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Paul Busson: Die Wiedergeburt des Melchior Dronte - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Seelenwanderer
authorPaul Busson
year1996
publisherGrasmück Verlag
addressAltenstadt
isbn3-931723-00-3
titleDie Wiedergeburt des Melchior Dronte
pages292
created20000325
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Ich erinnere mich sehr genau an einen Vorfall aus meinem fünften Lebensjahre.

Man hatte mich, wie immer, ausgekleidet und in mein rosa lackiertes, muschelförmiges Kinderbett gelegt. Der warme Sommerabendwind trug das Zirpen vieler Insekten in das Zimmer, und die in einem silbernen Leuchter steckende Wachskerze flackerte. Sie stand auf einem niedrigen Kasten neben dem Glassturz, unter dem der »Mann aus dem Morgenlande«, oder der »Ewli«, wie man ihn auch nannte, sich befand.

Dies war eine spannenhohe, sehr schön gebildete Figur, die ein Verwandter, der einem vornehmen Venezianer Dienste geleistet, von dort als Geschenk des Nobile mitgebracht hatte. Es war die in Wachs bossierte Gestalt eines mohammedanischen Mönchs oder Derwisches, wie ein alter Diener mir oft sagte. Das Gesicht hatte für mich den lieblichsten Ausdruck. Es war völlig faltenlos, hellbräunlich und von sanften Zügen. Zwei schöne dunkle Augen glänzten unter einem tiefschwarzen Turban, und über den weichgeschwungenen roten Lippen war ein kleiner schwarzer Bart zu sehen. Der Leib stak in einer braunroten Kutte mit langen Ärmeln, und um den Hals trug der Derwisch eine Kette aus winzigen Bernsteinperlen. Die beiden feinen Wachshände waren an herabhängenden Armen mit den Handflächen nach vorne gekehrt, gleichsam bereit, jeden, der nahen sollte, aufzunehmen und willkommen zu heißen. Dieses ungemein zart und kunstvoll in Wachs und Stoffen ausgeführte Bildnis war in meiner Familie hochgeschätzt, und schon deshalb zum Schutze gegen Staub und ungeschickte Hände unter eine Glaskuppel gestellt worden.

Stundenlang saß ich oft vor diesem mir aus unbekannten Gründen so teuren Figürchen, und mehr als einmal hatte ich die Empfindung, als beseele sich im Alleinsein mit mir das dunkle Auge, als ziehe ein leises, gütiges Lächeln seine schwache Spur um die Lippen.

An diesem Abend nun konnte ich nicht einschlafen. Vom Brunnen im Hofe her klang das Plätschern des Wassers und das Lachen der Mägde, die sich wuschen und gegenseitig bespritzten und mit ähnlichem Schabernack einander neckten. Auch schrillten die Zikaden und Grillen auf den Wiesen, die das Herrenhaus umgaben, überlaut. Dazwischen klangen dumpf die Töne eines Waldhorns, auf dem einer der Waidjungen einen Ruf übte.

Ich kletterte aus meinem Bett und ging im Zimmer umher. Dann aber begann ich mich vor dem Augenblick zu fürchten, der die alte Margaret zum Lichtlöschen, falls ich eingeschlafen sei, allabendlich ins Zimmer führte, und ging in mein Bett zurück.

Gerade als ich im Begriffe war, mit meinen nackten Beinchen den Rand der Bettmuschel zu überklettern, war es mir, als hätte eine Stimme leise meinen Namen gerufen. Ich sah mich erschrocken um. Mein Blick fiel auf den Mann aus dem Morgenlande. Ganz deutlich sah ich, wie er einen Arm unter der Glasglocke hob und mir winkte.

Ich begann vor Schreck zu weinen, unverwandt die kleine Figur ansehend.

Da sah ich es ganz deutlich zum andernmal: er winkte mir sehr hastig und befehlend mit der Hand.

Zitternd vor Angst gehorchte ich; dabei rannen mir unaufhaltsam die Tränen über das Gesicht.

Am liebsten hätte ich laut geschrien. Aber das wagte ich nicht, aus Furcht, den kleinen Mann, der nun auf einmal lebendig war und immer heftiger winkte, in Zorn zu versetzen, wie etwa meinen Vater, dessen kurzer einmaliger Wink nicht nur für mich, sondern für alle Hausbewohner ein Befehl war, der schnurstracks befolgt werden mußte.

So ging ich denn, lautlos weinend, dem Kasten zu, auf dem der winkende Derwisch stand.

Ich hatte ihn beinahe, trotz meiner bange zögernden Schritte, erreicht, als etwas Furchtbares geschah. Mit entsetzlichem Dröhnen und Prasseln, in einer Wolke von Staub, Schutt und Splittern stürzte die Zimmerdecke über meinem Muschelbett ein.

Ich fiel zu Boden und schrie. Etwas flog sausend durch die Luft und schmetterte den Glassturz und den winkenden Mann aus Wachs in tausend Scherben und Stücke. Ein Ziegel, der über mich hinweggeflogen war.

Ich schrie aus Leibeskräften. Aber es schrie im ganzen Hause, draußen am Brunnen und überall, und die Hunde im Zwinger heulten auf.

Arme packten mich, rissen mich von der Erde auf. Blut rann mir in die Augen, und ich fühlte, wie man ein Tuch auf meine Stirne drückte. Ich hörte die scheltende, aufgeregte Stimme meines Vaters, das Jammern der alten Margaret und das Stöhnen eines Dieners. Mein Vater schlug ihn mit einem Stock und schrie: »Er Esel, warum hat Er nicht gemeldet, daß Sprünge im Plafond waren? Ich haue Ihn krumm und lahm...!«

Da schrie ich so laut, daß mein Vater von ihm abließ.

»Die Kröte kann es nicht vertragen, wenn man die Kanaille züchtigt«, sagte er ärgerlich, »wird sein Tage kein rechter Kerl!« Sporenklirrend ging er hinaus.

Vor diesem Klirren fürchtete ich mich mehr als vor allem anderen.

Dann gab man mir Konfekt und streichelte mich

Eine junge Magd küßte meine nackten Waden. »Süßer Bub!« sagte sie.

In einem Spiegel zeigten sie mir, wie mich ein Glassplitter an der Nasenwurzel getroffen und einen kleinen Schnitt quer zwischen den Brauen gerissen hatte.

Es blieb eine Narbe davon.

 

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