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Max Dauthendey: Lusamgärtlein - Kapitel 1
Quellenangabe
generatorHTML Tidy for Windows (vers 1st February 2003), see www.w3.org
typepoem
authorMax Dauthendey
titleLusamgärtlein
senderclaudiahake@web.de
created20030604
firstpub1909
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Max Dauthendey

Lusamgärtlein

Frühlingslieder aus Franken

Dem Andenken Walters von der Vogelweide und seinem "Lusamgärtlein" in Würzburg

Ein lustsam Gärtlein auf weißem Papier

Ein lustsam Gärtlein auf weißem Papier,
Nie welke drinnen Lied noch Blatt.
Buchstaben stehen als Blumen hier,
Aus Reim und Zeil' es Landschaft hat.
Du findest dort den ersten Reim,
Den Frühling voller Liebessinn,
Bis in den Sommer voll Honigseim.
Schick' deine Augen wie Bienen hin,
Jed' Lied will lustsam als Laube dienen.

Das ewig ungeduldige Herz ist längst vor jeder Blüte wach

Noch ist kein Blatt am Baum,
Noch keine weiße Blüte hingestellt,
Kein Halm sein Spiel im Wind noch hat.
Gelb, wie ein irdener Krug, liegt jeder Acker in dem Raum.

Die Lerche aber steigt und fällt,
Ein kleiner Fink im Schlehdorn geigt,
Und eine Amsel in dem finstern kahlen Baum
Aufschluchzend Zwiesprach mit der Leere hält.
Das ewig ungeduldige Herz ist längst vor jeder Blüte wach,

Erzählt und ruft den Abendnebeln nach,
Und seine Sehnsucht laut der Liebe Nest aus nichts aufbaut.

Vorfrühling

Wir standen heute still am Zaun von einem fremden Garten,
Sah'n hin und sah'n das Wintergras am Teich auf Sonne warten.
Im Wasser lag verjährtes Laub gleichwie auf Glas,
Am Ufer saß ein Büschel Veilchen jung erblüht im gelben Gras,
Und frisches Lilienkraut wuchs grün bei Tuffsteinblöcken,
Am Himmel oben gingen Wolken jugendlich in weißen Röcken.

Wie wenig Welt tut schon den Augen gut!
Nur ein paar Atemzüge lang hat's Herz dort ausgeruht,
Nur ein paar Augenblicke tat es säumen ...
Wir sind doch alle in den weiten Lebensräumen
Zaungäste nur bei Wünschen und bei Träumen.

Die Veilchenzeit wird mir Liedermeister

Die welschen Bildergedanken verwehen,
Wenn du und ich auf den Hügeln in Franken
An der Landstraß' dem Märzwind entgegenstehen.
Mehr als goldne Pagoden gilt Heimatgras.
Wenn über den kühligen Vorfrühlingsboden
Die Düfte der Veilchen umgehen wie Geister,
Nicht länger ich dann mehr die Fremde begehre,
Nicht Tropenerde, die feuerbergschwere,
Die Veilchenzeit wird mir Liedermeister.

Noch ist die Zeit der blauen Bäume

Noch ist die Zeit der blauen Bäume,
Sie schauen mit kahlem Geäst
Weit in die funkelnde Ewigkeit
Und halten sich kahl am Himmelsblau fest.
Und nur die Wolken, weiß und breit,
Bauen im blauen Baum ihr Nest.
Die Winde fegten fort verjährten Blätterrest,
Und dein Auge im Baum weiten Raum hat
Für der verliebten Gedanken luftige Lagerstatt.

Und Sonne und Erde sind wieder vertraut

Nun halten die Spatzen laut Schule am Dach,
Die Fenster sind wach, und der Morgen blaut,
Der Himmel neuangekommen ausschaut.
Die Sonne ist durch den Äther geschwommen,
Und Sonne und Erde sind wieder vertraut,
Und jeder Fink pfeift seiner Braut.
Auch ich find' keine Ruhe in der Haut;
Vom Fleck rückt gern der Fuß im Schuh
Und wandert auf zwei Augen zu.

Ein Herz auch der Fischhaut schnell schlägt

Der glänzende Mittag zum Fluß sich legt,
Jede Well' trägt ein Krönlein silberhell und erregt,
Und das Wasser zieht aus wie ein Festzug bewegt.
Übern Fluß tanzt die Sonne auf hitzigem Fuß,
Als ob heut jeder Fisch eine Braut haben muß,
Und ein Herz auch der Fischhaut schnell schlägt.
Hecht und Aal sie verbreiten die Liebeskunde,
Und der Fluß erscheint jetzt zur Mittagsstunde
Wie ein Hochzeitssaal und beleuchtet die Runde.

Vom Gras der erste Schimmer

Vom Gras der erste Schimmer,
Als fiel vom grünen Seidenkleid meiner Liebsten
Auf den braunen Wegrand ein grüner Glimmer.
Bald gehen ihre und meine Schuhe ohne Ziel
Durch die grüne Ruhe im Feld immer weiter, immer,

Dann holen die Nachtigallen zum Liebesspiel
Alle Lieder aus dem Berg, wie aus einer eisernen Truhe.
Alles das und noch mehr verspricht von dem bißchen Gras
Der erste Schimmer.

Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus

Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus,
Es geht ihr das Frühlingsfeuer lang nicht aus.
Sie schreibt goldene Schrift an jedes Gemäuer,
Und jeder Grashalm auf der jungen Trist ist ihr teuer.
Sie hält die Aprilwolken, die schweren, umschlungen;
Und ist sie fern wie ein Lied, und zögernd im Leeren verklungen,
Und kommt der Abend grau an mein Zimmer heran,
Als ob jedes Glück meine Schwelle mied,
Dann zündet mir die Liebste die Helle ihres Herzens an.

In der Nacht sind der Leidenschaft lautlose Feste

Der Viertelmond fällt wie ein Türkenschwert,
Wie eine Fackel, die einer zum Berg hinhält,
Und legt heimliches Feuer an die nächtliche Welt.

Kein Stern sich von der Stelle regt,
Still steht die Nacht und unbewegt,
Wie ein Haupt, das unter das Schwert sich legt.

Und, als hat ein Fieber die Welt verzehrt,
Keine Kraft, keine Geste der Todstille wehrt, —
In der Nacht sind der Leidenschaft lautlose Feste.

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.

Wolken fliegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Saum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

Der Abend will sich zur Erde gesellen

Bergmauern am Weg nebelblau.
Die erste grüne grasige Au
Steht hinter Weidenbüschen zur Schau.

An der Straß' ein rotes Ziegeldach,
Ein großer Acker braun und brach,
Mond schwebt wie Watte der Sonne nach.

Der Abend will sich zur Erde gesellen,
Lichter blinken auf in den Fensterzellen,
Sehnsucht und Hunde sehen Gespenster und bellen.

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren nächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

Du und ich

Du und ich!
Wunschlose Seligkeit
Strömt deine Nähe über mich.
Der Alltag wird zur Sonntagszeit,
Unsterblich schlingt das Leben sich
Um uns.Und Menschengöttlichkeit
Fühl' ich bei dir durch dich.

Was einst gewesen, weiß ich kaum.
Die enge Welt wird weiter Raum.
Und Holz wird Eisen, Eisen Holz
Und Stolz wird Demut, Demut Stolz.
Gar wunderbare Weisen
Singt dann bei seinem Kreisen
Mein Blut im Paradies für mich.
Es haben alle Wünsche Ruh', —
Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du.
Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich.

Als sitzen die Frühlingsgötter auf jedem Dach

Wie wilder Vögel Gewimmel
Verschieben sich Berge und Himmel,
Die Wolken die Berge vertrieben.
Wolken haben die Berge begraben,
Frühlingswolken, die donnernd traben.
Donnerfüße die Äcker wachtreten,
Wolkenhände die Erdklumpen kneten,
Als sitzen die Frühlingsgötter auf jedem Dach
Und bilden sich Menschen ihrem Herzen nach.

Ein altes Herbstblatt fliegt im Acker auf

Ein altes Herbstblatt fliegt im Acker auf,
Es raschelt laut, als ob es Leben hat,
Als will es wieder zu dem Baum hinauf.

Hell gleißt ein Schmetterling her übern Fluß,
Ist wie ein auferstandener Frühlingsgeist,
Der Blumenseelen schnell beschwören muß.

Bei meinem Fuß geht scheu mein Schatten mit,
Der ist mir wie die Sehnsucht treu;
Sie und mein Herz, die halten ewig Schritt.

Was will der Wind?

Tief aus der Nacht, die nirgends endet,
Sieht eine Kerze neben mir in mein Gesicht,
Die ihren Schein wie eine Glorie lautlos spendet,
Und lebt als heller Geist vor meinem Augenlicht.

Der Wind kreist um das Haus, das er bespricht,
Wie einer, der Beschwörung weiß und Bann.
Was will der Wind? Was will denn ich und was das Licht?
Wo wohnt der Geist, der einst uns drei ersann?

So fragt die Stirn voll Wissenslust,
So fragt die Liebe nicht.
Sie sagt und zieht die Liebste mir an meine Brust:
Ein jedes Leben ist aus Inbrunst ein Gedicht.

Wolken ohne Flug und Regen

Wolken lähmend draußen stehen,
Wolken durch die Wände gehen;
Heut' vor Wolken, weltengroßen,
Ist der Himmel nicht zu sehen.
Wolken drücken stumm verdrossen.
Wolken sich zusammenschlossen,
Wolken, die nicht zu bewegen,
Wolken ohne Flug und Regen,
Wolken, die ans Herz grob stoßen.

Immer Lust an Lust sich hängt

Alle Dinge können sehen. Sag nicht, daß sie blind dastehen.
Sag nicht, daß Sie dunkel gehen.Häuser, Bäume, Wege, Wind,
Stühle, Tische, Bett und Spind, alle Dinge sehend sind.
Alle Dinge können denken. Nicht nur Stirnen Geist dir schenken,
Alle Dinge Geister lenken. Kleiner Mücken grauer Zug,
Spinnwebfaden leis im Flug; jeder Grashalm denkt genug.
Und es lieben alle Dinge. Wie die Vögel mit Gesinge
Liebt sich alle Welt im Ringe. Eines hin zum andern drängt,
Jedes seine Lust sich fängt. Immer Lust an Lust sich hängt.

Lenzsonne hat Lieder in allen Taschen

Kastanienknospen wiegt der Wind,
Und frisches Gras am Weg sich biegt,
Drinnen die Sonne sich müde liegt.

Den ganzen Tag am Fluß sie saß
Und sah den Wellen zu, die sich haschen,
Und singt sich Lieder an der Straß',
Die in den Wellen, den raschen, sind.
Lenzsonne hat Lieder in allen Taschen,
Die steckt sie ins Mieder manch schönem Kind.

Der grüne Regen

Der Frühlingswolken wandernde Herde
Schleift wie mit Haaren die Erde;
Sieht einen grünen Regen durchs Grau,
Jeder Tropfen wird heute ein Blatt auf der Au.
Wohin der grüne Regen dann trat,
Grünt ein Liebesgedanke, und grünt ein Blatt.
Gedanken und Blätter, die verwunschen waren,
kommen wieder zur Erde in grünen Scharen.
Die blaue Leere auf allen Wegen füllt grüner Regen.

Das Herz wird zur Flöte

Goldgelbe Schlüsselblumen und rosa Waldwicken
Kommen ins Zimmer mit ländlichen Blicken.
Veilchen und samtne Osterblumen mit silbrigem Schimmer
Bringen die Luft vom Berg, wo Gräser nicken,
Und alle rufen: "Frühling bleibt es jetzt immer."
Hörst keine Uhr und keinen Holzwurm mehr ticken,
Alle Tage unsterblichen Atem dir schicken.
Das Herz wird zur Flöte; drauf spielt jede Stund'
Deiner Liebsten wollüstiger Mund.

Der gelbe Reiter

Schnell hinter dem Regen ritt fiebernd ein Reiter,
Hell hinter den Wolken auf graunassen Wegen.
Dem leuchteten gelb die Wangen, die blassen,
Wie die Gelbblüten, die an den Büschen saßen.
Und Mann mit Pferd flog eilend weiter,
Als wäre nur Ferne dem Fieber heilend,
Als ob ihn ein Feuer blind vorwärts trieb,
Auf allen Büschen wie Schwefel weilend
Am Weg des Reiters Blässe blieb.

Um die Hausecken strecken sich Knospenbäume

Um die Hausecken strecken sich Knospenbäume,
Recken sich goldene Knospenhecken,
Gehen hell hervor aus ihren Verstecken;
Sehen schnell übers Dach,
Aus finsterem Hof und steinernem Fach,
Wollen um die Mauer der Sonne nach.
Sie stehen lusthoch in den Himmel verstiegen.
Eines Abends beginnen sich alle zu wiegen
Und lehren Verliebten im Nachtrausch zu fliegen.

Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?

Wer hat die Wolken zerbäult?
Wer heult vom Berg wie von einem Turm?
Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm?
Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß?
Wem ist Seine Qual hell wütend Genuß?
Und wer verflucht sich finster und stier?
Ist es die Nacht?
Oder ein Stück Schatten von mir?

Eilt euch, eil' dich, die Bäume blühen !

Eilt euch, eil' dich, die Bäume blühen!
Voll Liebesblicke die Bäume stehen;
Eh' du hingesehen, will's schon vergehen.

Komm zu den hellen verliebten Bäumen,
Die alle Wege jetzt hochzeitlich säumen!
Sollst dich ins Licht zu ihnen stellen,
Lächelnd wird spielend sich zu dir gesellen,
Daß auch dir die Blicke verliebt aufglühen. —
Eilt euch, eil' dich, die Bäume blühen!

Ich bete die Stille an

Ich bete die Stille an,
Darin die Wolke sonder Wille
Zum frohen Angesicht werden kann.
In der Stille kommen Berge fröhlich zu dir heran.
In der Stille gehn Freunde über die Wasserwelle,
Springt aus der Diele eine Liederquelle,
Entsteht die Geliebte aus der Erde brennender Rippe.
Und du rückst nicht das Aug' und rückst nicht die Lippe,
Und du wirst zum Herrn von Erde, Nacht und Helle.

Wir erkannten die Sträucher noch nicht

Wir erkannten die Sträucher noch nicht,
Es hatte noch keiner sein Blättergesicht.
Nur der Rosenbusch zeigte zartzackige Spitzen,
Und der Schlehdorn beperlt tat voll Augen sitzen.
Sonst Grüngras und Grünklee stunden bescheiden,
Grün ohne Blume durfte den Acker nur kleiden,
Und Wolken mußten im Grau noch weiden.
Uns gingen die Augen in Umschau sehnsüchtig umher
Und bepflanzten mit Herzwünschen den Weg, der noch blumenleer.

Nachtigall und Regen

Draußen durch die Frühlingsnacht fiel ein Regen nackt und bloß.
Himmel hat sich aufgemacht, Segen zu den Steinen floß.
Wie in einem Glashaus saß hinterm Regen Brück' und Straß',
Und es sang sich auf gut Glück, daß das Dunkel sie vergaß,
Eine erste Nachtigall hell ein Liedlein, Stück um Stück.
Wie aus einem Käfig klang hinterm Regen der Gesang.
Die Laternen, Straß' und Brück', alle lauschten stundenlang
Auf des kleinen Vogels Glück, und die Regenstränge rauschten.
Nachtigall und Regen emsig ihrer Seele Lust austauschten.
Mit Gewitterfurcht in den Rippen
Der Berg ist vom Gewitter umlauert,
der Fluß steht fest wie angemauert.
Fluß und Abend und Berg erwarten den flatternden Ritter,
Den ersten Frühlingsblitz, von dem der Efeu im Garten
Im Vorgefühl schon rauschend erschauert.
Auf der Pappelinsel im Fluß flüchten die Amseln Scheu,
Als ob bald die Insel im Blitzstrahl versinken muß,
Fällt der wie ein Schuß aus den Bergen ins Tal.
Dann, mit Gewitterfurcht in den Rippen,
Hält manche die Lippen hin zum ersten Kuß.

Als gingen die Schatten einer Welt in Stücke

Wolkenschatten kommen über Morgenwiesen geflogen,
Als wollen sie das Rasengrün wie Teppiche rollen;
Sie haben den Morgen in den Arm genommen
Und sind dir begeistert entgegengezogen.
Die Wolkenschatten schwimmen hin wie dunkle Schollen,
Als gingen die Schatten einer Welt in Stücke;
Als fliegen zu dir die Teile einer Himmelsbrücke,
Die zerbrochen liegen, weil einer darübergegangen
Mit hochfeurigen Wangen und in schwerblütigem Glücke.

In der Parkluft aber geht ein Baum rot um und verwegen

Das weiße Parkschloß steht im Frühlingsregen hell,
Ein Licht aus seinen Steinen geht, —
ist wie ein froh' Gesicht an grauer Stell'.
Die Parkwiesen hoch im Regen wehen,
Voll Orchideen, die sich beleuchten und sich wie Lichter besehen.
In der Parkluft aber geht ein Baum rot um und verwegen,
All Seine Brüder stehen noch kahl und halb tot;
Und, als plagt den Baum im Herzen Feuersnot,
Ragt er purpurn zum löschenden Regen.

Es ist den Frühlingshimmeln der Boden ausgestoßen

Platzregen, der sich überschlägt,
Über das Pflaster wie ein Tänzer fegt,
Wie ein gewaltiges graues Wasserspiel.
Und jeder Regenstrahl nimmt einen Stein zum Ziel.
Wie ein Kranz steht der Regen auf der Steine Kopf,
Das helle Pflaster hat einen grauen Wasserschopf.
Es ist der Regen wie Säulen auf die Erde geschossen,
Es sind die Wolkenfässer in Strömen übergeflossen
Und ist den Frühlingshimmeln der Boden ausgestoßen.

Die Farben, die der Grauwinter vergaß

Die Farben, die der Grauwinter vergaß,
Kommen vom Berg herüber über die Straß':
Das Grasgrün und das Rot von Ziegeln sommerheiß,
Das Himmelblau und gezupfter Wolken Daunenweiß.
Ländlich gekleidet, wie aus Bauern Schränken und Truhen,
Geht der Frühlingstag auf frischen staublosen Schuhen,
Geht gedankenlos alter Sitte und alten Wegen nach;
Schnellt die flugfrohen Schwalben wieder über das Dach,
Läßt kleine fiebernde Lerchen singen und ruft Herzfarben wach.

Augen und Fenster haben noch nicht Licht genug

Blau und weiß und weiß und blau
Stehen die Wolken zerteilt zur Schau,
Liegt die Erde blank, frei wie ein grüner Teller
Und überreicht die Sonne als goldenes Ei.
Über mein Fenster streicht der Vögel Flug
Und fährt am Silbergetriebenen Gewölk vorbei.
Augen und Fenster haben noch nicht Licht genug
Und erwarten der Liebsten wolkenfreies Gesicht
Und ihre Wünsche, die sie wie ein Gedicht ins Blaue spricht.

Grünes Gras ist so wenig und ist so viel

Grünes Gras ist so wenig und ist so viel,
Wenn die Erde in Sack und Asche saß
Und beginnt von neuem ihr grünes Spiel.

Grün Gras bringt Lust für Arm und Reich,
Grün Gras nimmt die Menschen frisch an die Brust;
Im Gras liegt der Ärmste auf Erden mal weich.

Gras wächst über Meilen mit Seelenruh,
Gras auf seinem Gang deckt Taten zu und Gedanken, —
Nur sieht man es lang noch im Gras, wo zwei drin versanken.

Auf der in den Abend fliegenden Erde

Die Sonne vergrub sich hinter den Gartenzäunen,
Tat manchen Acker wie mit Rötel bräunen.
Die Birken, denen du hold, sahen grüßend aus,
Schwarze Wegschnecken schlichen um Steine nach Haus;
Ein kleiner Vogel baute noch am Nest im Gemäuer,
Blaue Nebelfiguren machten das Tal nicht geheuer.
Wir saßen auf mancher Bank, wählten manchen Gedank,
Sahen schreitenden Paaren nach und manchem, der Einsamkeit krank,
Alles, auf der in den Abend fliegenden Erde, wie auf einem Schiff ohne Steuer.

Als sind hundert Geisterflöten in den Berg gebaut

Frühdämmerung steht am Fenster grau schwach,
Ein Heer von Amseln ruft draußen die Sonne wach.
Es ist, als zieht mein Fenster den frühen Liedern nach.
Flink wie ein Spielwerk plaudert der Liederlaut,
Als sind hundert Geisterflöten in den Berg gebaut,
Und hundert Seelen erscheinen im Liede, ehe der Tag noch graut.
Wer hat die Amselkehlen geweckt, eh' die Sonne aufstand?
Wer ist es, der ihnen den Lustgesang im Dunkel erfand?
Verliebtes Herzblut, das überschäumt über den Rand.

Die einfachen Sterne

Die einfachen Sterne haben sich hoch über die Bäume geschoben.
Manchen, der nie tags sein Auge vom Boden gehoben,
Den machen nachts kopfhoch die blauen Lampen droben,
Die urewig gleichmäßig Wandelnden,
Die ewig fernen und nie laut Handelnden,
Die Sterngeister, die blauen, der großen Ruhe leuchtende Meister,
Die dem Weisen Zeichen und Weglicht geben,
Die alle Erdenkönige samt allen Königreichen überleben,
Die wie feurige Liebesgedanken über den nächtlichen Dächern schweben.

Nun gehn die grau'sten Wege in das Grün hinein

Nun arbeitet der Tag am Maiengrün,
Im fernsten Winkel blinken Blättlein kühn.
Heb' einen Stein auf, findest's noch drunter blühn.

Nun gehn die grau'sten Wege in das Grün hinein,
Die Winterwolke drückt nicht mehr die Fenster ein,
Des Himmels blaue Blume grüßt herein.

Und regnet' in das Maiengrün auch grau,
Der Regen hängt wie Schmuck um eine schöne Frau,
Und Perlenschmuck trägt jede gern zur Schau.

Zerblättern die Apfelblüten

Wie kleines feines Papier zerblättern die Apfelblüten,
Schier ein Atemhauch entführt sie dir,
Kannst sie mit keiner Hand vorsichtig hüten.

Sind wie ein rosiger Hauch, der über Nacht entstand,
Und sie entschweben auch, eh du's gedacht;
Haben glückliche Augenblicke in die Leere gebracht.

Sind wie Liebessekunden flüchtig entschwunden.
Waren in Gedanken unendlich groß, regnen zur Erde lautlos
Und liegen dir wie ein Blättlein Papier unscheinbar im Schoß.

Ich möcht' wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen

Ich möcht' wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen,
Mit jedem Blatt in der Liederluft tanzen.
Ich möchte mir Flügel schaffen wie Finken
Und in der Liedlust hinfliegend versinken.
Ein Lied verschiebt Berge und Dächer und Wände;
Ich möchte im Mai jetzt ein Nachtsänger sein
Und sang' mich im Schlaf zu der Liebsten hinein.
Ich möchte, ich möchte, ich möchte ohn' Ende —
Und hab' zum Umfangen nicht mehr als zwei Hände.

Es ist ein dunstiger Maientag

Es ist ein dunstiger Maientag,
Holzflöße auf dem Fluß hinziehen;
Das grüne Wasser fließt nur zag,
Drin steht der grüne Berg bis an den Knien.

Im Zimmer glänzt ein Schlüsselblumenstrauß,
Durchs offne Fenster und bewegte Türen
Geht Maienluft geschmeidig durch das Haus,
Du kannst sie kühl auf allen Dielen spüren,
Wie eine Tänzerin tanzt sie sich aus.

Alle Augen sehen wieder näher die Nähe

Die Vögel hatten ihre Sprache verloren,
Taub war die Luft und tot allen Ohren.
Jetzt steigen wie Geister aus der Gruft
Die Vogellieder und der Gräser Duft.
Alle Augen sehen wieder näher die Nähe.
Wo sonst blind das Schneefeld und schwarz die Krähe,
Stehen die Wiesen gelb und grün hingestellt,
Sinken Lerchen herab auf die Liederwelt.
Ein Herz dem ändern jetzt zu Füßen fällt.

Mailuft geht ihren Liebeslaunen nach

Mailuft geht über alle Häuserschwellen,
Mailuft fließt auf dem Wasser hin, auf grünen Wellen
Und wird in einem Kahn zum frohgesungenen Reim
Und kommt wie junge Sehnsucht niemals heim.

Mailuft sitzt nachts am offenen Fenster wach
Und übt mit Nachtigallen bis zum Morgen.
Sie hat kein Kissen und kein bleibend Dach
Und will auch nicht für lange Zukunft sorgen.
Mailuft geht ihren Liebeslaunen nach.

Im Weinberggarten steht Stock bei Stock

Im Weinberggarten steht Stock bei Stock,
Um jeden Pflock eine Rebe gewunden,
Mit Strohfaden aufrecht angebunden.

Noch ist kein Blatt an den braunen Ranken,
Sie stehen noch alle wie dürr in Gedanken,
Und ihre Glieder im Winde ungelenk wanken.

Kann nur im Geist sie als Lauben heut sehen;
Die Träger der dreist wollüstigen Trauben
Sie leben noch karg heut' vom feurigen Glauben.

Die Sonne, die konnte heut' keiner einreißen

Es blühte der Frühling hellauf in den Tag
Und sonnte den dampfweißen Schlehdornenhag.
Die Sonne, die konnte heut' keiner einreißen,
Die hoch in der Welt wie ein Feuerberg lag.
Auf jedem Gemäuer sie wohl sich fand,
Aufrecht, wie die Pflanzen, am Weg sie stand.
Sie machte den Fluß wie Fackelspur tanzen,
Wie Zündschnur lagen die Wege ins Land,
Und die Sonne schlich hin mit verdächtiger Hand.

Kein einzig Gestirn am Himmel hing

Der Abend ging lau hinter Wolken einher,
Kein einzig Gestirn am Himmel hing,
Der Himmel, der war wie die Brachfelder leer.
Keine Abendsonne ging rot in die Wälder,
Nicht Mond und kein Stern heute Feuer fing.
In einem aschgrauen Wolkenring
Lag öd' die Welt mit steinernen Rippen,
Als wären die Lippen, die leidenschaftroten,
Heut abend verwunschen von neidischen Toten.

Und nun steht alles fertig da

Und nun steht alles fertig da. Der dottergelbe Löwenzahn,
Der wie die Einfalt blüht im grünen Wiesenplan,
Und Blütenbäume sehn sich hell wie Brunnen an
Und leicht, als gingen sie wie Wolken von der Stell'.
Kein Strauch am Wege mehr dem andern gleicht.
Der eine Blütenbusch ist weiß wie Spitzenwerk gebleicht,
Der andere dir Scharlachrote Lippen reicht.
Und jeder Baum lebt wie ein Mensch vor Lust in allen seinen Rippen
Und lächelt wie ein Liebender mit tausend Augen unbewußt.

Wie eine Schmiede erklang das Gemach

Blitzfeuer fuhr senkrecht zur Maiennacht,
Als würde die Welt flammend niedergemacht.
Die Wände entflohen hell aus der Stub',
Bis der Blitz sich im dröhnenden Keller vergrub.
Sein Strahl totbleich am Bett hinstrich,
All unser Pulsblut mit ihm entwich.
Wie eine Schmiede erklang das Gemach,
Drin saßen wir beide weißleuchtend wach
Und horchten der Leidenschaft Schmiedesang nach.

Heller als Blitze im Gras alle Jungblumen jetzt funkeln

Regen um Regen fiel hin, und alle Blüten erschienen,
Mairegen umarmt auflebende Blumen an allen Wegen,
Und sie alle behalten im Regen die festlichen Mienen.

Keine Wolke kann mehr die blühende Wiese verdunkeln,
Ziehen auch Wolken heran, springend wie rauchige Riefen,
Heller als Blitze im Gras alle Jungblumen jetzt funkeln.

Und wird sternlos die Nacht, wild vom Gewitter verhangen,
Stark sind Baumdüfte, wie Sehnsucht süß bald und bitter,
Stärker als Donner erschütternd über das Nachtgras gegangen.

Bin im Liedregen endlich dann zu ihr gedrungen

Habe ich Bäume und Berge und jeden Grashalm besungen,
So halt' ich in Reimen die Liebste umschlungen;
Bin im Liedregen endlich dann zu ihr gedrungen.

Ich darf sie begleiten auf heimlichsten Wegen,
Darf mich nah wie ihr Schatten als Lied zu ihr legen,
Ich höre in Liedern ihr Blut sich bewegen.

Darf im Laub und in Nächten ihr Blut dann begleiten,
Bin nah ihr wie grüne und schneiende Zeiten,
Darf als Lied mich im Bett ihres Herzens ausbreiten.

Die Wolken

Die Wolken, die sich wie im Schlaf hindehnenden,
Hinziehend über des Himmels Abgrund, den gähnenden,
Sie verleben ihre Tage im Schweben.

Wenn sie sich über die Äcker hinheben,
Sind sie wie Frauen, welche der Erde die Brüste geben,
Sind sie wie Betten, ausgebreitet dem Liebesgelüste;

Sind sie wie schreckende, düstere Schattengerüste,
Sind Sie die Herde der Sehnenden
In der Sehnsucht blauer unendlicher Wüste.

Und Jahr um Jahr flog wie ein schwarzer Rab' über den Fluß

Draußen stehen die schmeichelnden Maiwolken und verwehen,
Ins grüne Tal unter der streichelnden Sonne fliehen Maienwinde,
Und alte Wege ziehen jungblumig über der Erde Rinde.

Alle die Wege bin ich gegangen mit überraschten Wangen,
So weit vom Haus meine Augen hinlangen;
Half Jahre begraben und aufbauen mit Jugendbangen.

Und Jahr um Jahr flog wie ein schwarzer Rab' über den Fluß,
Der dem Wasser nur schnell sein dunkles Spiegelbild gab;
Und alle die Jahre wollten, Geliebteste, nur deinen Kuß.

Der verliebte Maiwald

Die weiße Waldanemone, wie vom Wind hergeweht,
In leichten Scharen den Buchen vor den Füßen steht.
Waldwicken und wilde Waldveilchen stellten sich auf,
Sie sehen nicht zu den Bäumen hinauf, zu den hohen,
Sie sehen insichversunken wie die Stillfrohen.
Noch kühl duftet Holz und Halm und Luft,
Und noch selten der versteckte Kuckuck ruft.
Nur der Buchfink singt an den sonnigen Plätzen;
Dazwischen schweigt der verliebte Maiwald in langen Sätzen.

Gehe auf ebenen Wegen, wo nur Nachtigallen sich streiten

Im Parke leuchten die gelben und roten Tulpenbeete,
Und der Springbrunnen springt wie eine helle Rakete.
Der rosige Pfirsichbaum blüht an den alten Terrassen,
Steinfiguren stehen dort, die sich an den Händen fassen.
Ich gehe den Lauben nach und besuche den Finken,
Sehe die Blütenbäume gleich silbernen Leuchtern blinken,
Atme die Lässigkeit, die alle Blüten verbreiten;
Gehe auf ebenen Wegen, wo nur Nachtigallen sich streiten,
Und atme die Liebeslust der Frühlinge aller Zeiten.

Die Nachtigall ruht jetzt nicht die ganze Nacht

Eine lange Wolkenwand vor dem Mond steht,
Wie eine Tür, die nicht zugeht;
Drunter ein Lichtschein über die Schwelle weht.

Die Nachtigall ruht jetzt nicht die ganze Nacht.
Sie hat sich stundenlang um den Schlaf gebracht,
Als tut nur ein Lied dem müden Blut gut.

Auf die Nachtigall horchend ich oft aufstand,
Als spürt' ich ein Zwiegespräch hinter der Wand.
Aber nur den Mond bei der Wolke ich fand.

Mit großen Gesten sich die Wolken in den Himmel teilen

Es ziehen Wetterwolken auf in dunkelnden Zeilen,
Mit großen Gesten sich die Wolken in den Himmel teilen.
Wie von zerschlagenen Scheiben schauen
Vom Himmel die blauen Scherben und grauen.
Aufgeworfen steigt ein Acker zum Erdrand hin,
Obstbäume sind mit blühenden Scheitern darin.
Acker und Baumgerüste stehen unter des Himmels Ruinen,
Unter den Wolkenfetzen mit den Leidenschaftsmienen,
Die alle wie zerbrochene Tafeln den Griffeln der Blitze dienen.

Ich bin zum Maienwald hingegangen

Ich bin zum Maienwald hingegangen
Die alten Bäume wieder zu besuchen.
Da standen die langen und aschgrauen Buchen
Mit hellgrünen Blattwimpeln an allen Stangen.
Und statt des Windes, der sonst im Wald laut spricht,
Ging und kam die Sonne mit wanderndem Licht
Und sah jedem Baum ins durchsichtige Blättergesicht.
Die Buchenblätter alle zartsilbrigen Flaum hatten
Und erlebten wie Glückliche kaum einen Schatten.

Wie ein Mädchen, das nicht laut reden mag

Still wolkenverhangen der Maientag.
Grün dämmerig kommt er durchs Gras gegangen,
Steht am Berg unter Blütenbäumen befangen;
Wie ein Mädchen, das nicht laut reden mag,
Seit sie heimlich zur Nacht bei dem Liebsten lag
Und muß die zu roten Lippen jetzt hüten.
Gedankenlos lacht jeder Vogel im Hag
Aber Mädchen, wenn sie lieben, die halten sich sacht
Und werden erst unbedacht wieder zur nächsten Nacht.

Alle Stunden hatten Zeit und kamen ungebunden

Die Liebste ging mit zum Maiengarten,
Wo Dompfaff und Fink in dem Rasen aufwarten,
Drin wilde Hyazinthen aufs Bienenvolk harrten;
Wo jetzt die Büsche mit goldgrünen Maschen sich bauen,
Und durchsichtige Lauben, denen noch nicht zu trauen.
Die Liebste teilte Lachen dort aus und Lächeln,
Sie ließ sich vom Maihimmel Kühlung zufächeln.
Alle Stunden hatten Zeit und kamen ungebunden,
Und sahen uns an mit Finkenaugen, mit runden.

Maiblüten sind sorglose Lasten

Wie des Weines Geist duften die Blüten draußen,
Und vorbei ist das endlose Fasten.
Ein Singen ist tagelang und nachts ohne Pausen,
Maiblüten sind sorglose Lasten.
Alle Liebe kommt allen jetzt zugeflogen
Auf des Blutes urplötzlich hochgehenden Wogen,
Und Verstand muß in Dunkelheit tasten.
Ach, der Frühling kommt jährlich nur einmal ins Land
Und drückt beide Augen dann zu dem Verstand.

Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter

Ich setze mich hin untern nächstbesten Busch
Und sing's Blau mir vom Himmel herunter;
Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter.
Aus dem Grautag, in welchen die Sorge öd weint,
Wird ein Blautag, sobald nur ein Lied hell erscheint;
Die verstockteste Wolke wird munter.
Wo ein Liebeslied rot wie die Sonne aufgeht,
Jede Wange frohleuchtend voll Herzblut dasteht.
So ein Rot geht dann schwer mehr herunter.

Wie ein Wölklein kam der Mond hergegangen

Wir horchten aus den Heckenwegen ins Tal,
Dort kamen die Abendlieder der Vögel dir entgegen,
Vervielfältigt wie aus einem Echosaal.

Du hieltest deine Wangen dem Himmel hell hin,
Wie ein Wölklein kam der Mond hergegangen,
Als war' er dein Bild in dem Spiegelglas drin.

Ich seh' dich jetzt immer am Heckenweg stehn
Wie das Wölklein Mond mit unschuldigem Schimmer,
Und ich muß dir wie den Liedern im Abend nachgehn.

Wie Maisonne durchdringt mich der Liebsten Gesicht

Eine Pappel am Berg steht im Nachmittagslicht,
Maischein durch jedes Blättlein geht,
Kein Blatt der Sonne widersteht.

Maisonne allein hat jetzt überall Raum.
Der Fluß samt Häuser und der Stadt
In Sonne jetzt unterzugehen hat.

Vor Sonne seh' ich die Ferne nicht,
Vor Sonne seh' ich die Nähe kaum,
Wie Maisonne durchdringt mich der Liebsten Gesicht.

Der Mond, der die Welt sich gern unwirklich macht

Der Berg war frisch ein Blätterkranz,
Die Apfelbaumäste voll Blüten sich bogen,
Der Maimond kam weiß wie zum Tanz hergeflogen.

Bei den Pappeln, die hoch sich die Nacht beschauen,
Dicht Wolke bei Wolke vorüberkroch;
Sie mußten dem Mond den Weg verbauen.

Doch der Mond, der die Welt sich gern unwirklich macht,
Verklärt alle Wolken zum festlichen Zelt,
Wo manch Liebesgedanke hell Einzug hält.

Es irrt die Windsbraut ums Haus verstört

Es irrt die Windsbraut ums Haus verstört,
Durch die Schlüssellöcher man's klagen hört;
Ist wie ein Lied, das umgeht herrenlos
Und sucht sich zum Bleiben heut einen Herd,
Daran es wachsen kann, wie eine Feuersbrunst groß,
Und kommt wie ein Wolkenbruch über die Erd'.
Es klagt die Windsbraut verstört ums Haus,
Es gehn heut Schicksalsstimmen herein und hinaus,
Als riß man den Singvögeln die Zungen aus.

Die kleinen schwachblauen Vergißmeinnicht

Die kleinen schwachblauen Vergißmeinnicht
Sind die Blumen vom wachsenden Vertrauen.
Sie sehen dir offenherzig ins Angesicht
Wie Gedanken, die im Denken aufschauen;
Gedanken, die Pläne ins Grüne bauen,
Von denen der Mund nicht laut spricht;
Gleich den Augen der stillen verschwiegenen Frauen,
Die unter dem Maienhimmel auftauen
Und legen Geständnisse ab, die ihnen längst aus den Wimpern schauen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die Schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Riemen stoßen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.

Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

Die Nacht will sich in laute Wasser einhüllen

Hörst du, wie draußen im Regen die Wasser sich necken,
Wie die Regengüsse hinfallen in langen, lauten Strecken
Und überlaufen über die Ränder der Wolkenbecken,
Als soll mit Mann und Maus heut Nacht die Erde ersaufen.
Es kann kaum der Regen vor stürzender Eile noch Schnaufen;
Die Regengeister füllen mit ihren Wasserleibern die Traufen.

Die Nacht will sich in laute Wasser einhüllen,
Aus dem Regen sie sich ein eigenes Liebeslied macht,
So wie ein Verlassener sein einsames Lachen lacht.

Die kühlen buschigen Weiden

Es stehen wieder die kühlen, buschigen Weiden
Am Inselufer, wo sie zum Wasser hinfühlen
Und spiegeln sich wieder den Sommer lang;
Grüßen den Fluß auf seinem täglichen Gang,
Lassen sich die Welle um den Wurzelfuß spülen,
Zischen mit den Blättern noch nachts voll Genuß
Und lassen sich gern von den vier Winden durchwühlen.
Alle die Weidenblätter voll silbriger Spiegel sind
Und werden wie die Sehnenden auch nachts nicht blind.

Kinderlied;

Sonne kommt herab den Berg,
Sonne staubt die Augen ab,
Streichelt jeden Menschenzwerg.

Grüne Bäume kann sie zaubern
Und den Tag von Sorgen saubern
Und vergißt den Kleinsten nie.

Jeder Fink bringt ihr ein Ständchen,
Jedes Kind reicht ihr sein Händchen,
Jeder liebt wie 'n Schätzchen sie.

Saß' ich ohne Aug' und Ohr vor der Welt...

Saß' ich ohne Aug' und Ohr vor der Welt, die Leid und Liebe tauscht,
Hört' ich doch, wenn's Kleid der Liebsten um mich rauscht;
Sah' ich doch, ob sie errötend stille hält
Und mein Herz wie's Uhrwerk stumm belauscht;
Hörte, ob ihr Haar im Kissen knistert neben mir;
Würde an dem Pochen ihrer Brüste wissen,
Ist der Mai am Fenster voll Gelüste,
Ist es Nacht oder Tag, wenn sie meine Lippen küßte;
Wüßte, ob sie totenblaß ist, und ich sterben müßte.

Der Mond die weißen Nachtwolken erklimmt

Der Mond die weißen Nachtwolken erklimmt,
Die Wasserrosen Wolke bei Wolke schwimmt;
Die Nacht ist auf wandernden Mondschein gestimmt.

Manchmal stürzt ein Käfer zur Stille herein,
Der surrende Schwärmer stößt den Kopf sich laut ein;
Dann steht die Nacht wieder hintreibend allein.

Die Welt scheint tief heut in die Täler versunken,
Der Mond nur hat wehenden Wolken gewunken
Und erhitzten Nachtschwärmern, kopflos und trunken.

Mit den Armen nackt wie ihr Gewissen

Mit den Armen nackt, wie ihr Gewissen,
Liegt die Liebste in den Kissen, in den weißen.
Frühling hat die Fenster aufgerissen,
Sonne rollt den Leib den frühlingsheißen.
Mit der Lust von schönen wilden Tieren
Kommt die Sonne breit auf allen Vieren,
Sonne hat für meine Liebste Zeit;
Wie die Katzen liegen sie beisammen,
Wie die Katzen, deren Haare Funken flammen.

Nur der Verliebte träumend lacht und nie erwacht

Der Morgenmond geht krumm und weiß
Nach einer Nacht, gealtert wie ein Greis,
Stumm ohne Schein ins Feld hinein.

Die Schwalben ziehen Schleifen um das Dach
Und eilen wie die Morgenboten wach.
Wie ein Geschoß reißt jede sich vom Giebel los.

Vom Nachtgespenst blieb nicht ein Schatten da,
Und jeder Baum steht neu im Morgen nah.
Nur der Verliebte träumend lacht und nie erwacht.

Versonnen wie die Augenblicke, von denen keine Tafeln schreiben

Durch die Abendberge, wie eine eiserne Schrift,
Der gewundene Fluß im Tal hinschreibt.
Wie auf graue Tafeln mit eisernem Stift,
Und wie ein ewig Wort er eingegraben bleibt.

Doch flüchtig nur stehen an steiniger Stell'
Am Berg bei mir oben die Anemonen,
Die wie die Taubenschaar weiß auf Höhen wohnen
Und im Abend noch lange helleuchtend bleiben,
Versonnen wie die Augenblicke, von denen keine Tafeln schreiben.

Mai kommt Freude aufpfropfend herbei

Der Mai aus dem härtesten Baum zu dir lacht
Und alle Menschengesichter zu Vollmonden macht.
Mai kommt Freude aufpfropfend herbei,
Maiheiterkeit tanzt über Gräser frei.
Mai macht dich verliebt in allen Stücken,
Aller Griesgram wird klein wie die spielenden Mücken.
Der Mai läßt's Verliebtsein noch niemals mißglücken,
Er schlägt dich mit Sorgen nicht heute entzwei;
Der Mai verschiebt's Unglück auf morgen.

Maienhölzergerüche begleiten die Abendluft, die linde

Gerüche von wildem Rosenholz und von Maibirkenrinde,
Maienhölzergerüche begleiten die Abendluft, die linde,
Und sind wie die Gespielen der Blättergewinde,
Geruch der harzigen Fichtentriebe, der hellen,
Der Weichselgeruch und der Duft von Schlehblütenzellen.
Über die Gräser der Hügel an allen Stellen bergauf, bergab,
Kommen die Bäume zu dir durch die Luft von weitem schon,
Als zögen sie atmend am Wanderstab
Verliebt in alle Welt davon.

Die Berge werden wie dunkle Kissen

In der gelben und grünlichen Abendhelle
Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle.
Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle.

Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen.
Sie kommen und gehen in kurzen Pausen,
Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.

Die Berge werden wie dunkle Kissen,
Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen.
Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen.

Unter blühenden Bäumen kann alles gechehen

Viel blühende Bäume aufgebaut stehen,
Die Landstraße ist wie ein Ballhaus zu sehen.
Wo sich weißgekleidete Mädchen drehen.

Zwischen Himmel und Erde jetzt Feste vorgehen,
Wo wie Hochzeitsfahnen die Bäume wehen,
Und überall schleicht die Verliebtheit auf Zehen.

Unter blühenden Bäumen kann alles geschehen,
Weil sie hergezaubert wie Blendwerk dastehen
Und wie die Luftschlösser plötzlich vergehen.

Durch den hohen Park ging der Zug der Sterne

Durch den hohen Park ging der Zug der Sterne,
Jeder Stern eine kleine Laterne durch die Bäume trug.
Und einige gingen unter die Büsche nieder,
Wo die Nachtigall unter dem Flieder anschlug.
Sonst aber fuhr Dunkelheit durch die Lüfte
Und machte sich unter den Sternen breit.
Die armen Sterne, die über der Zeit hingehen,
Fühlen nur von der Erdenliebe Lied und Düfte herwehen
Und haben noch nie wie der Tag deine liebroten Wangen gesehen.

Auch wo Verliebte gingen, lebt von ihnen noch die Luft

Am Talweg schweigt der Abendwald.
Nur eine Krähe kreischt noch im Geheg,
Ein Stern ist erschienen und ruft andere bald.
Die Waldbäume verloren Gestalt und Mienen.
Am Talweg geht Geruch von manchem Maienstrauch,
Maiblumen trug heut' manche frohe Hand nach Haus,
Der Abend wischt am Weg den Duft nicht aus.
Auch wo Verliebte gingen, lebt von ihnen noch die Luft
Inbrünstig wie das alte Lied, das einer in den Abend ruft.

Und Orgelpfeifen sind die Eichen und Buchen im Wind

Im Walde einer am Wege sitzt von Mittagssonne erhitzt;
Sieht der Buschbirke zu, die mit den Blattspiegeln blitzt,
Und horcht der Windorgel nach; die gibt der Waldtiefe keine Ruh.

Es spielt im Wald die Orgel erst leise, dann laut bald,
Und immer den Anfang ohn' Ende derselben Weise,
Und Orgelpfeifen sind Eisen und Buchen im Wind.
Sie wünschen dem Wind, der auf ewiger Reise,
Daß er gleich der Liebe das Ende nie find',
Damit ihre Lieder unsterblich sind.

Eine heiße Straße im Maiwald ohn' Ende

Eine heiße Straße im Maiwald ohn' Ende;
Grünwachsende Wände der Buchen und Eichen;
Alle Blätter sind tausend arbeitende Hände.

Die Blätter todstill bei der Arbeit jetzt leben
Und senken und heben sich manchmal voll Zeichen,
Als ob Wollustgedanken Vorüberstreichen.

Ein Steinklopfer sitzt an der Straße daneben,
Dem schwer die Brust überm Hämmern schwitzt,
Damit die Steine ihm mehr als nur's Essen geben.

Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen

Ein lechzend Gewitter durch den Nachmittag strich
Und krepierend hinter die Berge hinschlich.
Als lagen Drachen im Liebeskampf,
Umbrüllten sich Wolken mit dumpfem Gestampf.
Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen,
Sitzt grell der Tod in ihrem Lachen.
Jetzt atmet das Gras wieder hell und klar;
Kühl steht die Welt an alter Stell'
Und weiß kaum noch, daß sie voll Durstgefühl war.

Und noch verliebter ward die Luft

Sie brachte einen Strauß herein,
Maiglockenduft zog in das Zimmer ein,
Und noch verliebter ward die Luft.

Sie schloß das Fenster gut und ging,
Und der Maiglockenstrauß zu atmen anfing,
Als eilt' er zu ihr durch das Haus.

Ich atmete mit und hörte manch Wort,
Das von ihr noch im Ohr fortsprach
Und lief ihr wie der Maiduft nach.

Endlos nur der Mensch verliebt sein kann

Nachts schlug der Regen die Baumblüt' ein,
Grün sehn jetzt die Bäume zum Tag hinein
Und sind mit den groben Blättern allein.

Die verliebte Blüte floh geschwind;
Noch alle Wege weiß heut sind,
Und morgen fegt sie der Wind.

Dann geht bei den Bäumen die Arbeit an,
Sie ziehn Apfel und Kirschen wie Kinder heran.
Endlos nur der Mensch verliebt sein kann.

Als ist das Feuer dein wahres Gesicht

Maiglocken duften im Zimmer noch spät.
Gewitterlicht schnell an den Fenstern hingeht,
Als ob die Scheibe aufzuckt und zerbricht

Ein Froschchor quakt von unten am Fluß.
Die Nacht schwemmte fort des Tages Verdruß
Und hat jeder Lust ein Lied erdacht.

Wir lehnen im Dunkel Wang' an Wang'.
Das Gewitterlicht zuckt dir am Leib entlang,
Als ist das Feuer dein wahres Gesicht.

Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus

Ein früher Abend schleicht im Haus herum,
Er löscht die Farben deiner Wangen aus
Und hängt dir seine Blässe um.

Maibäume stehen im Regen gebückt,
Die Berge dampfend voll Wolken wehen,
Deine Brust ist dumpf wie der Abend bedrückt.

Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus,
Dein Gesicht allein leuchtet weiß hinaus
Und sieht starr wie die Maske des Kummers aus.

Als wärst du zu Erde geworden vor Sorgen

Ich erwachte heute voll Gram im Morgen,
Als müßte ich dich für immer vermissen,
Und sah dein Gesicht verdunkelt im Kissen,
Als wärst du zu Erde geworden vor Sorgen,
Als wärst du weit fort jetzt und wohlgeborgen.
Dein stilles Gesicht auf den Kissen dort,
Das schwieg und schwieg sich stets weiter fort.
Und ich meinte, es käme nie mehr zu mir hin,
Auch nicht wenn ich Erde geworden bin.

Und bin der Ärmste von der Welt

Ach, nur die Lieder unsern Stunden,
Leg' ich als den Entgelt dir hin
Für deine Lieb', der täglich wieder
Ich neue Lieder schuldig bin.
Ich bin der Reichste von den Reichen,
So lang es deinem Blut gefällt,
Und kann die Schuld doch nie begleichen,
Und bin der Ärmste von der Welt,
Wenn mal mein Tag kein Lied enthält.

Und Regen fällt zu Regenguß

Ein Regen ernst und würdevoll
Wirft Wasser in den vollen Fluß,
Als ob das Flußbett bersten soll;
Die Welt zu Wasser werden muß.
Und immer neues Wasser läuft,
Und Regen fällt zu Regenguß,
Und Regen sich zu Regen häuft
Wie Sehnsucht, die mit jedem Fuß
Auf neuer Sehnsucht fußen muß.

Es hängt der Goldregen seinen Träumen nach

Es singen die Kirchenglocken über den Bäumen,
Als ob Fabelvögel mit erzenen Schwingen
Aufrauschend durch die Wolken dringen.

Es hängt der Goldregen seinen Träumen nach,
Die Kastanienkerzen leuchten an den dunkelgrünen Wegen
Und Maiwolken stehen wie fliegende Gärten über dem Dach.

Nun wollen die Menschen nicht nur vor sich hingehen.
Sie nehmen sich Flügel, wo sie sie finden,
Und lassen sich gern beim Fliegen die Augen verbinden.

Ein jeder hat vom Boden sich blind fortgesehnt

Die Jahre haben alle Fliederbäume am alten Haus gedehnt,
Sie drehn sich mit verrenkten Körpern fremd hinaus,
Der Garten sieht verknöchert und vergeistert aus.

Manch kleiner Stamm, der früher sich an jeden Wind gelehnt,
Und dessen Gabel wir mit einem Griff gefaßt,
Verwuchs sich in die Leere ohne Rast.

Ein jeder hat vom Boden sich blind fortgesehnt,
Die Aste sehn verstürmt an uns vorbei,
Kaum ein paar Schattenreste fallen auf uns zwei.

Die winzige Erdbeerblüte

Im Mittagwald, im moosigen Bett,
Die winzige Erdbeerblüte rund steht,
Sie duftet wie blühende Güte.

Die kleine wird gern von der Waldbien' besucht,
Versteckt unter Eichen in maigrüner Bucht,
Und nur ihr Duft ist ihr Lebenszeichen.

Warm reift zur roten Beere die Blum'
Auf kleinsten Füßen im Waldkönigtum
Und kann zweien die Waldstund' versüßen.

Als darf kein Wölklein auf zweie fallen . .

Die Maiberge grau wie Luft entweichen,
Und Schwalben streichen durch den Regen
Hin unter den Wolken, den wasserreichen.

Und vor uns auf abgekühlten Wegen
Geht unter dem Laub, dem regenzerwühlten,
Ein Menschenpaar verliebt und verlegen.

Scheint von allen den Wolken nicht eine zu sehen,
Als darf kein Wölklein auf zweie fallen,
Die unter getreuen Gedanken gehen.

Ich seh' nur Blumen taumeln, wo ich steh'

Der Flieder streut sich auf die Erde blau,
Der Weißdorn schüttet seinen warmen Schnee,
Die Ahornblüte regnet über Weg und Au,
Ich seh' nur Blumen taumeln, wo ich steh':
Schneeballen, welche keinen Schmerzen,
Goldregenbaum, dem helle Ketten fallen,
Und feuerblaue Iris hingestellt zum Gartensee.
Doch ohne dich, Geliebte, ich an allen
Stumm wie ein Winterstumpf vorübergeh'.

Wenn du, Herzliebste, nicht bei mir bist...

Wenn du, Herzliebste, nicht bei mir bist,
Möcht' ich mein Herz versenken
Dort, wo der Fluß am tiesten ist.
Und möchte nichts mehr bedenken,
Damit mich jeder Wunsch vergißt.
Und möchte den Kopf begraben,
Daß grüner Rasen drüber sprießt.
Und glaubte doch nie, daß die Toten
Es besser als Lebende haben.

Himmelfahrtstag

Niemals ich je in einen ändern Himmel mag
Als den, in dem ich immer selig lag,
In deinem Arm, wo alle Erde still
Zu deinen Füßen lehnt und nichts mehr will.
Dein Haar mit seiner wogenden Gebärde,
Dein Aug' mit seiner Lichterschaar
Und deine Brust, an der ich wunschlos werde,
Sie aller Himmel allerhöchste Lust mir sind.
Lieb' ist die Himmelfahrt für jedes Erdenkind.

Es ist der Abend im Mai mehr wach als der Morgen

Ich ging in der Nacht unter blühenden Lauben,
Deren Gerüche wie Ätheröle verstauben.
Auch die Ohren mußten dem Tauben klingen,
So übten Nachtigallen der Leidenschaft singen,
Sie lösten sich ab in den Bäumen verborgen.
Es ist der Abend im Mai mehr wach als der Morgen.
Sie sangen von ihrem Begehr ohne Zaudern,
Von Verzückung und süßen Schaudern,
Und alte, die sie hörten, mußten Feuer fangen.

Im gläsernen Treibhaus

Im gläsernen Treibhaus stehn groß allein
Ein paar gipserne Göttergestalten.
Sie sehn in die sonnige Leere hinein,
Ihre Körper sind weiß ohne Falten.
Die Palmen, die sonst in dem Winter hier hausen,
Die zischen wohlig im Parkgrün draußen.
Und totenstill von ihren steinernen Tischen,
Wie vor Jahrtausend mit blendendem Leibe,
Sehn die Götter verliebt in die Sonnenscheibe.

Doch je kühler der Abend dich von mir weist

Der lüsterne Abend kommt durchs Fenster mit Wohlgeruch,
Als murmelt er vor sich hin manch verführenden Spruch.
Er will dich im Dunkel von meiner Seite fortrücken.
Er stiehlt dich meinen Augen, bis ich nichts behielt
Als dein Bild im Geist und mein stilles Entzücken
Und deine Hände, die mich dunkel an sich drücken.
Doch je kühler der Abend dich von mir weist,
Desto wärmer dein Atem um meinen kreist,
Desto näher meine Lippen zu deinen rücken.

Ein einziger Acker war am Weg, wo heftig Grillen fangen

Ein einziger Acker war am Weg, wo heftig Grillen sangen,
Als trieb sie alle au zugleich ein irrsinnig Verlangen.
Als wüchsen die Grillen verzückt zu Gestalten,
Die Geigen und Flöten im Handknöchel halten
Und spielen zum Tanz allen Liebesnöten,
Bis die Ohren den Träumern im Schlaf noch schallen;
Bis die Wolken im Abend vor Wollust sich röten,
Bis die Wolken im Morgen als Nebel hinfallen,
Und die Tänze die Tanzenden töten.

Der ewige Rabe

Der ewige Rabe im Walde schrie.
Bald hörst du ihn wie ein Kind aufweinen,
Bald klagen, wie in dem Stall das Vieh.
Am Waldrand muß er dir dann erscheinen
Auf schwarzen Flügeln, die um sich schlagen.
Er läßt sich wie's Schicksal nicht weiter jagen,
Als müßte er ewige Lasten mittragen
Und schleppte am eigenen Schatten schwer;
Schleppt wie jeder ein dunkel Gewicht nebenher.

Kaum hat sich die Abendsonne über den Fluß verloren

Kaum hat sich die Abendsonne über den Fluß verloren,
Rufen die Schwalben hell in alle Fenster, alle Ohren,
Als jagen sie die Sorgen fort, die letzen Tagesgespenster.
Frei überm Häuserrauch, übern verbrannten rötlichen Himmel,
Tummelt sich leidenschaftlich der Schwalben pfeifend' Gewimmel,
Wie ein Gedankengefecht die äußersten Höhen durchschweifend.
Dann erst zieht verklärt ein die glänzende Abendstille,
Wie des fortziehenden Tages letzter aufleuchtender Wille,
Damit die Mädchen unter den Türen das Nahen des Geliebten spüren.

Der Wald ist jetzt eine dunkle Laube

Der Wald ist jetzt eine dunkle Laube.
Er sitzt weit ab vom Alltagstaube
In ewiger, wogender Festlichkeit
Und vertreibt uns mit Liedern die Zeit.
Wir können dort unter den lautlosen Buchen
Nicht nach dem schweren Golde suchen.
Wir sehen den Spuren der Rehe nach,
Die wohnen leicht unter des Waldes Dach
Und sind wie Verliebte im Mond nachtwandelnd wach.

Das Forsthaus

Das Forsthaus sieht seit hundert Jahren die Waldwiese an,
Und jeden Frühling erscheinen ihm wieder Salbei und Thymian,
Und weißer Staub zieht auf der Waldstraße an ihm vorbei.
Die Jagdhunde lungern im Staub dort zur Mittagsstunde,
Der Kuckuck ruft in unendlichem Sinerlei aus der Waldesrunde.
Und die bummelnden Bienen kommen und gehen mit dem Honig im Mai.
Vorüber knarren Lastwagen und fahren die Waldstämme fort,
Manchmal fliegt aus einem der Fenster ein flüchtiges Menschenwort,
Und zwei, die gestern da ausgeruht, sitzen im glücklichen Geiste noch jahrelang dort.

Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer

Die Nacht macht alle Bäume gleich,
Sie stehen wie die dunklen Mauern
Von einem unterirdischen Reich
Und wie Gestalten, die am Wege kauern.
Doch ihre Frühlingsgeister halten mit dir Schritt.
Sie senden Blütenrauch im Dunkeln her
Und gehen abwechselnd am Wege mit,
Und sie verlassen dich nur schwer.
Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer.

Als wollten ihre Augen nicht mehr aus dem Wald heraus

Nur einen kleinen Waldstrauß,
Nur einen Buchenzweig und den gedanklich blauen Fingerhut
Nahm sie vom Waldweg mit nach Haus,
Es wollten ihre Augen nicht mehr aus dem Wald heraus,
Es fühlten ihre Hände sich bei kühlen Blättern sorglos gut
Und schlössen Freundschaft mit den blauen Blüten und schöpften Alltagsmut,
Als brächte schon ein Waldzweig Lauschigkeit in steife Zimmerwände,
Daß man im Haus dieselben umspielten Wege wiederfände
Wie in dem wunschlosen Waldgelände.

Kein Tag hat Anfang mehr noch Ende

Nun löst ein blauer Tag den andern ab,
Sie kommen wie Hochzeitslader den Berg herab
Mit Heckenrosen am Hut und feuervergoldetem Stab.

Die Sonne fährt als Prunkkarosse hin,
Statt Pferde tausend Wünsche an ihr ziehn,
Und jedem sitzt die Schönste in der Sonne drin.

Kein Tag hat Anfang mehr noch Ende,
Nur Sonnenstunden reichen sich die Hände,
Es sieht das Aug', ins Aug' verliebt, durch alle Wände.

Es hat niemand wie dein Herz über dich Gewalt

Eine Geisblattstaude duftet ins Dunkel gerückt
Am Weg beim Bild der Madonna aus Stein,
Eine tiefhängende Gewitterwolke holte uns ein,
Und nahte, wie eine drohende Gestalt
Über dein Haupt gebückt.
Die Mondsichel stand wie ein Heiligenschein in den Himmel gedrückt
Das Kleefeld duftete dir zu Füßen in die Schwüle verzückt.
Und langsam vor dir, wie zerpflückt, wich die Wolkengestalt
Es hat niemand wie dein Herz über dich Gewalt.

Frei über der Brüder Gleichmaß und Joch

Das Walddach steht glatt wie mit Sensen geschnitten,
Als sei ein Mäher hoch über die Wipfel geschritten.
Nur eine einzige Eiche höher als die andern ragt,
Wie ein Kopf, an den sich das Messer nicht gewagt.
Der streckt sich sehend in den Abend hoch,
Frei über der Brüder Gleichmaß und Joch.
Und selbst der Blitz darf ihm am Stamm hinschaben,
Als können ihm die tödlichsten Feuer nichts anhaben,
Solange alljährlich die Frühlingslust noch umarmt den Riesenknaben.

Der Himmel wälzt sich donnernd heut herum

Der Himmel wälzt sich donnernd heut herum,
Als rollt er Steine in den Bergen um.
Der alte Himmel, der sonst tot und stumm,
Hat jetzt im Frühling eine Stimme und zeigt Zähne.
Und Feuer springt ihm aus dem Aug' zur Träne,
Als wächst ein Leid in ihm zum Ungeheuer aus
Und wirft sich über Menschen, Baum und Haus
Und loht als rote Fahne am Gemäuer.
Verzückt von einem ungestillten Wahne.

Kein Tod die Sehnsucht niedermäht

Der Tod geht in donnernden Wolken ums Dach.
Wenn sein feuriger Atem die Gesichter anweht,
Dann werden im Blut dir alle Frühlinge wach.

Die Augen fahren den Schnörkeln der Blitze nach,
Manches Geheimnis dann mit Feuerschrift dasteht,
Der Mensch erschrickt und wird beim Lesen schwach.

Der Donner durch die Wolken würfelschüttelnd geht,
Der Menschen Kartenhäuser leicht ein Blitz umweht,
Doch ihre Sehnsucht wandelt fort, kein Tod die Sehnsucht niedermäht.

Selbstleuchtend steht der Mond groß an den Rampen

Der Halbmond hat die Wolken aufgerissen
Und baute ein Theater mit Kulissen,
Die Bühne fliegend und gleichwie erhellt von Lampen.
Selbstleuchtend steht der Mond groß an den Rampen,
Agiert sein Stück die ganze Nacht allein.
Mit weiter Geste flößt er Sehnsucht ein,
Spricht zu der unsichtbaren Liebsten Reden hin,
Und noch der Schlafende fühlt seines Pathos Sinn,
Und auch geschlossene Augen richten sich auf ihn

Es ist ein Geisterreich neu in der Luft entstanden

Noch in der Abenddämmerung leuchten Akazienblüten hell,
Dein Fuß geht durch den dichten Duft kaum von der Stell,
Es ist ein Geisterreich neu in der Luft entstanden;
Und neue Wege über deinem Haupt sich fanden,
Daß dir dein Fuß nicht mehr am Boden gehen will.
Der Geist der Blüten zieht zum Himmel stark und still.

Das Reich der Düfte dringt dir in das tiefste Mark,
Daß du im Dunkel Lieder hörst, wo niemand singt,
Und die Akazie an dem Weg dich aus dir aufzusehen zwingt.

Luft ist die höchste Not von allen Nöten

Und der Akazienduft macht zwei, umarmt im Tanze,
Schwül erröten,
Kommt schwindelnd und betäubend dicht herbei
Und spricht: Lust ist die höchste Not von allen Nöten.

Akazienblüten an die Brust sich einstmals meine Liebste wählte,
Als sie bei keinem Abendtanz im Mai noch fehlte,
Und jähe Unruh', wie der Duft der Dolde, sie beständig quälte.
Heut nennt sie die Akazienblüt' beim Wiedersehen:
Tänzerin!
Und deutet mit der Hand versonnen winkend zu ihr hin,
Als läge in dem einen Wort aller Genüsse Sinn.

Und es erschienen alle Rosen vor der Tür nach einer Nacht

Und es erschienen alle Rosen vor der Tür nach einer Nacht,
Es hat sie ein Gedanke, ein einziger von dir, zur Welt gebracht,
Du fragtest nicht, hast lässig nur ihn vor dir hingedacht
Du hattest übermütig Sehnsucht nach der Rose Luft und Götterpracht,
Schwerblütig sind dir alle purpurnen und königlichen Knospen unbewußt erwacht.
Sie füllen Reihen kleiner Bäume vor der Tür und sind rund aufgequollen,
Als ob sie wie beglückte Lippen heimliche Kosenamen nennen wollen,
Anbetend sitzen sie vor deinem Zimmer, so wie ein still verliebter Schwarm.
O, öffne, immer wie für deine Rosen, für meine Inbrunst deinen Arm.

Tag sieht mit spätem Licht noch ins Gemach

Die Vögel brüten, und der Abend schweigt
Liedlos, als muß er ruhen von dem Mai.
Nur eine Amsel singt ins sommergrüne Einerlei
Als letzte, die noch keine Ruhe zeigt.
Der Berg ist grün, und alle Blüten fielen fort.
Der Fluß fließt endlos ohne Sang und Wort.
Der Abend horcht der letzten Amsel nach,
Tag sieht mit spätem Licht noch ins Gemach,
Und Tag und Abend Arm in Arm liegen vereint am Dach.

Das erste Heu liegt schon im Wiesenrand

Einförmig sind des Frühlings letzte Nächte.
Die Heckenrose blinkt im Dunkel wie aus Porzellan
Und sieht dich aus den Dornen lockend an,
Als ob sie gerne deine Hand zum Pflücken brächte.
Das erste Heu liegt schon im Wiesenland,
Der Viertelmond lehnt wie die Sense an der Himmelswand,
Als ob er Arbeit in der Nacht noch fand
Und blank und stark die Felder niedermacht
Und alles, was die Frühlingsleidenschaft erdacht.

Ich sah dir und der roten Blume nach

Es stand in der Dämmerung ziegelrot
Die erste Mohnblume über den Weg,
Die sich im Halbdunkel noch deinem Aug' anbot

Du nahmst sie mit. Die Mohnblum' brannte noch,
Als längst die Nacht in alle Bäume kroch;
Hieltst sie wie eine kleine Fackel hoch.

Zu Haus trugst du sie leuchtend ins Gemach.
Ich sah dir und der roten Blume nach. —
Du trägst mir ewig neues Feuer unters Dach.

Ich sah am Himmel meine Sorge als Komet

Die Sorgen heut auf mich gleich wie aus Wolken fallen
Und prallen wie ein Hagel vor mich hin.
Die Sorgen lauter als die Straßen schallen.
Und, als verlor die Liebe jeden Sinn,
Mußt' ich mich in die Kissen ratlos legen
Und noch im Schlaf von meinem Elend wissen.
Und nur ein wenig Ruhe war im Traum darin:
Ich sah am Himmel meine Sorge als Komet,
Der feurig weiterfliegend hinter Berge geht.

Kein Regen meine dürren Sorgen stillt

Der Regennebel dampft und Waldgewühl sich bläht,
Ein Riese schwer in Wasserstiefeln stampft,
Er hat das Blau vom Himmel fortgemäht.

Der müde Abend nimmt den Nebel sich als Pfühl,
Waldholz steht prunkend wie ein Chorgestühl
In einem Dom, der seit Jahrhunderten ergraut und schwül.

Dem Walde schwillt wie nebeltrunken jeder Knorren.
Nur mir kein Regen meine dürren Sorgen stillt,
Es muß die Hand erst im Gebet verdorren.

Indes der Regen durch die Bäume schleicht

Der Nebel hängt am Laub schwer wie ein nasses Tuch,
Und Brennesselgeruch schlägt ins Gesicht.
Holunderblüten schwimmen noch im letzten Licht,
Ihr Duft drückt in der hellen Nacht wie ein Gewicht.
Aus einem Hause spielt schnell ein Klavier,
Indes der Regen durch die Bäume schleicht
Und triefend am Holunder niederstreicht.
Im Hause tanzt der Tasten mutwillig Gegirr,
Es suchen Hände einen Halt im Herzgewirr.

Wir saßen auf den engen Weinbergstufen

Nun hat der Weinberg seinen grünen Blätterbausch.
Die Luft geht um die Rebenblüt' und sucht,
Statt bei der Traubenfrucht, schon bei der Blüte ihren Rausch.

Wir saßen auf den engen Weinbergstufen
Und dachten nicht an Küfer, nicht an Kufen.
Weinseligkeit kam ohne Wein uns ungerufen.

Es war der Weinberg unser zugemauert Haus,
Und unsere Augen sahn als Fenster hell hinaus,
Und wie den Trinkern ging der Durst nicht aus.

Aus allen Tälern kommt der Hähne Ruf

Aus allen Tälern kommt der Hähne Ruf,
Als ob sich jede Meile eine Stimme schuf,
Und weckt die Erde in der grauen Runde
Zum Augenöffnen in der Morgenstunde.
Dazwischen noch ein Käuzchen leise klagt,
Dem Dunkel es nur ängstlich Abschied sagt.
Manchem die Nacht mehr als der Tag behagt,
Wenn er im Finstern sich zur Liebsten wagt,
Weil ihm das Blut zur Lieb' am Tag verzagt

Ist's noch Frühling vor der Tür

Ist' noch Frühling vor der Tür?
Liegt am Fluß der Berge grüner Ring?
Meine Fenster ich befragen muß,
Weil wie Schemen und Gespenster
Blind vor Sorge ich im Dunkel ging.
Spüre nichts als nur den Gram,
Der mir wie ein grauer Star
Alles Licht im Auge nahm.
Weiß kaum, daß ich einmal sehend war.

Kommt durch das Fenster der Rosengeruch

Als zärtlich lieblicher Besuch
Kommt durch das Fenster der Rosengeruch;
Geht mitten unter die Tagessorgen
Und zeigt auf die wirkenden Gärten im Morgen.
Mir ruht die Arbeit kurz still in der Hand.
Auch Sorg' lebt mit Rosen eng Wand an Wand,
Denk' ich, und fühle mein Blut versüßt,
Als ob mich im Geist ein Geist warm küßt,
Der mich von meiner Liebsten grüßt.

Die Blütensporen

Vom abgeblühten Flußschilf fliegen die Blütensporen himmelan,
Schweben wie weiße Federn bis zur Stadt heran
Und wandern an den Häusern hin zu jedermann.

Sie segeln tagelang wie hingehauchter Flaum,
Tauchen und sinken spielend durch den Raum
Und kommen weither von den Ufern übern Fluß,
Als ob das Leben ewig wandern muß.
Es fliegt den Wiesen die verliebte Jugend fort,
Der Blütensporn verweht, wie manch begeistert Wort.

Ein Krähenhauf flog johlend über die Straße

Wir gingen die Landstraß1, die nicht enden wollte,
Hoch überm Wald die goldene Mondkugel rollte.
Ein Krähenhauf flog johlend über die Straße
Und suchte Nachtruh' in der Wipfelmasse.
Die Kräh'n, die ich vom Winter her nur zankend kannte,
Als sich der Schnee tief in den Wald verrannte,
Die flogen jetzt einträchtlich hin im Zug,
Als ob der Schwarm dem Wald die Nacht zutrug,
Als flogen Sorgen stückweis fort, wie ich zu dir das Aug' aufschlug.

Die Schwalben schossen vorüber tief dir zu Füßen

Die Schwalben schossen vorüber tief dir zu Füßen,
Als sei ihr Flug ihr Zeichen tief dich zu grüßen.
Oft dünkten die Vögel am Himmel mich mehr klug
Wie mancher, den ich nach Wegen der Erde frug.
Schwalben, die früh bis spät in Freiheit schwammen,
Die halten sich in Liebe eng zusammem
Sie bauen ihr Nest warm wie der Mensch sein Dach.
Sie fliegen von früh bis spät begeistert wach
Und eilen stets hurtig dem Weg ihres Herzens nach.

Die Rosen öffnen ihre runden Schalen

Die Rosen öffnen ihre runden Schalen
Und leuchten weithin mit den roten Strahlen,
Sind wie gewölbte Muscheln in dem Gartenmeer,
Stehn wie die Urnen aufgeglühter Stunden unterm Laub umher.

Die Dornen, die sich eng an den Rosen halten,
Sind wie die Hände, die sich um das Liebste falten,
Und wachen eifersüchtig und entschlossen
Und haben Zudringliche fortgestoßen.
Manch Tropfen Blut ist um die röteste geflossen.

Der Schatten sieht die Gärten bedrohlich finster an

Dem Sonnentag wuchs täglich kräftiger ein großer Schatten,
Liegt breit vom Weinberg an den Fluß herab,
Als zieht er jeden Baum zu sich hinab,
Es müssen die Blätter einmal von seinem Gewicht ermatten.
Er liegt wie eine Grube abgründig bei den Hecken,
Er fliegt mit den Wolken und dehnt sich aus Verstecken.
Der Schatten sieht die Gärten bedrohlich finster an,
Als ob er sich anschicken kann zu einer Macht,
Und nur Verliebte schreckt nicht in seinen Blicken die ewige Nacht.

Die grünen Roggenfelder liegen still umhüllt

Die Frühlingsnacht hat grau das Tal gefüllt,
Die grünen Roggenfelder liegen still umhüllt,
Und es verfliegen dunkel Weg und Wälder.
Die Arbeit ließ die Menschen endlich los.
Sie sitzen in dem Dorf an allen Türen
Und werden bald an ihren Reden groß,
Als ob sie keine Erde unterm Boden spüren
Und auf den Worten durch den Nachtduft führen. —
Die Leidenschaft ruft auch den Bauer auf ihr Schloß.

Wir gingen hinter der Abendstund'

Wirr gingen hinter der Abendstund',
Und wie in einen Abgrund führen finster die Wälder,
Halme und Ähren wankten am Rand der Felder,
Und ein paar Wolken zogen zerpflückt hinein ins Land.
Ein großer Stern über den Halmen wie eine Blume aufgegangen stand,
Stark duftend die Holunderblüt' im dämmerigen Busch verschwand,
Und Dunkelheit wie eine Stumme, sich unter jeden Baum einfand.
In dieser Stund' blieben die Wege der Erde kaum,
Und wie im Abgrund sucht die Hand nach einer Hand.

Vor uns steht im Gras der Nachthimmel als Laterne

Vor uns steht im Gras der Nachthimmel als Laterne.
Der Vollmond beblendet trübgrau und rosig die Ferne,
Als ist das Laternenglas verstaubt und matt.
Kaum ein Schatten vom Baumfuß ein wenig Linie hat,
Die Berge sind niedrig und schmal wie Kinderbänke,
Die Bäume mächtig im Feld wie finstere Schränke.
Du und ich, wir gehen wie Schatten im Scheine um
Und kommen nicht um die Mondlaterne herum und wandern,
Und manchmal verschmilzt der eine Schatten im andern.

Die Eule ruft, als lacht ein Narr

Die Eule ruft, als lacht ein Narr
Und rennt starr seinen Kopf an Bäume ein,
Und alle Bäume lachen hinterdrein.

Im Mond verwandelt sich gern jeder Stein
Und will gegrüßt sein, und auch angesprochen,
Und alle tun, als ob sie nach dir krochen.

Du hörst noch einer Sense schartigen Klang.
Ein später Mäher geht im Mond entlang
Und haut ins Gras, hart ohne Sang.

Mondschatten hängen ums Haus wie Lauscher

Mondschatten hängen ums Haus wie Lauscher,
Die ihre Ohren an die Läden drängen.
Der Mond begleitete uns in den Baumgängen,
Wo die Büsche hockten wie Vögel mit Federn und Fängen.

Am Tag wollen alle Dinge erscheinen und gefallen,
Aber nachts nur lauschen und plötzlich erschallen.
Alle Bäume beginnen auf einmal zu rauschen,
Als greifen Hände hinein und schütteln drinnen,
Und die Nacht ist erschüttert vom Erwachen und Besinnen.

Dein weißes Kleid war wie aus weißem Stein

Dein weißes Kleid war wie aus weißem Stein,
Metallene Augen legte der Mond in dein Gesicht hinein.
Und wenn dein Nacken sich schlank bewegte,
War es, als ob der Mond mit Händen an dir niedersank
Und sich um deine Hüften sehnend legte.
Du wurdest wie ohne Gefühl, und wie aus Silber gegossen,
Und lehntest dich kühl zurück in den Mondschein, den großen.
Da ist mir eine Blutwelle steil in den Schädel geschossen,
Und ich hätte gern, wie ein Narr, mein Messer nach dem Mond gestoßen.

Ein paar Heckenrosen

Ein paar Heckenrosen, die ich gestern für dich im Mondschein gepflückt,
Stehen heute rosig im Glas, wie von deiner Nähe entzückt.
Gestern stahl sich kaum ihre Blässe in die bläuliche Nacht,
Sie waren in Dämmerdunkel noch nicht für dich erwacht.
Sie waren noch Schwestern der Blätter und Büsche gestern,
Heute sind sie deines Lächelns und deiner Wangen Schwestern.
Die Rosen, wenn in die Nähe verliebter Augen kommen,
Sind nicht wie Vögel, denen die Freiheit genommen,
und die man gefangen,
Die Rosen werden erst Rosen in der Nähe errötender Wangen.

Heut kommt der Sturm an, um die Bäume zu finden

Heut kommt der Sturm an, um die Bäume zu finden.
Seit jeder Baum belaubt und ein grüner Turm,
Hat der Sturm noch kein Blatt geraubt.
Aber heut ließ er sich nicht mehr binden.
Wirbelnd und sich wälzend wie ein Wurm,
Siehst du ihn sich auf der Landstraße winden.
Er rennt in das Laub und zerreißt die Rinden
Und aufrecht jagt er den demütigen Staub,
Und er tobt, als bleibt ihm die Geliebte taub.

Unsere Gedanken wir tags im Haus vergruben

Unsere Gedanken wir tags im Haus vergruben
Hinter heißen Fensterladen und in kellerdunklen Stuben.
Während draußen der Flußspiegel wie Hexensilber tanzt,
Und die Sonne das Haus umschanzt mit Mittagbrand,
Liegt drinnen mein Leben leicht in deiner Hand.

Am Abend, wenn der Vollmond die Flußbrücke bleicht
Und dir einen goldenen Schleier über die Fensterbank reicht,
Dann gehst du neben mir herzwandelnd dem Dunkel nach
Und lockst wie das Abendläuten die guten Geister unter das Dach.

Der Vollmond steigt, und alle Häuser werden klein

Der Vollmond steigt, und alle Häuser werden klein,
Der grüne Fluß steht lautlos wie versumpft,
Der blaue große ferne Wald schrumpft ein,
Der Mond wächst wie ein Goldberg breit allein.

Der Tagesstaub liegt abgestumpft im Grase,
Fiel in die Gärten, in die Nesseln grau hinein.
Noch immer eilt zum Meilenstein die Straße
Und zieht die müden Menschen hinterdrein,
Und drüber wächst der Mond wie aller Abendwünsche goldne Masse.

Du findest die Menschen im Dunkel, wenn deine Augen warten

Papierlaternen rote und gelbe, die hängen im Ufergarten.
Du findest die Menschen im Dunkel, wenn deine Augen warten.
Manch Busch manchmal wie ein Mensch und zwei manchmal wie ein Busch.
Aufblitzend im Himmel knattert laut einer Rakete Gehusch.
Alle Laternen mild leuchten, und wie die Weltkugeln sich drängen
Und wie die bunten Gestirne nahe den Ufern hängen.
Es spielt die Nacht mit Feuern, und alle Wesen verschwanden,
Und nur Papierlaternen, wie Monde, im Garten entstanden;
Hell, manchmal in einem Kahne, zwei Menschengesichter landen.

Und immer geiler der Holunder im Dunkelgrünen blüht

Und immer geiler der Holunder im Dunkelgrünen blüht
Und in der Nacht wie ein Verführer blind sich müht.
Er hat sich in der Schwülen Luft breitbrüstig aufgemacht.
Er lacht an allen Gartentüren, wie ein Brandstifter heimlich lacht,
Die Wurzel seinen Rumpf mit viel Geheimem gern ernährt,
Und um ihn rings die Luft toll von den tollsten Schwüren gährt.
Er hat schon manchen Schrei erstickt mit seiner Blüten Brunstgeruch,
Und hat oft zweien Leib an Leib ein Dach für Lust und Fluch gewährt,
Daß manche Hand nach Jahren noch aus Herz sich fährt.

Du sagst, du siehst nicht mehr zur Luft

Du sagst, du siehst nicht mehr zur Luft,
Weil jetzt die Wiesenblumen blühen!
Ich weiß, daß jede dich nur ruft,
Der rote Mohn will dir nur glühen.
Und all die tausend Wiesenkleinen
Sich blühend nur um dich vereinen.
Doch manchmal fällt noch zu den Steinen
Ganz nebenbei ein Blick von dir,
Und dann blühn alle Steine mir.

Im Zimmer deine zarte Brust sich atmend auf und ab bewegt

Der blaue Tag liegt in dem Fensterrahmen unerregt.
Im Zimmer deine zarte Brust sich atmend auf und ab bewegt,
Als ist zu atmen schon allein des Lebens allerhöchste Lust.
Windstille liegt am Berge draußen unbewußt
Als hat die Erde weite Wege heut zurückgelegt.
Und durch die Fenster sieht der Berg auf deine Brust,
Die keinen Augenblick ermüdet stille liegt.
Ein Vogel hoch hin überm Himmel einsam fliegt
Und wie dein Atem ohne Pausen sich über allen Bergen wiegt.

Es schwimmen die Seerosenblätter im Teich

Es schwimmen die Seerosenblätter im Teich
Wie kleine Inseln und wie flache Kähne.
Es heben sich Geisterrosen aus dem Wasserreich
Über den Wasserrahmen geräuschlos und bleich,
Und um ihre Bilder gleiten die Schwäne.

Als riefe einer sie Schlafwandelnd stumm herauf,
Als öffnet sich der Sehnsucht selbst die Wassertiefe,
Biegen sich über die großen Blätter, die regungslosen,
Weitaufgeschlagen in Tagen und Nächten, die Rätselrosen.

Und auch den Äckern gingen Augen auf

Und auch den Äckern gingen Augen auf.
Kornblumen, die stahlblauen, stummen,
Betrachten wie Augen der Sonne Lauf.

Ihre Farbe ist ehrfürchtig und tief.
Sie wohnen ernst auf den Ackerkrumen,
Die blaue Ruhe sie aus der Erde rief;

Der Himmel stückweis auf der Erd' einzieht
Und grünende Ähren über ihm summen,
Und eine Kornblum' der andern wie Aug' ins Auge sieht.

Johannisfeuer

Auf den Bergen reiten Feuer,
Werfen sich wie Ungeheuer
In die Nachtluft, in den Raum;
Flammen stehen hell als Baum,
Rote Flügel sich entfachen,
Aus den Bergen fliegen Drachen,
Nichts hält mehr den Berg im Zaum.
Flammen sich wie Lieder wiegen —
Sonne hat die Nacht erstiegen.

Und Asche werden alle Wünsche bald

Mit Armen wie ein Feuer, das zum Himmel langt,
Vor dessen Hitze jedem grünen Blatte bangt,
Greift Liebe in der Wünsche jungen Wald,
Und Asche werden alle Wünsche bald.
Und wie der blaue Geist der letzten Flammen
Raffen der Wünsche Seelen sich zusammen
Und fliegen fort, damit es Frieden werde.
Wo einst getobt die jähe Flammenherde,
Bleibt wunschlos sanfte Asche auf der Erde.

Die Ferne und die Nähe ward ein Ort

Und dich und mich, uns trug die Flamme fort,
Die Ferne und die Nähe ward ein Ort.
Wir Menschen wachsen mit den Bäumen auf
Und werden wie die Bäume einst zum Scheiterhauf.
Es zünden sich, wie Scheit an Scheit, so Mann an Weib
Und lodern von der Erde fort als einziger Leib;
Sind Freudenfeuer in der kurzen Nacht
Und haben sich auf Feuerfüßen aufgemacht
Und wissen nichts von ihrer eigenen Pracht.

Bald...

(Zeilenfall und Reim muß korrigiert werden)
Bald werden wir wieder zu den Birken gehen,
Die mit ihren weißen Stämmen biegsam wie junge Menschen dastehen.
Bald, wenn die Winde die Wiesen kämmen und am Rain und auf Dämmen die Grasfahnen wehen,
Dann ist unser Herzschlag nicht mehr zu hemmen und will hurtig wie die Bachstrudel sich drehen.
Bald wollen wir unterm Nußbaum wieder liegen, wo die Heupferdchen uns über die Schultern fliegen,
Wo wir immer Rundschau hielten, wenn die Sommerwolken am Erdsaum wie weiße Schiffe in den blauen Raum aufstiegen.
Wir gaben ihnen als Last alles, was wir je gedacht an Gedanken,
Bis dann Schiff und Fracht endlich zergingen in Schaum und versanken.
Bei dem Dornbusch der Heckenrosen, wo uns oft Blutstropfen über die Hände geflossen,
Stehen wir bald still und möchten wieder mit den rosa Röslein kosen,
Wenn sie auch mit kleinen Dolchen alle um sich stoßen.
Denn jede Rose nur allein, wie die Mägdlein, ihren Willen will;
Leicht hält keine stolze, fällt's ihr ein, fremden Händen still.
Bald gehen wir zum Steinbruch dann, wo sich nichts mehr regt,
und entdecken uralt wie in einem Buch dort Bilder,
Ammonsschnecken, Schachtelhalme finden wir auf Steine eingeprägt.
Denn die Steine sind nicht wilder
Als die Menschen. Und ein Stein, der sich niemals noch vom Flecke fortbewegt,
hat doch der Jahrtausend' lange Strecke still zurückgelegt.

Erde hält, was sie geliebt, umschlungen tausend Menschenalter als Versteinerungen.
Wenn am Steinbruch uns das Alter quält,
Gehen wir dem weißen Falter nach, der mit seiner leichten Sippe überm Kleefeld sich bei Flatterfesten wohl gefällt,
Fliegen mit ihm von den steinigen Wüsten zu den Honigküsten, die ihm jede lila Kleeblüt' süß entgegenhält.
Wunderbar ist's auf der Welt bestellt. Wandelbar
ist sie die Bühne für des Lebens Launenschar:
Bald durchs Grüne klingt die Lust im Roggen,
bald muß sie in einer leeren Muschel raunen, bald spielt sie mit Kleeduft, bald mit Menschenlocken.
Nirgends ist ein Atemstocken, nirgends eine Endlich-
keit je war, nirgends bleibt das Leben müde hocken.
Bald, ach bald, sind du und ich, die wir Kind und Weib und Mann gewesen,
Bloß zwei Gräber nur, darauf Menschen von dem Grabstein Namen, Jahreszahl und Amen lesen.
Wo bleibt da des Lebens Spur? Alle schwinden, Berg und Wald,

Aber immer neue Wege hin zum Leben finden alle bald.—
Bald strählst du die Ähren mit der Hand, wenn die
Körner sich dann täglich mehren,
Und die Felder, die sich tief verneigen, Kornblumen
am Rand dir wie tausend blaue Augen geilen.
Gibt es denn kein schöneres Lauschen, als wenn wir,
Wang' an Wange hören, wie sich rund die Ährenfelder bauschen,
Und der Sperling' Horde in dem Apfelbaum sich zankt
zu der Stunde, wenn der Tag abdankt,
Und die Abendsonne unterm Wachtelschlag hinterm Wald fortwankt.
Bald mag unser Schritt nicht weiter gehen, weil wir
Nachtrauch vor uns steigen sehen.
Und wir spüren süßeren Hauch, als je Blum' und
Blüten geben,
Unser Blut, das sich aufgemacht, will uns bald statt
der Sonne seinen Weg jetzt führen, und die Nacht will uns verweben,
Nacht will dich und mich fortheben, unser Leib muß unterm Herzschlag beben.
Denn bald ist da nur noch eine Macht, die Veracht fühlt gegen Tod und Leben,
Die, geboren, keine Mächte mehr um Rechte fragt,
Die in Allmacht ragt, die für dich das Gute und das Schlechte wagt,

Die dir nichts versagt. Die so viel genannt und viel
verkannt, bald vergöttert, bald verflucht,
Sie die Licht- und Nachtgestalt, die die Menschen stets
begeistert und stets heimgesucht,
Sie, die Lustgewalt, die aus nichts das All hinmalt:
Liebe, die dies Lied hinsingt. Süß ist sie, wenn sie mit uns ringt
Und dem, den sie besiegt, den Sieg auch bringt.

Liebste, bald unterm Giebel, der viel Sterne nächtlich trägt,
Hast, Geliebte, du, deine Brüste dicht an meine Brust gelegt,
Und die Grille geigt durch die Ruh', als ob sie Unendliches noch wüßte;
Und der Mond steigt auf mit Lust über Äcker hin und hald', er der still Begrüßte. —
Dann wird mir zu Sinn, als ob nichts mehr sich verschweigt, und ich niemals sterben müßte.