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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorAlexandre Dumas
titleDer Graf von Monte Christo
publisherVerlag der Schiller-Buchhandlung
translator(bearbeitet von) Rose Gerlach
senderwww.gaga.net
created20050428
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Am 28. Februar 1815 gab die Hafenwache von Notre-Dame das Signal vom Heransegeln des Dreimasters »Pharaon«, der von Smyrna, Triest und Neapel kam. Ein Küstenpilot steuerte alsogleich aus dem Hafen und erreichte das Fahrzeug zwischen dem Kap Morgion und der Insel Rion. Auch hatte sich, wie sonst immer, die Plattform des Kastells Saint-Jean mit Neugierigen gefüllt; denn in Marseille ist die Landung eines Schiffes stets von großer Wichtigkeit, zumal wenn es einem Reeder dieser Stadt gehört.

Schwer und langsam rückte der Koloß näher und näher heran, daß es die Zuschauenden wie mit unheilverkündender Ahnung packte.

Aller Aufmerksamkeit war einem jungen Manne zugewandt, der, neben dem Steuermann stehend, jede Schwenkung des Schiffs mit offenbarer Sachkenntnis verfolgte. Er war groß und schlank und hatte kohlschwarze Haare und Augen. Sein ganzes Wesen äußerte jene ruhige Sicherheit, wie sie Menschen eigen ist, denen das Leben von Kindheit an Kampf bedeutete.

Einer unter der harrenden Menge vermochte seine Unruhe nicht länger zu meistern. Er sprang in eine Barke und ließ sich zum »Pharaon« hinrudern.

Als der junge Seefahrer das Boot herankommen sah, lehnte er sich grüßend über die Brüstung des Schiffes, den Hut in der Hand.

»Ah, Sie sind's, Dantes!« rief der Mann in der Barke. »Was ist geschehen?«

»Ein großes Unglück, Mr. Morrel«, entgegnete der junge Mann. »Wir haben auf der höhe von Civita-Vechia den wackeren Kapitän Leclerc verloren.«

»Und die Ladung?« fragte der Reeder lebhaft.

»Sie kommt glücklich in den Hafen, Mr. Morrel. Ich glaube, Sie werden zufrieden sein. Aber der arme Kapitän Leclerc...«

»Was ist ihm denn geschehen?« fragte der Reeder.

»Er starb an einer Gehirnentzündung unter schrecklichen Leiden.« Dann wandte sich Dantes gegen seine Leute und rief: »Holla he! Jeder gehe zum Ankern an seinen Posten.«

Die Schiffsmannschaft gehorchte.

»Das ist ja traurig,« versetzte der Reeder; »aber wir alle sind sterblich, und es ist nun mal so, daß die Alten den Jungen Platz machen. In dem Augenblick, wo Sie mir versichern, daß die Schiffsladung...«

»Ist in gutem Zustand, Herr Morrel, dafür bürge ich. Wenn Sie jetzt hinaufsteigen wollen, Herr Morrel,« sagte Dantes, der die Unruhe des Reeders bemerkte, »da ist Ihr Rechnungsführer, Herr Danglars, der wird Ihnen Auskunft geben; was mich betrifft, so muß ich das Ankern überwachen und das Schiff in Trauer versetzen.«

Der Reeder ließ es sich nicht zweimal sagen; er faßte das Kabeltau, das ihm Dantes zuwarf, und kletterte mit einer Gewandtheit, die einem Seemanne Ehre gemacht hätte, an den Sprossen empor, die an die Schiffswand genagelt waren.

Herr Danglars war ein Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, hatte ein finsteres Aussehen und war unterwürfig gegen seine Vorgesetzten, aber unwirsch wider seine Untergebenen, und außerdem, daß sein Titel »Rechnungsführer« an sich schon einen üblen Klang für die Matrosen hatte, betrachtete ihn die Mannschaft mit einem ebenso bösen Auge, wie sie mit Liebe auf Edmond Dantes blickte.

»Ja, ja! Der arme Lerlerc, er war ein braver, ehrenhafter Mann und ein ausgezeichneter Seemann, ergraut zwischen Himmel und Wasser, wie es sich für einen Mann schickt, dem die Interessen eines Hauses wie Morrel & Sohn anvertraut werden«, sagte Danglars.

»Nun,« meinte der Reeder, »es ist doch nicht nötig, ein alter Seemann zu sein, um sein Geschäft zu verstehn. Sehen Sie unsern Freund Edmond, der besorgt sein Amt, wie mir scheint, als ein Mann, der niemand um Rat zu fragen braucht.«

»Ja,« versetzte Danglars, einen scheelen Blick des Hasses auf Dantes werfend, »ja, er ist jung und fürchtet noch nichts. Kaum war der Kapitän tot, übernahm er das Kommando, ohne jemanden zu konsultieren, und ließ uns einen und einen halben Tag auf der Insel Elba verlieren, statt direkt nach Marseille zurückzukehren.«

»Was die Übernahme des Schiffskommandos betrifft,« sagte der Reeder, »so war es als Vizekapitän seine Pflicht; was aber den Verlust von anderthalb Tagen auf der Insel Elba anbelangt, so tat er unrecht daran.«

»Kommen Sie doch schnell mal her, Dantes!« rief der Reeder.

»Was steht zu Diensten?« fragte Dantes und trat rasch hinzu.

»Ich wollte Sie fragen, warum Sie bei der Insel Elba angehalten haben?«

»Es geschah auf die letzte Bitte des Kapitäns Leclerc, der mir sterbend ein Paket für den Großmarschall Bertrand übergeben hat.«

»Haben Sie ihn gesehen, Edmond?«

»Wen?«

»Den Großmarschall.«

»Ja.«

Morrel blickte um sich und zog Dantes beiseite. »Und wie befindet sich der Kaiser?« fragte er lebhaft.

»Gut, soviel ich von ferne seinem Aussehen nach schließen konnte.«

»Sie haben recht gehandelt, lieber Dantes, obgleich es Sie in Gefahr bringen kann.«

»Wie! Mich in Gefahr bringen? Ich weiß ja nicht einmal, was ich überbrachte«, rief der junge Mann. Da er aber die Zollbehörde ankommen sah, bat er, sich entfernen zu dürfen. Sogleich trat Danglars zu dem Schiffsreeder: »Nun, er hat wohl triftige Gründe für sein Verhalten gehabt, wenn ich fragen darf?«

»Durchaus, mein lieber Danglars.«

»Und der Brief, den er mit dem Paket empfangen...?«

»Was meinen Sie für ein Paket, Danglars?«

»Das, was Dantes in Porto-Ferrajo abgegeben hat.«

»Wie wissen Sie, daß er in Porto-Ferrajo ein Paket abgegeben hat?«

Danglars errötete.

»Ich ging an der halb offenen Tür des Kapitäns vorüber und sah, wie er das Paket und den Brief Dantes übergab.«

»Er hat mir nichts davon gesagt,« versetzte der Reeder, »aber was den Brief betrifft, so wird er ihn mir gewiß einhändigen.«

Danglars dachte einen Augenblick nach: »Ich möchte nichts gesagt haben, Herr Morrel; ich kann mich ja auch irren.«

In diesem Augenblick kehrte der junge Mann zurück; Danglars entfernte sich.

»Sind Sie jetzt frei, lieber Dantes?« fragte der Reeder.

»Jawohl, Herr Morrel.«

»Da wäre es mir lieb, wenn Sie bei mir zu Mittag speisten.«

»Oh, verzeihen Sie gütigst, Herr Morrel – aber mein Vater...«

»Ja, richtig, Dantes! Ich weiß, Sie sind ein guter Sohn.«

»Wissen Sie vielleicht,« fragte Dantes stockend, »wie's ihm ergehen mag?«

»Ich glaube, gut, lieber Edmond. Hab' ihn nie zu Gesicht bekommen.«

»Hm, er hält sich in seinem kleinen Zimmer verschlossen.«

»Das beweist wenigstens, daß es ihm in Ihrer Abwesenheit an nichts fehlte.«

Dantes lächelte.

»Mein Vater ist stolz, mein Herr, und wenn es ihm auch an allem gefehlt hätte, so zweifle ich, daß er irgend jemand in der Welt, Gott ausgenommen, um etwas gebeten hätte.«

»Nun also: nach diesem ersten Besuch dürfen wir auf Sie zählen.«

Dantes wurde rot. »Nach diesem ersten Besuch liegt mir ein zweiter nicht weniger am Herzen ...

»Ach, daß ich's vergessen konnte! Die schöne Mercedes ... Da will ich Sie nicht aufhalten, mein lieber Edmond. Übrigens: brauchen Sie Geld?«

»Besten Dank, mein Herr! Ich habe noch mein ganzes Reisegehalt, das heißt den Sold von beinahe drei Monaten.«

»Edmond, Sie sind ein tüchtiger Kerl.«

»Bedenken Sie, Herr Morrel, daß ich einen armen Vater habe.«

»Ja, ja, ich weiß, daß Sie ein guter Sohn sind. Gehen Sie also zu Ihrem Vater.«

»Sie erlauben also?« sagte der junge Mann, indem er sich verneigte.

»Ja, wenn Sie mir nichts weiter zu sagen haben?«

»Nein.«

»Hat Ihnen der Kapitän Leclerc auf seinem Sterbelager nicht einen Brief an mich gegeben?«

»Es war ihm unmöglich, zu schreiben, mein Herr; doch dies erinnert mich, daß ich Sie um einige Tage Urlaub bitten möchte.«

»Um sich zu verheiraten?«

»Das fürs erste – und dann, um nach Paris zu reisen.«

»Gut, gut, Dantes! Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen. Wir brauchen wohl sechs Wochen, um das Schiff auszuladen, und werden vor drei Monden nicht wieder in See gehen. Sie müssen also in drei Monaten wieder hier sein. Der ›Pharaon‹«, fuhr der Reeder fort und klopfte auf die Schulter des jungen Seemannes, »könnte nicht absegeln ohne seinen Kapitän.«

»Ohne seinen Kapitän?« wiederholte Dantes mit freudefunkelnden Augen. »O Herr! Versteh' ich Sie recht?«

»Auf Wiedersehen, lieber Dantes«, sagte Herr Morrel, faßte den jungen Mann bei den Schultern und drängte ihn zur Eile.

»Oh, Herr Morrel!« rief der junge Seemann mit Tränen im Auge, die Hände des Reeders ergreifend. »Ich danke Ihnen in meines Vaters und in Mercedes' Namen.«

Die Nachricht von der Ankunft des »Pharaon« war noch nicht bis zum alten Dantes gedrungen, der auf einem Stuhl saß und eben beschäftigt war, einige Kapuzinerblumen und Winden, die sich am Fenstergitter emporrankten, mit zitternder Hand an Stäben zu befestigen.

Auf einmal fühlte er sich von einem Arm umschlungen und hörte eine wohlbekannte Stimme:

»Vater, mein guter Vater!«

Der Alte stieß einen Schrei aus und wandte sich; als er dann seinen Sohn sah, sank er zitternd und bleich in dessen Arme.

»Was ist dir denn, Vater?« rief der junge Mann. »Du bist doch nicht krank?«

»Nein, nein, mein lieber Edmond, mein Sohn, mein Kind! Nein; aber ich habe dich nicht erwartet, die Freude, die Überraschung, dich so unvermutet zu sehen! Ach Gott ... ich glaube zu sterben!«

Dem Greise schwanden die Kräfte, und er sank zurück.

»Schnell ein Glas Wein, mein Vater, das wird dich erfrischen«, sagte der Jüngling.

Er öffnete zwei oder drei Schränke.

»Du suchst umsonst, mein Sohn.«

»Wie? Kein Wein mehr da?« rief Dantes erschreckt und blickte bald auf die eingefallenen Wangen des Greises, bald auf die leeren Schränke. »Hat es dir an Geld gemangelt, Vater?«

»Es mangelt mir an nichts, da du bei mir bist«, sagte der Greis.

»Ja, ich bin hier,« sagte der junge Mann, »ich bin hier mit einer guten Aussicht und ein bißchen Geld; da sieh, Vater! Nimm, und laß sogleich etwas holen.«

Er leerte auf dem Tisch seine Taschen aus, die ein Dutzend Goldstücke, fünf oder sechs Fünffrankstücke und etwas Kleingeld enthielten.

Das Angesicht des Greises erheiterte sich.

»Wem gehört das?« sagte er.

»Mir, dir, uns – nimm, kauf' ein; morgen gibt es mehr. Vor allem aber nimm eine Magd, Vater! Ich will nicht, daß du länger allein bleibst. Ich habe Kaffee und vortrefflichen Tabak. Morgen sollst du alles haben. Doch still, es kommt jemand.«

»Das ist Caderousse, der deine Ankunft erfahren haben wird, und der gewiß kommt, um dir zu deiner Heimkehr Glück zu wünschen.«

»Das sind abermals Lippen, die manches sagen, was das Herz nicht denkt,« murmelte Edmond; »doch es ist ein Nachbar, der uns einst Dienste geleistet hat, darum sei er willkommen.«

Caderousse trat ein. Er war ein Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren. »Nun, wieder zurück, Edmond?«

»Wie Sie sehen, Nachbar Caderousse. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Danke bestens; ich habe nichts vonnöten.« Dabei streiften seine lüsternen Blicke das auf dem Tisch liegende Geld. Edmond machte eine ungeduldige Bewegung. »Vater, da ich dich nun gesehen habe, erlaubst du mir wohl, den Katalanern einen Besuch zu machen.«

»Geh, mein lieber Sohn. Gott segne dich. Grüß' mir deine Mercedes.«

Edmond umarmte seinen Vater, verabschiedete sich von Caderousse mit einem Kopfnicken und ging fort.

Caderousse blieb noch ein Weilchen, dann suchte er Danglars wieder auf, der an der Straßenecke auf ihn wartete.

»Nun,« rief ihm Danglars zu, »hast du ihn gesehen?«

»Ich komme soeben von ihm«, antwortete Caderousse.

»Der spielt jetzt den großen Herrn. Und die Katalanerin?«

»Er ging soeben zu ihr.« Caderousse lachte. »Hoffentlich erlebt er keine Enttäuschungen.«

»Wie meinst du das?«

»Ich habe Mercedes oft in Begleitung eines großen, stattlichen, sehr temperamentvollen Katalaners angetroffen, den sie ›Vetter‹ zu nennen pflegt.«

»Hm... und Dantes ist jetzt zu Mercedes gegangen...«

»Weißt du, wir setzen uns beide zu Vater Pamphile und trinken ein paar Gläser Wein. Du aber bezahlst.«

»Freilich!« antwortete Danglars.

»Dantes muß an uns vorbei; da kann man vielleicht was erleben.«

Hundert Schritte von den beiden Kumpanen entfernt, die da weintrinkend auf der Lauer saßen, erhob sich auf nacktem, sonnverbranntem Felsen das seltsame und pittoreske Dorf der Katalaner.

Ein junges Mädchen von seltener Schönheit, mit Augen und Haaren dunkel wie Achat, steht einem schlanken Mann gegenüber, der nicht in allzu rosiger Stimmung zu sein scheint.

»Sehen Sie, Mercedes,« sagt er, »Ostern kommt. Wär's nicht die beste Gelegenheit, Hochzeit zu machen?«

»Sie fragen mich immer wieder dasselbe, Fernand, trotzdem ich...« sagte das Mädchen.

»Jawohl, Sie haben eine sehr schöne Offenheit mir gegenüber an den Tag gelegt, Gott sei's geklagt.«

»Und ich sage Ihnen nun zum letzten Male: Niemand anders als Edmond Dantes wird mein Gatte«, rief das Mädchen heftig. Der junge Mann ballte die Fäuste.

»Wenn er nun tot ist, Mercedes?«

»Dann sterbe ich auch.«

»Und wenn er Sie vergißt?«

»Mercedes!« rief eine frohe Stimme außerhalb der Hütte. »Mercedes!«

»Ah!« rief das Mädchen, vor Freude erglühend. »Er hat mich nicht vergessen; er ist da!«

Sie stürzte zur Tür: »Edmond! Edmond! hier bin ich!«

Fernand wich erblassend zurück.

Edmond und Mercedes lagen einander in den Armen. Die ganze Welt versank für sie.

Auf einmal gewahrte Edmond die finstere Gestalt Fernands, die bleich und bedrohlich im Schatten stand.

»Ah, Vergebung,« sagte Dantes, die Stirn runzelnd, »ich ahnte nicht, daß wir zu dreien sind.« Dann wandte er sich zu Mercedes und fragte: »Wer ist dieser Herr?«

»Dieser Herr wird dein bester Freund sein, Dantes, denn er ist mein Freund, mein Vetter, mein Bruder Fernand, das heißt der Mann, den ich nach dir, Edmond, am meisten in der Welt liebe.«

Edmond reichte mit Herzlichkeit dem Katalaner die eine Hand, während er mit der anderen die Hand Mercedes' in der seinigen hielt. Aber weit entfernt, daß Fernand diese freundschaftliche Begrüßung erwiderte, verharrte er stumm und unbeweglich wie eine Statue. Sodann ließ Edmond seinen forschenden Blick von Mercedes auf Fernand fallen. Dieser einzige Blick gab ihm Aufschluß über alles. Zorn malte sich auf seiner Stirn.

»Ich dachte nicht, Mercedes,« sagte er, »daß ich einen Feind hier treffen würde.«

»Einen Feind?« rief Mercedes mit zornglühendem Blick auf ihren Vetter. »Einen Feind bei mir, sagst du, Edmond? Wenn ich das wüßte, so würde ich dich am Arm fassen und nach Marseille gehen, um dieses Haus für immer zu verlassen.«

Fernands Auge schleuderte Blitze.

»Und begegnete dir ein Unglück, mein Edmond,« fuhr sie mit unveränderlicher Ruhe fort, die Fernand bewies, daß sie in der Tiefe seiner finsteren Gedanken gelesen hatte, »wenn dir ein Unglück begegnete, so stiege ich auf das Kap von Morgion und stürzte mich kopfüber auf die Felsen nieder.«

Fernand wurde blaß.

»Nein, du hast dich geirrt, Edmond,« fuhr sie fort, »du hast hier keinen Feind, hier ist nur Fernand, mein Bruder, der dir die Hand reichen wird, wie ein erklärter Freund.«

Bei diesen Worten heftete das junge Mädchen ihren gebieterischen Blick auf den Katalaner, der, als wäre er bezaubert, sich langsam näherte und ihm die Hand entgegenstreckte. Er hatte aber kaum Edmonds Hand berührt, so stürzte er aus dem Hause.

»He, Katalaner! He, Fernand! Wohin läufst du?« rief eine Stimme dem Davoneilenden zu.

Der junge Mann blickte um sich und sah Caderousse, der mit Danglars in der Laube eines Schankwirts saß. Fernand blickte mit blöder Miene auf die beiden Männer und gab keine Antwort.

»He, Freundchen! Pech gehabt in der Liebe?« lachte Caderousse.

Fernand setzte sich zu ihnen und ließ stöhnend den Kopf in die Hände sinken.

Die beiden andern machten ihre rücksichtslosen Scherze dazu.

»Wann wird's denn Hochzeit geben?« fragte Danglars.

»So weit ist's noch nicht«, murmelte Fernand.

»Holla! Was ist denn da drüben für ein Pärchen, das über die Berge lustwandelt? Ihr habt bessere Augen als ich. Haha! Es glaubt sich ungesehen und küßt sich alle zehn Schritte«, rief Caderousse.

»Wahrhaftig, sie sind's: der schöne Edmond und Mercedes. Glück auf, mein Jungchen!«

Spöttisch schwenkte Danglars sein Glas in der Richtung nach den Hügeln zu.

Fernand ballte die Faust. Danglars schaute unentwegt zu den beiden Liebenden hinüber.

»Der Mann glaubt sich so sicher und ahnt gar nicht, auf welch wankendem Boden sein Glück steht.«

»Weshalb? Warum?« fragten die beiden andern begierig.

»Hm... das ist so eine Sache...«

»Rede, Mensch!« stießen die beiden andern ihn an.

»Tja...«, meinte Danglars, »es bedürfte nur eines Bogens Papier und Feder und Tinte.«

»He! Wirt! Papier her!«

Der Wirt brachte all das Gewünschte.

Danglars lächelte geheimnisvoll, nahm die Feder in die linke Hand und schrieb mit völlig veränderter Schrift:

»Der königliche Prokurator wird von einem Freunde des Thrones und der Religion in Kenntnis gesetzt, daß ein gewisser Edmond Dantes, Vizekapitän des Schiffes ›Pharaon‹, diesen Morgen von Smyrna ankam, nachdem er Neapel und Porto-Ferrajo berührt hat, von Murat mit einem Briefe für den Usurpator, und vom Usurpator mit einem Briefe für das bonapartistische Komitee in Paris beauftragt worden ist.

Den Beweis seines Verbrechens erlangt man mit seiner Verhaftung, denn man wird diesen Brief entweder bei ihm oder bei seinem Vater oder in seiner Kajüte an Bord des ›Pharaon‹ finden.«

»Sehen Sie!« flüsterte Danglars mit gemeinem Lächeln. »Damit wär's um den Mann geschehen.«

Die beiden andern sahen mit stieren Augen auf den ihnen hinübergereichten Bogen.

»Donnerwetter!« murmelte Caderousse, dem der Wein bereits in den Kopf gestiegen war.

»Und wohin müßte man solch ein Schriftstück schicken?«

Danglars schrieb spielend die Adresse.

»So so... so so...«, brummte Caderousse halb wie im Schlaf; dann sprang er plötzlich hoch: »Das ist eine Gemeinheit, Kinder! Man treibt mit dergleichen Sachen keine Narrenspossen. Her mit dem Wisch!«

Er griff danach. Danglars fiel ihm abwehrend in den Arm: »Komm, komm, lieber Freund; es ist Zeit, nach Hause zu gehen.«

»Den Brief will ich haben, den Brief! Ihr seid gemein gegen Dantes«, lallte Caderousse.

»Da liegt der Brief«, sagte Danglars, ließ das Schriftstück zur Erde fallen und trat mit dem Fuß drauf. »Deinem guten Dantes wird keiner ein Haar krümmen. Komm, komm...«

Er zog den Schwankenden mit sich fort, dabei beobachtete er heimlich mit scharfem Blick den Katalaner.

Fernand hatte mit zusammengepreßten Lippen die ganze Zeit hindurch dagesessen, ohne mitzureden. Kaum aber glaubte er die beiden andern außer Sehweite, so stürzte er sich wie ein wildes Tier auf den Brief, steckte ihn in die Tasche und rannte davon.


Wenige Tage darauf wurde die Verlobung Dantes' mit der schönen Mercedes feierlich begangen. Das Brautpaar, strahlend in seinem Glück, saß inmitten einer Schar von guten Freunden, Bekannten und Verwandten. Caderousse, Danglars und Fernand hatte man auch geladen. Durch Herrn Morrels Erscheinen aber hatte das junge Paar sich ganz besonders beehrt gefühlt.

Man aß und trank, schwatzte und lachte. Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Nur Fernand und Danglars verhielten sich auffallend still, Caderousse dagegen freute sich mit den Glücklichen; er schien die Vorgänge vom Tage vorher vollkommen vergessen zu haben.

Plötzlich ertönten drei laute Schläge. Erstaunt blickte alles zur Tür.

»Im Namen des Gesetzes!« schnarrte eine Stimme, der niemand antwortete.

Die Tür ging auf, und ein Kommissar, mit seiner Schärpe umgürtet, trat in den Saal, ihm folgten vier bewaffnete Soldaten, von einem Korporal geführt.

»Was gibt es?« fragte der Reeder, der den Kommissar kannte, »hier liegt doch sicher ein Irrtum vor.«

»Wenn da ein Irrtum im Spiele ist, Herr Morrel,« entgegnete der Kommissar, »so seien Sie überzeugt, daß er sogleich wieder gutgemacht wird. Indes bin ich der Überbringer eines Haftbefehls, und obschon ich meinem Auftrage mit Bedauern nachkomme, muß ich ihn doch pünktlich vollziehen. Wer von Ihnen, meine Herren, ist Edmond Dantes?«

Die Blicke aller wandten sich dem jungen Mann zu, der, zwar heftig bewegt, aber doch seine Würde bewahrend, einen Schritt vortrat und sagte: »Ich bin es, mein Herr, was wünschen Sie von mir?«

»Edmond Dantes!« erwiderte der Kommissar. »Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.«

»Sie verhaften mich?« sagte Edmond mit einem leichten Erblassen. »Warum verhaften Sie mich?«

»Ich weiß das nicht, mein Herr, aber in Ihrem ersten Verhör wird es Ihnen kundwerden.«

Herr Morrel sah ein, daß sich im Augenblick nichts tun ließ, der alte Dantes aber stürzte dem Kommissar entgegen, es gibt eben Dinge, die das Herz eines Vaters oder einer Mutter nie zu begreifen vermag. Er bat und beschwor den Beamten, und seine Verzweiflung war so groß, daß sie den Kommissar rührte.

»Mein Herr,« sagte er, »beruhigen Sie sich, vielleicht hat Ihr Herr Sohn nur eine Sanitätsförmlichkeit außer acht gelassen; hat man von ihm die Auskunft erhalten, die man verlangt, so wird er wieder in Freiheit gesetzt.«

»Sei ruhig, meine Mercedes, sei ruhig, Vater! Es muß sich ja alles aufklären«, sagte Dantes, küßte die Geliebte und drückte den Seinen die Hand. Dann stieg er hinter dem Kommissar, von Soldaten umgeben, die Treppe hinab. Ein Wagen mit geöffnetem Schlage erwartete ihn an der Tür, er stieg ein, und ihm folgten zwei Soldaten mit dem Kommissar. Der Schlag wurde geschlossen, und der Wagen rollte gegen Marseille hin.

»Edmond! Edmond!« rief Mercedes und stürzte nach der Balustrade.

Der Gefangene vernahm noch diesen letzten Schrei, der wie ein Schluchzen aus zerrissenem Herzen klang; er neigte seinen Kopf über den Schlag hinaus und rief: »Vertraue mir, Mercedes!« Dann verschwand er an einer Ecke des Fort Saint-Nicolas.

Eine namenlose Bestürzung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt.

»So geht es nicht,« sagte Herr Morrel, »die Ungewißheit foltert mich. Ich will den ersten besten Wagen nehmen, um selbst nach Marseille zu fahren und zu sehen, was vorliegt.«

»Ach ja, tun Sie das, und kommen Sie bald zurück«, schluchzte Mercedes.

Als auch Herr Morrel gegangen war, blieben der Vater Dantes' und Mercedes für sich allein. Die Gäste standen beieinander und tuschelten. Da begegneten sich die Blicke der beiden Verlassenen. Sie fühlten ihre Zusammengehörigkeit in dieser Stunde der Verzweiflung doppelt und sanken sich laut weinend in die Arme.

Endlich kam Herr Morrel zurück. Mercedes und der alte Vater liefen ihm entgegen.

»Meine Lieben,« sagte der Schiffsherr bedrückt, »die Sache ist ernster, als man dachte.«

»Edmond ist unschuldig, Herr Morrel! Er ist unschuldig!« schrie Mercedes außer sich.

»Davon bin auch ich überzeugt«, sagte der gütige Mann.

»Wessen beschuldigt man ihn?« fragte mit trockener Kehle der alte Dantes.

»Ein Agent der bonapartistischen Partei zu sein.«

Mercedes schrie laut auf; der Greis aber brach zusammen.

»Was hast du getan, du Lump?« drang Caderousse keuchend auf Danglars ein. »Sofort geh' ich und sage alles.«

»Untersteh dich!« fauchte Danglars ihn an. »Wer sagt dir, daß Dantes nicht wirklich schuldig sei? Das Schiff hat die Insel Elba berührt, er ist dort ausgestiegen und einen Tag lang in Porto-Ferrajo geblieben. Fände man bei ihm einen Brief, der ihn bloßstellte, würden auch diejenigen für mitschuldig gelten, die ihn unterstützten.«

Caderousse begriff mit dem Instinkt der Selbstsucht die ganze Richtigkeit dieses Schlusses. Er blickte Danglars mit Augen voll Schmerz und Verachtung an, und für einen Schritt, den er vorwärts getan, wich er zwei Schritte zurück.

»Warten wir also«, murmelte er.

»Ja, warten wir,« sagte Danglars; »ist er unschuldig, so wird man ihn in Freiheit setzen, ist er aber schuldig, so wäre es unnütz, sich für einen Verschworenen bloßzustellen.«


Zur gleichen Zeit, da sich diese Tragödie abspielte, wurde in der Rue Grand Cours ein zweites Verlobungsfest gefeiert. Hatte es sich dort aber nur um Leute des bürgerlichen Mittelstandes gehandelt, fand man hier einen erlesenen Kreis der vornehmsten Marseiller Gesellschaft vor. Man saß bei Tisch, und die Unterhaltung wurde lebendig durch die Leidenschaften jener Zeit. Leidenschaften, die um so heftiger und zündbarer waren, als seit fünfhundert Jahren der religiöse Haß dem politischen fort und fort neue Nahrung gab.

Der Kaiser – damals König auf der Insel Elba –, der einen großen Teil der Welt beherrscht hatte und sich nun mit dem kleinen Elba begnügen mußte, schien dieser Gesellschaft ein toter Mann und für immer erledigt.

So erhob denn der greise Marquis von Saint-Méran, der heute seine Tochter Renée mit dem Substitut des königlichen Prokurators Herrn de Villefort verlobt hatte, sein Glas, um ein Hoch auf das Wohl Ludwigs XVIII. auszubringen. Das rief allgemein eine stürmische Begeisterung hervor. Man schwang die Gläser auf englische Manier, und die Damen lösten ihre Blumensträuße auf, um die Tafel mit Blüten zu bestreuen.

In diesem Augenblick trat ein Kammerdiener ein, näherte sich dem Herrn de Villefort und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Villefort entschuldigte sich bei seiner Braut und verließ eilends die Festtafel.

Villefort hatte kaum den Speisesaal verlassen, als er auch sogleich eine gestrenge Amtsmiene aufzusetzen sich bemühte. Es gelang ihm dies heute nicht so leicht, da er sich froh und glücklich fühlte, wie es ein Mensch nur sein kann. Er hatte auch allen Grund dazu. So jung er noch war, bekleidete er bereits eine ansehnliche Stellung, und durch seine Verlobung mit der schönen Renée de Saint-Méran kam er in eine Familie, die bei Hofe zurzeit das größte Ansehen hatte. Dazu war Renée das einzige Kind ihrer Eltern und brachte ihm eine Mitgift von fünfzigtausend Franken in die Ehe. Sollte er da nicht guter Dinge sein?

Er traf vor der Tür den Polizeikommissar, der auf ihn wartete. Er trat zu ihm heran und sagte: »Es ist gut, daß Sie den Mann verhafteten. Wissen Sie bereits Näheres über dieses Komplott?«

»Von einem Komplott, mein Herr, weiß ich nichts. Alle Papiere, die man bei ihm fand, liegen versiegelt in Ihrem Bureau. Was den Verhafteten betrifft, so ist es ein gewisser Edmond Dantes, Kapitän des Handelsschiffes von Morrel & Sohn in Marseille.«

Auf dem Wege zum Justizpalast wurde Villefort von jemand angesprochen. Es war Herr Morrel.

»Ah, Herr von Villefortl« rief der redliche Mann, als er den Substituten erblickte. »Ich bin sehr erfreut, Ihnen hier zu begegnen. Man hat eben den seltsamsten und unerhörtesten Mißgriff getan und Edmond Dantes verhaftet, den Kapitän meines Schiffes.«

»Ich weiß es, mein Herr!« entgegnete Villefort. »Und ich gehe, um ihn zu verhören.«

»Ach, mein Herr,« fuhr Morrel, voller Angst und Sorge um seinen jungen Kapitän, dringend fort, »Sie kennen ihn nicht, den man beschuldigt; aber ich kenne ihn. Denken Sie sich den friedlichsten, rechtschaffensten Menschen, ich möchte fast sagen, den Mann, der bei der ganzen Handelsmarine seinen Platz am besten ausfüllt. Oh, Herr von Villefort, ich empfehle Ihnen den Mann aufrichtig und von ganzem Herzen.«

Wie man weiß, gehörte Villefort der Adelspartei der Stadt an und Morrel der bürgerlichen; der erste war Ultra-Royalist, der zweite des geheimen Bonapartismus verdächtig. Villefort blickte mit Geringschätzung auf Morrel und sprach zu ihm mit Kälte:

»Sie wissen, mein Herr, man kann friedlich sein im Privatleben, rechtschaffen im Handelsverkehr, geschickt in seinem Berufe und, politisch gesprochen, dennoch ein großer Verbrecher. Sie wissen das, Herr, nicht wahr? Im übrigen mögen Sie überzeugt sein, daß man Ihrem Schützling Gerechtigkeit widerfahren lassen wird.«

Damit grüßte er frostig und ließ den gütigen Mann auf der Straße stehen.

Der Vorraum des Justizpalastes war voll von Gendarmen und Polizeiagenten. Mitten unter ihnen stand regungslos der Gefangene.

Als Villefort eintrat, warf er einen scheelen Blick auf Dantes. Dann nahm er das Bündel Schriften in Empfang und sagte: »Man führe den Gefangenen vor!«

Als Dantes vor dem Richter stand, grüßte er höflich.

»Wer sind Sie? Wie ist Ihr Name?« fragte Villefort.

»Ich nenne mich Edmond Dantes, mein Herr,« antwortete der junge Mann mit einer ruhigen, klangvollen Stimme, »und bin Kapitän an Bord des Schiffes ›Pharaon‹ der Herren Morrel & Sohn.«

»Ihr Alter?« fragte Villefort weiter.

»Neunzehn Jahre«, entgegnete Dantes.

»Was haben Sie in dem Augenblick getan, als Sie verhaftet wurden?«

»Ich hielt mein eigenes Verlobungsmahl, mein Herr«, versetzte Dantes mit bewegter Stimme.

»Sie waren bei Ihrem Verlobungsmahl?« fragte der Substitut, unwillkürlich zitternd.

»Ja, mein Herr, ich stehe im Begriff, ein Mädchen zu heiraten, das ich seit drei Jahren liebe.«

Wie unempfindlich auch Villefort gewöhnlich war, so wurde er doch durch dieses Zusammentreffen der Umstände erschüttert.

»Man beschuldigt Sie stark übertriebener politischer Gesinnungen«, fuhr er nun fort.

»Was meine politischen Gesinnungen betrifft, mein Herr, so schäme ich mich beinahe, es zu sagen; ich habe nie das gehabt, was man solch eine Gesinnung nennt. Ich zähle kaum neunzehn Jahre, weiß nichts und bin nicht dazu bestimmt, irgendeine Rolle zu spielen; das wenige, was ich bin, habe ich Herrn Morrel zu verdanken. Sonach beschränken sich alle meine Gesinnungen einzig auf drei Empfindungen: ich liebe meinen Vater, ich achte Herrn Morrel und bete meine Mercedes an. Das ist alles, mein Herr, was ich dem Gericht sagen kann.«

Villefort grübelte vor sich hin.

»Haben Sie Feinde?« fragte er dann.

»Ich bin noch zu wenig, um Feinde zu haben«, äußerte Dantes bescheiden.

»Nun – oder Neider«, forschte Villefort. »Sie sind mit neunzehn Jahren zum Kapitän ernannt, ein schönes Mädchen hat Ihnen seine Neigung geschenkt, zwei Tatsachen, um die Sie wohl beneidet werden könnten.«

»Bisher habe ich nie an dergleichen gedacht; indessen, Sie mögen recht haben. Sollte ich die Neider aber unter meinen Freunden suchen müssen, wünschte ich sie lieber nicht zu kennen, um nicht genötigt zu sein, sie zu hassen.«

»Das ist töricht, mein Lieber. Wohl dem, der klar sieht. Ihnen wäre vielleicht all dies erspart geblieben, denn Sie scheinen mir wirklich ein Opfer von Neid und Mißgunst zu sein. Ich will Ihnen gern zur Aufklärung Ihrer Lage verhelfen. Sehen Sie einmal: kennen Sie diese Handschrift?«

Er reichte ihm den anonymen Anklagebrief hinüber.

Dantes las, und seine Stirn umdüsterte sich.

»Nein, mein Herr, ich kenne die Handschrift nicht. Sie ist verstellt, trotzdem sie Schwung hat.«

Villefort ging ein paarmal hin und her, dann wandte er sich an Dantes und sagte: »Jetzt antworten Sie mir mal ganz freimütig, nicht wie ein Angeklagter seinem Richter, sondern wie ein Mensch in einer schiefen Stellung einem andern Menschen antwortet, der ihm Teilnahme schenkt: Was ist Wahres an dieser anonymen Beschuldigung?«

»Alles und nichts, mein Herr! Das ist die reine Wahrheit, sie ist's bei meiner Seemannsehre, bei meiner Liebe zu Mercedes, bei dem Leben meines Vaters!«

»Sprechen Sie, Herr!« sagte Villefort.

»Wohlan! Als wir Neapel verließen, wurde Kapitän Leclerc von einer Gehirnentzündung befallen; als er den Tod herannahen fühlte, beschied er mich zu sich und sagte: ›Mein lieber Dantes, schwören Sie mir bei Ihrer Ehre, das zu tun, was ich Ihnen sagen werde, denn es ist von größter Wichtigkeit.‹ ›Ich schwöre es Ihnen, Kapitän!‹ war meine Antwort. ›Nun gut; da Ihnen als Vizekapitän nach meinem Tode das Schiffskommando gebührt, so übernehmen Sie dasselbe; Sie segeln nach der Insel Elba, landen in Porto-Ferrajo, fragen nach dem Großmarschall und überreichen ihm diesen Brief; vielleicht übergibt man Ihnen einen andern Brief und erteilt Ihnen irgendeinen Auftrag. Diese Sendung, Dantes, die mir zugedacht war, sollen Sie nun statt meiner übernehmen, und es wird Ihnen sodann alle Ehre zuteil werden.‹ ›Ich will es tun, Kapitän. Aber vielleicht kann man nicht so leicht, wie Sie glauben, zum Großmarschall gelangen.‹ ›Hier ist ein Ring, den Sie ihm zukommen lassen,‹ sagte der Kapitän, ›dieser wird alle Schwierigkeiten beseitigen.‹ Mit diesen Worten übergab er mir einen Ring; es war hohe Zeit, zwei Stunden darauf lag er im Delirium, am folgenden Tage war er tot.«

»Und was haben Sie getan?«

»Was ich tun mußte, mein Herr, und was an meiner Stelle jeder andre getan hätte. Die Bitten eines Sterbenden sind heilig; aber bei den Seeleuten sind die Bitten eines Vorgesetzten Befehle, die man erfüllen muß. Ich segelte also nach der Insel Elba, wo ich am folgenden Tage anlangte; ich gab der ganzen Mannschaft Befehl, auf dem Schiffe zu bleiben, und stieg allein ans Land. Wie ich es voraussah, machte man mir Schwierigkeiten, mich beim Großmarschall einzuführen; als ich ihm aber den Ring zuschickte, wurden mir alle Türen geöffnet. Er empfing mich, befragte mich um die letzten Lebensumstände des unglücklichen Kapitäns Leclerc und übergab mir einen Brief mit dem Auftrage, ihn persönlich nach Paris zu bringen. Ich versprach es ihm, denn dies hieß den letzten Willen meines Kapitäns vollziehen. Ich kehrte an Bord zurück, steuerte nach Marseille, wo ich gestern landete, und nachdem ich rasch alle Schiffsangelegenheiten in Ordnung gebracht hatte, eilte ich zu meiner Braut. Morgen hatte ich die Absicht, nach Paris zu fahren.«

»Ja, ja,« murmelte Villefort, »das alles dünkt mich Wahrheit, und wenn Sie schuldig sind, so sind Sie es aus Unklugheit; ferner ward diese Unklugheit gesetzlich durch die Befehle Ihres Kapitäns. Übergeben Sie uns jenen Brief, den man Ihnen auf der Insel Elba eingehändigt hat. Verbürgen Sie mir Ihr Ehrenwort, sich bei der ersten Vorladung zu stellen, und kehren Sie jetzt zu Ihren Freunden zurück.«

»Ich bin also frei, mein Herr?« rief Dantes voll Entzücken.

»Ja, nur geben Sie mir jenen Brief.«

»Er muß vor Ihnen liegen, mein Herr, denn man hat ihn mir mit meinen andern Papieren weggenommen, und ich erkenne einige davon in diesem Bündel.«

»Warten Sie,« sagte der Substitut zu Dantes, der schon seine Handschuhe und seinen Hut genommen hatte, »warten Sie, an wen war er adressiert?«

»An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron in Paris«, antwortete Dantes.

Als hätte ihn ein Blitz getroffen, sank Villefort auf seinen Stuhl zurück. Dann griff er mit zitternder Hand nach dem Brief.

»Mr. Noirtier, Rue Coq-Héron, Nummer 13?«

Stöhnend barg der Mann einen Augenblick sein Haupt in den Händen. Dann fragte er mit rauher Stimme: »Weiß noch jemand um den Brief?«

»Nein, Herr«, sagte Dantes verwundert.

»Und war dies der einzige Brief?«

»Ja. Herr.«

»Können Sie beides beschwören?«

»Ich beschwöre es.«

»Gut«, sagte der Richter mit Anstrengung. »Der Brief könnte für Sie sehr verhängnisvoll werden. Ich habe Interesse für Sie und möchte Ihnen helfen. Sehen Sie: ich vernichte den Brief, daß keine Spur von ihm bleibt.« Er war zum Kamin gegangen und warf das Schriftstück in die lodernden Flammen. Dann sah er Dantes mit erloschenen Augen an.

»Dafür erwarte ich von Ihnen eine Art Gegenleistung ... zwar kann ich Sie im Augenblick doch noch nicht gehen lassen... ein anderer Beamter wird Sie noch einmal verhören. Sagen Sie alles, was Sie mir gesagt haben, aber kein Wort von dem Brief.«

»Ich verspreche es Ihnen.«

»Das ist recht so. Und nun noch ein wenig Geduld und den Kopf hoch.«

»Ich danke Ihnen, mein Herrl«

Villefort griff nach der Klingelschnur; der Kommissar trat ein. Der Richter flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Der Beamte nickte, dann wandte er sich an Dantes:

»Folgen Sie mir!«


Man hatte Dantes in ein ziemlich reinliches Zimmer geführt, allerdings mit Gittern und Riegeln versehen. Er suchte krampfhaft jedes Gefühl von Besorgnis zu unterdrücken und vergegenwärtigte sich immer aufs neue das wohlwollende Verhalten des Substituten, um daraus Mut und Hoffnung zu schöpfen. Die Tageshelle schwand, und Dantes befand sich im Dunkeln. Es verging Stunde um Stunde in Hangen und Bangen.

Endlich hörte er Schritte. Die Tür wurde geöffnet, und der Schein zweier Fackeln fiel ins Zimmer. Dantes sah vier Gendarmen mit Säbeln und Musketen.

»Kommt ihr, um mich zu holen?« fragte er.

»Ja«, erwiderte einer von den Leuten.

»Auf Befehl des Herrn Substituten des königlichen Prokurators?«

»Es wird wohl so sein.«

»Gut,« sagte Dantes, »ich bin bereit, euch zu folgen.« Der Glaube, daß man ihn auf Befehl des Herrn von Villefort hole, benahm dem unglücklichen Jüngling alle Furcht. Er schritt also vorwärts, ruhig im Geiste, frei im Gange, und stellte sich selbst mitten unter seine Begleitung. Ein Wagen hielt am Straßentor, der Kutscher saß auf dem Bock und neben ihm ein Gefreiter.

»Ist dieser Wagen für mich bestimmt?« fragte Dantes.

»Für Sie,« entgegnete einer der Gendarmen, »steigen Sie ein.«

Dantes wollte einige Bemerkungen machen, allein der Kutschenschlag ging auf, und er empfand, daß man ihn hineinschob.

Die Fenster des Fuhrwerks waren vergittert, doch Dantes vermochte zu erkennen, daß die Fahrt nach dem Kai ging. Der Wagen hielt. Ein Dutzend Soldaten eilten herbei und stellten sich auf. »Wie, meinetwegen solch ein militärisches Aufgebot?« fragte Dantes voller Staunen.

Der Gefreite öffnete den Wagenschlag und wies Dantes stumm den Weg zwischen zwei Reihen Bewachung, der zum Hafen führte.

Ehe er sich's versah, saß er, von den Gendarmen umringt, in einem Boot und wurde in die Nacht hinausgerudert.

Trotz seiner Abneigung, mit den Wächtern zu reden, konnte er nun doch nicht den Ausruf unterdrücken: »Mein Gott, wohin führt man mich denn?«

»Wenn Ihr nicht blind seid, schaut Euch doch um«, gab widerwillig einer von den Gendarmen zur Antwort.

Dantes suchte die Dunkelheit zu durchdringen, da sah er in einiger Entfernung aus steilen, schwarzen Felsen das schauerliche Schloß If aufragen. Der Anblick dieses unheimlichen Gebäudes wirkte auf Dantes so furchtbar, wie auf einen zum Tode Verurteilten der Anblick des Schafotts.

»Um des Himmels willen, was sollen wir da?« schrie er auf.

Der Gendarm lächelte.

Bei Dantes überstürzten sich Gedanken und Vermutungen.

»Führt man mich etwa dahin, um mich einzusperren? Das ist doch ein Staatsgefängnis für große politische Verbrecher. Ich habe kein Verbrechen begangen. Gibt es Untersuchungsrichter, Beamte im Schlosse If?«

»Wie ich vermute,« sagte der Gendarm, »gibt es dort einen Gouverneur, einen Kerkermeister, eine Garnison und gute Mauern. He, Freund!«

Die Gendarmen waren aufgesprungen und hielten Dantes gepackt, der sich in der Aufwallung grenzenloser Verzweiflung hatte ins Meer stürzen wollen.

Jetzt lag er auf dem Boden des Bootes, und ein Gendarm hatte ihm das Knie auf die Brust gesetzt:

»Noch eine Bewegung, und ich jage Euch eine Kugel durch den Kopf.«

Er richtete wirklich seinen Karabiner gegen Dantes, der die Mündung des Rohres wie einen eisigen Ring an der Schläfe verspürte.

Dantes hatte einen Augenblick lang wirklich den Gedanken, diese verpönte Bewegung zu machen und auf solche Art dem unerwarteten Unglück ein Ende zu bereiten; allein gerade weil dieses Unglück so unerwartet kam, meinte er, es sei nicht von Dauer. Jetzt wurde die Barke von einem heftigen Stoße erschüttert. Einer der Ruderknechte sprang auf den Felsen, ein Tau knarrte im Abrollen von einer Winde, und Dantes erkannte, daß man gelandet sei. Man packte ihn zugleich am Arme und Kragen, nötigte ihn, aufzustehen und vorwärts zu gehen.

Dantes leistete weiter keinen unnützen Widerstand, die Langsamkeit seines Ganges war viel mehr Erschlaffung als Widersetzlichkeit. Er war betäubt und wankte wie ein Betrunkener. Er sah aufs neue Soldaten kommen, die sich an der steilen Böschung aufstellten, er merkte Stufen, die ihn zwangen, seine Füße zu heben, und gewahrte, daß er unter ein Tor kam, das sich hinter ihm schloß – aber alles maschinenmäßig, wie im Nebel.

Einen Augenblick wurde in einem dunklen Hofe haltgemacht.

»Wo ist der Gefangene?« fragte eine Stimme.

»Hier«, antworteten die Gendarmen.

»Er folge mir; ich werde ihn in seine Zelle führen.«

»Vorwärts!« riefen die Gendarmen und gaben Dantes einen Stoß.

Der Gefangene folgte seinem Führer, der ihn in ein unterirdisches Gemach geleitete, dessen nackte und feuchte Mauern von Tränendunst geschwängert zu sein schienen. Eine Art Lampe, die auf einem Schemel stand und deren Docht in einem stinkenden Fett schwamm, erleuchtete die Wände dieses schauerlichen Aufenthaltes und zeigte Dantes seinen Führer, der, schlecht gekleidet, gemein aussah und ein untergeordneter Gefängniswärter zu sein schien.

»Sie bleiben hier für diese Nacht«, sagte er. »Es ist schon spät und der Herr Gouverneur bereits zu Bett. Wenn er morgen Ihre Papiere durchgesehen hat, wird er vielleicht Ihre Wohnung ändern. Hier ist Brot und Wasser und dort im Winkel Stroh. Gute Nacht!«.

Ehe Dantes noch den Mund auftun konnte, hatte der Wächter die Lampe genommen und die Tür von außen verriegelt.

So stand der Unglückliche allein in der Finsternis und in einer Stille, die so stumm und schauerlich war wie diese Gewölbe, die eine eisige Kälte auf seine glühende Stirn herabwehten.

Als die ersten Strahlen des Tages diese Höhle ein wenig erhellt hatten, kehrte der Gefangenwärter mit dem Befehl zurück, daß der Eingekerkerte da zu verbleiben habe, wo er eben war. Dantes war gar nicht von seinem Platz gewichen, eine eiserne Hand schien ihn an eben diese Stelle geheftet zu haben, wo er tags zuvor gestanden hatte. So hatte er die ganze Nacht stehend zugebracht, ohne einen Augenblick zu schlafen.

Der Gefängniswächter näherte sich und ging um ihn herum; aber Dantes schien ihn nicht zu sehen. Er klopfte ihm auf die Schulter, Dantes erbebte und schüttelte den Kopf.

»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte der Gefängniswächter.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Dantes.

Der Wächter blickte ihn mit Verwunderung an.

»Haben Sie keinen Hunger?« fuhr er fort.

»Ich weiß nicht«, entgegnete Dantes wieder.

»Wünschen Sie etwas?«

»Ich wünsche den Gouverneur zu sehen.«

Der Gefängniswächter zuckte die Achseln und ging fort; Dantes folgte ihm mit den Augen und streckte seine Hände gegen die halb geöffnete Tür aus; aber die Tür schloß sich. Dann schien seine Brust ein Schluchzen zu zerreißen. Die Tränen, die seine Augenlider aufschwellten, rieselten wie Bäche; er schlug mit der Stirn gegen die Erde, betete lange Zeit, durchging in seinem Geiste sein ganzes verflossenes Leben und befragte sich, was er, noch so jung, für ein Verbrechen begangen habe, das eine so grausame Strafe verdiente? So verlief der Tag; er aß kaum einige Bissen Brot, trank kaum einige Tropfen Wasser. Bald saß er in Gedanken verloren, bald kreiste er wie ein wildes Tier in seinem Käfig.

Am nächsten Morgen trat der Kerkermeister zur selben Stunde wieder ein.

»He,« sagte er, »sind Sie heute vernünftiger als gestern?«

Dantes antwortete nicht.

»Wenn Sie irgendeinen Wunsch haben, sagen Sie es doch.«

»Ich wünsche mit dem Gouverneur zu sprechen.«

»Ich sagte Ihnen schon gestern, daß das unmöglich ist.«

»Warum ist es unmöglich?«

»Weil es nach den Vorschriften einem Gefangenen nicht erlaubt ist, darum zu bitten.«

»Was ist denn hier erlaubt?« fragte Dantes.

»Eine bessere Kost, wenn man bezahlt, ein Spaziergang und zuweilen Bücher.«

»Ich brauche keine Bücher, habe nicht Lust, spazieren zu gehen, und finde meine Kost gut; ich will nur eins: den Gouverneur sehen.«

»Wenn Sie mich mit Ihrem Eigensinn quälen,« sagte der Gefängniswächter, »werde ich Ihnen nichts mehr zu essen bringen.«

»Auch gut,« versetzte Dantes, »wenn du mir nichts mehr zu essen bringst, werde ich verhungern.«

Der Ton, mit dem Dantes diese Worte aussprach, bewies dem Gefängniswächter, daß sein Gefangener glücklich wäre, wenn er sterben könnte. Da jeder Gefangene seinem Wärter täglich ungefähr zehn Sous einträgt, so berechnete er den Verlust, der ihm aus Dantes Tod erwüchse, und fuhr deshalb mit sanfterer Stimme fort:

»Was Sie verlangen, ist ganz unmöglich; der Gouverneur begibt sich niemals zu den Gefangenen. Seien Sie also vernünftig. Man wird Ihnen den Spaziergang gestatten, und so kann es eines Tages geschehen, daß der Gouverneur vorüberkommt. Dann mögen Sie ihn fragen. Ob er Ihnen antworten will, hängt von ihm ab.«

»Wie lange aber kann ich warten,« fragte Dantes, »bis sich dieser Zufall fügt?«

»Mein Gott,« entgegnete der Schließer, »einen Monat, drei Monate, sechs Monate, vielleicht ein Jahr.«

»Das ist zu lange,« sagte Dantes, »ich muß ihn sofort sehen.«

»Ach,« sprach der Gefangenwärter, »verrennen Sie sich nicht in diesen unmöglichen Wunsch, sonst sind Sie vor vierzehn Tagen noch ein Narr.«

»He, du glaubst das?« rief Dantes.

»Ja, auf solche Weise fängt die Narrheit immer an. Wir haben hier ein Beispiel: ein Abbé, der dem Gouverneur ohne Unterlaß eine Million anbot, wenn man ihn in Freiheit setzte.«

»Seit wann hat er dieses Zimmer verlassen?«

»Vor zwei Jahren.«

»Hat man ihn in Freiheit gesetzt?«

»Nein, man brachte ihn in einen Kerker.«

»Höre,« sprach Dantes, »ich bin kein Abbé, ich bin kein Narr, vielleicht werde ich's, aber unglücklicherweise bin ich noch bei Sinnen; ich mache dir einen andern Vorschlag.«

»Welchen?«

»Ich biete dir keine Million, denn ich könnte sie dir nicht geben, aber ich biete dir hundert Taler, wenn du zu den Katalanern gehst und einem jungen Mädchen namens Mercedes nicht etwa einen Brief, sondern nur zwei Zeilen einhändigen willst.«

»Wenn ich diese zwei Zeilen überbrächte und würde entdeckt, so verlöre ich meinen Platz, der jährlich tausend Livres einträgt, ohne die Nebenvorteile und die Kost zu rechnen. Sie sehen also, daß ich ein großer Tor wäre, wenn ich es täte.«

»Wohlan,« versetzte Dantes, »höre und merke es gut: Wenn du dich weigerst, den Gouverneur zu benachrichtigen, daß ich ihn zu sprechen wünsche, wenn du dich weigerst, zwei Zeilen zu Mercedes zu tragen oder ihr mindestens zu melden, daß ich hier bin, so erwarte ich dich eines Tages hinter meiner Tür und will dir in dem Augenblick, wo du eintrittst, mit diesem Schemel den Kopf zerschmettern.«

»Das sind Drohungen!« rief der Schließer, indem er einen Schritt zurückwich. »Es wirbelt offenbar schon in Ihrem Kopfe; der Abbé hat ebenso angefangen wie Sie. Glücklicherweise gibt es in If noch Kerker.«

Dantes nahm den Schemel und schwenkte ihn wild.

»Gut, gut,« sprach der Gefangenwärter, »ich werde es dem Gouverneur melden.« Er ging fort und kehrte ein Weilchen darauf mit vier Soldaten und einem Korporal zurück.

»Auf Befehl des Gouverneurs,« sprach er, »führt den Gefangenen um ein Stockwert tiefer hinab.«

»Also in den Kerker?« fragte der Korporal.

»Ja, in den Kerker, man muß die Narren zu den Narren sperren.«

Die vier Soldaten ergriffen Dantes, der in eine Art Stumpfsinn verfiel und ihnen ohne Widerstand folgte. Man ließ ihn fünfzehn Stufen hinabsteigen und öffnete die Tür eines Kerkers, wo er eintrat und die Worte murmelte: »Er hat recht, man muß die Narren zu den Narren sperren!«


Als Villefort wieder zu seinen Schwiegereltern zurückkehrte, fand er die Gäste, die er bei Tisch verlassen hatte, im Salon, den Kaffee nehmend. Renée erwartete ihn mit einer Ungeduld, die sich der ganzen Gesellschaft mitteilte. Man empfing ihn nun mit einem Jubelruf.

»Gnädigste Marquise,« sprach Villefort, sich seiner künftigen Schwiegermutter nähernd, »ich bitte um Entschuldigung, wenn ich genötigt bin, Sie zu verlassen. – Herr Marquis, könnte ich die Ehre haben, mit Ihnen ein paar Worte allein zu sprechen?«

»Hm. die Sache ist also wirklich von Bedeutung?« fragte die Marquise, indem sie die Wolke wahrnahm, die Villeforts Stirn verdunkelte.

»Ja, so bedeutsam, daß ich mich auf einige Tage von Ihnen beurlauben muß.«

»Sie ersuchten mich auf einen Augenblick um eine Unterredung?« fagte der Marquis.

»Ja, gehen wir in Ihr Kabinett, wenn es Ihnen gefällig ist.« Der Marquis faßte Villefort am Arm und ging mit ihm fort.

Als sie allein waren, bat Villefort seinen Schwiegervater, ihm ein Schreiben mit auf den Weg zu geben, das ihm bei Hofe Tür und Tor öffne; er habe Sr. Majestät eine äußerst wichtige Mitteilung zu überbringen. Der greise Marquis erfüllte seinen Wunsch und übergab ihm bald einen Brief von Herrn de Salvieur an den Grafen von Blacas.

Villefort nahm darauf Abschied von seiner reizenden Braut und fuhr mit der Post auf der Straße von Aix davon.

Wenige Tage spater hatte er – durch Vermittlung des Grafen Blacas – die Ehre, Ludwig XVIII. gegenüberzustehen und seinen Bericht zu erstatten.

Er stieß zunächst nur einige Worte hervor: »Sire, der Usurpator Bonaparte hat drei Schiffe ausgerüstet und sinnt auf neue Schrecken, die den Thron Ew. Majestät bedrohen!«

Der König bewahrte seine Fassung, doch die Minister erblaßten, und das Gesicht des Polizeiministers zeigte die höchste Bestürzung. »Das kann nur ein Irrtum sein«, meinte er. Doch Villefort bewies durch das, was er wußte, wie ernst die Sache sei. Napoleon habe bereits Elba verlassen und werde demnächst in Neapel, an den Küsten Toskanas oder in Frankreich selbst zu landen versuchen.

Kaum hatte er das gesagt, als ein Sonderbericht an den Kriegsminister eintraf: Bonaparte sei am 1. März bereits in Frankreich gelandet.

Unheimliches Schweigen herrschte im Raum, dann erhob der König seine Stimme:

»Wohlan! So heißt's mit dem Kriegsminister verhandeln.« Doch als die anderen Minister sich zurückziehen wollten, rief er ihnen zu: »Halt, meine Herren? Was haben Sie Neues über die Affäre in der Rue St. Jaques erfahren? Es besteht kein Zweifel, daß der Tod des Generals Epinan mit dem großen Komplott zusammenhängt.«

»Sire,« begann der Polizeiminister, »Ew. Majestät durchschauen die Sache vollkommen; alles weist darauf hin, daß es sich nicht um einen Selbstmord handelt, sondern daß der General ermordet wurde. Ein unbekannter Mann hat ihn frühmorgens aufgesucht und ihn zu einer Besprechung in der Rue St. Jaques geladen.«

Villefort wurde bei diesen Worten bald blaß, bald rot.

»Was war das für ein Mann?« fragte der König weiter.

»Ein dunkelhaariger Fünfziger mit auffallend starken Brauen und Bart. Er trug einen blauen, zugeknöpften Überrock und im Knopfloch die Rosette eines Offiziers der Ehrenlegion.«

»Schafft mir diesen Mann, diesen Meuchelmörder, der uns im Augenblick des besten Generals beraubt hat. Ob er Bonapartist ist oder nicht, ich will, daß er mit aller Strenge bestraft wird«, rief der König voller Zorn.

Villefort stützte sich auf einen Stuhl, denn er fühlte den Boden unter den Füßen wanken.

»Sie fühlen sich von der Reise angegriffen, lieber Baron«, wandte sich der König an Villefort. »Eilen Sie, zu Ihrem Vater zu kommen.«

Ew. Majestät irren; ich habe nicht die Absicht, meinen Vater aufzusuchen, und wohne im Hotel de Madrid.«

»Ah, ich vergaß«, lächelte der König wohlwollend. »Politische Meinungsverschiedenheiten ... so, so. Nun, was Sie heute für Ihren König getan, ist ein Beweis für Ihre Ergebenheit.«

»Die Güte Ew. Majestät ist mir höchster Lohn.«

»Empfangen Sie zunächst dies Kreuz.« Damit nahm der König das Kreuz der Ehrenlegion, das er selbst neben dem Kreuz des heiligen Ludwig auf seinem Rocke trug, ab und reichte es Villefort. »Und sollte ich jemals Ihrer vergessen – das Gedächtnis der Könige ist kurz –, so scheuen Sie sich nicht, sich wieder in Erinnerung zu bringen.«

Villefort kehrte wie im Taumel nach seinem Hotel zurück. Er war gerade dabei, sich ein Frühstück servieren zu lassen, als er nebenan eine bekannte Stimme zu seinem Diener sagen hörte: »Ist das in Marseille etwa Sitte, daß Söhne ihre Väter im Vorzimmer warten lassen?«


Gleich darauf trat ein schwarzbärtiger Herr ins Zimmer, indes Baron Villefort noch immer mit seinem Erstaunen rang: also sein Vater – der Bonapartist – Herr Noirtier, dessen Namen er, um seiner ehrgeizigen Pläne willen, längst abgelegt hatte.

»Vater!« rief Villefort und gab dem verdutzt dreinschauenden Bedienten einen Wink, zu verschwinden,

Herr Noirtier trat zu ihm heran: »Wie kommt's, mein lieber Gerard, daß du trotz deiner Verlobungsfeier, die am 28. Februar stattfand, heut am 4. März in Paris bist?«

»Um Ihretwillen, Vater, um Sie zu retten.«

»Ach, wie hübsch!« sagte Herr Noirtier und streckte sich bequem im Sessel aus.

»Mein Vater, was ist's mit dem Klub in der Rue ...«

»St. Jaques Nr. 53. Ich bin dort Vizepräsident.«

»Vater – man hat den General dort hingelockt; drei Tage später wurde er ermordet aufgefunden.«

»Laß dir erzählen, wie sich's verhielt. Wir glaubten, General Epinan zähle zu den Unsrigen. So luden wir ihn denn ein und machten ihn mit unsern Plänen bekannt. Er hörte sich alles ruhig an und sagte zum Schluß, er sei Royalisit. Darauf ließen wir ihn frei nach Hause gehen.«

»Vater – man hat mir eine genaue Beschreibung der Persönlichkeit gegeben, die in Verdacht kommt...«

»Und diese Persönlichkeit hat verteufelte Ähnlichkeit mit... hahaha!« Herr Noirtier schlug sich lachend aufs Knie.

»Mein Vater, Sie zählen auf die Rückkehr des Usurpators?«

»Das tue ich.«

»O Vater, er kommt nicht zehn Meilen nach Frankreich hinein; er wird umlauert und gefangen werden wie ein wildes Tier.«

»Mein lieber Sohn, der Kaiser ist in diesem Augenblick auf dem Wege nach Grenoble. Den 10. oder 12. wird er in Lyon, den 20. oder 25. in Paris sein.«

»Das Volk wird sich erheben.«

»Um ihm entgegenzukommen.«

»Er hat nur einige Mann im Gefolge, und man wird ihn mit Armeen empfangen.«

»Sie werden ihm als Eskorte dienen bei seinem Einzug in Paris.«

»Grenoble und Lyon sind getreue Städte, und sie werden ihm eine unzerbrechliche Schranke entgegensetzen.«

»Grenoble wird ihm mit Begeisterung seine Tore öffnen, ganz Lyon wird ihm entgegengehen. Glaube mir, wir sind ebenso gut unterrichtet wie ihr, und unsere Polizei ist mehr wert als die eurige. Willst du einen Beweis? Sieh, du wolltest mir deine Reise verheimlichen, und doch habe ich deine Ankunft schon eine halbe Stunde darauf gewußt, nachdem du durch die Barrieren gefahren warst. Du hast deine Aresse niemandem gegeben als deinem Postillion, he, und ich wußte sie doch.«

Herr von Villefort nickte, immer noch den Vater mit Furcht und Staunen betrachtend.

Noirtier erhob sich plötzlich: »Ja, es wird Zeit sein, daß ich ein wenig Toilette mache.«

Er sah sich um, legte Oberrock und Halsbinde von sich, nahm ein Rasiermesser, seifte sich das Gesicht ein und befreite es mit sicherer Hand von dem Bart, der ihn bei der Polizei als ein so kostbares Dokument gefährdete. Dann gab er seinen Haaren eine andere Frisur, nahm statt der schwarzen Krawatte eine farbige Binde, die sich oben auf einem offenen Koffer vorfand, zog anstatt seines blauen, beknöpften Oberrocks einen Rock Villeforts von kastanienbrauner Farbe und weitem Schnitte an, versuchte vor dem Spiegel den Hut des jungen Mannes, zeigte sich mit der Art, wie er ihm stand, ganz zufrieden, stellte seinen Rohrstock in den Winkel des Kamins und ließ mit seiner kräftigen Hand ein kleines Bambusstöckchen durch die Luft pfeifen, mit dem der elegante Substitut seinem Gange jene anmutige Geschmeidigkeit gab, die eine seiner vorzüglichsten Eigenschaften war.

»Nun,« wandte Herr Noirtier sich an seinen Sohn, »glaubst du, daß eure findige Polizei mich jetzt wiedererkennt?«

»Nein, mein Vater,« stammelte Villefort, »wenigstens hoffe ich es!«

»So träfe es denn diesmal wirklich zu, daß du gekommen bist, mir das Leben zu retten. Doch nur Geduld: ich revanchiere mich bald. So werden wir uns vielleicht noch oftmals gegenseitig unterstützen können, je nachdem die politische Schaukel auf und nieder geht.«

Kaum war Herr Noirtier gegangen, als Villefort bleich und aufgeregt ans Fenster eilte, um zu sehen, wie sein Vater ruhig und sorglos an zwei oder drei Leuten vorüberging, die an den Straßenecken lauerten, um sicherlich den Mann mit dem schwarzen Bart, dem blauen Rock und so weiter abzufangen.

Dann stürzte er sich auf die zurückgelassenen Sachen, versteckte sie tief auf dem Boden des Koffers und trat sofort die Rückreise nach Marseille an.


Herr von Noirtier war ein guter Prophet, die Angelegenheiten nahmen einen raschen Gang, wie er es gesagt hatte. Jedermann kennt die seltsame und wunderbare Zurückkunft von der Insel Elba, die in der Vergangenheit ohne Beispiel ist und für die Zukunft wahrscheinlich ohne Nachahmung bleiben wird. Ludwig XVIII. machte nur schwache Versuche, um diesen harten Schlag von sich abzuwenden; sein geringes Vertrauen zu den Menschen raubte ihm auch das Vertrauen zu den Ereignissen. Das Königtum zitterte auf der unsicheren Grundlage, und eine einzige Bewegung des Kaisers bewirkte den Einsturz dieses Gebäudes, das nichts als ein Durcheinander von alten Vorurteilen und neuen Ideen war. Villefort hatte also von seinem König einen Dank, der für den Augenblick nicht bloß nutzlos, sondern sogar gefährlich war, und er war so klug, jenes Offizierskreuz der Ehrenlegion niemandem zu zeigen, obwohl ihm Herr von Blacas sorgfältig das Diplom ausfertigen ließ, wie es ihn der König geheißen hatte. Napoleon hätte Villefort ohne Noirtiers Schutz gewiß abgesetzt. Sonach hat der Girondist von 1793 und der Senator von 1806 denjenigen beschützt, der vorher ihn beschützt hatte. Die ganze Macht Villeforts hat sich also während dieser kurzen Berufung des Kaiserreichs, von dem sich übrigens gar leicht der zweite Sturz voraussehen ließ, darauf beschränkt, das Geheimnis zu unterdrücken, das Dantes hätte preisgeben können.

Kaum war indes die Kaisergewalt wieder hergestellt, das heißt, kaum bewohnte der Kaiser wieder die Tuilerien, die Ludwig XVIII. eben verlassen hatte, als Marseille der Stellung seiner Beamten ungeachtet zu fühlen anfing, daß sich die Brände des Bürgerkrieges, die im Süden nur schlecht erloschen waren, wieder aufs neue entzündeten. Es hat wenig gefehlt, so wären die Repressalien noch über einige Katzenmusiken gegangen, womit man die in ihren Häusern eingeschlossenen Royalisten belagerte, und noch über die öffentlichen Beschimpfungen, womit man diejenigen verfolgte, die den Mut hatten, auszugehen. Der würdige Reeder, Herr Morrel, stand nun auch mit seinen Anschauungen in einem anderen Lichte und konnte es unter diesen Umständen getrost wagen, zu Dantes' Gunsten sein Wort zu erheben.

Villefort, der sich trotz des Sturzes seiner Vorgesetzten gehalten hatte, schob seine Heirat zunächst für eine günstigere Zeit hinaus. Wenn sich der Kaiser auf dem Throne behauptete, so bedurfte Gerard einer anderen Verbindung, für die sein Vater gesorgt hätte. Brächte eine zweite Restauration Ludwig XVIII. wieder nach Frankreich zurück, so vergrößerte sich der Einfluß des Herrn von Saint-Méran ebenso wie der seinige, und so würde die beabsichtigte Verbindung wünschenswerter als je werden. Der Substitut des königlichen Prokurators war also gegenwärtig der erste Beamte von Marseille, als sich eines Morgens die Tür öffnete und Herr Morrel gemeldet wurde.

Herr Morrel war der Meinung, Villefort niedergeschlagen zu finden; er fand ihn so, wie er ihn vor sechs Wochen gesehen hatte, das heißt: ruhig, fest und voll jener kalten Höflichkeit, die als unübersteigliche Schranke den höhern Menschen von dem geringeren scheidet. Er tat außerdem so, als könne er sich nur schwer auf den Reeder besinnen.

»Herr Morrel, wenn ich nicht irre.«

»Ja, mein Herr«, entgegnete der Reeder.

»Treten Sie näher«, fuhr der Beamte fort. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Mein Herr!« sagte der Reeder, der allmählich mehr Sicherheit gewann und Halt fand in der Gerechtigkeit seiner Sache wie in der Parteilosigkeit seiner Stellung. »Sie erinnern sich wohl, daß ich einige Tage vorher, als die Landung Seiner Majestät bekannt wurde, zu Ihnen kam und um Nachsicht bat für einen unglücklichen jungen Seemann, den Kapitän an Bord meiner Brigg. Man hat ihn beschuldigt, daß er in Verbindung mit der Insel Elba stehe; diese Verbindungen, die damals ein Verbrechen waren, gelten jetzt als ein Verdienst. Sie dienten dem König Ludwig XVIII. und schonten seiner nicht, mein Herr, es war Ihre Amtspflicht, heute dienen Sie Napoleon und müssen ihn beschützen, das ist abermals Ihre Amtspflicht. Ich komme nun, zu fragen, was aus ihm geworden ist.«

Villefort nahm sich zusammen und entgegnete:

»Wie heißt der Mann? Seien Sie so gut, mir seinen Namen zu nennen.«

»Edmond Dantes.«

Villefort schlug ein dickes Register auf, das in einer Lade lag, und suchte darin.

»Sind Sie ganz gewiß, mein Herr, daß Sie sich nicht irren?«

»Nein, mein Herr, ich irre mich nicht,« sprach Morrel, »außerdem kenne ich den Jungen schon seit zehn und beschäftige ihn seit vier Jahren.«

»Halt, hier ist's! Ja... er war Seemann, wollte eine Katalanerin heiraten ... Ja, ja, ich erinnere mich; die Sache war schwierig und ernst.«

»Wie das?«

»Er kam ins Gefängnis des Justizpalastes.«

»Ja. und dann?«

»Dann machte ich meinen Bericht nach Paris und schickte die bei ihm vorgefundenen Papiere dahin; es war meine Amtspflicht, und acht Tage nach seiner Verhaftung wurde der Gefangene weggeführt.«

»Weggeführt?« rief Morrel. »Was kann man mit dem armen Jungen getan haben?«

»Oh, beruhigen Sie sich, man wird ihn nach Fenestrelles, nach Pignerol oder auf die Sankt-Margareten-Inseln gebracht haben, was man in der Amtssprache: in die Ferne schicken nennt, und an einem schönen Morgen werden Sie ihn zurückkommen und sein Schiffskommando übernehmen sehen.«

»Was das betrifft, so wird mein Haus ihm immer offenstehen. Warum ist er aber nicht schon gekommen? Mich dünkt, die erste Sorge der Kaiserregierung hätte es sein sollen, diejenigen freizulassen, die der royalistischen Justiz zum Opfer fielen.«

»Urteilen Sie nicht zu hart, Herr Morrell« entgegnete Villefort. »Man muß in allen Dingen gesetzlich zu Werke gehen. Der Befehl zur Einkerkerung kam von oben, es muß also auch von oben der Befehl zur Freilassung kommen. Nun sind es aber kaum vierzehn Tage, daß Napoleon zurückkehrte, und so kann auch der Begnadigungsbrief noch nicht ausgefertigt sein.«

»Herr von Villefort,« sagte Morrel, »was kann ich tun, um die Rückkehr des armen Dantes zu beschleunigen?«

»Verfassen Sie eine Bittschrift an den Justizminister.«

»Ach, mein Herr, Sie wissen recht gut, was Bittschriften zu bedeuten haben; der Minister erhält täglich zweihundert und liest davon nicht vier.«

»Ja,« erwiderte Villefort, »er wird aber eine Bittschrift lesen, die von mir abgeschickt, erörtert und unmittelbar adressiert sein wird.«

»Wie schreibt man an den Minister?«

»Setzen Sie sich, Herr Morrell« sagte Villefort. »Ich werde Ihnen diktieren. Verlieren wir keine Zeit, wir haben ohnedies schon zuviel verloren.«

Villefort schauderte bei dem Gedanken, wie ihm der Gefangene in der Stille und Dunkelheit fluchen möge, er war aber schon zu weit gegangen, um zurückweichen zu können. So diktierte er nun ein Bittgesuch, in dem er den Patriotismus des Dantes und seine der bonapartistischen Sache geleisteten Dienste mit Übertreibung schilderte. Nach dieser Bittschrift wäre Dantes einer der tätigsten Agenten für Napoleons Rückkehr gewesen. Es war wohl anzunehmen, daß sie nicht ohne Wirkung bleiben würde. Villefort überlas sie mit lauter Stimme.

»So ist's recht,« sprach er, »und nun bauen Sie auf mich.«

»Wird das Gesuch bald abgehen, mein Herr?«

»Heute noch!«

»Von Ihnen befürwortet?«

»Ich will tun, mein Herr, was ich vermag, und alles das bekräftigen, was Sie darin sagen.«

Villefort setzte sich gleichfalls nieder und schrieb an einer Ecke der Bittschrift sein Zertifikat.

»Und was soll ich beginnen, mein Herr?« fragte Morrel.

»Warten«, entgegnete Villefort. »Ich bürge für alles.«

Diese Zusicherung erweckte in Morrel Hoffnung; er war über den Substituten des königlichen Prokurators entzückt, als er ihn verließ, und kündigte sogleich dem alten Vater Dantes' an, er werde seinen Sohn bald wiedersehen. Statt daß aber Villefort diese Bittschrift nach Paris schickte, verwahrte er sie sorgfältig, denn während sie Dantes für die Gegenwart retten konnte, gefährdete sie ihn furchtbar für die Zukunft bei Eintreffen eines Ereignisses, das sich bereits voraussehen ließ: nämlich eine zweite Restauration. Dantes blieb also gefangen, verloren in der Tiefe seines Kerkers; er hörte nichts von dem Sturz des Thrones Ludwigs XVIII., nichts von dem furchtbaren Zusammenkrachen des Kaiserreichs.

Allein Villefort beobachtete alles mit einem wachsamen Auge, hörte alles mit einem aufmerksamen Ohr. Während dieses kurzen kaiserlichen Auftrittes, den man die hundert Tage nennt, war Morrel zweimal zu Villefort gekommen und drang auf Dantes' Freilassung, allein dieser beschwichtigte ihn jedesmal mit Versprechungen und Hoffnungen. Endlich kam es zur Schlacht bei Waterloo. Herr Morrel zeigte sich nicht wieder bei Villefort. Der Reeder hatte für seinen jungen Freund alles getan, was menschlicherweise für ihn zu tun möglich gewesen. Neue Versuche unter dieser zweiten Restauration machen, hieß sich selbst in Gefahr setzen. Ludwig XVIII. bestieg abermals den Thron. Villefort, dem Marseille voll von Erinnerungen war, die ihm zu Gewissensbissen wurden, bewarb sich um die erledigte Stelle eines königlichen Prokurators in Toulouse und erhielt sie auch. Vierzehn Tage nach seiner Installierung heiratete er Fräulein Renée von Saint-Méran, deren Vater jetzt bei Hofe noch besser angeschrieben war als vorher. Somit war Dantes während der hundert Tage und nach der Schlacht bei Waterloo im Kerker geblieben, vergessen von den Menschen, wenn auch nicht von Gott.

Danglars, der nicht einen Augenblick seine Ruhe verloren hatte, befiel bei Napoleons Wiederkehr namenlose Furcht. Wenn jetzt Dantes auftauchen sollte, so konnte er dessen Rache sicher sein. So beschloß er denn, den Seedienst aufzugeben, und ließ sich durch Herrn Morrel an einen spanischen Handelsmann empfehlen, bei dem er gegen Ende März als Kommis eintrat, etwa zehn oder zwölf Tage nach Napoleons Rückkehr in die Tuilerien. Anders Fernand: Dantes war abwesend, das war ihm genug. Was aus dem Unglücklichen geworden, begehrte er nicht zu erfahren.

Während dieser so bewegten und traurigen Ereignisse verkündete das Kaiserreich den letzten Heerbann, und alle waffenfähigen Männer folgten dem Ruf des Herrschers. Fernand ging mit den andern; er verließ seine Hütte und Mercedes, gefoltert von dem finstern Gedanken, daß mittlerweile sein Nebenbuhler zurückkommen und die Geliebte heiraten werde. Die treue Ergebenheit, die er dem unglücklichen Mädchen bewies, rührte schließlich ihr Herz. In den ersten Wochen, da Mercedes halb sinnlos vor Jammer und Schmerz von einem zum andern geeilt war, um Hilfe und Beistand zur Befreiung Dantes anzuflehen, war er nicht von ihrer Seite gewichen und hatte mit doppelter Treue zu ihr gehalten, je mehr man der Braut des »politischen Verbrechers« mit eisiger Kälte und Mißtrauen begegnete.

Nur Herr Morrel blieb ihr stets derselbe liebevolle Beschützer, und mit dem Vater Edmonds verband sie das gleiche namenlose Leid. Der beklagenswerte Greis vermochte es nicht lange zu ertragen: fünf Monate nach der Trennung von seinem Sohn hauchte er sein Leben in Mercedes' Armen aus. Herr Morrel bestritt alle Kosten der Beerdigung und bezahlte auch die armseligen kleinen Schulden, die der Greis während seiner Krankheit gemacht hatte. Es war dies mehr als bloße Wohltätigkeit, es gehörte Mut dazu, um so zu handeln; der Süden stand in Flammen, und es war ein Verbrechen, dem Vater eines so gefährlichen Bonapartisten, wie Dantes war, selbst noch auf dem Sterbebett Beistand zu leisten.

Die arme Mercedes aber wurde einsamer von Tag zu Tag, und sie gewöhnte sich daran, ihr Leid vor fremden Augen zu verschließen, so sehr es auch zum Himmel schrie. Sie wäre aber nicht der vornehme Charakter gewesen, der sie war, wenn sie Fernands zarte, stille Fürsorge nicht dankbar empfunden hätte.

Als er nun Abschied nahm, um in den Krieg zu ziehen, sagte sie weinend zu ihm: »Mein Bruder, mein einziger Freund, Gott gebe, daß ich nicht auch Sie noch verlöre!«

Diese Worte ließen bei Fernand die Hoffnung wieder neu aufflammen, daß er fast mit einem Glücksgefühl an Caderousses Seite ins Feld hinauszog.


Dantes machte alle Stadien der Verzweiflung durch, in die ein Mensch, der auf so furchtbare Art seiner Freiheit beraubt wird, verfallen muß.

Zuerst hielt ihn sein Stolz aufrecht, das Bewußtsein der völligen Schuldlosigkeit. Er klammerte sich krampfhaft an die Hoffnung und wartete Stunden, Tage Wochen, Monate in heißem Ringen. Raserei und Wutanfälle wechselten mit innigster Gottergebenheit. Dann begann er an seinem Verstande zu zweifeln und ersehnte den Tod. Standhaft verweigerte er alle Nahrung und lag nun bereits erschöpft im halben Dämmerzustand auf seinem harten Lager, der Erlösung harrend.

Plötzlich hörte er ein merkwürdiges Geräusch in der Wand, an der sein Bett stand. Eine unsinnige Freude überfiel den Kranken, in dem alle Lebensgeister aufs neue erwachten. Er hob den Kopf, um besser horchen zu können. Da er fühlte, wie schwach er bereits war, nahm er gierig einige Bissen zu sich.

Er hatte sich nicht getäuscht: es klang wie das Kratzen einer ungeheuren Klaue, wie ein Scharren mit einem breiten Instrument.

Edmond schlug das Herz bis zum Halse. »Ha,« frohlockte er, »ich will Antwort geben. Ist's ein Arbeiter, so wird er ein Weilchen aufhorchen, weshalb und woher die Klopfzeichen kommen. Ist's ein Gefangener, so wird er erschrecken und vielleicht erst des Abends wieder beginnen.«

Vorsichtig nahm er einen durch die Feuchtigkeit losgelösten Stein aus der Mauer und schlug damit dreimal gegen die Wand, an der das Geräusch am vernehmbarsten gewesen. Wie auf ein Zauberwort verstummte das Geräusch.

»Das ist ein Gefangener?« jauchzte Edmond in unaussprechlicher Freude. Er brachte die Nacht schlaflos zu, doch es erfolgte nichts weiter. Drei Tage hindurch blieb alles still, dann ließ sich von neuem ein kaum merkliches Gerausch vernehmen.

Diesmal war's kein Scharren; der Gefangene mochte sich wohl aus Furcht vor Entdeckung eines anderen Instrumentes bedienen. Wie gern würde er ihm zu Hilfe kommen! Aber auf welche Art? Da kam ihm ein guter Gedanke.

Der Wächter pflegte ihm stets in einer eisernen Kasserolle das Mittagsmahl zu bringen, um es in den für ihn bestimmten irdenen Suppennapf zu schütten. Nun stellte Edmond den Napf so nahe an die Tür, daß der Wächter beim Kommen dagegenstieß und ihn zerschlug. So war er denn gezwungen, ihm die Kasserolle zu lassen, falls er sich nicht die Mühe machen wollte, eine neue Schüssel zu holen. Mit dem Stiel dieser Kasserolle begann Edmond mit größtem Eifer, die Wand hinter seinem Bett zu bearbeiten. Plötzlich stieß er auf ein Hindernis und erkannte, daß es ein Balken war. Dieser Balken versperrte das ganze Loch, das Dantes eingegraben hatte. An solch ein Hindernis hatte der unglückliche junge Mann nicht gedacht.

»O Mein Gott? Mein Gott!« rief er. »Ich habe dich so inbrünstig gebeten und gehofft, daß du mich erhören werdest. O Gott! Nachdem du mir die Freiheit des Lebens, die Ruhe des Todes genommen und mich wieder ins Dasein zurückgerufen hast, mein Gott, habe doch Mitleid mit mir und laß mich nicht in Verzweiflung sterben.«

»Wer spricht zu gleicher Zeit von Gott und von Verzweiflung«, sprach eine Stimme, die wie aus dem Grab zu kommen schien.

Edmond fühlte, daß sich ihm die Haare auf dem Kopf sträubten.

»Ach,« stammelte er, »ich höre einen Menschen sprechen. In des Himmels Namen, sprechen Sie weiter, obwohl mich Ihre Stimme erschreckte. Wer sind Sie?«

»Wer sind Sie denn?« fragte die Stimme.

»Ein unglücklicher Gefangener!« erwiderte Dantes.

»Ihr Name?«

»Edmond Dantes, ein Seemann.« –

»Wie lange sind Sie schon hier?«

»Seit dem 28. Februar 1815.«

»Ihr Vergehen?«

»Ich bin schuldlos.«

»Doch wessen wurden Sie beschuldigt?«

»Für die Rückkehr des Kaisers konspiriert zu haben.«

»Wie? Ist also der Kaiser nicht mehr auf dem Thron?«

»Er hat 1814 zu Fontainebleau abgedankt und wurde auf die Insel Elba verwiesen. Seit wann aber sind Sie hier, daß Sie all das nicht wissen?«

»Seit 1811.«

Dantes schauderte; dieser Mann war vier Jahre länger als er im Gefängnis.

»Es ist gut, graben Sie nicht weiter,« versetzte die Stimme lebhaft; »nur sagen Sie mir, auf welcher Höhe befindet sich die Öffnung, die Sie hier gemacht haben?«

»Mit dem Boden gleichlaufend.«

»Wie ist sie verborgen?«

»Hinter meinem Bett.«

»Hat man Ihr Bett niemals abgerückt, seit Sie im Gefängnis sind?«

»Niemals.«

»Wo hinaus geht Ihr Zimmer?«

»Nach einem Korridor.«

»Und dieser Korridor?«

»Mündet im Hofe.«

»Ach!« seufzte die Stimme.

»O mein Gott! Was ist es denn?« rief Dantes.

»Ich habe mich geirrt; die Unvollkommenheit meiner Zeichnung betrog mich, der Mangel eines Kompasses war mein Verderben; ich habe die Mauer, die Sie durchgraben, für die der Festung gehalten.«

»Dann wären Sie aber an das Meer gekommen.«

»Das ist's, was ich wollte.«

»Und wenn es Ihnen gelungen wäre?«

»So hätte ich schwimmend eine der Inseln erreicht, die Schloß If umgeben, und – ich wäre gerettet.«

»Hätten Sie so weit zu schwimmen vermocht?«

»Gott hätte mir die Kraft dazu gegeben, doch jetzt ist alles verloren.«

»Alles?«

»Ja. Verstopfen Sie wieder vorsichtig das Loch, arbeiten Sie nicht weiter und erwarten Sie von mir Nachricht.«

»Wer sind Sie, sagen Sie mir doch, wer Sie sind?«

»Ich bin... ich bin Nummer 27.«

»Sie trauen mir nicht?« fragte Dantes.

Edmond glaubte ein bitteres Lachen durch das Gewölbe zu vernehmen.

»Oh, ich bin ein guter Christ,« beteuerte er, da er fühlte, dieser Mensch wolle ihn verlassen; »ich schwöre es Ihnen bei Christus, daß ich mich eher umbringen ließe, als daß unsere Henker auch nur einen Schatten der Wahrheit bemerken sollten; aber in des Himmels Namen: entziehen Sie mir nicht Ihre Gegenwart, nicht Ihre Stimme, oder, ich schwöre es Ihnen, ich zerschlage meinen Kopf an der Mauer, und Sie haben dann meinen Tod auf dem Gewissen.«

»Wie alt sind Sie?« fragte der Unbekannte wieder. »Ihre Stimme scheint die eines jungen Mannes zu sein.«

»Ich weiß mein Alter nicht, denn ich habe die Zeit nicht gemessen, seit ich hier bin. Ich weiß nur so viel, daß ich neunzehn Jahre alt war, als ich am 28. Februar 1815 verhaftet wurde.«

»Noch nicht ganz fünfundzwanzig Jahre«, murmelte die Stimme, »Ha, in diesem Alter ist man noch kein Verräter.«

»O nein, nein! Ich schwöre es Ihnen!« versetzte Dantes. »Ich sagte es schon und wiederhole es: eher ließe ich mich in Stücke zerhauen, als daß ich Sie verriete!«

»Sie taten wohl daran, mit mir zu sprechen und mich zu bitten,« erwiderte die Stimme, »denn ich war dabei, einen andern Plan zu entwerfen und mich von Ihnen zu trennen. Allein Ihr Alter beruhigt mich, ich werde wiederkommen, harren Sie meiner.«

Mit größter Vorsicht deckte Edmond nun das Loch wieder zu und schob sein Bett davor. Dann überließ er sich ganz dem Gefühl seiner Freude. Vielleicht schlug nun die Rettungsstunde, und wenn nicht, so hatte er doch einen Gefährten: geteiltes Leid ist halbes Leid.

Tagsüber ging er voller Unruhe im Kerker auf und ab. Auch in der Nacht vernahm er kein Geräusch; dagegen am folgenden Morgen, als er eben sein Bett von der Wand gerückt hatte, vernahm er drei Schläge in gleichen Zwischenräumen und fiel auf seine Knie.

»Sind Sie es?« sagte er. »Ich bin bereit.«

»Ist Ihr Wärter schon fort?« fragte die Stimme.

»Ja,« antwortete Dantes, »er kommt erst abends wieder. Wir haben zwölf Stunden Zeit.«

Auf einmal schien ein Teil der Erde unter Dantes zu weichen, worauf er, halb in der Öffnung steckend, beide Hände stützte. Danach sah er im Grunde eines dunkeln Loches, dessen Tiefe er nicht ermessen konnte, einen Kopf, Schultern und endlich einen Menschen, der aus der Höhlung mit großer Beweglichkeit hervorstieg.

Dantes schloß den neuen Freund in die Arme und zog ihn zur Fensterluke hin, um ihn besser betrachten zu können. Er war von kleiner Statur, hatte graue Haare und einen langen, schwarzen Bart. Das kühngeschnittene Gesicht wie das kluge Auge verrieten, daß dieser Mann sich zeitlebens mehr geistigen Interessen hingegeben hatte denn anderen Dingen. Er schien ungefähr ein Alter von fünfundsechzig Jahren zu haben, obgleich seine Beweglichkeit etwas noch Jugendliches an sich hatte. Er dankte Edmond für alle Herzlichkeit, trotzdem seine Enttäuschung groß war, statt der ersehnten Freiheit einen zweiten Kerker zu finden.

»Lassen Sie uns fürs erste sorgfältig die Spuren meines Durchbruchs vertilgen. Unsere ganze Ruhe für die Zukunft hängt davon ab.«

Er betrachtete die Wand.

»Dieser Stein wurde sehr unachtsam abgelöst,« sagte er, den Kopf schüttelnd, »Sie haben keine Werkzeuge?«

»Haben Sie denn welche?« fragte Dantes erstaunt.

»Ich habe mir einige gemacht. Außer einer Feile habe ich alles, was ich bedarf: einen Meißel, eine Zange, einen Hebel.«

»Oh, ich wäre sehr neugierig, die Produkte Ihrer Geduld und industriellen Geschicklichkeit zu sehen«, sagte Dantes.

»Hier sehen Sie zuvörderst einen Meißel.«

Er zeigte ihm eine starke, scharfe Klinge mit einem Heft aus einem Stück Buchenholz.

»Womit haben Sie das gemacht?« fragte Dantes.

»Mit einem von den Bandnägeln meines Bettes. Mit diesem Werkzeug grub ich mir den Weg bis hierher; etwa fünfzig Fuß.«

»Fünfzig Fuß!« rief Dantes mit einer Art Schrecken.

»Ja, so weit sind wir voneinander getrennt. All meine Mühe ist nun leider umsonst gewesen, denn jener Korridor führt auf einen Hof, der voller Wachen ist.«

»Das ist wahr,« entgegnete Dantes, »allein dieser Korridor läuft nur an einer Seite meines Zimmers hin, und mein Zimmer hat vier.«

»Allerdings! Doch die nächste hier besteht aus Felsen, und jene andere muß rückwärts bis an die Wohnung des Gouverneurs reichen: wir würden da in den Keller fallen und wären gefangen. Die andere Seite geht – warten Sie – wohin geht die andere Seite?«

An dieser Wand befand sich die Fensterluke, mit Eisengittern versehen. Der Fremde schob den Tisch darunter und sagte zu Dantes:

»Steigen Sie auf.«

Dantes gehorchte, und die Absichten seines Gefährten erratend, reichte er ihm beide Hände. Dieser kletterte behender, als es sein Alter vermuten ließ, auf den Tisch, dann auf die Hände Edmonds und schließlich auf dessen Schultern. So vermochte er es, durch die Luke zu sehen. Einen Augenblick danach sprang er wieder herab.

»Oh, ich hab's vermutet!«

»Was haben Sie vermutet?« fragte Edmond.

»Daß die Außenwand eine Art Rundgang umgibt, auf dem die Patrouillen auf und ab gehen.«

»Haben Sie sich davon überzeugt?«

»Ja, ich sah einen Tschako und die Spitze eines Gewehrlaufs. Es ist also unmöglich, aus diesem Kerker zu entfliehen. Also geschehe Gottes Wille.«

Mit Rührung blickte Dantes dem Alten ins Gesicht.

»Wollten Sie mir nicht sagen, wer Sie sind?«

»O mein Gott, ja, wenn Ihnen etwas daran liegt, trotzdem ich Ihnen nicht nützen kann.«

»Oh, Sie können mich trösten und aufrichten, denn Sie scheinen ein Starker unter den Starken zu sein.«

Der Alte lächelte trübselig und sagte:

»Ich bin der Abbé Faria und seit 1811 im Schloß If gefangen. Drei Jahre vorher hab' ich in der Festung Fenestrelles gesessen. Im Jahre 1811 brachte man mich von Piemont nach Frankreich. Damals war Napoleon auf der Höhe seines Glanzes, und ich vermutete nicht, daß dieser Riese gestürzt werden könnte. Wer regiert denn jetzt in Frankreich?«

»Ludwig XVIII.«

»Ludwig XVIII., der Bruder Ludwigs XVI.? Die Beschlüsse des Himmels sind seltsam und geheimnisvoll! Welche Absichten hatte die Vorsehung, als sie den Mann erniedrigte, den sie erhoben, und den erhob, den sie erniedrigt hatte?«

Dantes fühlte Bewunderung für den Mann, der im Augenblick sein eigenes Schicksal vergaß, um sich mit den Geschicken der Welt zu beschäftigen.

»Weshalb hat man Sie gefangengenommen?«

»Weil ich davon träumte, daß es Napoleon gelingen würde, ein einiges Italien zu schaffen an Stelle all der kleinen Fürstentümer mit ihren Tyrannen.«

Dantes begriff dergleichen nicht und fragte nun schüchtern: »Sind Sie nicht der Priester, den man – – für krank hält?«

»Den man für verrückt hält, wollen Sie sagen, nicht wahr?« Dantes bewahrte ein verlegenes Schweigen.

»Ja, ja,« fuhr Faria mit einem bittern Lachen fort, »ja, ich gelte für einen Narren; ich unterhalte seit langer Zeit schon die Gäste dieses Gefängnisses und würde kleine Kinder belustigen, wenn es hier am Ort des Grauens Kinder gäbe.«

Dantes blieb einen Augenblick stumm und regungslos.

»Sie verzichten also auf die Flucht?«

»Ich halte sie für unmöglich; es hieße sich gegen Gott auflehnen, wollte man versuchen, was Gott nicht erfüllt wissen will.«

Dantes senkte den Kopf. Er freute sich so, einen Kameraden zu haben, daß er den Fehlschlag nicht mitzuempfinden vermochte. Er selber hatte niemals an Flucht gedacht; sie kam ihm ganz unmöglich vor. Da er nun aber diesen alten Mann geradezu hatte Beispielloses vollbringen sehen, wie sollte er mit seiner jungen Kraft sich nicht zu Ähnlichem entschließen können? Er sann einen Augenblick nach, dann sagte er:

»Ich hab' einen guten Einfall.«

Der Alte sah ihn fragend an.

»Der Korridor, den Sie durchgraben haben, um von Ihnen zu mir zu gelangen, geht in derselben Richtung wie die äußere Galerie, nicht wahr? Er kann nur etwa fünfzig Schritte davon entfernt sein.«

»Das höchstens.«

»Gut, wir graben gegen die Mitte des Korridors einen Weg wie den Arm eines Kreuzes; wir münden dann bei der äußern Galerie, töten die Wache und ergreifen die Flucht. Zum Gelingen dieses Planes bedarf es nur des Muts, den haben Sie, und ich will ihn gern beweisen.«

»Mein lieber, junger Freund.« sagte der Abbé, »von welcher Art mein Mut ist, will ich Ihnen sagen. Wohl liegt mir alles daran, meine Freiheit wiederzugewinnen, und keine Mühe und Beschwerde soll mir dafür zu groß sein. Aber – um schuldlose Menschen anzugreifen und sie gar zu töten, ihnen Unrecht zu tun, wie man mir Unrecht getan, sehen Sie, dazu fehlt es mir an Mut.«

Dantes schwieg beschämt.

»Übrigens,« fuhr der Alte fort, »wenn man an alle berühmten Befreiungsversuche denkt, so waren es allemal die sorgsam vorbereiteten und nicht die gewaltsamen, die Erfolg hatten. Oft ist's ein glücklicher Zufall, der sie veranlaßt, und das sind die besten.«

»Warten wir also auf den glücklichen Zufall«, sagte Edmond leise.


Die beiden Schicksalsgefährten kamen nun Tag für Tag zusammen; einmal kam der Abbé zu Edmond, dann ging dieser zu dem Alten. Mit jedem Tag aber lernte Dantes mehr und mehr erkennen, welch ein reiches Wissen dieser Mann besaß. Infolge seiner umfangreichen Kenntnisse und Fähigkeiten hatte er es verstanden, sich fast aus einem Nichts Geräte und Dinge herzustellen, die ihm die Möglichkeit anregender Beschäftigung boten. So hatte er sich nicht nur Kerzen, sondern auch Federn und Tinte, sogar aus altem Linnen eine Art Papier hergestellt, um ein großes Werk niederzuschreiben.

»Ach,« rief Dantes bewundernd aus, »ich seh's: Wissen ist Macht – Wissen ist Licht, das selbst die Kerkernacht zu erhellen vermag. Wie arm und unbedeutend dagegen ist mein Leben.«

»Es muß jedoch für andere eine Bedeutung gehabt haben, sonst wären Sie heute wohl nicht hier.«

Der Alte begann darauf, Edmond nach allen Einzelheiten seines Unglücks zu befragen. Er forschte genau wie Villefort: »Hatten Sie Feinde, hatten Sie Neider?«

»Ich war noch zu wenig, um dies annehmen zu können.«

»Sprechen Sie nicht so, mein Lieber, denn das klingt töricht. Und merken Sie eins: Willst du den Schuldigen entdecken, so forsche nach jenem, dem das begangene Verbrechen nützlich war. Hatte jemand Vorteil davon, wenn Sie nicht Kapitän des ›Pharaon‹ wurden?«

»Nein. Ich war an Bord sehr beliebt. Hätten die Matrosen einen Chef wählen sollen, so hätten Sie mich gewählt. Ein einziger Mensch hatte Grund, mir zu grollen; ich hatte Streit mit ihm.«

»Nun also!... Wie hieß dieser Mensch?«

»Danglars.«

»Was war er an Bord?«

»Rechnungsführer.«

»Hätten Sie ihm seinen Posten gelassen?«

»Wenn es auf mich angekommen wäre, nicht; denn ich hatte ihn bei Veruntreuungen ertappt.«

»Wohl. Jetzt sagen Sie mir, war jemand bei Ihrer letzten Unterredung mit dem Kapitän Leclerc zugegen?«

»Nein, wir waren allein.«

»Konnte jemand euer Gespräch hören?«

»Ja, denn die Tür stand offen, und... warten Sie... Danglars ging im Augenblick vorüber, wo mir Kapitän Leclerc das für den Großmarschall bestimmte Paket übergab.«

»Gut,« sprach der Abbé, »wir sind nun auf der Spur. Stieg jemand mit Ihnen ans Land, als Sie bei der Insel Elba anhielten?«

»Niemand.«

»Man übergab Ihnen einen Brief?«

»Ja, der Großmarschall.«

»Was haben Sie mit diesem Brief getan?«

»Ich hielt ihn in der Hand.«

»Es konnte ihn also jeder sehen – auch Danglars. Jetzt passen Sie auf: Wiederholen Sie mir noch einmal wörtlich den anonymen Brief.«

Dantes sammelte sich einen Augenblick, dann sprach er: »Der Herr Prokurator des Königs wird von einem Freunde des Thrones und der Religion in Kenntnis gesetzt, daß ein gewisser Edmond Dantes, Kapitän auf dem Schiff ›Pharaon‹, das diesen Morgen, nachdem es in Neapel und Porto-Ferrajo gelandet, von Smyrna zurückkam, von Murat mit einem Paket an den Usurpator beauftragt worden sei, und vom Usurpator mit einem Brief für das bonapartistische Komitee in Paris.

Durch seine Verhaftung wird man sich des Belegs seines Verbrechens bemächtigen und den Brief bei ihm, bei seinem Vater oder in seiner Kajüte an Bord des ›Pharaon‹ finden.«

Der Abbé zuckte die Achseln.

»Alles ist klar wie der Tag,« sprach er, »und Sie müssen wahrlich ein ganz unverdorbenes, gutes Herz besitzen, daß Sie die ganze Sache nicht gleich durchschaut haben. Wie war Danglars' gewöhnliche Handschrift?«

»Sehr schwungvoll.«

»Und die Denunziation?«

»Sichtbar verstellt.«

»Also mit der linken Hand geschrieben. Doch nun zur anderen Frage: Hatte jemand Interesse daran, daß Sie Ihre Mercedes nicht heirateten?«

»Ja, ein junger Katalaner, namens Fernando.«

»Glauben Sie, daß dieser imstande war, den Brief zu schreiben?«

»Nein, der hätte mir einen Messerstich versetzt; ferner sind ihm die angegebenen Einzelheiten nicht bekannt gewesen.«

»Sie haben auch sonst niemand davon gesagt?«

»Niemand.«

»Nicht einmal Ihrer Braut?«

»Auch der nicht.«

»Dann war's kein anderer als Danglars. Warten Sie... kannte Danglars Fernando?«

»Nein... ja... ich erinnere mich... am Tage vor meiner Verlobung sah ich sie in der Laube Vater Pamphiles beisammensitzen. Danglars sah freundlich und munter, Fernando bleich und verstört aus.«

»Sie waren allein?«

»Nein, es war ein Dritter bei ihnen, ein Bekannter von mir, ein Schneider namens Caderousse; aber der war schon betrunken. Warten Sie ... ha! Warten Sie! Wie konnte ich mich nicht daran erinnern! Auf dem Tische, wo sie tranken, befanden sich Tinte, Papier und Federn.«

Dantes legte die Hand auf seine Stirn. »Oh, die Schändlichen, die Niederträchtigen!«

»Das also hätten wir ergründet! Nun aber weiter«, sprach der Abbé. »Wer hat Sie verhört? War's der Königliche Prokurator, sein Substitut oder der öffentliche Richter?«

»Es war sein Substitut.«

»Wie hat er sich gegen Sie benommen?«

»Eher milde als streng.«

»Haben Sie ihm alles erzählt?«

»Alles.«

»Und ward sein Benehmen im Laufe des Verhörs ein anderes?«

»Einen Augenblick schien er ergriffen, als er nämlich den Brief gelesen, der mich verdächtig machte. Er schien fast trostlos über mein Unglück.«

»War es wirklich Ihr Unglück, was ihm so zu Herzen ging?«

»Er gab mir einen sichtbaren Beweis seiner freundlichen Gesinnung.«

»Wodurch?«

»Er verbrannte die einzige Urkunde, die mich bloßstellen konnte.«

»Was war das für eine Urkunde? Etwa die Anklage?«

»Nein, der Brief. Er verbrannte ihn vor meinen Augen, indem er sagte: ›Es gibt nur diesen einen Beweis gegen Sie: sehen Sie: ich vertilge ihn‹«

»Dieser Mensch scheint mir ein größerer Bösewicht zu sein, als ich anfänglich vermutete. An wen war dieser Brief adressiert?«

»An Herrn Noirtier. Rue Coq-Héron Nr. 13 zu Paris.«

»Läßt es sich vermuten, daß Ihr Substitut irgendeinen Vorteil davon hatte, wenn dieser Brief verschwand?«

»Vielleicht, denn ich mußte ihm zwei- oder dreimal versprechen, niemandem etwas von diesem Briefe zu sagen, er ließ mich sogar schwören, nie den Namen zu nennen, der auf dem Briefe stand.«

»Noirtier,« sprach der Abbe, »Noirtier – ich habe einen Noirtier gekannt, einen Noirtier, der während der Revolution Girondist war. Wie hieß Ihr Substitut?«

»De Villefort.«

Der Abbé brach in Lachen aus. Dantes betrachtete ihn erstaunt.

»Was haben Sie?« fragte er.

Der Abbé sah ihn mit funkelnden Augen an: »Ach, Sie armer, unerfahrener junger Mensch! Und dieser Beamte meinte es gut mit Ihnen? Er hat den Brief verbrannt, vernichtet? Er ließ Sie schwören, nie den Namen Noirtier über Ihre Lippen kommen zu lassen?«

»Ja.«

»Wissen Sie, wer dieser Herr Noirtier war? Sein Vater!«

Hätte der Blitz zu Dantes' Füßen eingeschlagen und einen Schlund vor ihm aufgerissen, aus dessen innerster Tiefe heraus die Hölle gähnte, es hätte minder niederschmetternd auf ihn gewirkt als diese unerwarteten Worte. Mit beiden Händen sich den Kopf haltend, sprang er auf und rief:

»Sein Vater! Sein Vater!«

»Ja, sein Vater, der sich Noirtier von Villefort nennt«, versetzte der Abbé.

Da durchfuhr des Gefangenen Sinn ein blitzendes Licht; alles, was ihm bis jetzt dunkel gewesen, sah er aufgeklärt. Jene Ausflüchte Villeforts während des Verhörs, jener unterschlagene, vernichtete Brief, der verlangte Schwur, die bittende Stimme des Beamten, die eher zu flehen als zu drohen schien. Alles stand ihm wieder vor Augen. Er tat einen Schrei, schwankte wie ein Trunkener und rief: »Oh, ich muß allein sein, um dieses alles zu überdenken.« Und in seinem Kerker angelangt, warf er sich auf sein Lager, wo ihn der Gefangenwärter am Abend mit starren Blicken, verzerrten Mienen, stumm und unbeweglich wie eine Statue sitzen fand. Während jener Stunden gedankenvollen Hinbrütens war in ihm ein entsetzlicher Entschluß wach geworden; er schwur einen furchtbaren Eid.

Der alte Abbé sah bekümmert die Veränderung, die mit seinem jungen Gefährten vor sich gegangen war. Um ihn ein wenig zu zerstreuen, schlug er ihm vor, ihn in mancherlei Dingen unterrichten zu wollen.

»Das würde mich sehr glücklich machen«, sprach Dantes.

So setzten die beiden Gefangenen an diesem Abend noch einen Erziehungsplan fest, der vom nächsten Tage an ins Werk gesetzt wurde. Dantes besaß ein wunderbares Gedächtnis und eine außergewöhnlich leichte Fassungskraft; seine Begabung für Mathematik machte ihn fähig, alles durch Berechnung zu verstehen, während wieder das phantastische Gemüt des Seemanns alles ausglich, was die trockene Beweisführung durch Ziffern oder die Genauigkeit der Linien zu Materielles an sich haben mochte. Übrigens konnte er Italienisch und etwas Neugriechisch, das er auf seinen Reisen in den Orient erlernt hatte. Mittels dieser zwei Sprachen begriff er bald den Zusammenhang aller andern, und nach sechs Monaten begann er, Spanisch, Englisch und Deutsch zu sprechen. War es die durch das Studium herbeigeführte Zerstreuung, die ihm die Freiheit ersetzte, oder lieh er, wie wir es schon sahen, den Worten des Abbés ein nichts überhörendes Ohr: er sprach, wie er es zum Abbé gesagt, von keiner Flucht mehr, und rasch und belehrend flossen für ihn die Tage hin. Nach einem Jahre war er ein anderer Mensch.

Eines Tages, als Dantes wieder zu seinem Lehrer ging, fand er diesen mit einer Papierrolle in der Hand auf seinem Bette sitzend. Lächelnd zeigte er Dantes die Rolle: »Sehen Sie sich dies einmal gründlich an.«

»Meine Augen sind noch gut,« sprach Dantes, »doch sehe ich nichts als ein halbverbranntes Papier, worauf gotische Buchstaben stehen, die mit einer ganz besonderen Tinte geschrieben sind.«

»Dieses Papier, Freund,« sprach Faria, »ist mein Schatz, dessen Hälfte von heute an Ihnen gehört.«

»Ihr Schatz ...?« stotterte Dantes.

»Sie brauchen nicht zu erschrecken, Edmond; ich bin nicht wahnsinnig. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir und lassen Sie sich alles erzählen. Sie wissen, daß ich der Sekretär und Vertraute Freund des Grafen Spada, des letzten der Fürsten dieses Namens, war. Diesem Herrn danke ich alles Glück, das mir im Leben zuteil wurde. Er war nicht reich, obgleich der Reichtum seiner Familie fast sprichwörtlich war, und ich oft sagen hörte: ›Reich wie ein Spada.‹ Ich unterrichtete seine Neffen, die gestorben sind, und als er allein in der Welt stand, vergalt ich ihm durch unbedingte Hingebung alles, was er seit zehn Jahren für mich getan hatte.

Im Hause des Grafen gab es bald kein Geheimnis mehr für mich. Oftmals sah ich den Grafen in alten Familienpapieren herumstöbern; darauf befragt, schlug er mir ein Buch auf und ließ mich folgendes lesen:

›Die langen Kriege der Romagna waren zu Ende; Cäsare Borgia brauchte nach beendigter Eroberung Geld, um ganz Italien zu gewinnen; auch der römische Schatz brauchte Mittel, um mit Ludwig VII., König von Frankreich, trotz seiner Niederlagen noch immer furchtbar, fertig zu werden. Es mußte also eine gute Spekulation gemacht werden, was in diesem armen, erschöpften Italien schwerhielt.

Man beschloß, zwei Fürstenhüte zu verleihen.

Durch die Wahl von zwei angesehenen, insbesondere aber reichen Männern Roms gelänge die Spekulation folgendermaßen: Zuerst müßten die beiden großen Chargen und herrlichen Ämter verliehen werden, in deren Besitz die beiden künftigen Würdenträger waren, und man könnte bei der Verleihung dieser zwei Stellen auf einen sehr glänzenden Preis rechnen.

Ferner handelte es sich um einen dritten Teil der Spekulation, der bald klar wird. Zuvörderst fanden sich die beiden Kandidaten, nämlich Johann Rospigliosi, der allein vier hohe Würden am Hofe bekleidete, dann Cäsare Spada, einer der adligsten und reichsten Römer. Beide sahen den Wert einer solchen Gunst ein. Sie waren ehrgeizig. Als nun diese gefunden waren, fand Cäsare auch Werber um ihre Stellen. Hieraus ergab sich, daß Rospigliosi und Spada Gelder vorschossen und daß acht andere Gleiches taten, um zu werden, was jene beiden früher waren.

Man überhäufte Rospigliosi und Spada mit Schmeicheleien und übertrug ihnen die Insignien ihrer Chargen, wofür sie, um sich nicht ihrer fingierten, sondern wirklichen Schuld zu entledigen, ihr Vermögen zusammenziehen und zu Geld machen mußten, um sich in Rom niederzulassen, wo sie Borgia zur Mahlzeit einlud.

Man deckte den Tisch in einem Weingarten bei San Pietro in Vincoli, einem herrlichen Wohnorte, der den beiden wohlbekannt war. Rospigliosi, ganz trunken von seiner neuen Würde, zeigte die freundlichste Miene, Spada aber, der ein kluger Mann war und seinen Neffen sehr liebte, nahm Papier und Feder und machte sein Testament. hierauf ließ er diesem Neffen sagen, er möchte ihn in der Nähe des Weingartens erwarten; aber es scheint, der Diener habe ihn nicht gefunden.

Gegen zwei Uhr begab sich Spada in den Weingarten; er wurde schon erwartet. Das erste, was Spada in die Augen fiel, war sein Neffe, anmutsvoll im Festgewande, den Cäsare Borgia mit Artigkeitsbezeigungen überhäufte. Spada erblaßte. Er konnte seinen Neffen bloß fragen: ›Hast du meine Botschaft erhalten?‹ Der Neffe antwortete: ›Nein‹, und verstand die Bedeutung dieser Frage wohl. Es war schon zu spät, denn soeben hatte er ein Glas herrlichen Weines getrunken. Zugleich sah Spada, wie man eine zweite Flasche auftrug, aus der man ihm gastfreundlich einschenkte. Eine Stunde danach erklärte ein Arzt, sie seien beide vergiftet. Spada starb an der Tür des Weingartens, der Neffe verröchelte an seiner Schwelle.

Alsbald beeilte sich Cäsare, die Erbschaft, unter dem Vorwand, die Papiere des Verstorbenen zu durchsuchen, an sich zu reißen. Das Erbteil bestand aber in einem Stück Papier, worauf Spada geschrieben hatte: ›Ich vermache meine Koffer, meine Bücher, worunter ein Gebetbuch mit goldbeschlagenen Ecken, meinem vielgeliebten Neffen mit dem Wunsche, er möge das Andenken seines ihn liebenden Onkels bewahren.‹ Die Erben suchten überall, bewunderten das Gebetbuch, erbrachen die Möbel und staunten darüber, daß Spada, der reiche Spada, offenbar der armseligste Onkel sei; von Schätzen war keine Spur, außer Schätzen von Wissenschaften in der Bibliothek und den Laboratorien. Cäsare und sein Vater suchten, wühlten, spähten überall herum: man fand nichts oder nur sehr wenig; aber der Neffe hatte noch Zeit gehabt, seiner Frau, als er nach Hause kam, zu sagen: ›Suche in den Papieren meines Onkels nach, du wirst ein wirkliches Testament finden.‹ Doch alles Suchen war vergeblich. Zwei Paläste und der Weingarten blieben der Familie, gleichsam unwürdig der Habgier der Borgia. Monate und Jahre vergingen, Alexander VI. starb, und Cäsare, gezwungen, Rom zu verlassen, kam in einem nächtlichen Scharmützel um.

Nach dem Tode der Borgia erwartete man allgemein, die Familie werde wieder auf so fürstlichem Fuße leben wie zu Spadas Zeit, aber es war dem nicht so: die Spada verharrten in zweifelhafter Wohlhabenheit, ewiges Geheimnis lastete über dieser dunklen Geschichte, und es ging öffentlich das Gerücht, Cäsare habe, als besserer Politiker, das Vermögen der beiden an sich gebracht; ich sage das Vermögen der beiden, weil Rospigliosi, der nicht die geringste Vorsichtsmaßregel getroffen hatte, ganz und gar ausgeplündert wurde.‹

Bis jetzt scheint Ihnen dies doch nicht allzu ungereimt, nicht wahr?« unterbrach sich Faria lächelnd.

»Oh, mein Freund,« sprach Dantes, »im Gegenteil, mir ist, als läse ich eine Chronik voll interessanter Dinge.«

»Ich fahre also fort. Die Familie gewöhnte sich an diese unansehnliche Lebensweise, die Jahre enteilten. Die einen der Nachkommen wurden Soldaten, die andern Staatsmänner und so weiter. Ich komme nun auf den letzten Sproß der Familie, auf den Grafen Spada zu sprechen. Oft, sehr oft, hörte ich ihn das Mißverhältnis seines Vermögens zu seinem Range beklagen; ich gab ihm den Rat, das wenige an Hab und Gut auf lebenslängliche Renten anzulegen; er folgte dem Rat und verdoppelte auf diese Weise seine Einkünfte. Das berühmte Gebetbuch war in der Familie geblieben, denn die bizarre Klausel des Testamentes machte daraus eine wahrhaft mit abergläubischer Verehrung bewahrte Reliquie. Es war ein mit den schönsten gotischen Figuren geziertes Buch und so schwer in Gold, daß an großen Festtagen es immer ein Diener vor dem Besitzer hertragen mußte.

Als ich diese mannigfachen Papiere, Urkunden, Kontrakte, Pergamente sah, die man in den Archiven der Familie aufbewahrte und die alle noch von dem Vergifteten herrührten, begann auch ich, wie zwanzig Diener, Intendanten, Sekretäre, die mir vorgegangen waren, diese mächtigen Päcke zu durchsuchen. Ungeachtet der Tätigkeit und Gewissenhaftigkeit meiner Nachforschungen fand ich aber nicht das geringste. Ich war aber gewiß, daß die Erbschaft weder zugunsten der Borgia noch der Familie ausgefallen, sondern ohne Besitzer geblieben sei.

Mein Gebieter starb. Von seiner lebenslänglichen Rente hatte er seine Familienpapiere sowie seine aus fünftausend Bänden bestehende Bibliothek und sein berühmtes Gebetbuch ausgeschlossen. Dies alles vermachte er mir mit tausend Talern unter der Bedingung, jährlich Messen lesen zu lassen und eine Geschichte seiner Familie zu verfassen, was ich aufs genaueste vollzog ...

Beruhigen Sie sich, Edmond, wir sind schon bald zu Ende. Im Jahre 1807, einen Monat vor meiner Verhaftung, vierzehn Tage nach dem Tode des Grafen Spada, las ich diese Papiere, die ich ordnete, zum tausendsten Male und schlief darüber ein. Als es sechs Uhr schlug, erwachte ich. Ich erhob den Kopf und war in tiefster Finsternis. Ich läutete, man solle mir Licht bringen. Niemand kam. Ich beschloß hierauf, mir selbst zu helfen. Mit der einen Hand nahm ich die aufgesteckte Kerze, und mit der andern suchte ich, da Zündhölzchen in der leeren Büchse fehlten, ein Papier, das ich an den letzten Funken auf dem Herde anzuzünden gedachte; aber in der Furcht, im Finstern statt eines unnützen Papieres ein wertvolles zu nehmen, zögerte ich noch, als ich mich erinnerte, in dem berühmten Gebetbuch, das auf dem Tische mir zur Seite lag, oben ein vergilbtes Papier gesehen zu haben. Tastend suchte ich jenes Blatt, fand es, bog es zusammen, und es an die verglimmende Flamme haltend, zündete ich es an. Unter meinen Fingern aber sah ich magisch in dem Maße, als das Feuer hinaufbrannte, gelbliche Buchstaben aus dem weißen Papier hervortreten und das Blatt bedecken. Da ergriff mich ein Bangen; ich zerdrückte das Papier mit den Händen, erstickte das Feuer, zündete die Kerze unmittelbar an der Herdflamme an, glättete dann das zerknitterte Blatt und erkannte, daß diese Buchstaben mit einer geheimnisvollen Tinte geschrieben, die erst durch Einwirkung der Hitze erkennbar wurde. Mehr als ein Drittel des Papiers war von den Flammen verzehrt. Das ist das Papier, das Sie heute früh gelesen haben. Lesen Sie es wieder, Dantes, dann will ich Ihnen, wenn Sie es zu wiederholtem Male gelesen haben, die abgebrochenen Sätze und den unvollständigen Sinn ergänzen.«

Und frohlockend hielt Faria Dantes das Papier hin, auf dem dieser gierig folgende, mit einer rötlichen, rostähnlichen Tinte geschriebenen Worte las:

An dem heutigen Tage, dem 25. April 1498 von Bor
zufrieden, mich die Stelle bezahlen zu lassen,
auch noch von mir erben möchte und mir
der Grafen Caprara und Bentivoglio
erkläre ich meinem Neffen, Guido Spada,
meinem Universalerben, daß ich an ei
ten der kleinen Insel Monte Christo
alles, was ich besit
Golde, Steinen, Diamanten, Schmuck
ben habe, daß ich allein von dem Vorhandensein
dieses Schatzes weiß, der sich ungefähr auf 2 Million
Taler beläuft, und den er, wenn er den 20.
östlich von der kleinen Bucht in gerader Linie
wegschiebt finden wi
welch obbenannten Schatz ich ihm vermache,
und ihm als meinen einzigen Erb

25. April 1498.

Ces

»Jetzt«, rief der Abbe, »lesen Sie dies Papier ...«

Bei diesen Worten hielt er Dantes ein zweites beschriebenes Blatt hin. Dieser las:

»An dem heutigen Tage, dem 25. April 1493, von Borgia zu Tische geladen und fürchtend, daß er, nicht zufrieden, mich die Stelle bezahlen zu lassen, auch noch von mir erben möchte und mir das Schicksal der Fürsten Caprara und Bentivoglio, welche vergiftet starben, aufbewahre, erkläre ich meinem Neffen Guido Spada, meinem Universalerben, daß ich an einer Stelle, die ihm, da er sie mit mir besucht hat, bekannt ist, und zwar in den Grotten der kleinen Insel Monte Christo, alles, was ich besitze, an Goldstangen, geprägtem Golde, Steinen, Diamanten, Schmuck, vergraben habe; daß ich allein von dem Vorhandensein dieses Schatzes weiß, der sich ungefähr auf 2 Millionen römische Taler beläuft, und den er, wenn er den 20. Felsen östlich von der kleinen Bucht in gerader Linie wegschiebt, finden wird. Zwei Öffnungen wurden in dieser Grotte angebracht, in der von der zweiten entferntesten Ecke liegt der Schatz, welch obbenannten Schatz ich ihm vermache und ihm, als meinem einzigen Erben, zu vollem Besitztum einräume.

25. April 1498.

Cesare Spada.«

»Nun – verstehen Sie endlich?« sprach Faria.

»Dies war die Erklärung des Herrn Spada und das so lange gesuchte Testament?« sprach Edmond, noch immer ungläubig.

»Ja, tausendmal ja!«

»Wer hat es wieder so zusammengesetzt?«

»Ich, der ich mit Hilfe des gebliebenen Fragments den Rest erriet.«

»Und was haben Sie alsdann getan?«

»Ich reiste augenblicklich ab, indem ich den Anfang meines politischen Werkes mitnahm; aber seit langem schon hatte die Polizei ihre Blicke auf mich gerichtet; meine eilige Abreise, deren Ursache zu erraten nicht in ihrem Bereich lag, erweckte ihren Verdacht, und in dem Augenblick, als ich mich in Piombino einschiffte, wurde ich verhaftet. Jetzt aber«, rief der Greis voll herzlicher Wärme, »wissen Sie soviel hierüber wie ich; wenn wir uns jemals miteinander retten, so gehört die Hälfte meines Schatzes Ihnen, wenn ich aber hier sterbe und Sie sich bloß allein retten, so gehört er Ihnen ganz.«

»Hat denn dieser Schatz auf der Welt keinen rechtmäßigen Erben als uns?« fragte Dantes.

»Nein, nein, beruhigen Sie sich! Die Familie ist gänzlich ausgestorben; der letzte Graf Spada hat mich zum Erben eingesetzt. Wenn wir je dieses Vermögen besitzen, so können wir es ohne Gewissensangst genießen.«

»Mein Freund,« sprach Dantes, »dieser Schatz gehört Ihnen allein, ich habe darauf kein Recht; ich bin nicht Ihr Verwandter.«

»Sie sind mein Sohn, Dantes!« rief der Greis und breitete seine Arme aus. Da sank der junge Mann ihm weinend an die Brust.


So gingen die Tage für die beiden Unglücklichen erträglicher dahin. Faria, der während langer Jahre in bezug auf den Schatz geschwiegen hatte, sprach jetzt bei jeder Gelegenheit davon. In der Furcht, das beschriebene Blatt könnte verlorengehen, zwang Faria Dantes, es auswendig zu lernen, und Dantes wußte es von Anfang bis zu Ende. Eines Nachts erwachte Edmond plötzlich, in der Meinung, man habe ihn gerufen. Er schlug die Augen auf und versuchte, die Finsternis zu durchdringen. Eine klagende Stimme, die seinen Namen auszusprechen sich mühte, schlug an sein Ohr. Er richtete sich in seinem Bett empor, Angstschweiß auf der Stirn, und horchte. Kein Zweifel, der Klageton kam aus dem Kerker seines Gefährten.

»Großer Gott!« flüsterte Dantes. »Sollte er...?«

Schnell sprang er in den Korridor und gelangte auf die andere Seite; die Steinplatte war schon weggehoben.

Beim Schein einer selbstfabrizierten Kerze sah Edmond den Greis leichenblaß und zitternd an seinem Bette stehen. »Ich rief Sie, mein junger Freund; es geht zu Ende. Ein altes Leiden – Katalepsie – packt mich wieder. Zwei Anfälle ... überstand ich ... der dritte bringt den Tod.«

Der Alte wankte. Edmond nahm ihn in seine Arme und legte ihn aufs Bett.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« stöhnte Dantes verzweifelt.

Der Greis schüttelte den Kopf. Dann aber kamen stoßweise die Worte hervor: »Sollte ich toben .... schäumen .... schreien ... verhindern, daß man es hört. Liege ich ... stumm ... starr ... zwölf Tropfen ... Fläschchen ... hinten im hohlen Bettfuß ...«

Edmond suchte sofort und fand das Fläschchen. Angstvoll sah er auf den Kranken. Der schien im Augenblick ruhiger zu sein.

»Mein junger Freund,« sagte er liebevoll, »Sie einziger Trost meines elenden Lebens, Sie, den mir der Himmel zwar spät, aber dennoch geschenkt hat, wofür ich ihm danke, jetzt wünsche ich Ihnen in meiner Todesstunde alles Glück, alles Wohlergehen, das Sie verdienen. Ich segne Sie, mein Sohn!«

Der junge Mann warf sich, sein Haupt an das Bett des Greises gelehnt, auf die Knie.

»Und beherzigen Sie, was ich sage: Der Schatz der Spada besteht. Es gibt keine Entfernung – kein Hemmnis mehr für mich: ich seh' ihn! Ich seh' ihn in der zweiten Grotte! Meine Augen durchdringen die Tiefen der Erde – sie sind geblendet von all dem Reichtum. Alles ist dein, mein Sohn – dein, dein!«

Und noch einmal hob er sich hoch mit aller Anstrengung. »Monte Christo... Monte Christo...« murmelnd, fiel er dann auf sein Lager zurück.

Die Krisis war schrecklich: krampfhaft gestreckte Glieder, aufgeschwollene Augenlider, blutiger Schaum, ein regungsloser Körper, dies war alles, was nun auf dem Schmerzenslager an Stelle des verständigen Wesens lag, das sich einen Augenblick früher darauf hingestreckt hatte. Dantes stand in zitternder Erwartung, das Heilmittel anwenden zu können. Als der Kranke ganz starr dalag, nahm Edmond ein Messer, um ihm die fest zusammengebissenen Zähne auseinanderzubringen, und flößte ihm zwölf Tropfen ein.

Er wartete zehn – zwanzig Minuten – noch länger in namenloser Angst – es trat keine Änderung ein. Da goß Dantes dem Sterbenden den ganzen Inhalt des Fläschchens in den Mund. Die Wirkung war furchtbar anzusehen. Der abgezehrte Körper wand sich in gräßlichen Zuckungen unter Ächzen und Stöhnen.

Edmond, über den Freund gebeugt, die Hand auf dessen Herzen, fühlte, wie der Leib sich reckte und streckte und das Herz immer dumpfer und langsamer schlug – bis alles ganz still war. Todesblässe bedeckte das Angesicht, die Augen blieben offen, doch der Blick verglaste sich.

Geräusche wurden laut. Dantes ergriff voller Schrecken die verräterische Kerze und entfloh, so gut es ging, die Steinplatte über sich zudeckend. Der Gefangenwärter kam erst zu ihm und ging dann zu Faria. Als Dantes sich wieder allein sah, betrat er vorsichtig den unterirdischen Gang, um zu hören, was im Kerker seines unglücklichen Freundes alles geschah.

Zunächst vernahm er die Hilferufe des Wärters. Soldaten kamen hinzu, schließlich der Gouverneur. Das Bett des Verstorbenen knarrte, da man die Leiche hin und her drehte. Der Gouverneur befahl, dem Alten Wasser ins Gesicht zu spritzen, und als das auch nicht half, schickte er zum Arzt. Dann verließ einer nach dem andern den Kerker. Nach einer Stunde geduldigen Wartens hörte Dantes von neuem Stimmen in der Zelle. Der Arzt untersuchte den Verstorbenen und erklärte ihn für tot. Man hantierte noch eine ganze Weile an der Leiche herum, ohne daß Dantes begriff, was dort geschah. Nur die Gefühllosigkeit, die aus jedem Wort, das da oben gesprochen wurde, hervorging, empörte ihn tief.

»Also heut abend!« sagte laut der Gouverneur.

»Soll eine Messe gelesen werden?« fragte irgend jemand. Rohes Gelächter war die Antwort.

»Soll der Tote bewacht werden?« hörte er nun die Stimme des Schließers.

»Unsinn!« sagte der Gouverneur. »Schließt die Zelle ab wie immer, und damit gut!«

Als die Schritte der Davongehenden verhallt waren, trat wahre Grabesstille ein. Dantes hob nun vorsichtig mit dem Kopf die Steinfliese auf und warf einen Blick durch das Zimmer.

Auf dem Bett sah er einen alten grauen Sack, unter dessen weiten Falten eine menschliche Gestalt erkennbar war. Das war das Leichentuch Farias.

Dantes setzte sich zu Häupten des Bettes und weinte.

»Könnte ich sterben und mit dir gehen, du mein väterlicher Freund! Aus diesem Kerker entkommen ja doch nur die Toten.«

Dantes sprang plötzlich auf, legte die Hand an die Stirn, als ob ihn schwindle, ging zwei- oder dreimal im Zimmer auf und ab, kehrte wieder zurück und hielt vor dem Bett an.

»Oh« flüsterte er. »Wer gibt mir diesen Gedanken ein? Bist du es, mein Gott? Da nur die Toten hier frei hinauskommen, so setzen wir uns an die Stelle des Toten.«

Und ohne sich Zeit zu lassen, viel zu überlegen, beugte er sich mit kühnem Entschluß zu dem gräßlichen Sacke hinab, riß ihn mit dem von Faria verfertigten Messer auf, zog den Leichnam aus dem Sack heraus, trug ihn in seinen Kerker hinüber, hüllte ihm den Kopf, wie er es mit sich zu tun pflegte, in einen Lappen, küßte zum Abschied die eisige Stirn des Toten und legte ihn, mit dem Gesicht nach der Wand, in sein Bett. Wenn der Wächter ihm nun das Abendbrot brachte, würde er glauben, er sei schon zu Bett, wie dies oftmals geschehen. Dann eilte er in den anderen Kerker zurück, warf seine Kleiderlumpen ab, kroch in den Sack hinein, nähte ihn von innen wieder zu und nahm die Stellung ein, die der Leichnam innegehabt. Wäre jetzt jemand dazugekommen, so hätte er den Herzschlag des Verwegenen hören müssen.

Wohl hätte Dantes bis nach dem Abendbesuch des Wächters warten können, aber er fürchtete, der Gouverneur könnte seinen Entschluß ändern, dann wäre seine letzte Hoffnung verloren. Jedenfalls stand sein Plan nun fest: Wenn die Totengräber während des Tragens bemerken sollten, daß sie einen Lebendigen statt eines Toten fortschafften, so wollte ihnen Dantes nicht Zeit lassen, ihn zu erkennen; mit einem kräftigen Messerstich würde er den Sack von oben bis unten aufreißen, ihren Schreck benutzen und entfliehen. Wer ihn zurückhalten wollte, bekäme sein Messer zu spüren. Sollte man ihn aber bis zum Gottesacker tragen, würde er sich ruhig mit Erde beschütten lassen. Zuviel würden sie abends wohl nicht graben, so daß er die Möglichkeit hätte, die leichte Erdschicht nach dem Fortgang der Männer aufzuheben und zu entfliehen. Sollte sie doch zu schwer werden, nun – so starb er den Tod der Erstickung.

Dantes hatte seit dem Tage vorher nichts mehr gegessen. Er ließ sich aber nicht Zeit, an Hunger zu denken; es stand zuviel auf dem Spiel.

Je länger er so dalag, um so größer wurde seine Aufregung. Eisige Schauer durchbebten seinen Leib, trotzdem ihm der Schweiß von der Stirn rann.

Endlich hörte er Schritte. Dantes vermutete die Totengräber. Man stellte eine Bahre nieder. Dann ging die Tür auf, trübes Licht fiel in die Zelle, und Dantes sah zwei Schatten seinem Lager nahen. Eine dritte Gestalt blieb an der Tür stehen mit einer Stocklaterne in der Hand. Nun faßten die beiden ersten den Sack am oberen und unteren Ende und schleppten ihn fort. Dantes nahm allen Mut zusammen und machte sich steif wie ein Brett.

»Daß der Alte so schwer ist, hätte ich nicht gedacht«, sagte der erste.

»Ach – weißt du nicht, daß Knochen mit jedem Jahr ein halbes Pfund mehr wiegen?« gab der zweite zur Antwort. Währenddessen hatte man ihn auf die Bahre gelegt, und nun ging's eine Treppe hinauf. Plötzlich wehte Dantes frische, rauhe Nachtluft an. Das war ein seltsames Gefühl. Die Bahre wurde wieder hingestellt, und einer der Träger entfernte sich, kam aber bald zurück. Er hob Dantes' Füße auf und umwand sie mit einem Strick, was Dantes heftigen Schmerz verursachte.

Wieder ging's eine Strecke weiter. Der Meerwind wehte kälter, und das Brausen der Wellen tönte Dantes in die Ohren.

»Schlechtes Wetter heut!« sagte einer der Träger.

»Ja – der Abbé wird naß werden«, lachte der andere.

Dantes sträubten sich die Haare auf dem Kopf.

»Los! Jetzt sind wir so weit!« meinte der vordere.

»Weiter, weiter!« mahnte der Hintermann. »Du weißt doch, daß neulich einer auf dem Felsen zerschmettert hängenblieb und wir tags darauf ordentlich was abbekamen.«

Sie stolperten noch ein paar Schritte vorwärts, dann fühlte Dantes, daß man ihn bei Kopf und Füßen packte und ihn schwang.

»Eins – zwei – drei!« Dantes sauste durch die Luft wie ein verwundeter Vogel und fiel und fiel mit einer Raschheit, die ihm das Herz erstarren ließ. Obgleich ihn etwas hinabzog mit aller Gewalt, schien ihm dieser Fall Jahrhunderte zu dauern. Endlich fuhr er mit aufklatschendem Geräusch in eisiges Wasser. Das entpreßte ihm einen gräßlichen Schrei, der sofort durch das Untertauchen erstickt wurde. Man hatte Dantes ins Meer geschleudert, auf dessen Grund ihn eine sechsunddreißigpfündige Kugel riß. Das war der Gottesacker von Schloß If.


Obwohl betäubt, ja fast erstickt, hatte Dantes doch Geistesgegenwart genug, seinen Atem anzuhalten, und da seine rechte Hand, aller Fälle gewärtig, das Messer offen hielt, schlitzte er rasch den Sack auf, streckte erst den Arm, dann den Kopf heraus; aber ungeachtet seiner Anstrengungen, die Kugel aufzuheben, fühlte er sich fort und fort hinabgezogen; da krümmte er sich zusammen, den Strick suchend, der seine Beine umschlang, und mit einem Ruck schnitt er ihn gerade in dem Augenblick durch, als er zu ersticken meinte. Dann schwang er sich mit einem kräftigen Stoß seiner Füße an die Oberfläche, während die Kugel in unbekannte Tiefen des Meeres das grobe Gewebe hinabriß, das bald sein Leichentuch geworden wäre. Dantes nahm sich kaum Zeit zum Aufatmen und tauchte ein zweites Mal unter; denn als erste Vorsichtsmaßregel galt es, Späherblicken zu entgehen.

Als er zum zweiten Male emportauchte, war er bereits fünfzig Schritt weiter hinausgeschwommen.

Er blickte zum Himmel auf; der war schwarz, und jagende Wolkenfetzen deuteten auf Sturm. Vor ihm breitete sich die heulende Wasserfläche aus. Doch schwärzer als der Himmel, schwärzer als das Meer ragte der Granitfelsen des Schlosses If wie ein drohendes Gespenst.

Auf einem Vorsprung des Felsgesteins sah er eine Stocklaterne. Zwei Schatten gingen hin und her und schienen sich nach dem Meer hinunterzubeugen. Hatten die seitsamen Totengräber seinen Schrei gehört?

Schleunigst tauchte Dantes von neuem unter und schwamm eine gute Strecke weiter fort. Wie hatte man ihn früher bereits als kühnen Schwimmer bewundert! Fürwahr, nun galt's, die Kunst zu beweisen!

Mit Freuden bemerkte er, daß die Jahre der Gefangenschaft ihm nicht seine Kraft und Geschicklichkeit geraubt hatten, und die Angst verdoppelte beide. Er schwamm immer weiter und weiter.

»Wenn es mir gelänge, die Insel Tiboulen zu erreichen, ich wäre gerettet«, sagte er sich. Er schwamm bereits eine Stunde. Das schreckliche Schloß war kaum mehr zu sehen; doch auch von Land schien immer noch keine Spur. Aufs neue begann er mit den Wassern zu ringen.

Da war's ihm, als käme eine dunkle Wolke auf ihn zu. Gleichzeitig durchzuckte sein Knie ein heftiger Schmerz, und seine Hand fühlte Festes unter sich: er war an Land.

Die drohende Wolke aber erkannte er als die Felsen der Insel Tiboulen.

Dantes taumelte einige Schritte vorwärts, dann lagerte er sich auf dem Gestein, das ihm in seiner Ermattung willkommener war als je der weichste Pfühl; bald verfiel er in festen Schlaf.

Nach einer Stunde wurde er von Donnerschlägen aufgeweckt. Der Sturm peitschte die Erde, und Blitze zuckten gleich Feuerschlangen über das dunkle Firmament.

Im Schein des Blitzes sah Dantes ein Fischerfahrzeug auf den Wellen tanzen. Verzweiflungsvolles Schreien drang bis zu seinem Ohr.

Ein zweiter Blitz, und Dantes sah, wie das Schiff im Sturmgebraus versank, als wäre es nie gewesen.

Das Unwetter hielt noch lange an, bis sich gegen Morgen der Sturm legte und rosige Wolken den Sonnenaufgang verkündeten.

Sonnenaufgang! Dantes Brust weitete sich. Dann irrten seine Blicke suchend über die Meeresfläche hin und entdeckten fern am Horizont ein kleines Fahrzeug mit geblähten Segeln. Er erkannte es als eine genuesische Tartane, die aus dem Hafen von Marseille kam.

Doch noch etwas anderes erregte Dantes Aufmerksamkeit: es war dies die phrygische Mütze eines der schiffbrüchigen Matrosen, die an einem Felsvorsprung hängengeblieben war und einige Balken des zerschellten Schiffes, die das Meer gegen den Fuß der Insel trieb. Augenblicklich war Dantes Entschluß gefaßt; wieder sprang er ins Meer, schwamm auf die Mütze zu, setzte sie auf, griff nach einem der Balken und richtete sich ein, die Linie zu schneiden, die das Fahrzeug nehmen mußte.

»Jetzt bin ich gerettet«, stammelte er.

Diese Überzeugung lieh ihm wieder Kraft. Er schwamm mit keuchenden Lungen und kam dem Schiff auch näher. Er richtete sich aus den Fluten empor, schwang seine Mütze und stieß einen Hilferuf aus.

Man sah und hörte ihn. Die Tartane ließ eine Schaluppe ins Meer, und zwei Matrosen ruderten ihm flott entgegen. Der Rettung so nah, verließen den Ärmsten nun doch die Kräfte, und er sank. Ein heftiger Stoß brachte ihn wieder hoch. Da fühlte er sich bei den Haaren gepackt, dann sah und hörte er nichts mehr; ihm schwanden die Sinne.

Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich auf dem Vordeck der Tartane, die ihren Weg fortsetzte. Sein erster Blick galt der Richtung, die das Fahrzeug nahm: Gott sei Dank, mehr und mehr verblaßte Schloß If in der Ferne.

Einer der Matrosen rieb ihn mit einer wollenen Decke, ein anderer hielt ihm eine Flasche mit Rum an die Lippen. Das tat wohl, und Dantes richtete sich auf.

»Wer seid Ihr?« fragte der Patron des Schiffes in schlechtem Französisch.

»Ich bin«, antwortete Dantes in schlechtem Italienisch, »ein Maltesermatrose, wir kamen von Syrakus und hatten Wein an Bord. Beim Kap Morgion erwischte uns der Sturm der heutigen Nacht und wir wurden an jene Klippen geschleudert.«

»Offen gestanden,« sagte der Patron, »war es mir nicht ganz geheuer, Euch aufzunehmen. Mit Eurem sechs Zoll langen Bart und dem wilden Haar gleicht Ihr eher einem Räuber denn einem redlichen Menschen.«

»Ja,« sagte Dantes, »in einer Stunde schwerer Gefahr hab' ich einst das Gelübde getan, mir zehn Jahre weder den Bart noch das Haar zu schneiden. Heut sind die zehn Jahre um, und bald wäre ich ertrunken.«

»Kennt Ihr das Mittelmeer?«

»Ich befahre es seit meiner Kindheit.«

»Wißt Ihr Bescheid mit den Landungsplätzen?«

»Es gibt wenig Häfen, die ich nicht kenne.«

»Hoho,« lächelte der Patron, »wollen sehen.«

»Wohin segeln Sie?« fragte Dantes interessiert.

»Nach Livorno.«

»Warum kreisen Sie denn nicht einfach den Wind so nahe als möglich ab, statt auf Wegen herumzukreuzen und Zeit zu verlieren?«

»Weil wir dann gerade auf die Insel Rion lossteuerten.«

»Ihr kommt auf eine Entfernung von zwanzig Faden vorbei.«

»Nun denn, mein Freund, beweist Eure Kunst: 'ran ans Steuer!«

Freudig machte sich Dantes ans Werk. Die Matrosen befolgten jeden Wink, und das kleine Fahrzeug begann, langsam der Insel Rion zuzusteuern, an der es, wie Dantes verheißen, auf zwanzig Faden steuerbordab vorüberfuhr.

»Bravo!« rief der Patron.

»Bravo!« wiederholten die Matrosen.

Und staunend betrachteten alle den Mann, dessen Blick eine Verständigkeit und dessen Körper eine Kraftfülle verriet, die man an ihm nicht vermutete.

»Sie sehen,« sprach Dantes, die Stange verlassend, »daß ich Ihnen nützen kann; wenn Sie mich in Livorno nicht mehr brauchen, so können Sie mich dort zurücklassen. Von meinem ersten Sold zahle ich Ihnen gern zurück, was die Bekleidung kostet, die Sie mir geliehen.«

»Schon gut! Schon gut!« sprach der Patron. »Wenn Ihr nicht zu unbescheiden seid, werden wir schon einig werden.«

»Was einem recht ist, ist dem andern billig,« meinte Dantes, »was Sie den Kameraden geben, geben Sie auch mir.«

»Das wäre nicht ganz in der Ordnung,« sprach der Matrose, der Dantes aus dem Meer gezogen hatte, »denn er versteht mehr als wir.«

»Was Teufel geht das dich an, Jacopo?« schalt der Patron.

»Jedem steht es frei, zu fordern, was ihn gut dünkt.«

»Richtig,« sprach Jacopo, »es war nur eine einfache Bemerkung, die ich machte.«

»Nun denn, du tätest besser, dem braven Burschen etwas zu essen zu bringen; sicher wird er Hunger haben.«

Jacopo lief und brachte, was er vorfand, dazu wieder die Flasche mit Rum.

»Das Steuer in Backbord«, rief der Kapitän, sich zum Steuermann wendend.

Dantes tat einen Blick nach derselben Seite hin.

»Schau,« fragte der Patron, »was gibt's auf Schloß If?«

Ein weißes Wölkchen, das die Aufmerksamkeit Dantes schon auf sich gezogen, war über den Zinnen der südlichen Bastei von Schloß If sichtbar. Eine Sekunde darauf vernahm man das Krachen eines abgefeuerten Geschützes. Die Matrosen stutzten und schauten einander an.

»Was soll das bedeuten?« fragte der Patron.

»Sicher ist ein Gefangener heute nacht entsprungen, und man feuert die Lärmkanone ab.«

Der Patron warf einen Blick auf den jungen Mann, der bei diesen Worten die Flasche an den Mund setzte; er sah ihn aber die darin befindliche Flüssigkeit mit solcher Ruhe und Zufriedenheit schlürfen, daß sein Mißtrauen schwand.

»Ein teuflisch starker Rum«, sprach Dantes, sich mit dem Hemdärmel den Mund abwischend.

»Und wenn er's wäre,« dachte der Patron, »nun gut, so hab' ich mir jedenfalls einen tüchtigen Kerl angeworben.«

Dantes bat, sich ans Steuer setzen zu dürfen. Man überließ ihm gern diesen Platz. So saß er und schaute unverwandt auf Marseille.

»Den wievielten haben wir heute?« fragte er den Jacopo.

»Den 28. Februar 1829.«

Es waren also vierzehn Jahre her, daß Dantes verhaftet worden. Mit neunzehn Jahren war er ins Schloß If eingezogen, mit dreiunddreißig Jahren verließ er es. Ein schmerzliches Lächeln zuckte über seine Lippen; er fragte sich, was aus Mercedes während der Zeit, da sie ihn für tot hielt, geworden sein mochte. Und von neuem flammte unversöhnlicher Haß in ihm auf gegen jene Ruchlosen, die ihn ins Verderben getrieben. Jetzt war sein Racheschwur keine eitle Drohung mehr, denn nun hätte der gewandteste Segler des Mittelmeeres nicht mehr jene kleine Tartane erreicht, die mit geschwellten Segeln nach Livorno steuerte.


Kaum war man in Livorno angekommen, als Dantes einen Barbier aufsuchte. Verwundert schaute der Mann auf den Fremden mit dem wüsten Haarwuchs. Doch ohne eine Bemerkung darüber fallen zu lassen, machte er sich an sein Geschäft. Als dies geschehen, verlangte Dantes einen Spiegel. Zum erstenmal nach vierzehn Jahren sah er sein eigenes Angesicht wieder und erkannte sich selber nicht.

Fast hatte er Mühe, die tiefe Bewegung zu unterdrücken, die ihn überkam.

Wo war der frische, fröhliche Junge von einst geblieben, aus dessen Antlitz die hellste Lebenslust gestrahlt? Dies hier war das Gesicht eines ernsten, gereiften Mannes, dem schwerstes Seelenleid den Stempel aufgedrückt. Es war lang und schmal. Die Lippen lagen fest aufeinander, und die Augen hatten einen düsteren Glanz. Seine durch die lange Kerkernacht gebleichte Hautfarbe im Verein mit dem nachtschwarzen Haar verlieh seiner Erscheinung einen besonderen, schwermütigen Reiz. Mit einem Wort: es war der frühere Edmond Dantes nicht mehr.

Dantes war's zufrieden; sein bester Freund würde ihn nicht wiedererkennen, wenn er überhaupt je einen besessen. Ja, es hatte sich sogar seine Stimme verändert.

Nun ging er noch und kaufte sich einen schmucken Matrosenanzug. Als der Patron ihn so verändert wiederkommen sah, konnte er sich eines verschmitzten Lächelns nicht erwehren. Er hatte seinen Schützling gern und konnte so tüchtige Kerle, wie er einer war, wohl gebrauchen. Dantes wußte gut genug, warum.

Die Operationen der »jungen Amalia« waren ein ständiger Kampf mit den Steuerbeamten, denn ihr Patron war der Führer eines Schleichhändlerschiffes. Dantes empfand bei derartigen Scharmützeln oftmals ein ingrimmiges Vergnügen und war im Schleichhandel beinahe schon ebenso geschickt wie als Seefahrer.

So hatte ihm der Patron aus freien Stücken ein höheres Gehalt gewährt, und Dantes hatte es dankend angenommen.

Beinahe drei Monate waren über solchen Fahrten vergangen. Mehrmals war man bei der Insel Monte Christo vorübergekommen, ohne daß es Dantes möglich gewesen wäre, ohne Aufsehen dorthin zu gelangen. Ach, er hatte ja das Warten gelernt!

»Die glücklichen Zufälle sind immer die besten Gelegenheiten«, hatte Faria gesagt, und seine Worte sollten sich bald genug von neuem bewahrheiten.

Der Kapitän nahm ihn eines Tages beiseite; es handelte sich um eine wichtige Sache, nämlich um ein mit türkischen Teppichen, Stoffen aus der Levante und Kaschmir befrachtetes Schiff; es mußte, um den Austausch bewerkstelligen zu können, neutraler Boden gefunden, dann aber versucht werden, diese Dinge an die französische Küste zu bringen. Der Gewinn war ungeheuer, wenn es gelang; es handelte sich um fünfzig bis sechzig Piaster pro Kopf.

Der Patron schlug die Insel Monte Christo zum Ausladungsplatz vor, die ganz wüst und unbewohnt war und weder Soldaten noch Zöllner kannte. Beim Namen Monte Christo erbebte Dantes vor Freude. Er stimmte der Ansicht des Patrons vollkommen bei. So wurde denn beschlossen, sich für den Abend des nächsten Tages zur Ausführung des Planes segelfertig zu halten.


In fieberhafter Unruhe verbrachte Dantes die Zeit bis zur Abfahrt.

Man segelte unter einem azurnen Himmel, wo auch Gott seine Leuchttürme nach und nach anzündete, deren jeder eine Welt ist. Dantes erklärte, alle könnten zur Ruhe gehen, er übernehme das Steuer. Wenn der Malteser (so nannte man Dantes) eine solche Erklärung getan, so genügte es, und jeder ging ruhig zu Bett. Dies geschah manchmal. Da Dantes aus der Einsamkeit plötzlich in die Welt zurückgekehrt war, so fühlte er von Zeit zu Zeit das dringende Bedürfnis nach Einsamkeit. Welche Einsamkeit ist aber unendlicher und poetischer als die eines im Dunkel der Nacht, im Schweigen der Unermeßlichkeit auf dem Meer dahingleitenden Schiffes?

Als der Patron aufwachte, ging das Schiff unter vollen Segeln; kein Lappen Leinwand war, den der Wind nicht blähte, man legte in einer Stunde mehr als dritthalb Meilen zurück. Die Insel Monte Christo kam näher und näher. Edmond übergab das Schiff nun wieder seinem Herrn, um sich in seine Hängematte zu legen; aber er konnte kein Auge schließen. Gegen fünf Uhr abends sah man schon die ganze Insel.

Edmond verschlang fast mit den Augen jene Felsenmasse, die in allen Farben der Dämmerung spielte. Nie hatte ein Spieler, dessen ganzes Vermögen gesetzt ist, so heftige Beklemmungen gefühlt, als Dantes in seinem Hoffnungsfieber. Es ward Nacht. Um zehn Uhr landete man. Die »junge Amalia« war die erste bei dem Stelldichein. Dantes mußte sich ordentlich Gewalt antun, um seine Unruhe zu meistern. Als er ans Land sprang, hätte er am liebsten gleich Brutus die Erde geküßt.

Ganz früh am nächsten Morgen nahm Dantes seine Flinte, um angeblich eine wilde Ziege zu schießen.

Am Strande entlang gehend, ließ er seine Blicke schweifen, auf daß ihnen nichts entginge. Da entdeckte er seltsame Einschnitte in den Felsen, die sich fortlaufend wiederholten. Eiligst ging er diesen Zeichen nach.

Inzwischen hatten die Schiffer ihre Arbeit erledigt und sich ein leckeres Mahl zubereitet. Sehnsüchtig schauten sie nun nach Edmond aus.

Da sahen sie ihn, leicht wie eine Gemse, von Abhang zu Abhang über die Felsen springen. Plötzlich strauchelte er, stieß einen Schrei aus und kollerte zwölf bis fünfzehn Fuß in eine Schlucht hinab.

Die Gefährten eilten ihm zu Hilfe, allen voran Jacopo.

Sie fanden ihn lang hingestreckt, blutend und fast bewußtlos. Man flößte ihm Rum ein, und wieder mit bestem Erfolg. Edmond schlug die Augen auf und klagte über einen heftigen Schmerz am Knie und in den Lenden.

Man versuchte es, ihn aufzuheben und zum Schiff zu bringen; allein Dantes erklärte, lieber sterben zu wollen, als die gräßlichen Schmerzen zu ertragen.

»Laßt mir einige Tage Ruhe, und alles ist wieder gut.«

Die Kameraden berieten untereinander.

»Das ist eine verteufelte Sache«, sagte der Patron. »Wir müssen machen, daß wir weiterkommen, und hierlassen kann man ihn doch auch nicht.«

»Ihr könnt mich unbesorgt hier zurücklassen. Gebt mir etwas Brot, eine Flinte, Pulver und Blei und für alle Fälle auch noch eine Hacke. Wenn Ihr dann nach einigen Tagen wiederkommt, holt Ihr mich ab.«

Man ging schließlich darauf ein; nur dem treuen Jacopo wollte die Sache nicht gefallen. Dantes hatte Mühe, ihn fortzuschicken. Er schleppte noch alles mögliche heran, um ihm die Verlassenheit zu erleichtern.

Nicht lange danach segelte das Schiff von dannen und war bald den Blicken des Verwundeten entschwunden.

Kaum wußte Dantes sich völlig unbeobachtet, als er flink und behend aufsprang, zum Gewehr und der Hacke griff und sich wieder auf den Weg begab, den die merkwürdigen Zeichen in den Felsen ihn geführt hatten. Sie endigten in einer Bucht, die nur so breit war, daß ein kleines Fahrzeug sich darin verstecken konnte.

»Ein guter Landungsplatz für Schätze«, dachte Dantes. »Wo ist aber die Grotte?« Er schaute sich um und um. Da fiel ihm ein kugelrunder Fels auf, der so aussah, als wäre sein Standort ihm von Menschenhand angewiesen. Eine viereckige Steinplatte lag unter ihm, und man hatte sie durch kleine Steine und Erde zu verdecken gesucht. Gras, Moos und Myrtenschößlinge wuchsen daraus empor. Dantes war überzeugt, daß er hier zu seinem Ziel gelangen müsse. Wie aber den Fels beiseite schieben?

Da fiel sein Blick auf ein mit Pulver gefülltes Horn, das ihm sein Freund Jacopo zurückgelassen hatte. Er lächelte: »Mög' mir die höllische Erfindung dienen.«

Mit seiner Hacke grub er nun zwischen dem oberen Fels und der untenliegenden Steinplatte eine Art Minengang, dann zupfte er Fäden aus seinem Taschentuch, tauchte sie in Salpeter und machte eine Lunte daraus. Nun legte er Feuer an und entfernte sich schnell. Die Explosion ließ nicht lange auf sich warten. Der obere Fels geriet ins Wanken, und seiner Stütze beraubt, rollte er polternd ins Meer. Dantes stieß einen Freudenschrei aus. Rasch trat er näher. Die Steinplatte war zum Teil zertrümmert. Ein Eisenring war in der Mitte als Griff angebracht. Mit schier übermenschlichen Kräften faßte Dantes den Ring und hob den Rest der Steinplatte hoch. Auf die Knie niederfallend, sah er eine steile, schmale Treppe, die in die Tiefe einer unterirdischen Grotte führte.

Ehe Dantes die Stiegen hinabging, wandelte ihn eine Art von Schwäche an. So dicht vor dem Ziel... wenn er nun doch nichts fände? – Er legte die Hand an die eiskalte Stirn und zauderte. Er murmelte das letzte Wort aller menschlichen Weisheit: »Vielleicht...« und trat den Weg der Hoffnung an.

Statt tiefe Dunkelheit und dumpfe Grabesluft zu finden, umfing ihn sanftes, bläuliches Licht – durch kaum merkliche Felsspalten einfallend – und seltsame Wohlgerüche. Die Treppe führte in eine große geräumige Felsengrotte aus Granit. Er wiederholte die Worte des Testaments, das er auswendig kannte:

»Im entferntesten Winkel der zweiten Öffnung...«

Dies war nun aber die erste Grotte; jetzt galt's, den Eingang zur zweiten zu finden.

Er klopfte ringsum die Wände ab und fand nach langem Suchen eine Stelle, die nicht aus natürlichem Gestein bestand, sondern eine künstlich hergestellte Mauer von übereinandergelegten Steinen war. Unter unsäglicher Mühe gelang es ihm, einen der Steine zu lockern. Er jauchzte laut auf, als er zu Boden fiel. Nun folgten die andern bald nach, und Dantes sah die zweite Grotte vor sich liegen. Er schaute suchend umher. Wenn der Schatz wirklich existierte, so lag er in jener dunkeln Ecke vergraben. Die Stunde der Erfüllung war gekommen – oder die der bittersten Enttäuschung. Mit fiebernder Hast griff Dantes nun das Erdreich an. »Zwei Fuß tief...« murmelte er. Nachdem er eine Weile gearbeitet hatte, geriet er auf Widerstand und erkannte bald, daß es eine große eichene Truhe, mit Eisenbändern beschlagen, war. In der Mitte des Deckels sah er das Wappen der Familie »Spada« auf silbernem Grunde. Nun hackte, schaufelte und grub er mit Feuereifer, um den Deckel der Truhe freizubekommen und auch die Schlösser. Endlich war auch das getan; jedoch die schweren Schlösser waren treue Hüter und ließen niemand an die Schätze heran, die Truhe selber aber war so schwer, daß sie nicht von der Stelle zu rücken war.

Es blieb Dantes nichts anderes übrig, als die Schneide seiner Hacke zwischen Truhe und Deckel zu stemmen. Ein Krach – und der Deckel sprang auf. Dantes taumelte zurück, rieb sich die Augen, sah – und sah...

Das war ja gar nicht möglich! Gold, Diamanten, Perlen, Rubine – – War er dem Wahnsinn nahe?

»O Faria! Faria!«

Die Truhe hatte drei Abteilungen. In der obersten befanden sich Goldtaler, in der zweiten Goldbarren, je zwei bis drei Pfund schwer. An der dritten aber funkelte es von Edelsteinen der köstlichsten Art. Dantes wühlte mit den Händen darin und wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Er empfand eine Freude, die fast dem Schmerze gleichkam. Er hätte schreien mögen. Nun begann er sein Vermögen zu zählen; es war unmöglich: die Zahlen reichten nicht aus.

Der Tag ging zu Ende. Dantes überfiel die Furcht, man könnte ihm die Schätze rauben. Er ging mit der Flinte in der Hand wieder die Treppe hinauf, rückte den Stein zurecht, bedeckte die schadhafte Stelle mit Reisig und Laub und legte sich darauf zum Schlafe nieder. Diese Nacht war eine jener köstlichen und schrecklichen zugleich, wie der junge Mann sie in seinem bewegten Leben schon zwei- oder dreimal verbracht hatte.


Beim ersten Sonnenstrahl erhob sich Dantes wieder und stieg auf den höchsten Berggipfel, um Ausschau zu halten. Alles war öde und still wie tags zuvor. Da ging er hinunter in seine Grotte, füllte sich die Taschen mit Edelsteinen, versteckte die Kiste so gut es ging mit Sand und Schutt, legte oben die Platte wieder zurecht, bedeckte auch sie mit Steinen und erwartete dann die Kameraden.

Jetzt hieß es: in die Welt hinausziehen und die Stellung einnehmen, die die größte Macht, der Reichtum, einem zu geben vermag.

Am sechsten Tage kamen die Schleichhändler zurück. Sie staunten Dantes wiederhergestellt zu sehen und bedauerten ihn um den Verlust seines Anteils an dem Prisengeld, das gerade diesmal besonders reich ausgefallen war.

Edmond blieb still und verschlossen. In Livorno verkaufte er vier der kleinsten Diamanten und bekam für jeden fünfundzwanzigtausend Franken. Tags darauf erwarb er eine ganz neue Barke, die er Jacopo übergab, hundert Piaster fügte er diesem Geschenk bei zur Erwerbung der nötigen Mannschaft. Das alles aber unter der Bedingung, daß Jacopo nach Marseille segeln sollte, um Erkundigungen einzuziehen über einen Greis Louis Dantes und über ein junges Mädchen im Katalanerdorf, das Mercedes hieß.

Jacopo sah ihn mit offenem Munde an. Da erzählte ihm Edmond, daß er nur aus Trotz Seemann geworden, weil er sich mit seiner Familie entzweit hatte. In Livorno habe er nun erfahren, daß ein Onkel ihn zum alleinigen Erben eingesetzt habe. Nun glaubte Jacopo alles zu verstehen. Die vornehme Art Dantes und sein reiches Wissen hatten ihn ja stets die andern weit überragen lassen.

Darauf nahm Edmond, da seine Dienstfrist an Bord der »jungen Amalia« verstrichen, Abschied von dem Seemann, der ihn anfangs zurückzuhalten suchte, der aber, als er die Erbschaftsgeschichte vernommen, kein Wort mehr zu sagen wagte. Am andern Tage ging Jacopo nach Marseille unter Segel; er sollte Edmond auf Monte Christo erwarten. An demselben Tage reiste Dantes ab, ohne zu sagen wohin, von der Mannschaft der »jungen Amalia« mit glänzenden Geschenken und vom Patron mit dem Versprechen Abschied nehmend, er werde von sich hören lassen. Dantes ging nach Genua.

Soeben, als er ankam, versuchte man eine kleine Jacht, die ein Engländer kaufen wollte. Der Engländer hatte den Preis auf vierzigtausend Franken festgesetzt. Dantes bot sechzigtausend Franken unter der Bedingung, daß das Fahrzeug ihm noch an demselben Tage übergeben werde. Man wurde handelseinig. Der Schiffsbaumeister bot Dantes seine Dienste, ihm eine Bemannung zu verschaffen; Dantes aber dankte ihm dafür, indem er ihm versicherte, er habe die Gewohnheit, allein zu fahren, und daß er nichts wünsche, als daß in der Kajüte ein völlig geheimer Schrank mit drei festen geheimen Schubfächern angebracht würde. Er gab die Maße an, und alles wurde aufs beste ausgeführt. Schon am folgenden Tage verließ Dantes Genua, von den Blicken vieler Neugieriger verfolgt, die den spanischen Herrn sehen wollten, der die Gewohnheit hatte, allein zu fahren. Dantes fuhr direkt nach Monte Christo. Am Ende des zweiten Tages langte er daselbst an. Das Schiff war ein ausgezeichneter Segler und hatte in fünfunddreißig Stunden die Fahrt vollbracht. Dantes hatte die Küstenlage sehr wohl erkannt, und statt am gewöhnlichen Landungsplatz vor Anker zu gehen, lief er in der kleinen Bucht ein. Er begab sich zu seinem Schatze; alles war in demselben Zustande, wie er es verlassen.

Am andern Tage abends war das ungeheure Vermögen an Bord der Jacht gebracht und in die drei Fächer des geheimen Schrankes verschlossen. Dantes wartete noch acht Tage; während dieser acht Tage ließ er seine Jacht um die Insel herumschiffen, ihre Eigenheiten belauschend, wie ein Stallmeister sein Pferd erprobt. Bald darauf kannte er alle ihre guten und üblen Eigenschaften. Am achten Tage sah Dantes ein Fahrzeug, das, alle Segel beigesetzt, auf ihn zusteuerte, und erkannte Jacopos Barke. Er gab ein Zeichen, das Jacopo beantwortete, und in zwei Stunden war die Barke neben der Jacht. Für jede der zwei von Dantes gemachten Anfragen brachte er eine traurige Antwort: Der alte Dantes war gestorben, Mercedes war verschwunden. Ruhigen Antlitzes vernahm Dantes diese zwei Botschaften. Den Tod des Vaters hatte er wohl vorausgesehen; was aber war aus Mercedes geworden?

Mit Hilfe zweier Matrosen von Jacopos Barke segelte er nun nach Marseille. Man hielt gegenüber der Stelle, wo man ihn an jenem unheilvollen Abend nach Schloß If eingeschifft hatte.

Nicht ohne heimliches Grauen sah Dantes in der Sanitätsschaluppe einen Gendarm herankommen. Dantes aber wies ihm mit jener vollkommenen Sicherheit, die er sich angewöhnt, einen englischen, in Livorno gekauften Paß und stieg ohne viel Umstände ans Land. Das erste, was Dantes, auf die Cannebière tretend, bemerkte, war einer seiner alten Matrosen vom »Pharaon«. Er ging geradezu auf den Mann los und richtete mehrere Fragen an ihn, die dieser beantwortete, ohne durch Wort oder Miene darzutun, daß er sich erinnere, ihn je gesehen zu haben.

Dantes setzte seinen Weg fort. Ans Ende der Noaillesstraße gekommen und die Allee von Meillan bemerkend, fühlte er seine Knie wanken und wäre beinahe unter die Räder eines Wagens gestürzt. Endlich gelangte er zu dem Hause, das sein Vater bewohnt hatte. Dantes lehnte sich an einen Baum und betrachtete die letzten Stockwerke dieses armen Häuschens; endlich schritt er dem Tor zu und fragte, ob nicht eine leere Wohnung zu vermieten sei. Obgleich alles besetzt war, bestand er so lange darauf, jene des fünften Stockes zu besichtigen, daß der Hausmeister hinaufstieg und die Leute, die sie bewohnten, im Namen eines Fremden ersuchte, zu erlauben, die Zimmer anzusehen.

Staunend betrachteten die Mieter, ein ganz junges Ehepaar, den Fremden, der in tiefer Ergriffenheit jeden Winkel in den Räumen betrachtete. Als sie Tränen in seinen Augen sahen, zogen sie sich achtungsvoll zurück.

Edmond fragte dann nach dem Schneider Laderousse. Der Hausmeister antwortete ihm, daß der Mann schlechte Geschäfte gemacht habe und jetzt das Wirtshaus zur Gardbrücke halte.

Dantes stieg nun hinab, fragte um die Adresse des Eigentümers des Hauses, begab sich zu ihm, ließ sich unter dem Namen Lord Wilmore melden (dies war der Name und Titel, der auf seinem Paß verzeichnet stand) und kaufte ihm jenes kleine Haus für die Summe von fünfundzwanzigtausend Franken ab. Dies waren zehntausend Franken mehr, als das Haus wert war.

An demselben Tage noch wurde den jungen Leuten im fünften Stock durch den Notar, der den Kontrakt aufgesetzt, bekanntgemacht, daß der neue Hausherr ihnen die Wahl einer Wohnung im ganzen Hause, ohne nur ihren Zins im geringsten zu vermehren, unter der Bedingung freistelle, daß sie ihm die zwei Zimmer, die sie bewohnten, abtreten. Dieses sonderbare Ereignis beschäftigte während acht Tagen alle Bewohner der Meillanstraße und gab zu tausenderlei Vermutungen Anlaß.

Ihre Verwunderung wurde noch größer, als man erfuhr, daß derselbe vornehme Herr im Katalanerdorf gewesen und bei einfachen Fischersleuten nach Personen gefragt habe, die längst gestorben oder verschwunden waren.


Wenige Tage danach saß Caderousse mit seinem kranken Weibe vor der Tür seines ärmlichen Gasthauses und hörte die Klagen der Frau über ihr elendes Dasein mit verdrießlicher Miene an.

»Sei still, Weib; Gott will es nicht anders!« schrie er sie schließlich an. Weshalb Gott es nicht anders wollte, schien ihm bewußt zu sein. Als er nun so saß und starren Blicks die Landstraße entlang sah, bemerkte er einen Reiter, der auf das Gasthaus zugeritten kam. Es war ein schwarzgekleideter Priester mit einem dreieckigen Hut. Caderousse ging ihm ehrfurchtsvoll entgegen und fragte nach seinem Begehr.

»Seid Ihr Gaspard Caderousse?« fragte der Priester.

»Stehe zu Diensten, Herr Abbé.«

»Und übtet damals das Schneiderhandwerk aus?«

»Ja, aber der Stand hat sich übel gewendet. In diesem Spitzbuben-Marseille ist's so heiß, daß man am Ende sich gar nicht anziehen wird. Aber da soeben von der Hitze die Rede ist, wollen Sie sich nicht erfrischen, Herr Abbé?«

»Ja, gebt mir eine Flasche von Eurem allerbesten Weine.«

Und um keine Zeit zu verlieren, eine seiner letzten Flaschen Weines von Bahors, die ihm geblieben waren, an den Mann zu bringen, beeilte sich Caderousse, eine Falltür zu öffnen, die ebenfalls in dem Boden jener Art ebenerdigen Zimmers angebracht war, das zugleich als Saal und Küche verwendet wurde. Als er nach fünf Minuten wiederkehrte, fand er den Abbé auf einer Bank mit auf den Tisch gestützten Ellbogen sitzen.

»Ihr seid allein?« fragte der Abbé seinen Wirt, während dieser die Flasche und ein Glas auf den Tisch stellte.

»O mein Gott, ja, allein oder wenigstens soviel wie allein, Herr Abbé, denn ich habe niemanden als mein Weib, die mir in nichts helfen kann, da sie nämlich immer krank ist, die arme Carconte.«

»Ach, seid Ihr verheiratet?« fragte der Priester mit einer Art Teilnahme und einen Blick um sich werfend, der den winzigen Wert der magern Wirtschafts- und Ausstattungsgeräte zu schätzen schien.

»Sie finden, daß ich nicht reich bin, nicht wahr, Herr Abbé?« sprach Caderousse seufzend. »Aber was wollen Sie, es reicht nicht aus, ein ehrlicher Mann zu sein, um in dieser Welt sein Glück zu machen.«

Der Abbé heftete einen durchdringenden Blick auf ihn.

»Ja, ein ehrlicher Mann, des kann ich mich rühmen, Euer Gnaden,« sprach der Wirt, die eine Hand auf seine Brust gelegt, mit dem Kopf nickend, indem er dem Blicke des Abbé standhielt, »und in unserer Zeit kann so was nicht jeder sagen.«

»Um so besser, wenn das, dessen Ihr Euch rühmt, wahr ist,« sprach der Abbé, »denn ich bin fest überzeugt davon, früh oder spät wird der Ehrenmann belohnt und der Bösewicht gezüchtigt.«

»So pflegt Ihr zu behaupten, Herr Abbé«, versetzte Caderousse mit bitterem Ausdruck. »Nachher bleibt es einem aber doch freigestellt, das, was Sie sagen, nicht zu glauben.«

»Ihr habt unrecht, so zu reden,« sprach der Abbé, »denn vielleicht werde ich alsogleich für Euch ein Beweis dessen sein, was ich behaupte.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Caderousse erstaunt.

»Ich will damit sagen, daß ich mich vor allem überzeugen muß, ob Ihr derjenige seid, den ich suche.«

»Was für Beweise wollen Sie denn von mir?«

»Kanntet Ihr im Jahre 1814 oder 1815 einen Seemann namens Dantes?«

»Dantes? Und ob ich ihn kannte, den armen Edmond! Er war sogar einer meiner besten Freunde!« rief Caderousse, dessen Antlitz sich purpurrot färbte, während der klare und feste Blick des Abbés sich zu erweitern schien, um den andern ganz und gar zu durchschauen.

»Ja, ich glaube, er hieß Edmond.«

»Ob er Edmond hieß, der Junge, glaub's gern, so wahr ich Gaspard Caderousse heiße; und was ist aus ihm geworden, gnädiger Herr, aus dem armen Edmond?« fuhr der Gastwirt fort, »hätten Sie ihn vielleicht gar gekannt? Ist er frei, glücklich?«

»Er starb als Gefangener, verzweifelter und elender als jene Zwangsarbeiter, die im Bagno von Toulon die Kugeln an den Füßen schleppen«, antwortete der Abbé. Tödliche Blässe folgte im Angesicht Caderousses auf die Röte, die es vordem überzogen. Er wandte sich um, und der Abbé sah ihn mit dem Tuche, das er am Kopfe trug, sich eine Träne aus dem Auge wischen.

»Armer Junge«, murmelte Caderousse vor sich hin. »Je nun, wieder ein Beweis dessen, was ich Ihnen sagte, Herr Abbé, daß der gute Gott nur für die Bösen gut sei. Ach,« fuhr Caderousse in der farbigen Sprache des Südländers fort, »in dieser Welt wird es immer ärger statt besser. So falle denn zwei Tage Pulver und eine Stunde lang Feuer vom Himmel nieder, und alles habe einmal ein Ende.«

»Ihr scheint den Jungen von ganzem Herzen zu lieben?« fragte der Abbé.

»Jawohl,« sprach Caderousse, »obgleich ich mir den Vorwurf machen muß, ihn eine Weile um sein Glück beneidet zu haben. Seitdem aber habe ich sein unglückliches Schicksal tief beklagt, auf Ehre, so wahr ich Caderousse heiße!« Einen Augenblick trat Stillschweigen ein, währenddessen der starre Blick des Abbés nicht eine Minute aufhörte, das bewegliche Gesicht des Gastwirts zu erforschen.

»Und Sie haben ihn gekannt, den armen Jungen?« fuhr Caderousse fort.

»Ich wurde an sein Sterbebett gerufen, um ihm die letzte Labung der Religion zu reichen«, antwortete der Abbé.

»Und woran starb er?« fragte Caderousse mit erstickter Stimme.

»Woran stirbt man im Gefängnis, wenn man im Alter von dreißig Jahren darin stirbt, wenn nicht am Gefängnis selbst?«

Caderousse wischte sich den Schweiß ab, der ihm von der Stirn rann.

»Was bei alledem das merkwürdigste war, ist, daß Dantes auf seinem Sterbebette mir bei Christus, dessen Füße er küßte, immer schwur, die wahrhafte Ursache seiner Gefangenschaft nicht zu wissen.«

»Wahr, wahr,« flüsterte Caderousse, »er konnte es nicht wissen, mein Herr Abbé, der arme Junge log nicht.«

»Daher kam es, daß er mich beauftragte, über sein Unglück Licht zu verbreiten, da er es nie zu tun imstande war, und sein Andenken wieder zu reinigen, wenn es irgendwo besudelt worden sein sollte.«

Und der Blick des Abbés, immer starrer und strenger werdend, verschlang beinahe den düstern Ausdruck, der das Angesicht Caderousses umzog.

»Ein reicher Engländer, sein Unglücksgenosse,« fuhr er fort, »der während der zweiten Restauration frei ward, war Besitzer eines Diamanten von großem Werte. Als er aus dem Gefängnis kam, wollte er Dantes, der ihn während einer Krankheit wie ein Bruder gepflegt hatte, einen Beweis der Dankbarkeit geben und ließ ihm diesen Diamanten. Anstatt sich dessen zu bedienen, um seine Gefängniswärter zu verführen, die ihm übrigens denselben wegnehmen und ihn vielleicht hätten verraten können, bewahrte ihn Dantes immer sorgfältigst für den Fall, daß er frei würde; denn wäre dies geschehen, so war sein Vermögen durch den Verkauf dieses einzigen Diamanten gesichert.«

»Es war also, wie Sie sagen, ein Diamant von bedeutendem Werte?« fragte Caderousse mit glühenden Blicken.

»Alles ist relativ,« versetzte der Abbé, »wenigstens außerordentlich wertvoll für Edmond; dieser Diamant ward auf fünfzigtausend Franken geschätzt.«

»Fünfzigtausend Franken!« sprach Caderousse. »Aber der muß ja so groß wie eine Nuß gewesen sein.«

»Nicht so ganz,« sprach der Abbé, »aber Sie können ihn selbst sehen, denn ich habe ihn bei mir.«

Caderousse schien in dessen Kleiderfalten das Besprochene zu suchen. Der Abbé zog aus seiner Tasche ein schwarzes Kästchen von Chagrin hervor und ließ in Caderousses geblendete Blicke das glitzernde Wunder funkeln, das in einen Ring von wundervoller Arbeit gefaßt war.

»Und das ist fünfzigtausend Franken wert?« fragte Caderousse gierig.

»Ohne die Fassung, die an und für sich schon einen gewissen Wert hat«, sprach der Abbé. Und er schloß das Kästchen und steckte den Diamant, der in den Tiefen von Caderousses Innerm fort und fort funkelte, wieder in die Tasche.

»Wie aber befinden Sie sich im Besitze dieses Diamanten, Herr Abbé?« fragte Caderousse. »Edmond setzte Sie also zu seinem Erben ein?«

»Nein, aber zu seinem Testamentsvollstrecker. ›Ich hatte drei gute Freunde und eine Verlobte‹, sprach Dantes zu mir; ›alle vier beweinen mich sehr, des bin ich gewiß; einer dieser guten Freunde hieß Caderousse.‹«

Caderousse bebte.

»›Der andere,‹« fuhr der Abbé fort, ohne scheinbar die Erregtheit Caderousses zu bemerken, »›der andere hieß Danglars; der dritte,‹« fügte er hinzu, » ›der dritte, obgleich mein Nebenbuhler, liebte mich ebenfalls...‹«

Teuflisches Grinsen durchzuckte das Antlitz Caderousses, der eine Bewegung machte, um den Abbé zu unterbrechen.

»Warten Sie,« sprach der Abbé, »lassen Sie mich zu Ende kommen, und wenn Sie irgendeine Bemerkung zu machen haben, so können Sie es mir hernach sagen. ›Der dritte, obgleich mein Nebenbuhler, liebte mich ebenfalls und hieß Fernando; was meine Verlobte betrifft, so hieß sie...‹, ich erinnere mich nicht mehr recht ihres Namens«, sprach der Abbé.

»Mercedes!« sprach Caderousse.

»Ach ja, das ist's,« sprach der Abbé mit ersticktem Seufzer, »Mercedes.«

»Nun, dann?« fragte Caderousse.

»Gebt mir ein Glas Wasser«, sprach der Abbé.

Caderousse beeilte sich, zu gehorchen. Der Abbé nahm das Glas und trank mehrere Züge.

»Also,« bemerkte er dann von neuem, das Glas auf den Tisch stellend, »die Verlobte hieß Mercedes; ja, ja, so hieß sie. ›Sie werden sich nach Marseille begeben...‹ Immer spricht Dantes, versteht mich gut.«

»Ganz wohl.«

»›Verkaufen diesen Diamant, teilen das Geld in fünf Teile und verteilen es unter diese guten Freunde, die einzigen, die mich im Leben geliebt haben.‹«

»Wie, fünf Teile, Sie haben mir nur vier Personen genannt.«

»Weil, wie man mir gesagt, die fünfte gestorben ist... die fünfte war Dantes' Vater.«

»Leider ja!« sprach Caderousse, von den Leidenschaften tief erregt, die auf ihn einstürmten, »leider ja, der arme Mann starb!«

»Dies habe ich in Marseille vernommen,« antwortete der Abbé, gleichgültig bleibend, »aber es ist schon so lange, daß ich gar keine einzelnen Erkundigungen einziehen konnte... Wüßten Sie vielleicht etwas von dem Tode dieses Greises?«

»Ei,« sprach Caderousse, »wer könnte das besser wissen als ich?... Ich wohnte Tür an Tür mit dem guten Alten... Du lieber Gott! Ja, kaum ein Jahr nach dem Verschwinden seines Sohnes starb er, der arme Greis!«

»Aber woran starb er?«

»Die Ärzte gaben der Krankheit einen Namen; ich glaube, er starb an einer Magenentzündung; seine Bekannten sagten, er sei vor Schmerz gestorben... Ich aber, der ich ihn sterben gesehen, sage, er starb...«

Caderousse stockte.

»Woran?« fragte der Priester angstergriffen.

»Je nun, vor Hunger starb er.«

»Vor Hunger!« rief der Abbé, von seinem Sitze auffahrend.

»Vor Hunger! Das gemeinste Tier stirbt nicht vor Hunger; Hunde auf der Straße finden eine mitleidige Hand, die ihnen ein Stück Brot hinwirft, und ein Mensch, ein Christ stirbt inmitten der andern Menschen, die wie er sich Christen nennen, vor Hunger! Unmöglich, oh, unmöglich!«

»Ich sage, was ich sage«, versetzte Caderousse.

»Und hast unrecht,« sprach eine Stimme auf der Stiege, »was geht das dich an?«

Die beiden Männer wandten sich um und sahen durch das Gitter der Brüstung das kränkliche Gesicht der Carconte; sie hatte sich bis dahin geschleppt und hörte, auf der letzten Stufe sitzend, mit auf die Knie gestütztem Kopfe dem Gespräche zu.

»Was geht's dich selber an, Weib?« sprach Caderousse. »Der gnädige Herr verlangt Auskunft, die Artigkeit erfordert, daß ich sie ihm gebe.«

»Ja, aber die Klugheit will, daß du sie ihm verweigerst. Wer sagt dir, in welcher Absicht man dich zum Reden bringen will, du Pinsel?«

»In ganz ehrlicher Absicht, meine Liebe, ich stehe Ihnen dafür«, sprach der Abbé. »Ihr Mann hat nichts zu fürchten, er rede nur freiweg.«

»Nichts zu fürchten... Mit schönen Versprechungen fängt man an, dann begnügt man sich, einem zu sagen, man habe nichts zu fürchten, dann geht man, ohne zu halten, was man versprochen, und an einem lichten Morgen kommt Unglück über die armen Leute, ohne daß sie wissen, wie und wann.«

»Seien Sie ruhig, gute Frau«, antwortete der Abbé. »Ich stehe Ihnen dafür, von meiner Seite soll Ihnen kein Unglück widerfahren.«

Die Carconte schmälte einige unvernehmbare Worte, ließ ihren eine Weile emporgerichteten Kopf auf die Knie zurücksinken und stellte ihrem Manne frei, das Gespräch fortzusetzen, verblieb aber in einer Stellung, in der sie kein Wort überhören konnte.

Währenddessen hatte der Abbé einige Züge Wasser getrunken und war wieder bereit.

»Aber«, versetzte er, »war denn dieser unglückliche Greis so weltverlassen, daß er eines solchen Todes starb?«

»Oh, gnädiger Herr,« versetzte Caderousse, »es war nicht, weil ihn vielleicht die Katalanerin Mercedes oder Herr Morrel verlassen haben, aber der arme Alte empfand einen tiefen Abscheu vor Fernando, demselben,« fuhr Caderousse mit ironischem Lächeln fort, »den Dantes Ihnen als seinen Freund nannte.«

»War er's denn nicht?« sprach der Abbé.

»Gaspard, Gaspard,« raunte das Weib von der Stiege herab, »gib acht, was du zu sagen hast!«

Caderousse machte ein Zeichen der Ungeduld, und ohne der, die ihn unterbrach, anderweitige Antwort zu geben, sprach er weiter zum Abbé: »Kann ich ein Freund dessen sein, der nach meinem Weibe Begehren trägt? Dantes, der ein Goldjunge war, nannte alle die Leute seine Freunde... Armer Edmond! Am Ende ist es besser, daß er nichts davon wußte; es wäre ihm zu schwer geworden, ihnen in der Stunde des Todes zu verzeihen. Und man sage darüber, was man wolle,« fuhr Caderousse in seiner Redeweise fort, der es nicht an einer Art rauher Poesie fehlte, »ich fürchte mich mehr vor dem Fluche der Toten als dem Hasse der Lebendigen.«

»Dummkopf!« sprach Carconte.

»Wißt Ihr denn,« sprach der Abbé weiter, »was Fernando Dantes getan hat?«

»Ob ich's weiß? Das will ich meinen!«

»So redet dann.«

»Gaspard, tue was du willst, du bist dein eigener Herr,« sprach das Weib, »wolltest du mir aber folgen, du würdest nichts sagen.«

»Diesmal, Weib, glaube ich, hast du recht«, sprach Caderousse.

»Also Ihr wollt nichts sagen?«

»Wozu!« sprach Caderousse. »Ja, wenn der Junge am Leben wäre und zu mir käme, und ein für allemal seine Freunde und Feinde kennenlernen möchte, sagte ich nicht nein; aber er liegt unter der Erde, wie Sie mir sagen, er kann nicht mehr hassen, er kann sich nimmer rächen, ersticken wir alles lieber.«

»Ihr wollt denn also,« sprach der Abbé, »ich soll jenen Leuten, die Ihr für unwürdige und falsche Freunde ausgebt, eine der Treue zugesprochene Belohnung zukommen lassen?«

»Wohl wahr, Sie haben recht«, sprach Caderousse. »Übrigens, was wäre jetzt das Vermächtnis des armen Edmond für sie? Ein Tropfen ins Meer.«

»Ohne zu rechnen, daß ihn diese Leute mit einem Winke vernichten können«, sprach das Weib.

»Wie das? Sind denn diese Leute reich und mächtig geworden?«

»Kennen Sie ihre Geschichte nicht?«

»Nein, erzählen Sie mir.«

Caderousse schien einen Augenblick zu sinnen.

»Nein, wahrhaftig, das wäre zu lang«, sprach er.

»Es steht Euch frei, zu schweigen, Freund,« sprach der Abbé im Tone größter Gleichgültigkeit, »und ich ehre Eure Skrupel; übrigens kommt das, was Ihr hier sagt, von ganz ehrlichem Herzen: reden wir also nicht mehr davon. Was war mein Auftrag? Ich werde also diesen Diamant verkaufen.«

Und wieder nahm er den Diamant hervor, öffnete das Kästchen und ließ ihn ein zweites Mal dem erstaunten Caderousse in die Augen funkeln.

»Komm doch her, Weib, und schau'«, sprach er mit rauher Stimme.

»Ein Diamant!« sprach die Carconte, aufstehend und ziemlich festen Schrittes von der Stiege herabkommend. »Was ist es denn mit diesem Diamanten?«

»Hast du's denn nicht gehört, Weib,« sprach Caderousse, »ein Diamant, den uns der Junge vermacht hat; erst seinem Vater, seinen Freunden Fernando, Danglars und mir, wie Mercedes, seiner Verlobten. Er ist fünfzigtausend Franken wert.«

»Oh, der schöne Stein!« sprach sie.

»Das Fünftel dieser Summe gehört dann uns?« sprach Caderousse.

»Ja,« sprach der Abbé, »um den Anteil von Dantes' Vater vermehrt, den ich unter euch vier zu verteilen mich ermächtigt glaube.«

»Und warum unter uns vier?« fragte Carconte.

»Weil ihr die vier Freunde Dantes' seid.«

»Verräter nennt man nicht Freunde«, sprach ihrerseits das Weib zwischen den Zähnen.

»Ja, ja,« sprach Caderousse, »das sage ich auch. Beinahe Entweihung, Schmach, Verrat, vielleicht gar Verbrechen zu belohnen.«

»Ihr wolltet es so,« versetzte der Abbé gelassen, den Diamant ruhig wieder in die Tasche seines Oberkleides steckend; »gebt mir jetzt die Adresse von Dantes' Freunden, damit ich seinen letzten Willen vollstrecke.«

In dicken Tropfen rann Caderousse der Schweiß von der Stirn; er sah den Abbé aufstehen, der Tür zuschreiten, als wolle er seinem Pferde einen auffordernden Blick zuwerfen, und wieder zurückkommen. Caderousse und sein Weib sahen einander mit unbeschreiblichem Ausdruck an.

»Der Diamant könnte ganz unser sein!« sprach Caderousse.

»Glaubst du?« antwortete das Weib.

»Ein Geistlicher wird uns nicht verführen wollen.«

»Tu, was du willst«, sprach das Weib. »Was mich betrifft, ich misch' mich nicht hinein.«

Und ganz von Frost durchschauert, stieg sie wieder die Treppe hinauf. Ungeachtet der glühenden Hitze klapperten ihre Zähne. Auf der letzten Stufe stand sie einen Augenblick still und sprach:

»Bedenke wohl, Gaspard!«

»Mein Entschluß ist gefaßt«, antwortete Caderousse. Die Carconte kehrte seufzend in ihr Zimmer zurück; man hörte die Zimmerdecke unter ihren Schritten knarren, bis sie ihren Lehnstuhl erreicht hatte, wo sie schwerfällig auf den Sitz sank.

»Was ist Euer Entschluß?« fragte der Abbé.

»Ihnen alles zu sagen.«

»Ich meine wahrhaftig, daß es das beste sei, was Ihr tun könnt,« sprach der Priester; »nicht, daß ich etwa Gewicht darauf lege, zu erfahren, was Ihr mir verbergen wollt; wenn Ihr mich aber dahin leiten wollt, das Vermächtnis dem Willen des Testators gemäß zu verteilen, so wird es besser sein.«

»Ich hoffe«, antwortete Caderousse, die Wangen von der Röte der Hoffnung und Habgier entflammt.

»Ich höre Euch«, sprach der Abbé.

»Geduld,« versetzte Caderousse, »man möchte uns bei den interessantesten Stellen unterbrechen, und dies wäre unangenehm; übrigens ist es nicht nötig, daß jemand von Ihrer Anwesenheit etwas erfährt.«

Und er ging zur Gasthofstür, die er verschloß, und die er noch aus größerer Vorsicht mit dem Riegel verrammelte. Währenddessen hatte der Abbé seinen Platz gewählt, um bequem hören zu können; er hatte sich derart in einen Winkel gesetzt, daß er im Schatten blieb, während das volle Tageslicht auf das Angesicht des Erzählers fiel. Er selbst aber bereitete sich vor, mit hinabgebeugtem Haupte, gefalteten oder vielmehr krampfhaft ineinandergeflochtenen Händen mit Aug' und Ohr zuzuhören. Caderousse trug eine Bank her und setzte sich ihm gegenüber.

»Denk' daran, daß ich dich zu nichts dränge«, sprach die klappernde Stimme der Carconte, als hätte sie durch den Fußboden die Szene sehen können, die sich vorbereitete.

»Schon recht, schon recht.« sprach Caderousse; »reden wir hierüber nichts mehr, ich nehme alles auf mich.«

Und er begann.

»Vor allem«, sprach Caderousse, »müssen Sie mir, gnädiger Herr, eines versprechen.«

»Was?« fragte der Abbé.

»Daß man niemals, wenn Sie irgendeinen Gebrauch von den Nachrichten machen, die ich Ihnen geben werde, erfahre, daß sie von mir herrühren; denn jene, von denen ich Ihnen erzählen werde, sind reich und mächtig, und berührten sie mich auch nur mit der Fingerspitze, sie zerbrächen mich wie Glas.«

»Seid ruhig, Freund!« sprach der Abbé. »Ich bin Priester, und Bekenntnisse sterben in meinem Busen; bedenkt, daß wir keinen andern Zweck haben, als den letzten Willen unseres Freundes würdig zu vollziehen; sprecht denn ohne Scheu wie ohne Haß, sagt die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange, die Personen, von denen Ihr mir erzählen werdet, kenne ich nicht und werde sie vermutlich nie kennenlernen; übrigens bin ich ein Italiener und kein Franzose, bin ein Diener Gottes und nicht der Menschen und werde mich in mein Kloster zurückbegeben, das ich nur verließ, um den letzten Willen eines Sterbenden zu vollziehen.«

Diese bestimmte Versprechung schien Caderousse einigermaßen Zuversicht zu verleihen.

»Je nun, wenn's so ist,« sprach Caderousse, »so will ich, so sage ich sogar mehr: Ich muß Ihnen über jene Freundschaften, die der arme Edmond für aufrichtig und hingebend hielt, die Augen öffnen.«

»Beginnen wir denn mit seinem Vater, wenn es Euch gefällt«, sprach der Abbé. »Edmond sprach viel von diesem Greise mit mir, für den er tiefwurzelnde Liebe empfand.«

»Die Geschichte ist traurig, gnädiger Herr«, sprach Caderousse, den Kopf schüttelnd. »Sie kennen ihren Anfang vermutlich schon?«

»Ja,« antwortete der Abbé, »Edmond hat mir alles bis auf den Augenblick erzählt, wo er in einem kleinen Gasthaus bei Marseille verhaftet wurde.«

»Zur Reserve, o mein Gott, ja, ich sehe es noch, als wenn ich dabeistünde.«

»War es nicht während des Verlobungsschmauses selbst?«

»Ja, und der Schmaus, der einen frohen Anfang hatte, nahm ein trauriges Ende. Ein Polizeikommissar, von vier Wachen begleitet, trat ein, und Dantes wurde verhaftet.«

»Bis hierher reicht alles, was ich hierüber weiß; Dantes selbst wußte nicht mehr, als was ihn persönlich betraf, denn er sah weder mehr eine von den fünf Personen, die ich Euch genannt habe, noch hörte er etwas von ihnen.«

»Je nun, wie Dantes einmal verhaftet war, beeilte sich Herr Morrel, Erkundigungen einzuziehen. Diese lauteten wohl sehr traurig, der Greis kehrte allein nach Hause zurück, legte weinend sein Hochzeitsgewand zusammen, verbrachte den ganzen Tag, indem er im Zimmer auf und ab schritt, und legte sich des Abends nicht zu Bett, denn ich wohnte unter ihm und hörte ihn die ganze Nacht auf und nieder gehen. Auf Ehre, ich selber schlief auch nicht; dieses armen Vaters Schmerz tat mir sehr weh, und jeder seiner Tritte zermalmte mir das Herz, als hätte er wirklich seinen Fuß auf meine Brust gesetzt. Am andern Morgen kam Mercedes nach Marseille, um die Verwendung des Herrn von Villefort zu erflehen; sie erreichte nichts; aber zu gleicher Zeit ging sie, dem Greise einen Besuch zu machen; als sie ihn so düster und niedergeschlagen sah und bemerkte, daß er die ganze Nacht, ohne sich ins Bett zu legen, zugebracht und seit dem Vorabend nichts gegessen hatte, wollte sie ihn mit sich fortführen, um ihn zu hegen und zu pflegen, aber der Greis wollte sich nicht hierzu herbeilassen. ›Nein,‹ sprach er, ›ich will das Haus nicht verlassen, denn mich liebt mein armes Kind vor allen am meisten, und wenn er frei wird, so bin ich es, zu dem er zuerst kommen wird. Was würde er sagen, wenn ich nicht hier wäre, seiner harrend?‹ Alles dies hörte ich von meinem Zimmer aus, denn ich hätte gern gewollt, Mercedes möchte den Greis bewegen, mit ihr zu gehen. Dieser Tag und Nacht über meinem Haupte knarrende Tritt ließ mir keinen Augenblick Ruhe.«

»Gingt Ihr denn nicht selbst zum Alten hinauf, um ihn zu trösten?«

»Ach, gnädiger Herr!« antwortete Caderousse, »trösten kann man nur jene, die getröstet sein wollen, und er wollte es nicht sein. Übrigens, ich weiß nicht warum, aber mir kam es vor, als wäre ihm mein Anblick zuwider. Nachts einmal konnte ich indessen, als ich ihn weinen hörte, nicht umhin und ging hinauf; aber als ich an die Tür kam, schluchzte er nicht mehr, er betete. Ich kann es Ihnen nicht wiederholen, gnädiger Herr, was er für beredte Worte und flehende Bitten hatte, es war mehr als Frömmigkeit, es war mehr als Schmerz; auch dachte ich mir, ich, der ich kein Scheinheiliger bin und Frömmelei eben nicht liebe, ich dachte mir damals: Wahrhaftig ein Glück, daß ich allein bin und mir der gute Gott keine Kinder geschenkt hat; denn wäre ich Vater und litt ich einen dem des armen Greises ähnlichen Schmerz, ich ging geradeswegs und stürzte mich ins Meer, um nicht so lange leiden zu müssen, denn ich fände in meinem Kopf und Herzen nicht alles das, was er dem Herrgott sagte.«

»Armer Vater!« flüsterte der Priester.

»Von Tag zu Tag lebte er verlassener und einsamer. Oft kamen Herr Morrel und Mercedes auf Besuch zu ihm, aber seine Tür war versperrt, und er antwortete nicht, obgleich ich ganz gewiß wußte, daß er zu Hause war; einmal empfing er gegen seine Gewohnheit Mercedes, und als das arme Kind, selber in Verzweiflung, ihn aufzurichten suchte, sprach er zu ihr: ›Tochter, glaube mir, er ist tot, und anstatt daß wir ihn erwarten, erwartet er uns... Ich bin wohl glücklich, daß ich der Ältere bin und ihn folglich zuerst sehen werde...‹ Sehen Sie, man mag gut sein, wie man will, man hört bald auf, Leute zu besuchen, die uns traurig machen; am Ende blieb der alte Dantes immer allein. Seitdem sah ich nur mehr unbekannte Leute von Zeit zu Zeit zu ihm kommen, die mit irgendeinem schlecht versteckten Päckchen fortgingen; nun weiß ich es, was diese Päckchen enthielten: nach und nach verkaufte er, was er besaß, um davon zu leben. Endlich war der gute Alte mit seinen Lappen fertig... er war drei Zinse schuldig, man drohte, ihn aus dem Hause zu jagen, er bat noch um acht Tage, man gestand sie ihm zu, ich weiß diese Einzelheiten, weil der Hausherr, als er von ihm wegging, zu mir kam. Während der ersten drei Tage hörte ich ihn wie gewöhnlich auf und ab schreiten, am vierten Tage hörte ich aber nichts mehr. Ich schlich mich hinauf, die Tür war verschlossen, aber durch das Schlüsselloch sah ich ihn so bleich und entstellt, daß ich ihn für sehr krank hielt und Herrn Morrel davon benachrichtigen ließ und zu Mercedes lief. Beide beeilten sich, zu kommen, Herr Morrel brachte einen Arzt mit. Der Arzt erklärte die Krankheit für ein Magenfieber und verordnete Diät, ich stand dabei, Herr, und werde das Lächeln des Greises bei dieser Verordnung nie vergessen. Von dieser Zeit an ließ er seine Tür offen, er hatte ja eine Entschuldigung, nichts zu essen, der Arzt verordnete ihm Diät.«

Der Abbé stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Nicht wahr, gnädiger Herr, diese Geschichte geht Ihnen zu Herzen?« sprach Caderousse.

»Ja.« antwortete der Abbé, »so ist's.«

»Mercedes kam zurück; sie fand ihn so verändert, daß sie ihn wie zum ersten Male zu sich bringen lassen wollte. Dieser Meinung war auch Herr Morrel, der die Übersiedlung mit Gewalt bewerkstelligen wollte, aber der Greis schrie auf eine Art, daß sie Furcht bekamen. Mercedes blieb an seinem Lager, Herr Morrel entfernte sich, der Katalanerin winkend, er habe auf dem Kamine eine Börse gelassen; aber die Vorschrift des Arztes vorschützend, wollte der Greis nichts zu sich nehmen. Nach neun Tagen endlich, nach neun Tagen der Verzweiflung und des Hungers, gab der Greis, denen, die ihn unglücklich gemacht hatten, fluchend, seinen Geist auf und sprach zu Mercedes die Worte: ›Wenn Sie meinen Edmond sehen, sagen Sie ihm, daß ich sterbe, indem ich ihn segne.‹ «

Der Abbé stand auf, und die eine Hand knirschend an die beklemmte Kehle pressend, ging er zweimal im Zimmer auf und nieder.

»Und Ihr glaubt, daß sein Tod ...?«

»Hunger war... gnädiger Herr, Hunger,« sprach Caderousse, »dafür stehe ich, so wahr, als wir hier zwei Christen sind.«

Der Abbé ergriff mit krampfhaft bewegter Hand das mit Wasser gefüllte Glas, leerte es mit einem Zuge und setzte sich mit geröteten Blicken und bleichen Wangen nieder. »Gesteht, daß das ein großes Unglück ist«, sprach er mit rauher Stimme.

»Um so größer, gnädiger Herr, da Gott nichts dafür kann und die Menschen alles.«

»Gehen wir also auf diese Menschen über,« sprach der Abbé, »aber bedenkt wohl,« fuhr er in beinahe drohendem Tone fort, »Ihr habt Euch verbindlich gemacht, mir alles zu erzählen; laßt hören: welche Menschen sind es, die den Sohn vor Verzweiflung, den Vater vor Hunger sterben ließen?«

»Zwei Männer, gnädiger Herr, die mit Dantes eiferten, der eine aus Liebe, der andere aus Ehrgeiz, Fernando und Danglars.«

»Und was waren die Folgen dieser Eifersucht?«

»Sie klagten Edmond als bonapartistischen Agenten an.«

»Welcher von beiden aber klagte ihn an, welcher von ihnen war der wirklich Schuldige?«

»Beide, gnädiger Herr, der eine schrieb den Brief, der andere gab ihn auf die Post.«

»Und wo ward dieser Brief geschrieben?«

»In der ›Reserve‹ selbst, am Vorabend der Vermählung.«

»So war's wahrhaftig, wahrhaftig so war es«, flüsterte der Abbé. »O Faria; Faria; wie kanntest du die Menschen und die Dinge!«

»Sie meinen, gnädiger Herr?« fragte Caderousse.

»Nichts,« versetzte der Priester, »weiter.«

»Danglars schrieb die Anklage mit der linken Hand, damit man seine Schrift nicht erkennen konnte, und Fernando gab sie ab.«

»Aber Ihr waret ja dabei!« rief der Abbé plötzlich.

»Ich,« sprach Caderousse erstaunt, »wer hat Ihnen gesagt, daß ich dabei war?«

Der Abbé sah, daß er sich zu weit eingelassen habe, und sprach:

»Niemand, aber um von diesen Einzelheiten so wohl unterrichtet zu sein, mußtet Ihr Zeuge davon gewesen sein.«

»Ja, fürwahr, ich war dabei«, sprach Caderousse mit erstickter Stimme.

»Und habt Ihr Euch einer solchen Niederträchtigkeit nicht widersetzt?« sprach der Abbé. »Dann seid Ihr ein Mitschuldiger.«

»Herr,« sprach Caderousse, »sie gaben mir beide so viel zu trinken, daß ich darüber beinahe den Kopf verlor, alles, was ich sah, war wie von einer Nebelwolke verschleiert; ich brachte alles vor, was ein Mensch in einem solchen Zustande vorbringen kann, aber sie antworteten beide, es sei nur ein Spaß, den sie sich vorgenommen, und würde keine Folgen haben.«

»Am andern Tage saht Ihr aber wohl, daß er eine Folge hatte; dennoch sagtet Ihr nichts. Ihr waret dabei, als er verhaftet wurde?«

»Ja, Herr, ich war dabei und wollte reden, wollte alles sagen, aber Danglars hielt mich zurück und sprach zu mir: ›Und wenn er zufälligerweise schuldig ist, wenn er wirklich in Elba gelandet ist, wenn er wirklich mit einem Briefe an das bonapartistische Komitee in Paris beauftragt ist, wenn man diesen Brief bei ihm findet, so wird man jene, die ihn verteidigen, für seine Mitschuldigen halten.‹ Ich fürchte mich vor der Politik, wie sie damals gehandhabt wurde. Ich gestehe es, ich schwieg, es war eine Feigheit, ich gebe es zu, aber es war kein Verbrechen.«

»Ich verstehe, Ihr ließet bloß geschehen, nichts weiter.«

»Ja, gnädiger Herr,« antwortete Caderousse, »und das plagt mich Tag und Nacht; ich schwöre Ihnen, oft flehe ich um Verzeihung zu Gott, um so mehr, da diese Handlung, die einzige, die ich im Laufe meines ganzen Lebens mir vorzuwerfen habe, zweifelsohne die Ursache meines Unglücks ist – ich büße dafür, daß ich einen Augenblick selbstsüchtig war; auch sage ich immer zur Carconte, wenn sie sich beklagt: ›Schweig', Weib, Gott will es nicht anders.‹«

Und Caderousse ließ mit allen Anzeichen wahrhafter Reue sein Haupt sinken.

»Gut,« sprach der Abbé, »Ihr habt frei gesprochen; sich selbst so der Schuld zeihen, heißt Verzeihung verdienen.«

»Unglücklicherweise ist Edmond gestorben, und er hat mir nicht verziehen«, sprach Caderousse.

»Er wußte es nicht«, sprach der Abbé.

»Aber jetzt weiß er es vielleicht«, versetzte Caderousse. »Man sagt, die Toten wissen alles.«

Es trat ein augenblickliches Schweigen ein; der Abbé war aufgestanden und ging sinnend im Zimmer umher, kam auf seinen Platz zurück und setzte sich nieder.

»Ihr habt mir schon zwei- bis dreimal einen gewissen Herrn Morrel genannt,« sprach er, »wer war dieser Mann?«

»Er war Kaufherr des ›Pharaon‹, Patron des Dantes.«

»Und welche Rolle spielte dieser Mann im Verlaufe dieser traurigen Sache?«

»Die Rolle eines ehrenhaften, wackern und liebevollen Mannes, Herr! Zwanzigmal bat er für Edmond; als der Kaiser zurückkehrte, schrieb er, drohte er dermaßen, daß er bei der zweiten Restauration heftig als Bonapartist verfolgt wurde; wie gesagt, zehnmal kam er zu Dantes' Vater, und wie ich es Ihnen wieder gesagt habe, ließ er am letzten oder vorletzten Tage vor seinem Tode auf dem Kamin eine Börse zurück, mit der man die Schulden des guten Alten bezahlte und sein Begräbnis bestritt, so daß der arme Greis wenigstens sterben konnte, wie er gelebt, ohne daß jemand zu Schaden kam. Ich habe noch diese Börse, eine große, rot genetzte Börse.«

»Und lebt dieser Morrel noch?« fragte der Abbé.

»Ja«, sprach Caderousse.

»Wenn dem so ist,« versetzte der Abbé, »so muß er ein gottgesegneter Mann sein, reich, glücklich?«

Caderousse lächelte bitter.

»Ja, glücklich wie ich«, sprach er.

»Wie? Herr Morrel wäre unglücklich?« rief der Abbé.

»Dem Elende nahe, Herr, und was noch mehr ist, der Schande.«

»Wie das?«

»Ja,« versetzte Caderousse. »es ist dem so. Nach fünfundzwanzig Jahren der Mühe, nachdem Herr Morrel den ehrenhaftesten Platz im Handel von Marseille eingenommen, ist er nun völlig zugrunde gerichtet. In zwei Jahren hat er fünf Schiffe verloren, drei Bankrotte erlebt und jetzt keine Hoffnung mehr, als denselben ›Pharaon‹, den der arme Dantes kommandierte, und der mit Cochenille und Indigo befrachtet aus Indien zurückkommen soll; wenn's diesem Schiffe so geht wie den andern, so ist er verloren.«

»Und hat der Unglückliche Weib und Kinder?« sprach der Abbé.

»Ja, er hat eine Frau, die sich bei alledem wie eine Heilige benimmt; er hat eine Tochter, die einen Mann heiraten soll, der sie liebt, den aber seine Familie ein zugrunde gerichtetes Mädchen nicht heiraten lassen will; endlich hat er einen Sohn, Leutnant in der Armee; aber Sie begreifen wohl, das alles verdoppelt den Schmerz des armen, lieben Mannes, anstatt ihn zu lindern. Wäre er allein, er jagte sich eine Kugel durch den Kopf, und alles wäre aus.«

»Gräßlich!« flüsterte der Priester.

»So belohnt Gott die Tugend, Herr!« sprach Caderousse.

»Sehen Sie, ich, der nie eine böse Handlung verübte, das ungerechnet, was ich Ihnen erzählt, bin elend; ich werde, wenn ich mein armes Weib am Fieber, wider das ich nichts tun kann, habe sterben sehen, selbst vor Hunger sterben, wie Dantes' Vater starb, während Fernando und Danglars sich im Golde wälzen.«

»Und wie das?«

»Weil ihnen alles gelang, während ehrlichen Leuten alles mißlingt.«

»Was ist aus dem Hauptverräter, Danglars, geworden?«

»Den schlimmsten Halunken geht's immer am besten, Herr. Er verließ Marseille auf die Empfehlung des Herrn Morrel, der von seinem Verbrechen nichts wußte, und trat bei einem spanischen Bankier als Rechnungskommis in Dienst; zur Zeit des Krieges in Spanien übernahm er einen Teil der Lieferungen für die französische Armee und machte sein Glück. Dann legte er dieses Geld auf Leibrenten an und vervierfachte sein Kapital, und selber Witwer der Tochter seines Bankiers, heiratete er wieder eine Witwe, die Frau von Nargonne, Tochter des Herrn von Servieuz, Kammerherrn des jetzigen Königs, der in höchster Gunst steht; er machte sich zum Millionär, man machte ihn zum Baron, so daß er jetzt Baron Danglars ist, daß er in der Rue Montblanc ein Hotel, zehn Pferde in seinen Ställen, sechs Lakaien in seinem Vorzimmer und ich weiß nicht wieviel Millionen in seinem Kasten hat.«

»Ach!« rief der Abbé mit seltsamer Betonung. »Und Fernando?«

»Dem geht's noch besser als Danglars.«

»Erzählt Ihr mir da ein Märchen?«

»Freilich sieht's so aus, doch hören Sie. Einige Tage vor Dantes' Rückkehr war Fernando der Konskription verfallen. Die Bourbonen ließen ihn ruhig bei seinen Katalanern; Napoleon aber kehrte zurück, außerordentliche Aushebungen fanden statt, und Fernando mußte fort. Er wurde in die aktiven Truppen eingereiht, kam mit seinem Regiment an die Grenze und wohnte der Schlacht bei Ligny bei. In der Nacht, die auf die Schlacht folgte, stand er als Schildwache vor der Tür eines Generals, der geheime Beziehungen zu dem Feinde hatte. In derselben Nacht sollte der General zu den Engländern stoßen; er tat Fernando den Vorschlag, ihn zu begleiten, dieser nahm es an, verließ seinen Posten und folgte dem General. Was Fernando, wenn Napoleon auf dem Thron geblieben wäre, vor ein Kriegsgericht gestellt hätte, war in den Augen der Bourbonen ein Verdienst; er kehrte als Unterleutnant nach Frankreich zurück, und da ihn die Protektion des Generals, der in hohen Gunsten steht, nicht verließ, so ward er im Jahre 1823 zur Zeit des spanischen Krieges Kapitän, gerade als Danglars seine ersten Spekulationen machte; Fernando war Spanier, er wurde nach Madrid gesandt, um die Gesinnung seiner Landsleute auszukundschaften. Er fand Danglars, kam mit ihm überein, versprach seinem General Hilfe unter den Royalisten der Hauptstadt und der Provinzen, erhielt Zusagen, ging seinerseits Verbindungen ein, führte sein Regiment auf ihm allein bekannten Wegen in von Royalisten bewachten Schluchten und leistete endlich während dieses kurzen Feldzuges solche Dienste, daß er zum Obersten ernannt wurde und das Offizierkreuz der Ehrenlegion mit dem Barontitel erhielt.«

»O Schicksal! Schicksal!« flüsterte der Abbé.

»Ja, aber hören Sie nur, das ist noch nicht alles. Der spanische Krieg war zu Ende; Fernandos Laufbahn sah sich durch den langen Frieden, der in Europa zu herrschen begann, gehemmt; Griechenland allein war gegen die Türkei aufgestanden und begann soeben seinen Freiheitskampf. Fernando erhielt die Erlaubnis, in griechische Dienste zu treten, indem er nichtsdestoweniger auf den Kontrollisten der Armee stehenblieb. Kurze Zeit darauf hörte man, daß der Baron Morcerf, diesen Namen trug er, mit dem Range eines Instruktionsgenerals in die Dienste Ali Paschas getreten sei. Ali Pascha starb, wie Sie wissen; bevor er aber starb, belohnte er Fernandos Dienste, indem er ihm eine bedeutende Summe hinterließ, mit der Fernando nach Frankreich zurückkehrte, wo er in seinem Range als Generalleutnant bestätigt wurde.«

»Also, daß er heutzutage...« fragte der Abbé.

»Daß er heutzutage«, fuhr Caderousse fort, »Graf, Deputierter ist und ein herrliches Hotel in der Rue de Helder Nummer 27 bewohnt.«

Der Abbé tat den Mund auf und verharrte einige Zeit lang wie ein Mensch, der zaudert; aber sich überwindend, fragte er: »Und Mercedes? Man hat mir versichert, sie sei verschwunden?«

»Verschwunden wie die Sonne am Abend, um am andern Morgen um so heller aufzugehen«, sprach Caderousse. »Mercedes ist eine der größten Damen von Paris. Anfangs hat sie namenlos gelitten. Da traf sie in ihrer Verzweiflung ein neuer Schmerz, es war Fernandos Abreise, dessen Verbrechen ihr unbekannt und dem sie wie einem Bruder zugetan war. Fernando war fort, Mercedes blieb allein. Drei Monate verrannen in Tränen für sie; keine Kunde von Edmond, keine Kunde von Fernando, nichts vor den Augen als den Greis, der in Verzweiflung schmachtend dahinstarb. Eines Abends, nachdem sie sich tagüber müde geweint, tat sich die Tür auf, und der Unterleutnant Fernando erschien. Mercedes ergriff freudestrahlend seine Hände. Er nahm diese Freude für Liebe. Als er das erstemal ging, sprach er ihr nicht von Liebe. Jetzt dünkte es ihn an der Zeit. Mercedes bat ihn um sechs Monate Frist, und nach Ablauf der Zeit fand ihre Trauung in der Accoulerkirche statt.«

»Es war dieselbe Kirche, in der sie mit Edmond getraut werden sollte; nur den Bräutigam hatte man gewechselt«, sagte der Abbé voll Bitterkeit.

»Mercedes heiratete also, doch ihr Herz blieb leer. Fernando war glücklich in ihrem Besitz, doch ruhelos. Stets befürchtete er Dantes' Rückkehr. Um Mercedes allen Erinnerungen zu entreißen, zog er fort von hier.«

»Habt Ihr Mercedes wiedergesehen?« fragte der Priester.

»Ja. Zur Zeit des spanischen Krieges in Perpignan, wo sie Fernando zurückgelassen; sie widmete sich damals ganz der Erziehung ihres einzigen Sohnes.«

»Sie – die Fischerstochter ...?«

»Oh, sie war ein kluges Mädel und hat nie aufgehört, ihr Wissen zu vermehren. Dennoch weiß ich, daß sie nicht glücklich ist.«

Der Abbé seufzte schwer.

»Und Herr von Villefort?« fragte er dann.

»Von dem weiß ich nur, daß er bald nach Edmonds Verhaftung geheiratet hat und fortgezogen ist. Sicher geht's ihm gut, wie den andern Schurken. Nur auf mir ruht Gottes Zorn.«

»Ihr irrt. Gottes Mühlen mahlen langsam. Seht hier den Diamant! Er gehört Euch.«

Caderousse fuhr zurück: »Herr – treibt nicht Spott mit mir armen Mann.«

»Das liegt mir fern,« sagte der Abbé ernst, »wenn mir auch graut vor den Menschen, die einander soviel Böses tun. Nehmt den Stein als letzten Gruß des armen Dantes; Ihr meintet es wohl am wenigsten böse mit ihm. Doch eine kleine Gegenleistung erbitte ich dafür: gebt mir die alte rotseidene Börse des Herrn Morrel.«

Caderousse ging, beinahe verstört vor Überraschung, Freude, Schamgefühl, um das Gewünschte zu holen. Als er wiederkam, saß der Abbé schon zu Pferde und ritt eiligst davon, um den überschwenglichen Herzensergüssen und Danksagungen des Gastwirtes zu entgehen.

Kaum war der Abbé fort, als das Weib hinter der Tür hervorstürzte und nach dem Diamanten griff. »Fünfzigtausend Franken ... das ist Geld, das ist Geld! Aber noch kein Vermögen.«


Am nächsten Tag sah man einen vornehm gekleideten Engländer nach der Nouailles-Straße gehen, wo der Gefängnisinspektor Herr von Boville wohnte. Herr von Boville war zu Hause und empfing den Fremden. Dieser begann also:

»Mein Herr, ich komme im Auftrage des Hauses Thomson & French in Rom. Seit langem sind wir in Verbindung mit Morrel & Sohn und haben viel Geld dort stehen. Man sandte mich aus, um Erkundigungen einzuziehen. Der Maire der Stadt wies mich an Sie.«

»O Verehrtester,« rief Herr von Boville, »Ihre Besorgnis ist nur allzu begründet. Ich selbst habe zweihunderttausend Franken bei dem Hause angelegt. Diese sollten in zwei Raten abgezahlt werden. Da war nun vor einer Viertelstunde Herr Morrel hier, um mir zu sagen, daß, wenn sein Schiff, der ›Pharaon‹, nicht bis zum 15. einliefe, er ganz außerstande wäre, die Zahlungen zu leisten.«

»Ich kann begreifen, daß Ihnen um diese Schuldforderung bange ist.«

»Sie ist für mich verloren.«

»Gut – so verkaufen Sie sie mir für eine Gefälligkeit, die ich von Ihnen erbitte.«

Herr Boville sah den Engländer verwundert an. Als dieser jedoch die Brieftasche zog, die mit Wertscheinen gespickt war, beeilte er sich, zu sagen: »O bitte, stehe gern zu Diensten.«

»Also: ich ward zu Rom von einem armen Teufel, dem Abbé Faria, erzogen, der plötzlich verschwand. Es hieß, er werde in Schloß If gefangengehalten. Ich wüßte gern Näheres über ihn.«

»Ach – der alte Abbé, der Narr«, sagte Herr Boville. »Ja – der ist seit sechs Monaten verstorben – – – und sein Tod führte zu einer ganz merkwürdigen Entdeckung.«

»Darf man wissen ...?« fragte der Engländer.

»O – warum nicht?« Und Herr Boville erzählte von einem äußerst gefährlichen Verbrecher, der es gewagt, bis zur Zelle des Abbé hin einen fünfzig Fuß langen Gang zu graben, um zu entkommen, und wie schließlich seine Freiheitsgelüste im Meere ertränkt wurden.

»Mein armer Abbé«, sagte der Engländer. »Sie haben aber sicher Akten darüber; würden Sie mir wohl gestatten, sie einmal durchzusehen?«

Boville, der nur an die Rettung seiner zweihunderttausend Franken dachte, sprang eilfertig auf: »Bitte, folgen Sie mir in mein Dienstzimmer.« Hier nötigte er den Engländer in seinen Schreibtischsessel, legte ihm einen Stoß Akten vor und ließ ihm Muße, alles in Ruhe zu durchblättern während er selber Zeitungen las.

Leicht fand der Engländer die auf den Abbé Faria bezüglichen Akten, dann aber blätterte er fort, bis er zu Edmond Dantes kam. Hier fand er alles: die Anklage, das Verhör, Morrels Gesuch, Herrn von Villeforts Anmerkungen. Vorsichtig kniff er die Denunziation zusammen und steckte sie in die Tasche, las das Verhör und sah, daß der Name Noirtier nicht darauf stand, durchlief das Gesuch mit dem Datum vom 10. April 1815, worin Morrel nach dem Rat des Substituten in bester Absicht die der kaiserlichen Sache geleisteten Dienste des Edmond Dantes rühmte – denn damals herrschte Napoleon –, Dienste, die das Zeugnis Villeforts unleugbar machte. Da durchschaute er alles. Diese an Napoleon gerichtete, von Villefort aufbewahrte Bittschrift war in den Händen des königlichen Prokurators zur schrecklichen Waffe geworden zur Zeit der zweiten Restauration. Nichts überraschte ihn mehr als eine seinem Namen beigefügt Note: »Edmond Dantes, wütender Bonapartist, nahm tätigen Anteil an Napoleons Zurückkunft von der Insel Elba. Mit größter Vorsicht und in engster Haft zu halten.« Unter diesen Zeilen stand mit anderer Schrift geschrieben: »Vidi die obige Note, nichts zu machen.«

Der Engländer prüfte die Akten genau und verglich auch die einzelnen Handschriften. Dann klappte er die Mappe zu: »Vielen Dank! Ich bin vollkommen orientiert. Doch jetzt will ich mein Wort einlösen. Geben Sie mir einen einfachen Schein, führen Sie darin an, den Betrag richtig erhalten zu haben, und ich zahle Ihnen die Summe aus.« Er räumte Herrn von Boville den Platz am Schreibtisch ein, der sich beeilte, den verlangten Schein auszustellen, während der Engländer die Banknoten auf die Platte des Schreibtisches legte.


Bald darauf ließ sich der Abgesandte des Hauses Thomson & French aus Rom bei Herrn Morrel melden. Herr Morrel kam dem Fremden entgegen, und dieser betrachtete den gütigen Mann mit offenbarer Teilnahme. Was hatten Kummer und Sorgen aus ihm gemacht!

»Sie kommen vom Hause Thomson & French?« sagte Morrel.

»Zu dienen, mein Herr. Im Laufe dieses und des künftigen Monats hat das Haus Thomson & French drei- oder vierhunderttausend Franken in Frankreich zu zahlen, und Ihre Gewissenhaftigkeit kennend, hat es alle mit Ihrem Siegel gestempelten Papiere zusammengefaßt und mich beauftragt, ich solle jedesmal, so oft diese Papiere fällig wären, die Fonds bei Ihnen erheben und verwenden.«

Morrel stieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr mit der Hand über seine schweißbedeckte Stirn.

»Wie hoch ist die ganze Summe?« fragte Morrel mit einer Stimme, der er festen Ton zu verleihen suchte.

»Hier ist zuerst«, sprach der Engländer, »ein Übertragungsschein auf zweihunderttausend Franken, an unser Haus lautend, von Herrn von Boville, des Gefängnisverwalters. Dann sind hier zweiunddreißigtausend Franken von Ihnen signierte Wechsel, die fällig sind und uns durch Unterhändler zukamen. Ferner Beträge, die uns Haus Pascal und Haus Wild & Thurner von Marseille übertragen haben, beiläufig fünfundfünfzigtausend Franken, alles zusammengenommen zweihundertsiebenundachtzigtausend Franken.«

Was der unglückliche Morrel während dieser Aufzählung litt, ist unbeschreiblich.

»Herr Morrel,« fragte der Fremde leise, »werden Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen können?«

Bei dieser fast rohen Frage wurde Morrel kreidebleich.

»Mein Herr,« sprach er, »bis jetzt wurde noch kein von Morrel & Sohn signierter Wechsel bei unserer Kasse vorgelegt, ohne bezahlt zu werden.«

»Ich weiß das, ja, ich weiß das,« antwortete der Engländer, »aber als Ehrenmann: werden Sie diese hier ebenso pünktlich bezahlen können?«

»Mit solcher Freimütigkeit gestellte Fragen müssen ebenso freimütig beantwortet werden. Ja, mein Herr, wenn, wie ich hoffe, mein Schiff glücklich einläuft, so werde ich bezahlen, denn seine Ankunft wird mir den Kredit wieder verschaffen, den eine Reihe von Unglücksfällen mir geraubt; wenn aber unglücklicherweise der ›Pharaon‹, diese letzte Hilfe, auf die ich rechne, mich im Stich läßt...«

Die Tränen stiegen dem armen Kaufherrn bei dieser Antwort in die Augen.

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und mit gerungenen Händen stürzte ein junges Mädchen herein: »Vater, Vater! Der ›Pharaon‹!« Schluchzend warf sie sich dem Reeder an die Brust.

»Ist untergegangen, nicht wahr?« sagte Herr Morrel mit gebrochener Stimme. »Und die Mannschaft...?«

»Ist gerettet, Vater.«

»Gott sei gedankt«, sagte Morrel mit solch überzeugender Innigkeit, daß dem kühlen Engländer Tränen in die Augen stiegen.

»Jetzt laß mich einen Augenblick allein,« sprach der Reeder zu seiner Tochter, »ich habe mit diesem Herrn zu sprechen.«

»Nun, mein Herr,« sprach Morrel, sich müde in seinen Lehnstuhl niederlassend, »Sie sehen nun selbst...«

»Ich sehe, mein Herr,« sprach der Engländer, »daß Sie wieder ein neues Unglück traf, so unverdient wie alles frühere, und dies hat mich in dem Wunsche bestärkt, Ihnen einen Dienst zu erweisen. Wünschen Sie einen Aufschub für Ihre Zahlungen?«

»Ein Aufschub könnte meine Ehre retten«, sprach Morrel.

»Wieviel Frist verlangen Sie?«

»Vielleicht zwei Monate«, sprach er.

»Gut,« sprach der Fremde, »ich gebe Ihnen drei.«

»Aber«, sprach Morrel, »glauben Sie. daß das Haus Thomson & French...«

»Seien Sie ruhig, mein Herr, ich nehme alles auf mich... Wir haben heute den 5. Juni.«

»Ja.«

»Nun denn, so prolongieren Sie mir alle diese Papiere bis auf den 5. September, und am 5. September um elf Uhr morgens« (die Uhr zeigte gerade die elfte Stunde) »werde ich wieder hier sein.«

»Ich werde Sie erwarten, mein Herr,« sprach Morrel, »und Sie sollen bezahlt werden, oder ich bin tot.«

Diese letzteren Worte wurden so flüsternd gesprochen, daß der Fremde sie nicht vernehmen konnte. Die Papiere wurden erneut, man zerriß die alten, und der arme Reeder hatte wenigstens drei Monate Frist, um seine letzten Mittel zusammenzuziehen. Der Engländer nahm die Danksagungen mit dem seiner Nation eigenen Phlegma auf und verabschiedete sich von Morrel, der ihn segnend bis zur Tür begleitete. Auf der Treppe begegnete ihm Julie, die sich den Anschein gab, als stiege sie hinab, in der Tat aber erwartete sie ihn.

»O mein Herr!« sprach sie, die Hände faltend.

»Mein Fräulein,« sprach der Fremde, »Sie werden eines Tages einen Brief erhalten mit der Unterschrift: ›Sindbad, der Seefahrer.‹ Befolgen Sie Punkt für Punkt, was Ihnen der Brief sagen wird, so seltsam Ihnen auch seine Anordnungen vorkommen mögen.«

»Ja, mein Herr!« antwortete Julie.

»Versprechen Sie mir, es zu tun?«

»Ich schwöre es Ihnen.«

»Gut, leben Sie wohl, mein Fräulein. Bleiben Sie stets eine gute und fromme Tochter, wie Sie sind, und ich hoffe wohl, Gott wird es Ihnen lohnen, indem er Ihnen Herrn Emanuel zum Gemahl gibt.«

Julie stieß einen leisen Seufzer aus, wurde rot wie eine Erdbeere und hielt sich am Geländer fest, um nicht zu Boden zu sinken.

Der Fremde setzte seinen Weg fort, ihr ein Zeichen des Lebewohls zuwinkend.


Dem armen Reeder schien in dem Augenblick, wo er es am wenigsten erwartete, jener von dem Geschäftsträger des Hauses Thomson & French bewilligte Aufschub einer von jenen Glücksfällen, welche dem Menschen anzeigen, daß das Geschick endlich müde sei, ihn zu verfolgen. An demselben Tage erzählte er seiner Frau, seiner Tochter und seinem künftigen Schwiegersohn, was ihm widerfahren, und wenn auch nicht Ruhe, so kehrte doch Hoffnung in die Familie zurück. Aber unglücklicherweise hatte Morrel nicht bloß mit dem Hause Thomson & French Geschäfte abzutun, welche sich für ihn so günstig erwiesen. Wie er es gesagt hatte: im Handel hat man wohl Korrespondenten, aber keine Freunde. Als er darüber nachsann, begriff er nicht einmal jenes edelmutige Benehmen der Herren Thomson & French und erklärte sich dasselbe nicht anders, als vermittels jener egoistisch vernünftigen Betrachtungen, welche dieses Haus angestellt haben mußte. Besser ist es, einen Menschen, der uns bei dreihunderttausend Franken schuldig ist, zu unterstützen und nach drei Monaten diese dreihunderttausend Franken zu besitzen, als seinen Untergang zu beschleunigen und nur sechs oder acht Prozent des Kapitals zu erhalten. Unglücklicherweise, war es nun aus Haß oder Blindheit, stellten nicht alle Korrespondenten Morrels dieselbe Betrachtung an, und einige taten gerade das Gegenteil. Die von Morrel unterzeichneten Wechsel wurden also bei der Kasse mit gewissenhafter Genauigkeit präsentiert, und man verdankte es dem von dem Engländer bewilligten Aufschübe, daß der Kassierer sie auszahlen konnte. So merkte niemand, wie es in Wahrheit stand, nur Morrel allein sah mit Schrecken, daß er, wenn er am Fünfzehnten die hunderttausend Franken des Herrn von Boville und am Dreißigsten die zweiunddreißigtausend Franken, für die er, sowie für die Schuld an den Gefangnisverwalter, einen Aufschub hatte, auszahlen müßte, er von diesem Monat an ein zugrunde gerichteter Mann sei.

Unter den Handelsleuten von Marseille war die Meinung vorherrschend, Morrel könne sich unter den rasch aufeinanderfolgenden Unglücksfällen, die über ihn hereinstürmten, nicht halten. Groß war also das Erstaunen, als man seinen Monatsabschluß mit der gewöhnlichen Genauigkeit erfüllt sah. Indes kehrte deshalb das Vertrauen noch nicht in die Gemüter zurück, und man verschob einstimmig die Bilanzniederlegung des unglücklichen Kaufherrn auf den nächsten Monatsschluß.

Der ganze Monat verging unter unerhörten Anstrengungen von seiten Morrels, um alle seine Mittel zu vereinigen. Ehemals nahm man, ohne sich weiter zu erkundigen, seine Papiere zutrauensvoll, mochte das Datum irgendwie lauten. Morrel versuchte, mit Wechseln auf neunzig Tage Geschäfte zu machen, aber alle Kassen verschlossen sich ihm. Glücklicherweise hatte Morrel selbst einige Einkünfte, worauf er rechnen konnte; diese Einkünfte kamen. Nochmals befand sich also Morrel in der Lage, seinen Geschäften Genüge zu leisten, als das Ende des Monats Juli herbeikam. Übrigens hatte man den Geschäftsträger des Hauses Thomson & French zu Marseille nicht wieder gesehen. Am ersten oder zweiten Tage nach dem bei Morrel gemachten Besuche verschwand er; da er nun zu Marseille nur mit dem Maire, Herrn Morrel und dem Gefängnisverwalter zu tun gehabt, so hatte seine Anwesenheit keine andere Spur hinterlassen als das verschiedene Andenken, das diese drei Männer von ihm bewahrten. Was die Matrosen des »Pharaon« betrifft, so schien es, daß sie irgendwo in Dienst getreten seien, denn auch sie waren verschwunden. Der Monat August verging mit stets wiederholten Versuchen von seiten Morrels, seinen früheren Kredit wiederzuerlangen oder sich neuen zu erwerben. Man wußte zu Marseille, daß er am 20. August einen Platz auf der Briefpost genommen, und flüsterte sich demnach in die Ohren, es wäre also gegen Ende des laufenden Monats, wo er die Bilanz niederlegen werde, und Morrel sei im voraus abgereist, um bei diesem traurigen Geschäft, welches er ohne Zweifel seinem ersten Kommis Emanuel und Corles überlassen, nicht zugegen zu sein. Aber wider alle Erwartung wurde die Kasse am 31. August wie gewöhnlich geöffnet. Corles erschien hinter dem Gitter, ruhevoll wie der Gerechte des Horaz, prüfte mit derselben Aufmerksamkeit die Papiere, welche man ihm präsentierte, und zahlte von Anfang bis zu Ende alles mit derselben Genauigkeit aus. Man wußte nicht mehr, was man davon halten sollte, und man verschob mit der übelweissagenden Propheten eigentümlichen Hartnäckigkeit den Konkurs auf das Ende des Monats September.

Am Ersten kam Morrel an; mit großer Angst ward er von seiner ganzen Familie erwartet; von dieser seiner Reise nach Paris hing sein letztes Heil ab. Morrel hatte an Danglars, heute Millionär und ehemals ihm verschuldet, gedacht, da auf Morrels Anempfehlung Danglars in den Dienst des spanischen Bankiers getreten war, bei dem er den Grund zu seinem ungeheuren Vermögen gelegt hatte. Wie es hieß, besaß Danglars jetzt fünf bis sechs Millionen als Eigentum und einen unbegrenzten Kredit; Danglars konnte Morrel retten, ohne nur einen Taler aus der Tasche zu nehmen; er durfte nur für ein Darlehn bürgen, und Morrel war gerettet. Seit lange schon hatte Morrel an Danglars gedacht; aber es gibt eine so instinktmäßige Scheu, deren man nicht Meister werden kann. Morrel hatte solange als möglich gezaudert, zu diesem letzten Mittel seine Zuflucht zu nehmen. Und Morrel hatte recht gehabt, denn er war von der Schmach einer Abweisung erniedrigt zurückgekehrt.

Auch hörte man von ihm bei seiner Rückkehr nicht die geringste Klage oder Gegenbeschuldigung. Weinend umarmte er seine Frau und Tochter, reichte Emanuel die Freundeshand, schloß sich in sein Kabinett im zweiten Stock ein und ließ seinen treuen Kassierer rufen.

»Diesmal«, sagten beide Frauen, »sind wir verloren.« Dann kam man in einer kurzen unter ihnen gehaltenen Beratung überein, daß Julie ihrem Bruder, der zu Nimes in Garnison stand, schreiben sollte, alsogleich hier einzutreffen. Die armen Frauen fühlten, daß sie ihrer ganzen Kraft bedurften, um den Schlag auszuhalten, der sie bedrohte. Übrigens hatte Maximilian, obgleich erst zweiundzwanzig Jahre alt, schon großen Einfluß auf seinen Vater. Er war ein gesetzter und gerader Junge. Als es galt, eine Laufbahn zu wählen, wollte ihm sein Vater nicht von vornherein seine Zukunft aufbürden und überließ dies Maximilians Neigung. Dieser hatte demzufolge erklärt, er wolle in Waffendienste treten; demgemäß machte er vorzügliche Studien, besuchte die polytechnische Schule und kam als Unterleutnant in das 53. Linienregiment. Seit einem Jahre bekleidete er diese Charge und hatte Hoffnung, bei der ersten Gelegenheit zum Leutnant ernannt zu werden. Im Regiment war Maximilian als strenger Beobachter nicht nur aller dem Soldaten, sondern auch aller dem Menschen auferlegten Pflichten bekannt, und man nannte ihn nie anders als den Stoiker. Freilich wiederholten viele, die ihm den Beinamen gaben, diesen nur dem Hörensagen nach und wußten nicht einmal, was er bedeute. Dies war der junge Mann, den Mutter und Tochter in der traurigen Lage, in der sie sich befanden, zu Hilfe riefen. Sie hatten sich ihre traurige Stellung nicht verhehlt, denn bald nachdem Herr Morrel mit seinem Kassierer, dem alten, treuen Torles, in sein Kabinett gegangen war, sah Julie den letzteren bleich, zitternd und mit verstörtem Gesicht wieder herausgehen. Als er an ihr vorüberging, wollte sie ihn fragen, aber der wackere Mann ging mit rascher Eile die Stiege hinab, was sonst nie seine Gewohnheit war, und begnügte sich, mit himmelwärts gestreckten Armen auszurufen:

»Oh, mein Fräulein! Mein Fräulein! Welch gräßliches Unglück! Und wer hätte das je geglaubt!« Einen Augenblick später sah ihn Julie mit zwei oder drei großen Registern, einer Brieftasche und einem Geldsack hinaufsteigen. Morrel untersuchte die Register, öffnete die Brieftasche und zählte das Geld. Alle seine Mittel beliefen sich auf sechs- oder achttausend Franken, was höchstens einen Aktivbestand von vierzehntausend Franken ausmachte, um einem Wechsel von zweihundertsiebenundachtzigtausendfünfhundert Franken Genüge zu leisten. Es war nicht möglich, einen solchen Abschlag zu bieten.

Indessen schien Herr Morrel, als er zum Speisen herabkam, ziemlich beruhigt. Diese Ruhe erschreckte die beiden Frauen mehr, als es die tiefste Niedergeschlagenheit hätte tun können. Nachmittags pflegte Herr Morrel auszugehen; er trank seinen Kaffee im Zirkus der Pheräer und las den »Sémaphore«; an jenem Tage ging er nicht aus und kehrte in sein Schreibzimmer zurück.

Torles schien gänzlich erschöpft. Einen Teil des Tages über hielt er sich im Hofe auf, bei einer Hitze von dreißig Grad mit unbedecktem Haupt auf einem Stein sitzend.

Emanuel suchte die Frauen zu beruhigen, war aber selbst beunruhigt. Der junge Mann war zu sehr in die Geschäfte des Hauses eingeweiht, um nicht zu ahnen, daß der Familie Morrel eine große Katastrophe bevorstand. Die Nacht kam; die beiden Frauen hatten gewacht, in der Hoffnung, Morrel werde, wenn er von seinem Kabinett herabkäme, bei ihnen eintreten; aber sie hörten ihn an ihrer Tür vorbeigehen, indem er leise auftrat, ohne Zweifel aus Furcht, gerufen zu werden. Sie horchten, er kehrte auf sein Zimmer zurück und schloß seine Tür von innen zu.

Frau Morrel schickte ihre Tochter zu Bett; dann, nach einer halben Stunde, nachdem sich Julie zurückgezogen, stand sie auf, zog ihre Schuhe aus und schlich in den Gang, um durch das Schlüsselloch zu sehen, was ihr Gemahl tue. Im Gange bemerkte sie einen Schatten, der zurückwich. Julie war's, die, selbst unruhig, ihrer Mutter zuvorgekommen war. Das Mädchen ging auf Frau Morrel zu.

»Er schreibt«, sprach sie.

Beide Frauen errieten gegenseitig ihre Worte.

Wirklich schrieb Morrel; was aber ihre Tochter nicht bemerkte, das bemerkte Frau Morrel, nämlich, daß ihr Mann auf gestempeltem Papier schreibe. Es kam ihr der schreckliche Gedanke, er mache sein Testament; sie schauderte am ganzen Leibe, und dennoch hatte sie noch Kraft genug, kein Wort zu sagen.

Am andern Tage schien Herr Morrel ganz ruhig; er hielt sich wie gewöhnlich in seiner Schreibstube auf und kam wie gewöhnlich zum Frühstück herab; nur nach dem Mittagsmahl ließ er seine Tochter neben sich setzen, nahm des Kindes Kopf in die Arme und hielt ihn lange an seine Brust gepreßt. Abends sagte Julie zu ihrer Mutter, daß sie, obgleich ihr Vater scheinbar ganz ruhig war, bemerkt habe, wie sein Herz heftig schlug. Die beiden Tage vergingen auf fast gleiche Weise. Am Abend des 4. September begehrte Herr Morrel den Schlüssel des Kabinetts von seiner Tochter zurück.

Julie schauderte bei diesem Wunsch, der ihr unheilvoll schien. Warum verlangte der Vater jenen Schlüssel von ihr, den sie immer gehabt und den man ihr in ihrer Kindheit nur dann wegnahm, wenn man sie strafen wollte. Das junge Madchen betrachtete Herrn Morrel.

»Was habe ich denn getan, mein Vater, daß Sie mir diesen Schlüssel wegnehmen?« sprach sie.

»Nichts, mein Kind,« antwortete der unglückliche Morrel, dem diese einfache Frage Tränen in die Augen trieb, »nichts, ich brauche ihn nur.«

Julie tat, als suche sie den Schlüssel.

»Ich werde ihn auf meinem Zimmer gelassen haben«, sprach sie.

Und sie ging hinaus; anstatt aber auf ihr Zimmer zu gehen, stieg sie hinab und lief zu Emanuel, um ihn um Rat zu fragen.

»Geben Sie diesen Schlüssel Ihrem Vater nicht,« sprach dieser, »und morgen früh, wenn es möglich ist, gehen Sie ihm nicht von der Seite.«

Sie drang in Emanuel, aber dieser wußte entweder nicht mehr oder wollte nicht mehr sagen.

Während der ganzen Nacht vom 4. auf den 5. September verharrte Frau Morrel in Angst und Sorgen. Bis drei Uhr morgens hörte sie ihren Mann heftig auf und ab schreiten; um drei Uhr erst warf er sich auf sein Bett. Die beiden Frauen verbrachten die Nacht beisammen. Seit gestern abend erwarteten sie Maximilian. Um acht Uhr trat Herr Morrel in ihr Zimmer; er war ruhig, aber auf seinem aufgeregten und verstörten Gesicht sah man die Spuren der durchwachten Nacht. Die Frauen wagten es nicht, ihn zu fragen, ob er wohl geruht. Morrel war weicher gegen seine Frau und väterlicher gegen seine Tochter als je; er konnte sich nicht satt an seinem armen Kinde sehen, er konnte es nicht genug umarmen.

Julie vergaß Emanuels Auftrag nicht und wollte ihrem Vater, als er hinausging, folgen, aber dieser sprach, sie sanft zurückhaltend:

»Bleib bei deiner Mutter.«

Julie wollte darauf bestehen.

»Ich will es so«, sprach Morrel.

Dies war das erstemal, daß Morrel zu seiner Tochter sagte: »Ich will es so«, aber er sprach es in einem so von väterlicher Milde durchdrungenen Tone, daß Julie keinen Schritt vorwärts wagte. Sie blieb auf derselben Stelle aufrecht, unbeweglich und stumm stehen. Kurz darauf ging die Tür auf, und sie fühlte zwei Arme, die sie umfaßten, und zwei Lippen, die sich an ihre Stirn preßten. Sie schlug die Augen auf, stieß einen Schrei der Freude aus und rief: »Maximilian! Mein Bruder!«

Auf diesen Schrei kam Frau Morrel und warf sich ihrem Sohne in die Arme.

»Mutter!« sprach der junge Mann, abwechselnd Frau Morrel und ihre Tochter betrachtend. »Was gibt es denn und was geht hier vor? Ihr Brief entsetzte mich und ich eilte hierher.«

»Julie,« sprach Frau Morrel, dem jungen Mann winkend, »gehe und sage deinem Vater, daß Maximilian hier ist.«

Das junge Mädchen eilte aus dem Zimmer, aber auf der ersten Stiegenstufe traf sie einen Mann, der einen Brief in der Hand hielt.

»Sind Sie nicht das Fräulein Julie Morrel?« sprach jener Mann mit merklich italienischem Akzent.

»Ja, mein Herr«, antwortete Julie stotternd. »Aber was wollen Sie von mir, ich kenne Sie nicht.«

»Lesen Sie«, sprach der Mann, ihr einen Brief reichend. Julie zauderte.

»Es handelt sich darin um Ihres Vaters Heil«, sprach der Überbringer.

Das Mädchen riß ihm den Brief aus den Händen, erbrach ihn rasch und las:

»Begeben Sie sich alsogleich in die Alleen von Meillan; gehen Sie in das Haus Nr. 15; begehren Sie von dem Hausmeister den Schlüssel des fünften Stockwerks; nehmen Sie von der Kaminecke eine rotseidene genetzte Börse und bringen Sie diese Börse Ihrem Vater. Es ist dringend, daß er sie vor elf Uhr erhält. Sie haben mir versprochen, mir blind zu gehorchen, ich erinnere Sie daran. Sindbad, der Seefahrer.«

Das junge Mädchen stieß einen Schrei der Freude aus, erhob die Blicke, suchte den Mann, der ihr den Brief überbracht hatte, um ihn zu befragen, er war aber schon verschwunden. Hierauf betrachtete sie wieder den Brief, um ihn zum zweiten Male zu lesen, und bemerkte, daß eine Nachschrift angehängt war; sie las:

»Es ist wichtig, daß Sie persönlich und allein diesen Auftrag vollziehen; kämen Sie in Begleitung oder käme ein anderer, so würde der Hausmeister antworten, er wisse nicht, ob es dann seine Richtigkeit habe.«

Diese Nachschrift war für die Freude des jungen Mädchens eine wirksame Abkühlung, hatte sie nichts zu befürchten? War es nicht irgendeine Falle, die man ihr stellte? Ihre Harmlosigkeit ließ nicht zu, daß sie an die Gefahren dachte, welche ein Mädchen in ihrem Alter laufe; sogar eines muß noch bemerkt werden, daß gerade unbekannte Gefahren den größten Schrecken verursachen. Julie zögerte, sie faßte den Entschluß, um Rat zu fragen, aber ein sonderbares Gefühl trieb sie, nicht bei ihrem Bruder, nicht bei ihrer Mutter sich Rat zu holen, sondern bei Emanuel. Sie ging hinab, erzählte ihm, was ihr an dem Tage, als der Geschäftsträger des Hauses Thomson & French zu ihrem Vater gekommen war, begegnet sei; sie erzählte ihm die Szene auf der Stiege, wiederholte ihm ihr gemachtes Versprechen und zeigte ihm den Brief.

»Sie müssen hingehen, Fräulein«, sprach Emanuel.

»Hingehen?« flüsterte Julie.

»Ja, ich werde Sie begleiten.«

»Haben Sie denn nicht gelesen, daß ich allein sein soll«, sprach sie.

»Sie werden es auch sein,« antwortete der junge Mann, »aber ich werde Sie an der Ecke der Museumstraße erwarten, und wenn Sie so lange ausbleiben sollten, daß ich für Sie fürchten müßte, dann werde ich mich zu Ihnen begeben, und ich stehe Ihnen dafür: Wehe denen, über die Sie sich zu beklagen haben.«

»Also, Emanuel,« versetzte das Mädchen zaudernd, »sind Sie der Meinung, ich solle diesem Winke folgen?«

»Ja. Hat Ihnen der Überbringer nicht gesagt, es handle sich um Ihres Vaters Heil?«

»Aber was für eine Gefahr läuft er denn?« fragte das Mädchen.

Emanuel zauderte einen Augenblick, doch der Wunsch, das Mädchen auf einmal und ohne Zeitverlust zu bewegen, riß ihn fort.

»Hören Sie,« sprach er zu ihr, »heute ist der 5. September?«

»Ja.«

»Heute um elf Uhr muß Ihr Vater beinahe dreihunderttausend Franken auszahlen.«

»Ja, wir wissen es.«

»Nun denn,« sprach Emanuel, »er hat kaum vierzehntausend Franken in der Kasse.«

»Was wird da geschehen?«

»Wenn Ihr Vater heute vor elf Uhr nicht jemanden findet, der ihm behilflich ist, so wird er um zwölf Uhr fallieren müssen.«

»Oh, kommen Sie!« rief das jugendliche Mädchen, den jungen Mann mit sich fortziehend.

Indessen hatte Frau Morrel ihrem Sohn alles erzählt. Wohl wußte der junge Mann, daß nach den aufeinanderfolgenden Unglücksfällen, die seinen Vater betrafen, bedeutende Einschränkungen in den Hausausgaben gemacht wurden, aber das wußte er nicht, daß es schon so weit gekommen. Er blieb wie vernichtet; dann eilte er plötzlich aus dem Zimmer, sprang die Stiege hinauf, denn er glaubte, sein Vater sei im Kabinett, aber er klopfte vergeblich an. Als er an der Kabinettstür war, hörte er die Zimmertür öffnen; er wandte sich um und sah seinen Vater. Anstatt geradeswegs in sein Kabinett hinaufzugehen, war Herr Morrel in sein Zimmer gegangen und kam erst jetzt heraus. Herr Morrel stieß einen Schrei der Überraschung aus, als er Maximilian sah. Unbeweglich blieb er an derselben Stelle stehen, mit seiner linken Hand etwas haltend, das er unter seinem Rock versteckte. Maximilian stieg schnell die Stiege hinab und hing sich seinem Vater an den Hals; aber plötzlich wich er zurück, bloß seine rechte Hand auf Morrels Brust drückend.

»Mein Vater,« sprach er, bleich wie der Tod, »warum verbergen Sie denn ein Paar Pistolen unter Ihrem Rock?«

»Oh, das war's, was ich befürchtete!« sprach Morrel.

»Mein Vater, mein Vater, um des Himmels willen, wozu diese Waffen?« rief der junge Mann.

»Maximilian,« erwiderte Morrel, starr seinen Sohn ansehend, »du bist ein Mann und ein Ehrenmann, komm, ich werde es dir sagen.«

Und festen Schrittes ging Morrel in sein Kabinett hinauf, während Maximilian ihm wankend folgte. Morrel öffnete die Tür und verschloß sie hinter seinem Sohn, dann ging er durch das Vorzimmer, näherte sich dem Schreibzimmer, legte seine Pistolen auf den Tisch nieder und zeigte seinem Sohn mit dem Finger ein offenes Register. Auf diesem Register stand genau der Zustand seiner Lage verzeichnet: in einer halben Stunde sollte Morrel zweihundertsiebenundachtzigtausendfünfhundert Franken bezahlen. Im ganzen aber besaß er nur fünfzehntausendzweihundertsiebenundfünfzig Franken.

»Lies«, sprach Morrel.

Der junge Mann las und war einen Augenblick lang wie zerschmettert. Morrel sprach kein Wort; was hätte er sagen können, das der unerbittlichen Zeugenschaft der Ziffern widersprochen hätte?

»Und Sie haben alles getan, mein Vater,« sprach darauf der junge Mann, »um diesem Unglück zu begegnen?«

»Ja«, antwortete Morrel.

»Sie haben auf gar keine Einkunft zu hoffen?«

»Auf keine.«

»Sie haben alle Ihre Hilfsquellen erschöpft?«

»Alle.«

»Und in einer halben Stunde«, fügte Maximilian hinzu, »ist unser Name entehrt?«

»Das Blut wäscht die Schmach ab«, sprach Morrel.

»Sie haben recht. Vater, und ich verstehe Sie«, sagte er. Dann nach den Pistolen langend, sprach er: »Eine für mich und eine für Sie!« Morrel hielt seine Hand zurück.

»Und deine Mutter... und deine Schwester... wer wird sie ernähren?«

Ein Schauer durchbebte den ganzen Leib des jungen Mannes.

»Mein Vater,« sprach er, »bedenken Sie auch, daß Sie mich leben heißen?«

»Ja, ich heiße es dich,« versetzte Morrel, »denn es ist deine Pflicht; du hast ein ruhiges und starkes Gemüt, Maximilian, du bist kein gewöhnlicher Mensch, ich befehle dir nichts, ich verbinde dich zu nichts, nur sage ich dir: Prüfe die Lage, als ob du ihr fremd wärest, und urteile selber.«

Der junge Mann sann eine Weile nach, dann flammte in seinen Blicken ein Ausdruck erhabener Ergebung empor; nun legte er langsam und traurig seine Epaulette und Kontreepaulette, die Zeichen seines Ranges, ab.

»Gut,« sprach er, Morrel die Hand reichend, »sterben Sie in Frieden, Vater, ich werde leben.«

Morrel machte eine Bewegung, als wollte er sich seinem Sohne zu Füßen werfen. Maximilian zog ihn an seine Brust, und diese beiden edlen Herzen schlugen einen Augenblick aneinander.

»Du weißt, daß ich nichts dafür kann«, sprach Morrel.

Maximilian lächelte.

»Ich weiß, mein Vater, daß Sie der ehrenhafteste Mann sind, den ich je kannte.«

»Gut, alles ist aus; kehre jetzt zu deiner Mutter und Schwester zurück.«

»Vater,« sprach der junge Mann niederkniend, »segnen Sie mich!«

Morrel nahm den Kopf seines Sohnes in beide Hände, zog ihn an sich, und mehrmals seine Lippen auf seine Stirn pressend, sprach er: »O ja, ja! Ich segne dich in meinem Namen und im Namen dreier Geschlechter von unbescholtenen Männern. Höre denn, was sie dir, aus meinem Munde redend, sagen: Das Gebäude, das das Unglück zusammenstürzt, kann die Vorsehung wieder aufbauen. Wenn sie mich eines solchen Todes werden haben sterben sehen, werden die Härtesten Mitleid für mich fühlen; dir gestattet man vielleicht die Frist, die man mir verweigerte; dann sieh, daß das Wort ›ehrlos‹ nicht gesagt werde; geh ans Werk, arbeite, junger Mensch, kämpfe heiß und mutig; lebt, du, deine Mutter und Schwester, lebt von dem Allnotwendigsten, damit sich mit jedem Tage das Gut derer, denen ich schuldig bin, vermehre und in deinen Händen fruchtbar werde. Bedenke, daß es ein großer, feierlicher, schöner Tag sein wird, jener Tag der Wiedereinsetzung, der Tag, wo du in derselben Schreibstube sagen wirst: ›Mein Vater starb, weil er nicht tun konnte, was ich heute tue, aber er starb ruhig und still, weil er im Tode wußte, daß ich es tun werde!‹«

»O mein Vater! Wenn Sie dennoch leben könnten?« rief der junge Mann.

»Wenn ich lebe, ist alles verloren; wenn ich lebe, wird das Interesse zum Zweifel, das Mitleid zur Verfolgung; wenn ich lebe, bin ich nichts als ein Mann, der sein Wort gebrochen, der seine Verpflichtungen nicht erfüllt hat, bin ich nichts weiter als ein Bankrotteur. Sterbe ich im Gegenteil, Maximilian, bedenke, so ist mein Leichnam doch wenigstens der eines unglücklichen Ehrenmannes. Wenn ich lebe, so fliehen meine besten Freunde mein Haus, sterbe ich, so folgt mir ganz Marseille weinend zu meiner letzten Behausung. Lebe ich, so mußt du über meinen Namen erröten, sterbe ich, so trägst du frei dein Haupt einher und sagst: ›Ich bin der Sohn desjenigen, der sich das Leben nahm, weil er zum ersten Male gezwungen war, sein Wort zu brechen.‹«

Der junge Mann seufzte, schien aber nachgiebig. Zum zweiten Male durchdrang die Überzeugung nicht sein Herz, aber seinen Geist.

»Und jetzt«, sprach Morrel, »laß mich allein und suche die Frauen fernzuhalten.«

»Wollen Sie meine Schwester nicht wiedersehen?« fragte Maximilian. Eine letzte und dumpfe Hoffnung lag in diesem Wiedersehen für den jungen Mann verborgen, daher schlug er es vor.

Herr Morrel schüttelte den Kopf.

»Ich sah sie heute morgen«, sprach er, »und sagte ihr Lebewohl.«

»Haben Sie mir keine besonderen Aufträge zu geben, mein Vater?« fragte Maximilian mit erregter Stimme.

»Ja, mein Sohn, einen unverbrüchlichen Auftrag.«

»Reden Sie, Vater!«

»Das Haus Thomson & French ist das einzige, das sich aus Barmherzigkeit, Egoismus vielleicht – doch mir steht es nicht zu, in den Herzen der Menschen zu lesen – meiner erbarmte. Des Hauses Geschäftsträger, derselbe, der sich in zehn Minuten präsentieren wird, um den Betrag von zweihundertsiebenundachtzigtausendfünfhundert Franken zu fordern, hat mir die Frist von drei Monaten, ich sage nicht bewilligt, sondern angeboten; dieses Haus werde zuerst bezahlt, mein Sohn, dieser Mann sei geheiligt für dich.«

»Ja, mein Vater«, sprach Maximilian.

»Und jetzt nochmals Lebewohl,« sprach Morrel, »geh, geh, ich muß allein sein, im Sekretär meines Schlafzimmers wirst du mein Testament finden.«

Der junge Mann stand aufrecht und regungslos da, nur eine Kraft besitzend: die des Willens, nicht aber der Tat.

»Höre mich, Maximilian,« sprach der Vater, »nimm an, ich wäre Soldat wie du, ich hätte Befehl erhalten, eine Redoute zu nehmen, und du wüßtest, ich müsse sterben, indem ich sie nehme; würdest du mir nicht sagen, was du mir soeben sagtest: ›Gehen Sie, Vater, Sie entehrten sich, wenn Sie blieben, und besser ist der Tod als die Schande!‹«

»Ja ja.« sprach der junge Mann, »ja.«

Und krampfhaft Morrel mit den Armen umschlingend, sprach er: »Gehen Sie, mein Vater.«

Und er verließ das Kabinett.

Als sein Sohn draußen war, blieb Morrel einen Augenblick stehen und heftete die Blicke auf die Tür, dann streckte er die Hand aus, ergriff eine Glockenschnur und läutete. Augenblicklich kam Corles. Der war nicht mehr derselbe Mensch, diese drei Tage der Gewißheit hatten ihn gebrochen. Dieser Gedanke: das Haus Morrel wird seine Zahlungen einstellen, drückte ihn mehr zu Boden, als es zwanzig andere über seinen Scheitel gehäufte Jahre getan hätten.

»Mein guter Corles,« sprach Morrel in einem Tone, dessen Ausdruck sich unmöglich beschreiben läßt, »du wirst im Vorzimmer bleiben. Wenn jener Herr, der schon vor drei Monaten hier war, kommt, du weißt doch, der Geschäftsträger des Hauses Thomson & French, so melde ihn an.«

Corles gab keine Antwort; er nickte bloß mit dem Kopf, setzte sich im Vorzimmer nieder und wartete. Morrel fiel auf seinen Stuhl zurück, seine Blicke schauten nach der Uhr; es blieben ihm noch sieben Minuten, nicht mehr; der Zeiger ging mit unglaublicher Schnelligkeit; es schien ihm, als sähe er ihn gehen. Was dann und in diesem letzten Moment in dem Gemüt dieses Menschen vorging, der noch rüstig, infolge einer vielleicht falschen, aber scheinbar richtigen Schlußreihe, im Begriff war, sich von allem loszureißen, was er auf der Welt geliebt, und das Leben verließ, das ihm alle sanften Freuden des Familienlebens bot, ist unmöglich zu schildern. Man hätte es sehen müssen, um sich einen Begriff davon zu machen, man hätte seine schweißbedeckte und doch ergebene Stirn, seine tränenfeuchten und dennoch himmelan gewendeten Augen sehen müssen.

Der Zeiger schritt immer weiter vor; die Pistolen waren geladen; er streckte die Hand aus, nahm eine und flüsterte den Namen seiner Tochter; dann legte er wieder die tödliche Waffe weg, nahm eine Feder und schrieb einige Worte. Da schien es ihm dann, als hätte er von seinem geliebten Kinde nicht genug Abschied genommen; dann wandte er sich wieder um und schaute auf die Uhr – nicht nach Minuten zählte er mehr, sondern nach Sekunden. Er ergriff die Waffe mit halboffenem Munde und nach der Uhr starrenden Blicken; dann erbebte er selber vor dem Geräusch, das er machte, indem er den Hahn spannte. In diesem Augenblick rann ihm noch kälterer Schweiß über die Stirn, noch tödlichere Angst schnürte ihm das Herz zusammen; er hörte die Treppentür in ihren Angeln knarren, dann die seines Kabinetts aufspringen; die Uhr war auf dem Punkte, elf zu schlagen.

Morrel wandte sich nicht um, er erwartete die Worte des Corles: »Der Geschäftsträger des Hauses Thomson & French«, und er hielt die Waffe an den Mund ... Plötzlich hörte er einen Schrei ... es war der seiner Tochter ... Er wandte sich um und sah Julie – die Pistole entfiel seinen Händen.

»Mein Vater!« rief das Mädchen außer Atem und fast sterbend vor Freude: »Gerettet! Sie sind gerettet!«

Und sie warf sich ihm in die Arme, eine aus roter Seide genetzte Börse in die Höhe haltend.

»Gerettet, mein Kind?« sprach Morrel. »Was willst du sagen?«

»Ja, gerettet! Sehen Sie, sehen Sie«, sprach das Mädchen.

Morrel nahm die Börse und erbebte, denn eine unbestimmte Erinnerung erwachte in ihm, als hätte diese Börse einst ihm gehört. Auf der einen Seite war der Wechsel, auf die zweihundertsiebenundachtzigtausendfünfhundert Franken lautend – er war bereits bezahlt; auf der andern war ein Diamant von der Größe einer Haselnuß, mit folgenden zwei auf ein Stück Pergament geschriebenen Worten:

»Juliens Mitgift.«

Morrel fuhr mit der Hand über seine Stirn; er glaubte zu träumen. In diesem Augenblick schlug die Uhr elf. Der Glockenschlag ertönte ihm, als ob jeder Schlag des Stahlhammers sein eigenes Herz träfe.

»Laß sehen, mein Kind,« sprach er, »und sage mir, wo fandest du diese Börse?«

»In einem Hause in den Alleen von Meillan, Nummer 15, in einem armseligen Zimmer auf dem Kamin.«

Morrel drehte die Börse hin und her, und seine Brust hob und senkte sich schwer.

»Herr Morrell« rief eine Stimme auf der Treppe. »Herr Morrell Der ›Pharaon‹! Der ›Pharaon‹! Herr, man signalisiert den ›Pharaon‹! Der ›Pharaon‹ läuft in den Hafen ein!«

Herr Morrel sank auf seinen Stuhl zurück, die Kräfte versagten ihm; sein Verstand vermochte nicht, all diese unglaublichen, fabelhaften Ereignisse zu fassen.

»Herr, du mein Gott!« rief er fassungslos. »Geschehen denn noch Wunder?«

Bald aber befand er sich, von den Seinen begleitet, auf der Cannabière. Eine große Menschenmenge drängte zum Hafen. Ehrerbietig machte man Herrn Morrel Platz.

»Der ›Pharaon‹, der ›Pharaon‹!« schrie alles durcheinander.

In der Tat: gegenüber dem Turme St. Johann lief ein Schiff ein, groß und stattlich. Vorn prangte in weißer Schrift: »Der Pharaon, Morrel & Sohn in Marseille.« An Bord aber grüßte die alte Mannschaft, die Morrel hatte entlassen müssen. Und dieser »Pharaon« war wie der andere mit Cochenille und Indigo befrachtet. Morrel stand mit gefalteten Händen. Träumte er, so träumten die zehntausend Menschen um ihn herum mit ihm. Als Morrel und sein Sohn sich auf dem Hafendamm, unter dem Jubel der ganzen Stadt, in die Arme fielen, betrachtete ein Mann, dessen Gesicht zur Hälfte ein schwarzer Bart verdeckte und der hinter dem Schilderhause einer Wache verborgen war, diese Szene und murmelte: »Lieber, prächtiger Mann du, sei gesegnet für all das Gute, das du geübt hast und noch üben wirst, und möge meine Dankbarkeit in Dunkel gehüllt bleiben wie deine Wohltaten.«

Darauf wandte er sich und stieg eine der kleinen Anlegetreppen hinab und rief dreimal: »Jacopo! Jacopo! Jacopo!«

Hierauf näherte sich eine Schaluppe, nahm ihn an Bord und trug ihn zu einer reich besegelten Jacht, auf deren Deck er mit der Leichtigkeit eines Matrosen hinaufsprang; von da aus schaute er nochmals zu Morrel hinüber, der es nicht vermochte, alle Händedrücke zu erwidern, und mit feuchtem Blicke jenem unbekannten Wohltäter dankte, den er im Himmel zu suchen schien.

»Und jetzt«, sprach der Unbekannte, »lebt wohl, Güte, Menschenliebe, Dankbarkeit; lebt wohl, all ihr Gefühle, die ihr das Herz beglückt! Jetzt stehe mir der Rachegott bei, die Bösen zu strafen.«

Bei diesen Worten gab er ein Zeichen, und als ob die Jacht nur dies Signal erwartet hätte, stach sie sogleich in See.


Es war im Jahre 1838 zur Zeit des Karnevals, als zwei junge Leute der vornehmsten Pariser Gesellschaft Italien bereisten. Während der eine von ihnen, Albert von Morcerf, für einige Tage nach Neapel fuhr, unternahm der andere, Franz von Epinay, eine kleine Meerfahrt.

Er machte demnach eines Abends ein Schifflein von dem eisernen Ringe los, womit es im Hafen von Livorno angehängt war, wickelte sich dann in seinen Mantel und rief den Schiffsleuten bloß die Worte zu: »Nach der Insel Elba!«

Der Kahn verließ den Hafen, wie der Seevogel sein Nest verläßt, und am folgenden Tage landete er in Porto-Ferrajo. Franz durchstreifte die kaiserliche Insel, und nachdem er allen Spuren gefolgt war, die die Tritte des Riesen hinterlassen hatten, schiffte er sich in Marciana wieder ein. Zwei Stunden darauf ging er wieder ans Land, und zwar zu Pianoso, wo ihn, wie man ihm versicherte, zahllose Schwärme von roten Rebhühnern erwarteten. Die Jagd fiel schlecht aus, Franz erlegte mit großer Mühe einige magere Stücke und kehrte mit sehr übler Laune, wie jeder Jäger, der sich für nichts abgemüdet hat, zu seiner Barke zurück.

»Oh, wenn Eure Exzellenz wollten,« sagte der Patron zu ihm, »könnten Sie eine schöne Jagd haben.«

»Und wo das?«

»Sehen Sie jene Insel?« fuhr der Patron fort, indem er einen Finger gegen Mittag ausstreckte und auf eine kegelförmige Masse wies, die sich im schönsten Indigoblau mitten aus dem Meere erhob.

»Gut, was ist das für eine Insel?« fragte Franz.

»Die Insel Monte Christo«, antwortete der Livorner.

»Aber ich habe keine Erlaubnis, auf jener Insel jagen zu dürfen.«

»Eure Exzellenz brauchen sie auch nicht, denn die Insel ist öde.«

»Ach, bei Gott,« sagte der junge Mann, »eine wüste Insel mitten im Mittelmeere, das ist seltsam.«

»Es ist ganz natürlich, Eure Exzellenz! Diese Insel ist eine Felsenbank und hat vielleicht in ihrer ganzen Ausdehnung keinen Morgen urbares Land.«

»Wem gehört sie denn?«

»Toskana.«

»Werde ich dort ein Wildbret finden?«

»Tausende von wilden Ziegen.«

»Leben sie davon, daß sie an den Steinen lecken?« fragte Franz, ungläubig lächelnd.

»Nein, sie weiden das Heidekraut, die Myrten und die Mastixblätter ab, die dort streckenweise wachsen.

»Wo soll ich aber schlafen?«

»Auf der Erde, in den Grotten oder an Bord in Ihrem Mantel; wenn übrigens Eure Exzellenz wollen, so können wir sogleich nach der Jagd wieder abfahren; Sie wissen, daß wir des Nachts wie bei Tag steuern und daß wir in Ermangelung von Segeln Ruder haben.«

Da Franz genug Zeit übrigblieb, um mit seinem Gefährten wieder zusammenzutreffen, und da er sich um seine Wohnung in Rom nicht mehr zu kümmern brauchte, so ging er diesen Vorschlag ein, um sich für seine erste Jagd schadlos zu halten. Auf seine bejahende Antwort wechselten die Matrosen einige Worte unter sich mit leiser Stimme.

»Hm, was gibt es denn?« fragte er. »Sollte sich eine Schwierigkeit ergeben?«

»Nein,« erwiderte der Patron, »allein wir müssen Eure Exzellenz darauf aufmerksam machen, daß die Insel in Kontumaz steht.«

»Was will das sagen?«

»Das will sagen: Da Monte Christo unbewohnt ist und zuweilen den Schleichhändlern und Korsaren, die aus Korsika, Sardinien oder Afrika kommen, als Ruheplatz dient, so sind wir, wenn irgendein Zeichen unsern Aufenthalt auf der Insel andeutet, genötigt, bei unserer Zurückkunft nach Livorno eine Quarantäne von sechs Tagen zu halten.«

»Teufel! Das ändert die Sache! Sechs Tage. Geradesoviel bedurfte Gott, um die Welt zu erschaffen. Kinder, das ist ein bißchen lang.«

»Wer wird es aber sagen, daß Eure Exzellenz auf Monte Christo waren?«

»Oh, ich sag' es nicht!« rief Franz.

»Wir noch weniger«, versetzten die Matrosen.

»In diesem Falle auf nach Monte Christo!«

Der Patron gab Befehl zur Abfahrt; man faßte die Insel ins Auge und das Schiff nahm dahin die Richtung. Franz ließ die Schiffer gewähren, und als man auf dem neuen Wege war, als der Wind das Segel schwellte und die vier Seefahrer ihre Plätze einnahmen, drei vorn und einer am Steuerruder, knüpfte er die Unterredung wieder an.

»Mein lieber Gaetano,« sprach er zum Patron, »Ihr habt mir gesagt, glaube ich, daß die Insel Monte Christo den Schleichhändlern und Seeräubern als Zuflucht diene, und das scheint mir ein ganz anderes Wildbret als die Ziegen zu sein.«

»Ja, Eure Exzellenz, das ist wahr.«

»Ich wußte recht gut, daß es Schleichhändler gibt, allein ich dachte, seit der Eroberung von Algier und der Zerstörung der dortigen Regentschaft gäbe es keine Seeräuber mehr, außer in den Romanen des Cooper und Kapitän Marryat.«

»Ach, Eure Exzellenz irren, es gibt noch Seeräuber, wie es Banditen gibt, von denen man glaubt, Papst Leo XII. habe sie ausgerottet, indes sie täglich die Reisenden bis unter die Tore Roms anhalten. Haben Sie nicht gehört, daß vor etwa sechs Monaten der französische Geschäftsträger beim heiligen Stuhl kaum fünfhundert Schritt von Velletri ausgeplündert wurde?«

»Richtig.«

»Wenn Eure Exzellenz in Livorno lebten wie wir, so würden Sie von Zeit zu Zeit hören, daß ein kleines, mit Waren befrachtetes Schiff oder eine hübsche englische Jacht, die man in Bastia, in Civita Vechia oder in Porto Ferrajo erwartet hat, nicht eingelaufen ist, wobei man nicht wisse, was mit ihm geschehen und ob es nicht vielleicht an einem Felsen gescheitert sei. Nun ist aber dieser Felsen, an den es stieß, eine niedrige und schmale Barke, von sechs oder acht Leuten bemannt, die es in einer dunklen oder stürmischen Nacht an der Krümmung eines wilden, unbewohnten Eilands angefallen und ausgeplündert haben, wie die Banditen an einer Waldesecke eine Postkutsche anhalten und ausrauben.«

Franz, der in seiner Barke stets ausgestreckt lag, fragte: »Wie kommt es aber, daß die, denen ein solches Unglück zustößt, nicht Klage führen? Warum fordern sie die französische, sardinische oder toskanische Regierung nicht zur Rache auf gegen die Korsaren?«

»Warum?« versetzte Gaetano mit einem Lächeln.

»Ja, warum?«

»Fürs erste wird von dem Schiffe oder von der Jacht alles, was wertvoll ist, in die Barke hinübergeschafft; dann bindet man die Mannschaft an Händen und Füßen, befestigt an den Hals jedes Schiffers eine vierundzwanzigpfündige Kugel, macht ein Loch von der Größe einer Tonne in den Boden des gekaperten Schiffes, steigt auf das Verdeck zurück, verschließt die Luken und begibt sich wieder in die Barke. Nach zehn Minuten fängt das Schiff an zu knarren und zu dröhnen und senkt sich immer tiefer. Anfangs sinkt nur eine Seite, dann die andere; hierauf erhebt es sich von neuem, sinkt sodann abermals und allmählich tiefer. Auf einmal knallt es wie ein Kanonenschuß; das ist die Luft, die das Verdeck zerreißt. Sofort schwankt das Schiff wie ein Ertrinkender, der mit dem Tode ringt, und erlahmt mehr und mehr mit jeder Bewegung. Alsdann wird das Wasser, das in der Höhlung zu sehr gepreßt ist, durch die Öffnungen getrieben, wie flüssige Säulen, als ob sie ein riesenhafter Pottfisch durch seine Luftröhren ausspritzte. Endlich stößt es ein letztes Erdröhnen aus, macht einen letzten Kreis um sich selber, und indem es nach dem Abgrund einen weiten Trichter aushöhlt, der einen Augenblick herumwirbelt, versinkt es allgemach und verschwindet zuletzt ganz, so daß man nach Verlauf von fünf Minuten das Auge Gottes bedürfte, um das Schiff aufzusuchen, das bei ruhiger See in der Tiefe verschwunden ist. Sehen Sie jetzt ein,« fügte der Patron lächelnd hinzu, »warum das Schiff nicht in den Hafen zurückkehrt und warum die Mannschaft nicht Klage führt?« Hätte Gaetano das erzählt, ehe er diese Expedition in Vorschlag brachte, so würde sich Franz wahrscheinlich zweimal besonnen haben, auf denselben einzugehen; da aber die Barke einmal in der Richtung nach der Insel flott war, so dünkte es ihn Feigheit, wieder umzukehren. Er war einer von den Menschen, die der Gefahr nicht nachlaufen, die aber, wenn sich ihnen derartiges entgegenstellt, eine unbezwingbare Kaltblütigkeit beweisen, um mit ihr zu ringen; er war einer von denen, die eine Gefahr im Leben ganz ruhig wie einen Gegner im Zweikampfe betrachten, seine Bewegungen berechnen, seine Kräfte erforschen, abgemessen zu Werke gehen, um Atem zu holen und nicht feige zu erscheinen, mit einem Blicke alle Vorteile erlauschen und ihn mit einem Stoße töten.

»Bah!« erwiderte er. »Ich habe Sizilien und Kalabrien durchstreift, zweimal den Archipel durchsteuert und nie einen Schatten von einem Banditen oder Korsaren erblickt.«

»Auch habe ich das Euer Exzellenz nicht deshalb gesagt,« versetzte Gaetano, »daß Sie Ihr Vorhaben aufgeben möchten; Sie haben mich gefragt, und ich gab Antwort.«

»Ja, mein lieber Gaetano. Eure Mitteilung unterhält mich sehr, und da ich diesen Genuß solange als möglich haben will, so rudern wir nach Monte Christo.«

Indessen näherte man sich rasch dem Ziele der Fahrt; es wehte ein guter Wind, und die Barke legte in der Stunde sechs bis sieben Meilen zurück. Je mehr man sich der Insel näherte, desto größer schien sie aus dem Schoße des Meeres emporzutauchen, und durch die helle Atmosphäre der letzten Sonnenstrahlen unterschied man, wie die Kugeln in einem Zeughaus, die Schichten der übereinander getürmten Felsen und sah in den Absätzen das rötliche Heidekraut und die ansprießenden Bäume. Was die Matrosen betrifft, so schienen sie zwar vollkommen ruhig, doch war ihre Wachsamkeit offenbar aufgeweckt, und ihr Blick erforschte den weiten Spiegel, auf dem sie dahinglitten und dessen Horizont nur einige Fischerkähne mit ihren weißen Segeln bevölkerten, indem sie sich auf den Rücken der Wellen wie Möwen wiegten.

Sie waren von Monte Christo nur noch etwa fünfzehn Meilen entfernt, als die Sonne hinter Korsika hinabtauchte, dessen Berge zur Rechten erschienen, wo sich ihre dunklen Zacken im Himmel verloren, indem die äußersten Enden dieser Steinmassen noch beleuchtet waren und wie der Riese Adamastor vor der Barke emporragten. Der Schatten stieg allmählich höher vom Meere auf und schien den letzten Rückstrahl des verlöschenden Tages vor sich her zu jagen; endlich wurde der Lichtschein bis zur Spitze des Kegels zurückgetrieben, wo er noch einen Augenblick anhielt, wie die Flammengarbe eines Vulkans; endlich verschlang der immer wachsende Schatten die Höhe ebenso, wie er die Tiefe verschlungen hatte, und die Insel erschien nur noch wie ein grauer, mehr und mehr sich bräunender Berg. Eine halbe Stunde darauf war es finstere Nacht. Glücklicherweise befanden sich die Schiffer auf einer Seehöhe, die ihnen bis auf das kleinste Riff des toskanischen Archipels bekannt war, denn mitten in der tiefen Finsternis, die die Barke umhüllte, wäre Franz nicht ganz unbekümmert geblieben.

Korsika war ganz verschwunden, die Insel Monte Christo selbst wurde unsichtbar; allein die Matrosen schienen, wie die Luchse, die Fähigkeit zu besitzen, die Finsternis zu durchdringen, und der Pilot, der sich am Steuerruder hielt, äußerte nicht das geringste Bedenken.

Ungefähr eine Stunde nach Sonnenuntergang glaubte Franz auf eine Viertelmeile zur Linken eine düstere Masse wahrzunehmen, doch ließ es sich so unvollkommen unterscheiden, was es war, daß er aus Besorgnis schwieg, er möchte die Heiterkeit der Matrosen erwecken mit dem Wahne, daß einige schwebende Wolken Festland seien. Auf einmal zeigte sich ein großer Lichtschein; das Land konnte einer Wolke gleichen, doch konnte das Feuer kein Meteor sein.

»Was ist das für ein Lichtschimmer?« fragte Franz.

»Still!« entgegnete der Patron. »Das ist Feuer.«

»Ihr habt aber gesagt, die Insel sei unbewohnt.«

»Ich sagte, sie habe keine feststehende Bevölkerung, ich sagte aber auch, sie sei ein Ruheplatz für die Schleichhändler.«

»Und für die Seeräuber?«

»Und für die Seeräuber,« fuhr Gaetano fort, »ich gab deshalb Befehl, darüber hinauszufahren, denn wie Sie sehen, ist das Feuer uns bereits im Rücken.«

»Allein dieses Feuer«, versetzte Franz, »scheint mir eher ein Beweggrund der Beruhigung als der Besorgnis zu sein; Leute, die sich fürchten, gesehen zu werden, hätten kein Feuer angezündet.«

»Oh, das will nichts beweisen,« antwortete Gaetano, »könnten Sie in der Dunkelheit die Lage der Insel bemessen, so würden Sie daraus ersehen, daß dieses Feuer an der Stelle, wo es brennt, weder von Korsika noch von Pianosa, sondern nur von der hohen See aus bemerkt werden kann.«

»Ihr fürchtet also, daß uns dieses Feuer schlechte Gesellschaft verkündet?«

»Man muß sich darüber Gewißheit verschaffen«, erwiderte Gaetano, indem er seine Augen stets auf diesen Erdenstern geheftet hielt.

»Wie kann man sich dessen versichern?«

»Sie werden sehen.«

Nach diesen Worten hielt Gaetano Rat mit seinen Genossen, und nach einer Unterredung von fünf Minuten wurde stillschweigend eine Vorkehrung getroffen, wodurch das Schiff im Augenblick umgewendet wurde; hierauf schlug man den vorigen Weg wieder ein, und einige Sekunden nach dieser Änderung des Kurses verschwand das Feuer und verbarg sich hinter dem Terrain. Sonach gab der Pilot mit dem Steuerruder der Barke, die sich sichtlich der Insel näherte, eine neue Richtung, und bald darauf war man nur noch fünfzig Schritt vom Ufer entfernt. Gaetano zog das Segel ein, und das Fahrzeug stand still.

Alles das geschah in der größten Stille, und außerdem ward seit der veränderten Richtung nicht eine Silbe an Bord laut gesprochen. Da Gaetano die Expedition in Vorschlag brachte, so hatte er auch alle Verantwortlichkeit über sie. Die drei anderen Matrosen ließen ihn nicht aus den Augen, stellten sich an die Ruder und hielten sich offenbar bereit zur Flucht, die auch in dieser Dunkelheit und mittels der Ruder nicht schwer gewesen wäre. Franz untersuchte seine Waffen mit Ruhe und Kaltblütigkeit; er hatte zwei Doppelflinten und einen Karabiner, er lud sie, versicherte sich der Batterien und harrte.

Inzwischen hatte der Patron seinen Kittel und sein Hemd abgelegt, sein Beinkleid um die Lenden festgebunden, und da er barfuß war, brauchte er weder Schuhe noch Strümpfe auszuziehen. In diesem Anzug legte er einen Finger an die Lippen, zum Zeichen, daß man das tiefste Stillschweigen beobachte; hierauf ließ er sich in das Meer hinabgleiten und schwamm mit solcher Vorsicht an das Ufer, daß man nicht das geringste Geräusch vernehmen konnte. Man vermochte seine Spur nur an der leuchtenden Furche zu erkennen, die er im Schwimmen nach sich zog. Alsbald glättete sich auch diese Furche; Gaetano hatte offenbar das Land gewonnen. Jeder auf dem kleinen Schiffe verhielt sich eine halbe Stunde lang unbeweglich, und nach Verlauf derselben sah man die leuchtende Furche vom Ufer her wieder erscheinen und sich der Barke nähern. Nach wenigen Schwingungen hatte Gaetano die Barke wieder erreicht.

»Was ist's?« fragten Franz und die drei Matrosen zu gleicher Zeit.

»Hm, es sind spanische Schleichhändler, sie haben nur zwei korsische Banditen bei sich.«

»Und was tun diese zwei korsischen Banditen bei den spanischen Schleichhändlern?«

»Ach, mein Gott, Euer Exzellenz,« erwiderte Gaetano in einem Tone tiefen christlichen Mitleids, »man muß sich wohl gegenseitig unterstützen. Die Banditen fühlen sich auf dem Lande oft ein wenig bedrängt von den Gendarmen und Karabinieren, nun, da finden sie ein Schifflein und in dem Schifflein gute Kerle, wie wir sind. Sie ersuchen uns um Gastfreundschaft auf unserem herumschwimmenden Hause. Kann man einem armen Teufel, wenn er verfolgt wird, Zuflucht verweigern? Wir nehmen ihn auf und steuern um der größeren Sicherheit willen nach der hohen See. Das kostet uns nichts und rettet das Leben, oder bewahrt mindestens einem unseresgleichen die Freiheit, der dann, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, den ihm geleisteten Dienst anerkennt und uns eine gute Stelle andeutet, wo wir unsere Waren ausladen können, ohne von Lauschern behelligt zu werden.«

»Wie doch!« versetzte Franz. »Lieber Gaetano, Ihr seid ja selbst ein bißchen Schleichhändler.«

»Was hat es auf sich, Eure Exzellenz,« erwiderte dieser mit einem Lächeln, das sich nicht schildern läßt, »man tut alles ein wenig, da man doch leben muß.«

»Ihr kennt also die Leute, die soeben auf Monte Christo sind?«

»So beiläufig. Wir Seemänner sind wie die Freimaurer, wir kennen einander an gewissen Zeichen.«

»Glaubt Ihr, daß wir nichts zu befürchten hätten, wenn wir gleichfalls landen wollten?«

»Ganz und gar nichts, da die Schleichhändler keine Räuber sind.«

»Aber die zwei korsischen Banditen?« entgegnete Franz, der im voraus alle Wechselfälle der Gefahr erwog.

»Ach, mein Gott,« versetzte Gaetano, »es ist nicht ihre Schuld, sondern die der Behörde, daß sie Banditen sind.«

»Wieso?«

»Nun, man verfolgt sie, weil sie eine Haut gemacht haben, nichts weiter, als läge es nicht in der Natur der Korsen, sich zu rächen.«

»Was versteht Ihr denn darunter, eine Haut machen? ... Etwa einen Menschen umbringen?« fragte Franz weiter forschend.

»Ich verstehe darunter: einen Feind töten,« erwiderte der Patron, »und das ist ein Unterschied.«

»Wohlan!« sprach der junge Mann. »Lasset uns diese Schleichhändler und Banditen um Gastfreundschaft ersuchen. Glaubt Ihr, sie werden uns dieselbe zugestehen?«

»Ohne allen Zweifel.«

»Wie viele sind ihrer?«

»Drei, Exzellenz, und zwei Banditen, also fünf.«

»Gut, das ist eben auch unsere Zahl, und wir sind, falls die Herren böse Miene machen sollten, an Streitkräften gleich und somit imstande, sie auszuhalten. Zum letzten Male also, nach Monte Christo!«

»Ja, Exzellenz, doch werden Sie mir gewiß erlauben, daß ich einige Vorsichtsmaßregeln treffe.«

»Je nun, mein Lieber, seid weise wie Nestor und klug wie Ulysses. Anstatt Euch die Vorsicht zu erlauben, ermahne ich Euch vielmehr dazu.«

»Also still!« rief Gaetano.

Und alle schwiegen.

Da Franz ein Mann war, der alle Dinge von ihrem wahren Gesichtspunkte aus betrachtete, so schien ihm die Lage der Dinge zwar nicht gefährlich, hatte aber für ihn doch einen gewissen Ernst. Er befand sich in der tiefsten Finsternis allein mitten auf dem Meere unter Seeleuten, die ihn nicht kannten und keine Ursache hatten, ihm ergeben zu sein, die ferner wußten, daß er in seinem Gürtel einige tausend Franken trage, und die schon zehnmal, wo nicht mit Lüsternheit, doch mit Neugier, seine Waffen untersucht hatten, die sehr schön waren. Anderseits sollte er ohne ein anderes Geleit als diese Menschen auf einer Insel landen, die zwar einen religiösen Namen trug, die aber mit ihren Schleichhändlern und Banditen Franz keine andere Gastlichkeit zu verheißen schien, als die Schädelstätte für Christus bot; sodann schien ihm die Erzählung von dem auf den Grund versenkten Schiffe, die er bei Tag für übertrieben hielt, jetzt bei Nacht viel wahrscheinlicher. Indem er nun zwischen dieser doppelten Gefahr stand, die vielleicht eingebildet, vielleicht auch wirklich war, ließ er die Leute nicht aus den Augen und legte das Gewehr nicht aus der Hand. Mittlerweile hatten die Schiffer das Segel wieder aufgehißt und die vorher gezogene Furche aufs neue eingeschlagen. Franz, der bereits an die Dunkelheit gewöhnt war, unterschied den riesenhaften Granit, gegen den die Barke hinsteuerte, und als man abermals um eine Felsenkante bog, bemerkte er das Feuer, das noch heller brannte als zuvor, und um das vier bis fünf Menschen saßen. Der Widerschein des Herdes erstreckte sich auf hundert Fuß in das Meer hinaus.

Gaetano steuerte längs des Lichtscheines hin, doch hielt er sich an der nicht erleuchteten Seite, dann, als sich die Barke dem Herde gegenüber befand, wandte er das Vorderteil dahin und fuhr keck in den erleuchteten Kreis, indem er ein Fischerlied anstimmte, das im Refrain von den andern im Chor wiederholt wurde.

Bei dem ersten Laut des Gesanges standen die Männer auf, die um das Feuer herumsaßen, und näherten sich den Landenden, die Augen auf die Barke geheftet, deren Bemannung sie sichtlich zu ermessen und deren Gesinnung sie zu erraten bemüht waren. Sie schienen des Prüfens gar bald genug zu haben und lagerten sich wieder, mit Ausnahme eines einzigen, der am Ufer stehenblieb, rings um das Feuer, bei dem sie eine ganze Ziege zu braten im Begriffe waren.

Als sich das Schiff dem Lande auf zwanzig Schritt genähert hatte, machte der Mann am Ufer mit seinem Karabiner die Gebärde einer Schildwache, die auf eine Patrouille wartet, und rief in sardinischer Mundart:

»Wer da?«

Franz spannte kaltblütig seine Doppelflinte.

Sofort wechselte Gaetano mit diesem Manne einige Worte, von denen der Reisende nichts verstand, die aber offenbar ihn betrafen.

Der Patron fragte nun: »Wollen sich Seine Exzellenz nennen oder inkognito bleiben?«

»Mein Name bleibe diesen Leuten völlig unbekannt,« entgegnete Franz, »sagt ihnen also ganz einfach, daß ich ein Franzose bin, der zu seinem Vergnügen reist.«

Als Gaetano diese Antwort überbrachte, gab die Schildwache einem der am Feuer Sitzenden einen Befehl, und dieser stand alsogleich auf und verschwand hinter dem Felsen. Es herrschte Stillschweigen. Jeder schien mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, Franz mit seiner Landung, die Matrosen mit ihren Segeln, die Schleichhändler mit ihrer Ziege; aber mitten unter dieser anscheinenden Sorglosigkeit behielt man sich gegenseitig im Auge.

Der Mann, der sich entfernt hatte, erschien von der entgegengesetzten Seite plötzlich wieder; er gab der Schildwache mit dem Kopfe ein Zeichen, diese wandte sich um und ließ bloß die Worte vernehmen: »S'accomodi.« Dieses italienische S'accomodi läßt sich nicht übersetzen. Es will zu gleicher Zeit ausdrücken: »Kommt, tretet ein, seien Sie willkommen, machen Sie sich's bequem wie zu Hause, Sie sind der Gebieter.« Das S'accomodi ist jene türkische Redensart des Moliere, die den Bourgeois gentilhomme ob der Menge von Bedeutungen, die sie enthielt, in Erstaunen versetzte. Die Matrosen ließen es sich nicht zweimal sagen, mit vier Ruderschlägen war die Barke am Lande. Gaetano sprang ans Gestade und wechselte noch einige Worte leise mit der Schildwache; seine Gefährten stiegen ebenfalls einer nach dem andern aus, und endlich kam auch die Reihe an Franz.

Er hatte eine seiner Flinten am Bandelier, Gaetano trug die andere, ein Matrose hielt seinen Karabiner. Seine Kleidung hielt die Mitte zwischen einem Künstler und einem Stutzer, was den Gastfreunden keinen Argwohn und folglich auch keine Unruhe einflößte. Man befestigte die Barke am Ufer und ging einige Schritte vorwärts, um einen bequemen Lagerplatz zu suchen; aber ohne Zweifel behagte der Punkt, auf dem man sich umsah, dem wachestehenden Schleichhändler nicht, denn er rief Gaetano zu: »Nein, nicht dort – wenn es sein kann.«

Gaetano murmelte eine Entschuldigung und ging, ohne weiter zu widersprechen, auf die entgegengesetzte Seite, während zwei Matrosen Fackeln am Herde anzündeten, um den Weg zu beleuchten. Man machte ungefähr dreißig Schritte und hielt auf einer Esplanade an, die ganz mit Felsen umgeben war, worin man eine Gattung Sitze ausgrub, die kleinen Schilderhäuschen ähnlich waren und worin man die Wache sitzend hielt. Ringsum wuchsen in den Adern vegetabilischer Erde Zwergeichen und dichte Gebüsche von Myrten. Franz hielt seine Fackel abwärts und erkannte an einem Haufen Asche, daß er nicht der erste war, der das Bequeme dieses Platzes bemerkte, und daß es eine gewöhnliche Station derer sein müsse, die die Insel Monte Christo besuchen.

Was seine Spannung auf Ereignisse betraf, so ließ sie nach. Da er einmal seinen Fuß auf dem Festland hatte und die, wenn auch nicht freundliche, doch wenigstens gleichgültige Gesinnung seiner Gastfreunde erkannte, so schwand bei ihm jede Besorgnis, und der Geruch, den die gebratene Ziege vom nahen Lager aus verbreitete, weckte die Eßlust in ihm. Er ließ ob dieser neuen Erscheinung ein paar Worte gegen Gaetano fallen, der ihm zur Antwort gab, es sei nichts Einfacheres als ein Nachtmahl, nur müßte man, wie sie, in der Barke Brot, Wein, sechs Rebhühner und ein gutes Feuer haben, um sie zu braten.

»Außerdem,« fügte er hinzu, »wenn Eure Exzellenz den Geruch der Ziege so anlockend finden, so kann ich hingehen und unseren Nachbarn zwei von unseren Vögeln gegen eine Schwarte ihres Vierfüßlers anbieten.«

»Tut das, Gaetano, tut es!« versetzte Franz. »Ihr seid wahrhaft mit einem Handelsgenie zur Welt gekommen.«

Während dieser Zeit hatten die Matrosen Arme voll Heidekraut ausgerissen, Bündel aus Myrten und grünen Eichen gemacht und ein Feuer darunter angezündet, aus dem bald ein respektabler Herd entstand. Franz, der immer den Wohlgeruch der Ziege einsog, erwartete mit Ungeduld die Zurückkunft des Patrons, bis dieser wieder erschien und mit sehr verstörter Miene auf ihn zuging.

»Nun. was bringt Ihr Neues?« fragte er. »Weist man unser Anerbieten zurück?«

»Im Gegenteil,« antwortete Gaetano, »der Chef, dem man gesagt hat, Sie seien ein junger, französischer Edelmann, ladet Sie ein, mit ihm zu speisen.«

»Wohlan!« sagte Franz. »Dieser Chef hat sehr viel Lebensart, und ich sehe keinen Grund, warum ich mich weigern soll, zumal da ich meinen Teil zur Mahlzeit mitbringe.«

»Oh, es ist nicht das, man hat dort genug zum Mahle, allein er macht zu Ihrem Empfange eine gar seltsame Bedingung.«

»Wie das?« fragte der junge Mann, »hat er sich denn ein Haus bauen lassen?«

»Nein, aber wie man mir wenigstens versichert, hat er eins bei sich, das sehr komfortabel ist.«

»Kennt Ihr also diesen Häuptling?«

»Ich hörte von ihm sprechen.«

»Gutes, oder Schlimmes?«

»Beides.«

»Teufel! Und was für eine Bedingung stellt er mir?«

»Daß Sie sich die Augen verbinden lassen und die Binde nicht eher wegnehmen, als bis er Sie selbst dazu auffordern wird.«

Franz prüfte soviel als möglich Gaetanos Blick, um zu erforschen, was dieser Vorschlag in sich verbergen könne.

»Ah, zum Kuckuck,« erwiderte dieser, »die Sache verdient überlegt zu werden.«

»Was würdet Ihr an meiner Stelle tun?« fragte der junge Mann.

»Ich, der ich nichts zu verlieren habe, würde hingehen.«

»Ihr würdet die Einladung annehmen?«

»Ja, wäre es auch nur aus Neugierde.«

»Ist also bei diesem Anführer etwas Seltsames zu sehen?«

»Hören Sie,« sagte Gaetano mit leiserer Stimme, »ich weiß nicht, ob das wahr ist, was man sagt.«

Er hielt an und blickte um sich, ob ihn kein Fremder höre.

»Und was sagt man denn?«

»Man sagt, dieser Häuptling bewohne einen unterirdischen Palast, gegen den der Palast Pitti nur eine Kleinigkeit wäre.«

»Was für ein Traum!« rief Franz, sich wieder setzend.

»Oh, es ist kein Traum, es ist Wirklichkeit«, versetzte der Patron. »Cama, der Pilot des ›San Ferdinand‹, war eines Tages darin, er kam ganz begeistert zurück und sagte uns, nur in Feenmärchen gäbe es ähnliche Schätze.«

»Sieh an!« sagte Franz. »Wisset Ihr, daß mich solch Gerede bewegen könnte, in die Höhle des Ali-Baba hinabzusteigen?«

»Exzellenz, ich sage Ihnen, was man mir gesagt hat.«

»Ihr ratet mir also, dieser Einladung nachzukommen?«

»Oh, ich sage das nicht; Eure Exzellenz mögen nach eigenem Belieben handeln. Ich möchte Ihnen in diesem Falle keinen Rat erteilen.«

Franz überlegte einige Augenblicke, er sah ein, daß ein so reicher Mann gegen ihn, der nur einige tausend Franken bei sich trug, nichts Böses im Schilde führen könnte, und da er bei alledem nichts weiter im Auge hatte als ein vortreffliches Nachtmahl, so entschloß er sich, zu gehen. Gaetano überbrachte seine Antwort.

Wie schon gesagt, war Franz klug; auch wollte er über diesen seltsamen und geheimnisvollen Mann womöglich nähere Aufschlüsse haben. Er wandte sich also nach der Seite des Matrosen, der während jenes Gespräches die Rebhühner mit dem Ernste eines Mannes rupfte, der auf seine Verrichtungen stolz ist, und fragte ihn, wo denn die Leute landen könnten, da man weder Barken, noch Boote, noch Tartanen erblicke.

»Das macht mich nicht unruhig,« sagte der Matrose, »ich kenne das Schiff, auf dem sie steuern.«

»Ist es ein hübsches Fahrzeug?«

»Ich wünsche Eurer Exzellenz ein solches zu einer Reise um die Welt.«

»Was hat es für eine Größe?«

»Es faßt ungefähr hundert Tonnen. Es ist übrigens ein Phantasieschiff, eine Jacht, wie die Engländer sagen, aber sehen Sie, so trefflich gebaut, daß es sich bei jeder Witterung auf der See zu halten vermag.«

»Und wo wurde es gebaut?«

»Ich weiß es nicht, doch glaube ich in Genua.«

»Und wie,« fuhr Franz fort, »wie kann sich ein Häuptling von Schmugglern getrauen, im Hafen von Genua eine Jacht bauen zu lassen, die zur Ausübung seines Gewerbes bestimmt ist?«

»Ich habe nicht gesagt,« entgegnete der Matrose, »daß der Eigentümer dieser Jacht ein Häuptling von Schmugglern sei.«

»Nein, aber Gaetano sagte das, wie mir scheint.«

»Gaetano hat die Mannschaft nur von ferne gesehen, aber mit niemandem gesprochen.«

»Was ist nun dieser Mensch, wenn er nicht Oberhaupt von Schleichhändlern ist?«

»Ein reicher, vornehmer Herr, der zu seinem Vergnügen reist.«

Ei, dachte Franz, diese Person wird immer geheimnisvoller, weil die Aussagen so abweichend sind. »Wie nennt er sich denn?«

»Wenn man ihn fragt, so antwortet er, er sei Sindbad, der Seefahrer; allein ich zweifle, daß das sein wahrer Name ist.«

»Sindbad, der Seefahrer?«

»Ja.»

»Und wo wohnt denn dieser vornehme Herr?«

»Auf dem Meere.«

»Aus welchem Lande stammt er?«

»Das weiß ich nicht.«

»Habt Ihr ihn gesehen?«

»Einige Male.«

»Was ist er für ein Mensch?«

»Eure Exzellenz werden darüber selbst urteilen.«

»Wo wird er mich wohl empfangen?«

»Gewiß in dem unterirdischen Palast, von dem Ihnen Gaetano sagte.«

»Wenn Ihr da angelandet seid und die Insel öde sahet, hat Euch nie die Neugierde gestachelt, diesen Zauberpalast aufzusuchen und zu betreten?«

»Allerdings, Eure Exzellenz,« erwiderte der Matrose, »und zwar öfter als einmal, allein unsere Nachforschungen waren immer fruchtlos, wir haben die Grotte von allen Seiten durchwühlt, doch nirgends auch nur den kleinsten Eingang aufgefunden. Übrigens heißt es, die Pforte öffne sich nicht mit einem Schlüssel, sondern durch einen magischen Spruch.«

»Ha,« murmelte Franz, »man versetzt mich da offenbar in ein Märchen der Tausendundeinen Nacht.«

»Seine Exzellenz erwartet Sie«, sprach hinter ihm eine Stimme, die er für die der Schildwache erkannte.

Der neue Ankömmling war von zwei Männern aus der Mannschaft der Jacht begleitet. Statt aller Antwort zog Franz ein Schnupftuch aus der Tasche und reichte es dem, der jene Worte an ihn richtete. Ohne ein Wort zu reden, verband man ihm die Augen mit einer Vorsicht, welche anzeigte, wie sehr man seinerseits eine Indiskretion befürchtete. Hierauf ließ man ihn schwören, daß er durchaus keinen Versuch mache, seine Binde abzunehmen, bevor er nicht die Aufforderung hierzu erhielt. Er schwur.

Dann faßten ihn die beiden Männer jeder bei einem Arme, und er ging, von ihnen geführt, während die Schildwache voranschritt. Nach dreißig Schritten merkte er an der Wärme des Feuerbrandes und an dem immer lockenderen Geruche der Ziege, daß er an dem Lager vorbeiging; dann ließ man ihn seinen Weg noch fünfzig Schritt weit fortsetzen, wobei man sich offenbar nach der Seite hinwandte, nach der man Gaetano nicht vordringen lassen wollte, ein Verbot, das sich jetzt aufklärte. Bald darauf merkte Franz an der veränderten Atmosphäre, daß man unterirdisch einbog. Nach Verlauf von einigen Sekunden hörte er ein Gekrach, und es dünkte ihn, die Atmosphäre ändere sich abermals und werde jetzt lau und aromatisch; endlich fühlte er, daß seine Füße auf einem dichten und weichen Teppich wandelten, seine Führer verließen ihn. Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein, worauf eine Stimme gut französisch, doch mit einem fremden Akzente, sprach: »Sie sind bei mir willkommen, mein Herr, und können Ihre Binde abnehmen!«

Wie sich wohl erachten läßt, ließ sich Franz diese Aufforderung nicht zweimal sagen; er nahm sein Taschentuch ab und sah sich einem Manne von dreißig bis vierzig Jahren, in tunesischer Kleidung, gegenüber. Obschon dieser Mann ein fast leichenfahles Gesicht hatte, so war seine Gestalt doch bemerkenswert schön; sein Auge war lebhaft und durchdringend, seine Nase gerade, mit der Stirn fast im gleichen Niveau, und verkündete den griechischen Typus in seiner ganzen Reinheit. Nur war diese Blässe seltsam; man hätte glauben mögen, er sei dem Grabe entstanden und könne die Farbe der Lebendigen nicht mehr annehmen. Aber Franz, der Gaetanos Bericht für einen Traum gehalten, verwunderte sich am meisten über die Kostbarkeit der Einrichtung.

Das ganze Zimmer war mit einem türkischen Stoffe ausgeschlagen, der von karmesinroter Farbe und mit goldenen Blumen durchwirkt war. In einem Erker stand ein Diwan, und über diesem hing eine Trophäe von arabischen Waffen, mit Scheiden in Vermeil gearbeitet, während die Griffe von Edelsteinen funkelten; am Plafond hing eine Lampe von venezianischem Glas, prachtvoll in Form und Farbe. Vorhänge hingen vor der Tür, durch die Franz eingetreten war, sowie vor einer anderen, die in ein zweites Gemach ging, welches hell erleuchtet zu sein schien. Der Gastgeber überließ Franz ein Weilchen ganz seinem Erstaunen, prüfte ihn übrigens, wie er von ihm geprüft wurde, und ließ ihn nicht aus den Augen.

»Mein Herr,« sprach er endlich, »ich bitte tausendmal um Vergebung ob der Vorsichtsmaßregeln, die man von Ihnen begehrte, als Sie zu mir geführt wurden; da indes diese Insel die meiste Zeit verlassen ist, so würde ich, wenn das Geheimnis dieses Aufenthaltsortes bekannt wäre, denselben bei meiner Zurückkunft ohne allen Zweifel in einem schlimmen Zustande antreffen, was mir höchst unangenehm wäre, nicht sowohl wegen des Schadens, den er erlitte, sondern weil ich nicht mehr die Gewißheit hätte, mich von der übrigen Welt absondern zu können, wann es mir eben beliebt. Indes will ich mich jetzt bemühen, bei Ihnen diese kleine Unannehmlichkeit in Vergessenheit zu bringen, indem ich Ihnen anbiete, was Sie hier zu finden nicht vermuteten, nämlich ein annehmbares Nachtmahl und gute Betten.«

»Meiner Treu, lieber Gastfreund,« entgegnete Franz, »Sie haben sich deshalb nicht zu entschuldigen. Ich habe immer gehört, daß man allen, die je in Zauberpaläste eintraten, die Augen verband, sehen Sie nur Raoul an in den ›Hugenotten‹; und ich habe mich wahrlich nicht zu beklagen, denn was Sie mir da zeigen, bildet die Fortsetzung von den Wundern der Tausendundeinen Nacht.«

»Ach, ich möchte Ihnen zurufen wie Lucullus: Hätte ich gewußt, daß mir die Ehre Ihres Besuches zuteil wird, so würde ich mich darauf vorbereitet haben. Allein, wie auch meine Einsiedelei ist, so steht sie zu Ihrer Verfügung, und mein Nachtmahl ist Ihnen angeboten, wie schmal es auch sein mag. Ali, hast du aufgetragen?«

Fast in demselben Augenblick ging der Türvorhang in die Höhe, und ein nubischer Mohr, schwarz wie Ebenholz und in eine einfache weiße Tunika gehüllt, machte seinem Gebieter das Zeichen, daß alles bereit sei.

»Nun weiß ich nicht,« sprach der Unbekannte zu Franz, »ob Sie wohl meiner Ansicht sind, allein ich finde nichts so unbehaglich, als wenn man sich zwei oder drei Stunden gegenübersitzt und nicht weiß, mit welchem Namen oder Titel man sich anreden soll. Befürchten Sie indes keine Indiskretion; ich bitte Sie bloß, mir irgendeine Benennung anzugeben, unter der ich meine Worte an Sie richten kann. Was mich betrifft, so sage ich Ihnen zu diesem Behufe, daß man mich Sindbad, den Seefahrer, zu nennen pflegt.«

Franz erwiderte: »Da mir, um in der Lage Aladdins zu sein, nichts abgeht als die berühmte Wunderlampe, so sehe ich darin keine Schwierigkeit, wenn Sie mir für den Augenblick den Namen Aladdin geben. Damit treten wir nicht aus dem Orient heraus, wohin mich, wie ich zu glauben versucht bin, die Macht eines guten Genius versetzt hat.«

»Wohlan, edler Herr Aladdin!« versetzte der fremde Amphitrion. »Sie haben gehört, daß aufgetragen ist, nicht wahr? Wollen Sie sich also in den Speisesaal bemühen, Ihr ergebener Diener schreitet voran, um Ihnen den Weg zu weisen.«

Nach diesen Worten hob Sindbad den Türvorhang in die Höhe und schritt Franz voran.

Franz wandelte von Zauber zu Zauber; die Tafel war prunkvoll bestellt. Da er einmal über diesen wichtigen Punkt im reinen war, wandte er die Augen ringsherum. Der Speisesaal war nicht weniger glänzend als das Wohnzimmer, das er eben verließ; er war ganz aus Marmor mit antiken Basreliefs von sehr hohem Werte, und an den vier Ecken dieses länglichen Saales standen vier prachtvolle Statuen, die Körbe auf ihren Köpfen trugen. Diese Körbe enthielten Pyramiden von köstlichen Früchten: es waren Ananas aus Sizilien, Granatäpfel aus Malaga, Orangen von den balearischen Inseln, Pfirsiche aus Frankreich und Datteln aus Tunis. Das Nachtmahl bestand aus einem gebratenen Fasan, umgeben mit Amseln aus Korsika, aus einer Eberkeule in Gelee, einem Viertel Ziege à la tatare, einem prächtigen Steinbutt und einer riesenhaften Languste. Die Zwischenräume der großen Schüsseln waren mit kleinen Schüsseln ausgefüllt, die Beigerichte enthielten. Die Schüsseln waren von Silber, die Teller aus japanischem Porzellan. Franz rieb sich die Augen, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Ali allein ward zur Bedienung zugelassen und entledigte sich seines Amtes vortrefflich. Der Gast machte hierüber seinem Wirte ein Kompliment.

»Ja,« erwiderte dieser, indem er bei seinem Nachtschmause die Honneurs mit der größten Behendigkeit machte, »ja, es ist ein armer Teufel, der mir sehr ergeben ist und sein Geschäft nach Kräften versieht. Er erinnert sich, daß ich ihm das Leben gerettet habe, und da er einen Wert auf seinen Kopf zu legen scheint, so beweist er mir, um ihn zu bewahren, alle Erkenntlichkeit.«

Ali verstand zwar nicht Französisch, doch las er in den Blicken Sindbads, daß er von ihm redete; demzufolge näherte er sich und küßte die Hand seines Gebieters.

»Edler Herr Sindbad,« sagte Franz, »wäre es wohl zu unbescheiden, wenn ich Sie fragte, bei welcher Gelegenheit Sie diese schöne Handlung verübten?«

»O mein Gott,« erwiderte der Gefragte, »die Sache ist ganz einfach. Wie es scheint, ist der Bursche etwas näher bei dem Serail des Bei von Tunis herumgestrichen, als es für einen Menschen seiner Farbe geziemend war, wonach er von dem Bei verurteilt wurde, daß ihm die Zunge, die Hand und der Kopf abgeschnitten werde, und zwar die Zunge am ersten, die Hand am zweiten und der Kopf am dritten Tage. Ich hätte längst gern einen Stummen in meinem Dienst gehabt; ich wartete, bis ihm die Zunge abgeschnitten wurde, ging dann zum Bei, und machte ihm den Vorschlag, mir den Burschen gegen eine herrliche Doppelflinte zu überlassen. Seine Hoheit schwankte einen Augenblick, da ihm viel daran lag, diesen armen Teufel aus der Welt zu schaffen. Als ich aber jener Flinte ein englisches Jagdmesser beifügte, womit ich den Jatagan seiner Hoheit durchschnitten hatte, entschloß sich der Bei, ihn in bezug auf die Hand und den Kopf zu begnadigen, stellte jedoch die Bedingung, daß er nie wieder einen Fuß nach Tunis setze. Allein dieser Befehl war unnötig; wenn der arme Schlucker die Küste von Afrika aus der weitesten Ferne erblickt, so flüchtet er sich in den Grund des Schiffes und ist daraus nicht mehr hervorzubringen, als bis der dritte Weltteil aus den Augen entschwindet.«

Franz blieb einen Augenblick stumm und nachdenkend, indem er überlegte, was von der grausamen Gutherzigkeit zu halten sei, mit der ihm sein Gastgeber das erzählte.

Dann änderte er das Gespräch und sagte: »Bringen Sie also als ehrenwerter Seemann, wie Ihr Name besagt, Ihr Leben mit Reisen zu?«

»Ja,« entgegnete der Unbekannte lächelnd, »es ist ein Gelübde, das ich einstmals tat, wo ich es kaum erfüllen zu können glaubte.«

Obwohl Sindbad diese Worte mit der größten Kaltblütigkeit aussprach, so hatten doch seine Augen einen Blick von seltsamer Wildheit geschleudert.

»Sie haben wohl viel Leiden überstanden, mein Herr?« fragte Franz.

Sindbad zitterte, blickte ihn starr an und fragte:

»Woran sehen Sie das?«

»An allem,« entgegnete Franz, »an Ihrer Stirn, an Ihrem Blicke, an Ihrer Blässe und an dem Leben selbst, das Sie führen.«

»Ich? Oh, ich führe das glücklichste Leben, das ich kenne, das wahrhafte Leben eines Pascha; ich bin der König der Schöpfung: gefällt es mir an einem Orte, so bleibe ich, spür' ich Langeweile, so reise ich ab; ich bin frei wie der Vogel und habe Schwingen wie er. Die Leute, die mich umgeben, gehorchen mir auf einen Wink; bisweilen belustige ich mich damit, daß ich einen Banditen oder sonst einen verfolgten Verbrecher vor den Sbirren rette. Dann habe ich meine eigene Rechtspflege, eine niedere und hohe, ohne Aufschub und Appellation, die verdammt und losspricht, und wogegen niemand eine Einsprache zu tun hat. Oh, wenn Sie mein Leben gekostet hätten, würden Sie sich kein anderes mehr wünschen und nie wieder in die Welt zurückkehren, falls nicht irgendein Zwang besteht.«

»Zum Beispiel – eine Rache!« sagte Franz.

Der Unbekannte warf dem jungen Mann einen jener Blicke zu, die ins Tiefste des Herzens und der Gedanken eindringen.

»Und warum eine Rache?« fragte er.

»Weil Sie das Aussehen eines Mannes haben,« sagte Franz, »der mit der menschlichen Gesellschaft eine furchtbare Rechnung abzuhalten hat.«

Sindbad lächelte auf seltsame Weise und sagte: »Sie irren; wie Sie mich da sehen, bin ich eine Art Menschenfreund, und vielleicht gehe ich einmal nach Paris, um mich mit Herrn Appert und mit dem Mann im kleinen blauen Mantel zu messen.«

»Würden Sie diese Reise zum ersten Male machen?«

»Ja! Aber ich versichere Ihnen, es ist nicht meine Schuld, daß ich so lange gesäumt habe; es wird gewiß einmal geschehen.«

»Sind Sie gesonnen, diese Reise bald zu machen?«

»Das weiß ich noch nicht; es hängt von Umständen ab, die wieder mit gewissen Kombinationen in Verbindung stehen.«

»Ich wünschte, wenn Sie reisen, bis dahin gleichfalls dort zu sein, denn ich würde nach Kräften bemüht sein, Ihnen die Gastfreundschaft zu erwidern, die Sie mir auf Monte Christo so reichlich erwiesen.«

»Ich würde Ihr Anerbieten mit großer Freude annehmen,« erwiderte der Unbekannte, »doch werde ich wahrscheinlich, wenn ich hinreise, inkognito bleiben.«

Inzwischen hatte das Souper seinen Fortgang und schien auch bloß für Franz aufgetragen worden zu sein, denn der Unbekannte hatte kaum ein oder zwei Gerichte des glänzenden Festmahls gekostet, dem doch der unverhoffte Gast alle Ehren erwies. Endlich brachte Ali den Nachtisch oder nahm vielmehr die Körbe aus den Händen der Statuen und stellte sie auf den Tisch. Zwischen je zwei Körbe setzte er einen Becher von Vermeil, der mit einem Deckel von demselben Metall verschlossen war.

Die Achtsamkeit, mit der Ali diesen Becher brachte, steigerte die Neugierde des Franz; er nahm den Deckel weg und sah eine Art grünlichen Teiges, der den Angelika-Zuckerwerken glich, ihm aber ganz unbekannt war. Er legte den Deckel zurück und wußte ebensowenig wie vorher, was dieser Becher enthielt; als er die Augen zu seinem Wirte erhob, sah er ihn über seine Verwirrung lächeln.

»Sie können es nicht erraten,« sprach dieser, »was für ein Naschwerk diese kleine Vase enthält, und das ärgert Sie – nicht wahr?«

»Ich gestehe es.«

»Hm, diese Art Zuckerwerk von grünlicher Farbe ist nicht mehr und nicht weniger als die Ambrosia, die Hebe an Jupiters Tafel kredenzt hat.«

»Aber gewiß hat diese Ambrosia,« sagte Franz, »als sie durch die Hände der Menschen ging, ihren himmlischen Namen verloren, um einen menschlichen anzunehmen? Wie heißt denn im gemeinen Leben dieser Leckerbissen, für den ich übrigens kein großes Verlangen in mir verspüre?«

»Ach, eben das beurkundet unsern materiellen Ursprung,« rief Sindbad; »wir gehen so oft an unserm Glücke vorüber, ohne es zu sehen, ohne es anzublicken, oder, wenn wir es gesehen und angeblickt haben, ohne es zu erkennen. Sind Sie ein positiver Mensch und ist das Gold Ihr Gott? Kosten Sie das, und die Minen von Peru, Guzerate und Golkonda werden sich Ihnen aufschließen. Sind Sie ein Mann von Einbildungskraft? Sind Sie ein Dichter? Kosten Sie nur, und die Schranken des Möglichen werden Ihnen verschwinden, die Bereiche des Unendlichen werden sich Ihnen öffnen, und Sie wandeln frei im Herzen, frei im Geiste umher in dem markenlosen Gebiete des Traumlebens. Sind Sie ehrsüchtig? Jagen Sie nach irdischer Größe? Kosten Sie immerhin davon, und in einer Stunde werden Sie König sein, nicht etwa König eines kleinen Reiches, das wie Frankreich, Spanien oder England in einem Winkel der Erde verborgen liegt, sondern König der Welt, König des Universums, König der Schöpfung; Ihr Thron wird dort auf jenem Berge aufgerichtet sein, wohin Jesus vom Satan geführt ward; und ohne daß Sie diesem huldigen müssen, ohne daß Sie gezwungen werden, ihm die Krallen zu küssen, werden Sie unumschränkter Herr sein über alle Reiche der Erde. Sagen Sie nun, ist das nicht lockend, was ich Ihnen anbiete? Und ist das nicht etwas Leichtes, indem Sie nur dieses zu tun brauchen? Sehen Sie!«

Bei diesen Worten nahm er gleichfalls den Deckel von seinem kleinen Becher weg, der die so sehr gerühmte Substanz enthielt, nahm einen Kaffeelöffel voll von dem magischen Zuckerwerke, führte ihn an die Lippen und sog die Substanz langsam in den Mund, die Augen halb geschlossen und den Kopf übergeneigt. Franz ließ ihm Zeit, seinen Leckerbissen zu genießen, dann aber sprach er:

»Was ist das nun für ein kostbares Gericht?«

»Haben Sie schon vom ›Alten vom Berge‹ gehört,« fragte Sindbad, »jenem, den Philipp August umbringen lassen wollte?«

»Ja.«

»Gut, Sie wissen, daß er über ein reiches Tal regierte, das der Berg beherrschte, von dem er seinen Namen angenommen hat. In diesem Tale gab es prachtvolle Gärten, angelegt von Hassan-ben-Sabah, und in diesen Gärten abgesonderte Pavillons. In diese Pavillons ließ er seine Auserwählten eintreten und sie daselbst, sagt Marco Polo, ein gewisses Kraut essen, das sie in das Paradies versetzte, mitten unter ewig blühende Pflanzen, ewig reife Früchte und immerwährende Jungfrauen. Was nun die seligen jungen Leute für Wirklichkeit hielten, war ein Traum, doch so sanft, berauschend und wonnig, daß sie Leib und Seele an den verkauften, der ihnen diese Seligkeit bescherte, daß sie seinen Aufträgen gehorchten wie göttlichen Geboten und bis ans Ende der Welt gingen, um das angedeutete Opfer zu erschlagen, unter Martern starben, ohne sich zu beklagen, nur daran denkend, daß der Tod, dem sie sich unterzogen, nur ein Übergang sei zu jenem wonnevollen Leben, von dem ihnen das Kraut, das man ihnen vorsetzte, einen Vorgeschmack gab.«

»Das ist also Haschisch«, rief Franz. »Ja, ich kenne es wenigstens dem Namen nach.«

»Sie haben es bei dem rechten Namen genannt, Herr Aladdin, es ist Haschisch; das beste und reinste, was es in Alexandria, was es von Abou-Gar gibt, dem großen Bereiter, dem einzigen, dem Manne, für den man einen Palast bauen sollte mit der Inschrift: ›Dem Glückverkäufer die dankbare Welt!‹«

»Wissen Sie wohl,« sagte Franz, »daß ich große Lust habe, mich selbst von der Wahrheit oder Übertreibung Ihres Lobes schiedsrichterlich zu überzeugen?«

»Urteilen Sie selbst, mein Gast, urteilen Sie! Doch bleiben Sie nicht schon bei der ersten Erfahrung stehen. Wie bei jeder Sache, muß man die Sinne an einen neuen Eindruck gewöhnen, ob er nun sanft oder heftig, düster oder angenehm sei. Es ergibt sich ein Kampf der Natur gegen diese göttliche Substanz, der Natur, die nicht geeignet ist für die Freude und sich an den Schmerz anklammert. Die überwundene Natur muß im Kampfe unterliegen; die Wirklichkeit muß dem Traume nachfolgen, dann herrscht der Traum unumschränkt. Hierauf wird der Traum zum Leben, das Leben zum Traume; doch wie groß ist der Unterschied in dieser Umgestaltung, wenn man nämlich die Schmerzen der wirklichen Existenz mit den Wonnen der scheinbaren vergleicht! Sie werden nicht mehr leben, sondern stets nur träumen wollen. Wenn Sie Ihre Welt verlassen und übergehen in die Welt der andern, so dünkt es Sie, als träten Sie aus einem neapolitanischen Frühling in einen lappländischen Winter. Es wird Ihnen vorkommen, als ob Sie das Paradies mit der Erde, den Himmel für die Hölle vertauschen. Nehmen Sie Haschisch, mein Gast, nehmen Sie!«

Statt aller Antwort nahm Franz einen Löffel voll von diesem wunderbaren Teig nach dem Bemessen, was sein Amphitrion genossen, und führte ihn zum Munde. Nachdem er dieses göttliche Zuckerwerk verschluckt hatte, rief er: »Teufel! Ich weiß noch nicht, ob das Resultat so angenehm sein wird, wie Sie sagen, allein schmecken tut es scheußlich.«

»Weil Ihr Gaumen für die Erhabenheit dieses Genusses noch nicht geeignet ist. Sagen Sie mir, liebten Sie auf das erste Mal schon die Austern, den Tee, den Porter, die Trüffeln und alles das, wofür Sie nachher geschwärmt haben? Begreifen Sie jetzt, warum die Römer die Fasanen mit Assa foetida würzten und die Chinesen Schwalbennester essen? Ebenso verhält es sich mit dem Haschisch; genießen Sie es nur acht Tage nacheinander, und es wird Ihnen scheinen, daß keine Speise in der Welt der Feinheit dieses Genusses gleichkomme. Übrigens, gehen wir jetzt ins Nebengemach, das heißt in Ihr Zimmer; Ali wird uns Kaffee bringen.«

Franz trat in das anstoßende Zimmer.

Dieses war einfacher, jedoch nicht weniger reich möbliert. Es war von runder Form, und ringsherum lief ein Diwan. Aber Diwan, Wände, Plafonds und der Boden waren mit prachtvollen Häuten überzogen, die so sanft und weich wie die weichsten Teppiche waren; es waren Häute von Löwen des Atlas mit mächtigen Mähnen, Häute von Tigern aus Bengalen mit den warmen Streifen, hellgefleckte Häute von Panthern vom Kap, wovon Dante spricht, endlich Häute von Bären aus Sibirien, von Füchsen aus Norwegen, und alle diese Häute und Felle waren so verschwenderisch übereinander gehäuft, daß man auf dem üppigsten Rasen und dem weichsten Seidenbette zu ruhen vermeinte. Beide streckten sich auf die Diwans hin, Pfeifen mit Jasminröhren und Mundstücken aus Ambra waren in solcher Menge zur Hand, daß man nicht zweimal aus einer und derselben zu rauchen brauchte. Jeder nahm eine davon. Ali zündete sie an und ging dann fort, um den Kaffee zu bringen.

»Wie wollen Sie ihn nehmen?« fragte der Unbekannte.

»Auf französische oder auf türkische Art, stark oder schwach, mit oder ohne Zucker, durchsickert oder abgesotten? Nach Ihrem Belieben, er steht bereit in allen Arten.«

»Ich werde ihn auf türkische Weise nehmen«, entgegnete Franz.

»Oh, Sie haben recht,« rief der Wirt, »das beweist, daß Anlage zum orientalischen Leben in Ihnen ist. Ha, wissen Sie, daß die Orientalen die einzigen Menschen sind, die zu leben verstehen? Was mich betrifft,« fügte er mit einem seltsamen Lächeln hinzu, das dem jungen Manne nicht entging, »so werde ich mich, wenn meine Geschäfte in Paris abgetan sind, nach dem Orient begeben, um dort zu sterben, und wollen Sie mich dann wiedersehen, so müssen Sie mich in Kairo, in Bagdad oder Ispahan aufsuchen.«

»Bei meiner Treue!« sagte Franz. »Nichts in der Welt kann leichter geschehen, denn ich glaube, es wachsen mir Adlerflügel, und mit diesen Schwingen werde ich die Welt in vierundzwanzig Stunden umkreisen.«

»Haha! Es ist der Haschisch, der bereits wirkt. Wohlan, breiten Sie Ihre Flügel aus und fliegen Sie in überirdische Regionen; fürchten Sie nichts, man wird Sie behüten, und wenn Ihre Fittiche, wie die des Ikarus, an der Sonne schmelzen, so werden wir Sie auffangen.«

Dann sprach er einige arabische Worte zu Ali, der ein Zeichen des Gehorsams gab und sich zurückzog, aber ohne sich zu entfernen.

Mit Franz ging in kurzer Zeit eine seltsame Umwandlung vor; alle physische Anstrengung des Tages, alle Ermüdung des Geistes, die eine Folge der Ereignisse des Abends war, verschwand wie in einem ersten Moment der Ruhe, wo man noch genug lebt, um die Herannäherung des Schlafes zu fühlen. Sein Leib schien eine körperlose Leichtigkeit zu bekommen, sein Geist lichtete sich auf eine nie empfundene Weise, seine Sinne schienen ihre Fähigleiten zu verdoppeln. Der Horizont erweiterte sich mehr und mehr, doch war es nicht mehr jener düstere Horizont, der sich mit beklemmender Unruhe erfüllt, sondern ein blauer, heller, weiter Horizont, mit allem dem, was das Meer an Azur, die Sonne an Goldflimmer, der Westwind an Wohlgerüchen an sich hat. Dann befand er sich plötzlich in einem prunkvollen, matt rosig erleuchteten Schlafgemach. Jungfrauen von wunderbarer Schönheit mit langwallendem Haar streckten ihre Arme nach ihm aus, als wollten sie ihn alle zugleich besitzen. Das war nun eine Wonne ohne Aufhören, eine Liebe ohne Ruhe, wie jene ist, die der Prophet seinen Auserwählten verheißen hat. Und Franz, dem die Gewalt des Haschisch zum erstenmal offenbar wurde, empfand diese Liebe fast als Schmerz, wie ihm diese Wonnen fast zur Marter wurden, da er fühlte, daß die Lippen dieser Schönen kalt wie Eis waren. Allein je mehr seine Arme diese unbekannte Liebe zurückzustoßen versuchten, desto mehr unterlagen seine Sinne den Reizen dieser geheimnisvollen Traumerscheinungen, so daß er nach einem Kampfe, für den man seine Seele hingegeben hätte, sich ohne Sträuben hingab und unter den Zaubern dieses bisher nie empfundenen Traumes keuchend, brennend und erschöpft zurücksank.


Als Franz wieder zu sich kam, dünkten ihn die äußeren Gegenstände wie ein zweiter Teil seines Traumes; er glaubte sich in einem Grabe, in das mühevoll ein Sonnenstrahl wie ein Blick des Mitleids hineindrang; er streckte die Hand aus und fühlte Stein; er richtete sich sitzend auf und sah, daß er in seinem Burnus auf einem Bett von dürrem, sehr weichem und wohlriechendem Heidekraut lag. Die Erscheinungen waren verschwunden. Er tat einige Schritte ostwärts, wo der Tag anbrach; auf die Erregung des Traumes folgte die Ruhe der Wirklichkeit. Er sah sich in einer Grotte, ging nach der Öffnung zu und erblickte durch die Bogentür den blauen Himmel und das azurne Meer. Luft und Wasser glänzten in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Am Ufer saßen die Matrosen, wo sie schwatzten und lachten; zehn Schritt davon auf dem Meere schaukelte die Barke, die vor Anker lag.

Hierauf ließ er sich eine Zeitlang von dem erquickenden Westwinde die Stirn fächeln, er horchte auf das schwache Plätschern der Welle, die sich am Ufer brach, indem sie an den Felsen Spitzen von silberweißem Schaum zurückließ; er gab sich ohne Nachdenken und Überlegung jenem göttlichen Zauber hin, der in den Dingen der Natur liegt, zumal, wenn man aus einem phantastischen Traume erwacht; hierauf rief jenes äußere Leben, das so ruhig, so rein und großartig war, das Unwahrscheinliche seines Traumes in ihm zurück, und die Erinnerungen fingen an, in seinem Gedächtnisse aufzutauchen, übrigens war sein Kopf vollkommen frei, sein Körper vollkommen ausgeruht; sein Gehirn war nicht verdüstert, im Gegenteil fühlte er durchaus ein gewisses Wohlbehagen, eine Fähigkeit, Luft und Licht mehr als je in sich zu schlürfen. Er näherte sich also wohlgemut seinen Matrosen. Als sie ihn sahen, standen sie auf, und der Patron trat zu ihm.

»Herr Sindbad«, sprach er zu ihm, »hat uns alle seine besten Komplimente für Eure Exzellenz aufgetragen und uns gesagt, wie er bedaure, daß er von Ihnen nicht Abschied nehmen konnte; allein er hofft, Sie werden ihn entschuldigen, da ihn ein sehr wichtiges Geschäft nach Malaga beruft.«

»So ist denn alles Wahrheit gewesen? Existiert wirklich ein Mann, der mich auf dieser Insel empfangen, der mich königlich bewirtet hat und fortgereist ist, während ich noch schlief?«

»Er existiert dermaßen, daß Sie dort seine kleine Jacht mit vollen Segeln fortfahren sehen, und wenn Sie Ihre Lorgnette nehmen, so werden Sie Ihren Wirt wahrscheinlich mitten unter seiner Mannschaft erkennen.«

Während Gaetano dieses sprach, streckte er seine Hand in der Richtung eines kleinen Fahrzeuges aus, das gegen die Südspitze von Korsika lossteuerte. Franz zog seine Lorgnette hervor und wandte sich nach der angedeuteten Richtung. Gaetano hatte sich nicht geirrt. Auf dem Hinterteil des Schiffes stand der geheimnisvolle Fremde, ebenfalls wie er, ein Fernglas in der Hand. Er trug dieselbe Kleidung wie tags zuvor beim Empfange seines Gastes und wehte mit einem Schnupftuche zum Zeichen des Abschieds. Franz erwiderte seinen Gruß, indem er gleichfalls sein Taschentuch in der Luft flattern ließ.

»Was befehlen Eure Exzellenz nun?« fragte Gaetano.

»Fürs erste, daß Ihr mir eine Fackel anzündet.«

»O ja, ich verstehe, um den Eingang in die Zauberwohnung zu suchen. Viel Vergnügen, Exzellenz! Gern will ich Ihnen die verlangte Fackel geben. Auch ich machte schon mehrmals den Versuch, habe aber jedesmal wieder abgelassen.«

»Giovanni,« rief er, »zünde eine Fackel an und bringe sie Seiner Exzellenz.«

Giovanni gehorchte. Franz nahm die Fackel und trat in den unterirdischen Raum, wohin Gaetano ihm folgte.

Er erkannte die Stelle wieder, auf der er erwachte, an dem Lager von Heidekraut, das ganz zerdrückt war; er konnte aber seine Fackel noch so gut an der äußeren Oberfläche der Grotte hin und her wenden, er sah nichts, außer Spuren von Rauch, da bereits andere vor ihm vergeblich dieselbe Nachforschung gemacht hatten. Indes ließ er nicht einen Fußbreit ununtersucht an dieser Granitmauer, die undurchdringlich war wie die Zukunft. Er bemerkte keine Spalte, in die er nicht die Klinge seines Weidmessers gestoßen hätte. Er gewahrte keinen hervorspringenden Punkt, an dem er nicht in der Hoffnung rüttelte, daß er weichen würde; aber alles war fruchtlos, er verlor ohne jeden Erfolg zwei Stunden mit diesen Nachforschungen. Da hörte er auf zu suchen. Gaetano triumphierte.

Als Franz zum Seegestade zurückkehrte, zeigte sich die Jacht nur noch als ein weißer Punkt am Horizonte; er nahm wieder sein Fernglas zur Hand, aber selbst mit diesem Instrumente vermochte er nichts mehr zu unterscheiden. Gaetano erinnerte ihn, daß er hierher gekommen sei, um Ziegen zu jagen, was er wohl ganz vergessen habe. Er griff nach seiner Flinte und durcheilte die Insel mit der Miene eines Menschen, der viel mehr einer Pflichterfüllung als seinem Vergnügen nachkommt, und erlegte nach Verlauf einer Viertelstunde eine alte und zwei junge Ziegen. Obwohl aber diese Ziegen wild und behende waren wie Gemsen, so hatten sie doch eine zu große Ähnlichkeit mit unsern Hausziegen, und Franz betrachtete sie nicht als ein Wildbret.

Hierauf beschäftigte sich sein Geist mit ganz anderen Gedanken. Er war seit gestern in der Tat ein Träumer aus Tausendundeiner Nacht, und unwiderstehlich zog es ihn nach der Grotte hin. Obschon seine erste Nachforschung nutzlos war, begann er doch noch eine zweite, nachdem er Gaetano den Auftrag erteilt hatte, zwei junge Ziegen zu braten. Diese zweite Nachsuchung dauerte sehr lange, denn als er zurückkehrte, waren die Ziegen gebraten, und das Frühmahl stand bereit.

Franz setzte sich an die Stelle, wo er tags zuvor von dem geheimnisvollen Wirte zum Nachtmahl eingeladen worden war, und sah noch, wie die kleine Jacht gleich einer Möwe, die über eine Welle hinschwebt, die Fahrt in der Richtung gegen Korsika fortsetzte.

»Aber«, sprach er zu Gaetano, »Ihr habt mir ja gesagt, Herr Sindbad segle nach Malaga, indes er, wie mir scheint, seine Richtung nach Porto Dechio nimmt.«

»Erinnern Sie sich nicht mehr,« entgegnete der Patron, »daß ich Ihnen gesagt habe, es befänden sich zwei korsische Banditen unter seiner Schiffsmannschaft?«

»Allerdings,« sprach Franz, »und er wird sie an der Küste aussetzen.«

»Richtig. Oh, das ist ein Mann,« sprach Gaetano, »der weder Gott noch den Teufel fürchtet, wie man sagt, und der einen Umweg von fünfzig Meilen macht, um einem armen Menschen einen Dienst zu erweisen.«

»Aber diese Art Dienstleistung könnte ihm wohl Verdruß von seiten der Behörden dieses Landes bringen, wo er diese Philanthropie ausübt.«

»Das wohl,« sagte Gaetano lachend, »aber was kümmert er sich um Behörden. Man möge ihn nur einmal verfolgen. Fürs erste ist seine Jacht kein Schiff, sondern ein Vogel, er würde einer Fregatte bei zwölf Knoten drei vorgeben, und dann brauchte er sich nur an die Küste zu flüchten, wo er überall Freunde finden würde.«

Bei alledem war es klar, daß Herr Sindbad, der Gastfreund Franzens, die Ehre hatte, mit den Schleichhändlern und Banditen aller Küsten des Mittelmeeres in Verbindung zu stehen, was ihn in eine seltsame Stellung bringen mußte. Franz hielt nun nichts länger auf Monte Christo zurück; er hatte alle Hoffnung aufgegeben, die Geheimnisse der Grotte aufzufinden. Er beeilte sich demnach, zu frühstücken, und befahl seinen Leuten, die Barke in Bereitschaft zu halten. Eine halbe Stunde darauf war er an Bord. Er schickte der Jacht einen letzten Blick nach; sie war eben im Begriff, im Golf von Porto Vechio zu verschwinden. Er gab das Zeichen zur Abfahrt. In dem Moment, wo die Barke sich in Bewegung setzte, verschwand die Jacht; mit ihr erlosch die letzte Wirklichkeit der vergangenen Nacht.

Die Barke steuerte den ganzen Tag und die ganze Nacht, und als sich am folgenden Morgen die Sonne erhob, war auch die Insel Monte Christo aus den Augen entschwunden. Als Franz seinen Fuß auf das Festland gesetzt, vergaß er, wenigstens für den Augenblick, alle die erlebten Vorfälle, um seine Angelegenheiten in Florenz zu erledigen und sich wieder mit seinem Gefährten zu vereinigen, der ihn in Rom erwartete. Er reiste somit ab, und Sonnabendabends war er mit der Mallepost auf dem Douanenplatz angelangt. Die Wohnung war, wie gesagt, schon im voraus gemietet, er brauchte sich also nur nach dem Hotel des Maestro Pastrini zu begeben, was keine leichte Sache war, indem die Menge die Gassen erfüllte, weil in Rom das dumpfe, fieberhafte Leben herrschte, das großen Ereignissen vorangeht. Nun gibt es in Rom jährlich vier großartige Ereignisse: den Karneval, die Karwoche, das Fronleichnamsfest und den heiligen Peterstag. Übrigens verharrt die Stadt das ganze Jahr hindurch in ihrer düstern Melancholie, einem Mittelzustande zwischen Leben und Tod, wodurch sie eine Art Station zwischen dieser und jener Welt wird, eine erhabene Station, ein Halt von Poesie und von Charakter, den Franz schon fünf- bis sechsmal erfahren und jedesmal wunderbarer und sinnvoller gefunden hatte. Endlich durchschritt er das Gedränge, das immer mehr zunahm, immer ungestümer wurde, und erreichte das Hotel. Auf seine erste Frage antworteten ihm die Kutscher und Fiaker mit ihrer eigentümlichen Unverschämtheit: im »Hotel von London« gäbe es keinen Platz mehr. Da schickte er seine Karte zu Maestro Pastrini und ließ Albert von Morcerf rufen. Dieses Mittel gelang: Maestro Pastrini lief selbst herbei und entschuldigte sich, daß er Seine Exzellenz warten ließ, zankte mit seinen Kellnern, nahm den Leuchter aus der Hand des Cicerone, der sich bereits an den Reisenden gehängt hatte, und schickte sich an, ihn zu Albert zu geleiten, als ihm dieser schon entgegeneilte.

Die vorbehaltene Wohnung bestand aus zwei Zimmern und einem Kabinett. Beide Zimmer gingen auf die Gasse, ein Umstand, dem Maestro einen unschätzbaren Wert beizulegen bemüht war. Der übrige Teil des Stockwerkes ward von einem reichen Manne gemietet, der für einen Sizilianer oder Malteser galt; allein der Wirt konnte nicht bestimmt sagen, welcher von beiden Nationen der Reisende angehörte.

»Das ist recht gut, Maestro Pastrini,« sagte Franz, »allein wir bedürfen für diesen Abend unumgänglich ein Nachtmahl und für morgen und die folgenden Tage einen Wagen.«

»Was das Souper betrifft, so sollen Sie alsogleich bedient werden,« sagte der Wirt, »was aber den Wagen anbelangt...«

»Warum den Wagen?« rief Albert. »Keinen Scherz, Maestro, wir müssen ohne weiteres eine Kalesche haben.«

»Mein Herr,« erwiderte der Gastwirt, »man wird tun, was nur möglich ist; mehr kann ich nicht versprechen.«

»Und wann werden wir Antwort bekommen?« fragte Franz.

»Morgen früh«, entgegnete der Gastwirt.

»Zum Teufel!« sagte Albert. »Ich zahle gern mehr als den üblichen Preis.«

»Ich bedauere sehr, wenn die Herren auch das Doppelte böten, würde es nichts helfen.«

»So lasse man Pferde an meine Kutsche spannen – sie ist von der Reise zwar ein wenig mitgenommen, doch daran liegt nichts.«

»Man wird keine Pferde finden.«

Albert blickte Franz an wie ein Mensch, dem man eine Antwort gibt, die ihm unverständlich ist.

»Begreifen Sie das, Franz, keine Pferde? Aber Postpferde, kann man auch diese nicht bekommen?«

»Sie sind schon seid vierzehn Tagen vermietet, und man hat nur noch diejenigen, die man unumgänglich zum Dienst benötigt.«

»Was sagen Sie dazu?« sagte Franz.

»Ich sage, wenn etwas über meinen Verstand geht, so bleibe ich nicht dabei, sondern gehe auf etwas anderes über. Maestro Pastrini, ist das Souper bereit?«

»Ja, Exzellenz!«

»Gut, so wollen wir fürs erste essen.«

»Aber die Kalesche und die Pferde?« sagte Franz. »Seien Sie ganz ruhig, Freund, sie kommen von selbst, es wird sich nur um den Preis handeln.«

Morcerf setzte sich mit jener bewunderungswürdigen Philosophie eines Menschen, der nichts für unmöglich hält, solange er seine Börse rund und den Reisesack wohlgefüllt weiß, zu Tisch, legte sich zu Bett, schlief fest ein und träumte, daß er in einer Kalesche mit sechs Pferden im Karneval herumkutschiere.


Am folgenden Morgen erwachte Franz zuerst, und als er wach wurde, läutete er. Das Glöcklein vibrierte und schallte noch, als Maestro Pastrini eintrat.

Ohne daß der Wirt von Franz eine Frage abwartete, rief er schon triumphierend: »Eure Exzellenz, ich vermutete es gestern schon, als ich Ihnen nichts versprechen wollte: Sie haben sich zu spät vorgesehen, es ist in ganz Rom für die drei letzten Tage des Karnevals keine Kalesche mehr zu vermieten.«

»Was ist's?« fragte Albert eintretend. »Keine Kalesche?«

»Es ist so, lieber Freund!« erwiderte Franz.

»Das heißt, Eure Exzellenz,« antwortete Maestro Pastrini, »es ist keine Kalesche mehr zu haben von Sonntag früh bis Dienstag abend; außerdem aber finden Sie fünfzig, wenn Sie wollen.«

»Ha, das ist schon etwas,« sagte Albert; »wir haben heute Donnerstag, wer weiß, was sich bis Sonntag ereignen kann!«

»Es werden zehn- bis zwölftausend Reisende ankommen,« erwiderte Franz, »und die Schwierigkeit wird dadurch noch um so größer.«

»Mein Freund,« sagte Morcerf, »wir wollen die Gegenwart genießen und uns nicht die Zukunft verdüstern.«

»Können wir wenigstens«, fragte Franz, »ein Fenster haben?«

»Wohinaus?«

»Auf den Korso, parbleu!«

»Ah, ein Fenster!« rief Maestro Pastrini. »Unmöglich, das ist ganz unmöglich; ein einziges war noch übrig im fünften Stockwert des Palastes Doria, und dies ist für zwanzig Zechinen per Tag an einen russischen Fürsten vermietet.«

Die zwei jungen Leute schauten sich mit erstaunten Mienen an.

»He, mein Lieber,« sprach Franz zu Albert, »wissen Sie, was nun am besten zu tun ist? Wir bringen den Karneval in Venedig zu; finden wir auch keinen Wagen, so werden wir doch Gondeln finden.«

»Ach, meiner Treu, nein!« rief Albert. »Ich habe mir einmal vorgenommen, den Karneval in Rom zu sehen, und werde ihn auch sehen, wenn ich auch auf Stelzen gehen müßte.«

»He, das ist ein glorwürdiger Gedanke,« rief Franz, »zumal, um die Stumpflichter (Moccoletti) auszulöschen; wir wollen uns als Vampire oder als Bewohner des Landes maskieren und werden närrisches Aufsehen erregen.«

»Wünschen Eure Exzellenz noch immer einen Wagen für Sonntag?«

»Parbleu!« entgegnete Franz. »Glauben Sie denn, wir wollen in den Straßen Roms zu Fuß herumlaufen wie Amtsschreiber?«

»Ich werde mich beeilen, Eurer Exzellenz Aufträge zu befolgen, nur sage ich im voraus, Ihr Wagen wird pro Tag sechs Piaster kosten.«

»Und ich, mein lieber Herr Pastrini,« sagte Franz, »ich, der ich nicht der Besitzer einer Million bin, sage Ihnen meinerseits, daß ich bereits zum viertenmal in Rom bin und für gewöhnliche wie für Sonn- und Festtage den Preis der Kaleschen kenne; wir geben Ihnen zwölf Piaster für heute, morgen und übermorgen, und Sie werden noch einen sehr hübschen Gewinn davon haben.«

»Wann wünschen Sie den Wagen?«

»In einer Stunde.«

»Er wird in einer Stunde vor der Tür stehen.«

Und wirklich erwartete eine Stunde darauf der Wagen die beiden Freunde an der Tür; es war ein bescheidener Fiaker, aber wie mittelmäßig auch sein Aussehen war, so hätten sich die zwei jungen Leute doch glücklich geschätzt, wenn sie für die drei letzten Tage einen solchen Wagen hätten finden können.

»Wohin wünschen Eure Exzellenzen geführt zu werden?«

»Fürs erste nach Sankt Peter, sodann ins Coliseum«, sagte Albert als echter Pariser.

Doch Albert wußte eines nicht, daß man einen Tag braucht, um die Peterskirche zu sehen, und einen Monat, um sie zu studieren. Der Tag verging also mit dem Anschauen der Peterskirche.

Auf einmal gewahrten die beiden Freunde, daß der Tag sich neigte. Franz zog seine Uhr hervor, es war halb fünf. Man nahm sogleich den Rückweg in das Gasthaus, und an der Tür gab Franz dem Kutscher Befehl, sich um acht Uhr bereit zu halten. Er wollte Albert das Coliseum bei Mondschein zeigen, wie er ihn die Peterskirche bei hellem Tage sehen ließ. Zeigt man einem Freunde eine Stadt, die man schon gesehen hat, so tut man es mit derselben Koketterie, als ob man ihm eine Frau zeigt, die man geliebt hat. Demzufolge beschrieb Franz dem Kutscher den Weg: er sollte bei der Porta del popolo hinausfahren, längs der äußeren Mauer sich halten und durch die Porta di San Giovanni zurückkehren. Sonach erschien ihnen das Coliseum ohne alle Vorbereitung und ohne daß sie das Kapitol, das Forum, den Triumphbogen des Septimius Severus, den Tempel des Antonin und der Faustina und die Via Sacra als Stufen berührten, um dort allgemach anzulangen. Man setzte sich zu Tisch. Maestro Pastrini hatte seinen Gästen ein vortreffliches Mahl versprochen, er setzte ihnen ein erträgliches vor, wogegen sich nichts sagen ließ.

Nach der Mahlzeit trat er selbst ein; Franz glaubte anfangs, es geschehe, um ihre Komplimente in Empfang zu nehmen, und schickte sich an, sie ihm seinerseits zu machen, doch der Wirt unterbrach ihn schon bei den ersten Worten und sagte:

»Exzellenz! Ihre Zufriedenheit schmeichelt mir, allein ich bin ganz und gar nicht deshalb zu Ihnen gekommen.«

»Etwa um uns zu melden, daß Sie einen Wagen gefunden haben?« fragte Albert, eine Zigarre anbrennend.

»Das noch weniger, Exzellenz, und Sie werden wohl daran tun, gar nicht mehr daran zu denken. In Rom sind die Dinge entweder möglich oder sie sind unmöglich. Wenn man Ihnen sagte, sie sind unmöglich, so ist alles vergebens.«

»In Paris ist es viel bequemer; ist etwas nicht möglich, so bezahlt man das Doppelte, und man hat im Augenblick, was man begehrt.«

»Ich höre das von allen Franzosen,« entgegnete Maestro Pastrini, ein wenig betroffen, »darum begreife ich nicht, warum die Franzosen reisen.«

»Auch ich nicht«, entgegnete Albert, indem er den Rauch phlegmatisch gegen den Plafond blies und sich auf den zwei Hinterfüßen des Stuhles schaukelte. »Das sind Narren und Dummköpfe wie wir, die reisen; die vernünftigen Leute verlassen nie ihr Hotel in der Rue Helder, den Boulevard de Gand und das Cafe de Paris.«

Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Albert in der benannten Gasse wohnte, täglich eine fashionable Promenade machte und auch täglich in dem einzigen Kaffeehause speiste, wo man zu Mittag essen kann, wenn man mit den Garçons auf gutem Fuße steht. Maestro Pastrini verharrte einen Augenblick im Stillschweigen; er dachte offenbar über die Antwort nach, da sie ihm nicht ganz klar erschien. Franz unterbrach die Betrachtungen des Wirtes und sagte:

»Sie sind aber doch aus einer gewissen Absicht zu uns gekommen; wollen Sie uns nicht den Grund Ihres Besuches bekanntgeben?«

»O richtig, sehen Sie, Sie haben die Kalesche auf acht Uhr bestellt?«

»Ja.«

»Sie sind gesonnen, das Colosseo zu besuchen?«

»Sie wollen sagen: Coliseum.«

»Das ist ganz gleich.«

»Also.«

»Sie sagten zu Ihrem Kutscher, er soll zur Porta del popolo hinausfahren und längs der Mauer fort durch die Porta San Giovanni zurückkehren?«

»So haben meine Worte gelautet.«

»Diese Fahrt ist unmöglich oder mindestens sehr gefahrvoll.«

»Gefahrvoll – und warum?«

»Des berüchtigten Luigi Vampa wegen.«

»Mein lieber Herr Wirt! Wer ist dieser berüchtigte Luigi Vampa?« fragte Albert. »Er kann wohl in Rom sehr verrufen sein, in Paris ist er ganz unbekannt.«

»Wie, Sie kennen ihn nicht?«

»Ich habe nicht die Ehre.«

»Nun, er ist ein Bandit, gegen den alle früheren gleichsam Chorknaben sind.«

»Was hat es denn mit diesem Luigi Vampa auf sich?« fragte Franz.

Der Wirt erzählte, daß er ursprünglich ein Hirtenknabe gewesen, der von einem Priester guten Unterricht im Lesen, Schreiben und anderen Dingen erhalten habe. Er sei eben ein außergewöhnlich begabter, eigenartiger und auch stolzer Junge gewesen. Um seiner geliebten Teresa herrliche Kleider und Schmuck zu verschaffen, habe er seinen ersten Raub begangen. Sonst aber zeige er oftmals Großherrenmanier.

»Eines Abends beobachtete er einen Reisenden zu Pferde, der einen Augenblick anhielt, als ob er des Weges ungewiß wäre.

Als der Reisende Luigi gewahr wurde, setzte er sein Pferd in Galopp und ritt auf ihn zu. Luigi hatte sich nicht geirrt; der Fremde, der von Palestrina nach Tivoli ritt, war über seinen Weg ungewiß. Der Jüngling zeigte ihm denselben; da sich aber eine Viertelstunde von hier die Straße in drei Pfade zerteilte und der Reisende sich dort aufs neue verirren konnte, so bat er Luigi, ihm als Wegweiser zu dienen. Luigi legte seinen Mantel weg, nahm sein Gewehr auf die Schulter und wandelte so, von aller schweren Kleidung entledigt, vor dem Reisenden mit jenem raschen Schritt eines Bergbewohners, dem ein Pferd kaum zu folgen vermag.

Nach zehn Minuten waren die beiden bei dem Kreuzwege, den der junge Hirt bezeichnet hatte. Hier streckte er mit der majestätischen Gebärde eines Kaisers die Hand nach jener der drei Richtungen aus, die der Fremde einzuschlagen hatte.

›Exzellenz, das ist Ihr Weg,‹ sprach er, ›jetzt können Sie nicht mehr fehlen.‹

›Hier ist dein Lohn‹, sagte der Reisende und bot dem Hirten einige Scheidemünzen.

›Ich danke,‹ versetzte Luigi, seine Hand zurückziehend, ›ich leiste einen Dienst, aber ich verkaufe ihn nicht.‹

Der Reisende, der übrigens an diesen Unterschied zwischen der knechtischen Dienstbarkeit der Städter und dem Stolze eines Landbewohners gewöhnt zu sein schien, sagte:

›Aber wenn du eine Bezahlung ausschlägst, nimmst du wenigstens ein Geschenk an?‹

›Ach ja, das ist etwas anderes.‹

›Gut,‹ sprach der Reisende, ›so nimm diese zwei venezianischen Zechinen und gib sie deiner Braut, daß sie sich ein Paar Ohrgehänge dafür kaufe.‹

›Und Sie nehmen diesen Dolch,‹ entgegnete der junge Hirt, ›Sie finden keinen mit einem so gut geschnitzten Griff von Albano bis Civita-Castellana.‹

›Ich nehme ihn an,‹ erwiderte der Reisende, ›aber dann bin ich dir verbunden, denn der Dolch gilt mehr als die zwei Zechinen.‹

›Vielleicht für einen Handelsmann, allein für mich, der ich ihn selbst geschnitzt habe, gilt er kaum einen Piaster.‹

›Wie nennst du dich?‹ fragte der Reisende.

›Luigi Vampa‹, erwiderte der Hirt mit einer Miene, als hätte er geantwortet: Alexander von Mazedonien. – ›Und Sie?‹

›Ich,‹ sagte der Reisende, ›ich nenne mich Sindbad, der Seefahrer!‹«

Franz d'Epinan stieß einen Schrei des Erstaunens aus.

»Sindbad, der Seefahrer?«

»Ja,« erwiderte der Erzähler, »diesen Namen legte sich der Reisende gegen Vampa bei.«

»Was gefällt Ihnen an diesem Namen nicht?« fragte Albert. »Es ist ein sehr hübscher Name, und die Abenteuer von dem Patron dieses Herrn haben mich in meiner Jugend sehr unterhalten.«

Franz schwieg. Eine ganze Welt von Erinnerungen tauchte vor ihm auf.

»Fahren Sie fort«, sprach er zum Gastwirt.

»Man sagt, die beiden wären seitdem im Zusammenhang geblieben; denn der sich ›Sindbad, der Seefahrer‹ nennt, sei ein mächtiger Mann und habe überall die Hand im Spiele.«

Am nächsten Tage machten die beiden jungen Leute die Bekanntschaft des Grafen von Monte Christo. Es war dies ein auffallend schöner Mann mit kohlschwarzem Haar und Bart; nur die fahle Leichenblässe seines edelgeschnittenen Gesichts rief den Eindruck hervor, als wäre er ein dem Grabe Entstiegener. Die Fremdartigkeit seiner Erscheinung trug nicht wenig dazu bei, das ungeheure Aufsehen noch zu vermehren, das er in Rom bereits durch sein luxuriöses Auftreten allgemein erregt hatte. Nicht minder hielt eine junge, wunderschöne Griechin, die unter dem Schutz des Grafen stand, die Neugierde der Menge wach.

Baron Franz d'Epinan betrachtete diesen seltsamen Mann mit ebensoviel Bewunderung wie mit innerem Mißbehagen, so liebenswürdig er sich den beiden Freunden gegenüber auch zeigte. Er stellte ihnen mit Freuden seinen Wagen zur Verfügung, versäumte aber nicht, gleich dem Wirt, die jungen Herren vor einer zu weiten Fahrt zu warnen, da es in der Umgegend Roms nicht ganz geheuer sei. Franz nahm die Warnung an. Albert dagegen, der sich in eine reizende Maske verliebt hatte, fuhr auf eigene Hand zu einem Stelldichein mit der Schönen. Für den Abend hatte man sich zum Besuch eines Balles verpflichtet. Franz beschloß, auf Albert zu warten, solange es möglich wäre. Er bestellte also den Wagen erst bis elf Uhr und ersuchte Maestro Pastrini, ihn sogleich zu benachrichtigen, wenn Albert in den Gasthof zurückkehren würde. Um elf Uhr war Albert noch nicht erschienen. Franz kleidete sich an und fuhr fort, indem er bei dem Wirt hinterließ, daß er diese Nacht beim Herzog von Bracciano zubringe.

Das Haus des Herzogs von Bracciano war eines der prachtvollsten Häuser Roms; seine Gemahlin, eine der letzten Erbinnen der Colonna, machte die Honneurs auf eine vollkommene Weise, daher kam es, daß die Festlichkeiten daselbst einen europäischen Ruf genossen. Franz und Albert waren mit Empfehlungsbriefen an den Herzog nach Rom gekommen. Es war denn seine erste Frage, was aus Franzens Reisegefährten geworden sei. Franz antwortete ihm, er habe Albert in dem Moment, als man die Moccoletti auslöschte, verlassen und bei der Via Marello aus dem Gesicht verloren.

»Er kam also nicht nach Hause?« fragte der Herzog.

»Ich wartete auf ihn bis zu dieser Stunde«, erwiderte Franz.

»Wissen Sie, wohin er gegangen?«

»Nein, nicht bestimmt; ich glaube indes, daß es sich um etwas wie ein Stelldichein handelt.«

»Teufel,« sprach der Herzog, »das ist ein schlimmer Tag, oder vielmehr eine schlimme Nacht, um sich außen zu verspäten, nicht wahr, Frau Gräfin?«

Diese letzteren Worte waren an die Gräfin G... gerichtet, die eben hinzutrat und am Arme des Herrn Torlonia, Bruder des Herzogs, auf und ab ging.

»Ich finde im Gegenteil, daß es eine bezaubernde Nacht ist,« entgegnete die Gräfin, »und alle, die hier sind, werden sich nur darüber beklagen, daß sie zu schnell vergehen wird.«

Der Graf erwiderte lächelnd: »Ich spreche aber nicht von denen, die hier sind; hier laufen die Männer keine andere Gefahr, als daß sie sich in Sie verlieben, und die Frauen, als daß sie vor Eifersucht krank werden, wenn sie Ihre Schönheit betrachten, teure Gräfin, ich rede von denen, die in den Gassen Roms herumlaufen.«

»O mein Gott,« fragte die Gräfin, »wer läuft denn um diese Stunde in den Straßen Roms umher, außer daß er auf einen Ball geht?«

»Unser Freund Albert von Morcerf, Frau Gräfin, den ich verließ, als er um sieben Uhr abends seiner Unbekannten nachsetzte,« bemerkte Franz, »und den ich seither nicht wieder gesehen.«

»Wie, und Sie wissen nicht, wo er ist?«

»Ganz und gar nicht.«

»Hat er Waffen bei sich?«

»Er ist im Bajazzo-Anzug.«

»Sie hätten ihn nicht gehen lassen sollen,« sprach der Herzog zu Franz, »da Sie doch Rom besser kennen als er.«

»Jawohl, doch wäre es ebenso schwer gewesen, ein Rennpferd aufzuhalten«, entgegnete Franz. »Was kann ihm denn zustoßen?«

»Wer weiß? Die Nacht ist sehr finster und die Tiber hübsch nahe bei der Via Macello.«

Franz fühlte einen Schauer durch seine Adern laufen, als er sah, daß die Denkart des Herzogs und der Gräfin mit seiner eigenen Besorgnis so sehr im Einklang stand.

»Es scheint mir,« sprach der Herzog, »es sucht Sie eben einer von meinen Bedienten.«

Der Herzog irrte sich nicht; als der Bediente Franz bemerkte, näherte er sich ihm und sagte: »Exzellenz, der Inhaber des ›Hotels von London‹ läßt Ihnen melden, daß Sie bei ihm ein Mann erwarte mit einem Brief des Grafen von Morcerf.«

»Mit einem Brief des Grafen?« rief Franz.

»Ja.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Ich weiß es nicht.«

»Warum hat er mir den Brief nicht hierher gebracht?«

»Der Bote hat mir keine Erklärung gegeben.«

»Und wo ist der Bote?«

»Er ging sogleich wieder fort, als er mich in den Ballsaal treten sah, um es Ihnen zu melden.«

»O mein Gott!« sprach die Gräfin zu Franz. »Gehen Sie schnell. Der arme junge Mann! Es ist ihm vielleicht ein Unfall begegnet.«

»Ich eile«, sagte Franz.

»Werden Sie zurückkommen, um uns Nachricht zu geben?« fragte die Gräfin.

»Ja, wenn die Sache nicht von Wichtigkeit ist; widrigenfalls bürge ich nicht dafür, was mit mir geschehen wird.«

»Vor allem Klugheit!« sagte die Gräfin.

»Oh, seien Sie unbesorgt.«

Franz nahm seinen Hut und ging. Er hatte seinen Wagen fortgeschickt und ihm Befehl gegeben, erst um zwei Uhr wiederzukommen; aber zum Glück war der Palast Bracciano, der einerseits an den Korso, andererseits an die Piazza de Santi Apostoli stieß, kaum zehn Minuten vom »Hotel von London« entfernt. Als sich Franz dem Hotel näherte, sah er einen Mann mitten in der Straße stehen; er zweifelte keinen Augenblick, daß er der Bote Alberts sei. Er trat auf ihn zu, doch zu seiner großen Verwunderung redete ihn dieser Mann zuerst an.

»Was wollen Sie von mir, Exzellenz?« fragte er, indem er einen Schritt zurückwich, wie ein Mensch, der auf seiner Hut ist.

»Seid Ihr es,« fragte Franz, »der mir einen Brief vom Grafen von Morcerf bringt?«

»Nicht wahr, Eure Exzellenz wohnen im Hotel des Pastrini?«

»Ja.«

»Und Eure Exzellenz sind der Reisegefährte des Grafen?«

»Ja.«

»Wie nennen sich Eure Exzellenz?«

»Baron Franz d'Epinay.«

»So ist dieser Brief an Eure Exzellenz gerichtet.«

»Ist eine Antwort zu geben?« fragte Franz, indem er den Brief aus seinen Händen nahm.

»Ja, wenigstens hofft sie Ihr Freund.«

»Kommt mit mir herauf. Ich werde sie Euch geben.«

»Ich warte lieber hier«, sagte der Bote lachend.

»Warum das?«

»Eure Exzellenz werden die Sache begreifen, wenn Sie den Brief gelesen haben werden.«

»Also werde ich Euch hier finden?«

»Ganz gewiß.«

Franz ging hinein; auf der Stiege begegnete ihm Maestro Pastrini.

»Wie nun?« fragte er.

»Was?« entgegnete Franz.

»Haben Sie den Mann gesehen, der Sie in bezug auf Ihren Freund zu sprechen wünschte?« fragte er Franz.

»Ja, ich habe ihn gesehen,« antwortete dieser, »und er hat mir diesen Brief gebracht. Ich bitte, lassen Sie Licht auf mein Zimmer bringen.«

Der Wirt gab einem Diener Befehl, daß er Franz mit einer Kerze voranleuchte. Der junge Mann bemerkte, daß Maestro Pastrini sehr verstört aussah, und diese Miene spornte ihn um so mehr an, Alberts Brief zu lesen; er näherte sich also dem Licht und entfaltete das Papier. Der Brief war von Alberts Hand geschrieben und von ihm unterfertigt. Franz durchlas ihn zweimal, so weit war er davon entfernt, das zu erwarten, was er enthielt. Er lautete buchstäblich:

»Lieber Freund! Sobald Sie Gegenwärtiges erhalten, sind Sie so gütig, aus meinem Portefeuille, das Sie in der viereckigen Schublade des Sekretärs finden werden, den Wechselbrief herauszunehmen; fügen Sie den Ihrigen bei, wenn er hinreichend ist. Eilen Sie zu Torlonia, erheben Sie dort im Augenblick viertausend Piaster und übergeben Sie diese dem Boten. Es ist dringend, daß ich die Summe unverweilt bekomme. Ich schreibe nichts weiter und rechne so auf Sie, wie Sie auf mich rechnen können.

P.S. I believe now to Italian banditi.

(Ich glaube jetzt an italienische Banditen.)

Ihr Freund Albert von Morcerf.«

Unter diese Zeilen waren von einer fremden Hand einige italienische Worte geschrieben:

»Se alle sei della mattina le quattro mila piastre non sono nelle mie mani, alle sette il conte Alberto avrà cessato di vivere.

Luigi Vampa.«

Wenn um sechs Uhr morgens die viertausend Piaster nicht in meinen Händen sind, so hat um sieben Uhr Graf Albert aufgehört zu leben.

Luigi Vampa.

Diese zweite Unterschrift hatte Franz alles erklärt, und er begriff, warum sich der Bote sträubte, zu ihm hinaufzukommen; die Gasse dünkte ihn sicherer als das Zimmer Franzens. Albert war also in die Hände des berüchtigten Banditen gefallen, an den er so lange nicht glauben wollte. Es war keine Zeit zu verlieren; er lief zum Sekretär, öffnete ihn, fand in der bezeichneten Schublade das Portefeuille und darin den Wechselbrief; er lautete im ganzen auf sechstausend Piaster, doch hatte Albert von diesen sechstausend Piastern bereits dreitausend verbraucht. Franz besaß keinen Kreditbrief; da er in Florenz wohnte und bloß für sieben oder acht Tage nach Rom gegangen war, so nahm er einhundert Louisdor mit sich, und von diesen hatte er höchstens noch fünfzig übrig. Es fehlten also noch sieben- oder achthundert Piaster zu der verlangten Summe, die Franz und Albert zusammenbringen sollten. Franz konnte in einem solchen Falle auf die Gefälligkeit der Herren Torlonia rechnen. Er schickte sich also an, in den Palast Bracciano zurückzukehren, ohne einen Augenblick zu verlieren, als ihm ein Lichtgedanke durch den Kopf fuhr.

Er dachte an den Grafen von Monte Christo. Franz ließ also den Maestro Pastrini zu sich kommen, und als er ihn an der Türschwelle erscheinen sah, sprach er lebhaft zu ihm:

»Mein lieber Herr Pastrini, glauben Sie, daß der Graf zu Hause ist?«

»Ja, Exzellenz, soeben ist er zurückgekehrt.«

»Ist er wohl schon zu Bett gegangen?«

»Ich zweifle daran.«

»Oh, ich bitte Sie, läuten Sie an seiner Tür und bitten Sie für mich um die Erlaubnis, mich ihm vorstellen zu dürfen.«

Maestro Pastrini beeilte sich, diesem Auftrage nachzukommen. Fünf Minuten danach kam er wieder zurück und sagte: »Der Graf erwartet Eure Exzellenz.«

Franz eilte über den Quergang; ein Bedienter führte ihn zum Grafen. Er befand sich in einem kleinen Kabinett, das Franz noch nicht gesehen hatte, und das ganz mit Diwans umgeben war. Der Graf trat ihm entgegen.

»Was für ein guter Wind führt Sie in dieser Stunde zu mir?« fragte er. »Sollten Sie mit mir soupieren wollen? Das wäre schön von Ihnen.«

»Nein, ich komme, um mit Ihnen über eine wichtige Angelegenheit zu sprechen.«

»Über eine Angelegenheit?« sprach der Graf, indem er Franz mit einem tiefen Blick, wie er ihm eigentümlich war, betrachtete. »Über welche Angelegenheit?«

»Sind wir allein?«

Der Graf ging zur Tür, kehrte wieder zurück und sagte: »Vollkommen allein.«

Franz übergab ihm Alberts Brief und sprach: »Lesen Sie!« Der Graf las den Brief. »Ah!« rief er aus.

»haben Sie auch die Nachschrift gelesen?«

»Ja.« sprach er. »ich sehe wohl:

›Se alle sei della mattina le quattro mila piastre non sono nelle mie mani, alle sette il conte Alberto avrà cessato di vivere.

Luigi Vampa.‹«

»Was sagen Sie dazu?« fragte Franz.

»Haben Sie die Summe, die da verlangt wird?«

»Ja, nur fehlen noch achthundert Piaster.«

Der Graf trat zu einem Sekretär, schloß ihn auf, zog eine Schublade voll Gold hervor und sagte zu Franz: »Ich hoffe, Sie werden mir nicht die Unbill zufügen und sich an jemand anders als an mich wenden.«

»Sie sehen im Gegenteil, daß ich geradeswegs zu Ihnen gegangen bin«, versetzte Franz.

»Ich danke Ihnen dafür, nehmen Sie«, sprach er zu Franz und gab ihm ein Zeichen, daß er in die Schublade langen möge.

»Ist es denn eine Notwendigkeit, an Luigi Vampa das Geld zu schicken?« fragte der junge Mann, indem er den Grafen gleichfalls fest ins Auge faßte.

»Bei Gott!« rief dieser. »Urteilen Sie selbst, die Nachschrift lautet bestimmt.«

Franz sah den Grafen durchdringend an und sagte:

»Mich dünkt, es würde Ihrerseits nur eines Wortes bedürfen, um Albert aus seiner Lage zu befreien.«

»Wie kommen Sie darauf?« fragte der Graf stirnrunzelnd.

»Ich denke mir dies aus verschiedenen Gründen«, sagte Franz sehr bestimmt.

Der Graf sah eine Weile schweigend vor sich hin; dann wandte er sich an Franz: »Gut – und wenn ich den Vampa aufsuchte, würden Sie mich begleiten?«

»Falls Ihnen meine Gesellschaft nicht lästig fiele.«

»Wohlan, es sei! Das Wetter ist schön, eine Promenade in die Campagna von Rom kann uns wohl bekommen.«

»Soll ich Waffen mitnehmen?«

»Wozu?«

»Geld?«

»Das ist unnötig. Wo ist der Mensch, der dieses Briefchen brachte?«

»Auf der Straße.«

»Wartet er auf eine Antwort?«

»Ja.«

»Er muß ein wenig wissen, wohin wir gehen; ich will ihn rufen.«

»Es ist umsonst, er wollte nicht heraufkommen.«

»Zu Ihnen vielleicht, doch zu mir wird er keine Schwierigkeiten machen.«

Der Graf trat an das Kabinettfenster, das auf die Gasse ging, und pfiff auf eine eigene Weise. Der Mann im Mantel entfernte sich von der Mauer und ging vorwärts in die Mitte der Gasse.

»Salite!« sprach der Graf in einem Tone, als hätte er seinem Diener einen Befehl gegeben.

Der Bote gehorchte ohne Säumnis, ja sogar mit Eilfertigkeit, sprang über die Stufen der Treppe und flog in das Hotel. Nach fünf Sekunden war er an der Tür des Kabinetts.

»Ha, du bist es, Peppino!« sprach der Graf.

Peppino warf sich, statt zu antworten, auf die Knie, ergriff die Hand des Grafen und preßte sie zu öftern Malen an seine Lippen.

»Ah,« sagte der Graf, »hast du es noch nicht vergessen, daß ich dir das Leben erhalten? Es ist seltsam, da doch schon acht Tage darüber verflossen sind.«

Dann sprachen sie leise einige Worte miteinander. Auf die Frage des Grafen aber erzählte der Mann, daß der junge Graf Morcerf mit Teresa, der Geliebten des Luigi Pampa, geliebäugelt habe, und seine Gefangennahme die Rache dafür sei. Man halte ihn in den Katakomben von San Sebastiano gefangen.

»Hm,« sagte der Graf zu Franz, »wenn Sie mich nicht gefunden hätten, würde das Liebesabenteuer Ihrem Freunde ein wenig hoch zu stehen kommen; doch seien Sie beruhigt, er kommt diesmal mit der Angst davon.«

»Wir wollen ihn doch wohl noch aufsuchen?« bemerkte Franz.

»Bei Gott! Um so mehr, als er in einem sehr malerischen Orte ist. Kennen Sie schon die Katatomben von San Sebastiano?«

»Nein, ich bin nie hinabgestiegen, doch nahm ich mir vor, sie einmal zu besichtigen.«

»Gut, die Gelegenheit hat sich nun gefunden, es würde sich wohl schwerlich eine bessere finden lassen. Haben Sie Ihren Wagen?«

»Nein.«

»Das tut nichts; ich pflege Tag und Nacht einen Wagen angespannt zu lassen.«

»Angespannt?«

»Ja, ich bin ein sehr launenhaftes Wesen; ich muß Ihnen sagen, daß mich öfter, wenn ich aufstehe oder nach dem Mittagsmahle oder mitten in der Nacht die Lust anwandelt, nach irgendeinem Punkte der Welt zu fahren, und ich reise dann auch ab.«

Der Graf läutete, sein Kammerdiener trat ein.

»Der Wagen soll vorfahren,« sprach er, »und nehmet die Pistolen heraus, die in den Taschen sind; man braucht den Kutscher nicht aufzuwecken, Ali soll uns fahren.«

Nach einer kurzen Weile hörte man das Geräusch des Wagens, der vor dem Tore hielt. Der Graf zog seine Uhr und sprach:

»Halb ein Uhr, hm, wir könnten erst um fünf Uhr des Morgens fortfahren und kämen noch früh genug; doch würde diese Verzögerung Ihrem Freunde vielleicht eine schlimme Nacht verursachen, und so ist es besser, ihn unverweilt den Händen der Ungläubigen zu entziehen. Sind Sie also entschlossen, mich zu begleiten?«

»Mehr als jemals.«

»Gut, kommen Sie.«

Franz und der Graf gingen fort und Peppino folgte ihnen. Am Tore fanden sie den Wagen. Ali saß auf dem Bock. Franz erkannte in ihm wieder den stummen Sklaven aus der Grotte von Monte Christo. Franz und der Graf stiegen in den Wagen; Peppino setzte sich neben Ali und man fuhr im Galopp davon. Ali hatte im voraus seine Aufträge erhalten, denn er fuhr über den Korso, durchschnitt das Campo Vaccino, die Straße San Gregorio und kam zu der Porta di San Sebastiano; hier wollte der Torwächter einige Schwierigkeiten machen, allein der Graf von Monte Christo zeigte ihm ein Erlaubnisschreiben des Gouverneurs von Rom, zu jeder Stunde bei Tag und Nacht aus- und einfahren zu dürfen; sonach wurden die Schranken aufgezogen, der Torwart erhielt einen Louisdor für seine Bemühung, und man fuhr weiter.

Der Weg, den der Wagen einschlug, war die alte Via Appia, ganz von Gräbern eingefaßt. Beim Scheine des Mondes, der eben aufging, dünkte es Franz von Zeit zu Zeit, als träte eine Wache hinter einer Ruine hervor; jedoch auf ein Zeichen des Peppino zog sich diese Schildwache wieder in den Schatten zurück und verschwand. Eine kurze Strecke vor dem Zirkus des Caracalla hielt der Wagen still; Peppino öffnete den Schlag, und der Graf stieg mit Franz aus.

»In zehn Minuten«, sprach der Graf zu seinem Gefährten, »haben wir unser Ziel erreicht.«

Hierauf nahm er Peppino beiseite und gab ihm ganz still einen Auftrag; Peppino nahm eine Fackel aus dem Koffer des Wagens und ging fort. Es verstrichen wieder fünf Minuten, während der Franz den Hirten auf einem schmalen Fußsteige mitten unter den Hügelreihen, die den von Erdbeben erschütterten Flächenraum von Rom bilden, sich entfernen und in jenem hohen, rötlichen Grase verschwinden sah, das die struppige Mähne eines riesenhaften Löwen zu sein schien.

»Nun gehen wir ihm nach«, sagte der Graf.

Franz und der Graf begaben sich auf denselben Fußpfad, der sie nach hundert Schritten zu einem Abhange nach einem engen Tale führte. Bald darauf sah man zwei Männer im Schatten plaudern.

»Müssen wir noch weiter vorwärts gehen oder warten?« fragte Franz den Grafen.

»Wir gehen noch weiter; Peppino mußte die Schildwache von unserer Ankunft benachrichtigen.«

Einer von diesen Männern war wirklich Peppino, der andere ein Bandit, als Schildwache ausgestellt. Franz und der Graf näherten sich, der Bandit grüßte.

»Exzellenz,« sprach Peppino, zum Grafen gewendet, »wenn Sie mir folgen wollen, zwei Schritte von hier ist der Eingang in die Katakomben.«

»Gut,« sagte der Graf, »geh voran.«

Hinter einem dichten Gebüsche und mitten unter Felsen zeigte sich wirklich eine Öffnung, durch die ein Mensch nur mühselig gelangen konnte. Peppino schlüpfte zuerst durch das Loch, aber kaum hatte er einige Schritte getan, so erweiterte sich der unterirdische Gang. Da hielt er still, zündete seine Fackel an und wendete sich, um zu sehen, ob man ihm folge.

Der Graf arbeitete sich zuerst durch diese Art Luftloch, und Franz kroch ihm nach. Der Raum vertiefte sich in einem sanften Abhange und vergrößerte sich, je weiter man vorwärts schritt; nichtsdestoweniger mußten Franz und der Graf noch immer gebeugt gehen und konnten nur mit Mühe nebeneinander schreiten. So machten sie ungefähr fünfzig Schritte, dann wurden sie durch den Zuruf: »Wer da?« angehalten. Zu gleicher Zeit sahen sie in der Dunkelheit an einem Gewehrlaufe den Widerschein von ihrer eigenen Fackel blinken.

»Gut Freund?« rief Peppino; er schritt allein vorwärts, flüsterte der zweiten Schildwache einige Worte zu, die gleich der ersten grüßte und dann den nächtlichen Besuchern ein Zeichen gab, daß sie ihren Weg fortsetzen könnten. Hinter der Schildwache war eine Stiege von zwanzig Stufen. Franz und der Graf stiegen diese Treppe hinab und befanden sich in einer Art viereckigen Friedhofes. Von da liefen fünf Gänge aus, wie die Strahlen eines Sternes, und die ausgehöhlten Wände mit den übereinanderliegenden Nischen, die die Gestalt von Särgen hatten, deuteten an, daß man die Katakomben betreten habe. In einer dieser Höhlungen, deren Ausdehnung sich nicht bestimmen ließ, bemerkte man einigen Widerschein der Lichtstrahlen. Der Graf legte die Hand auf die Schulter Franzens und sprach zu ihm:

»Wollen Sie ein Ruhelager der Banditen sehen?«

»Mit Vergnügen«, entgegnete Franz.

»Gut, kommen Sie mit mir. – Peppino, lösch' deine Fackel aus.«

Peppino gehorchte; Franz und der Graf befanden sich in der dichtesten Finsternis; nur etwa fünfzig Schritte vor ihnen tanzten längs den Wänden einige rötliche Lichtstreifen, die noch sichtbar blieben, nachdem Peppino seine Fackel ausgelöscht hatte. Sie schritten stillschweigend vorwärts, wobei der Graf Franz führte, als besäße er die besondere Gabe, im Finstern zu sehen. Übrigens unterschied Franz selbst immer leichter seinen Weg, je mehr er sich jenem Widerscheine näherte, der ihnen als Führer gedient hatte.

Drei Säulengänge, von denen der mittlere die Stelle der Tür vertrat, gewährten ihnen Durchlaß. Diese Säulengänge öffneten sich von der einen Seite nach dem Korridor, wo sich der Graf und Franz befanden, und von der andern nach einem großen, viereckigen Gemach, ganz von Nischen umgeben, die den obenerwähnten ähnlich waren. Mitten in diesem Gemach erhoben sich vier Steine, die einst als Altäre gedient hatten, wie es das Kreuz auf denselben anzuzeigen schien. Eine einzige Lampe, die auf einem Säulenstrunke stand, erleuchtete mit einem blassen und flimmernden Scheine die seltsame Szene, die sich den Augen der Besucher darbot, die im Schatten standen. Ein Mann saß mit dem Ellbogen auf diese Säule gestützt und las, seinen Rücken gegen den Säulengang, von wo aus ihn die Ankömmlinge betrachteten. Es war Luigi Vampa, der Hauptmann der Räuberbande. Rings um ihn gewahrte man an zwanzig Banditen, die teils in ihre Mäntel gehüllt auf dem Boden lagen, teils an einer Art Steinbank lehnten, die rings um das Kolumbarium lief. Jeder hatte seinen Karabiner im Bereiche seiner Hand. Im Hintergrunde ging schweigend und kaum sichtbar, wie ein Schatten, eine Schildwache vor einer Öffnung auf und ab, die man jedoch nicht sah, weil die Dunkelheit an dieser Stelle noch viel dichter war.

Als der Graf glauben konnte, daß Franz seine Blicke hinlänglich an dieser malerischen Gruppe geweidet hatte, legte er seinen Finger an die Lippen, um Stillschweigen anzudeuten, stieg über die drei Stufen, die vom Korridor zum Kolumbarium führten, trat durch den mittleren Säulengang in das Gemach und schritt gegen Vampa vor, der in seine Lektüre so sehr vertieft war, daß er das Geräusch der Tritte nicht vernahm.

»Wer da?« rief die Schildwache, die nicht wenig überrascht schien, als sie beim Schimmer einer Lampe eine Art Schatten bemerkte, der sich hinter dem Hauptmann mehr und mehr vergrößerte.

Bei diesem Ruf richtete sich Vampa empor und zog zugleich eine Pistole aus dem Gürtel. Im Augenblick waren alle Banditen auf den Beinen, und zwanzig Gewehrläufe wandten sich gegen den Grafen.

Dieser blieb vollkommen ruhig, ohne daß sich eine Muskel in seinem Gesichte bewegte, und sprach: »Nun, mein lieber Vampa, mir scheint, Ihr setzt Euch in große Unkosten, um einen Freund zu empfangen.«

»Die Waffen nieder!« rief der Häuptling, während er mit der einen Hand ein gebieterisches Zeichen gab, mit der andern ehrfurchtsvoll seinen Hut abnahm, hierauf wandte er sich gegen den seltsamen Mann, der die ganze Szene beherrschte, und sprach zu ihm:

»Vergebung, Herr Graf! Allein ich war weit davon entfernt, mir die Ehre Ihres Besuches zu versprechen, so daß ich Sie gar nicht erkannt habe.«

»Ihr scheint in allen Dingen ein kurzes Gedächtnis zu haben, Vampa,« sagte der Graf, »denn Ihr vergeßt nicht bloß das Gesicht der Menschen, sondern auch die Bedingungen, die Ihr mit ihnen eingegangen.«

»Ha, welche Bedingungen sollte ich vergessen haben, Herr Graf?« fragte der Bandit wie ein Mensch, der, wenn er gefehlt, nichts weiter verlangt, als den Fehler wieder gutzumachen.

»Sind wir nicht übereingekommen,« sprach der Graf, »daß Euch nicht allein meine Person, sondern auch die meiner Freunde heilig sei?«

»Und habe ich diesen Vertrag gebrochen, Exzellenz?«

»Ihr habt diesen Abend den Vicomte Albert von Morcerf entführt und hierhergebracht; nun seht,« fuhr der Graf in einem Tone fort, der Franz beben machte, »dieser junge Mann ist einer meiner Freunde, dieser junge Mann wohnte in demselben Hotel wie ich, dieser junge Mann hat durch acht Tage den Korso in meiner eigenen Kalesche gemacht, nichtsdestoweniger, ich wiederhole es, habt Ihr ihn entführt, habt ihn hierhergeschleppt und«, fügte er hinzu, den Brief aus der Tasche ziehend, »auf ihn, wie auf den ersten besten, ein Lösegeld gesetzt.«

»Warum habt Ihr mir das nicht angezeigt, ihr Gesellen?« rief der Häuptling gegen seine Leute gewendet, die vor seinem Blicke zurückbebten. »Warum ließet Ihr mich Gefahr laufen, mein Wort gegen einen Mann zu brechen, wie der Herr Graf ist, der das Leben von uns allen in seinen Händen hat? Beim Himmel! Dürfte ich es glauben, daß einer von euch wußte, der junge Mann sei ein Freund Seiner Exzellenz, ich würde ihm mit eigener Hand das Gehirn ausbrennen.«

Der Graf wandte sich zu Franz und sagte: »Nicht wahr, ich habe es Ihnen ja gesagt, daß hier ein Irrtum obwaltet.«

»Sind Sie nicht allein?« fragte Vampa mit Unruhe.

»Ich kam mit dem Herrn, an den dieser Brief gerichtet war, und dem ich beweisen wollte, daß Luigi Vampa ein Mann von Wort sei. Kommen Sie, Exzellenz,« sprach er dann zu Franz, »hier ist Luigi Vampa, der Ihnen selbst sagen wird, daß er den begangenen Irrtum bedauert.«

Franz trat hervor; der Häuptling ging ihm einige Schritte entgegen und sagte: »Seien Sie willkommen unter uns, Exzellenz! Sie haben gehört, was der Herr Graf gesprochen und was ich ihm geantwortet habe; ich füge noch hinzu, ich möchte nicht um die viertausend Piaster, die ich als Lösegeld für Ihren Freund festgesetzt, daß dergleichen geschehen wäre.«

»Wo ist der Gefangene?« fragte Franz, mit Unruhe umherblickend. »Ich sehe ihn nicht.«

»Es ist ihm doch nichts widerfahren, wie ich hoffe?« sprach der Graf, indem er die Stirne runzelte.

»Der Gefangene ist dort,« sagte Vampa, indem er mit der Hand nach der Vertiefung zeigte, vor welcher die Schildwache auf und ab ging, »ich will es ihm selbst verkünden, daß er frei ist.«

Der Häuptling schritt nach der bezeichneten Stelle hin, die Albert als Gefängnis diente, und Franz und der Graf folgten ihm.

»Was macht der Gefangene?« fragte Vampa die Schildwache.

»Meiner Treu, ich weiß es nicht, Hauptmann; seit einer Stunde schon höre ich nicht mehr, daß er sich rührt.«

»Kommen Sie, meine Herren!« sagte Vampa.

Der Graf und Franz stiegen sieben bis acht Stufen hinab; der Häuptling schritt ihnen stets voran, schob dann einen Riegel zurück und klopfte an eine Tür. Hierauf konnte man beim Schimmer einer Lampe, jener ähnlich, die das Kolumbarium erleuchtete, Albert sehen, der, eingehüllt in einen Mantel, den er von einem Banditen entlehnt hatte, in einem Winkel lag und in tiefen Schlaf versunken war.

»Sehen Sie,« sagte der Graf, auf seine eigentümliche Weise lächelnd, »das steht einem Manne nicht übel, der um sieben Uhr des Morgens erschossen werden soll.«

Vampa betrachtete den schlummernden Albert mit einer gewissen Bewunderung; man sah, daß er gegen einen solchen Beweis von Mut nicht unempfindlich war.

»Sie haben recht, Herr Graf,« sprach er, »dieser Mann muß einer Ihrer Freunde sein.«

Dann näherte er sich Albert und berührte ihn an der Schulter. »Exzellenz,« sprach er, »beliebt es Ihnen, aufzustehen?«

Albert streckte die Hände aus, rieb sich das Gesicht und öffnete die Augen. »Ah!« sprach er dann, »Ihr seid es, Hauptmann? Bei Gott! Ihr hättet mich noch schlafen lassen sollen; ich hatte einen herrlichen Traum; ich träumte, daß ich bei Torlonia mit der Gräfin G... einen Galopp tanzte.«

Er zog seine Uhr, die er behalten hatte, um sich von dem Verlauf der Zeit zu überzeugen.

»Halb zwei Uhr des Morgens! – Aber zum Teufel! Warum habt Ihr mich um diese Stunde aufgeweckt?«

»Am Ihnen zu sagen, daß Sie frei sind, Exzellenz!«

»Mein Lieber,« entgegnete Albert mit völliger Freiheit des Geistes, »haltet Euch künftig an den Ausspruch Napoleons: »Weckt mich nur wegen schlimmer Nachrichten auf!« Ließet Ihr mich fortschlafen, so hätte ich meinen Galopp ausgetanzt und wäre Euch dankbar fürs ganze Leben. Man hat also mein Lösegeld entrichtet?«

»Nein, Exzellenz!«

»Was, wie bin ich denn frei?«

»Jemand, dem ich nichts abschlagen kann, hat Sie von mir gefordert.«

»Hier?«

»Ja, hier!«

»Ha, bei Gott, dieser Jemand ist sehr liebenswürdig!«

Albert blickte ringsum, bemerkte Franz und sagte: »Wie, Sie sind es, mein lieber Franz? Sie trieben die Aufopferung so weit?«

»Nicht ich,« entgegnete Franz, »sondern unser Nachbar, der Graf von Monte Christo.«

»Ah, bei Gott, Herr Graf,« rief Albert entzückt, indem er seine Krawatte und seine Manschetten ordnete, »Sie sind ein wahrhaft großer Mann, und ich hoffe, Sie werden mich als Ihren ewigen Schuldner betrachten, erstens in Rücksicht des Wagens und dann namentlich wegen dieser Angelegenheit.«

Er reichte dem Grafen seine Hand, der in dem Momente zitterte, als er ihm die Rechte entgegenbot, sie ihm aber dennoch darreichte.

Der Bandit betrachtete diese Szene mit Erstaunen; er war offenbar daran gewohnt, seine Gefangenen zittern zu sehen, und hier war einer, der sich in seiner heiteren Stimmung gar nicht veränderte; Franz war darüber höchlich erfreut, daß Albert, selbst unter Banditen, die Nationalehre behauptet habe.

»Mein lieber Albert,« sprach er zu ihm, »wenn Sie sich beeilen wollen, so wird es noch Zeit sein, die Nacht bei Torlonia zu beschließen. Sie fangen Ihren Galopp da wieder an, wo Sie denselben unterbrochen haben, und zwar so, daß Sie gar keinen Groll gegen Herrn Luigi bewahren, der sich bei der ganzen Geschichte in der Tat recht artig und edel bewiesen hat.«

»Ja, Sie haben recht,« entgegnete Albert, »und wir können um zwei Uhr dort sein. Herr Luigi,« fuhr Albert fort, »bedarf es noch einer andern Förmlichkeit, um von Eurer Exzellenz Abschied zu nehmen?«

»Keiner, mein Herr!« erwiderte der Bandit. »Sie sind frei wie der Vogel in der Luft. Ich wünsche Ihnen also ein frohes, glückliches Leben. Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie.«

Vampa stieg die Treppe hinauf und durchschritt den großen, viereckigen Saal, während ihm Franz, Albert und der Graf nachfolgten. Alle Banditen standen mit dem Hut in der Hand.

»Peppino,« rief der Hauptmann, »gib mir die Fackel.«

»Hm, was tut Ihr denn?« fragte der Graf.

»Ich führe Sie zurück,« sagte der Hauptmann, »das ist wohl die geringste Ehre, die ich Eurer Exzellenz zu erweisen vermag.«

Er nahm die angezündete Fackel aus der Hand des Hirten und schritt seinen Gästen voran, nicht wie ein Bedienter, der ein knechtisches Werk verrichtet, sondern wie ein König, der seinen Botschaftern vorangeht. Als er an die Pforte kam, verneigte er sich und sagte: »Herr Graf, jetzt erneuere ich Ihnen meine Entschuldigungen und hoffe, Sie werden gegen mich über das Geschehene keinen Groll bewahren.«

»Nein, mein lieber Vampa,« erwiderte der Graf, »übrigens macht Ihr Eure Fehler auf eine so artige Weise wieder gut, daß man fast versucht ist, Euch dafür zu danken, daß Ihr sie begangen habt.«

»Meine Herren,« versetzte der Häuptling, sich zu den jungen Männern wendend, »mein Anerbieten mag Ihnen vielleicht nicht sehr anziehend vorkommen, wenn Sie aber jemals Lust verspüren, mir einen zweiten Besuch zu machen, so werden Sie willkommen sein, wo ich mich auch immer aufhalten mag.«

Franz und Albert beurlaubten sich. Der Graf ging voran, Albert folgte, und Franz kam zuletzt.

»Haben Eure Exzellenz noch eine Frage zu stellen?« sagte Vampa lächelnd.

»Ja, ich gestehe es,« erwiderte Franz, »ich möchte gern wissen, in welchem Buche Ihr gelesen habt, als wir eintraten.«

»In den Kommentaren Cäsars,« antwortete der Bandit, »ich lese Sie mit Vorliebe.«

»Um Vergebung«, sagte Albert, indem er sich umwandte. »Wollet mir erlauben, Hauptmann?«

Er zündete seine Zigarre an Vampas Fackel an.

»Gehen wir jetzt so schnell als möglich, Herr Graf,« sprach er, »mich drängt es ungemein, die Nacht bei dem Herzog von Bracciano zu beschließen.«

Man traf den Wagen, wo man ihn verlassen hatte. Der Graf sprach ein einziges Wort arabisch zu Ali, und die Pferde sprengten von hinnen. Es war auf Alberts Uhr gerade zwei Uhr, als die beiden Freunde in den Tanzsaal traten. Ihre Ankunft erregte Aufsehen, da sie aber zusammen eintraten, so schwand augenblicklich alle Besorgnis, die man Alberts wegen gehegt hatte.

Der Vicomte von Morcerf schritt auf die Gräfin zu und sagte: »Gnädige Frau, Sie hatten gestern die Güte, mir einen Galopp zu versprechen; ich komme zwar ein wenig spät, um Sie an dieses schmeichelhafte Versprechen zu erinnern, doch hier ist mein Freund, dessen Wahrheitsliebe Sie kennen, er wird es Ihnen bestätigen, daß die Schuld nicht an mir ist.«

Da die Musik in diesem Moment das Signal zu einem Walzer gab, so schlang Albert seinen Arm um die Hüften der Gräfin und verschwand mit ihr im Gewühl der Tanzenden. Mittlerweile dachte Franz an den seltsamen Schauer, der den ganzen Leib des Grafen von Monte Christo in dem Augenblick erschütterte, wo er genötigt war, Albert seine Hand zu reichen.

Am folgenden Morgen beeilte sich Albert, dem Grafen noch einmal seinen heißen Dank auszusprechen für den großen Dienst, den er ihm erwiesen hatte. Voll überströmender Herzlichkeit bat Albert den Grafen, ihn doch einmal in Paris zu besuchen; seine Eltern würden sich mit ihm freuen und ihn aufs herzlichste begrüßen.

Der Graf sagte mit immer gleichbleibender kalter Höflichkeit zu und gab zu Alberts Verblüffung genau Tag, Stunde und Minute an, wann er sich erlauben werde, in Paris nach Verlauf von drei Monaten bei ihm zu erscheinen.

Der Graf hielt Wort: mit Glockenschlag der verabredeten Zeit hielt sein Wagen vor dem Hause von Alberts Eltern, und der Graf ließ sich melden. Albert empfing ihn aufs liebenswürdigste, machte ihn mit seinen Freunden bekannt und führte ihn dann zu seinen Eltern. Der alte Graf Morcerf, ein Mann, der über seine Jahre hinaus ergraut war, befand sich allein im Salon. Rasch kam er auf Monte Christo zu:

»Sie haben uns den Sohn gerettet; wir werden Ihnen zu dauerndem Danke verpflichtet sein.«

Die beiden Männer wechseln miteinander kühl-höfliche Redensarten. Währenddessen kommt die Gräfin Morcerf dazu. Sie stutzt, als sie Monte Christos Stimme hört, und als er sich nach ihr umwendet, wird sie leichenblaß und ist dem Umsinken nah. Der Sohn eilt besorgt zur Mutter; diese aber beherrscht sich und begrüßt den Fremden mit steifem Zeremoniell. Dann aber dankt sie ihm mit warmen Worten, daß er ihr den Sohn erhalten. Da sie aber hört, daß der Graf erst eben von der Reise gekommen, bittet sie ihn, mit ihrer Gastfreundschaft vorliebzunehmen.

Der Graf lehnt dies dankend ab, da er begierig ist, zu erfahren, welch ein Haus in Paris sein Finanzmeister ihm gekauft habe, und wie sein stummer Nubier, den er vorausgeschickt, es wohl eingerichtet haben mochte.

Staunend hörten die andern das mit an, und die Gräfin sprach: »So wollen wir Sie nicht länger zurückhalten, denn ich möchte nicht, daß unsere Dankbarkeit Ihnen lästig wird. Hoffentlich haben wir ein andermal das Vergnügen...« Der Graf verbeugte sich stumm und sah dabei noch bleicher aus als sonst.

Als er jedoch unten im Wagen saß, schaute er sich noch einmal um und bemerkte, daß ein Vorhang am Fenster des Salons, in dem die Gräfin weilte, sich heimlich bewegte. Es dauerte keine sechs Minuten, als der Wagen im großen Bogen vor die Freitreppe des prächtigen Gebäudes fuhr, das Monte Christo in Paris als Stadtresidenz dienen sollte. Zwei Männer eilten dienstfertig an den Schlag: der eine war Ali, der seinem Herrn treuherzig zulächelte und sich durch einen Blick von Monte Christo beglückt fühlte, der andere war Bertuccio, der Finanzmeister.

Leichtfüßig sprang der Graf aus dem Wagen.

»Ist der Notar gekommen?«

»Er wartet im kleinen Salon, Exzellenz«, erwiderte Bertuccio.

»Und die Visitenkarten, die Ihr stechen lassen solltet, sobald Euch die Nummer meines Hauses ...«

»Sind besorgt, gnädiger Herr. Ich war beim ersten Kupferstecher von Paris. Die erste Karte, die abgezogen wurde, habe ich sofort auf Euer Gnaden Wunsch an den Baron Danglars, Chaussee d'Antin Nummer sieben, geschickt.«

Monte Christo gab Hut, Handschuhe und Stock seinem französischen Diener und ging in den kleinen Salon zu dem Notar.

»Sind Sie, mein Herr, der Notar, der bevollmächtigt ist, mir das Landhaus zu verkaufen?« fragte Monte Christo.

»Zu dienen, Exzellenz«, entgegnete der Notar.

»Ist der Kaufvertrag aufgesetzt?«

»Hier ist er.«

»Gut. Und wo liegt das Haus, das ich kaufe?« fragte Monte Christo nachlässig, halb zu Bertuccio, halb zum Notar gewendet.

Der Notar sah Monte Christo verwundert an, dann sagte er: »Das Haus ist in Auteuil gelegen.«

Bei diesen Worten wurde Bertuccio sichtlich blaß.

Der Graf unterzeichnete den Kontrakt, nachdem er einen flüchtigen Blick auf die Stelle geworfen hatte, wo die Lage des Hauses und die Namen der Eigentümer angegeben waren.

»Bertuccio,« sprach er, »geben Sie diesem Herrn fünfundfünfzigtausend Franken.«

Der Intendant ging mit wankenden Schritten hinaus und kehrte mit einem Bündel Banknoten zurück, die der Notar zählte wie ein Mann, der gewohnt ist, mit Geld umzugehen.

»Kann ich die Schlüssel haben?«

»Sie befinden sich in den Händen des Portiers, der das Haus behütet; doch es ist ihm Befehl gegeben, den Herrn Grafen in sein neues Besitztum einzuführen.«

»Recht so«, sagte der Graf und entließ mit einem Kopfnicken den Notar, der sich unter tiefen Verbeugungen entfernte.

»Und nun, Bertuccio: auf, nach Auteuil!«

»Nach Auteuil?« rief Bertuccio, dessen kupferige Gesichtsfarbe fast leichenfahl wurde.

»Was ist denn Staunenswertes dabei, daß Sie nach Auteuil gehen sollen? Wenn es mein Haus ist, werden Sie wohl oft dahin gehen müssen.«

Bertuccio senkte den Kopf vor dem gebieterischen Blick seines Herrn und blieb regungslos und stumm.

»Nun,« sagte der Graf, »ist der Wagen vorgefahren?«

Bertuccio sprang mit einem Satze aus dem kleinen Salon in das Nebengemach und rief mit heiserer Stimme:

»Die Pferde Seiner Exzellenz?«

Monte Christo schrieb zwei oder drei Briefe; als er den letzten siegelte, trat der Haushofmeister wieder ein und sprach:

»Der Wagen Seiner Exzellenz wartet.«

»So folgen Sie mir und geben dem Kutscher Bescheid.«

Bertuccio gehorchte ohne Widerspruch; ehe er den Wagen bestieg, rief er dem Kutscher zu:

»Auteuil? Rue Fontaine Nummer dreißig!«

Es war während der Fahrt bereits dunkel geworden. Das Haus befand sich am äußersten Ende des Dorfes. Der Wagen hielt, und der Graf schickte Bertuccio voran, um ihn anzumelden.

Bertuciio klopfte an die Tür, und der Portier fragte: »Was gibt's?«

»Ihr neuer Gebieter ist hier, guter Mann.«

»Das Haus ist also verkauft?« sagte der Portier. »Und der Herr wird darin wohnen?«

»Ja, mein Freund,« sprach der Graf, »und ich werde danach trachten, daß Ihr um den vorigen Herrn kein Leid tragt.«

»Oh, mein Herr,« versetzte der Portier, »wir sahen ihn nur höchst selten; er ist schon über fünf Jahre nicht hierhergekommen.«

»Und wie heißt doch Euer früherer Herr?« fragte Monte Christo.

»Marquis von Saint-Méran. Er ist ein alter Edelmann und getreuer Diener der Bourbonen; er hatte eine einzige Tochter, die er an Herrn von Villefort verheiratete, den königlichen Prokurator in Nimes und dann in Versailles.« Monte Christo warf einen Blick auf Bertuccio, der bleicher als die Wand war, an die er sich lehnte.

»Nun wollen wir uns das Haus einmal ansehen. Können wir ein Licht bekommen, guter Mann?«

»Ach, Herr,« sagte der Portier, nachdem er vergeblich am Gesimse des Kamins und in dessen Nähe gesucht hatte, »hier sind keine Kerzen mehr.«

»Nehmen Sie eine Wagenlaterne, Bertuccio,« sagte der Graf, »und führen Sie mich durch die Zimmer.«

Der Hausmeister gehorchte; doch ließ das Zittern seiner Hand deutlich erkennen, was ihn der Gehorsam kostete.

Man durchschritt ein ziemlich großes Erdgeschoß, dann einen ersten Stock, der aus einem Salon, einem Badesaal und zwei Schlafzimmern bestand. Durch eines dieser Schlafzimmer gelangte man zu einer Wendeltreppe.

»Ah, sieh da! Ein Geheimgang!« rief der Graf. »Wir wollen sehen, wohin er führt.«

»In den Garten, Herr«, erwiderte Bertuccio tonlos.

»Woher wissen Sie das?«

»O Herr, Herr! Nun ist's genug! Ich kann nicht weiter!« stammelte Bertuccio in Todesangst.

»Was heißt das alles?« forschte der Graf.

»Herr, Herr!« schrie Bertuccio außer sich. »Des Schicksals Hand packt mich erbarmungslos. Warum mußtet Ihr gerade dieses Mörderhaus kaufen? Warum wollt Ihr gerade diese Treppe hinabgehen, die er hinabgegangen? Da, da! Gerade auf der Stufe, wo Ihr steht, da – hab' ich ihm – den tödlichen Streich versetzt.«

Keuchend preßte er beide Hände auf die Brust. »Und wenn Ihr nun weitergeht hier im Garten bis zwei Schritte vor dieser Platane,« fuhr er in höchster Erregung fort, »da ist's, Herr, wo er das Kind vergraben hat!«

Der Graf packte Bertuccio bei der Schulter und schüttelte ihn: »Mann, seid Ihr von Sinnen? Von wem sprecht Ihr da immerfort?«

»Von Herrn de Villefort, dem ehemaligen Königlichen Prokurator.«

»So so – von ihm«, sagte Monte Christo. »Ja – des Schicksals Wege sind gar wunderbar, habt also Achtung vor dieser Macht, und wenn Ihr auf meinen Schutz rechnen wollt, so legt ein ehrliches Bekenntnis ab.«

»Ja, Herr – das will ich tun«, sagte Bertuccio still und ergeben. »Die Sache geht zurück, Exzellenz, bis in das Jahr 1813«, begann Bertuccio mit leiser Stimme, wahrend er in bescheidener Haltung dem Grafen gegenüberstand, der sich auf eine Bank im Garten niedergelassen hatte. Und Bertuccio erzählte:

»Ich hatte einen älteren Bruder, der im Dienste des Kaisers stand. Er wurde Leutnant in einem ganz aus Korsen bestehenden Regiment. Dieser Bruder war mein einziger Freund; wir sind Waisen geworden, ich mit fünf und er mit achtzehn Jahren; er hat mich erzogen, als ob ich sein Sohn gewesen wäre. Im Jahre 1814, unter den Bourbonen, verheiratete er sich; der Kaiser kehrte von Elba zurück, mein Bruder nahm sogleich wieder Dienste und zog sich mit der Armee hinter die Loire, nachdem er bei Waterloo leicht verwundet worden war. Eines Tages erhielten wir einen Brief; jener Brief war von meinem Bruder. Er meldete uns, die Armee sei entlassen und er käme über Nimes zurück. Ferner ersuchte er mich, wenn ich etwas Geld besäße, es ihm durch einen Wirt in Nimes zukommen zu lassen, mit dem ich in Verbindung stand.«

»In Konterbande«, bemerkte Monte Christo.

»Mein Gott, Herr, man muß doch leben!«

»Allerdings; fahren Sie nur fort.«

»Wie ich sagte, hing ich sehr an meinem Bruder und beschloß daher, ihm das Geld selbst zu überbringen. Es war gerade in den Tagen, wo man im Süden eine wahre Freude daran hatte, alles niederzumetzeln, was man für Bonapartisten hielt. Als ich in Nimes ankam, watete man buchstäblich im Blute. Ich eilte zu unserm Gastwirt; mein Bruder war am Vorabend in Nimes angekommen und vor dem Haus, in dem er Gastfreundschaft zu finden hoffte, meuchlerisch ermordet worden. Ich versuchte alles, um die Mörder ausfindig zu machen, allein sie waren so gefürchtet, daß mir niemand ihre Namen zu nennen wagte. Ich dachte an die französische Justiz und begab mich zum französischen Prokurator.«

»Zu Herrn von Villefort?« fragte Monte Christo.

»Ja, Exzellenz. Doch der drehte die Sache hin und her, daß ich bald merkte, welcher Gesinnung er war. Ich bat ihn flehentlich, sich meiner Angelegenheit anzunehmen und den Tod meines Bruders zu rächen.

›Warum sollte ich das?‹ sagte er. ›Ihr Bruder hat vermutlich Streit angefangen und sich geschlagen. All diese alten Soldaten treiben Exzesse, die ihnen unter der kaiserlichen Regierung hingingen, die aber jetzt übel für sie auslaufen; unsere Leute hier im Süden haben weder Soldaten noch Exzesse gern.‹

›Wie, Herr! Ist's möglich, daß Sie, ein Staatsbeamter, so zu mir sprechen?‹ rief ich.

›Unverschämter?‹ schrie er mich darauf an. ›Ihr Korsen seid ja alle Narren!‹

Kaum hatte er das gesagt, so war ich auch schon neben ihm und raunte ihm zu: ›Gut! Wenn Sie so genau wissen, daß wir Narren sind, sollen Sie auch noch erfahren, wie diese Narren Wort zu halten pflegen. Blutrache schwöre ich Ihnen von diesem Augenblick an. Weh' Ihnen, wenn wir uns wiedersehen!‹

Ehe er sich von seinem Schrecken erholt hatte, war ich längst entflohen.

Ihn aber plagte die Furcht; er blieb nicht länger in Nimes. Er bat um seine Versetzung und kam nach Versailles. Doch für einen Korsen, der Blutrache geschworen, gibt's kein Hemmnis. Drei Monde hindurch lauerte ich auf Herrn von Villefort; drei Monde hindurch tat er keinen Schritt, machte keinen Spaziergang, ohne daß ihm mein Blick nicht gefolgt wäre. Endlich entdeckte ich, daß er öfters insgeheim nach Auteuil ging, ich schlich ihm abermals nach und sah ihn in dies Haus treten. Mochte er zu Wagen oder zu Pferde kommen, er ging nicht vorn durch das Tor, sondern schlich durch jene kleine Tür, die Sie dort sehen. Das Haus gehörte, wie Exzellenz wissen, dem Herrn von Saint-Méran, dem Schwiegervater des Herrn von Villefort. Herr von Saint- Méran wohnte in Marseilles, und man sagte, er habe es an eine junge Witwe vermietet, die man unter dem Namen »die Baronin« kannte.

Als ich eines Abends über die Mauer blickte, sah ich auch eine junge, schöne Frau, die allein in diesem Garten lustwandelte, nach dem kein Fenster zeigte; sie schaute oftmals nach der kleinen Tür hin, und ich begriff, daß sie diesen Abend Herrn von Villefort erwartete. Als sie mir etwas näher kam, sah ich, daß sie schön, blond, groß und achtzehn bis neunzehn Jahre alt war. Da sie ein einfaches Nachtkleid trug, bemerkte ich auch, daß sie hoch schwanger war.

Wenige Augenblicke später trat ein Mann durch jene kleine Pforte, und die junge Frau eilte ihm so schnell als möglich entgegen; sie fielen einander in die Arme, liebkosten sich und traten mitsammen in das Haus.

Dieser Mann war Herr von Villefort. Ich dachte, wenn er zurückkäme, zumal nachts, so müßte er allein durch den Garten kommen.

An diesem Abend wartete ich vergebens. Einige Tage danach sah ich ihn eilends durch die Pforte verschwinden. Mit kühnem Entschluß sprang ich über die Gartenmauer.

Meine erste Sorge war es, nach der Tür zu sehen; er hatte inwendig den Schlüssel stecken lassen, ihn aber aus Vorsicht zweimal umgedreht. Es stand also meiner Flucht nichts im Wege. Ich versteckte mich hinter dichtem Laubwerk. Wollte Herr von Villefort sich nach der kleinen Tür begeben, so mußte er an dieser Baumgruppe vorüberkommen.

Endlich kam ein Mann jene Treppe herab. Er trug ein zwei Fuß langes Kästchen unter dem Mantel und hatte einen Spaten in der Hand.

Er kam direkt auf die Baumgruppe zu, sah sich einen Moment scheu um und begann dann zu graben. Der Mond kam plötzlich hinter den Wolken hervor, und ich sah, daß es Herr von Villefort war. Es schlug zwölf Uhr. Er legte den Kasten in die Grube, schaufelte die Erde wieder darauf und begann dann, mit den Füßen den Boden gleichzutreten, um jede Spur zu vertuschen.

Ich hatte ihm neugierig zugesehen; da er sich nun wieder über jene Treppe ins Haus begeben wollte, stürzte ich auf ihn zu mit den Worten:

»Hier Giovanni Bertuccio! Blutrache heischt deinen Tod für den meines Bruders und deinen Schatz für seine Witwe!«

Ich weiß nicht, ob er diese Worte hörte; ich glaube kaum, denn er fiel zu Boden, ohne einen Laut auszustoßen, ich fühlte den Strahl seines Blutes heiß in mein Gesicht spritzen, allein ich war trunken, ich war wahnsinnig; dieses Blut erfrischte mich, statt daß es mich verbrannte. In einer Sekunde hatte ich darauf noch mittels des Spatens jenes Kistchen wieder ausgegraben, und damit man nicht wahrnehme, daß ich es weggenommen, füllte ich das Loch wieder aus, warf den Spaten über die Mauer, schlüpfte durch die Tür, schloß sie doppelt von außen ab und steckte den Schlüssel zu mir.

Ich kam bis zum Fluß, und da ich neugierig war, was in dem Kistchen sei, habe ich das Schloß mit einem Messer aufgesprengt.

In Windeln von feinstem Battist lag ein neugeborenes Kind; sein purpurrotes Gesicht und die blauen Händchen deuteten an, daß man es erdrosselt hatte. Da aber noch Leben in dem kleinen Körper zu sein schien, nahm ich zuerst die Schnur ab, die um seinen Hals geschlungen war und tat alles, was in solchem Fall ein Arzt tun konnte, das heißt, ich blies ihm Luft in die Lungen, und nach einer Viertelstunde unerhörter Anstrengung sah ich es Atem holen und hörte seinen ersten Schrei.«

»Und was haben Sie mit dem Kinde gemacht?« fragte Monte Christo.

»Ich brachte es zunächst in ein Findelhaus. Da meine Schwägerin aber dies Erlebnis für eine Fügung Gottes ansah, ging sie am nächsten Tag und holte sich das Kind. Nun hatte ich für zwei zu sorgen: für meine arme Schwägerin und den Findling. Um reichlich zu verdienen, gab ich mich ganz dem Schmugglergeschäft hin. Wer das mit Umsicht und Energie betreibt, kann viel erreichen. Assunta war eine gute Hausfrau, und so konnten wir beide ohne Nahrungssorgen das Kind erziehen.

All unsere hingebende Liebe wurde aber bös vergolten. So hübsch der Junge war mit seiner zarten Hautfarbe, seinen blonden Haaren und blauen Augen, so war er doch eine bis in den Grund hinein verdorbene Kreatur. Etwas Nichtswürdigeres als die Schlauheit seines Blicks und die Bosheit seines Lächelns kann man sich gar nicht denken.

Anfangs wollten wir es gar nicht glauben, besonders meine Schwägerin liebte Benedetto, als wäre er ihr eigen Kind. Kaum war er elf Jahre alt geworden, als alle Strolche und Banditen schlimmster Sorte, die seine Wege kreuzten, mit ihm verbündet waren. Schon hatte die Justiz uns eine Warnung zukommen lassen.

Meine Schwägerin weinte, doch nahm sie des Jungen Partei. Da sie mir aber gestand, daß der Junge ihr bereits größere Summen entwendet hatte, gab ich ihr den Rat, unseren kleinen Schatz an einem sicheren Orte zu vergraben. Ich selbst war nur wenig zu Hause, und wieder mußte ich meinem Geschäft nachgehen. Diesmal sollten alle unsere Operationen im Golf von Lyon ausgeführt werden, doch wurde das immer schwieriger, denn wir waren im Jahre 1829. Die Ruhe war wiederhergestellt, der Küstendienst regelmäßiger und strenger als je.

Anfangs ging alles gut; als wir aber nachts dabei waren, die verbotene Ware auszupacken, sahen wir einige Gendarmen auf uns zukommen. Durch eine verborgene Falltür im Boote gelangte ich ungesehen in den Fluß und schwamm eine Strecke unter Wasser fort bis zu einem Graben, von wo aus ich ziemlich sicher bis zu einem Gasthaus in Nimes gelangen konnte, das ein Verbündeter von uns besaß.«

»Wie nannte sich dieser Mann?« fragte der Graf.

»Gaspard Caderousse. Er war mit einer Frau aus dem Dorfe Carronte verheiratet, die am Sumpffieber litt und elend hinsiechte. Der Mann war ein rüstiger Kerl von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der uns in schwierigen Umständen öfter Proben von seiner Gewandtheit gab. Ich hatte also die Absicht, bei Caderousse Zuflucht zu suchen; da wir jedoch nie durch die Tür eintraten, die nach der Straße führt, so kletterte ich über den Gartenzaun, arbeitete mich kriechend durch ein Dickicht von Oliven- und Feigenbäumen und erreichte eine Art von Schuppen, worin ich schon manche Nacht ebenso gut zugebracht hatte wie im besten Bett. Dieser Schuppen war von der Schenkstube im Erdgeschoß nur durch eine Bretterwand geschieden, die zu unserer Sicherheit mit winzigen Gucklöchern versehen war. Während ich nun auf der Lauer liege, Caderousse meine Anwesenheit kundzutun, sehe ich ihn mit einem Fremden die Gaststube betreten.

»He, Weib!« schrie er. »Der Stein ist echt. Der Herr Juwelier will uns fünfzigtausend Franken dafür geben; doch sollst du ihm noch einmal erzählen, wie wir zu dem Diamanten gekommen.«

›Oh, Herr,‹ sagte die Frau, ›das kam so unerwartet, wie der Segen des Himmels immer kommt.‹ Und dann begann sie zu erzählen, wie ein armer, sterbender Gefangener den Abbé Busoni beauftragt habe, diesen Stein seinem Freunde Caderousse zu überbringen.

›So –‹, murmelte der Juwelier, ›nun, es ist ja möglich, daß die Sache sich so verhält. Doch mehr als fünfundvierzigtausend Franken kann ich dafür nicht zahlen.‹

›Der Abbé sagte, der Stein sei fünfzigtausend Franken wert.‹

›Mag sein, doch ihn unterzubringen, würde Ihnen Schwierigkeiten bereiten‹, sagte lächelnd der Juwelier.

Caderousse wechselte mit seiner Frau einen Blick. ›Nun gut‹, sagte er darauf. ›Ich überlasse Ihnen den Diamanten für fünfundvierzigtausend Franken; doch will meine Frau noch eine goldene Kette haben und ich ein Paar silberne Schnallen.‹

Der Juwelier zog aus seiner Tasche ein langes, plattes Kästchen, das mehrere Muster der verlangten Gegenstände enthielt.

›Hier‹, sagte er, ›Sie sollen sich nicht beklagen.‹

›Und wo sind die fünfundvierzigtausend Franken?‹ fragte das Weib mit heiserer Stimme.

›Hier sind sie!‹ entgegnete der Juwelier und zählte das Geld auf den Tisch. Dann nahm er das Etui mit dem Stein und ließ ihn im Lampenlicht funkeln. Draußen war inzwischen ein Unwetter ausgebrochen, und die Frau bot dem Juwelier an, bei ihnen zu übernachten. Schweigend nahmen die drei darauf miteinander das Abendessen ein; sie waren zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Doch wenn die Habgier sich derselben bemächtigt, dann sind sie niemals gut.

O Herr, lassen Sie's mich kurz erzählen: ich wurde mitten in der Nacht durch einen Pistolenschuß aus dem Schlaf getrieben. Ein gräßlicher Schrei folgte nach. Die Treppe knarrte, ein Mann stürzte in die Schenkstube und zündete ein Licht an. Dieser Mann war Caderousse. Sein Gesicht war verzerrt und sein Hemd blutig. Er lief zum Schrank, holte das Geld hervor, stopfte sich die Taschen voll. Das Etui hielt er fest in der Hand.

Ich kroch aus meinem Versteck hervor; als ich jedoch das Zimmer betrat, war Caderousse auf und davon.

Nun eilte ich die Treppe hinauf. Ein Leichnam versperrte mir den Weg. Es war die Frau. Der Pistolenschuß, den ich gehört, hatte ihr gegolten. Ich stieg über sie hinweg, um nach dem Juwelier zu sehen. Der schwamm, im Bett liegend, in seinem Blut, von vier Messerstichen durchbohrt.

Jetzt wurden Stimmen unten laut: Gendarmen und Zollbeamte eilten herbei. Man hielt mich für den Mörder, nahm mich fest und schleppte mich vor die Richter. Bald wär's mir schlecht ergangen, Herr, hätte sich nicht der Abbé Busoni eingefunden, der meine Aussagen betreffs des Diamanten bestätigen konnte. Nicht lange danach wurde auch Caderousse ergriffen. Er gestand alles, wurde zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt, ich aber in Freiheit gesetzt.«

»Damals war's, als der Abbé Busoni Euch mit einem Empfehlungsschreiben zu mir sandte?« fragte der Graf.

»Ja, Herr, und ich frage Eure Exzellenz voller Stolz, ob Sie sich jemals über mich zu beklagen hatten?«

»Nein, Bertuccio; Ihr waret ein getreuer Untergebener. Doch warum habt Ihr mir nie erzählt, daß Ihr eine Schwägerin und einen Pflegesohn hattet?«

»Ach, Herr, erfahrt auch das letzte. Meine Schwägerin hatte meinen Rat nicht befolgt; der mißratene Junge vermutete das Geld im Hause und fiel mit zwei seiner Kumpanen über die Pflegemutter her. Da die Ärmste ihr Geheimnis nicht verraten wollte, haben die Unholde sie gebunden an das Herdfeuer gelegt. Man fand sie am nächsten Tage tot – ganz verkohlt. Die Schränke waren erbrochen, unser kleines Vermögen fort.

Gott gebe, daß ich nie wieder in meinem Leben diesem Muttermörder begegnen möge!

Begreift Ihr nun, Herr, weshalb mir vor diesem Hause graut?«

»Ich begreife das wohl, Bertuccio. Seit Ihr mir nun aber alles gesagt habt, wird Euch leichter zumute sein, besonders, da Ihr wißt, daß Ihr unter meinem Schutze steht.« Bertuccio verneigte sich tief.

Darauf kehrten sie nach Paris zurück, ohne noch weiter mit einem Wort all diese Dinge zu berühren. An seiner Stadtresidenz wieder angelangt, durchwanderte Monte Christo noch, obgleich es schon sehr spät war, die ganze Wohnung. Er tat dies mit einer Sicherheit, als wäre er längst zu Hause darin. Ali begleitete ihn auf diesem nächtlichen Rundgang und nahm einige Befehle in Empfang, die vorzunehmende Änderungen in der Einrichtung betrafen. Nun zog der Graf seine Uhr und sagte:

»Es ist halb zwölf; Haydee wird alsbald ankommen, sind die französischen Kammerfrauen schon da?«

Ali streckte seine Hand nach der für die schöne Griechin bestimmten Wohnung aus, die durch eine Tapetentür so verborgen war, daß man das ganze Haus besichtigen konnte, ohne zu vermuten, daß es hier noch einen Salon und zwei Wohnzimmer gäbe: Ali streckte also seine Hand aus, deutete die Zahl drei mit den Fingern an, legte dann auf diese seinen Kopf und schloß die Augen, als ob er schliefe.

»Ah,« sagte Monte Christo, der an diese Sprache gewöhnt war, »nicht wahr, es sind ihrer drei, die im Schlafzimmer warten?«

Ali bejahte, indem er mit dem Kopf nickte.

»Die Herrin wird diesen Abend sehr müde sein und gern schlafen wollen,« sagte Monte Christo; »die französischen Frauen sollen daher ihre neue Gebieterin begrüßen und sich gleich zurückziehen. Du wachst darüber, daß die griechische Kammerfrau mit den französischen nicht in Berührung kommt.«

Ali verneigte sich.

Bald darauf hörte man den Portier rufen, das Gitter ging auf, ein Wagen rollte in die Allee und hielt vor der Freitreppe. Der Graf ging hinab und begrüßte eine junge Frau, die in einen grünseidenen, goldgestickten Mantel gehüllt war. Die junge Frau ergriff die dargebotene Hand des Grafen und küßte sie mit Liebe und Ehrfurcht. Es wurden nun einige Worte gewechselt in der sang- und klangreichen Sprache des alten Vater Homer. Hierauf geleitete man die schöne Griechin, die man schon in Rom an der Seite des Grafen gesehen, in ihre Wohnung, und der Graf zog sich in seine Gemächer zurück.

Um halb ein Uhr waren alle Lichter im Hause gelöscht, daß man glauben konnte, alles schliefe.


Als der Graf am nächsten Vormittag wieder seinen eleganten Wagen bestieg, dem wahrhaft prächtige Rappen vorgespannt waren, rief er dem Kutscher zu:

»Rue Chaussée d'Antin: Baron Danglars!«

Wie in Windeseile ging's dahin, und bald befand sich der Graf im Palais Danglars. Man hatte ihn in einen äußerst prunkhaften Saal geführt. Bald darauf erschien der Baron und begrüßte den Grafen mit leichtem Kopfnicken und deutete auf einen vergoldeten, mit Brokat überzogenen Sessel hin.

Der Graf setzte sich.

»Mein Herr,« sagte Danglars, »ich habe da einen Brief von Thomson & French bekommen: doch ich gestehe, daß mir dessen Sinn nicht klar ist.«

»Was ist denn daran so unerklärlich, wenn ich fragen darf?«

»Dieser ›unbegrenzte‹ Kredit, der darin dem Grafen von Monte Christo auf mein Haus eröffnet wird.«

»Ach, ich verstehe: das Haus Thomson & French ist nicht ganz sicher. In der Tat! Das wäre mir unangenehm, denn ich habe einige Gelder dort angelegt«, sagte Monte Christo mit der harmlosesten Miene von der Welt.

»Oh, vollkommen sicher!« antwortete Danglars höhnisch. »Allein der Sinn des Wortes ›unbegrenzt‹ ist in finanzieller Hinsicht so ungewiß ...«

»Weil er unbegrenzt ist, nicht wahr?« sagte Monte Christo.

»Das wollte ich eben sagen, mein Herr! Das Unbestimmte ist Zweifel, und...«

»Sehr wohl, ich verstehe,« fiel der Graf mit leisem Lächeln ein, »aber ich bin auf solche Zwischenfälle immer gefaßt und habe daher noch zwei andere Briefe, dem ähnlich, der an Sie gerichtet war. Der eine ist von dem Hause Arnstein & Eskeles in Wien an den Herrn Baron von Rothschild, der andere von dem Hause Baring in London auf Herrn Lafitte. Sprechen Sie ein Wort, mein Herr, und ich enthebe Sie aller Besorgnis und wende mich an das eine oder das andere dieser beiden Häuser.«

Damit war's um Danglars geschehen. Er starrte den Grafen beinahe mit offenem Munde an, dann stand er auf, als wollte er in diesem Manne, der vor ihm saß, die personifizierte Macht des Geldes begrüßen, und sagte: »Oh, mein Herr, diese drei Unterschriften gelten Millionen! Drei unbegrenzte Kreditbriefe auf unsere drei Häuser! Vergeben Sie mir, Graf, allein, wenn auch das Mißtrauen ein Ende hat, so bleibt doch das Staunen.«

»Da die Mißverständnisse glücklich beseitigt sind,« begann Monte Christo von neuem, »könnten wir wohl, wenn es beliebt, eine allgemeine Summe für das erste Jahr festsetzen: sagen wir also sechs Millionen.«

»Sechs Millionen – wohlan!« sagte Danglars ganz betäubt.

»Brauche ich mehr,« fuhr Monte Christo gelassen fort, »so setzen wir mehr; allein ich denke nur ein Jahr in Frankreich zu bleiben, und während dieses Jahres glaube ich diese Summe nicht zu überschreiten. – Wir werden jedoch sehen ... Senden Sie mir morgen für den Anfang fünfhunderttausend Franken, ich werde bis Mittag zu Hause bleiben ... Sollte dies aber nicht der Fall sein, so werde ich meinem Hausmeister einen Empfangsschein hinterlassen.«

»Das Geld wird morgen um zehn Uhr zur Stelle sein«, antwortete Danglars. Der Graf stand auf.

Auch Danglars erhob sich. »Es würde mir eine Freude sein, Sie meiner Gattin vorstellen zu dürfen«, sagte er mit größter Liebenswürdigkeit.

Der Graf verneigte sich schweigend. Danglars klingelte; ein goldbetreßter Lakai erschien.

»Ist die Baronin zu Hause?«

»Ja, gnädiger Herr«, entgegnete der Diener.

»Allein?«

»Nein, Madame hat Besuch.«

»Wer ist bei Madame, Herr Debray?« fragte Danglars mit einer Gutmütigkeit, über die Monte Christo, da er bereits von den durchsichtigen Geheimnissen im Hause des Bankiers unterrichtet war, lächeln mußte.

»Ja, Herr Debray!« versetzte der Lakai.

Danglars nickte mit dem Kopf. Dann wandte er sich gegen Monte Christo und sprach:

»Herr Lucien Debray ist ein alter Freund von uns; darf ich also bitten?«

Der Baron durchschritt mit dem Grafen eine lange Reihe von Gemächern, von denen eins wie das andere mit plumper Pracht ausgestattet war, bis sie zu dem Boudoir der Madame Danglars kamen, das mit rosa Atlas tapeziert und mit indischem Musselin überspannt war. Über den Türen sah man Schäferszenen in der Manier Bouchers. Zwei hübsche Pastelle in Medaillon, die mit der übrigen Ausstattung harmonierten, machten dieses kleine Zimmer zu dem einzigen Raum im Hause, der geschmackvoll war. Madame Danglars, die mit ihren sechsunddreißig Jahren noch immer eine Schönheit genannt werden konnte, saß bei ihrem Klavier, während Lucien an einem Tisch ein »Album« durchblätterte.

Lucien hatte schon vor Ankunft des Grafen Zeit gehabt, der Baronin allerlei Dinge von ihm zu erzählen; denn er hatte Monte Christo bereits bei Albert kennen und bewundern gelernt. Dieser Eindruck war bei Debray noch nicht erloschen, und alle Mitteilungen, die er der Baronin machte, wurzelten in ihm und reizten nicht wenig die Neugier der Frau.

So empfing sie denn diesen Fürsten des Geldes mit bezaubernder Anmut und unterhielt sich aufs liebenswürdigste mit ihm. Seine Bekanntschaft versprach eine Reihe von Bällen, Diners und herrlichen Festen, was wohl verlockend schien. Der Graf blieb immer gleich kühl, höflich und artig. Nur einmal blitzte es in seinen Augen auf, als Madame Danglars davon sprach, daß sie ihr prächtiges Fuhrwerk Frau von Villefort zu einer Nachmittagsausfahrt versprochen hätte. Gleich darauf empfahl sich Monte Christo.

Am Nachmittag desselben Tages fügte es sich, daß bei der Spazierfahrt, die Frau Heloise von Villefort mit ihrem achtjährigen Söhnchen unternahm, plötzlich die Pferde in unerklärlicher Weise scheuten und mit dem Wagen durchgingen. Dies geschah in der Nähe des Landhauses, das dem Grafen von Monte Christo gehörte. Ali, der stumme Nubier, aber hatte in verwegenster Kühnheit die Pferde zum Stehen gebracht, und der Graf selber die ohnmächtige Frau nebst ihrem kleinen Sohn in sein Haus getragen. Die Aufregung in der Familie Villefort war darum groß, und Herr von Villefort machte sich nach einigen Tagen persönlich auf, um in seiner steifen, gespreizten Art dem Grafen den schuldigen Dank auszusprechen. Monte Christo begegnete der beleidigenden Anmaßung dieses Mannes mit kalter Überlegenheit. Als aber der königliche Prokurator endlich wieder gegangen war, seufzte er aus tiefstem Herzensgrund. Dann klingelte er nach Ali und sagte zu ihm: »Geh hinauf zu Madame und frage, ob ihr mein Besuch willkommen wäre.«


Die Wohnung der jungen Griechin war ganz für sich abgeschlossen. Die Einrichtung völlig orientalisch. Fußboden und Wände bedeckten kostbare Teppiche und ein breiter Diwan zog sich ringsherum, auf dem ein Haufen von seidenen Kissen lag.

Haydee ging dem Grafen freudig entgegen. Ihr Anzug war sehr malerisch: Pumphöschen aus weißem Atlas mit rosenfarbenen Blumen durchwirkt, eine blau und weiß gestreifte Seidenjacke mit weit geschlitzten Ärmeln, dazu einen leuchtendfarbigen Gürtel mit langen, seidenen Fransen. Den Kopf bedeckte eine mit Gold und Perlen gestickte kleine Mütze, die kaum die Fülle des herrlichen, blauschwarzen Haares zu bergen vermochte.

Was die Schönheit des Gesichtes betrifft, so bot sie den griechischen Typus in ganzer Vollkommenheit. Große, schwarze Augen, eine marmorne Stirn, Korallenlippen und Perlenzähne.

Über dieses reizende Gebild ergoß sich die Blüte der Jugend mit all ihrem Glanz, Haydee mochte neunzehn oder zwanzig Jahre zählen.

Als sie Monte Christo sah, rief sie:

»Was bittest du um Erlaubnis, bei mir eintreten zu dürfen? Bist du nicht mein Herr? Bin ich nicht mehr deine Sklavin?«

»Haydee,« entgegnete der Graf, »du weißt, daß wir in Frankreich sind, und folglich bist du frei.«

»Frei – und was soll ich damit?« fragte das junge Mädchen.

»Du kannst mich verlassen.«

»Dich verlassen ... dich verlassen?«

»Wenn du unter den jungen Leuten, die du hier antreffen wirst, einen Mann fändest, der dir gefiele, so ...«

»Ich habe noch nie einen schöneren Mann gesehen, als du bist, und nie einen andern geliebt als meinen Vater und dich.«

»Armes Kind,« sprach Monte Christo, »du kennst ja niemanden außer uns beiden. Jetzt aber wird das anders werden; solch eine orientalische Abgeschlossenheit wird hier in Paris nicht mehr möglich sein. Lerne das Leben in unsern nördlichen Ländern kennen, wie du es in Rom, Florenz, Mailand und Madrid getan hast, das wird dir nur von Nutzen sein, ob du nun hierbleibst oder nach dem Orient zurückkehrst.«

Das junge Mädchen sah den Grafen mit großen, feuchten Augen an: »Oder, daß ›wir‹ nach dem Orient zurückkehren.«

»Ja, meine Tochter,« erwiderte Monte Christo; »du weißt es wohl, ich werde dich niemals verlassen. Es ist nicht der Baum, der sich von der Blüte trennt, sondern die Blüte, die sich vom Baume löst. Doch eins bitte ich dich, mein Kind: sprich nie von deiner Vergangenheit. Im übrigen tu, was dir behagt, freu' dich deines Lebens ...«

»Herr, werde ich dich öfter sehen?«

»Alle Tage.«

»O Herr, was brauche ich mehr?«

»Ich fürchte, du wirst dich langweilen.«

»Nein, Herr, denn am Morgen denke ich, daß du kommen wirst, und am Abend erinnere ich mich, daß du hier warst; wenn ich sonst allein bin, so sind es Erinnerungen, die mich beschäftigen. Mit drei Gefühlen im Herzen langweilt man sich nie: Trauer, Liebe und Dankbarkeit.«

»O Haydee, du echtes Kind deiner Heimat! Sei ruhig: ich halte meine Hand über dich. Wenn du mich liebst wie deinen Vater, so sollst du mir wie ein Kind lieb sein.«

»Du irrst, Herr, ich liebte meinen Vater nicht so, wie ich dich liebe; meine Liebe für dich ist eine andere; mein Vater starb – ich bin nicht gestorben; wenn du aber stürbest, dann wäre alles aus.«

Der Graf reichte dem jungen Mädchen die Hand mit einem Lächeln voll tiefer Zärtlichkeit; sie preßte sie, wie gewöhnlich, an ihre Lippen.


Der Graf von Monte Christo ließ sich bei Frau von Villefort melden, um dem königlichen Prokurator den Besuch zu erwidern, was das ganze Haus in Bewegung setzte.

Frau von Villefort, die sich allein im Salon befand, ließ sogleich ihren Sohn kommen, damit das Kind seine Danksagung ausspräche.

Nach den ersten üblichen Redensarten erkundigte sich der Graf nach Herrn von Villefort.

»Mein Mann speist heute beim Kanzler,« erwiderte die junge Frau, »er ist eben erst fortgefahren, und er wird es sicher sehr bedauern, Sie nicht begrüßt zu haben. Doch darf ich Ihnen hier meine Stieftochter vorstellen?« Damit wies sie auf ein junges, schlankes Mädchen mit hübschen, blauen Augen, das soeben eintrat.

»Wie Figura zeigt: schön und melancholisch«, bemerkte hierzu der zwölfjährige Eduard, indem er sich bemühte, einem kreischenden Papagei die Schwanzfedern auszurupfen.

Valentine betrachtete die Ungezogenheit des jungen Stiefbruders nicht, sie kam artig näher und ohne mädchenhafte Ziererei mit einer Anmut, die die Aufmerksamkeit des Grafen erhöhte.

Doch sogleich ließ sich der naseweise Junge von neuem vernehmen, indem er auf den Grafen mit dem Finger zeigte: »Und hier, teure Schwester, der Herr Graf von Monte Christo, König von China, Kaiser von Kotschinchina.«

Madame Villefort erblaßte, doch der Graf lächelte und schien das Kind mit Wohlgefallen zu betrachten, was seine Mutter mit wahrer Begeisterung erfüllte.

»Verzeihung, Madame,« sagte der Graf, bald Frau von Villefort, bald Valentine anblickend, »hatte ich nicht schon einmal die Ehre, Sie und das gnädige Fräulein irgendwo kennenzulernen? Ich glaube mich nicht zu irren.«

»Mein Herr, es ist nicht wahrscheinlich; meine Stieftochter liebt die Gesellschaft wenig, und wir gehen selten aus«, sagte die junge Frau.

»In Gesellschaft kann es auch nicht gewesen sein... Halt! Ich hab's: es war in Perugia, am Fronleichnamsfeste, im Gasthausgarten der Post, wo uns der Zufall zusammenführte und ich die Ehre hatte, Sie, Madame, das Fräulein und Ihren Kleinen zu sehen.«

»Ja, wirklich,« erwiderte die junge Frau errötend, »ich erinnere mich; ich sprach mit einem Manne in einem langen Mantel, mit einem Arzte, glaube ich.«

»Richtig, Madame, und dieser Mann war ich. Seit vierzehn Tagen wohnte ich in jenem Gasthause und heilte meinen Kammerdiener vom Fieber und den Wirt von der Gelbsucht, weshalb man mich für einen großen Mediziner hielt. Wir sprachen lange von gleichgültigen Dingen, über Perugia, über Raffael, über Sitten und Gebräuche, und dann von jener berüchtigten Aqua-tofana, wovon Sie mir sagten, daß noch einige Personen in Perugia das Geheimnis bewahrten.«

»Ah, es ist wahr,« sagte Madame de Villefort mit einer gewissen Unruhe, »ich erinnere mich.«

»Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten,« fuhr der Graf mit Ruhe fort, »doch weiß ich genau, daß Sie im Irrtum über meine Person mich wegen Fräulein von Villefort um Rat fragten.«

»Sie erwiesen sich jedoch wirklich als Arzt, da Sie die Kranken heilten.« Dann wandte sich Frau von Villefort der Stieftochter zu: »Valentine, willst du nicht sehen, ob dein Großvater zu speisen wünscht?«

Valentine erhob sich, empfahl sich dem Grafen und ging aus dem Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.

»O mein Gott, Madame, haben Sie etwa Fräulein von Villefort meinetwegen fortgeschickt?« fragte der Graf, als sich Valentine entfernt hatte.

»Ganz und gar nicht,« entgegnete die junge Frau lebhaft, »es ist die Stunde, wo Herr Noirtier seine Mahlzeit einnimmt. Sie wissen, Graf, in welch einem traurigen Zustande sich der Vater meines Gemahls befindet... oh, es ist traurig.«

»Ja, Herr von Villefort hat mit mir davon gesprochen; ich glaube, es ist eine Lähmung.«

»Ja. Der arme Greis ist keiner Bewegung fähig, der Geist allein wacht in dieser menschlichen Maschine, wie eine Lampe, die dem Verlöschen nahe ist. Doch, Vergebung, mein Herr, Sie sagten, daß Sie ein geschickter Chemiker seien.«

»Oh, das habe ich nicht gesagt,« erwiderte der Graf lächelnd, »im Gegenteil, ich studierte die Chemie, weil ich entschlossen war, im Orient zu reisen und das Beispiel des Mithridates nachzuahmen.«

» Mitridates, rex Ponticus,« rief der naseweise Knabe, während er Bilder aus einem herrlichen Album schnitt, »nahm mit Vergnügen täglich eine Schale Gift.«

»Eduard, du garstiges Kind!« rief Frau von Villefort, indem sie ihm das verstümmelte Buch aus den Händen riß. »Du bist unausstehlich! Mach', daß du hinauskommst!«

Sie führte den Jungen am Arm hinaus und schloß die Tür hinter ihm ab.

Der Graf tat, als ob er es nicht bemerkte.

Sodann blickte die junge Frau vorsichtig rings umher und begann von neuem: »Was Eduard da von dem König Mithridates sagte, ob das wohl auf Wahrheit beruhen mag? Glauben Sie, daß er es tat, um sich solcher Art durch Gegengift vor Vergiftungen zu schützen?«

»Ganz sicher tat er das aus diesem Grunde und mit vollem Recht; denn ich selber, wie ich hier vor Ihnen sitze, habe mich dreimal im Leben durch solche Vorsichtsmaßregel vor Vergiftung bewahrt.«

Frau von Villefort fragte noch dies und das, und Monte Christo konnte nur staunen, welch ein reiches Wissen die junge Frau gerade auf diesem Gebiete besaß. Mit einer wahren Andacht hörte sie zu, wenn der Graf ihr Neues über diesen Gegenstand zu berichten wußte. So erzählte er ihr unter anderem, daß er ein Heilmittel besäße, das, in kleiner Dosis genommen, Wunder bewirkte, in großer Dosis dagegen den Tod brächte. Dieses Mittel sei um so unheimlicher, als es, in Wein genommen, nicht im geringsten dessen Geschmack verändere.

Frau von Villefort sah Monte Christo mit glänzenden Augen an.

»Und doch muß es als Glück betrachtet werden, solch ein vollendetes Heilmittel zu besitzen.«

»Zu diesem Glück, Madame, könnte ich Ihnen leicht verhelfen, falls Ihnen daran etwas liegt.«

»Oh – das wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, Graf. Wieviel Gutes könnte man damit stiften...«

»Ganz sicher, gnädigste Frau; doch Vorsicht!«

Damit empfahl sich der Graf. Am andern Morgen erhielt Frau von Villefort das gewünschte Rezept.


Es hatte abends sieben Uhr geschlagen, als vor dem Palaste des Grafen ein Fiaker hielt, dem ein älterer, etwas seltsam gekleideter Mann entstieg. Kaum hatte man ihn bei Monte Christo gemeldet, als dieser befahl, den Fremden in einen sehr einfachen Saal zu führen. Dort kam ihm der Graf lächelnd entgegen: »Willkommen,« sagte er, »mein lieber Marquis Cavalcanti!«

»Ja – richtig, ganz richtig: Bartolomeo Cavalcanti?« lachte der Fremde.

»Also – Sie waren Major in österreichischen Diensten – nicht wahr?«

»Sehr wohl, mein Herr, sehr wohl.«

»Übrigens kommen Sie nicht aus eigenem Antriebe zu mir, es hat Sie jemand an mich gewiesen?«

»Ja, der Abbé Busoni. Hier ist ein Brief von ihm.«

Monte Christo nahm und las ihn. Der Major sah den Grafen, wie alles rings umher, mit erstaunten Blicken an. »Es ist gut... der Abbé schreibt mir: ›Der Major Cavalcanti, ein würdiger Patrizier aus Lucca, stammt von den Cavalcantis aus Florenz. Er hat ein Vermögen von einer halben Million‹«

Monte Christo sah vom Briefe auf und sagte:

»Eine halbe Million, mein lieber Marquis...«

Der Luccaner rutschte unruhig auf dem Stuhle hin und her.

»Ja,« fuhr der Graf fort, »›und es fehlt ihm nichts zu seinem Glücke, als daß er seinen Sohn, den man ihm als Kind geraubt hat, wiederfinden möge!«

»In einem Alter von fünf Jahren, mein Herr!« antwortete der Luccaner mit einem tiefen Seufzer.

»Armer Vater«, sagte Monte Christo. »Der Abbé hofft nun, daß ich Ihnen den Sohn wiedergeben könnte; und ich kann es.« Dann las der Graf weiter: »'Um den Major Cavalcanti nicht zu veranlassen, Gelder von seinem Bankier zu erheben, bitte ich Sie, ihm die viertausend Franken auszuzahlen, die Sie mir noch schulden.'« Der Major folgte diesem Postskriptum mit sichtbarer Angst. Der Graf sagte nichts weiter als: »Gut! Gut!« Dann aber griff er nach einigen Akten und überreichte sie dem Major, »Hier Ihre Papiere, mein Lieber.«

»Meine Papiere...?«

»Nun ja: den Trauschein über Ihre Ehe mit Oliva Corsinari und den Taufschein Ihres Sohnes Andrea. Sie werden hier in Paris ihrer bedürfen.«

»Und die Frau ...?« fragte zaghaft der Major.

»Ist leider tot...«

Der Luccaner atmete erleichtert auf.

»Doch nun will ich Ihnen den Sohn zuführen. Er ist ein hübscher blonder Junge mit guten Manieren... na, Sie werden ja sehen.«

»Ein Wort noch, Exzellenz ...« hielt der Luccaner den Grafen zurück.

»Ah! Daß ich's vergaß! Natürlich: Sie brauchen Geld. Hier zunächst acht Banknoten zu je tausend Franken. Ihr Reisegepäck mit allem Nötigen, was Sie für die Geselligkeit hier brauchen, ist im 'Hotel des Princes' abgegeben worden. Dort ist auch das Logis für Sie bestellt.«

Der Major verneigte sich dankend; seine Augen funkelten vor verhaltener Seligkeit, als er dem Grafen nachblickte, der durch eine Tapetentür verschwand.

Der Graf von Monte Christo trat in das anstoßende Gemach, wo ihn ein junger Mann erwartete. Als er Monte Christo sah, sprang er rasch auf und sagte: »Habe ich die Ehre, den Grafen von Monte Christo vor mir zu sehen?«

»Ja, mein Herr,« versetzte dieser, »und Sie sind Graf Andrea von Cavalcanti, nicht wahr?«

»Graf Andrea Cavalcanti«, wiederholte der junge Mensch, diese Worte mit einem vertraulichen Lächeln begleitend.

»Haben Sie ein Empfehlungsschreiben?« fragte Monte Christo.

»Darf ich bitten«, sagte der junge Mann und überreichte Monte Christo ein Schreiben. Der las es und blickte dann prüfend auf den vor ihm Stehenden.

»Sie haben nun wohl die Güte, mir einige Auskunft über Sie und Ihre Familie zu geben.«

»Sehr wohl, Exzellenz«, erwiderte der Jüngling mit einer Geläufigkeit, die Zeuge seines guten Gedächtnisses war. »Ich bin, wie gesagt, Graf Andrea Cavalcanti, Sohn des Majors Bartolomeo Cavalcanti, Nachkomme der Cavalcantis, die im goldenen Buch zu Florenz eingetragen sind. Obgleich unsere Familie reich ist, mein Vater eine halbe Million Renten besitzt, hat sie doch viel Unglück gehabt, und ich selbst wurde im Alter von fünf bis sechs Jahren durch einen treulosen Erzieher entführt, so daß ich fünfzehn Jahre hindurch meinen Erzeuger nicht wiedersah. Seit ich frei und unabhängig bin, suchte ich ihn vergeblich. Endlich kündigt mir ein Brief an, daß mein Vater in Paris ist und ich von Ihnen das Nähere erfahren werde.«

»In der Tat, mein Herr, was Sie erzählen, ist sehr interessant«, entgegnete der Graf mit düsterer Genugtuung, das kecke Antlitz betrachtend, das die Schönheit eines bösen Engels hatte. »Indes verhält sich alles in Wirklichkeit so. Ihr Vater ist hier und sucht Sie. Er hat Sie immer gesucht. Endlich erhielt er die Nachricht, daß man ihm gegen eine große Geldsumme anzeigen würde, wo der Sohn wäre. Ihr Vater zögerte nicht; die Summe wurde abgesandt. Sie waren im südlichen Frankreich, glaube ich?«

»Ja«, antwortete Andrea in großer Verlegenheit.

»Ein Wagen erwartete Sie zu Nizza und brachte Sie von Nizza über Genf, Turin, Chambery nach Pont-de-Beauvoisin und sodann nach Paris.«

»Ganz recht«, sagte Andrea. »Übrigens – ist mein Vater wirklich so reich?«

»Ein Millionär!«

»Dann«, fragte der junge Mensch ängstlich, »werde ich mich in einer Lage befinden, die... die angenehm ist?«

»Äußerst angenehm, lieber Herr. Sie werden auf Wunsch Ihres Vaters einen monatlichen Kredit von fünftausend Franken bei Herrn Danglars, einem der sichersten Bankiers von Paris, eröffnet finden.«

»Gedenkt mein Vater lange in Paris zu bleiben?« fragte Andrea ängstlich.

»Nur einige Tage«, entgegnete Monte Christo. »Sein Dienst gestattet ihm nur ein Ausbleiben von zwei bis drei Wochen.«

»O teurer Vater!« sprach Andrea sichtlich erfreut.

»So zögern Sie nicht, mein junger Freund; in diesem Saal werden Sie den geliebten Vater finden.«

Andrea verbeugte sich tief vor dem Grafen und ging. Der Graf folgte ihm mit den Augen, und nachdem jener fort war, drückte er an einer Feder, die mit einem Gemälde in Verbindung stand, so daß man durch eine hinlänglich breite Spalte den andern Saal übersehen konnte.

Andrea schloß die Tür hinter sich und schritt gegen den Major hin, der sich erhob, als er die Schritte des sich Nahenden hörte.

»Ach, mein teurer Vater«, sagte Andrea so laut, daß es der Graf hören konnte.

»Guten Tag, mein Sohn!« sprach der Major würdevoll.

»Welche Freude gewährt das Wiedersehen!« sprach Andrea, nach der Tür schauend.

»Ja, es war eine lange Trennung.«

»Wollen wir uns umarmen, Vater?« versetzte Andrea.

»Wie es Ihnen beliebt, mein Sohn«, entgegnete der Major. Und die beiden umarmten sich mit theatralischer Kälte.

»So sind wir nun vereint,« sprach Andrea, »um uns gleich wieder zu trennen.«

»Ich kann außerhalb Lucca nicht existieren und kehre so bald wie möglich nach Italien zurück.«

»Doch vor der Abreise werden Sie mir, teuerster Vater, die Papiere geben, durch die ich meine Abkunft beweisen kann.«

»Hier sind sie.«

Andrea ergriff hastig den Trauschein seines Vaters und sein eigenes Taufzeugnis, und nachdem er sie mit einer sehr natürlichen Ungeduld eröffnet hatte, durchlief er beide Stücke mit Eile und schnellem Überblick.

Monte Christo wählte diesen Moment, um in den Saal zu treten; er fand die beiden in heißer Umarmung.

»Nun, Herr Marquis,« sprach Monte Christo, »Sie scheinen sehr glücklich zu sein, den Sohn gefunden zu haben.«

»Oh, mein Graf, ich sterbe vor Freude!«

»Und Sie, junger Mann?«

»Ich bin vor Wonne verstummt.«

»Glücklicher Vater, glücklicher Sohn!« rief Monte Christo.

»Eines betrübt mich,« sagte der Major, »die Notwendigkeit, Paris so schnell zu verlassen.«

»Oh, lieber Herr von Cavalcanti, Sie werden nicht eher reisen, bis ich Sie einigen Freunden vorgestellt habe.«

»Ich stehe ganz zu Diensten, Graf«, versetzte der Major. »Wann werden wir die Ehre haben, den Herrn Grafen wiederzusehen?«

»Samstag, wenn Sie wollen... ja... bestimmt am Samstag. Ich habe mehrere Personen zu einem Diner in meinem Hause zu Auteuil, Straße Fontaine Nr. 30, geladen, und unter diesen auch Ihren Bankier Danglars.«

Die beiden Cavalcanti verbeugten sich und gingen. Der Graf trat ans Fenster und sah beide Arm in Arm davongehen.

»Zwei ganz erbärmliche Kerle!« sagte er. »Schade, daß sie nicht wirklich Vater und Sohn sind; sie wären einander wert.«


Herr Noirtier saß in seinem Rollstuhl, in den er morgens hineingesetzt und abends wieder herausgehoben wurde. Ein großer Spiegel stand vor ihm, in dem er mühelos alles beobachten konnte, was um ihn herum geschah, Herr Noirtier war starr und unbeweglich wie eine Leiche. Nur Gesicht und Gehör belebten gleich zwei Funken den sonst so leblosen Körper, und der Blick seiner schwarzen Augen war heut noch so machtvoll wie sein starker Geist. Er befahl mit den Augen, er dankte mit ihnen. Er schien eine Statue mit zwei lebendigen Augen zu sein, und nichts war schrecklicher anzusehen, als wenn diese Augen in Zorn entflammten oder sich vor Freude verklärten. Valentine hatte sich die Aufgabe gestellt, die Gedanken des Greises zu erraten und ihm die ihrigen mitzuteilen, und dank ihres Eifers vermochten sie sich vorzüglich zu verständigen.

Der alte Diener, der seit fünfundzwanzig Jahren bei ihm war, kannte so genau alle seine Gewohnheiten, daß Noirtier nur selten etwas zu sagen hatte.

Heute nun waren Herr und Frau von Villefort bei Noirtier erschienen, um ihm mitzuteilen, daß sie gedächten, ihre Tochter Valentine mit Herrn Franz von Epinay zu verheiraten. Der Greis war außer sich, er verlangte einen Notar, mit dem er sich dank Valentinens Vermittlung zu verständigen wußte, und enterbte seine Enkelin für den Fall dieser Heirat. Sein Vermögen von neunhunderttausend Franken sollte alsdann den Armen zufallen.

Herr von Villefort, bebend vor Zorn, erklärte trotz allem, daß er seinen Entschluß nicht zu ändern gedenke. Als der Notar sowie Herr und Frau von Villefort wieder gegangen waren, kam Valentine, warf sich dem geliebten Großvater zu Füßen und dankte ihm unter Tränen, daß er versucht habe, sie vor der verhaßten Heirat zu bewahren. Sie weinte bitterlich und gestand, daß sie einen andern Mann, Maximilian Morrel, liebe, der ein Freund von Albert Morcerf, Kapitän sei und voll innigster Treue an ihr hinge. Sie schilderte dem Großvater dessen vornehmen, trefflichen Charakter und flehte den alten Mann um Schutz und Rettung an.

Der Greis gab ihr zu verstehen, daß er die Macht habe, sie zu schützen. Mit grenzenloser Liebe blickte er auf seinen Liebling herab.

Valentine umarmte den Großvater und fühlte sich durch sein Versprechen vollkommen beruhigt.

Als Herr und Frau von Villefort wieder unten in ihrer Wohnung waren, fanden sie den Grafen von Monte Christo im Salon vor. Obgleich Herr von Villefort einer geradezu fabelhaften Selbstbeherrschung fähig war, vermochte er seinen Unmut doch nicht sogleich zu verscheuchen, und so kam es, daß er sich dem Grafen gegenüber in betreff dieser Sache äußerte. Immer und immer wieder war es dieser Vater, der ihm Steine in den Weg warf.

»Also Herr von Noirtier enterbt Ihre Fräulein Tochter für den Fall, daß sie den Baron von Epinay heiratet?«

»So ist's.«

»War Ihr Herr Vater Bonapartist?«

»Er war vor allem Jakobiner«, rief Villefort unbesonnen aus.

»Ah – Ja! Richtig – jetzt besinne ich mich: General von Epinay wurde ja ermordet, als er eines Abends einen bonapartistischen Klub verließ.«

Voller Entsetzen sah Villefort zu Monte Christo auf. Dieser aber hatte sich in liebenswürdiger Weise Madame von Villefort zugewandt.

»Verehrte Frau, ich wollte nur daran erinnern, nicht zu vergessen, mich am Sonnabend mit Ihrer Gegenwart zu beehren.«

»Wir freuen uns, Ihr entzückendes Landhaus näher kennenzulernen«, sagte Frau von Villefort.

»Wo liegt es doch?« fragte der Gatte.

»In Auteuil, Rue de la Fontaine Nr. 30.«

Villeforts Antlitz verzerrte sich: »Rue de la...«

»Ich lasse keine Absage gelten«, scherzte der Graf.

»Natürlich, natürlich,« stotterte Villefort, »wir werden nicht verfehlen...«


Das Äußere des Hauses in Auteuil hatte nichts Glänzendes an sich, und Bertuccio durfte auf ausdrücklichen Befehl des Grafen daran nichts ändern. Ebenso mußte der Garten bleiben wie er war, und auch das Zimmer mit den roten Tapeten. Nichts darin durfte anders gestellt werden.

Um so mehr aber hatte Bertuccio seine Kunst bei allen übrigen Räumlichkeiten beweisen können, und es war geradezu erstaunlich, was er darin geleistet hatte.

Ein öder, leerer Hof war in ein kleines Paradies verwandelt, die Treppen und Gesimse waren in verschwenderischer Fülle mit den herrlichsten Blumen geschmückt. Kostbare Teppiche deckten den Boden, die schönsten Gemälde prangten an den Wänden, und bei allem war man mit einem Geschmack und einer Feinheit zu Werke gegangen, wie man sie bei dem Grafen überall antraf.

Bertuccio hatte mit rührender Treue an alle Eigenheiten und Neigungen seines Herrn gedacht, bis zu den geringfügigsten Kleinigkeiten. Vögel sangen in vergoldeten Käfigen. Diener liefen die Treppen auf und ab.

Das ganze Haus – vorher ein ödes, düsteres Gebäude – war nun eine behagliche Stätte munteren Lebens.

Der Graf kam pünktlich um fünf Uhr mit Ali an. Bertuccio führte ihn durch sämtliche Räume. Gespannt hing sein Blick an der Miene seines Gebieters. Als Monte Christo sein Schlafzimmer betrat und sah, mit welch zarter Aufmerksamkeit Bertuccio auch hier alles bedacht hatte, da legte er seinem Hofhausmeister die Hand auf die Schulter:

»Das haben Sie gut gemacht, Bertuccio.«

Über des Mannes Gesicht ging solch ein Leuchten, als wäre ihm das höchste Glück widerfahren; so groß war der Einfluß, den Monte Christo auf seine Umgebung ausübte.

Mit dem Schlage sechs Uhr ließ sich Pferdegetrappel vernehmen; es war Maximilian Morrel.

Mit einem gütigen Lächeln empfing ihn Monte Christo.

»Ich kam so früh,« begann der junge Mann voll gewinnender Offenheit, »um Sie ein wenig für mich allein zu haben.«

Es dauerte aber nicht lange, so rollten die Wagen der anderen Gäste vor die Freitreppe.

Es waren Herr und Frau Danglars. Die Frau warf einen scheuen Blick über das Haus, einen Blick, den Monte Christo allein zu deuten wußte. Da nahte sich der Bankiersgattin Herr Debray und bot ihr den Arm. So ging sie denn an seiner Seite die Freitreppe empor. Kaum hatte der Graf sie begrüßt, so meldete Baptistin: »Herr Major Bartolomeo Cavalcanti, Graf Andrea Cavalcanti!«

Mit schwarzer Atlasbinde, Majorsuniform, mit drei Sternen und fünf Kreuzen geschmückt, in der tadellosen Haltung eines alten Soldaten, so trat der Major ein, den wir bereits als zärtlichen Vater kennen. Neben ihm in nagelneuen Kleidern ging mit lächelnder Miene der Graf Andrea Cavalcanti, sein ehrerbietiger Sohn, den wir ebenfalls kennen.

»Wer sind diese Herren?« fragte Danglars den Grafen Monte Christo.

»Sie haben ja gehört, Cavalcanti.«

»Das ist ihr Name, aber sonst...«

»Ah, richtig, Sie kennen den Adel Italiens nicht; Cavalcanti ist ein Fürstenstamm.«

»Viel Geld?« fragte der Bankier.

»Fabelhaft.«

»Was treiben sie?«

»Sie versuchen, ihr Geld auszugeben, ohne es erschöpfen zu können. Sie haben überdies Anweisungen auf Ihr Haus, wie sie mir gestern abend sagten. Ich habe sie selbst aus Rücksicht für Sie eingeladen und werde sie Ihnen vorstellen.«

»Sie scheinen sehr gut Französisch zu sprechen«, sagte Danglars.

»Der Sohn wurde in einem Kollegium in Marseille erzogen. Er will sich durchaus in Paris eine Frau suchen.«

»Der Narr!« sagte Danglars achselzuckend.

Frau von Danglars sah ihren Gatten mit einem Ausdruck an, der zu einer anderen Zeit Sturm angekündigt hätte, diesmal schwieg sie, und schon zum zweiten Male.

»Herr und Frau von Villefort!« schrie Baptistin.

Beide traten ein, und Villefort war trotz seiner sonstigen Selbstbeherrschung sichtbar aufgeregt. Monte Christo fühlte, als er ihm die Hand drückte, daß sie zitterte.

»Nur die Frauen wissen sich ganz zu verstellen«, dachte Monte Christo und sah Frau von Danglars an, die dem königlichen Prokurator zulächelte und seine Frau küßte.

Nach den ersten Begrüßungen erblickte der Graf Bertuccio im kleinen anstoßenden Saal. »Was gibt es, Bertuccio?«

»Oh, Exzellenz! Die Frau, die Frau mit dem weißen Kleid und den vielen Diamanten.«

»Die blonde... Frau von Danglars?«

»Ich weiß ihren Namen nicht, aber sie ist es, sie ist es!«

»Wer – sie?«

»Die Frau vom Garten! Die in andern Umständen war!« Bertuccio stand da mit aufgerissenem Munde, er konnte kaum reden.

»Und da! Da! Der königliche Prokurator Villefort! Es ist kein Zweifel, ich sehe ihn. Also hab' ich ihn nicht getötet?«

»Nein, er ist nicht tot, das sehen Sie wohl; anstatt ihn zwischen der sechsten und siebenten Rippe an der linken Seite zu treffen, wie Ihr es sonst zu tun pflegt, ist der Stoß entweder zu hoch oder zu niedrig gegangen, und diese Herren von der Gerechtigkeit haben ein zähes Leben.«

Da tauchte im Rahmen der großen Saaltür die Gestalt des jungen Grafen Andrea Cavalcanti auf.

Diesmal setzte Bertuccio zu einem Schrei an, der aber durch einen Blick von Monte Christo im selben Moment erstarb.

»Benedetto!« murmelte er ganz still. »Das Verhängnis waltet.«

»Es schlägt halb sieben, Bertuccio!« sprach der Graf streng. »Um diese Stunde sollte man sich nach meinem Befehl zu Tisch setzen.«

Bertuccio ging. Fünf Minuten später taten sich die Flügeltüren auf, die zum Speisezimmer führten.


Beim Betreten des Speisesaals hatten alle Gäste das gleiche Gefühl: welch seltsame Schickung sie hierhergeführt und weshalb sie dies alle mehr oder weniger in Erstaunen setzte und beunruhigte. Nur die Cavalcanti, Vater und Sohn, schienen ungeachtet der Steifheit des ersteren und der Ungebundenheit des letzteren nicht befremdet zu sein, bei diesem Manne, dessen Absichten sie nicht erraten konnten, zu Gaste zu sein.

Das Festmahl war von einer Güte, wie es sich nur ein Mann von dem Reichtum Monte Christos erlauben konnte. Die seltensten und erlesensten Leckerbissen wurden den Gästen auf goldenen und silbernen Schalen serviert. Es war wie ein Märchen aus »Tausendundeiner Nacht«.

Während die Gäste ihre Verwunderung aussprachen, meinte Herr Chateau-Renaud, daß ihn die fabelhafte Schnelligkeit am meisten verblüffe, mit der alle Wünsche des Grafen ausgeführt würden.

Monte Christo lachte.

»Sie haben dies Haus doch erst seit fünf Tagen im Besitz, nicht wahr?« fuhr Chateau-Renaud fort. »Und schon ist es ein wahres Zauberschloß. Hu! Wenn man früher an diesem verödeten Gebäude vorüberkam, hätte man glauben können, es sei ein Schlupfwinkel für Räuber und Verbrecher.«

»Offen gestanden,« sagte der Graf, »ich habe denselben Eindruck gehabt, und so ganz geheuer ist es in diesem Hause nicht. Ich möchte Ihnen hinterher mal ein Zimmer zeigen, das so unheimlich wirkt, daß man sich kaum mit Neuerungen herantraut.«

Villefort griff nach einem Glase Wein und stürzte es hastig hinunter.

Nach Beendigung des Mahles führte Monte Christo die Gäste durch das ganze Haus und schließlich auch in das mysteriöse Zimmer.

»O mein Gott!« rief Madame Villefort, »hier ist's wirklich grauenhaft!«

»Nicht wahr?« sagte Monte Christo. »Sehen Sie dort das verlassene Bett und gegenüber auf der blutroten Wand die verblaßten Pastellporträte, die mit irren Augen dreinschauen, als wollten sie sagen: ›Wir haben's gesehen! Wir haben's gesehen!‹ Und hier an der Ecke...« Der Graf lief zu der Tapetentür und riß sie auf. »Da! Sehen Sie diese geheimnisvolle Treppe! Einem ist zumute, als sähe man noch die Mörder mit der unheilvollen Last die Stufen hinabtaumeln.«

Ein Jammerlaut wurde hörbar; Madame Danglars war auf einem Sessel ohnmächtig zusammengebrochen. Villefort stand kreidebleich neben ihr.

»Um Gottes willen, verehrte, gnädige Frau...« Monte Christo sprang herzu und suchte die Bewußtlose wieder ins Leben zu rufen. Als sie sich erholt hatte, führte er sie in den Garten hinab, wo Herr Danglars in eifrigstem Gespräch mit den beiden Cavalcantis saß.

»Wie konnten Sie uns nur mit so gräßlichen Hirngespinsten traktieren?« sagte einer der Herren zu Monte Christo.

»Wie? Hirngespinste?« rief dieser. »Sehen Sie, hier unter dieser Platane haben meine Leute die Leiche eines neugeborenen Kindes gefunden.«

»Ah, wie interessant!« schrie der Major Cavalcanti. »Was macht man hierzulande mit Kindesmördern?«

»Man köpft sie«, bemerkte nüchtern Herr Danglars, der eine Freude daran hatte, anderen Menschen etwas Unangenehmes zu sagen, und dies um so mehr, als ihm der ungeheuren Verluste wegen, die er in letzter Zeit gehabt, selber nicht wohl zumute war.

Das Gespräch schleppte sich von da an nur mühsam hin, bis einer von den Gästen an Aufbruch mahnte. Es dauerte darauf nicht lange, und das Haus war leer.

Als einer der letzten hatte sich der junge Cavalcanti verabschiedet. Als er, um auf sein Fuhrwerk zu warten, eine kleine Strecke weiter die Fahrstraße hinabgegangen war, legte sich ihm in der Dunkelheit plötzlich eine Hand schwer auf die Schulter. Andrea kehrte sich erstaunt um; da sah er einen starkknochigen, verwahrlost und verlumpt aussehenden Kerl, der ihm mit funkelnden Augen ins Gesicht starrte. »Benedetto... Söhnchen...« grinste der Kerl.

»Caderousse, du? – Was willst du von mir? Mach', daß du fortkommst.«

»Halt, halt, mein Junge; so haben wir nicht gewettet.«

Andrea zog den Menschen hinter ein Gebüsch. Mit gedämpfter Stimme redete er alsdann auf ihn ein.

»Wenn du versprichst, mich in Ruhe zu lassen, so will ich dir monatlich zweihundert Franken geben. Damit aber sei es genug.« Er holte aus seiner Börse die genannte Summe heraus und reichte sie dem Menschen.

Caderousse steckte das eben empfangene Geld in die Tasche, gab sein Wort, diesem Verlangen nachzukommen, und verschwand in dem Schatten der Nacht.


Am nächsten Morgen – noch ziemlich früh – wartete der Wagen vor dem Hause des Barons von Danglars, und Madame, tief verschleiert, fuhr bald darauf eiligst davon. In dem Hofe von Harlay hielt der Wagen. Frau von Danglars stieg aus, huschte über die Treppen, durchschritt den Saal des Pasperdues und stand dann im Vorzimmer des Herrn von Villefort. Das Gedränge war hier groß. Doch kaum hatte der Türhüter die vornehme Dame erblickt, als er sie fragte, ob sie von dem Herrn Prokurator herbestellt worden sei, und auf deren Bejahung sie in das Kabinett führte.

Der Staatsmann saß in seinem Stuhle, seinen Rücken der Tür zugewendet. Er hörte diese öffnen und die Worte des Dieners: »Treten Sie ein, Madame!« Die Tür schloß sich wieder, doch rührte er sich nicht. Kaum hatte sich aber der Türhüter entfernt, als er aufsprang, den Riegel vorschob, die Gardinen vorzog und jeden Winkel des Gemaches untersuchte. Als er dann Gewißheit hatte, daß man ihn weder sehen noch hören könne, sagte er beruhigt: »Dank, gnädige Frau, für Ihre Pünktlichkeit.«

Er bot ihr einen Stuhl an, den sie rasch nahm, weil ihr Herz gewaltig pochte.

»Nun,« sprach der königliche Prokurator, sich so setzend, daß er der Frau von Danglars ins Antlitz sehen konnte, »es ist schon lange her, seit ich das Glück genoß, mit Ihnen allein zu sprechen, und jetzt treffen wir zu einer sehr peinlichen Unterredung zusammen.«

»Dessenungeachtet, mein Herr, bin ich auf Ihre erste Aufforderung hierhergekommen, obschon diese Unterredung, für mich verhängnisvoller als für Sie werden könnte.«

Villefort lächelte bitter und sagte, indem er mehr seine Gedanken verfolgte: »So ist es denn wahr, daß alle unsere Taten Spuren hinterlassen, tiefere oder leichtere, wie Gewürm, das dem Sande Furchen eindrückt? Tränen fallen später in diese hinein.«

»Mein Herr,« sagte Frau von Danglars, »Sie begreifen wohl meine Aufregung? Ich bitte Sie daher um Schonung. Dieser Raum, wo so viele Schuldige schon gezittert haben, dieser Stuhl, auf dem auch ich nun sitze – zitternd und schamrot – oh, ich muß meine ganze Vernunft aufbieten, um in Ihnen keinen drohenden Richter und in mir keine Verbrecherin zu sehen.«

Villefort seufzte und schüttelte den Kopf, dann versetzte er: »Und ich sage, daß mein Stuhl nicht der eines Richters, sondern der Sitz eines Angeklagten ist.«

Frau von Danglars war überrascht und sprach, während ein flüchtiger Glanz ihr Auge durchflog: »Ich glaube, Ihr Puritanismus übertreibt die Lage der Dinge. Diese Spuren, von denen Sie sprachen, hinterlassen alle glühenden Jugendjahre. Auf dem Grunde der Leidenschaften, unter dem Vergnügen ist stets etwas Reue verborgen, und uns armen Frauen hat das Evangelium in der Büßerin Trost gegeben. Auch ich denke manchmal, daß mir Gott die Irrtümer meiner Jugend verzeihen wird; denn wenn er sie auch nicht entschuldigt, so ist doch in meinen Leiden Vergeltung und Ausgleich zu finden. Doch ihr Männer geht aus all solchen Dingen unbehelligt hervor.«

»Madame,« entgegnete Villefort. »Sie kennen mich, ich bin kein Heuchler, wenigstens niemals ohne Ursache. Ist meine Stirn finster, so wurde sie es durch Unglück, ist mein Herz versteinert, wurde es so, um die Stöße auszuhalten, die es trafen. Ich war nicht so in meiner Jugend, nicht so an jenem Hochzeitsabend, wo wir beisammensaßen an einem Tische in der Straße du Cours zu Marseille. Doch seither hat sich viel geändert, in mir und außer mir, mein Leben wurde gewöhnt, Schwierigkeiten zu verfolgen und zu überwinden. Denn es ist selten, daß man ohne Hindernis von seiten anderer erreicht, wonach man glühend verlangt. Daraus entstehen die meisten schlechten Handlungen der Männer, die sie dann in die prunkende Gestalt der Notwendigkeit verhüllen; nachdem aber die schlechte Tat in einem aufgeregten Moment aus Furcht oder vor Begierde geschehen ist, sieht man erst ein, auf welche Art sie hätte vermieden werden können. Der Ausweg zeigt sich uns, die wir vordem so blind waren, ganz leicht, und man sagt sich: Wie konnte ich doch anders handeln?! Ihr Frauen aber werdet selten von Gewissensbissen gequält, weil die Entscheidung selten von euch abhängt; eure Mißgeschicke sind euch fast immer auferlegt, eure Vergehungen fast immer das Verbrechen anderer.«

»Jedenfalls müssen Sie zugeben, mein Herr, daß ich, wenn ich ein ganz besonderes Vergehen beging, gestern abend hart bestraft wurde.«

»Arme Frau,« sprach Villefort, ihr die Hände drückend, »zu schwer für Ihre Kraft, denn zweimal unterlagen Sie fast, und dennoch ...«

»Nun?«

»Ich muß Ihnen etwas sagen, Madame! Sammeln Sie sich, wir sind noch nicht zu Ende.«

»Mein Gott,« rief Frau von Danglars bestürzt, »was gibt es noch?«

»Sie sehen nur die Vergangenheit, obgleich sie dunkel ist. Aber denken Sie sich eine Zukunft, noch dunkler, ja schrecklich ... vielleicht blutig ...«

Die Baronin kannte Villeforts Ruhe, sie wurde über seine Aufregung so entsetzt, daß sie den Mund zum Schreien öffnete; doch erstarb ihr der Laut in der Kehle.

»Wie ist diese gräßliche Vergangenheit wieder erwacht,« schrie Villefort, »wie aus dem Grabe und unsern Herzen, wo sie schlief, aufgestanden, gleich einem Phantome, um unsere Wangen bleich und unsere Stirnen rot zu machen?«

»Nun,« sagte Hermine, »durch Zufall, ohne Zweifel.«

»Zufall? Nein, nein, kein Zufall, Madame!«

»Doch, doch; ist es nicht ein Zufall, daß der Graf von Monte Christo dieses Haus gekauft hat? Kein Zufall, daß er die Erde umgraben ließ? Kein Zufall, daß jenes unglückliche Kind gerade unter dem Baume begraben war? Armes, unschuldiges Geschöpf, das ich geboren und dem ich niemals einen Kuß gegeben, wohl aber viele Tränen geweiht habe! Ach, mein ganzes Herz floß dahin, als der Graf von jenem teuren Vermächtnis sprach, das er unter den Blumen gefunden.«

»Nun, Madame,« sagte Villefort mit rauher Stimme, »so hören Sie denn das Schreckliche, was ich Ihnen mitzuteilen habe: Unter den Blumen lag kein Kistchen, kein Kind wurde dort vergraben, und wir haben keine Ursache, es zu beweinen, sondern vor ihm zu zittern.«

»Was meinen Sie?« fragte Frau von Danglars schaudernd.

»Ich will sagen, daß Monte Christo beim Umgraben der Erde weder einen Koffer noch ein Kindergerippe finden konnte, weil sich weder das eine noch das andere dort befand.«

»Weder das eine noch das andere?« wiederholte Frau von Danglars, indem sie den Prokurator mit Augen anstarrte, die der Schreck und das Entsetzen weit aufriß. »Weder das eine, noch das andere?« sagte sie nochmals, wie jemand, der durch den Schall der Worte wirre Gedanken festhalten will.

»Nein,« sagte Villefort, seine Stirn bedeckend, »nein, hundertmal nein!«

»So haben Sie also das Kind nicht begraben, mein Herr? Warum täuschten Sie mich? Reden Sie!«

»Es ist so. Doch hören Sie, hören Sie mich, und Sie werden mich bedauern, mich, der ich ganz allein diese Last an Qualen trug, die ich Ihnen nun mitteilen werde.«

»Mein Gott, Sie erschrecken mich. Doch immerhin: reden Sie, ich höre ...«

»Sie erinnern sich noch an jene schreckliche Nacht, wo Sie seufzend in Ihrem Bette lagen, in jenem Zimmer mit dem roten Damast, während ich, ebenfalls stöhnend wie Sie, Ihre Entbindung abwartete. Das Kind kam zur Welt, doch ohne Laut, ohne Bewegung, ohne Atem; wir hielten es für tot.«

Frau von Danglars fuhr empor, als wollte sie aus dem Stuhle stürzen, doch Villefort hielt sie mit gekreuzten Händen zurück, als flehe er um ihre Aufmerksamkeit.

»Wir hielten es für tot,« wiederholte er, »ich tat es in einen Koffer, der des Sarges Stelle vertreten mußte, ging in den Garten, machte eine Grube und legte es rasch hinein. Kaum bin ich mit dem Darüberwerfen der Erde fertig, als sich der Arm des Korsen mir entgegenstreckte, ich sehe eine Schattenbewegung und ein Leuchten wie Blitz. Ich fühle einen Schmerz, will schreien, ein Schauer durchfährt meinen Körper und schnürt mir die Kehle zu... ich falle wie ein Sterbender zu Boden und glaube mich getötet. Niemals werde ich Ihren hohen Mut vergessen, als ich, zu mir selbst gekommen, mich bis zur Stiege hinschleppte, wo Sie, selbst fast vergehend, zu mir kamen. Man mußte das größte Stillschweigen über diese unglückliche Katastrophe beobachten. Sie hatten die Stärke, das Haus unter Beihilfe Ihrer Amme zu erreichen, wegen meiner Verwundung wurde ein Duell vorgeschützt. Nur wir zwei wußten um das Geheimnis. Man brachte mich nach Versailles, und ich kämpfte drei Monate lang mit dem Tode; endlich riet man mir zur Heilung die Luft des Südens an. Vier Männer trugen mich von Paris nach Chalons zu, sechs Stunden täglich. Frau von Villefort folgte in ihrem Wagen nach. Auf der Saone und der Rhone kam ich nach Arles, wo ich wieder zu Land bis Marseille getragen wurde. Sechs Monate währte meine Genesung, ich hörte nichts mehr von Ihnen und wagte nicht, nach Ihrem Schicksal zu fragen. Als ich nach Paris zurückkam, hörte ich, daß Sie als Witwe des Herrn von Nargone Herrn Danglars geehelicht hätten. Woran dachte ich, als mir die Erkenntnis meiner Tat gekommen war? Immer an dieselbe Sache, immer an den Leichnam des Kindes, das aus der Erde stieg und, am Rande des Grabes niedersitzend, mir drohte. Gleich nach meiner Ankunft in Paris zog ich Erkundigungen ein; das Haus war unbewohnt geblieben, seit wir es verlassen hatten, doch eben auf neun Jahre vermietet worden. Ich suchte den Mietmann auf, gab vor, eine große Begierde zu haben, daß dieses Haus, das den Eltern meiner Frau gehöre, nicht in fremde Hände käme, und bot ihm eine Entschädigung an. Er verlangte sechstausend Franken, ich hätte zehn-, ja zwanzigtausend Franken gegeben. Ich hatte das Geld bei mir, alles wurde sogleich in Ordnung gebracht, und ich sprengte nach Auteuil, wo ich hörte, daß niemand in dem Hause gewesen sei.

Es war fünf Uhr nachmittags, ich stieg in das rote Zimmer und erwartete die Nacht. Dort zeigte sich alles, was ich sagte, seit einem jahrelangen Todeskampfe meinen Gedanken noch drohender als jemals. Der Korse, der mir Rache geschworen hatte, und mir von Nimes nach Paris gefolgt war, jener Korse, der im Garten versteckt war, mich das Kind eingraben sah und mich verwundete, er konnte Sie vielleicht auch kennen, und wenn das ist... müssen Sie nicht vielleicht eines Tages das Geheimnis dieser schrecklichen Begebenheit zahlen? Würde es etwa nicht eine noch süßere Rache für ihn sein, wenn er hörte, daß ich nicht durch seinen Dolchstoß gestorben sei? Es war also vor allem notwendig, jede äußere Spur des Begangenen zu vertilgen, denn es würde ja ohnehin zu lebhaft in meinem Gedächtnisse bleiben. Darum machte ich die Miete rückgängig und war in dies Schreckenshaus gekommen. Die Nacht kam heran, und ich ließ sie weit vorrücken; ich blieb ohne Licht in jenem Gemach, wo der Zugwind die Türen bewegte, hinter denen ich stets einen Verräter zu sehen meinte. Dann und wann sprang ich auf, ich meinte, hinter mir in jenem Bett ein Stöhnen zu hören, und wagte nicht, zurückzukehren. Mein Herz pochte so heftig in diesem Schweigen um mich, daß ich meinte, es würde sich jene Wunde öffnen, denn außerhalb des Hauses war tiefe Ruhe eingetreten. Ich sah ein, daß ich nicht mehr fürchten durfte, gehört oder gesehen zu werden, und entschloß mich, hinabzugehen. Hören Sie, Hermine, ich halte mich für einen so mutigen Mann wie irgendeinen, doch als ich aus meiner Brusttasche den kleinen Schlüssel zur Treppe herauszog, den wir beide so wert hielten und den Sie an einen goldenen Ring fassen lassen wollten, als ich die Tür öffnete und der Mond seine Strahlen gleich Gespenstern durch die Fenster auf die Wendeltreppe warf: da mußte ich mich an die Mauer lehnen, und ich war nahe daran, zu schreien, denn es schien mir, als müßte ich wahnsinnig werden. Endlich errang ich wieder Mut. Ich stieg langsam die Stiege hinab, doch schlotterten mir wider Willen die Knie, und ich hielt mich am Geländer, sonst wäre ich hinabgestürzt. Endlich schritt ich durch die untere Tür, außen lehnte ein Spaten an der Mauer, den ich nahm und nach dem Gehölz ging. Eine Blendlaterne, die ich anzündete, zeigte mir den Weg. Es war zu Ende November und jedes Grün im Garten verschwunden; die Bäume glichen fleischlosen Skeletten, und die dürren Blätter knirschten unter meinen Füßen im Sande. Entsetzen ergriff mich, daß ich eine Pistole herausnahm, indem ich fürchtete, die Gestalt des Korsen zwischen den Zweigen zu erblicken. Das Gehölz war leer, ich forschte scharf umher, doch ich war ganz allein, kein Laut störte das Schweigen der Nacht außer der Stimme einer Eule, welche ihr heiseres und düsteres Geschrei wie einen Gespensterruf durch das Dunkel sendete. Ich hing meine Laterne an einen gelblichen Zweig und besah mir den Platz. Das Gras war während des Sommers sehr dicht gewesen, und niemand hatte es gemäht; eine minder dicht bewachsene Stelle zog meine Aufmerksamkeit an, es war ohne Zweifel diejenige, welche ich umgegraben hatte. Ich machte mich ans Werk, es war nun jene Stunde gekommen, die ich seit einem Jahre erwartete. Doch wie ich auch arbeitete und jedes Stück Rasen untersuchte, mein Spaten fühlte keinen Widerstand; ich grub daher einen Platz um, der zwei- oder dreimal so groß war als der erste. Ich glaubte, mich im Orte geirrt zu haben, ich betrachtete die Bäume, ich suchte den Ort zu erkennen, wo mich der Dolch niedergestoßen hatte. Ein eisiger Nordwind schnitt durch die entlaubten Bäume, und dennoch rann mir der Schweiß von der Stirn. Ich erinnerte mich, daß ich den Stoß in demselben Augenblick erhalten hatte, wo ich die Grube zuschüttete und mich an einem Eibenholzbaume hielt und die Erde stampfte; hinter mir war ein künstlicher Fels als Ruhebank gewesen, denn während meines Falles hatte meine Hand die Kälte des Steines gefühlt. Die Umgebung war richtig so. Ich fiel jetzt abermals zur Erde, um mich besser zu erinnern, doch trotz meiner Gewißheit fand ich das Kistchen nicht, es war nicht mehr da.«

»Das Kistchen war nicht da?« murmelte Frau von Danglars, vor Entsetzen fast ohnmächtig.

»Denken Sie nicht, daß ich mich auf diesen Versuch beschränkte, nein. Ich durchwühlte das ganze Gehölz, in der Meinung, daß der Mörder, der vielleicht einen Schatz zu erbeuten glaubte, nach entdeckter Täuschung den Koffer irgendwo vergraben habe; dann fiel ich auf den Gedanken, daß er ihn ohne weiteres weggeworfen haben könne. Zu diesen Nachforschungen beschloß ich, den Tag zu erwarten, und begab mich daher wieder in jenes Gemach.«

»O mein Gott!«

»Bei Tagesanbruch stieg ich wieder hinab, in der Hoffnung, Spuren zu finden, die mir die Nacht verhüllt hatte. Ich hatte die Erde auf eine Strecke von zwanzig Fuß im Geviert und mehr als zwei Schuh Tiefe umgegraben. Kein Tagelöhner hätte das in einem Tage tun können, was ich in einer Stunde vollbrachte. Doch nichts, durchaus nichts entdeckte ich. Nun suchte ich, ob das Kistchen nicht in irgendeinem Winkel hingeworfen läge, doch auch diese neue Nachforschung war ebenso unnütz wie die frühere Mühe.«

»Oh,« rief Frau von Danglars, »es ist genug, um wahnsinnig zu werden!«

»Ich hoffte dies,« sagte Villefort, »doch hatte ich nicht das Glück. Darum tat ich mir Gewalt an und fragte mich:

»Warum hat jener Mensch den Leichnam mit sich genommen?«

»Nun, weil es ein Raub war«, versetzte Hermine.

»O nein, Madame, das konnte es nicht sein; man hebt einen Leichnam nicht ein Jahr lang auf, sondern man geht zum Gericht und macht Anzeige. Doch ist nichts dergleichen geschehen!«

»Und nachher?« sagte Hermine stammelnd.

»Dann ist noch etwas viel verhängnisvoller und schrecklicher für uns, es ist vielleicht das Kind am Leben gewesen, und der Mörder hat es gerettet.«

Frau von Danglars stieß einen furchtbaren Schrei aus und sagte, Villeforts Hande ergreifend:

»Mein Kind war lebend! Sie haben mein lebendiges Kind begraben, Sie waren nicht überzeugt, daß es tot war? O Herr, o Herr!«

Frau von Danglars hatte sich erhoben und fast drohend zu dem königlichen Prokurator gewendet.

»Was weiß ich,« sagte dieser mit starrem Blick, der anzeigte, daß dieser starke Mann der Verzweiflung und dem Wahnsinn nahe sei, »ich erzähle es, wie alles bisher.«

»Ach, mein Kind, mein armes Kind!« rief die Baronin, sich in den Stuhl werfend und ihre Seufzer mit dem Taschentuche erstickend.

Villefort kam zu sich und suchte diesen fürchterlichen Sturm, der sich in dem Mutterherzen gegen ihn erhob, zu beschwichtigen: er stand also auf und sagte zur Baronin in leisem Tone:

»Sie begreifen wohl, daß, wenn es so ist, wir verloren sind; das Kind lebt, und jemand weiß es, daß es lebt, folglich auch unser Geheimnis, und da Monte Christo zu uns von einem begrabenen Kinde gesprochen hat, welches nicht dort begraben ist, so weiß er davon.«

»Gott, gerechter, rächender Gott!« flüsterte Hermine.

Villefort antwortete mit einer Art Geheul.

»Aber dieses Kind, dieses Kind!« versetzte die entflammte Mutter.

»Oh, wie habe ich es gesucht,« versetzte Villefort mit gerungenen Händen, »wie oft habe ich es in schlaflosen Nächten gerufen! Wie oft wünschte ich, Millionen zu besitzen, um Tausenden von Menschen ihre Geheimnisse abzukaufen, um vielleicht das meinige zu entdecken. Endlich fragte ich mich, was der Korse mit dem Kinde habe tun können, das ihm ja auf der Flucht hinderlich sein mußte; vielleicht hat er es ins Wasser geworfen, als er bemerkte, daß es am Leben war.«

»Ach, unmöglich!« schrie die Baronin. »Man mordet Menschen aus Rache, doch nicht mit kaltem Blute ein Kind!«

»Vielleicht«, fuhr Villefort fort, »hat er es in das Findelhaus gegeben.«

»Ach, ja, ja,« rief Frau von Danglars, »mein Kind ist dort, mein Herr!«

»Ich lief hin und vernahm, daß in jener Nacht vom zwanzigsten September ein Kind in dem Turm abgegeben worden war; es war in eine absichtlich zur Hälfte abgeschnittene Serviette eingewickelt, die eine Hälfte trug eine Krone und den Buchstaben H.«

»Es ist's, es ist's, all mein Linnenzeug war so gemerkt; Herr von Nargone war Baron, und ich heiße Hermine. Dank dir, mein Gott, daß mein Kind nicht tot war!«

»Nein, es war nicht tot!«

»Und Sie sagen es mir ohne Furcht, daß mich die Freude töte? Wo ist mein Kind?«

Villefort zuckte die Achseln.

»Weiß ich es, und wenn ich es wüßte, würde ich Sie alle diese Steigerungen des Schreckens durchmachen lassen? Nein, nein, ich weiß es nicht. Ein Weib war ungefähr nach sechs Monaten gekommen, um das Kind zurückzufordern, sie hatte alle nötigen Beweise nebst der andern Hälfte der Serviette für sich, und man folgte ihr das Kind aus.«

»Doch man mußte diesem Weibe nachfragen und schickte die feinsten Spürhunde unserer Polizei auf Kundschaft.«

»Bis Chalons traf man Spuren, dann verloren sie sich.«

»Verloren?«

»Ja, für immer.«

Frau von Danglars hatte dieser Erzählung mit Seufzern, Tränen und Ausrufen zugehört und sprach dann: »Und dies ist alles, worauf Sie sich beschränkten?«

»O nein,« sagte Villefort, »ich unterließ niemals Nachforschungen jeder Art, doch seit zwei oder drei Jahren gab ich mir nicht so eifrige Mühe. Aber heute will ich sie mit neuer Ausdauer beginnen, und nicht vergebens, denn nun treibt mich nicht mehr Reue, sondern Furcht.«

»Doch«, entgegnete die Baronin, »Graf Monte Christo weiß nichts, er würde sonst unsere Freundschaft nicht so sehr gesucht haben.«

»Oh, die Bosheit der Menschen ist sehr tief, sie ist tiefer als Gottes Güte. Haben Sie nicht die Blicke des Grafen bemerkt, als er mit uns sprach?«

»Nein.«

»Aber sonst haben Sie ihn wohl betrachtet?«

»Ja, er ist bizarr, weiter nichts; nur eines hat mich überrascht, daß er bei dem trefflichen Gastmahl nichts angerührt hat.«

»Ja, ich bemerkte es auch,« sagte Villefort, »hätte ich das gewußt, was ich jetzt weiß, so würde ich auch nichts angerührt haben, weil ich eine Vergiftung befürchtet hätte.«

»Und Sie würden sich sehr getäuscht haben.«

»Ja, ganz gewiß; doch glauben Sie mir, dieser Mensch hat andere Pläne, darum wollte ich mit Ihnen reden und Sie vor aller Welt, besonders aber vor ihm warnen. Sagen Sie mir,« fuhr Villefort fort, seine Blicke inniger als bisher auf die Augen der Baronin heftend, »haben Sie zu niemanden von unserem Verhältnis geredet?«

»Nie, zu niemanden.«

»Sie verstehen wohl,« versetzte Villefort zärtlich, »wen ich meine, wenn ich frage: niemanden?«

»Ja, ja, ich verstehe«, sagte die Baronin errötend.

»Haben Sie nicht die Gewohnheit, ein Tagebuch zu führen und alles Vorfallende aufzuschreiben?«

»Nein, o nicht doch, mein Leben schwindet leicht dahin, und ich vergesse jeden Tag sogleich.«

»Reden Sie nicht laut im Traume?«

»Ich habe einen Kinderschlaf, wissen Sie es nicht mehr?«

Die Baronin wurde hochrot, während Villefort erbleichte.

»Es ist wahr«, sprach er so leise, daß man es kaum hörte.

»Nun?« fragte die Baronin.

»Nun weiß ich, was ich zu tun habe,« entgegnete Villefort; »in acht Tagen werde ich wissen, wer jener Monte Christo ist, woher er kommt, wohin er geht, und warum er in unserer Gegenwart von verscharrten Kindern spricht.«

Villefort betonte diese Worte so eigentümlich, daß der Graf sich entsetzt hätte, würde er sie gehört haben. Dann drückte er der Baronin die Hand, die sie ihm wider Willen gab, und führte sie voll Höflichkeit zur Tür. Frau von Danglars fuhr darauf sofort wieder nach Hause.


Herr und Frau von Saint-Méran waren bei Villefort zum Besuch gewesen. Auf der Rückreise jedoch erkrankte Herr von Saint-Méran ganz plötzlich und verstarb, ehe noch Hilfe herbeigeholt werden konnte. Aufgelöst vor Jammer und Schmerz kehrte die alte Dame zum Schwiegersohn zurück, legte sich zu Bett und begann im Fieber von einer Geistererscheinung zu reden, die aus dem Zimmer der Frau von Villefort gekommen sei und ihr einen Trank bereitgestellt habe.

Nun müsse auch sie dahinscheiden, sagte die Kranke, ließ einen Notar kommen und vermachte das große Vermögen der Mérans einzig der geliebten Enkelin und flehte ihren Schwiegersohn an, damit sie in Frieden die Augen schließen könne, noch rasch an ihrem Sterbebette die Vermählung Valentinens mit Herrn von Epinay zu vollziehen. Villefort tat alles, um diesen Wunsch zu erfüllen.

Inzwischen kam der Arzt. Valentine ging ihm entgegen.

»Nicht wahr, Sie wissen schon von dem Unglück, das uns betroffen hat?«

»Ich weiß nichts«, entgegnete Herr d'Avrigny.

»Ach,« sprach Valentine, indem sie ihr Schluchzen unterdrückte, »mein Großvater ist gestorben.«

»Herr von Saint-Méran?«

»Ja.«

»Plötzlich?«

»An einem Schlagfluß.«

»An einem Schlagfluß?« wiederholte der Arzt.

»Ja. Und nun bildet sich meine Großmutter ein, daß ihr Gemahl, den sie niemals verlassen, sie rufe, und daß sie bald mit ihm vereinigt sein werde. Oh, Herr d'Avrigny, nehmen Sie sich meiner armen Großmutter an.«

»Wo ist sie?«

»In ihrem Zimmer, mit dem Notar.«

»Und Herr Noirtier?«

»Er ist sich immer gleich; sein Geist ist vollkommen hell, doch bleibt die Unbeweglichkeit und Stummheit dieselbe.«

»Und auch seine Liebe für Sie bleibt dieselbe, nicht wahr, mein Kind?«

»Ja,« entgegnete Valentine seufzend, »er hat mich recht lieb.«

»Wer sollte Sie nicht liebhaben?«

Valentine lächelte trübselig.

»Und was fehlt Ihrer Großmutter?«

»Sie hat eine seltsame Aufregung der Nerven, einen bewegten, sonderbaren Schlaf; diesen Morgen gab sie vor, daß ihre Seele während des Schlummers über ihrem Körper schwebe; das ist doch Delirium. Auch behauptet sie, daß sie ein Phantom in das Zimmer treten sah und ein Geräusch vernahm, das der vorgebliche Geist verursachte, als er ihr Glas berührte.«

»Das ist seltsam«, sprach der Doktor, »ich wußte nicht, daß Frau von Saint-Méran solchen Wallungen unterworfen sei.«

»Auch ich habe sie zum ersten Male so gesehen,« versetzte Valentine, »und diesen Morgen hat sie mir große Angst gemacht, denn ich hielt sie für verrückt; und mein Vater, Sie kennen doch den ernsten Geist meines Vaters, nun, Herr d'Avrigny, mein Vater selbst schien davon erschüttert.«

»Wir wollen sehen,« entgegnete Herr d'Avrigny, »was Sie mir da sagen, kommt mir sonderbar vor.«

Der Notar ging fort, man benachrichtigte Valentine, daß ihre Großmutter allein sei.

»Gehen Sie hinauf«, sprach sie zu dem Doktor.

»Und Sie?«

»Oh, ich wage es nicht, denn sie verbot mir, Sie holen zu lassen; dann bin ich, wie Sie sagten, selbst bewegt, fieberhaft, unpäßlich; ich will, um mich zu erholen, einen Gang in den Garten machen.«

Sie ging bis zum Ende des Gartens, wo an einer Stelle der Gitterzaun nicht mit Büschen bepflanzt war. Sie war noch nicht bis dahin gelangt, als sie sich bereits beim Namen rufen hörte.

Es war Morrel, der Valentine hier erwartete und der sich in keiner geringen Aufregung befand.

Valentine wußte aber nichts von dem Warten Morrels, auch war es nicht die Stunde, wo er gewöhnlich kam, und so schien es ein bloßer Zufall oder, wenn man lieber will, eine glückliche Sympathie, die sie in den Garten geführt hatte.

Als sie herankam, rief Morrel sie, und sie lief zum Gitter.

»Sie sind hier zu dieser Stunde?« sagte sie.

»Ja, arme Freundin!« entgegnete Morrel. »Ich komme, um schlimme Nachrichten zu holen und zu bringen.«

»Unser Haus ist wahrlich eine Unglücksstätte«, sagte Valentine. »Doch sprechen Sie, Maximilian, ich will's ertragen, wenn auch die Summe der Schmerzen schon groß genug ist.«

»Geliebte Valentine,« versetzte Morrel, indem er sich selbst zu fassen suchte, »ich bitte Sie, sagen Sie mir, um welche Zeit beabsichtigt man, Sie zu verheiraten?«

»Ich will Ihnen nichts verhehlen, Maximilian! Diesen Morgen sprach man von meiner Verheiratung, und meine Großmutter, auf die ich zu meinen Gunsten rechnete, erklärte sich nicht nur für diese Heirat, sondern wünscht sogar ganz entschieden, daß nur die Zurückkunft des Herrn d'Epinay sie verzögert, und daß gleich am Tage nach seiner Ankunft der Vertrag in Richtigkeit gebracht wird.«

Ein schmerzvoller Seufzer rang sich aus der Brust des jungen Mannes, er starrte das junge Mädchen lange und traurig an, worauf er mit tiefer Stimme sprach:

»Ach, es ist doch entsetzlich, wenn man sagen hört: 'Der Augenblick deiner Hinrichtung ist festgesetzt, sie findet in wenigen Stunden statt.' Aber gleichviel, es muß so sein, und ich werde mich meinerseits gar nicht widersetzen. Also, da man nur noch auf Herrn d'Epinay wartet, wie Sie sagen, um den Vertrag zu unterfertigen, und da Sie am Tage nach seiner Ankunft ihm zugehören, so werden Sie morgen schon Herrn d'Epinays Gattin sein, denn er kehrte diesen Morgen nach Paris zurück.«

Valentine stieß einen Schrei aus.

»Ich war vor einer Stunde bei dem Grafen von Monte Christo,« sagte Morrel; »wir redeten zusammen, er von dem Schmerze Ihres Hauses, ich von Ihrem Leide, als plötzlich ein Wagen in den Hof fuhr. Ich glaubte nie an Ahnungen, allein jetzt, Valentine, muß ich meine Ansicht ändern; beim Rollen dieses Wagens ergriff mich ein Schauer; bald darauf vernahm ich Tritte auf der Stiege; die dröhnenden Schritte des Gouverneurs haben Don Juan nicht so sehr erschreckt, als mich dieser Gang erschreckte. Endlich ging die Tür auf, Albert von Morcerf trat zuerst ein, ich zweifelte an mir selber und glaubte mich zu irren, als hinter ihm ein anderer junger Mann vorschritt und der Graf ausrief: ›Ah, Baron Franz d'Epinay!‹ Ich nahm alle Kraft und Festigkeit meines Herzens zusammen, um mich zu fassen. Ich war vielleicht blaß und vielleicht zitterte ich, doch blieb ein Lächeln auf meinen Lippen; aber fünf Minuten darauf ging ich fort, ohne ein Wort von dem gehört zu haben, was inzwischen gesprochen wurde, denn ich war vernichtet.«

»Armer Maximilian!« seufzte Valentine,

»Hier steh' ich nun, Valentine, antworten Sie mir jetzt wie einem Manne, dem Ihre Antwort Tod oder Leben gibt: was werden Sie tun?«

Valentine neigte den Kopf, sie war niedergeschmettert.

»Valentine,« sagte Morrel, »es ist nicht das erste Mal, daß Sie an die Lage denken, in der wir uns befinden; sie ist schwierig, sie ist dringlich, es steht alles auf dem Spiele; ich glaube nicht, daß es an der Zeit ist, sich einem nutzlosen Grame hinzugeben, das mögen die tun, die nach ihrem Gefallen dulden, nach Muße ihre Tränen vergießen mögen. Es gibt solche Leute, und Gott wird ihnen gewiß im Himmel diese Resignation auf Erden anrechnen; allein wer den Willen hat, zu kämpfen, verliere die kostbare Zeit nicht und gebe dem Schicksal unmittelbar den Schlag zurück, den er empfangen hat. Ist es nun Ihr Wille, sich gegen das feindliche Schicksal aufzulehnen? Valentine, sprechen Sie, denn ich kam, Sie darum zu fragen.«

Valentine zitterte und starrte Morrel mit großen, verlorenen Augen an. Der Gedanke, sich ihrem Vater, ihrer Großmutter und der ganzen Familie zu widersetzen, war ihr nie in den Sinn gekommen.

»Was sagen Sie mir, Maximilian,« fragte Valentine, »und was nennen Sie Kampf? Nennen Sie es Verbrechen. Wie, ich sollte ankämpfen wider den Befehl meines Vaters, wider den Wunsch meiner sterbenden Großmutter? Das ist unmöglich!«

Morrel machte eine Bewegung, und sie fuhr fort: »Sie haben ein zu edles Herz, um mich etwa nicht zu verstehen, und verstehen mich so gut, lieber Maximilian, daß Sie schweigen. – Ich kämpfen? Gott bewahre mich! Nein, nein! Ich bewahre alle meine Kraft, um wider mich selbst zu kämpfen und meine Tränen zu trinken, wie Sie sagen; nie werde ich meinen Vater betrüben, nie die letzten Augenblicke meiner Großmutter stören!«

»Sie haben völlig recht«, entgegnete Morrel gelassen.

»Mein Gott, wie Sie das sagen!« rief Valentine verletzt.

»Ich sage Ihnen das, mein Fräulein, wie ein Mann, der Sie bewundert«, versetzte Maximilian.

»Mein Fräulein,« rief Valentine, »mein Fräulein! Oh, der Egoist! Er sieht mich in Verzweiflung und tut, als verstände er mich nicht.«

»Sie irren; im Gegenteil, ich verstehe Sie vollkommen. Sie wollen Herrn von Villefort nicht erzürnen, Sie wollen nicht unfolgsam gegen die Marquise sein und werden morgen den Vertrag unterschreiben, der Sie mit Ihrem Gemahl verbinden soll.«

»Aber, mein Gott, kann ich denn anders handeln?«

»Sie müssen in dieser Angelegenheit, wo ich ein schlechter Richter bin, nicht mich anrufen, mein Fräulein, denn mein Egoismus würde mich verblenden«, erwiderte Morrel, dessen dumpfe Stimme und geballte Hände die zunehmende Gemütsbewegung anzeigten.

»Was werden Sie mir also raten, Morrel, wenn Sie mich geneigt fänden, Ihren Vorschlag anzunehmen? Nun, antworten Sie doch, hier gilt es nicht, zu sagen: ›Sie machen die Sache schlecht,‹ hier muß man auch guten Rat erteilen.«

»Sagen Sie mir das im Ernst, Valentine? Soll ich Ihnen diesen Rat geben?«

»Allerdings, Maximilian, wenn er gut ist, will ich ihn befolgen, Sie wissen doch, daß ich in meiner Zuneigung beharrlich bin.«

»Valentine,« sprach Morrel, indem er ein loses Brett gänzlich beiseite schaffte, »reichen Sie mir Ihre Hand zum Beweise, daß Sie mir meinen Zorn vergeben; Sie sehen, mein Kopf ist ganz verwirrt, und seit einer Stunde haben die tollkühnsten Pläne mein Hirn durchspukt. Oh, im Falle Sie meinen Rat verwerfen würden...«

»Nun, dieser Rat?«

»Hören Sie, Valentine!«

Das junge Mädchen erhob die Augen gen Himmel und stieß einen Seufzer aus.

»Ich bin Herr für mich,« sagte Maximilian, »ich bin reich genug für uns beide; ich schwöre Ihnen zu Gott: Sie werden meine Gemahlin sein, ehe noch meine Lippen sich auf Ihre Stirn pressen.«

»Wie denken Sie sich das?« fragte das Mädchen.

»Folgen Sie mir,« fuhr Morrel fort, »ich führe Sie zu meiner Schwester, die würdig ist, Ihre Schwester zu sein; wir schiffen uns nach Algier, nach England oder nach Amerika ein, wenn Sie sich nicht lieber mit mir in eine Provinz zurückziehen wollen, wo wir abwarten könnten, bis unsere Freunde den Widerstand Ihrer Familie überwunden haben, um dann wieder nach Paris zurückzukehren.«

Valentine schüttelte den Kopf.

»Das habe ich vorausgesehen, Maximilian,« entgegnete sie, »das ist der Rat eines Wahnsinnigen, und ich wäre noch betörter als Sie, wenn ich Sie nicht alsogleich mit dem einzigen Worte zurückwiese: ›Unmöglich, Morrel! Unmöglich!‹«

»Sie folgen also Ihrem Schicksal, wie es immer kommen mag, ohne dagegen anzukämpfen?« fragte Morrel finster.

»Ja, sollte ich auch dabei sterben.«

»Nun, Valentine,« versetzte Morrel, »ich wiederhole Ihnen abermals, daß Sie recht haben. Wahrhaftig, ich bin verrückt, und Sie beweisen mir, daß die Leidenschaft die gerechtesten Geister verblendet. Meinen Dank also, da Sie ohne Leidenschaft urteilen. Es ist also eine entschiedene Sache: morgen werden Sie mit Herrn d'Epinay versprochen, und zwar nicht nur durch jene Komödienförmlichkeit, die man Unterschrift heißt, sondern durch Ihren eigenen Willen!«

»Maximilian, Sie bringen mich zur Verzweiflung«, versetzte Valentine. »Was würde wohl Ihre Schwester zu dem Rat sagen, den Sie mir da geben?«

»Mein Fräulein!« entgegnete Morrel mit einem bitteren Lächeln. »Ich bin ein Egoist, wie Sie gesagt haben, und als solcher denke ich nicht an das, was andere sagen könnten. Es ist ein Jahr her, daß ich Sie kenne. Seit dem ersten Tage, da ich Sie gesehen, liebe ich Sie. Alles, was mir das Leben hold machen könnte, liegt für mich in Ihrer Person. Ich glaubte, den Himmel zu gewinnen – und hab' mir die Hölle erkoren. Ja... es kommt wohl oft genug vor, daß ein Spieler nicht nur das verliert, was er besitzt, sondern auch das, was er nicht besitzt.«

Morrel sprach diese Worte mit einer vollkommenen Ruhe; Valentine blickte ihn ein Weilchen mit ihren großen, prüfenden Augen an.

»Was aber wollen Sie tun?« fragte sie.

»Ich werde mir erlauben, Ihnen Lebewohl zu sagen, mein Fräulein, und wünsche Ihnen, dafür sei Gott mein Zeuge, der meine Worte hört und im Grunde meiner Seele liest, ich wünsche Ihnen ein so ruhiges, so glückliches und reichgesegnetes Leben, daß es in seiner Fülle nicht einmal mehr Raum für mein Andenken hat!«

»Oh!« seufzte Valentine.

»Leben Sie wohl, Valentine!« sprach Morrel und verneigte sich.

»Wohin gehen Sie?« rief das Mädchen, indem sie ihre Hand durch das Gitter streckte und Maximilian am Rock festhielt, aus der eigenen Gemütsverfassung schließend, daß seine Ruhe keine wirkliche sein könne. »Wohin gehen Sie?«

»Ich will trachten, keine neue Störung mehr in Ihre Familie zu bringen, und ein Beispiel geben, das alle ehrbaren und demutsvollen Menschen nachahmen mögen, die sich in meiner Lage befinden.«

»Ehe Sie mich verlassen, Maximilian, sagen Sie mir, was Sie tun wollen?«

Der junge Mann lächelte trübsinnig.

»Sagen Sie es mir, oh, sagen Sie!« rief Valentine. »Ich flehe Sie an!«

»Haben Sie Ihren Entschluß geändert, Valentine?«

»Ich kann ihn leider nicht ändern, das wissen Sie«, erwiderte das Mädchen.

»Nun, so leben Sie wohl, Valentine.«

Valentine rüttelte mit solcher Kraft am Gitter, als wolle sie es niederreißen, und als Morrel wegging, streckte sie beide Arme durch das Gitter, faltete und rang die Hände und schrie: »Was wollen Sie tun, ich muß es wissen, wohin gehen Sie?«

»Oh, seien Sie beruhigt,« sagte Maximilian, indem er drei Schritt vor der Tür stillestand; »meine Absicht ist es nicht, einen andern Menschen für die Härte, die das Schicksal mir erweist, verantwortlich zu machen. Ein anderer würde Ihnen drohen, daß er Franz aufsuchen, herausfordern und sich mit ihm schlagen werde, das alles wäre unsinnig. Was hat Franz bei der ganzen Sache zu tun? Er sah mich diesen Morgen zum ersten Male; er hat es schon vergessen, daß er mich gesehen; er wußte nicht einmal um meine Existenz, als Ihre zwei Familien übereinkamen, daß eins dem andern angehören sollte. Ich habe es also keineswegs mit Herrn Franz zu tun, und ich schwöre es Ihnen, daß ich ihm durchaus nicht zu nahe treten werde.«

»An wen wollen Sie sich halten? An mich?«

»An Sie, Valentine? Oh, bewahre mich Gott, die Frau ist unantastbar; die Frau, die man liebt, ist heilig.«

»Also an Sie selbst, Unglücklicher, an Sie selbst?«

»Weil ich der Schuldige bin, nicht wahr?«

»Maximilian!« sagte das Mädchen. »Maximilian! Kommen Sie her, ganz nahe zu mir.«

Maximilian trat mit einem sanften Lächeln näher, und seine Blässe abgerechnet, konnte man glauben, er befinde sich ganz so wie gewöhnlich.

»Hören Sie mich, meine teure, meine angebetete Valentine!« sprach er mit seiner ernsten, klangvollen Stimme, »Menschen wie wir, die nie einen Gedanken faßten, worüber sie vor der Welt, vor den Verwandten, vor Gott hätten erröten müssen; Menschen wie wir können einander im Herzen lesen wie in einem offenen Buch. Ich spielte nie den Romanhelden, war kein Manfred, kein Antony, sondern habe ohne Wort, ohne Beteuerungen, ohne Schwüre mein Leben ganz auf Sie gesetzt; Sie geben mich auf, und Sie haben recht, so zu handeln, ich habe es oft gesagt und wiederhole es Ihnen; allein Sie geben mich auf, und so ist mein Leben verloren. Von dem Augenblick an, Valentine, wo Sie sich von mir entfernen, stehe ich allein da in der Welt. Meine Schwester ist glücklich bei ihrem Gatten. Ihr Gatte aber ist bloß mein Schwager, das heißt ein Mann, den nur die soziale Übereinkunft an mich knüpft, es bedarf also niemand auf Erden meines Daseins, das nutzlos geworden ist. Nun sehen Sie, was ich tun werde: Ich warte bis zur letzten Sekunde Ihrer Verheiratung, denn ich will nicht einen Schatten von jenen unerwarteten Wechselfällen verlieren, die uns der Zufall bisweilen vorbehält, indem bis dahin Herr Franz d'Epinay schließlich sterben kann; ja, in dem Moment, wo Sie zum Altar treten, kann der Blitz auf ihn niederschlagen. Demjenigen, der zum Tode verurteilt ist, wird alles glaublich, und die Wunder treten für ihn in die Klasse des Möglichen, wenn es sich um das Heil seines Lebens handelt. Ich werde somit bis zum letzten Moment warten, sage ich, und wenn mein Unglück gewiß ist, ohne Abhilfe, ohne Hoffnung, so werde ich einen Brief an meinen Schwager, einen zweiten an den Polizeipräfekten schreiben, um ihnen meinen Vorsatz zu melden, und in irgendeinem Winkel des Waldes, am Rande eines Grabens oder am Gestade eines Flusses will ich mir die Hirnschale zerschmettern, so wahr ich der Sohn des ehrbarsten Mannes bin, der jemals in Frankreich gelebt hat.«

Ein heftiges Zittern befiel Valentinens Glieder; sie ließ das Gitter los, das sie mit den Händen gefaßt hatte, ihre Arme sanken an ihrer Seite herab, und über die Wangen perlten ihr zwei schwere Tränen. Der junge Mann blieb vor ihr stehen, düster und entschlossen.

»Oh, Mitleid und Erbarmen?« schluchzte sie. »Nicht wahr, Sie werden am Leben bleiben?«

»Nein, auf Ehre, das werde ich nicht tun,« versetzte Maximilian; »doch was liegt Ihnen daran? Sie taten Ihre Pflicht, und das gute Gewissen wird Ihnen bleiben.«

Valentine sank auf die Knie und drückte ihre Hände auf das Herz. »Maximilian!« rief sie. »Maximilian, mein Freund, der du in Wahrheit allein mein Gatte bist, folge meinem Beispiel: trage das Schicksal mit Mut und Geduld. Vielleicht kommt doch noch ein Tag, der uns vereint.«

»Leben Sie wohl, Valentine!« wiederholte Morrel.

»Mein Gott!« schrie Valentine, indem sie ihre Hände zum Himmel hob. »Du siehst, ich habe alles getan, was ich vermochte, um eine ergebene Tochter zu sein, ich habe gebeten, gefleht, geschworen. Er aber achtet meine Bitten nicht, hört nicht auf mein Flehen. Gut!« fuhr sie fort, indem sie ihre Tränen trocknete und ihre Festigkeit wiedergewann. »Gut! Ich will nicht an Gewissensbissen sterben. Sie werden leben, Maximilian, denn ich will keinem andern als Ihnen angehören. Zu welcher Stunde? In welchem Augenblick? Etwa auf der Stelle? Reden, gebieten Sie, ich bin bereit!« Morrel, der sich aufs neue einige Schritte weit entfernt hatte, kehrte wieder zurück und reichte vor Freude und mit wonnetrunkenem Herzen Valentine seine beiden Hände durch das Gitter.

»Valentine,« sprach er, »Geliebte! Sie müssen nicht derart mit mir reden, oder Sie töten mich. Warum sollte ich Sie der Gewalt verdanken, wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe? Nötigen Sie mich nur aus Menschlichkeit zum Leben zurück? In diesem Falle sterbe ich lieber.«

»Ach,« seufzte Valentine, »wer liebt mich denn in der Welt? Du, du ganz allein. Wer ist die Hoffnung, die einzige Freude meines Lebens? Du, und nochmals du, Maximilian! So gibt's denn keine Wahl mehr für mich. Ja, ich werde dir folgen, ich werde das väterliche Haus und alles verlassen. Oh, wie bin ich undankbar!« rief sie schluchzend aus. »Alles, selbst meinen guten Großvater, den ich vergessen habe.«

»Nein,« sagte Maximilian, »du wirst ihn nicht verlassen. Wie du gesagt hast, schien Herr Noirtier Sympathie für mich zu haben. Entdecke ihm alles, ehe wir entfliehen, seine Zustimmung wird dir ein Trost vor Gott sein. Sobald wir dann vermählt sind, kommt er zu uns und hat zwei Kinder statt des einen. Du hast mir gesagt, wie er mit dir spricht und wie du ihm antwortest; ich werde recht bald diese rührende Zeichensprache erlernen. Oh, ich schwöre es dir, Valentine, statt der Verzweiflung erwartet uns ein namenloses Glück.«

»Oh, sieh nur, Maximilian, was für eine Gewalt du über mich hast: du läßt mich beinahe das glauben, was du sagst, und doch ist es Wahnsinn, denn mein Vater wird mir fluchen, ich kenne ihn. Sein unbeugsames Herz wird mir nie verzeihen. Aber höre, Maximilian, wenn ich durch einen Kunstgriff, durch Bitten, durch einen Zufall – was weiß ich – kurz, durch irgendein Mittel die Vermählung verzögern kann, nicht wahr, so wirst du warten?«

»Ja, ich schwöre es dir, wie du es mir schwörst, daß diese schreckliche Heirat nie zustande kommen wird und daß du stets ›Nein!‹ sagen willst, ob man dich auch vor den Magistrat oder den Priester schleppen sollte.«

»Ich schwöre es dir, Maximilian, bei dem, was mir in der Welt das Heiligste ist, bei meiner Mutter.«

»Wir warten also«, sagte Morrel.

»Ja, wir warten,« wiederholte Valentine, die bei diesem Worte tief Atem holte; »es gibt ja so viele Dinge, die Unglückliche, wie wir es sind, zu retten vermögen.«

»Ich verlasse mich auf dich, Valentine,« sagte Morrel; »was du immer tun magst, es ist wohlgetan. Wenn man aber gegen deine Bitten taub bleibt, wenn dein Vater, wenn Frau von Saint-Méran fordern, daß Herr d'Epinay gerufen wird, um morgen den Vertrag zu unterfertigen...«

»So hast du mein Wort, Morrel!«

»Anstatt zu unterschreiben...«

»Eile ich zu dir, und wir entfliehen; allein bis dahin, Morrel, laß uns Gott nicht versuchen; auch wollen wir uns nicht sehen; denn es ist ein Wunder der Vorsehung, daß wir noch nie überrascht worden sind; würde man uns belauschen, wüßte man, daß wir zusammenkommen, wäre uns alles zerstört.«

»Du hast recht, Valentine, doch wie erfahren wir...«

»Durch den Notar, Herrn Deschamps.«

»Ich kenne ihn.«

»Und durch mich selbst. Sei versichert, ich werde dir schreiben. Mein Gott, diese Heirat ist mir doch ebenso schrecklich wie dir, Maximilian.«

»Ich danke dir, meine angebetete Valentine! Nun ist alles abgemacht; sowie ich die Stunde erfahre, fliege ich hierher; du steigst über diese Mauer in meine Arme, es wird dir leicht werden; ein Wagen erwartet uns an der Tür der Umzäunung. Du steigst mit mir ein, und ich führe dich zu meiner Schwester; unbekannt, wenn du willst, mit Geräusch, wenn du es wünschest, werden wir dort das Bewußtsein unserer Kraft und unseres Willens haben und uns nicht hinschlachten lassen wie das Lamm, das keine andere Verteidigung hat als seine Seufzer.«

»So sei es, und ich erwidere dir: Was du tust, Maximilian, das ist wohlgetan.«

»Bist du mit deinem Weibe zufrieden?« sprach traurig das Mädchen.

»Meine angebetete Valentine, hier ›ja‹ sagen, hieße sehr wenig sagen.«

»Sag' es immerhin!«

Valentine näherte sich, oder vielmehr ihre Lippen, dem Gitter, und ihre Worte glitten mit ihrem duftigen Hauch zu Morrels Lippen, der von der andern Seite der kalten, unerbittlichen Scheidewand seinen Mund näherte.

»Auf Wiedersehen!« rief Valentine, indem sie sich dieser Wonne entriß. »Auf Wiedersehen!«

»Ich werde von dir einen Brief erhalten?«

»Ja.«

»Dank, Geliebte, auf Wiedersehen!«

Der junge Mann kehrte nach Hause zurück und harrte den Rest dieses Abends und den ganzen folgenden Tag, ohne einen Brief zu bekommen. Am zweiten Tage endlich, gegen zehn Uhr früh, als er eben zu dem Notar Deschamps gehen wollte, erhielt er durch die Post ein kleines Briefchen, das er sogleich als von Valentine kommend erkannte, wiewohl er noch niemals ihre Handschrift gesehen.

Es war folgenden Inhalts:

»Nichts haben Tränen, Bitten und Beschwörungen vermocht. Gestern war ich in der Kirche Saint-Philipp-du-Roule und betete zwei Stunden lang zu Gott aus dem Grunde meiner Seele; Gott ist unempfindlich wie die Menschen, und die Unterfertigung des Vertrags ist auf neun Uhr abends festgesetzt worden.

Ich habe nur ein Wort, Morrel, wie ich nur ein Herz habe, und dieses Wort ist Dir verpfändet, wie das Herz Dein eigen ist.

Diesen Abend also um drei Viertel auf neun Uhr am Gitter.

Deine treue Valentine de Villefort.

P. S. Mit meiner Großmutter geht es immer schlimmer; gestern wurde ihre Aufregung fast Delirium, heute ist ihr Delirium beinahe Wahnsinn.

Du wirst mich recht innig lieben, nicht wahr, Morrel? Damit Du mich vergessen machest, daß ich sie in diesem Zustande verließ. Wie es mich dünkt, verhehlt man dem Großvater Noirtier meine bevorstehende Vermählung.«


Morrel begnügte sich nicht mit den Nachrichten, die ihm Valentine gab; er ging zum Notar, und dieser bekräftigte es ihm, daß die Unterfertigung des Vertrages auf neun Uhr festgesetzt sei.

Hierauf ging er zu Monte Christo, und da brachte er noch mehr in Erfahrung. Franz hatte dem Grafen Nachricht von dieser Feierlichkeit gegeben, Frau von Villefort ihn schriftlich um Entschuldigung gebeten, daß sie ihn deshalb nicht einlade, weil durch den Tod des Herrn von Saint-Méran und durch den Zustand, in dem seine Witwe sich befinde, eine Feier nicht möglich sei.

Tags zuvor war Franz der Frau von Saint-Méran vorgestellt worden, die zu diesem Zweck das Bett verlassen hatte, dann aber schnell wieder zur Ruhe ging.

Wie es sich leicht denken läßt, befand sich Morrel in einer solchen Aufregung, daß es einem so durchdringenden Scharfblick, wie dem des Grafen, nicht entgehen konnte. Monte Christo war liebevoller gegen ihn als jemals, so liebevoll, daß Maximilian zwei- oder dreimal auf dem Punkte stand, ihm alles zu entdecken. Er gedachte aber des förmlichen Versprechens, das er Valentine gegeben, und so blieb das Geheimnis im Grunde seiner Seele verschlossen. Alles war zur Flucht vorbereitet; zwei Leitern waren im Gehege verborgen, ein leichter Wagen, den Maximilian selbst führte, stand zur Verfügung.

Von Zeit zu Zeit fühlte sich Morrel von Schauern durchrüttelt; er gedachte des Augenblicks, wo er Valentine beim Herabsteigen von der Mauer beschützen, wo er die Geliebte zitternd und hingegeben in seinen Armen fühlen würde, der er bisher nur die Hand gedrückt und die Fingerspitzen geküßt hatte.

Als aber der Nachmittag kam und die Stunde immer näher heranrückte, fühlte Morrel das Bedürfnis, allein zu sein; sein Blut wallte; einfache Fragen, ja, schon die Stimme eines Freundes hätte ihn gereizt; er schloß sich ein und versuchte zu lesen; jedoch sein Blick glitt über die Seiten hin, ohne etwas zu verstehen, und kehrte immer wieder zurück zu den zu erwartenden Ereignissen. Endlich kam die Stunde heran.

Noch niemals ließ ein Verliebter die Uhren im friedlichen Gange gehen; Morrel stellte die seinigen dergestalt, daß sie um sechs Uhr schon halb neun zeigten. Nun sagte er sich, daß es Zeit wäre, fortzugehen, denn um neun Uhr wäre die Stunde, wo der Vertrag unterzeichnet werden sollte; aber wahrscheinlich würde Valentine auf diese nutzlose Unterfertigung nicht warten. Somit war Morrel seiner Pendeluhr nach um halb neun Uhr in der Rue Meslan aufgebrochen und kam nach dem Gehege, als es zu Saint- Philippe-du-Roule acht Uhr schlug.

Das Pferd und den Wagen stellte Morrel hinter die Trümmer eines alten Mauerwerkes, wo er sich sonst selbst zu verbergen pflegte.

Der Tag neigte sich mehr und mehr, und das Blätterwerk des Gartens hüllte sich in dichte, schwarze Finsternis. Nun trat Morrel aus seinem Versteck hervor und blickte klopfenden Herzens durch die Öffnung im Gitter; doch war noch niemand hier.

Es schlug halb neun Uhr.

Es verging wieder eine halbe Stunde mit Warten. Morrel streifte hin und her, dann hielt er in immer kürzeren Zwischenräumen sein Auge an die Bretter. Der Garten verfinsterte sich immer mehr, doch in der Dunkelheit suchte er vergeblich nach einem weißen Kleide und lauschte ganz umsonst auf ein Geräusch von Tritten.

Das Haus, das man durch das Blätterwerk erblickte, war düster und hatte ganz und gar nicht den Charakter eines Hauses, das sich für ein so wichtiges Ereignis öffnet, wie es die Vollziehung eines Ehegelöbnisses war.

Morrel befragte seine Taschenuhr; sie schlug drei Viertel auf zehn Uhr, doch fast in demselben Augenblick berichtigte der oft gehörte Klang der Turmuhr den Irrtum der Taschenuhr, indem sie halb zehn Uhr schlug.

Das Warten dauerte schon eine halbe Stunde länger, als Valentine es selbst anberaumt hatte; sie sagte: um neun Uhr, und lieber früher als später.

Das war für das Herz des jungen Mannes der schrecklichste Augenblick, da jede Sekunde wie ein bleierner Hammer auf ihn fiel.

Das mindeste Geflüster des Laubes, das leiseste Geräusch des Windes spannte sein Ohr und trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; dann stellte er, am ganzen Leibe zitternd, die Leiter zurecht und setzte den Fuß auf die erste Sprosse, um keine Zeit zu verlieren.

Mitten in diesen Wechsel von Furcht und Hoffnung, unter furchtbaren Beklemmungen des Herzens verkündete die Kirchenuhr die zehnte Stunde.

»Ach,« murmelte Maximilian bekümmert, »unmöglich kann die Schließung eines Vertrages ohne einen unvorhergesehenen Zwischenfall so lange dauern; ich habe alle Möglichkeiten bedacht, die Zeit aller Formalitäten berechnet – es ist etwas Besonderes vorgegangen.«

Bald schritt er in ungestümer Bewegung am Gitter auf und ab, bald drückte er seine brennende Stirn an die kalten Eisenstangen. Ist Valentine nach dem Vertrage ohnmächtig geworden? Oder hat man sie auf der Flucht ergriffen? Das waren die einzigen Vermutungen, bei denen der junge Mann stehenblieb, und beide waren verzweiflungsvoll.

Auch bei dem Gedanken hielt er noch an: Valentine sei auf der Flucht schwach geworden und mitten in der Allee in Ohnmacht gefallen.

»Oh, wenn das wäre,« rief er, von der Höhe der Leiter herabspringend, »so müßte ich sie verlieren, und das durch meine Schuld.«

Der Dämon, der ihm diesen Gedanken eingab, verließ ihn nicht mehr und flüsterte mit jener Beharrlichkeit in sein Ohr, aus der gewisse Zweifel kraft der Schlüsse schnell zu Überzeugungen werden. Seine Augen, die die wachsende Dunkelheit zu durchbohren suchten, glaubten in der düstern Allee einen liegenden Körper wahrzunehmen; Morrel ging so weit, daß er rief, und es dünkte ihn, als brächte ihm der Wind eine hauchleise Klage zurück.

Endlich schlug es halb elf Uhr, es war unmöglich, diese Bedrängnis länger auszuhalten. Alles war zu vermuten. In Maximilians Schläfen schlug es ungestüm. Er bestieg die Mauer und sprang auf der andern Seite hinab.

Er war nun bei Villefort. Er kam durch das Einsteigen dahin; wohl dachte er an die Folgen, die ein solcher Schritt haben könnte, doch vermochte er es nicht mehr über sich, umzukehren.

Er ging eine Strecke längs der Mauer fort, durchflog rasch die Allee und versteckte sich dann in einem Gebüsch. In einem Augenblick hatte er das Gebüsch durchstreift und gelangte dahin, wo man das Haus überschauen konnte.

Nun versicherte sich Morrel eines Umstandes, den er schon vermutet hatte, als sein Blick durch die Baumzweige glitt; er sah statt der Lichter, die bei einer so feierlichen Zeremonie an jedem Fenster schimmern sollten, nichts weiter als eine graue Masse, die überdies noch von einem großen Schattenvorhang verschleiert wurde, den eine ungeheure, über den Mond ausgespannte Wolke verbreitete.

Ein Licht schweifte von Zeit zu Zeit wie verloren umher und ging an den drei Fenstern des ersten Stockes vorüber. Diese drei Fenster gehörten zur Wohnung der Frau von Saint-Méran.

Ein anderes Licht blieb unbeweglich hinter den roten Vorhängen. Diese roten Vorhänge befanden sich im Schlafgemach der Frau von Villefort.

Morrel erriet das alles. Um Valentine zu jeder Stunde des Tages im Geiste zu begleiten, hatte er sich so oft den Plan dieses Hauses gemacht und es gekannt, ohne es je im Innern gesehen zu haben.

Der junge Mann erschrak jetzt noch mehr über diese Dunkelheit und Stille, als früher über das Ausbleiben Valentinens.

Niedergebeugt, wahnsinnig vor Schmerz und entschlossen, alles zu wagen, um Valentine wiederzusehen und sich des geahnten Unglückes zu versichern, wie es auch beschaffen sei, drang er bis zum Rande des Gebüsches vor und schickte sich an, so schnell als möglich den ganz offenen Raum zu durcheilen, als der noch ferne Schall einer Stimme, den der Wind herantrug, zu ihm drang.

Bei diesem Geräusch wich er einen Schritt zurück; er versteckte sich wieder in dem Laubwerk, aus dem er herausgetreten war, und verhielt sich in dieser Dunkelheit unbeweglich und stumm.

Sein Entschluß war gefaßt; wäre es Valentine allein, so würde er ihr im Vorübergehen einen Wink geben, käme sie in Begleitung, so würde er sie mindestens sehen und sich versichern, daß ihr kein Leid geschehen sei; wären es aber Fremde, so könnte er einige Worte von ihrer Unterredung erlauschen und sich dadurch das Geheimnis erklären, das ihm bis jetzt unbegreiflich war.

Der Mond trat aus der Wolke, die ihn barg, hervor, und Morrel sah Villefort mit einem Manne in schwarzer Kleidung von der Gartentreppe kommen. Sie nahmen ihren Weg nach dem Gebüsch und hatten kaum vier Schritte gemacht, als er an dem schwarzgekleideten Manne den Doktor d'Avrigny erkannte.

Als der junge Mann die beiden herankommen sah, trat er schleunigst zurück bis zu dem Stamme einer Sykomore, die mitten in einem Dickicht stand, hier mußte er anhalten.

Der Sand knarrte bald nicht mehr unter den Tritten der Männer.

»Ach, lieber Doktor,« sprach der königliche Prokurator, »der Himmel erklärt sich entschieden gegen unser Haus. Welch ein entsetzlicher Tod; welch ein Schicksalsschlag! Bemühen Sie sich nicht, mich zu trösten, ach, für ein solches Unglück gibt es keinen Trost. Die Wunde ist zu tief, zu schmerzlich; tot, tot ist sie!«

Kalter Schweiß bedeckte die Stirn des jungen Mannes, als er diese Worte hörte. Wer starb in diesem Hause, das Villefort selbst ein verfluchtes nannte?

»Mein lieber Herr von Villefort,« erwiderte der Arzt in einem Tone, der den Schrecken des jungen Mannes verdoppelte, »ich führte Sie nicht hierher, um Sie zu trösten – im Gegenteil.«

»Was wollen Sie mir sagen?« fragte entsetzt der königliche Proturator.

»Ich will sagen, daß hinter diesem letzten Unglück, das Sie betroffen, vielleicht noch ein anderes, viel größeres steckt.«

»Oh, mein Gott,« stammelte Villefort, die Hände ringend, »was wollen Sie mir noch sagen?«

»Sind wir ganz allein, mein Freund?«

»Ja, ganz allein. Doch was bedeutet diese Vorsicht?«

»Sie bedeutet, daß ich Ihnen Entsetzliches anzuvertrauen habe«, sprach der Doktor. »Wir wollen uns setzen.«

Villefort setzte sich oder fiel vielmehr auf eine Bank. Der Doktor blieb vor ihm stehen, eine Hand auf seine Schulter legend.

Morrel hielt, vor Schreck erstarrt, mit der einen Hand seine Stirn, die andere preßte er auf sein Herz, aus Furcht, man könnte die Pulse desselben vernehmen.

»Tot, sie ist tot!« wiederholte er im Geiste mit der Stimme seines Herzens.

Er fühlte sich selbst dem Sterben nahe.

»Reden Sie, Doktor,« sagte Villefort, »ich höre. Sprechen Sie; ich bin auf alles gefaßt.«

»Frau von Saint-Méran war wohl schon sehr bejahrt, doch erfreute sie sich einer vortrefflichen Gesundheit.«

Morrel atmete nach langer Pause zum ersten Male wieder.

»Der Kummer hat sie getötet,« sagte Villefort; »ja, der Kummer, Doktor! Diese Gewohnheit des Zusammenlebens mit dem Marquis seit vierzig Jahren...«

»Das lag nicht am Kummer, mein lieber Villefort,« entgegnete der Doktor; »in seltenen Fällen kann der Kummer wohl töten, jedoch tötet er nicht an einem Tage, nicht in einer Stunde, nicht in zehn Minuten.«

Villefort antwortete nichts; er richtete nur den Kopf empor, den er bisher gesenkt hielt, und blickte den Doktor mit verstörten Augen an.

»Waren Sie während des Todeskampfes zugegen?« fragte Herr d'Avrigny.

»Allerdings,« antwortete der königliche Prokurator, »Sie sagten mir ja leise, ich solle nicht fortgehen.«

»Haben Sie die Symptome des Übels bemerkt, dem die Frau von Saint-Méran unterlag?«

»Ja, Frau von Saint-Méran hatte binnen weniger Minuten drei Anfälle aufeinander und jedesmal schneller und ungestümer. Als Sie ankamen, keuchte sie schon seit mehreren Minuten; hierauf hatte sie eine Krisis, die ich für einen Nervenanfall hielt; ich fing aber an, wirklich zu erschrecken, als ich sah, wie sie sich mit erstarrten Gliedern und starrem Halse im Bette erhob. Da las ich in ihrem Gesicht, daß die Sache viel bedenklicher sei, als ich wähnte. Als die Krisis vorüber war, suchte ich ihre Augen, begegnete ihnen aber nicht. Sie prüften den Puls, zählten die Schläge, und die zweite Krisis trat ein, ehe Sie noch zu mir zurückkamen. Diese zweite Krisis war viel schrecklicher als die erste; die Nervenzuckungen wiederholten sich, der Mund zog sich zusammen und wurde veilchenblau.«

»Bei der dritten Krisis atmete sie aus.«

»Ich erkannte bereits bei der ersten den Starrkrampf; Sie haben mich in dieser Meinung bekräftigt.«

»Ja, vor den anderen,« entgegnete der Doktor, »aber jetzt sind wir allein.«

»Was wollen Sie sagen? Ach, mein Gott!«

»Daß die Symptome des Starrkrampfes und der Vergiftung durch vegetabilische Materien ganz gleich sind.«

Herr von Villefort richtete sich auf, aber nach einem Augenblick der Unbeweglichkeit und des Schweigens fiel er wieder auf die Bank und stammelte:

»Oh, mein Gott, Doktor, bedenken Sie auch, was Sie mir da sagen?«

Morrel wußte nicht, ob er wache oder träume.

»Hören Sie,« sprach der Doktor, »ich kenne die Wichtigkeit meiner Behauptung und den Charakter des Mannes, gegen den ich sie mache.«

»Sprechen Sie zu dem Beamten oder zum Freunde?« fragte Villefort.

»Zu dem Freunde, in diesem Augenblick bloß zu dem Freunde; die Symptome des Starrkrampfes und der Vergiftung durch vegetabilische Substanzen sind so zusammentreffend, daß ich Anstand nähme, wenn ich unterschreiben müßte, was ich da spreche. Auch wiederhole ich Ihnen, daß ich mich nicht an den Beamten wende, sondern an den Freund. Nun, ich sage also dem Freunde: durch die Dauer der drei Viertelstunden studierte ich den Todeskampf, die Konvulsionen und das hinscheiden der Frau von Saint-Méran, und nach meiner Überzeugung starb sie nicht allein vergiftet, sondern ich könnte auch sagen, ja, ich weiß es, was für ein Gift sie getötet hat.«

»Doktor!«

»Sehen Sie, alles trifft zusammen: Schlafsucht, durch Nervenreize unterbrochen, Aufregung des Gehirns, Starrkrampf in den innersten Nervensträngen; Frau von Saint-Méran unterlag einer starken Dosis von Brucine oder Strychnin, die ihr zweifelsohne aus Zufall, vielleicht aus Versehen beigebracht wurde.«

Villefort ergriff die Hand des Doktors und sprach:

»Oh, es ist unmöglich, ich träume, mein Gott, ich träume; es ist entsetzlich, solche Dinge von einem Manne zu vernehmen, wie Sie sind! In des Himmels Namen bitte ich Sie, lieber Doktor, sagen Sie mir, daß Sie sich irren können.«

»Das kann ich allerdings, jedoch –«

»Jedoch?«

»Ich glaube es aber nicht.«

»Doktor, haben Sie Mitleid mit mir; seit einigen Tagen kommen so unerhörte Dinge über mich, daß ich glaube, verrückt werden zu müssen.«

»Hat noch irgend jemand Frau von Saint-Méran gesehen?«

»Niemand.«

»Ließ man bei einem Apotheker eine Arznei holen, die ich nicht angeordnet hatte?«

»Keine.«

»Hat Frau von Saint-Méran Feinde gehabt?«

»Mir sind keine bekannt.«

»Hatte jemand Interesse an ihrem Tode?«

»Aber nein, mein Gott, nein! Meine Tochter ist alleinige Erbin, Valentine allein ... Oh, wenn mir so ein Gedanke aufstiege, ich würde mich erdolchen, um mein Herz zu bestrafen, daß es einen Augenblick lang einen solchen Gedanken hegen konnte.«

»Oh, lieber Freund!« sagte Herr d'Avrigny, »Gott soll mich bewahren, daß ich jemanden beschuldige; ich spreche nur von einem Zufall, verstehen Sie, von einem Versehen. Aber Zufall oder Versehen, die Tatsache ist da, die ganz leise zu meinem Gewissen spricht und begehrt, daß mein Gewissen laut zu Ihnen spreche. Dem nachzuforschen, ist Ihre Pflicht!«

»Bei wem? Wie? Worüber?«

»Sehen Sie, konnte sich nicht der alte Diener Barrois geirrt und der Frau von Saint-Méran einen Trank gegeben haben, der für seinen Herrn bereitet war?«

»Für meinen Vater?«

»Ja.«

»Wie kann denn ein Trank, der für Herrn Noirtier bereitet ist, Frau von Saint-Méran vergiften?«

»Es gibt nichts Einfacheres. Sie wissen, daß die Gifte bei gewissen Krankheiten als Heilmittel dienen; die Lähmung ist eine von diesen Krankheiten. Nachdem ich schon alles versucht hatte, um Herrn Noirtier die Bewegung und Sprache wieder zu verschaffen, entschloß ich mich vor etwa drei Monaten, ein letztes Mittel in Anwendung zu bringen; seit drei Monden, sage ich, behandle ich ihn mit Brucine; so sind in dem letzten Trank, den ich verordnete, sechs Gramm enthalten; aber sechs Gramm, die auf die gelähmten Organe des Hern Noirtier nur wenig wirken, da er sich durch allmähliches Einnehmen daran gewöhnt hat, sechs Gramm sind hinreichend, jeden anderen zu töten.«

»Mein lieber Doktor, zwischen der Wohnung des Herrn Noirtier und jener der Frau von Saint-Mèran besteht keine Verbindung. Der alte Barrois aber kam nie zu meiner Schwiegermutter. Doktor, obwohl ich Sie als den geschicktesten und zumal gewissenhaftesten Mann von der Welt kenne, obwohl in jeder Hinsicht Ihr Wort für mich eine Leuchte ist, die mich leitet wie das Licht der Sonne, so muß ich Ihnen doch sagen, Doktor, daß es für mich trotz dieser Überzeugung doch ein Bedürfnis ist, mich auf diesen Satz zu stützen: 'Errare humanum est.' «

»Hören Sie, Villefort,« versetzte der Doktor, »kennen Sie einen meiner Kollegen, zu dem Sie so viel Vertrauen haben wie zu mir?«

»Warum das? Wo wollen Sie damit hinaus?«

»Rufen Sie ihn, ich werde ihm sagen, was ich gesehen und bemerkt, und wir nehmen eine Leichenuntersuchung vor.«

»Und werden Sie die Spuren des Giftes finden?«

»Nein, nicht des Giftes, das habe ich nicht gesagt, sondern wir werden die Überreizung des Nervensystems bestätigen und den augenfälligen Schlagfluß erkennen und Ihnen sagen, lieber Villefort: Geschah die Sache aus Fahrlässigkeit, so überwachen Sie Ihre Dienerschaft; geschah sie aus Haß, so überwachen Sie Ihre Feinde!«

»Oh, mein Gott, was für einen Vorschlag machen Sie mir, d'Avrigny?« antwortete Villefort niedergebeugt. »Von dem Moment an, da noch ein anderer außer Ihnen in das Geheimnis gezogen wird, ist eine Untersuchung vonnöten, und eine Untersuchung bei mir? Unmöglich! Dennoch,« fuhr der königliche Prokurator fort, indem er unruhvoll den Arzt anblickte, »dennoch, wenn Sie es wollen und durchaus fordern, so mag es geschehen. Ich muß dieser Sache vielleicht wirklich Folge geben, mein Charakter gebietet es mir. Aber, Doktor, Sie sehen mich tief gebeugt; nach soviel Leid soll über mein Haus nun auch noch ein Skandal kommen! Oh, meine Gattin und Tochter werden darüber sterben; und ich - ich, Doktor, ein Mann gelangt nicht bis dahin, wo ich stehe, ein Mann ist nicht fünfundzwanzig Jahre lang königlicher Prokurator gewesen, ohne daß er sich nicht viele Feinde gemacht hätte. Die meinigen sind zahlreich. Wird dieser Vorfall ruchbar, so ist er für sie ein Triumph, wobei sie vor Freuden springen, während ich mit Schmach bedeckt würde. Doktor, vergeben Sie mir diese weltlichen Gedanken. Sie sind ein Mann, Sie kennen die Menschen; Doktor, Sie haben mir nichts gesagt – nicht wahr?«

»Lieber Herr von Villefort,« erwiderte der Doktor erschüttert, »meine erste Pflicht ist Menschlichkeit. Ich hätte Frau von Saint-Méran gerettet, hätte es in der Macht der Wissenschaft gelegen, das zu tun; nun sie aber tot ist, muß ich die Lebendigen berücksichtigen. Lassen Sie uns dieses schreckliche Geheimnis in die Tiefen unseres Herzens begraben. Gehen jemandem darüber die Augen auf, so will ich es zugeben, daß man das Stillschweigen, das ich beobachtete, meiner Unwissenheit zuschreibe. Indes, mein Freund, forschen Sie, forschen Sie eifrig nach, denn vielleicht bleibt die Sache nicht bei diesem Punkte stehen... Und haben Sie den Schuldigen gefunden, so werde ich Ihnen sagen: ›Sie sind Beamter, tun Sie, was Sie wollen‹«

»Oh, Dank, Dank, Doktor!« sprach Villefort mit unaussprechlicher Freude. »Ich hatte nie einen besseren Freund, als Sie sind.«

Und als ob er befürchtete, der Doktor d'Avrigny könnte von diesem Zugeständnis wieder abkommen, stand er auf und zog ihn fort, nach dem Hause.

Morrel streckte, als hätte er des Atems bedurft, den Kopf aus dem Gebüsch, und der Mond beschien dieses Gesicht, das so blaß war, daß man es für ein Gespenst hätte halten können.

»Gott schirmt mich auf eine offenbare, doch schreckliche Weise!« rief er. »Aber Valentine! Meine arme Valentine! Wie wird sie all diese Leiden ertragen?«

Bei diesen Worten blickte er abwechselnd bald nach dem Fenster mit den roten Vorhängen, bald nach den drei Fenstern mit den weißen Vorhängen.

Von dem Fenster mit den roten Vorhängen war das Licht beinahe ganz verschwunden. Sicher hatte Frau von Villefort ihre Lampe ausgelöscht, und nur das kleine Nachtlicht warf seinen Schein auf die Fensterscheiben.

Dagegen sah er am Ende des Hauses eines von den drei Fenstern mit den weißen Vorhängen aufmachen. Die Kerze auf dem Kamine warf einige Strahlen ihres blassen Lichtes nach außen, und ein Schatten lehnte sich einen Augenblick lang mit dem Ellbogen auf den Balkon.

Morrel erbebte; es dünkte ihn, als hätte er ein Schluchzen vernommen.

Man braucht sich nicht zu verwundern, daß diese sonst so mutige Seele abergläubischen Befürchtungen unterlag, denn sie war erschüttert, überreizt, und somit geschwächt durch die zwei stärksten menschlichen Leidenschaften: durch die Liebe und die Furcht.

Obgleich es unmöglich war, daß ihn Valentine in seiner Verborgenheit wahrnehmen konnte, so kam es ihm doch vor, als rufe ihn der Schatten am Fenster. Es sagte ihm dies sein verwirrter Geist, und sein glühendes Herz wiederholte es ihm. Dieser doppelte Irrtum wurde zur unwiderstehlichen Wirklichkeit, er sprang aus dem Versteck hervor und setzte, auf die Gefahr hin, gesehen zu werden und Valentine zu erschrecken, mit zwei Sätzen über das Parterre, das im Mondlicht breit und weiß aussah wie ein See, gelangte zu den Orangenbäumen, die vor dem Hause in Reihen aufgestellt waren, und stieß an eine Tür, die ohne Widerstand vor ihm aufging.

Valentine hatte ihn nicht gesehen; ihre zum Himmel erhobenen Augen folgten einer silbernen Wolke, die im Azur dahinglitt und einem Schatten ähnlich war, der zum Himmel emporschwebt; ihr aufgeregtes Gemüt sagte ihr, daß es die Seele ihrer Großmutter sei.

Inzwischen durchschritt Morrel das Vorhaus und fand das Treppengeländer; die über die Stufen gebreiteten Teppiche dämpften seine Tritte; übrigens befand sich Morrel in einem solchen Zustande von Aufregung, daß ihn selbst das Erscheinen des Herrn von Villefort nicht erschreckt hätte. Wenn ihm Villefort entgegenkäme, so war sein Entschluß schon gefaßt; er wollte sich ihm nähern, ihm alles gestehen, ihn bitten, daß er seine Liebe zu Valentine und die Gegenliebe derselben vergeben und entschuldigen möge; Morrel war völlig irr.

Zum Glück sah ihn niemand.

Jetzt besonders nützte ihm die Kenntnis, die er vom Innern des Hauses hatte; er kam ohne Zwischenfall oben an der Treppe an, und während er sich hier zurechtzufinden suchte, zeigte ihm ein Schluchzen, das er erkannte, den Weg, den er zu nehmen hatte; er wandte sich um, durch eine halbgeöffnete Tür sah er den Widerschein eines Lichtes. Er öffnete diese Tür und trat ein.

Die Verstorbene lag im Hintergrund eines Alkovens, ein weißes Tuch über dem Kopfe, das jedoch die Form erkennen ließ; der Anblick wurde noch schrecklicher für Morrel durch die Enthüllung jenes Geheimnisses, zu dem er durch Zufall gekommen war.

Neben dem Bett kniete Valentine, den Kopf versenkt in die breiten Kissen, zuckend und bebend von heftigem Schluchzen, die Hände über dem Haupte faltend und ringend.

Sie hatte das Fenster, das offen stand, verlassen und betete laut mit einem Ausdruck, der das Herz des Gefühllosesten gerührt hätte; die Worte entglitten ihren Lippen rasch, unzusammenhängend, unverständlich, so sehr ward ihre Kehle von Schmerz zusammengepreßt.

Der Mond, der durch die Öffnung der Vorhänge lugte, ließ den Schein der Kerze erbleichen und ergoß seine silberne Flut über das Bild der Trostlosigkeit.

Morrel blieb einige Augenblicke stumm; dann seufzte er beklommen. Valentine sah sich um und schaute ihn ohne Erstaunen an.

Es gibt Augenblicke, wo unser Herz in Verzweiflung stumpf wird und für weitere Eindrücke unempfindlich ist.

Beide wagten es nicht, in diesem Zimmer des Todes zu sprechen. Valentine wies nur mit einer erhabenen Gebärde auf das Sterbebett. Dann aber konnte sie sich doch nicht enthalten, mit leiser Stimme zu fragen: »Wie bist du hierhergekommen?«

»Valentine,« erwiderte Morrel mit zitternder Stimme und die Hände faltend, »ich wartete seit halb neun Uhr auf dich – du kamst und kamst nicht. Schließlich trieb mich die Unruhe, ich sprang über die Mauer, drang in den Garten, hörte Stimmen, die von dem Vorgefallenen sprachen...«

»Was für Stimmen?« fragte Valentine.

Morrel bebte, denn die Unterredung des Doktors mit Herrn von Villefort kam ihm jetzt erst recht zum Bewußtsein, und er wähnte, durch das Leichentuch die gekrampften Arme, den starren Hals, die blauen Lippen zu sehen.

»Es werden eure Bedienten gewesen sein; durch sie hörte ich von allem.«

»Doch hierherkommen heißt, uns zugrunde zu richten, mein Freund?« sagte Valentine ohne Schreck und ohne Zorn.

»Verzeihe mir,« sagte Morrel in demselben Tone, »ich will gleich wieder gehen.«

»Nein, bleib, man würde dir begegnen.«

»Doch wenn man käme?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte:

»Sei unbekümmert, es wird niemand kommen; hier ist unsere Schutzwache.«

Sie zeigte auf den verhüllten Leichnam.

»Aber ich bitte dich nun, sag', was ist mit Herrn d'Epinay geschehen?« fragte Morrel.

»In dem Augenblick, da er kam, hauchte meine Großmutter ihren letzten Seufzer aus«, erwiderte Valentine still.

»Oh!« rief Morrel mit einem Gefühl selbstsüchtiger Freude, denn er dachte, dieser Todesfall werde Valentinens Heirat auf unbestimmte Zeit verzögern.

»Was jedoch meinen Schmerz verdoppelt,« fuhr das Mädchen fort, als sollte jene Selbstsucht augenblicklich ihre Strafe erhalten, »ist der Umstand, daß meine liebe arme Großmutter noch im Sterben die schnellste Vollziehung dieser Heirat anbefohlen hat; oh, mein Gott, sie tat es in der Meinung, mich zu beschützen.«

»Gib acht!« sagte Morrel.

Die jungen Leute schwiegen.

Man hörte, wie eine Tür aufging und wie der Parkettfußboden des Korridors und die Stufen der Treppe knarrten.

»Das ist mein Vater, der aus seinem Kabinett geht«, sagte Valentine.

»Und den Doktor zurückbegleitet«, fügte Morrel bei.

»Wie weißt du, daß es der Doktor ist?« fragte Valentine erstaunt.

»Ich vermute es«, entgegnete Morrel.

Valentine blickte den jungen Mann an.

Nun hörte man die Haustür zuschließen. Herr von Villefort drehte auch den Schlüssel an der Gartenpforte um und stieg wieder die Treppe hinauf.

Im Vorgemach hielt er einen Augenblick an, als ob er unentschlossen sei, in sein Zimmer oder in das der Frau von Saint-Méran zu gehen. Morrel verbarg sich hinter einem Türvorhang. Valentine rührte sich nicht; man könnte sagen, daß sie der höchste Schmerz über die gewöhnliche Furcht erhob.

Herr von Villefort ging in sein Zimmer.

»Nun kannst du weder durch die Gartenpforte noch durch die Haustür hinausgelangen«, sagte Valentine.

Morrel starrte das Mädchen betroffen an.

»Jetzt gibt es nur noch einen erlaubten und sicheren Ausgang: durch die Wohnung meines Großvaters.«

Sie stand auf und sagte:

»Komm.«

»Wohin?« fragte Morrel.

»Zu meinem Großvater.«

»Ich, zu Herrn Noirtier!«

»Ja!«

»Kann ich das denn wagen, Valentine?!«

»Ich bedenke das schon lange. Ich habe keinen Freund mehr in der Welt als ihn, und wir brauchen ihn beide. Komm.« Valentine ging durch den Korridor und stieg über eine kleine Treppe, die zu Noirtier führte. Morrel folgte ihr auf den Fußspitzen nach. Vor der Wohnung trafen sie den alten Diener.

»Barrois,« sagte Valentine, »schließet die Tür und lasset niemanden ein.«

Sie ging voran.

Noirtier, der noch in seinem Lehnstuhle saß, auf das mindeste Geräusch horchte und durch seinen Diener von allem, was vorging, unterrichtet war, richtete seine durchdringenden Blicke nach dem Eingange des Zimmers; als er Valentine sah, strahlte sein Auge.

Im Gang und der Haltung des Mädchens lag etwas Ernstes, Feierliches, das dem Greise auffiel.

»Lieber Vater,« sprach Valentine mit gepreßter Stimme, »du weißt, daß Frau von Saint-Méran vor einer Stunde entschlafen ist und daß ich jetzt außer dir niemand mehr habe, der mich liebt.«

Ein Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit leuchtete in den Augen des Greises.

»Also zu dir allein darf ich mit meinem Kummer und mit meinen Hoffnungen kommen?«

Der Gelähmte machte ein bejahendes Zeichen.

Valentine faßte Maximilian bei der Hand und sagte:

»Sieh diesen Mann, lieber Großvater.«

Der Greis richtete etwas betroffen seinen prüfenden Blick auf Morrel.

»Es ist Maximilian Morrel, der Sohn des Kaufmanns Morrel in Marseille, von dem du sicher gehört hast.«

»Ja«, winkte der Greis.

»Ein tadelloser Name, den Maximilian in Ehren halten wird; denn mit dreißig Jahren ist er bereits Spahis-Kapitän und Offizier der Ehrenlegion.«

Der Greis bedeutete, daß er sich daran erinnere.

»Nun wohl, guter Vater,« sagte Valentine, indem sie vor dem Greise niederkniete und auf Morrel zeigte, »ich liebe Maximilian, und nur ihm allein will ich angehören; wenn man mich aber nötigen sollte, einen anderen zu heiraten, dann würde ich sterben.«

Aus den Augen des Gelähmten leuchtete eine ganze Welt von stürmischen Gedanken.

»Nicht wahr, Großvater, du wirst Maximilian deine Liebe schenken und ihn als Sohn willkommen heißen?« fragte das Mädchen.

»Ja«, winkte der regungslose Greis.

»Und du willst uns, da wir deine Kinder sind, gegen den Willen des Vaters in Schutz nehmen?«

Noirtier richtete einen prüfenden Blick auf Morrel, als wollte er sagen:

»Je nach Umständen.«

Maximilian verstand ihn und sagte:

»Mein Fräulein, wollen Sie mir einen Augenblick die Ehre überlassen, mit Herrn Noirtier zu sprechen?«

»Ja, ja?« bedeutete ihm das Auge des Greises.

Dann warf er einen unruhigen Blick auf Valentine.

»Du willst sagen, guter Vater, wie er dich verstehen wird?«

»Ja.«

»Oh, sei unbekümmert, wir haben so oft von dir gesprochen, daß er recht gut weiß, wie ich mit dir rede.«

Dann wandte sie sich mit einem trüb-holdseligen Lächeln zu Morrel und sagte:

»Er weiß alles, was ich weiß.«

Valentine stand auf, rückte für Morrel einen Stuhl herbei, gebot Barrois, niemand eintreten zu lassen, umarmte zärtlich ihren Großvater, sagte Maximilian still Lebewohl und ging fort.

Morrel nahm nun, um Noirtier zu beweisen, daß er Valentinens Vertrauen besaß und alle ihre Geheimnisse kannte, das Wörterbuch, Feder und Papier und legte alles auf den Tisch, auf dem eine Lampe brannte.

»Erlauben Sie mir zuvörderst,« sagte Morrel, »daß ich Ihnen mitteile, mein Herr, wer ich bin, daß ich Fräulein Valentine innig liebe, und was in bezug darauf meine Absichten sind.«

»Ich höre«, bedeutete Noirtier.

Mit tiefer Rührung sah Morrel auf den greisen Mann, der, scheinbar so überflüssig in der Welt, der einzige Beschützer, die einzige Stütze und der einzige Richter der beiden Liebenden war, die jung, schön und tatkräftig dem Leben gegenüberstanden.

Morrel begann mit seinen Ausführungen.

Er gestand, wie er Valentine kennen und lieben gelernt, und wie sie in ihrer traurigen Lage sein Anerbieten aufgenommen habe. Er sprach von seiner Abkunft, seiner Stellung, seinem Vermögen, und wenn er den Blick des Gelähmten befragte, so antwortete ihm dieser öfter als einmal:

»Es ist gut, fahren Sie nur fort.«

Nun begann Morrel von seinen Plänen zu sprechen. Er erzählte Noirtier alles: wie ein Wagen im Gehege warte, wie er Valentine entführen, zu seiner Schwester bringen und sie heiraten wolle in der ehrfurchtsvollen Erwartung, von Herrn von Villefort Vergebung zu erlangen.

»Nein«, bedeutete ihm Noirtier.

»Nein?« erwiderte Morrel. »Sollen wir nicht so handeln?«

»Nein!«

»Dieser Plan hat nicht Ihre Einwilligung?«

»Nein!«

»Nun gut,« sagte Morrel, »es gibt wohl auch noch andere Wege.«

Der forschende Blick des Greises fragte: »Wie denken Sie sich diese?«

»Ich will zu Franz d'Epinay gehen,« fuhr Maximilian fort; »ich bin glücklich, Ihnen das sagen zu können, wo Valentine nicht anwesend ist, und ich werde mich so gegen ihn betragen, daß er genötigt ist, als ein Mann von Mut und Ehre zu handeln. Ist er ein feinfühlender Mensch, dann wird er der Hand seiner Verlobten entsagen, und ich widme ihm von dieser Stunde an meine Freundschaft und Ergebenheit; weigert er sich, sei nun Eigennutz oder lächerlicher Stolz der Beweggrund, so will ich ihm beweisen, daß er Valentine Zwang antäte, daß sie mich liebt und keinen anderen lieben könnte. Gern will ich ihm alle möglichen Vorteile einräumen und mich mit ihm schlagen, dann werde ich ihn oder er mich töten. Sollte ich ihn töten, so kann er Valentine nicht heiraten, tötet er mich, so bin ich versichert, daß ihn Valentine nicht heiraten wird.«

Noirtier betrachtete mit unbeschreiblicher Wonne das edle und offene Antlitz, auf dem sich alle Regungen eines vornehmen männlichen Charakters so deutlich widerspiegelten. Als Morrel zu sprechen aufgehört hatte, schloß Noirtier mehrmals die Augen, womit er, wie man weiß, »nein« sagen wollte.

»Nein?« fragte Morrel. »Sie verwerfen also den zweiten Entschluß ebenso wie den ersten?«

»Ja, ich verwerfe ihn«, bedeutete ihm der Greis.

»Was soll ich also tun, mein Herr?« fragte Morrel. »Soll ich die Sache ihren Gang gehen lassen?«

Noirtier blieb unbeweglich.

»Ja, ich verstehe,« sprach Morrel, »ich soll warten.«

»Ja!«

»Doch jeder Aufschub bringt uns Verderben«, bemerkte der junge Mann. »Für sich allein ist Valentine ohne Kraft, und man wird sie nötigen wie ein Kind. Ich kam auf wundersame Weise hierher, um zu wissen, was hier vorgeht, und wurde auf wundersame Art zu Ihnen gelassen; allein ich kann vernünftigerweise nicht hoffen, daß sich diese Glücksfälle wiederholen sollten. Woher soll uns also Hilfe kommen? Vom Himmel?«

Der Greis lächelte mit den Augen, wie er zu tun pflegte, wenn man vom Himmel sprach. Es blieb noch immer ein bißchen Atheismus im Kopfe des alten Jakobiners zurück. »Nein!« antwortete er.

»Von Ihnen?«

»Ja!«

»Von Ihnen?«

»Ja«, wiederholte der Greis.

»Sie begreifen doch ganz, mein Herr, was ich Sie frage? Entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, denn mein Leben hängt von Ihrer Antwort ab. Wird unser Heil von Ihnen kommen?«

»Ja.«

»Sind Sie dessen ganz gewiß?«

»Ja.«

»Sie bürgen dafür?«

»Ja!«

In dem Blick, der diese Versicherung gab, lag eine solche Festigkeit, daß man, wenn auch an der Macht, doch nicht am Willen zweifeln konnte.

»Oh, Dank, mein Herr! Hundertfachen Dank! Da Sie aber stumm und regungslos an diesen Stuhl gekettet sind, wie können Sie sich dieser Heirat widersetzen, wenn Ihnen nicht der Herr durch ein Wunder die Sprache, die Gebärde und Bewegung zurückgibt?«

Ein Lächeln verklärte das Antlitz des Greises, ein seltsames Lächeln der Augen auf dem unbeweglichen Angesichte.

»Ich soll also warten?« fragte der junge Mann.

»Ja.«

»Und die beabsichtigte Eheschließung?«

Es zeigte sich dasselbe Lächeln.

»Sie wollen mir sagen, daß sie nicht zustande kommt?«

»Ja«, sagte Noirtier.

»Der Heiratsvertrag wird also nicht unterschrieben werden?« rief Morrel. »Oh, vergeben Sie mir, mein Herr, bei der Ankündigung eines großen Glückes ist es erlaubt, zu zweifeln; der Vertrag wird nicht unterschrieben?«

»Nein«, winkte der Gelähmte.

Ungeachtet dieser Zusicherung war Morrel doch noch nicht völlig überzeugt. Dies Versprechen eines ohnmächtigen Greises war so seltsam, daß es keine besondere Willenskraft, sondern ebensogut Schwäche bedeuten konnte, eine Schwäche, die sich selbst nicht mehr einzuschätzen weiß.

Ob nun Noirtier die Unentschlossenheit des jungen Mannes erriet, ob er der Willfährigkeit, die er gezeigt, keinen vollen Glauben schenkte, er heftete seinen Blick starr auf ihn.

»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte Morrel. »Soll ich Ihnen mein Versprechen wiederholen, daß ich nichts unternehmen werde?«

Der Blick Noirtiers blieb fest und starr, als ob er sagen wollte, ein Versprechen sei nicht hinreichend; dann ging er vom Gesicht auf die Hand über.

»Wollen Sie, mein Herr, daß ich schwöre?« fragte Maximilian.

»Ja,« winkte der Gelähmte mit derselben Feierlichkeit, »ich will es.«

Morrel sah ein, der Greis lege ein großes Gewicht auf diesen Schwur. Er erhob die Hand und sprach: »Bei meiner Ehre schwöre ich Ihnen, abzuwarten, was Sie gegen Herrn d'Epinay zu tun beschlossen haben.«

»Gut«, sprachen die Augen des Greises.

»Nun, mein Herr,« fragte Morrel, »wollen Sie, daß ich mich entferne?«

»Ja.«

»Ohne Fräulein Valentine wiederzusehen?«

»Ja.«

Morrel gab das Zeichen, daß er zu gehorchen bereit sei.

»Gestatten Sie mir, sehr verehrter Herr,« fuhr Morrel fort, »daß Ihr Sohn Sie umarmt, wie es eben Ihre Tochter getan hat?«

Man konnte sich nicht irren an Noirtiers ausdrucksvollen Augen.

Der junge Mann preßte seine Lippen auf die Stirn des Greises, und zwar auf dieselbe Stelle, auf die Valentine die ihrigen gepreßt hatte. Dann verneigte er sich zum zweiten Male und ging fort.

Im Vorhause stand der alte Diener, der von Valentine schon unterrichtet war; er wartete auf Morrel und führte ihn sodann durch die Krümmungen eines düstern Korridors, der zu einer kleinen Tür nach dem Garten ging. Morrel gelangte von da zu dem Gitter, von der Hecke im Augenblick auf die Mauer und mittels seiner Leiter in einer Sekunde nach der Luzernepflanzung, wo ihn noch immer sein Wagen erwartete.

Er stieg ein und war wohl erschöpft durch so viele Gemütsbewegungen, doch kehrte er freieren Herzens gegen Mitternacht in die Rue Meslay zurück; er warf sich in sein Bett und schlief wie in tiefer Trunkenheit.


Vor dem Hause des Herrn von Villefort hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt; galt es doch, heut ein seltenes Schauspiel mit anzusehen: ein doppeltes Leichenbegängnis. Die zahlreichen Zuschauer wurden auch nicht um ihre Erwartung betrogen; das Begräbnis wurde mit all dem Pomp vollzogen, wie es der Würde der vornehmen Persönlichkeiten entsprach, die Herr und Frau von Saint-Méran gewesen.

Unter all den Leidtragenden war aber wohl niemand, der so aufrichtige Trauer trug wie die arme Valentine, die nicht nur den Verlust der liebenden Großeltern zu beklagen hatte, sondern sich in zwiefacher Not befand, da der Gedanke an eine etwaige Vermählung mit Franz von Epinay immer von neuem gleich einem Schreckgespenst vor ihr auftauchte.

Der feinfühlige Franz sah den Schmerz des jungen Mädchens mit scheuer Ehrfurcht an.

Valentine hatte sich nicht geirrt. Kaum vom Begräbnis heimgekehrt, forderte Herr von Villefort seine Tochter auf, den Willen der Verstorbenen zu ehren und sich zur bürgerlichen Trauung sofort in den Salon zu begeben.

Valentine vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Angstvoll irrten ihre Blicke durch den Saal, ob denn nirgends Hilfe nahe.

Da tat sich plötzlich die Tür auf, und Herr Noirtier wurde in seinem Rollstuhl hereingefahren. Seine klugen, ausdrucksvollen Augen blickten prüfend über die Versammelten hin und blieben an der hübschen, schlanken Erscheinung Franz von Epinays haften. Barrois, der alte Diener Noirtiers, aber überreichte dem jungen Manne ein Schriftstück. Dieser nahm es voller Staunen, las es - und taumelte dann zurück: »Wie! Sie, Herr von Noirtier, haben damals am 5. Februar 1815 meinen Vater im Duell getötet, als er den bonapartistischen Klub verließ? – Und Sie, Herr von Villefort, wollten mir Ihre Tochter... O Gott!« Franz griff sich verzweifelt an die Stirn, Herr von Villefort aber stürzte aus dem Saal mit einem Fluch im Herzen, der dem Funken Leben in dem gelähmten Körper galt, der dort im Rollstuhl saß.

Es war eine Verwirrung sondergleichen. Valentine benutzte die Gelegenheit, um heimlich in die verborgene Gartenecke zu flüchten, wo Maximilian Morrel ihrer harrte. Vorsichtig geleitete sie ihn in die Wohnung des Großvaters, wo die beiden Liebenden unter heißen Tränen dem Greise dankten, daß er sie so machtvoll in seinen Schutz genommen.

Gleich nach diesem Besuch hatte Herr von Noirtier noch einen anderen empfangen: Frau von Villefort war's, die da kam, um den alten Herrn in selbstlosester Weise zu bitten, seine Enkelin nun, wo sich die Heirat mit Franz von Epinay zerschlagen, wieder zu seiner Universalerbin einzusetzen.

Finster blickte der Greis auf die Schwiegertochter, als sähe er ihre Beweggründe nicht ganz klar; dann aber winkte er mit den Augen ein Ja.


Auf dem Hause des königlichen Prokurators lastete sichtlich ein Fluch: Der Tod ging weiter darin um. Kaum, daß er eben zwei Opfer gefordert, ging ein drittes dahin. Diesmal war's Barrois, der alte, treue Diener des Herrn von Noirtier.

Bleich und zitternd wie ein Gerichteter stand Villefort dem Arzte gegenüber.

»Oh, das Unglück verfolgt mich!« stöhnte er laut.

»Sagen Sie lieber das Verbrechen«, bemerkte schneidend der Arzt. »Zuerst waren Herr und Frau von Saint-Mèran zu beerben... dann Herr Noirtier...«

»Herr Noirtier...?« fragte entsetzt der Proturator.

»Nun - glauben Sie etwa, das Gift wäre für den armen Barrois bestimmt gewesen? O nein! Ein Zufall fügte es, daß dies Glas Limonade in die Hände des Dieners fiel. Wer aber hat ein Interesse an den Erbschaften hier? Herr königlicher Prokurator, ich frage Sie?«

»Doktor, um Gottes willen, Sie werden doch nicht meine Tochter Valentine beschuldigen!«

»Ich beschuldige niemanden. Den Schuldigen zu suchen, ist Ihr Amt, mein Herr.«

»Ich werde suchen... ich werde suchen... Gott sei mein Zeuge! Doch bitte ich Sie, um unserer Freundschaft willen, Doktor, schweigen Sie.«

Der Doktor rang mit einem Entschluß, dann sagte er: »Gut, ich werde warten. Doch eins, Herr von Villefort: falls von neuem jemand in Ihrem Hause erkranken sollte - ganz gleich, ob Sie oder ein anderer - lassen Sie mich nicht mehr rufen, denn ich möchte mich nicht zum Mitschuldigen machen.«

Damit verneigte sich der Arzt und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

Scheu und verstört sah die Dienerschaft dem Davongehenden nach; dann kam einer nach dem anderen zu Frau von Villefort und bat um seine Entlassung. Kein Zureden half, sie gingen alle. Unter heißem Bedauern nahmen sie Abschied von der immer gütigen Valentine. Diese weinte bitterlich. Villefort, gerührt von dem Anblick, sah zu seiner Gattin hinüber; da dünkte es ihn, als husche ein finsteres Lächeln über ihre schmalen Lippen.


Die Beziehungen der beiden Cavalcantis zu dem Hause Danglars wurden immer freundschaftlicher. Der alte Major reiste indes wieder nach Italien zurück, während Andrea sich mehr und mehr der Familie des Bankiers zugehörig fühlte.

So erschien er denn eines Tages geschniegelt und gebügelt feierlichst vor dem alten Danglars und hielt um die Hand seiner Tochter an.

Der Bankier hatte dies alles wohl kommen sehen und ließ sich nun der Form halber nochmals von Andrea dessen Verhältnisse klarlegen.

»Mein Vater zahlt mir«, begann der junge Mann, »vom Tage meiner Vermählung ab eine jährliche Leibrente von Hundertfünfzigtausend Lire. Es wäre aber leicht möglich, daß er mir das ganze Kapital auf einmal herausgibt. In den Händen meines geehrten Schwiegervaters würde es sicher gute Zinsen bringen.«

Danglars vermochte seinen Jubel kaum zu unterdrücken. Nachdem sie beide noch miteinander wie zwei gerissene Geschäftsleute verhandelt, drückten die Biedermänner einander die Hand und waren einig.

»So - die Sache mit meinem lieben Schwiegervater wäre nun erledigt; jetzt aber wende ich mich an den Bankier«, sagte Andrea mit süßestem Lächeln.

»Der Bankier steht zu Diensten«, erwiderte Danglars ebenso. Darauf legte Andrea eine eigenhändig vom Grafen Monte Christo unterzeichnete Anweisung von zwanzigtausend Franken vor.

»Ist es Ihnen recht so?«

»Oh,« rief der Bankier, »bringen Sie mir eine Million Anweisungen wie diese; ich akzeptiere sie.«

Als Andrea das Geld in der Tasche hatte, machte er sich auf, Caderousse zu besuchen, der ihm ein geheimes Briefchen gesandt hatte. Die Kameradschaft mit Caderousse war ihm eine große Sorge; trotzdem konnte er es doch nicht unterlassen, bei ihrer Zusammenkunft mit seiner demnächstigen Verlobung zu prahlen und sich der Gunst des allmächtigen Grafen zu rühmen.

Caderousse fing Feuer, als er hörte, in Monte Christos Palast liege das Geld umher wie Fallobst in einem Garten. Andrea lächelte seltsam, als er das bemerkte, und beschrieb Caderousse auf dessen Wunsch ganz genau die Räumlichkeiten des Palastes, stellte sogar eine Zeichnung her, die er ihm willig überließ. Schließlich ging er mit gründlich geleerten Taschen seufzend davon.

Am nächsten Abend war Monte Christo für einige Tage nach Auteuil gefahren. Da wurde ihm ein Brief überreicht: eilig und dringend. Der Graf las:

»Heute nacht gegen zwölf Uhr wird ein Mann in Ihre Pariser Wohnung einsteigen, um Ihren Geldschrank auszuleeren.

Ein guter Freund.«

Monte Christo lächelte, soupierte ruhig weiter und verließ dann unbemerkt, nur von Ali begleitet, sein Landhaus und kam ebenso unbemerkt durch eine Geheimtür in seinem Stadtpalaste an.

Der Geldschrank befand sich im Ankleidezimmer, das neben dem Schlafzimmer Monte Christos lag. Der Graf schloß den Schrank doppelt ab, ging mit Ali ins dunkle Schlafzimmer, legte Pistolen zurecht und wartete.

Es schlug dreiviertel auf zwölf, als man ein Geräusch vernahm. Eine Fensterscheibe wurde vermittels Pechpflaster eingedrückt, und jemand stieg ins Zimmer. Der Dieb tastete sich vorsichtig bis zum Geldschrank hin, was der Graf durch ein kleines Guckfenster in der Tür genau beobachten konnte. Da legte Ali ihm die Hand auf den Arm und wies auf die Straße hinab. Dort sahen sie einen zweiten stehen, der die Vorgänge im Palast zu verfolgen schien. »So ist's recht«, dachte Monte Christo. Dann aber entfuhr ihm beinahe ein Schrei; der Dieb hatte eine Blendlaterne entzündet, daß man sein Gesicht sehen konnte.

Mit unglaublicher Geschwindigkeit warf der Graf seinen Rock ab und hüllte sich in einen langen Priestermantel. Seine vollen, schwarzen Haare versteckte er unter einer Perücke mit Tonsur, setzte sich einen dreieckigen Hut auf und öffnete die Tür.

»Ei, guten Abend, mein lieber Caderousse, was tun Sie denn hier?«

»Der Abbé Busoni!« lallte Caderousse und taumelte zurück. Dann aber zog er ein langes Messer hervor und stieß es gegen die Brust des Priesters. Das Messer jedoch prallte glatt ab; dagegen packte der Abbé den Arm des Banditen mit solcher Kraft, drehte und renkte ihn, daß der Mann aufheulend vor Schmerz zu Boden fiel. Der Graf stemmte den Fuß auf den Kopf des Verbrechers: »Ich müßte dir das Gehirn zertreten, nichtswürdiger Lump du!«

»Gnade, Gnade!« winselte Caderousse.

»Steh auf!« befahl Monte Christo, »Hier, nimm Tinte und Feder und schreibe, was ich dir diktieren werde.«

Caderousse folgte wie ein Hund und schrieb:

»Mein Herr! Der junge Mann, den Sie Ihrer Tochter zum Gatten bestimmen, ist ein Galeerensträfling, mit mir zugleich dem Bagno von Toulon entsprungen. Er war die Nummer 59, ich 58. Caderousse.«

»Nun noch die Adresse: Baron Danglars, Chaussée d'Antin.«

Caderousse tat, wie ihm geheißen, doch zitterte er an allen Gliedern.

»Jetzt mach', daß du fortkommst!« Der Graf wies auf das Fenster und blickte dem Zurückweichenden nach, bis er hinter der Mauer des Gartens wieder verschwunden war. Da klangen jammervolle Hilferufe an sein Ohr, Monte Christo eilte mit Ali hinab.

Da fanden sie Caderousse, aus tiefen Wunden blutend, an der Mauer liegen. Der Graf richtete den Sterbenden hoch. Der röchelte und stieß mühsam die Worte hervor: »Herr Abbé, ich sterbe, ermordet von dem Korsen Benedetto, meinem Kettengenossen in Toulon, Nr. 59.«

Kaum hatte er das gesagt, so fiel sein Kopf hintenüber: er war tot.

»Das ist der erste«, murmelte der Graf vor sich hin.

»Gottes Rache läßt lange auf sich warten, dann steigt sie um so furchtbarer vom Himmel hernieder.«


Vierzehn Tage hindurch war in Paris von nichts die Rede als von diesem Einbruch beim Grafen. Die Polizei wurde aufgefordert, dem Mörder auf allen Wegen nachzuspüren. Der Graf versicherte jedem, dieser Vorfall habe sich ereignet, während er in Auteuil weilte; folglich wisse er davon nur so viel, als ihm der Abbé Busoni berichtet habe, der an diesem Abend zufällig in seinem Hause war.

So vergingen Wochen, ohne daß irgendeine Aufklärung in dieser Sache erfolgte, und das Pariser Publikum wandte sich anderen Interessen zu. Da war die bevorstehende Vermählung des Grafen Cavalcanti mit Fräulein Danglars, die viel besprochen wurde. Der liebe Schwiegervater sei ganz vernarrt in den schönen Andrea, hieß es.

Dann aber kam wieder etwas anderes, das die Gemüter der sensationslüsternen Pariser erregte.

Eines Tages brachte das Morgenblatt eine Notiz folgenden Inhalts:

»Man meldet uns aus Janina: Eine bisher unbekannte Tatsache ist zu unserer Kenntnis gelangt. Die Burgen von Janina, von denen aus die Stadt verteidigt wurde, hat ein französischer Offizier, namens Fernand Mondego, auf den der Wesir Ali-Tebelen volles Vertrauen setzte, an die Türken verraten. Dieser Fernand Mondego nennt sich jetzt Graf von Morcerf und ist Mitglied der Pairskammer.«

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Herr von Morcerf aber, außer sich über derart gehässige Verleumdungen, verlangte, daß eine Extrasitzung anberaumt werde, um ihm zu ermöglichen, sich durch klare Beweisführung von jeder Verdächtigung zu befreien.

Die Pairs waren damit einverstanden, und der Tag rückte heran.

Der Graf begann seine Verteidigungsrede, und alles lauschte ihm gespannt und teilnahmsvoll. Er zog Papiere hervor, die den Beweis lieferten, daß ihn der Wesir von Janina mit seinem ganzen Zutrauen beehrt hatte, denn er beauftragte ihn mit einer Unterhandlung beim Kaiser. Er zeigte auch den Ring, mit dem Ali seine Briefschaften zu siegeln pflegte und der ihm bei seiner Rückkehr zu jeder Stunde Zutritt bei dem Wesir verschaffte. Leider scheiterten die Unterhandlungen, und als er zurückkehrte, um seinen Wohltäter zu schirmen, war er dem Tode verfallen. Aber sterbend noch habe ihm Ali Pascha – so groß sei sein Vertrauen gewesen – seine Lieblingsgattin und die Tochter anvertraut.

In diesem Augenblick wurde dem Präsidenten ein Schreiben überreicht. Er las und stutzte; dann wandte er sich Morcerf zu:

»Sie sagten eben, Graf, daß Ihnen der Wesir von Janina seine Frau und Tochter anvertraut habe?«

»Ja, mein Herr!« entgegnete Morcerf.

»Wohlan,« sagte der Präsident, »Ali-Tebelens Tochter steht draußen und bittet, selber ihre Aussagen machen zu dürfen.«

Eine Aufregung sondergleichen bemächtigte sich der Versammlung. Der Präsident rief: »Führen Sie die Dame herein!«

Aller Blicke wandten sich der Tür zu. Eine tief verschleierte, schwarz gekleidete Frau trat in den Saal, von einem Diener gefolgt. Der Präsident ersuchte sie, den Schleier zu lüften, und man sah ein junges, wunderschönes Weib – Haydee, die Griechin des Grafen von Monte Christo.

Das Staunen nahm kein Ende. Graf Morcerf aber war, wie vom Schlage gerührt, halb ohnmächtig in seinen Sessel gesunken.

»Meine Gnädigste,« sagte der Präsident, »Sie sind gewillt, uns Auskunft über die damaligen Vorgänge in Janina zu geben? Können Sie das?«

»Wohl vermag ich es«, sprach Haydee bescheiden, mit traurig klingender Stimme. »Zwar war ich damals erst vier Jahre alt; doch die Furchtbarkeit jenes Ereignisses hat jede Einzelheit mit Blut in mein Gedächtnis geschrieben.«

»Madame,« sagte der Präsident, sich tief verneigend, »wir zweifeln nicht daran, Ali Tebelens erhabene Tochter vor uns zu sehen, doch vermögen Sie es zu beweisen?«

Da zog Haydee mit einer vornehm stolzen Bewegung eine Rolle hervor, die sie dem Präsidenten reichte, »hier meine Geburtsurkunde, von meinem Vater aufgesetzt und unterzeichnet von seinen höchsten Offizieren. Dann mein Taufschein – ich bin Christin, denn ich wurde im Glauben meiner Mutter erzogen –, und schließlich hier ein Dokument, das wohl von besonderer Bedeutung ist.«

Bleich vor höchster Erregung rollte sie ein Schriftstück auseinander, das ein herbeigerufener Dolmetsch zu übersetzen begann:

»Ich, El-Kobbir, Händler von Sklavinnen und Versorger des Harems Seiner Hoheit, erkläre hiermit, daß ich zur Übergabe an den erhabenen Kaiser von dem fränkischen Grafen von Monte Christo einen Smaragd im Werte von zweitausend Beuteln als Kaufpreis für eine christliche Sklavin, namens Haydee, anerkannte Tochter des verstorbenen Ali Tebelen, Pascha von Janina, erhalten habe; diese ist vor sieben Jahren mit ihrer bei der Ankunft in Konstantinopel verstorbenen Mutter durch einen fränkischen Obersten im Dienste des Wesirs Ali Tebelen, namens Fernand Mondego, an mich verkauft worden.

Der besorgte Verkauf geschah für Rechnung Seiner Hoheit und in dessen Auftrag gegen die Summe von eintausend Beuteln.

Geschehen in Konstantinopel mit der Autorisation Seiner Hoheit im Jahre der Hegyra 1247.

Unterfertigt: El-Kobbir.

Um gegenwärtiger Urkunde Glaubhaftigkeit zu verleihen, versieht es der Verkäufer mit dem kaiserlichen Insiegel.«

Nach diesem Vorlesen trat ein schauerliches Stillschweigen ein; der Graf saß regungslos mit starrem Blick, und dieser Blick, der sich auf Haydee heftete, war wie in Flamme und Blut getaucht.

»Madame,« sprach der Präsident, »könnte man den Grafen von Monte Christo nicht auch in dieser Sache befragen?«

»Der Graf von Monte Christo, mein zweiter Vater, befindet sich seit drei Tagen in der Normandie.«

»Wer aber riet Ihnen zu diesem Schritte?«

»Wer, mein Herr? Nun – die Verehrung für den geliebten Vater, der Wunsch, den an ihm begangenen Verrat zu rächen! Wenn mein Leben auch still und zurückgezogen verläuft, so sorgt mein edler Beschützer doch dafür, daß ich von allem, was vorgeht, unterrichtet bin. So las ich von dieser Sache in den Blättern und eilte her.«

»Und Sie erkennen in diesem Manne hier den Offizier Fernand Mondego?«

»Ob ich ihn erkenne!« rief Haydee. »Oh, meine Mutter! Du hast zu mir gesagt: ›Sieh dir diesen Menschen genau an: er hat dich zur Sklavin gemacht, er hat den Kopf deines Vaters auf einer Lanze herumgetragen, er hat uns verkauft und ausgeliefert! Betrachte seine rechte Hand, sie hat eine Narbe; wenn du auch sein Antlitz vergäßest, so müßtest du ihn doch wiedererkennen an dieser Hand, in die der Händler El-Kobbir ein Goldstück nach dem andern fallen ließ‹ O Mörder! Mörder!«

Wie Keulenschläge fielen diese Worte auf Morcerfs Haupt, und bei den letzten suchte er rasch die Hand zu verstecken, die durch eine Verwundung verstümmelt war.

»Graf Morcerf, was haben Sie auf all diese Anklagen zu erwidern?« fragte der Präsident.

Morcerf rang nach Atem, dann sagte er dumpf: »Nichts!« Plötzlich sprang er auf, griff an den Kragen seines Rockes, als müsse er ersticken, und rannte wie ein Wahnsinniger aus dem Saal.


Als Albert von all diesen Dingen erfuhr, schrie er laut auf, wie ein verwundetes Tier, und verfiel beinahe in eine Art von Raserei. Sein grundehrliches, vornehmes Empfinden vermochte all das Gehörte nicht zu fassen, nicht zu erklären. Eins aber stand fest bei ihm: er mußte eilen, um den, der all das Unheil heraufbeschworen, zur Rechenschaft zu ziehen. Wer anders konnte dies sein, als er – der Graf von Monte Christo.

Es kam zu einem furchtbaren Auftritt zwischen den beiden, dessen Folge eine Herausforderung zum Duell war.

Übrigens rührte die Zeitungsnotiz nicht direkt von Monte Christo her, sondern von Danglars, der, allerdings auf eine Anspielung des Grafen hin, nach Janina schrieb, um über den Vermögensursprung der Familie seines in Aussicht genommenen Schwiegersohnes genauen Aufschluß zu erhalten.

Der Graf saß zu Hause an seinem Schreibtisch und hatte seinen kostbaren Pistolenkasten vor sich stehen. Da trat der Diener zu ihm herein und meldete, daß eine Dame ihn zu sprechen wünsche. Kaum aber hatte er das gesagt, als die Dame bereits das Zimmer betrat. Baptistin entfernte sich. Monte Christo blickte staunend auf; da schlug die Frau den Schleier zurück und kam mit gefalteten Händen auf ihn zu.

»Edmond! Töten Sie nicht meinen Sohn; Mercedes selbst kommt, um Ihr Erbarmen zu erflehen.«

Der Graf taumelte zurück, dann faßte er sich.

»Für mich gibt es keine Mercedes mehr, Madame.«

»Ach, Edmond! Edmond! Wollen Sie mich armes Weib das furchtbare Verhängnis entgelten lassen, das über uns gewaltet hat?«

»Weshalb kam es zu diesem Verhängnis?«

»Das weiß ich nicht, Edmond; ich weiß nur, daß ich Sie immer geliebt und als tot betrauert habe.«

»Sie wissen das nicht? Nun – ich will's hoffen. Doch lassen Sie's mich Ihnen sagen.«

Er holte aus dem Schreibtisch ein vergilbtes Papier hervor und legte es vor Mercedes hin. Es war dies die Denunziation, die er dem Gefängnisdirektor Boville einstmals entwendet hatte. Mercedes las voll tiefer Ergriffenheit.

»Und dieses Schriftstück hatte der liebe Freund Danglars am Vorabend meiner Hochzeit aufgesetzt, und sein Kumpan Fernand Mondego bemüßigte sich, es eigenhändig zur Post zu tragen.«

Mercedes stieß einen Wehlaut aus. Sie schwankte und fiel in die Knie.

»O mein Gott, mein Gott!« wimmerte sie leise, den Kopf fast bis zur Erde geneigt.

Der Graf hob die Unglückliche auf und führte sie zu einem Sessel. Mercedes versuchte es, sich gleich wieder zu erheben.

»Dann habe ich hier nichts mehr zu erbitten noch zu erhoffen, Edmond.«

Monte Christo drückte sie sanft zurück. Er sprach zu ihr von allem, was geschehen. – »Vierzehn Jahre habe ich im Kerker geschmachtet, schuldlos, schuldlos, Mercedes! Ich säße noch heute darin, hätte mich nicht ein Wunder gerettet. Wissen Sie, was das bedeutet?«

Mercedes weinte fassungslos.

»Ach, Edmond, Edmond! Auch ich habe gelitten über alles Maß. Liebte ich doch nur dich. Fernand stand mir bei in meiner Not, und froh, die Hand eines Freundes fassen zu können, ging ich mit ihm; ahnte ich doch nichts. Froh bin ich mein Lebtag nie mehr geworden, und nun – nun kommt noch der Einziggeliebte und will mir den Sohn erschlagen.«

Da sprach Monte Christo mit gedämpfter Stimme:

»Sei getrost, Mercedes; dein Sohn wird leben.«

Mercedes griff nach der Hand des Grafen und zog sie schluchzend an ihre Lippen.

»Hab' Dank, Edmond! Hab' Dank! Ich kann dir nichts anderes mehr sagen. Dank auch dem gütigen Gott, der mir vergönnte, dich noch einmal wiederzusehen – und dich so zu sehen, wie ich dein Bild immer im Herzen getragen, groß und gut, als Heiligtum meines Lebens. Gott segne dich.«

Damit stand sie auf und ging still von dannen. Der Graf hatte seine Augen mit der Hand bedeckt, denn er weinte. »Ja,« seufzte er, »ja, Mercedes, dein Sohn wird leben; dafür steige ich wieder in die Grabesnacht zurück, diesmal für immer.«

Als sich aber am nächsten Morgen die Gegner und die Zeugen auf dem Kampfplatze versammelten, trat Albert ernst und mit Totenblässe im Gesicht vor den Grafen hin und sagte zu ihm wie zu den anderen:

»Meine Herren! Es ist von seiten meiner Familie dem Grafen von Monte Christo ein unerhörtes Unrecht zugefügt worden. Ich habe keine Ahnung von all diesen Vorfällen gehabt und gestern abend zum erstenmal davon gehört. Mich hat diese Kenntnisnahme bis ins Tiefste erschüttert, und so kann ich nur sagen, daß ich beschämt und aufrichtig bekümmert vor dem Grafen stehe, der alle Ursache hat, ein Todfeind unserer Familie zu sein und doch stets vornehm gehandelt hat. Es wird mir wohl schwer, dies alles zu bekennen, doch gibt es nach meinem Gefühl nur eine Rechtlichkeit in solcher Lage: seine Schuld offen einzugestehen.

Wenn der Graf nun nach allem Vorgefallenen mich noch für würdig erachtet, mir die Hand zu reichen, so will ich sie ihm gern zum Abschied drücken, auf daß wir, wenn auch nicht als Freunde – das läßt das Verhängnis leider nicht zu –, so doch als Männer scheiden, die gegenseitig Achtung voreinander haben.«

Der Graf hatte mit zunehmender Bewegung den mutigen Worten des jungen Mannes gelauscht. Nun ging er auf ihn zu und reichte ihm voller Wärme die Hand. Albert ergriff sie und preßte sie mit einer Innigkeit, die fast einem ehrfurchtsvollen Erschrecken gleichkam.

Dann grüßte er die anderen mit kurzem Dank für ihr Bemühen und jagte gleich darauf auf seinem Rappen davon. Alberts Sekundanten standen verblüfft. »Was hat sich in dieser Nacht denn nur zugetragen? Ich glaube, wir spielen hier eine recht klägliche Rolle.«

»Ja,« sagte der andere nachdenklich und klopfte mit der Reitpeitsche gegen seine Stulpstiefel, »entweder hat der gute Albert ganz erbärmlich gehandelt oder außerordentlich groß und schön.«


Kaum war Monte Christo wieder zu Hause angelangt und von Haydee mit zitternder Freude empfangen worden, als Baptistin den General von Morcerf meldete.

»Ah, Herr General! Was verschafft mir die Ehre?« begrüßte ihn Monte Christo kühl.

»Mein Herr!« schrie Morcerf bebend vor zorniger Erregung. »Sie haben sich heute morgen mit meinem Sohn schlagen wollen. Ich kenne Ihre Entschuldigungen nicht, die mein Sohn hat gelten lassen. Ich will sie auch nicht kennen, sondern ich fordere Sie noch einmal heraus für meine Person und dies auf der Stelle.«

»Halt, Herr General!« rief Monte Christo streng. »Ihr Sohn hat sich bei mir entschuldigt, weil er erkannte, daß ich im Recht war, und – mit wem er es zu tun hatte.«

»Mit wem er es zu tun hatte...« schrie der General außer sich. »Ha, Nichtswürdiger – mit wem? Mit wem? Wer bist du überhaupt, du goldbeschütteter Abenteurer, der sich mit sieben Namen deckt? Raus mit der Sprache, du Lump, du!« Mit einem Satz war der Graf neben ihm und packte den Wütenden bei der Schulter. Dann raunte er ihm mit heiserer Stimme zu:

»Von all meinen vielen Namen will ich dir nur einen nennen, der dich mit seinem Klang zerschmettern soll. Doch nicht wahr, du errätst ihn. Sieh mir ins Antlitz, Fernand Mondego, heut ist's vom Glück der Rache verjüngt. Hast du's nicht oft seit deiner Heirat mit Mercedes, meiner Braut, im wüsten Traum gesehen?«

Der General stieß einen herzzerreißenden Schrei aus:

»Edmond Dantes!«

Hierauf wankte er mit einem Stöhnen, das nichts Menschliches mehr an sich hatte, die Treppen hinab bis zu seinem Wagen.

»Nach Hause! Nach Hause!«

Oben in seinem Schlafgemach hörte er, wie ein Wagen auf den Hof fuhr. Der General blickte durch den Fenstervorhang. Mercedes und Albert bestiegen in Reisekleidung das einfache Gefährt. Ach, er wußte es, sie flohen vor dem Gatten, vor dem Vater, dessen Schuld sie nicht auf sich nehmen wollten. Und im selben Moment, als der Wagen sich in Bewegung setzte, erdröhnte ein Schuß. Das Fenster im Schlafgemach zersprang und eine feine Rauchwolke wirbelte durch sie ins Freie.


Eines Tages wurde stürmisch an der Hausglocke des Doktors d'Avrigny gerissen. Der Portier öffnete, und Herr von Villefort stürzte an ihm vorüber, ohne ein Wort zu sagen, direkt bis ins Zimmer des Arztes.

»Doktor, Doktor! Erbarmen Sie sich und kommen Sie sofort mit mir!«

»Ist schon wieder jemand bei Ihnen erkrankt?«

»Valentine – jetzt ist Valentine an der Reihe!«

»Ihre Tochter?« rief d'Avrigny entsetzt.

»Sie sehen, daß Sie geirrt haben,« stammelte der Beamte; »kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit.«

»So oft Sie mich riefen, war es schon zu spät,« sagte Herr d'Avrigny, »die Feinde, die in Ihrem Hause wüten, sind fürchterlich. Doch lassen Sie uns eilen.«

Die Mietkutsche, die Herrn von Villefort hergebracht, führte die beiden Männer mit Schnelligkeit wieder zum Unglückshause.

Zu gleicher Zeit jedoch, da Villefort bei Doktor d'Avrigny angeklingelt hatte, läutete Maximilian Morrel beim Grafen von Monte Christo Sturm.

Der Graf war zu Hause und empfing den jungen Mann. der bleich und verstört vor ihm stand, voller Staunen.

»O mein verehrter, lieber Freund, mein Vater, mein Beschützer,« sagte Morrel flehentlich und faßte des Grafen Hand, »Sie sagten einmal zu mir, wenn ich je des Beistandes oder der Hilfe bedürfte, sollte ich mich an Sie wenden.«

»Ich werde für Sie stets bereit sein, Maximilian, denn ich liebe Sie wie einen Sohn.«

»O Dank! Dank! Dann kommen Sie und hören Sie geschwind; ein junges Geschöpf, das ich von ganzem Herzen liebe, schwebt in größter Gefahr.«

»Lieber Maximilian, wollen Sie nicht Namen nennen?«

Da begann Morrel von seiner Liebe zu erzählen, kaum aber war ihm der Name Valentinens über die Lippen gegangen, als der Graf entsetzt zurückfuhr und mit furchtbarer Stimme schrie: »Wie, Unglücklicher! Du liebst die Tochter dieses verruchten Geschlechts?«

Maximilian erschrak; so hatte er den Grafen noch nie gesehen. Als sich die erste furchtbare Aufregung gelegt hatte, wagte der junge Mann es, dem Grafen Valentine zu schildern, ihre Güte, ihre Herzensreinheit und wie groß seine Angst sei, sie in jenem Unglückshause zu lassen, und wie er sie soeben, als er den alten Großvater besucht hatte, habe zusammenbrechen sehen.

Heiße Tränen liefen dem jungen Kapitän über die Wangen.

Monte Christo hatte sich vollständig gefaßt, nun sagte er gütig:

»Mut, Mut, mein lieber Junge, gehen Sie getrost nach Hause; Valentine ist von diesem Augenblick an in meiner Obhut. Ich werde Ihnen Nachricht geben.«


Während in Villeforts Hause die einzige Tochter mit dem Tode rang, rüstete man im Palais Danglars zur Hochzeit der einzigen Tochter.

Es war ein glänzendes Fest; halb Paris war beisammen, und in den lichterfüllten Räumen drängte alles zum Brautpaar hin, das mitten im Saale unter dem Kronleuchter stand.

Eugenie, kalt, stolz und schön wie immer, war in schneeweißen Atlas gehüllt. Sie verzog keine Miene.

Andreas Antlitz dagegen strahlte vor eitel Wonne, nicht minder das seines Schwiegervaters.

Als einer der letzten erschien der Graf von Monte Christo. Auf Danglars Befragen äußerte er, die Sache mit dem letztverübten Einbruch bei ihm habe ihn soeben wieder in Anspruch genommen. »Denn, denken Sie nur,« fuhr er fort, »meine Leute haben da nachträglich ein blutiges Bündel gefunden, das dem Erstochenen gehörte, und darin lag ein Brief, an Sie adressiert.«

»An mich...?« fragte Danglars erbleichend. »Und was haben Sie damit gemacht?«

»Natürlich sofort der Polizei übergeben«, erwiderte Monte Christo lächelnd.

Danglars Miene erstarrte, doch ehe er noch ein Wort zu sagen vermochte, entstand ein furchtbarer Tumult im Vorsaal. Ein Gendarmerieoffizier, gefolgt von mehreren Gendarmen, erschien unter der Flügeltür und rief:

»Wer von Ihnen, meine Herren, nennt sich Andrea Cavalcanti?«

Grabesstille folgte diesen Worten; dann trat Danglars taumelnden Schrittes vor und fragte mit heiserer Stimme: »Was ist denn mit diesem Andrea...?«

»Er ist ein aus dem Bagno entsprungener Galeerensklave und des Raubmordes an seinem Genossen Caderousse verdächtig.«

Entsetzensschreie ertönten von allen Seiten. So sehr man aber suchte, Andrea war spurlos verschwunden.

Dann aber war's, als sei die Pest im Hause ausgebrochen; all die Treppen, Gänge und Türen reichten nicht aus, um die drängende Menschenmenge hinauszulassen.

Bald lag das festlich geschmückte Haus wie verödet. Selbst Eugenie Danglars war heimlich entflohen, um sich mit ihrer Freundin Luise nach Belgien zu begeben, wo sie sich, losgelöst von den Ihrigen, ganz der Kunst widmen wollte.


Eine Neuigkeit drang bei den Villeforts bis zu der Krankenstube Valentinens: der Abbé Busoni hatte das Haus nebenan gemietet und es unter Vorauszahlung einer großen Summe sofort bezogen. Bei der Besichtigung der Räume hatte man eine Verbindungstür vorgefunden, die zur Wohnung des Herrn von Noirtier führte. Der Abbé benutzte sie sogleich, um dem alten Herrn einen Besuch abzustatten und ihn in seinem Leid zu trösten. Herr Noirtier faßte ein sonderbares Zutrauen zu diesem Manne, der sich vorzüglich mit ihm zu verständigen wußte. So kam und ging der Abbé zu jeder Tag- und Nachtstunde bei Herrn von Noirtier aus und ein – wie es ihm gutdünkte – und so konnte er auch die Kranke, die Herr Noirtier nicht mehr aus seiner Wohnung bringen ließ, genau beobachten, ohne daß die Villeforts etwas davon wußten.

Da sah er denn, als alles still im Hause geworden, wie nächtlicherweile eine weißgekleidete Gestalt sich dem Bette des jungen Mädchens näherte, es leise beim Namen rief und, als keine Antwort erfolgte, schnell einige Tropfen aus einer Phiole in die Limonade fallen ließ, die auf dem Tisch stand.

Dann verschwand die Erscheinung ebenso lautlos, wie sie gekommen war.

Sogleich trat der Abbé aus seinem Versteck hervor, goß die Limonade fort und stellte ein Glas mit frischem Wasser hin, dem er seinerseits ein Präparat beimischte.

»Armes Kind,« murmelte er, »jetzt kann dich nur noch ein Gewaltstreich retten.«

Damit ging er und legte sich zur Ruhe nieder, denn seit vier Tagen hatte er kein Auge mehr geschlossen.

Am Morgen erfüllte lautes Wehklagen das ganze Haus: Valentine, die man bereits auf dem Wege zur Besserung geglaubt, war ganz plötzlich in der Nacht verstorben. Das Antlitz des armen Großvaters schien wie vor Schmerz versteinert.

Da erschien der Abbé, er ging auf den alten Herrn zu, drückte ihm fest die Hand und sah ihm bedeutsam in die Augen. Das rief eine wunderbare Wirkung bei dem Greise hervor, der nun ruhig alle Vorgänge mit stillen Blicken verfolgte.

Je ruhiger jedoch der Großvater sich zeigte, um so verzweifelter gebärdete sich der Vater. Und wie die Posaune des Jüngsten Gerichts klangen ihm die Worte des Arztes in die Ohren, der sich mit dem von Valentine benutzten Wasserglase zu schaffen machte.

»Ha! Also nicht mehr Brucin! Woll'n mal sehen, was es nun ist.«

Damit stellte er einige chemische Versuche an, wozu er alles Notwendige mitgebracht hatte.

»So so...«, sagte er dann mit der grimmigen Genugtuung eines Richters, der eine schreckliche Wahrheit erkannt hat.

In diesem Augenblick stürmte ein junger Mann ins Zimmer, ergriff Noirtiers Hand und rief:

»Vater! Vater! Sehen Sie! Was hat man aus ihr gemacht? O Valentine, Valentine!«

Schluchzend warf er sich vor dem Bett auf die Knie. Sein Schmerz war so ungestüm, so ergreifend, daß d'Avrigny sich abwandte und Villefort trotz seiner Verwunderung ihm die Hand auf die Schulter legte.

»Sie lieben meine Tochter – ich wußte nichts davon. Jetzt aber nehmen Sie Abschied von ihr; Valentine bedarf nur noch des Priesters.«

»Sie irren, mein Herr!« schrie Morrel mit schrecklicher Stimme. »Sie bedarf vor allem eines Rächers. Und wenn der eigene Vater zu schwach ist, so werde ich für sie eintreten, so wahr ein Gott im Himmel lebt.«

»Ich stehe Herrn Morrel zur Seite«, sagte nun auch Doktor d'Avrigny mit eisiger Strenge.

Da gab der alte Noirtier dem Sohn einen Wink, daß er mit ihm allein sein wolle. Die beiden Herren gingen ins Nebenzimmer, doch dauerte es nicht lange, so rief Villefort sie wieder zurück, dessen Anblick erschreckend war.

Wenige Minuten hatten genügt, um aus diesem Manne einen Greis zu machen; trotzdem sprach er mit fester Stimme:

»Meine Herren, das Verbrechen ist aufgedeckt, und ich schwöre Ihnen, der Schuldige wird dem Richtspruche nicht entgehen. Nur bitte ich Sie, zu schweigen. Wenn die Heimgegangene zur Ruhe bestattet ist, wird das Verhängnis seinen Lauf nehmen.«

Es war ein schauerlicher Ernst, der aus diesen Worten sprach, und der alte Noirtier winkte düsteren Auges sein »Ja« dazu.

Gleich darauf trat der Abbé Busoni ein, um die Leiche zu segnen. Er betete bei ihr und hielt die Totenwache. Erst nach der Einsargung zog er sich zurück.

Am Tage darauf fand unter ungeheurem Zulauf die Beisetzung statt.


Monte Christos ganze Sorge galt von nun an Maximilian. Er ließ ihn nicht aus den Augen und suchte ihn durch energischen Zuspruch wieder aufzurichten. Anfangs wies Morrel ihn kalt ab, dann aber kam Zorn über ihn:

»Wer sind Sie eigentlich, der sich anmaßt, die Geschicke der Menschen zu lenken, als wäre er der liebe Herrgott selbst? Wer sind Sie in Wahrheit, der damit prahlt, Menschen heilen zu können und nicht einmal ein Gegengift wußte, um ein armes, junges Mädchen vom Tode zu erretten?«

»Wer ich bin, Maximilian?« sagte der Graf mit trauriger Stimme. »Der Mann, der deinen Vater verehrt, der dich als kleinen Jungen auf den Knien geschaukelt hat – und der durch namenloses Leid gegangen ist. Edmond Dantes bin ich.«

Als wäre der Blitz neben Morrel niedergefahren, taumelte er und schrie auf: »Edmond Dantes!«

Dann fiel er auf die Knie nieder, umfaßte Dantes schluchzend und küßte seine Hand.

»Ja, dann, dann hast du ein Recht... über mich... über mein Leben... über alles, alles.«

Monte Christo hob den Weinenden auf und schloß ihn in seine Arme.

»Mein Sohn, mein lieber Sohn.«


Einen Tag darauf erschien Monte Christo bei Danglars. Der Bankier saß gerade am Schreibtisch. Nach der üblichen Begrüßung sagte er:

»Ah, ich war soeben dabei, ein paar kleine Anweisungen auszufertigen.«

»Bitte, bitte, mein lieber Baron, lassen Sie sich ja nicht stören. Was sind es für Papiere? Spanische, haitische oder neapolitanische?«

»Es sind Anweisungen an die Bank von Frankreich. Sehen Sie, verehrter König der Finanzen: jeder Papierfetzen eine Million.«

Danglars reichte Monte Christo die Scheine hinüber.

Dieser zählte:

»Eins, zwei, drei, vier, fünf! Alle Hochachtung, Baron. Das ist für Sie nur so ein Federstrich. Gut, daß sie schon ausgeschrieben sind; ich komme nämlich, um mein Guthaben in der Höhe von fünf Millionen abzuheben. Ich darf deshalb wohl die Scheine behalten. Die Quittung habe ich gleich mitgebracht.«

Der Graf legte vor den wie versteinert dastehenden Bankier das Schriftstück hin, der es nicht vermochte, sich gegen diese Forderung aufzulehnen. Kaum aber war der Graf gegangen, als Herr von Boville erschien, der Generaleinnehmer der Hospitäler, und die Auszahlung der Depots erbat.

Danglars sagte, er habe soeben an den Grafen von Monte Christo fünf Millionen auszahlen lassen; wenn er nun noch einmal desselben Tages der Bank fünf Millionen entzöge, so würde das vielleicht auffallend sein. Ob Herr von Boville nicht bis morgen warten könne.

Herr von Boville versprach, morgen zu kommen und ging. Danglars sah ihm finster nach; dann ballte er plötzlich die Fäuste und schrie: »Kommt nur, kommt nur! Ihr sollt euch wundern.«

Darauf begann er wie ein Rasender in seinen Schubfächern zu wühlen. Zerriß und verbrannte Schriftstücke, holte einen Paß hervor: »Gut – noch auf zwei Monate gültig.«

Und ehe es einer im Hause bemerkte, war er auf und davon.


Benedetto saß längst wieder hinter Schloß und Riegel. Mit der ihm eigenen Frechheit blieb er guten Mutes, da er auf den mächtigen Beschützer baute.

Eines Tages wurde er ins Sprechzimmer geführt, wo Bertuccio seiner harrte.

»Benedetto! Dein Schicksal ruht in mächtiger Hand. Sei vernünftig und tue, wie man es dich heißt.«

Dann sprach Bertuccio noch ein Weile leise und eindringlich mit ihm und verließ das Gefängnis wieder.

Der Tag der Gerichtsverhandlung brach herein.

Villefort hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Erst gegen Morgen war er eingeschlafen. Die verglimmende Lampe weckte ihn durch ihr Knistern. Er sah seine Hände feucht und rot, als wären sie in Blut getaucht.

»Heute muß es sein! Das Schwert der Gerechtigkeit wird alle treffen, die schuldig sind, ohne Ausnahme.«

Dann klingelte er nach seinem Diener.

»Bestellen Sie der gnädigen Frau, daß ich sie in einer halben Stunde zu sprechen wünsche.«

Sorgfältig schwarz gekleidet, ein Bündel Akten unter dem Arm, stand er dann vor seiner Gattin, die ihn verwundert ansah.

»Madame,« sagte er kalt und ohne Umschweife, »Sie haben von dem Gift, dessen Sie sich zu bedienen pflegten, sicher noch den köstlichsten Tropfen aufgehoben. Bitte, diesen Tropfen sofort für sich zu verwenden.«

Frau von Villefort stieß einen Schrei aus, der wie ein Röcheln klang, und fiel in die Knie.

»Erbarmen, Erbarmen!« wimmerte sie.

»Wie,« rief der Prokurator, »Sie hatten den Mut, vier Menschenleben zu vernichten, und jetzt, wo es gilt, den letzten Rest von Ehre zu retten, da zeigen Sie sich feig? Ha, wahrlich! Giftmischer sind immer feig. Seit dem Tode der Frau von Saint-Méran wußten wir, daß wir einen Giftmischer im Hause hatten. Der Verdacht fiel – Gott sei's geklagt – auf einen Engel. Jetzt, nach Valentinens Heimgang, gibt's keinen Zweifel mehr. Da ich aber nicht will, daß Sie auf dem Blutgerüst enden, lasse ich Ihnen bis Mittag Zeit. Ich gehe jetzt, das Todesurteil über einen Mörder zu verhängen; treffe ich Sie bei meiner Rückkehr noch lebend an, so werden Sie die heutige Nacht im Kerker verbringen.«

»Spricht dies mein Gatte zu mir?« schrie die unglückselige Frau und wich voller Entsetzen mit hocherhobenen Armen zurück.

»Ihr Richter, Madame«, sagte Villefort eisig, verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter sich ab.

Dann ging er, um unbestechlich weiter seines Amtes zu walten. Auf erhöhtem Platze saß er da, und aller Augen wandten sich ihm zu. Jetzt wurde der Angeklagte hereingeführt. Keck und unbekümmert begann er der Reihe nach alle Anwesenden zu mustern, und selbst Herrn von Villeforts strenger Blick vermochte es nicht, ihn dahin zu bringen, daß er die Augen niederschlug.

Nachdem die Anklage verlesen, fragte der Präsident: »Wie ist Ihr Vor- und Zuname, Angeklagter?«

»Verzeihung, Herr Präsident, wenn ich in einer etwas anderen Reihenfolge Ihre Fragen beantworte; Sie werden später begreifen, warum.

In einigen Tagen werde ich einundzwanzig Jahre alt sein, da ich in der Nacht vom 27. zum 28. September 1817 geboren bin.«

Herr von Villefort blickte unruhig auf.

»Wo wurden Sie geboren?«

»In Auteuil bei Paris.«

Herr von Villefort sah zum zweitenmal Benedetto an, als habe er ein Medusenhaupt erblickt.

»Ihr Gewerbe?« fuhr der Präsident fort.

»Erst war ich Falschmünzer, dann Dieb, und zuletzt wurde ich Mörder.«

Ein Sturm des Unwillens erhob sich im Saal.

»Werden Sie nun endlich Ihren Namen nennen?«

»Meinen Namen weiß ich nicht, wohl aber den meines Vaters.«

»Wer ist also Ihr Vater?«

»Mein Vater ist königlicher Prokurator«, versetzte Andrea ruhig.

»Königlicher Prokurator?« rief der Präsident stutzend.

»Ja, und er heißt Villefort.«

Ein Ausbruch des Zorns erhob sich im Saale, bis der Präsident mit lauter Stimme rief:

»Angeklagter! Sie treiben Ihren Spott mit der Justiz und erfrechen sich, hier ein Schauspiel zu geben.«

Zehn Personen drängten sich zu dem königlichen Prokurator, der gebrochen in seinem Lehnstuhl saß, und boten ihm Trost und Teilnahme.

Andrea hatte währenddessen sein Antlitz lächelnd der Versammlung zugekehrt; anmutig stützte er die Hand auf das Geländer des Anklageabteils und sprach:

»Da sei Gott vor, meine Herren, daß ich mir so etwas erlauben sollte. Man fragt mich nach meinem Namen; ich weiß ihn nicht. Was aber den Namen meines Vaters anbelangt, so heißt er Villefort.«

Die Worte des Angeklagten hatten eine Gewißheit, die erdrückend wirkte.

»Wollen Sie noch die näheren Umstände bei meinem Erscheinen in der Welt erfahren?« fuhr Benedetto fort. »Ich wurde geboren im ersten Stockwerk des Hauses Nr. 30, Rue de la Fontaine, in einem Zimmer, das mit rotem Damast ausgeschlagen ist. Mein Vater nahm mich in seine Arme, indem er zu meiner Mutter sagte, ich wäre tot und wickelte mich in eine Serviette, die mit einem H und einem N gezeichnet war; dann trug er mich in den Garten, wo er mich lebendig begrub.«

Ein Schauer durchrieselte alle Anwesenden, als sie sahen, daß die Sicherheit des Angeklagten mit dem Entsetzen des Herrn von Villefort zunahm.

»Woher wissen Sie alle diese Einzelheiten?« fragte der Präsident.

»Herr Präsident, ich will es Ihnen sagen. In jener Nacht hatte sich ein Mensch in den Garten geschlichen, der meinen Vater tödlich haßte und ihm auflauerte, um Blutrache an ihm zu vollziehen. Dieser Mann war in einem Gebüsch versteckt; er sah, wie mein Vater eben ein Kistchen in die Erde verscharrte, und versetzte ihm während dieser Arbeit einen Messerstich. Da er wähnte, das Kistchen enthalte einen Schatz, öffnete er die Grube und fand mich noch am Leben; dieser Mann trug mich nach dem Findelhause, wo man mich unter Nr. 37 einschrieb. Drei Monate darauf machte seine Frau, um mich zu holen, eine Reise von Rogliano nach Paris, reklamierte mich als ihren Sohn und trug mich fort. Sie sehen nun, daß ich in Auteuil geboren, doch in Korsika erzogen bin.«

Einen Augenblick lang herrschte ein so tiefes Stillschweigen, daß man den Saal für leer halten konnte.

»Und Ihre Mutter?« fragte der Präsident.

»Meine Mutter glaubte mich tot, sie ist nicht schuldig; ich verlangte ihren Namen nicht zu erfahren und weiß ihn nicht.«

In diesem Moment ertönte ein lauter Schrei, der in heißem Schluchzen endigte.

Eine Frau brach infolge eines heftigen Nervenanfalls zusammen und wurde aus dem Gerichtssaal getragen; während des Forttragens verschob sich der dichte Schleier, der ihr Gesicht verhüllte, und man erkannte Madame Danglars.

Auch Herr von Villefort hatte ungeachtet der Lähmung seiner Sinne, ungeachtet der Art Wahnsinn, der sein Ohr durchbrauste, jene Frau erkannt und sich emporgerichtet.

»Angeklagter, haben Sie für alle diese furchtbaren Beschuldigungen Beweise?«

»Beweise?« entgegnete Benedetto lächelnd. »Sie wollen Beweise? Blicken Sie dort Herrn von Villefort an.«

Alles sah zum königlichen Prokurator hin, der in den Kreis des Tribunals wankte.

Ein Murmeln ging durch den Saal.

»Man begehrt Beweise von mir, mein Vater,« sagte Benedetto, »soll ich sie geben?«

»Nein, nein!« stammelte Herr von Villefort mit gedämpfter Stimme. »Nein, es ist nicht nötig.«

»Nicht nötig?« fragte der Präsident. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen,« erwiderte der königliche Prokurator, »daß ich in der Hand Gottes, des Rächers bin. Es bedarf keiner Beweise; es ist wahr, was dieser junge Mann gesagt hat, und ich stelle mich in meinem Hause dem königlichen Prokurator zur Verfügung, der mein Nachfolger sein wird.«

Als er diese Worte mit dumpfer, fast erstickender Stimme sprach, schritt er wankend der Tür zu, die ihm der Türhüter diensteifrig öffnete.

Die ganze Versammlung blieb wie betäubt zurück. Der Präsident hob die Sitzung auf, da der Prozeß neu eingeleitet werden mußte.

Andrea, immer gleich ruhig, verließ den Saal unter dem Geleit der Gendarmen, die ihm unfreiwillig einige Rücksicht bezeigten.

»Dem werden mildernde Umstände bewilligt werden«, hörte man eine Stimme sagen. Andrea sah sich um und lächelte.

In einem bedauernswerten Zustande wankte Villefort durch die Korridore. Es trieb ihn zu seiner Frau. Eiligst öffnete er die Tür zu ihrem Zimmer. Da stand seine Gattin – bleich, mit verzerrten Zügen – und starrte ihm in furchtbarer Not entgegen.

»Um Gottes willen! Heloise, was ist geschehen?«

»Was du wolltest – nun ist's vorbei«, antwortete die Frau mit schauerlich röchelnder Stimme und stürzte der Länge nach zu Boden.

Villefort kniete neben ihr und griff nach ihrer Hand, deren Finger krampfhaft ein kristallenes Fläschchen umklammert hielten.

Frau von Villefort war tot.

Halb von Sinnen vor Entsetzen sah Villefort die Leiche an, dann sprang er auf.

»Wo ist mein Sohn? Eduard! Eduard!«

Niemand wußte es zu sagen. Er rannte wieder zurück, um im Boudoir seiner Frau nachzusehen. Der Leichnam seines Weibes lag quer vor dem Eingang des Boudoirs, und es schien, als hielte er Wache an dieser Tür mit offenen, starren Augen und einer schauerlichen Ironie auf den Lippen.

Villefort mußte darüber hinweg, denn er sah durch den Vorhang sein Kind auf dem Diwan liegen.

Schlief es? War es tot? Der verzweifelte Vater nahm es in seine Arme, rief es an, drückte, schüttelte es. Vergeblich; es war kein Leben mehr in ihm. Da sah er einen Zettel an Eduards Bluse. Er las ihn in gieriger Hast.

»Aus Liebe zu meinem Sohn wurde ich zur Verbrecherin. Eine gute Mutter geht nicht ohne ihr Kind.«

Da brüllte der Unglückliche auf wie ein verwundetes Tier und eilte trostsuchend zum Vater, der mit friedlicher Miene auf die Worte hörte, die der Abbé Busoni zu ihm sprach.

Villefort sah den Geistlichen an, als müsse er sich besinnen, wen er vor sich habe.

»Ah, ich weiß: der Abbé Busoni. Sie spüren wohl aufs neue die Nähe des Todes?«

»Nein,« sprach der Abbé, sich hoch aufrichtend, »mich treibt heut ein anderes Verlangen. Ich komme, Ihnen zu sagen, daß Ihre Schuld nun gesühnt ist, und ich Gott bitten will, er möge es sich an dem Geschehenen genügen lassen, wie ich dies tun will.«

»Um Gott!« schrie Villefort auf. »Diese Stimme ... sie gehört nicht dem Abbé Busoni.«

»Nein!« erwiderte der Angeredete, riß die falsche Tonsur ab und schüttelte sein volles schwarzes Haar.

»Der Graf von Monte Christo!« keuchte Villefort.

»Auch der nicht, suche weiter und weiter.«

»Wer sind Sie denn?«

»Der Schatten eines Unglücklichen, den du in die Kerkernacht von Schloß If begraben hast. Diesem aus dem Grabe wieder erstandenen Schatten hat Gott die Maske des Grafen von Monte Christo verliehen und ihn mit Reichtümern überschüttet, auf daß du ihn nicht früher erkennen solltest.«

»Großer Gott! Jetzt begreife ich! Du bist Edmond Dantes.«

Damit packte Villefort den Grafen beim Arm, zog ihn mit sich fort und rief unermüdlich: »Komm, komm! Edmond Dantes!«

Endlich blieb er in dem Zimmer seiner Gattin stehen.

»Sieh! Edmond Dantes, sieh! Bist du zufrieden?«

Monte Christo stand tief ergriffen vor der Furchtbarkeit dieses Schicksalsschlages und fühlte mit Beben, daß er die Rechte seiner Rache überschritten hatte und nicht mehr sagen konnte: »Gott ist für mich und mit mir.«

Angstvoll neigte er sich über das Kind, nahm es auf seine Arme und trug es in die Wohnung Noirtiers, um noch Rettungsversuche anzustellen. Villefort, der ihn davongehen sah, schrie verzweifelt auf: »Mein Kind! Mein Kind! Er raubt mir mein Kind!«

Er wollte ihm nachstürzen, dann aber wurzelten seine Füße am Boden; er konnte sie nicht heben. In seinem Gehirn drehte und wälzte sich eine Masse von Leid und Schrecken, bis sie krachend zersprang. Da brach er in ein unsinniges Gelächter aus.

Monte Christo hatte sich vergeblich bemüht, das Kind ins Leben zurückzurufen. So kam er denn und legte die kleine Leiche beinahe demütig neben die tote Mutter hin. Dann fragte er nach Herrn von Villefort. Man wies ihn in den Garten. Da stand der Unglückliche mit einem Spaten in der Hand und grub – und grub.

Monte Christo ging zu ihm und sagte mit leiser, schöner Stimme:

»Mein Herr, Sie haben Ihren Sohn verloren ....«

»Ah,« lachte Villefort, »ich werde ihn schon finden, und sollte ich graben bis zum Jüngsten Tag.«

Monte Christo wich entsetzt zurück: »Großer Gott! Er ist wahnsinnig!«

Dann eilte er hinweg, als hätte er zu befürchten, daß die Mauern dieses verruchten Hauses einstürzen und auch ihn zerschmettern könnten.

»Oh, genug, genug jetzt der Rache! Suchen wir den letzten zu retten.«

Als Monte Christo nach Hause kam, empfing ihn Morrel, der nun ganz bei dem Grafen wohnte.

»Maximilian, morgen verlassen wir Paris.«

»Haben Sie hier nichts mehr zu tun?« fragte der junge Mann.

»Nein.« erwiderte der Graf, »wollte Gott, ich hätte nicht schon zuviel getan.«


Danglars befand sich auf dem Wege nach Rom. Dort begab er sich zum Hause Thomson & French, um die Quittung des Grafen von Monte Christo gegen Anweisungen aus Venedig und Wien umzusetzen. Er beabsichtigte, zunächst nach Venedig zu gehen. Auf der Fahrt dahin wurde er von Banditen überfallen, die ihn in eine vergitterte Felsenschlucht sperrten und ihm nur dann etwas zu essen brachten wenn er ganz unerhörte Summen dafür bezahlte. Der geizige Bankier raste und fluchte. Schließlich aber zwang ihn der furchtbare Hunger, nach und nach alles Geld herzugeben bis auf einen Rest von fünfzigtausend Franken. Den hielt er krampfhaft fest, obgleich er vor Hunger sich kaum mehr auf den Füßen zu halten vermochte.

Da tat sich eines Tages die Tür auf, und ein hoher stattlicher Mann erschien, ganz in einen dunkeln Mantel gehüllt. Danglars fuhr zurück, als habe er ein Gespenst erblickt.

»Der Graf von Monte Christo!« ächzte er dann.

»Du irrst, Verräter; für dich bin ich noch ein anderer«, herrschte der Graf ihn an. »Der, den du gemein verraten, in Elend, Schande, Nacht und Grauen gestürzt hast, dessen Vater du dem Hungertode preisgegeben, dem du die Braut treulos gemacht, um niedrigster Mißgunst willen. Hast du ehrloser Schurke seinen Namen vergessen, so höre: Edmond Dantes steht vor dir!«

Danglars stieß einen Schrei aus und fiel zu Boden.

»Erhebe dich!« rief der Graf ihm zu. »Du magst mit dem Schrecken davonkommen. Deinen beiden Kumpanen ist's schlechter ergangen: der eine ist wahnsinnig geworden, der andere ist tot.«

Monte Christo wandte sich dann an seinen Begleiter:

»Vampa, geben Sie diesem Manne zu essen und zu trinken. Dann lassen Sie ihn frei. Die fünfzigtausend Franken mag er behalten, um ein besseres Leben anzufangen. Weh ihm, wenn er's nicht tut!«

Damit ging der Graf davon.

Danglars rührte sich nicht. Als er endlich vorsichtig den Kopf hob, sah er in der Ferne nur noch einen Schatten, vor dem die Banditen sich verneigten.

Wie der Graf gesagt, so geschah es. Als der Gefangene gesättigt war, brachte man ihn in einen Wagen und fuhr mit ihm in die Nacht hinaus. Dann setzte man ihn ab und lehnte ihn an einen Baum, wo er bis zum Morgen regungslos verharrte.

Von Durst geplagt, schleppte er sich dann bis zu einem nahen Bächlein. Als er beim Trinken ins Wasser sah, bemerkte er, daß seine Haare schneeweiß geworden waren.


Der Graf war mit Maximilian auf mancherlei Umwegen bei der Insel Monte Christo gelandet. Nun ging er Arm in Arm mit dem jungen Mann durch seinen feenhaften, unterirdischen Palast, den er sich in den Grotten, die einst seine Schätze hüteten, hatte erbauen lassen.

Monte Christo sprach, erklärte dies und das und suchte die Aufmerksamkeit Morrels zu fesseln. Doch alles war vergebens; düster und teilnahmlos schaute Maximilian umher, ohne überhaupt etwas zu sehen.

Da fragte ihn Monte Christo voller Trauer:

»Dies alles ist einmal dein; ich liebe dich wie einen Sohn. Vermagst du es nicht, um meinetwillen deine Trauer zu bezwingen?«

»Mein Glück hängt nicht am Golde; mein Glück ist tot. Wenn ich jedoch am Leben bleibe, so ist dies meine Dankbarkeit für Sie. Wenn Sie aber, mein väterlicher Freund, der Sie so mächtig sind, mich nicht nur um Ihretwillen lieben, dann würden Sie mir endlich die Erlösung bringen.«

»Das heißt: Du wünschest aus meiner Hand den Tod zu empfangen?«

»Ja, so ist's«, sagte Morrel ernst.

Der Graf sah ihm fest in die Augen.

»Gut, mein Sohn: dann will ich dir diese Wohltat erweisen.«

Morrel blickte verwundert auf und sah, wie her Graf ein kleines silbernes Kästchen hervorholte, dessen Schlüssel er bei sich trug.

Diesem Kästchen entnahm er mit einem Teelöffel eine halb ölige, halb feste Masse, die er Morrel hinüberreichte. Maximilian empfing die Gabe und küßte stumm des Gebers Hand. Dann lehnte er sich in den Diwan zurück und harrte des Todes, der aus des Grafen Hand nur wonnesam und mild sein konnte.

Plötzlich begann um ihn her alles zu verschwimmen. Er sah den Grafen, dessen liebevoller Blick auf ihn gerichtet war, größer und immer größer werden. Dann tauchte ein anderes menschenähnliches Gebild vor ihm auf, schön und licht wie ein Engel.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, da schlug Morrel die Augen wieder auf, und ihr Blick begegnete von neuem dem Traumgesicht, das sich lächelnd über ihn neigte, und eine süße Stimme sprach:

»Maximilian, mein lieber, lieber Freund!«

Morrel stieß einen lauten Freudenschrei aus und umschlang, ganz außer sich vor Wonne und Entzücken, die heißgeliebte Gestalt. »Valentine? Meine Valentine? Ist's denn möglich?«

Nachdem der unaussprechliche Jubel dieses seltsamen Wiedersehens sich unter Lachen und Weinen gelegt hatte, erzählte Valentine, daß der Graf auch sie durch scheinbaren Tod vor rettungsloser Vernichtung bewahrt habe.

Beide gingen nun, um dem gütigen Beschützer ihr Glück und ihren Dank zu sagen. Da sahen sie vor der Grotte einen Mann stehen.

»Das ist der treue Jacopo!« rief Valentine und ging ihm entgegen.

»Ich habe Ihnen einen Brief vom Grafen zu übergeben.«

»Vom Grafen?« rief verwundert das junge Paar.

Morrel entfaltete den Brief und las:

Mein lieber Maximilian!

Es liegt für Sie eine Feluke vor Anker. Jacopo wird Sie nach Livorno führen, wo Herr Noirtier seine Enkelin erwartet, um sie zu segnen, ehe sie Ihnen zum Traualtar folgt. Alles, was in dieser Grotte ist, mein Haus an den Champs-Elysées und mein kleines Schloß in Treport sind das Hochzeitsgeschenk Edmond Dantes' für den Sohn seines Prinzipals Morrel. Fräulein von Villefort wolle so gütig sein und die Hälfte davon annehmen, denn ich bitte sie, daß sie den Armen von Paris das ganze Vermögen überlassen möge, das ihr von seiten ihres wahnsinnig gewordenen Vaters zukommt, und von seiten ihres Bruders, der im verflossenen Monat September mit ihrer Stiefmutter ins andere Leben überging.

Erfahren Sie in Beziehung auf sich, Morrel, das Geheimnis meines Verhaltens. Es gibt weder Glück noch Unglück in dieser Welt, es gibt nur eine Vergleichung des einen Zustandes mit dem andern, das ist alles. Nur derjenige, der das größte Mißgeschick erfahren, ist fähig, das höchste Glück zu empfinden. Man muß den Tod gewollt haben, um zu wissen, wie schön das Leben ist.

Also lebt und seid glücklich, Ihr meine geliebten Kinder, wie ich es mit meiner teuren Haydee zu werden hoffe. Vor allem aber behaltet treu in Eueren Herzen: Alle menschliche Weisheit liegt in den zwei Worten »Harren und Hoffen!«

Euer Freund
Edmond Dantes,
Graf von Monte Christo.

Als Maximilian diesen Brief las, war Valentine, da sie von der Geisteszerrüttung ihres Vaters und von dem Tode ihres Bruders nichts wußte, leichenblaß geworden. Glühende Tränen rollten über ihre Wangen; ihr Glück kam ihr teuer zu stehen.

Morrel blickte voller Unruhe ringsumher und sagte dann:

»Der Graf übertreibt seine Großmut. Valentine wäre mit einem bescheidenen Vermögen zufrieden gewesen. Wo ist der Graf, mein Freund? Führt mich zu ihm.«

Jacopo streckte die Hand nach dem fernen Horizont aus.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Valentine. »Wo ist der Graf? Wo ist Haydee?«

»Blicken Sie dahin«, versetzte Jacopo.

Die Augen des jungen Paares folgten der Richtung, die der Seemann andeutete; sie gewahrten am Horizont ein weißes Segel, so groß wie der Flügel eines Seeadlers.

»Abgereist?« rief Morrel. »Abgereist? Mein Freund, mein Vater!«

Valentine seufzte.

»Wer weiß, ob wir sie jemals wiedersehen!« sprach Morrel, und trocknete sich eine Träne.

»Freund,« tröstete Valentine, »hat der Graf nicht soeben gesagt: Harren und Hoffen?«