er es auf einen Papierstreifen und legt ihn dort hin.«

»Druckt es?«

»Jawohl; er druckt es in Bleistift. Nur das Wort, nichts weiter. Hier ist so ein Streifen, den ich mitgebracht habe um es Ihnen zu zeigen – Seife. Hier ist noch ein anderer – Streichholz. Diesen hier hat er am ersten Morgen hinlegt – Tageszeitung. Ich bringe sie ihm jeden Morgen zum Frühstück.«

»Ach du liebe Zeit, Watson,« sagte Holmes und starrte voller Neugier auf die Kanzleipapierstreifen, die ihm die Vermieterin gegeben hatte, »das ist allerdings etwas ungewöhnlich. Zurückgezogenheit kann ich verstehen; aber warum in Druckbuchstaben schreiben? Das ist umständlich. Warum nicht handschriftlich? Was würde das nahelegen, Watson?«

»Dass er seine Handschrift zu verbergen wünscht.«

»Aber warum? Was kümmert es ihn, wenn die Hauswirtin etwas schriftliches von ihm hat? Vielleicht haben Sie recht, aber warum sind die Botschaften ausserdem so kurz?«

»Ich kann es mir nicht erklären.«

»Das eröffnet uns ein Feld für interessante Spekulationen. Die Wörter sind mit einem breitspitzigen, violett getönten Bleistift geschrieben, kein ungewöhnliches Modell. Sie können sehen, dass das Papier herausgerissen wurde, hier an der Seite, nachdem die Buchstaben geschrieben wurden, so dass das ›S‹ von ›Seife‹ zum Teil fehlt. Welcher Grund wäre naheliegend, Watson?«

»Aus Vorsicht?«

»Genau. Offensichtlich befand sich hier ein Zeichen, ein Daumenabdruck, etwas, das einen Hinweis auf die Identität der Person geben könnte. Frau Warren, Sie sagen, dass der Mann mittelgross ist, dunkel und Bartträger. Wie alt schätzen Sie ihn?«

»Ziemlich jung, mein Herr – nicht über dreißig.«

»Können Sie mir noch mehr über ihn sagen?«

»Er spricht gut Englisch, mein Herr, und trotzdem glaube ich, er könnte Ausländer sein, er hat einen leichten Akzent.«

»Und war er gut angezogen?«

»Sehr elegant gekleidet, mein Herr – wie ein perfekter Gentleman. Dunkle Kleidung – nichts Auffälliges.«

»Er gab keinen Namen an?«

»Nein, mein Herr.«

»Und er hat keine Briefe oder Besuche erhalten?«

»Keine.«

»Aber bestimmt betreten Sie oder das Mädchen morgens sein Zimmer?«

»Nein, mein Herr; er versorgt sich gänzlich selbst.«

»Ach du liebe Güte! Das ist allerdings bemerkenswert. Was ist mit seinem Gepäck?«

»Er hatte eine große braune Tasche bei sich – sonst nichts.«

»Nun gut, es scheint, dass wir nicht viele Anhaltspunkte haben, die uns helfen könnte. Sie sagen, dass nichts aus diesem Zimmer herausgekommen ist – absolut nichts?«

Die Hauswirtin zog einen Umschlag aus ihrer Tasche und schüttelte daraus zwei abgebrannte Streichölzer und einen Zigarettenstummel auf den Tisch.

»Das war heute früh auf seinem Tablett. Ich habe es aufgehoben, weil ich gehört habe, dass sie auch aus Kleinigkeiten viel herauslesen können.«

Holmes zuckte mit den Schultern.

»Das nützt nichts,« sagte er. »Die Streichhölzer wurden natürlich dazu verwendet, Zigaretten anzuzünden. Das geht eindeutig aus der Kürze des verbrannten Endes hervor. Die Hälfte des Streichholzes wurde verbrannt, um eine Pfeife oder Zigarre anzuzünden. Aber dieser Zigarettenstummel ist ausserordentlich interessant. Der Herr trägt Bart und Schnurrbart, sagen Sie?«

»Ja, Mein Herr.«

»Das verstehe ich nicht. Ich behaupte, dass diese Zigarette nur ein gut rasierter Mann geraucht haben kann. Sehen Sie Watson, sogar Ihr bescheidener Schnurrbart wäre angesengt worden.«

»Ein Zigarettenhalter?« vermutete ich.

»Nein, nein; der Stummel ist benetzt. Ich gehe davon aus, dass nicht zwei Personen in der Wohnung sein können, Frau Warren?"

»Nein, mein Herr. Er ißt so wenig, dass ich mich oft wundere, wie es einen Einzigen am Leben erhält.«

»Nun, wir müssen noch eine Weile auf weitere Hinweise warten. Jedenfalls können Sie sich nicht beklagen. Sie haben Ihre Miete bekommen und er belästigt Sie nicht, auch wenn er kein gewöhnlicher Mieter ist. Er bezahlt Sie gut und wenn er es vorzieht, im Verborgenen zu bleiben, ist das nicht unbedingt Ihre Angelegenheit. Wir haben keine Rechtfertigung für ein Eindringen in seine Privatsphäre, bis wir die Veranlassung haben zu glauben, dass es gegen ihn belastende Indizien gibt. Ich habe mich der Sache angenommen und werde sie weiter verfolgen. Berichten Sie mir, wenn etwas Neues vorfällt und rechnen Sie mit meinen Beistand, wenn Sie ihn brauchen sollten.«

»Es gibt sicherlich einige interessante Aspekte in diesem Fall, Watson,« bemerkte er, als uns die Hauswirtin verlassen hatte. »Sie können natürlich trivial sein – wie individuelle Überspanntheit – sie können aber auch viel tiefer liegen, als es auf den ersten Blick erscheint. Zum Beispiel besteht offensichtlich die Möglichkeit, dass die Person, die sich jetzt in der Wohnung befindet, eine andere ist, als die, die sie mietete.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Nun, nicht nur durch die Zigarettenstummel, ist es nicht auch bemerkenswert, dass der Mieter nur ein einziges Mal ausging, und zwar sofort nachdem er die Räume gemietet hatte? Er kam zurück – besser: jemand kam zurück – nachdem alle Zeugen aus dem Weg waren. Wir haben keinen Beweis, dass die Person, die zurückkam auch die Person war, die das Haus verlassen hat. Außerdem: der Mann, der die Zimmer mietete, sprach gut Englisch. Der andere, wie auch immer, schreibt ›Streichholz‹, wo es doch ›Streichölzer‹ heissen müßte. Ich kann mir vorstellen, dass das Wort aus einem Wörterbuch entnommen wurde; dort würde nur das Substantiv stehen, aber nicht der Plural. Dieser lakonische Stil könnte die Unkenntnis des Englischen verbergen. Ja, Watson, wir haben gute Gründe zu vermuten, dass die Mieter gewechselt haben.«

»Aber was könnte der Grund sein?«

»Ja, da liegt unser Problem. Das ist eine wichtige Fragestellung für unsere Nachforschungen.« Er nahm das große Buch herunter, in das er Tag für Tag die privaten Anzeigen der verschiedenen Londoner Zeitungen einordnete. »Du liebe Zeit!« sagte er, als er die Seiten umblätterte, »was für ein Chor von Stöhnen, Schreien und Geblöke! Was für ein Durcheinander von einzelnen Geschehnissen! Aber sicherlich der wertvollste Jagdgrund, der je einem Studenten des Ungewöhnlichen geboten wurde. Der Mann ist alleine und nicht über einen Brief zu erreichen, ohne die selbstgewählte absolute Abgeschiedenheit zu durchbrechen. Wie kann ihn dennoch eine Nachricht oder Neuigkeit erreichen? Offensichtlich nur durch eine Zeitungsanzeige. Es gibt keinen anderen Weg und glücklicherweise brauchen wir nur eine Zeitung in Betracht zu ziehen. Hier sind die Auszüge dieser Tageszeitung der letzten zwei Wochen. ›Dame mit schwarzer Boa im Schlittschuhverein des Prinzen‹ – das können wir übergehen. ›Jimmi will bestimmt nicht das Herz seiner Mutter brechen‹ – das scheint irrelevant zu sein. ›Wenn die Dame, die im Bus nach Brixton ohnmächtig wurde‹ – sie interessiert mich nicht. ›Jeden Tag sehnt sich mein Herz‹ Geblöke, Watson – richtiges Geblöke! Ah, scheint schon eher zu passen. Hören Sie sich das an: ›Sei geduldig. Werde sichere Wege zur Mitteilung finden. In der Zwischenzeit, diese Spalte. G.‹ Das war zwei Tage bevor Frau Warrens Mieter angekommen ist. Es klingt plausibel, oder nicht? Der Mysteriöse kann Englisch verstehen, auch wenn er es nicht schreiben kann. Lassen Sie uns sehen, ob wir die Spur wieder aufnehmen können. Ja, da haben wir es – drei Tage später. ›Mache erfolgreiche Übereinkünfte. Geduld und Vorsicht. Die Wolken werden vorüberziehen. G.‹ Danach eine Woche lang nichts. ›Der Pfad lichtet sich. Gebe Nachricht per Blinkzeichen wenn möglich – erinnere an vereinbarten Code – eins A, zwei B, und so weiter. Weitere Nachricht folgt. G.‹ Das war in der gestrigen Ausgabe und in der heutigen ist nichts. Das passt alles hervorragend auf Frau Warrens Mieter. Wenn wir noch ein bisschen warten, Watson, zweifle ich nicht daran, dass die Geschichte verständlicher wird.«

Genauso kam es auch, denn am Morgen fand ich meinen Freund vor dem Kamin stehend, mit dem Rücken zum Feuer und dem lächelnden Ausdruck grosser Zufriedenheit auf dem Gesicht.

»Wie klingt das, Watson?« rief er und fischte die Zeitung vom Tisch. ›Hohes, rotes Haus mit weißen Steinverblendungen. Dritter Stock. Zweites Fenster links. Nach der Dämmerung. G.‹ Das ist klar genug. Ich denke, dass wir nach dem Frühstück eine kleine Erkundung der Nachbarschaft von Frau Warren machen müssen. Ah, Frau Warren! Was für Neuigkeiten bringen Sie uns an diesem Morgen?«

Unsere Klientin war plötzlich in das Zimmer hereingeplatzt mit einer explosiven Kraft, die von einer neuen und bedeutsamen Entwicklung sprach.

»Das ist ein Fall für die Polizei, Herr Holmes!« kreischte sie. »Er soll sich hier fortmachen samt seinem Gepäck. Ich wäre geradewegs zu ihm hochgegangen und hätte es ihm gesagt, aber ich dachte, es wäre nur fair Ihnen gegenüber, Sie zuerst nach Ihrer Meinung zu fragen. Aber ich bin am Ende meiner Geduld, und wenn es schon dazu kommen, dass mein Alter angegriffen –«

»Herrn Warren wurde angegriffen?«

»Jedenfalls wurde er grob behandelt.«

»Aber wer ist grob mit ihm umgegangen?"

»Ach, das ist ja genau das, was wir wissen wollen! Es war heute Morgen, Mein Herr. Herr Warren arbeitet bei Morton und Waylights in der Tottenham Court Road. Er muss vor sieben aus dem Haus gehen. Also, heute früh war er noch keine zehn Schritte die Straße hinunter gegangen, als zwei Männer von hinten kamen, einen Mantel über seinen Kopf stülpten und ihn in eine Droschke packten, die neben dem Bordstein stand. Sie fuhren eine Stunde lang mit ihm herum, öffneten dann die Tür und stießen ihn heraus. Er lag auf der Strasse, so zu Tode geängstigt, dass er gar nicht bemerkte, wohin die Droschke fuhr. Als er sich wieder aufraffte bemerkte er, dass er auf der Hampstead Heath war; also nahm er den Bus nach Hause und da liegt er nun auf dem Sofa, während ich sofort hierher kam um Ihnen zu erzählen was passiert ist.«

»Sehr interessant,« sagte Holmes. »Hat er mitbekommen, wie die Männer aussahen – hat er sie sprechen hören?«

»Nein, er ist völlig benommen. Er weiß nur, dass er wie durch Zauber hochgehoben und wie durch Zauber fallengelassen wurde. Es waren mindestens zwei dabei, oder vielleicht drei.«

»Und Sie bringen diesen Angriff mit Ihrem Mieter in Verbindung?"

»Nun ja, wir leben hier seit fünfzehn Jahren und so etwas ist vorher nie passiert. Ich habe genug von ihm, Geld ist nicht alles. Bis zum Abend will ich ihn aus dem Hause haben.«

»Warten Sie noch ein bißchen, Frau Warren, handeln Sie nicht voreilig. Ich fange an zu glauben, dass diese Sache viel wichtiger ist, als sie auf den ersten Blick erschien. Es ist jetzt klar, dass Ihrem Mieter irgendeine Gefahr droht. Es ist ebenso klar, dass seine Feinde, als sie in der Nähe Ihrer Tür auf der Lauer lagen, ihn bei dem nebligen Morgenlicht mit Ihrem Mann verwechselt haben. Als sie ihren Fehler entdeckten, ließen sie Ihren Mann laufen. Was sie mit ihm getan hätten, wenn es nicht der falsche Mann gewesen wäre, können wir nur vermuten.«

»Also, was soll ich tun, Herr Holmes?«

»Ich bin sehr begierig, Ihren Mieter zu sehen, Frau Warren.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, wie das zu bewerkstelligen ist, ausser Sie brechen die Tür auf. Ich höre, daß er jedes Mal aufschließt sobald ich das Tablett abgestellt habe und die Treppe hinuntergehe.«

»Er muß das Tablett hereinholen. Bestimmt könnten wir uns verstecken und ihm dabei zusehen.«

Die Hauswirtin dachte einen Moment nach.

»Nun, mein Herr, gegenüber ist eine Abstellkammer. Ich könnte vielleicht einen Spiegel anbringen, und wenn Sie hinter der Tür wären –«

»Ausgezeichnet!« sagte Holmes. »Wann ißt er zu Mittag?«

»So gegen Eins, Mein Herr.«

»Dann werden Dr. Watson und ich rechtzeitig herüberkommen. Erst einmal auf Wiedersehen, Mrs. Warren.«

Um halb Eins befanden wir uns auf den Stufen zu Frau Warrens Haus – ein hohes, schmales, gelbes Backsteingebäude in der Great Orme Street, einer schmalen Durchfahrtstrasse an der nordöstlichen Seite des Britischen Museums. Es stand in der Nähe der Straßenecke und bot einen guten Überblick über die Howe Street mit ihren massiven, protzigen Häusern. Holmes zeigte mit einem leisen Lachen auf ein Gebäude, ein Zeile mit Mietwohnungen, die so hervorstachen, dass sie den Blick auf sich zogen.

»Sehen Sie, Watson!« sagte er. ›Hohes rotes Haus mit Steinverblendungen.‹ Da ist also wohl die Signalstation. Wir kennen den Ort und wir kennen den Code; unsere Aufgabe wird bestimmt einfach sein. Da ist ein Schild ›zu vermieten‹ im Fenster. Offensichtlich ist es diese leere Wohnung, zu welcher der Komplize Zugang hat. Gut, Frau Warren, was nun?«

»Ich habe alles für Sie vorbereitet. Wenn Sie beide heraufkommen und Ihre Stiefel unter dem Treppenabsatz lassen, werde ich Sie jetzt hinbringen.«

Sie hatte ein ausgezeichnetes Versteck ausgewählt. Der Spiegel war so angebracht, dass wir, im Dunkeln sitzend, die Tür gegenüber fast vollständig sehen konnten. Wir hatten uns kaum hingesetzt und Frau Warren war gerade gegangen, als ein entferntes Läuten anzeigte, dass unser mysteriöser Nachbar geklingelt hatte. Gleich darauf erschien die Hauswirtin mit dem Tablett, stellte es auf einen Stuhl neben die geschlossen Türe und dann, nach heftigem Gestikulieren, entfernte sie sich. Zusammengekauert in der Türecke hielten wir die Augen fest auf den Spiegel gerichtet. Plötzlich, als die Schritte der Wirtin in der Ferne verhallten, hörte man Drehen eines Schlüssels, der Knauf drehte sich, zwei schmale Hände schossen heraus und nahmen das Tablett vom Stuhl. Einen Moment später wurde es eilig zurückgestellt und ich erhaschte einen Blick auf ein dunkles, schönes, verängstigtes Gesicht, das durch den engen Spalt des Abstellraumes leuchtete. Dann schlug die Tür zu, der Schlüssel drehte sich wieder und alles war still. Holmes zupfte mich am Ärmel und wir stahlen uns gemeinsam die Treppe herunter.

»Ich werde Sie am Abend wieder aufsuchen,« sagte er zu der wartenden Wirtin. »Ich denke, Watson, wir können diese Angelegenheit besser in unserem Quartier besprechen.«

»Wie Sie sehen, stellt sich meine Vermutung als richtig heraus,« sagte er aus den Tiefen seines Lehnsessels. »Es hat ein Austausch der Mieter stattgefunden. Was ich nicht voraus sah: dass wir eine Frau finden würden, und zwar keine gewöhnliche Frau, Watson.«

»Sie hat uns gesehen.«

»Nun, sie sah etwas, das sie beunruhigte. Das ist sicher. Der allgemeine Ablauf der Geschehnisse ist ziemlich eindeutig, oder? Ein Paar sucht in London Zuflucht vor einer ziemlich schrecklichen und unmittelbaren Gefahr. Die Gründlichkeit ihrer Vorsichtsmassnahmen zeigt das Ausmass der Gefahr. Der Mann, der gewisse Aufgaben zu erfüllen hat, wünscht die Frau in absoluter Sicherheit zu wissen, während er dies tut. Kein einfaches Problem, aber er löste es auf ungewöhnliche Weise und so wirkungsvoll, dass ihre Gegenwart nicht einmal der Hauswirtin bekannt wurde, die sie mit Essen versorgt. Wie sich jetzt herausstellt, dienen die Nachrichten in Druckschrift der Verhinderung der Entdeckung ihres Geschlechtes durch die Handschrift. Der Mann kann sich der Frau nicht nähern, sonst leitet er ihre Feinde zu ihr. Da er nicht direkt mit ihr in Verbindung treten kann, greift er auf Anzeigen in einer Zeitung zurück. So weit ist alles klar.«

»Aber worin besteht der Grund dafür?«

»Ach ja, Watson – äußerst praktisch, wie immer! Was ist die Ursache von allem? Seit wir eingegriffen haben, weitet sich Frau Warrens merkwürdiges Problem ein wenig aus und erhält einen dunklen Aspekt. So viel können wir schon sagen: das ist keine gewöhnliche Liebesangelegenheit. Sie haben das Gesicht der Frau im Angesicht der Gefahr gesehen. Auch haben wir von dem Angriff auf den Hauswirt gehört, der zweifellos gegen den Mieter gerichtet war. Diese Anzeichen und die verzweifelte Notwendigkeit der Geheimhaltung sprechen dafür, dass es eine Angelegenheit auf Leben und Tod ist. Der Angriff auf Mr. Warren weist außerdem darauf hin, dass der Feind, wer immer er ist, nichts über die Vertauschung des weiblichen Mieters mit dem männlichen weiss. Das ist sehr merkwürdig und undurchschaubar, Watson.«

»Warum sollten Sie sich weiter damit beschäftigen? Was können Sie dabei gewinnen?«

»Was denn wohl? Es ist Kunst um der Kunst willen, Watson. Ich nehme an, als Sie Arzt waren, haben Sie auch Fälle studiert, ohne auch nur den Gedanken an ein Honorar fassen.«

»Um zu lernen, Holmes.«

»Das Lernen hört nie auf, Watson. Es ist eine Reihe von Lektionen mit der größten zum Schluß. Dies ist ein lehrreicher Fall. Er bringt weder Geld noch Ansehen und man wünscht sich bereits jetzt, man hätte ihn gelöst. Sobald die Nacht einbricht, sollten wir mit unseren Ermittlungen schon einen Schritt weiter gekommen sein.«

Als wir zu Frau Warrens Unterkünften zurückkamen, hatte sich die Dunkelheit des Londoner Winterabends zu einem dunklen Vorhang verdichtet, ein totes Einerlei von Grau, nur durchbrochen von den scharfen, gelben Vierecken der Fenster und den verschwommenen Lichthöfen der Gaslaternen. Als wir aus dem verdunkelten Wohnzimmer des Mietshauses spähten, flackerte ein weiteres, schwaches Licht aus der Dunkelheit auf.

»In diesem Zimmer bewegt sich jemand,« flüsterte Holmes, sein hageres und eifriges Gesicht an die Fensterscheibe vorgeschoben. »Ja, ich kann seinen Schatten sehen. Da ist er wieder! Er hat eine Kerze in der Hand. Jetzt späht er herüber. Er will sicher sein, dass sie am Ausguck ist. Jetzt beginnt er zu signalisieren. Schreiben auch Sie die Nachricht auf, Watson, dann können wir uns gegenseitig überprüfen. Ein einzelner Blitz – das ist bestimmt ein A. Jetzt wieder. Wieviele haben Sie gezählt? Zwanzig. Die Tat ist vollbracht. Das sollte T bedeuten. AT – das ist verständlich genug. Noch ein T. Das ist bestimmt der Anfang eines zweiten Wortes. Jetzt, dann – TENTA. Ein Anschlag. Das kann nicht alles sein, Watson? ATTENTA gibt keinen Sinn. Und ist auch nicht besser als drei Worte AT, TEN, TA, ausser, dass T.A. die Initialen einer Person sind. Es geht weiter! Was ist das? ATTE – warum, es ist wieder dieselbe Nachricht. Merkwürdig, Watson, sehr merkwürdig. Jetzt geht es wieder weiter! AT – warum wiederholt er das zum dritten Mal? ATTENTA drei Mal! Wie oft wird er es noch wiederholen? Nein, es scheint vorbei zu sein. Er hat sich vom Fenster zurückgezogen. Wie interpretieren Sie das, Watson?«

»Eine verschlüsselte Nachricht, Holmes.«

Mein Begleiter gab ein leises, verständnisvolles Lachen von sich. »Und kein sehr komplizierter Schlüssel, Watson,« sagte er. »Ja doch – das ist gewiss Italienisch! Das A bedeutet, dass es an eine Frau gerichtet ist. ›Vorsicht! Vorsicht! Vorsicht!‹ Wie klingt das, Watson?«

»Ich glaube, Sie haben es herausbekommen.«

»Daran besteht kein Zweifel. Das ist eine sehr eindringliche Nachricht, dreimal wiederholt, um es noch deutlicher zu machen. Aber Vorsicht vor was? Warten Sie ein bisschen, er kommt wieder zum Fenster.«

Wieder sahen wir die undeutliche Silhouette eines zusammengekauerten Mannes und das abrupte Schwingen der kleinen Flamme über das Fenster, als die Signale wieder kamen, schneller als vorher – so schnell, dass es schwer war sie zu verfolgen.

»PERICOLO – pericolo – eh, was ist das Watson? ›Gefahr‹, oder? Ja, beim Jupiter, es ist ein Gefahrensignal. Jetzt wieder! PERI. Hallo, was zum Teufel –«

Das Licht war plötzlich ausgegangen, das erleuchtete Viereck des Fenster war verschwunden und der dritte Stock bildete ein dunkles Band um das hochaufragende Gebäude mit seinen Reihen von schimmernden Fensterflügeln. Der letzte Warnschrei war plötzlich unterbrochen worden. Wie, und von wem? Augenblicklich kam uns beiden derselbe Gedanke. Holmes sprang von dem Fensterplatz auf, an dem er gekauert hatte.

»Das ist ernst, Watson,« schrie er. »Da geht etwas teuflisches vor sich! Warum sollte so eine Nachricht auf diese Weise unterbrochen werden? Ich sollte Scotland Yard in diese Angelegenheit einweihen – aber wir können jetzt unmöglich fort.«

»Soll ich die Polizei holen?«

»Wir müssen die Lage noch besser einschätzen können. Alles kann eine andere, harmlose Bedeutung haben. Kommen Sie Watson, lassen Sie uns hinübergehen und selbst sehen, was wir feststellen können.«

Zwei

Als wir schnell die Howe Street hinuntergingen, warf ich einen flüchtigen Blick zurück auf das Haus, das wir verlassen hatten. Dort, am oberen Fenster, schemenhaft umrissen, konnte ich den Schatten eines Kopfes sehen, den Kopf einer Frau, angespannt und starr hinaus in die Nacht blickend, mit atemloser Spannung auf die Erneuerung der unterbrochenen Nachricht wartend. Am Eingang zur Wohnung in der Howe Street lehnte sich ein Mann gegen das Geländer, eingehüllt in Halstuch und Kapuzenmantel. Er machte sich auf, als das Licht im Eingang auf unsere Gesichter fiel.

»Holmes!« rief er.

»Wie das, Gregson!« sagte mein Begleiter, als er dem Detektiv von Scotland Yard die Hand schüttelte. »Der Tag endet mit der Zusammenkunft des Liebespaars. Was bringt Sie hierher?"

»Die selben Gründe, die Sie herbringen, schätze ich,« sagte Gregson. »Wie Sie darauf kamen kann ich mir allerdings nicht vorstellen.«

»Über verschiedene Fäden, die aber alle zu demselben Knäuel führen. Ich habe die Signale aufgenommen.«

»Signale?«

»Ja, von diesem Fenster. Sie brachen mittendrin ab. Wir kamen herüber um den Grund herauszufinden. Aber da die Sache ja sicher in Ihren Händen liegt, sehe ich keinen Grund, uns weiter in diese Angelegenheit einzumischen.«

»Warten Sie noch!« rief Gregson eifrig. »Ich muss gestehen, Herr Holmes, dass ich bisher noch bei keinem Fall einen so starken Wunsch hatte, Sie an meiner Seite zu haben. Es gibt nur den einen Ausgang für diese Wohnungen, deshalb ist er uns sicher.«

»Wer ist er?«

»So, dieses Mal haben wir Sie ausgestochen, Herr Holmes. Dieses Mal müssen Sie uns den Vortritt lassen.« Er schlug seinen Stock hart auf den Boden, worauf ein Droschkenkutscher, seine Peitsche in der Hand, von einem Landauer herüberschlenderte, der auf der gegenüber liegenden Seite der Strasse stand. »Darf ich Sie Herrn Sherlock Holmes vorstellen?« sagte er zu dem Kutscher. »Das ist Herr Leverton von Pinkerton's American Agency.«

»Der Held des Geheimnisses der Höhle von Long Island?« sagte Holmes. »Mein Herr, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Der Amerikaner, ein ruhiger, geschäftsmäßiger junger Mann mit einem sauber rasierten, ernsten Gesicht errötete bei den Lobesworten.

»Ich bin gerade dem Fall meines Lebens auf der Spur, Herr Holmes,« sagte er. »Wenn ich Gorgiano bekommen kann –«

»Was! Gorgiano vom Roten Kreis?«

»Oh, er ist tatsächlich auch in Europa berühmt? Nun, in Amerika haben wir alles über ihn herausgefunden. Wir WISSEN, dass er hinter fünfzig Morden steckt, und noch immer haben wir keine Möglichkeit gefunden, es mit ihm aufzunehmen. Ich verfolgte ihn von New York herüber, war ihm eine Woche lang in London auf den Fersen und wartete auf eine Gelegenheit, ihn am Schlafittchen zu packen. Herr Gregson und ich haben ihn in diesem großen Wohnblock in die Enge getrieben, es gibt nur eine Tür, er kann uns also nicht entwischen. Es sind nur drei Leute herausgekommen, seit er hineingegangen ist, aber ich schwöre, er war nicht dabei.«

»Herr Holmes spricht von Signalen,« sagte Gregson. »Ich nehme an, wie üblich weiss er eine Menge Fakten, die wir nicht kennen.«

In ein paar einfachen Worten erklärte Holmes die Situation, so wie sie uns erschienen war. Der Amerikaner rang seine Hände voller Verdruß.

»Er ist vor uns gewarnt worden!« rief er aus.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Nun, das ist doch klar, oder nicht? Da sitzt er, schickt Nachrichten an seinen Komplizen – ein paar von seiner Gang sind hier in London. Dann, mit einem Mal, bricht er seine warnende Botschaft an sie ab, wie Sie selbst gesehen haben. Was könnte das anderes bedeuten, als dass er uns vom Fenster aus plötzlich auf der Strasse gesehen hat, oder auf andere Weise herausfand, wie nahe die Gefahr war, und dass er auf der Stelle handeln musste, wenn er ihr entkommen wollte. Was schlagen Sie vor, Herr Holmes?«

»Dass wir sofort hochgehen sollten und selbst nachsehen.«

»Aber wir haben keine Handhabe für seine Verhaftung.«

»Er befindet sich in unbewohnten Räumlichkeiten unter verdächtigen Umständen,« sagte Gregson. »Das ist gut genug für den Augenblick. Wenn wir ihn erwischt haben, können wir sehen, ob New York uns nicht helfen kann, ihn zu behalten. Ich übernehme die Verantwortung dafür, ihn jetzt festzunehmen.«

Unsere Polizei kann zwar bei Angelegenheiten, die Überlegung erfordern, Fehler machen, aber niemals fehlt es ihr an Mut. Um diesen gefährlichen Mörder zu verhaften kletterte Gregson mit dem gleichen, absolut ruhigen und geschäftsmässigen Gebaren die Stufen hinauf, mit dem er die Treppenstufen von Scotland Yard hinaufgestiegen wäre. Der Mann von Pinkerton hatte versucht, sich vor ihn zu drängen, aber Gregson hatte ihn fest mit den Ellbogen zurückgeschoben. Die Bekämpfung der Gefahren von London waren die Aufgabe der Londoner Polizeikräfte.

Die Tür der linken Wohnung im dritten Stockwerk stand halb offen. Gregson stieß sie auf; drinnen war es völlig ruhig und absolut dunkel. Ich rieb ein Streichholz an und entzündete die Laterne des Detektives. Im Lichte der aufleuchtenden Laterne bot sich uns ein überraschender Anblick: Auf den Dielen des nackten Fußbodens zeichnete sich eine Spur von frischem Blut ab. Die blutigen Fußabdrücke führten von einem weiteren Raum, dessen Tür geschlossen war, in unsere Richtung. Gregson stiess die Tür auf und leuchtete mit voll aufgeblendeter Laterne hinein, während wir gespannt über seine Schulter schauten.

Mitten auf dem Fußboden des leeren Zimmers lag die zusammengebrochene Gestalt eines riesigen Mannes, sein sauber rasiertes, dunkelhäutiges Gesicht schrecklich grotesk verzerrt und sein Kopf umgeben von einem gespenstisch dunkelroten Hof von Blut. Um ihn herum hatte sich ein grosser, feuchter Kreis auf dem weißen Fussboden gebildet. Seine Knie waren angezogen, seine Arme wie im Todeskampf ausgestreckt und aus der Kehle des breiten, braunen, freiliegenden Halses stach das weiße Heft eines Messers hervor, das bis zum Heft in seinen Körper getrieben war. Der riesige Mann mußte bei der entsetzlichen Attacke wie ein gefällter Stier zusammengebrochen sein. Auf dem Boden neben seiner rechten Hand lag ein erstklassiger, zweischneidiger Dolch mit Horngriff und daneben ein schwarzer Glacéhandschuh.

»Du meine Güte! Das ist der schwarze Gorgiano höchstpersönlich!« rief der amerikanische Detektiv aus. »Diesmal war jemand schneller als wir.«

»Hier ist die Kerze im Fenster, Herr Holmes,« sagte Gregson. »Aber, was tun Sie denn da?"

Holmes war hinübergegangen, hatte die Kerze angezündet und war dabei, sie vorwärts und rückwärts über die Fensterscheiben zu ziehen. Dann spähte er in die Dunkelheit hinaus, blies die Kerze aus und warf sie auf den Boden.

»Ich glaube, das wird uns nützen,« sagte er. Er kam herüber und stand gedankenverloren da, während die beiden Fachleute den Körper untersuchten. »Sie sagen, dass drei Personen aus der Wohnung kamen als Sie unten warteten,« sagte er dann. »Haben Sie sie aus der Nähe gesehen?"

»Ja, das habe ich.«

»War ein Bursche dabei, um die dreissig, schwarzer Bart, dunkel, von mittlerer Größe?«

»Ja, er war der letzte, der an mir vorbeikam.«

»Das ist Ihr Mann, glaube ich. Ich kann Ihnen seine Beschreibung geben und wir haben einen ausgezeichneten Fußabdruck von ihm. Das sollte Ihnen genügen.«

»Das ist nicht gerade viel, Herr Holmes, bei den Millionen von Menschen in London.«

»Vielleicht nicht. Deshalb dachte ich, das Beste sei, diese Dame zu Ihrer Hilfe herbeizurufen.«

Bei diesen Worten drehten wir uns alle herum. Dort, im Rahmen der Tür, stand eine große und schöne Frau – die mysteriöse Mieterin von Bloomsbury. Sie näherte sich langsam, ihr Gesicht bleich und von einer schrecklichen Befürchtung gezeichnet, ihr starrer, entsetzter Blick fixierte die dunkle Figur auf dem Boden.

»Sie haben ihn umgebracht!« murmelte sie. »Oh, Dio mio, Sie haben ihn umgebracht!«

Dann hörte ich eine plötzliches, scharfes Einatmen und sie sprang mit einem Freudenschrei in die Luft. Sie tanzte im Zimmer umher, klatschte in die Hände, ihre dunklen Augen glühten vor entzücktem Staunen und sie stieß lauter fröhliche, italienische Ausrufe aus. Es war erschreckend und merkwürdig, diese Frau bei einem derartigen Anblick vor Freude toll werden zu sehen. Plötzlich hörte sie auf und wandte sich mit einem fragenden Blick an uns.

»Doch Sie, Sie sind von der Polizei, oder? Sie haben Giuseppe Gorgiano umgebracht, nicht wahr?«

»Wir sind Polizisten, meine Dame.«

Sie sah sich in dem dunklen Raum um.

»Aber wo ist denn dann Gennaro?« sagte sie. »Er ist mein Ehemann, Gennaro Lucca. Ich bin Emilia Lucca und wir sind beide aus New York. Wo ist Gennaro? Er rief mich gerade von diesem Fenster aus zu sich und ich rannte so schnell ich konnte.«

»Ich war es, der Sie rief,« sagte Holmes.

»Sie! Wie konnten Sie mich rufen?«

»Ihren Code war nicht schwierig zu entschlüsseln, gnädige Frau. Ihre Anwesenheit ist uns wichtig. Ich wußte, dass ich nur ›vieni‹ blinken mußte, und Sie würden sicherlich kommen.«

Die schöne Italienerin sah meinen Begleiter ehrfürchtig an.

»Ich verstehe nicht, wie Sie diese Dinge wissen können,« sagte sie. »Giuseppe Gorgiano – wie kam es –.« Sie brach den Satz ab, und plötzlich erhellte sich ihr Gesicht vor Stolz und Vergnügen. »Jetzt verstehe ich! Mein Gennaro! Mein großartiger, schöner Gennaro, der mich vor allen Gefahren behütet hat, er tat es, mit seiner eigenen starken Hand brachte er das Monster um! Oh, Gennaro, wie wunderbar bist Du! Welche Frau könnte jemals eines solchen Mannes würdig sein?«

»Nun, Frau Lucca,« sagte der nüchterne Gregson und legte seine Hand auf den Ärmel der Dame mit so wenig Mitgefühl, als ob sie ein Straßenlümmel von Notting Hill wäre, »Es ist mir noch nicht ganz klar wer Sie sind oder was Sie sind; aber Sie haben genug gesagt, um deutlich zu machen, dass wir Sie auf dem Revier haben sollten.«

»Einen Moment, Gregson,« sagte Holmes. »Ich meine eher, dass diese Dame genauso daran interessiert ist, uns Information zu geben wie wir, sie von ihr zu erhalten. Verstehen Sie, Gnädige Frau, dass Ihr Gatte für den Tod des Mannes, der vor uns liegt, verhaftet und abgeurteilt wird? Was Sie sagen kann als Beweis verwendet werden. Aber wenn Sie denken, dass er aus Gründen gehandelt hat, aus Gründen, die nicht verbrecherisch sind und von denen er wünschen würde, dass sie bekannt sind, dann können Sie ihm keinen besseren Dienst erweisen, als uns die ganze Geschichte zu erzählen.«

»Jetzt wo Gorgiano tot ist, haben wir keine Angst mehr,« sagte die Dame. »Er war ein Teufel und ein Monster und kein Richter auf der Welt würde meinen Mann dafür bestrafen, ihn getötet zu haben.«

»Dann schlage ich vor«, sagte Holmes, »dass wir die Tür abschließen, hier alles so lassen, wie wir es vorgefunden haben, mit dieser Dame in ihre Wohnung gehen und uns erst eine Meinung bilden, nachdem wir gehört haben, was sie uns zu sagen hat.«

Eine halbe Stunde später saßen wir alle vier in dem kleinen Wohnzimmer von Signora Lucca und hörten ihrer bemerkenswerten Geschichte über die schlimmen Ereignisse zu, bei deren Ende wir zufälligerweise Zeugen geworden waren. Sie spach ein schnelles und flüssiges, aber sehr zwangloses Englisch, das ich, um der Verständlichkeit willen, richtigstellen will.

»Ich wurde in Posilippo bei Neapel geboren,« sagte sie »und war die Tochter von Augusto Barelli, der oberster Anwalt und einmal auch Abgeordneter für den Bezirk war. Gennaro war bei meinem Vater beschäftigt und ich verliebte mich in ihn, wie es jeder Frau geschehen würden. Er hatte weder Geld noch eine gute Stellung – nichts als seine Schönheit, seinen starken Willen und seine Tatkraft – also verbot mein Vater die Hochzeit. Wir brannten zusammen durch, wurden in Bari getraut und verkauften meine Juwelen, um das Geld zusammenzubekommen, das uns nach Amerika bringen sollte. Das war vor vier Jahren und wir haben seither in New York gelebt.

Zuerst hatten wir viel Glück. Gennaro konnte einem italienschen Gentleman einen Dienst erweisen – er rettete ihn vor einigen Raubeinen an einem Platz, der sich Bowery nennt, und gewann so einen mächtigen Freund. Sein Name war Tito Castalotte und er war der Seniorpartner der großen Firma Castalotte und Zamba, welche die größten Fruchtimporteure von New York sind. Signor Zamba ist Invalide und unser neuer Freund Castalotte hatte alle Vollmachten der Firma, die über dreihundert Angestellte hat. Er nahm meinen Mann in die Firma auf, machte ihn zum Abteilungsleiter und bezeigte seinen guten Willen ihm gegenüber auf jede erdenkliche Art und Weise. Signor Castalotte war Junggeselle und ich glaube, er hatte für Gennaro Gefühle wie für einen Sohn; und wir beide, mein Mann und ich liebten ihn, als ob er unser Vater wäre. Wir hatten Wohnung in einem kleinen Haus in Brooklyn genommen und es eingerichtet, unsere Zukunft schien gesichert, als diese düstere Wolke erschien, die schon bald unseren Himmel verdunkelte.

Eines Abends, als Gennaro von der Arbeit kam, brachte er einen Landsmann mit. Sein Name war Gorgiano und er kam auch aus Posilippo. Er war ein riesiger Mann, wie sie wissen, denn Sie haben seinen Körper gesehen. Nicht nur sein Körper war der eines Riesen, sondern alles an ihm war grotesk, gigantisch und furchterregend. Seine Stimme wirkte wie der Donner in unserem kleinen Haus. Es gab kaum noch Platz, wenn er beim Sprechen mit seinen langen Armen ruderte. Seine Gedanken, seine Gefühle, seine Leidenschaften – alles war übertrieben und monströs. Er sprach, oder besser gesagt röhrte, mit einer solchen Energie, dass man nicht anders konnte als dasitzen und zuzuhören, eingeschüchtert von seinem mächtigen Wortschwall. Seine Augen funkelten einen an und man war ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er war ein schrecklicher und gleichzeitig ein erstaunlicher Mann. Gott sei Dank, dass er tot ist!

Er kam regelmässig immer wieder. Dennoch war mir klar, dass Gennaro in seiner Gegenwart genauso wenig glücklich war wie ich. Mein armer Mann pflegte bleich und teilnahmslos dazusitzen und dem endlosen Räsonieren über Politik und gesellschaftliche Fragen zuhören, die die einzigen Gesprächsthemen unseres Besuchers bildeten. Gennaro sagte nichts, aber ich, die so vertraut mit ihm war, konnte in seinem Gesicht eine Gemütsbewegung lesen, die ich nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Zuerst dachte ich, dass es Abscheu sei, aber allmählich verstand ich, dass es mehr war. Es war Angst – eine grosse, versteckte, schaudernde Angst. In dieser Nacht – die Nacht in der ich mir über seine Angst klar wurde – umarmte ich ihn und flehte ihn bei allen Heiligen und unserer Liebe an, sich mir zu offenbaren und mir zu sagen, warum dieser riesige Mann sein Leben so überschattete.

Er erzählte es mir, und mein eigenes Herz wurde eiskalt, als ich es erfuhr. Mein armer Gennaro: in seinen wilden und feurigen Tagen, als die ganze Welt gegen ihn zu sein schien und er an der Ungerechtigkeit des Lebens verzweifelte, war er einer neapolitanischen Geheimgesellschaft beigetreten, dem Roten Kreis, der mit den alten Carbonari verbündet war. Die Schwüre und Geheimnisse dieser Bruderschaft waren schrecklich; wer einmal unter ihre Herrschaft kam, für den gab es kein Entrinnen mehr. Als wir nach Amerika geflohen waren, dachte Gennaro, dass er für immer aller Fesseln ledig geworden wäre. Wie groß war sein Entsetzen, als er eines Abends auf der Strasse genau den Mann traf, der ihn in Neapel eingeweiht hatte, den Riesen Gorgiano, ein Mann, der sich im Süden Italiens den Namen ›Tod‹ erworben hatte, weil seine Hände bis zu den Ellenbogen blutrot vom morden waren! Er war nach New York gekommen, um der Polizei von Neapel zu entgehen und hatte in seiner neuen Heimat schon eine Niederlassung seiner furchtbaren Gesellschaft gegründet.

Das alles erzählte mir Gennaro und zeigte mir eine Vorladung, die er am selben Tag erhalten hatte; ein roter Kreis war auf den Briefkopf gezeichnet und man teilte ihm mit, dass zu einem bestimmten Datum eine Versammlung abgehalten werde und seine Anwesenheit dabei verlangt und befohlen wurde.

Das war schlimm genug, aber das Schlimmste kam noch. Ich hatte schon vor längere Zeit bemerkt, dass Gorgiano bei seinen ständigen abendlichen Besuchen meist zu mir sprach. Auch wenn seine Worte scheinbar an meinen Mann gerichtet waren: diese schrecklichen, leuchtenden, animalischen Augen fixierten mich. Eines Nachts wurde sein Geheimnis offenbar: ich hatte etwas in ihm erweckt, das er ›Liebe‹ nannte – die Leidenschaft eines Rohlings, eines Wilden. Gennaro war noch nicht zurück, als er kam. Er drängte sich herein, riss mich in seine mächtigen Arme, umarmte mich wie ein Bär, bedeckte mich mit Küssen und flehte mich an, mit ihm wegzugehen. Ich kämpfte und schrie, als Gennaro hereinkam und ihn angriff. Er schlug Gennaro bewußtlos und floh aus dem Haus, das er nie mehr betreten durfte. In dieser Nacht hatten wir uns einen Todfeind geschaffen.

Ein paar Tage später fand das Treffen statt. Als Gennaro zurückkehrte, konnte ich schon an seinem Gesicht ablesen, dass etwas Furchtbares geschehen war. Es war noch schlimmer, als wir befürchtet hatten. Die Gesellschaft trieb Geld ein, indem sie reiche Italiener erpresste und mit Gewalttaten bedrohten, wenn sie das Geld verweigerten. Es scheint, dass Castalotte, unser lieber Freund und Wohltäter, unter den Opfern war. Er hatte es abgelehnt, den Drohungen nachzugeben und die Angelegenheit der Polizei übergeben. Jetzt war beschlossen worden, dass ein Exempel statuiert werden sollte, ein Exempel, das jedes andere Opfer davon abhalten würde, sich aufzulehnen. Bei dem Treffen wurde beschlossen, dass er mit seinem Haus mit Dynamit in die Luft gesprengt werden sollten. Es wurde ausgelost, wer die Tat ausführen würde. Gennaro sah in das grausame, grinsende Gesicht unseres Feindes, als er seine Hand das Los zog. Zweifellos war es auf irgendeine Art präpariert worden, denn es war die fatale Scheibe mit dem roten Kreis darauf, der Mordauftrag, die in seiner Hand lag. Er mußte entweder seinen besten Freund ermorden, oder er setzte sich und mich der Rache seiner Genossen aus. Es war Teil ihres teuflischen Systems, nicht nur diejenigen zu bestrafen, die sie fürchteten oder hassten, indem sie ihnen Leid antaten, sondern auch denen, die diese liebten. Dieses Wissen und diese Drohung hingen wie ein Damoklesschwert über dem Kopf meines armen Gennaro und machten ihn vor Sorge fast verrückt.

Die ganze Nacht sassen wir zusammen, die Arme umeinander geschlungen, jeder den anderen bestärkend wegen der Gefahren, die vor uns lagen. Schon der nächste Abend war für das Attentat vereinbart. Um die Mittagszeit waren mein Mann und ich auf dem Weg nach London, aber nicht bevor wir unserem Wohltäter ausführliche Warnungen vor dieser Gefahr gegeben hatten und auch der Polizei entsprechende Hinweise hinterlassen hatten, damit sie sein Leben zukünftig zu schützen vermochte.

Den Rest der Geschichte, meine Herren, kennen Sie selbst. Wir waren sicher, dass unsere Feinde so dicht hinter uns waren wie unsere eigenen Schatten. Gorgiano hatte seine privaten Rachegründe, und wir wussten wie grausam, durchtrieben und unermüdlich er sein konnte. Italien und Amerika sind voll von Geschichten über seine schrecklichen Fähigkeiten. Wann immer er sie anwenden würde, es würde bekannt werden. Mein Liebster nutze die wenigen Tage Vorsprung, die wir hatten, um für mich eine Zuflucht zu arrangieren, damit ich ausserhalb jeder Gefahr war. Er selbst wollte sich frei bewegen können, damit er sich mit der amerikanischen und der italienischen Polizei in Verbindung setzen konnte. Alles, was ich in Erfahrung bringen konnte, kam über die Anzeigen einer Zeitung. Aber als ich einmal aus meinem Fenster schaute, sah ich zwei Italiener das Haus beobachten und ich verstand, dass Gorgiano unser Versteck auf irgeneine Weise ausfindig gemacht hatte. Endlich teilte mir Gennaro durch die Zeitung mit, dass er mir von einem bestimmten Fenster aus Signale geben würde, aber als die Signale kamen, waren sie nichts als Warnungen, die plötzlich abbrachen!

Jetzt ist mir klar, dass er Gorgiano dicht auf seinen Fersen wusste und dass er – Gott sei Dank! – bereit war, als er kam. Und jetzt, meine Herren, möchte ich Sie fragen, ob wir irgend etwas vom Gesetz zu befürchten haben oder ob irgendein Richter auf der Welt meinen Gennaro für das, was er getan hat, verurteilen würde?«

»Nun, Herr Gregson,« sagte der Amerikaner und schaute zu dem Beamten hinüber, »ich kenne den britischen Standpunkt nicht, aber ich nehme an, dass der Gatte dieser Dame in New York eine hübsche öffentliche Danksagung erhalten wird.«

»Sie muß mit mir gehen und mit dem Polizeichef sprechen,« antwortete Gregson. »Wenn ihre Aussage bestätigt wird, glaube ich nicht, dass sie oder ihr Ehemann viel zu befürchten haben. Aber worauf ich mir keinen Reim machen kann, ist, wie um Himmels willen SIE, Herr Holmes, in die Geschichte verwickelt wurden.«

»Bildung, Gregson, Bildung. Immer auf der Suche nach Wissen in der alten Universität. Nun, Watson, da haben Sie ein weiteres Beispiel des Tragischen und Merkwürdigen, das Sie in Ihre Sammlung aufnehmen können. Im Übrigen ist es noch nicht einmal acht Uhr und Wagnerabend im Covent Garden! Wenn wir uns beeilen, können wir rechtzeitig zum zweiten Akt dort sein.«

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