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Hugo von Hofmannsthal: Knabengeschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorHugo von Hofmannsthal
year1988
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-331503-1
titleKnabengeschichte
pages253-259
created20001113
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hugo von Hofmannsthal

Knabengeschichte

Furchtbar krümmte sich der Sperber, den die Buben an das Scheunentor genagelt hatten, der hereinbrechenden Nacht entgegen. Euseb, der älteste von denen, die es getan hatten, stand in der Dämmerung und starrte auf den Vogel, aus dessen leuchtenden Augen die Raserei hervorschoß, indes er sich an den eisernen Nägeln, die seine Flügel durchdrangen, zu Tode zuckte. Da stieß aus der dunkelnden Luft das Weibchen herab, mit gellendem Schrei flog es wie sinnlos schwindelnde kleine Kreise, hing dann mit ausgespannten Flügeln und glimmenden Augen starr da und warf sich jäh aufwärts, rückwärts gegen die Bergwand hin, in wahnsinnig wilden Flügen verschwindend, wiederkehrend. Ihr Schreien sollte das nachtschwarze Gewitter, das da lag und mit seinem zurückgehaltenen Blitz den eigenen Leib durchflammte, heranlocken und mit Zauberkreisen auf das Dorf niederziehen. Der Knabe Euseb hielt sich kaum auf den Beinen und das Grausen faßte ihn im Genick, daß er nicht den Augapfel zu drehen wagte. Dennoch ergriff er nochmals den Hammer, um seinen Vater zu finden. Als aber nun, unter einem lautlosen Blitz, die ganze Scheune fahl aufzuckte, und nun von einem Windstoß aufgestört zu seiner Rechten der bärtige Ziegenmelker aus einem Mauerspalt hervorschoß, einen Käfer zu spießen, zu seiner Linken die Fledermaus hintaumelte, so riß es ihn herum und trieb ihn mit knirschenden Zähnen ins Dorf hinab. Da zeigte ein neuer Blitz dicht vor ihm die Kirchhofmauer mit allen ihren Fugen, in denen Asseln wohnten; die Kreuze schienen sich unter der jähen Helle zu recken und auf dem einen frischen vorjährigen Kindergrab schüttelte sich der Strauch, dessen Blüten rote Herzen waren, die an Fäden hingen. Aber wie der Blitz verzuckte und die Dunkelheit schwer wie ein Bett-Tuch hereinfiel, glitt aus dem rückwärtigen Fenster eines kleinen Hauses schräg hin auf die Kirchhofmauer ein Lichtschein. In dieser Kammer schlief die Tochter des Fleischhauers, das schönste Mädchen des Dorfes; und es hatte einer der älteren Knaben, das wußten alle, hier einmal, da sie sich entkleidete, den Schatten ihrer Brüste auf den Vorhängen immerfort sehen können, bis sie das Licht ausblies.

So drückte sich Euseb unter ein Vordach, wo Schindeln hoch aufgeschichtet lagen; und sein Herz klopfte anders als früher. Ihm gegenüber hing, den Kopf abwärts, das Kalb, das er am Nachmittage hatte führen sehen; noch schien aus dem weichen Maul der warme Hauch zu dringen. Hier verging dem Knaben Euseb die Zeit, die er lauerte, wie nichts; er hörte nicht die Viertelstunden fast über seinem Kopfe schlagen und in der beklommenen Luft dröhnen. Er achtete des Blitzes nicht, der grell die Glocke in ihrem Gestühl entblößte; er fühlte nur das Kalb, ihn erfüllte nur, daß das Mädchen da drinnen war und dann in ihrer Kammer sich zu Bett legen würde. Jetzt ging sie in der Gaststube umher, es saßen da zwei oder drei, denn der Fleischhauer schenkte einen einjährigen Wein aus.

Nun kamen zwei dunkle Gestalten draußen auf das Haus zu; es waren Bediente der Stadtleute, die ihre Landhäuser rings um das Dorf und an den Hängen der Berge hatten; der eine war in Livree mit Kniestrümpfen, der andere war als Jäger gekleidet. Nun blieb der eine zurück und der andere ging voraus und trat in die Gaststube. Da trat auf den, der zurückgeblieben war, aus dem finsteren Winkel hart neben einem rauschenden Laufbrunnen eine Frauensperson, hob die Hände gegen den Menschen auf und suchte seinen Arm zu fassen. Die untere Hälfte ihrer Gestalt war unförmlich breit, und Euseb wußte sogleich, daß es die Magd des Kronenwirtes war, eine junge Ortsfremde, zu der er und die andern Knaben verstohlen hinsahen, wenn sie mit schwerem Leib am gestauten Mühlbach niederkniete, die Wäsche zu schwemmen; weil sie alle wußten, daß die eine Schwangere war. Nun schüttelte der Bediente die Flehende, daß sie mit der einen Hand am Brunnenrand sich stützte, mit der andern krampfhaft sich zum Leibe fuhr; ihr Weinen übertönte das Rauschen des Brunnens; da trat der andere Bediente mit der schönen Fleischhauerstochter auf die Schwelle, und der Livrierte gab jetzt seiner Rede, indem er gegen die im Finstern stehende Magd sich halb umwandte, einen lauten und fremd vornehmen Ton. »Das war im vorigen Jahr«, rief er zurück, »und jetzt schreiben wir ein neues Jahr. Und damit sela!« Und da sie mit einem aus angstvoll aufgerissenem Mund hervorbrechenden »Joseph, Joseph« nochmals auf ihn zu wollte, so warf er ihr mit messerscharfen Worten, die wirklich die Kraft hatten, sie starr zu machen, vor, daß eine Person in ihrem Zustand sich schämen sollte, auf der Gasse und vor den Wirtshäusern herumzuziehen, daß ihn die Zeit, die er im vorigen Jahr mit ihr vertan habe, gereue und ihn auch jetzt jede weitere Minute gereuen würde, da er Besseres vorhätte, als sich mit ihr herzustellen.

Den Knaben Euseb in seinem Versteck durchdrangen diese messerscharfen Worte mit einer Art grausamer Wollust, bei der Gewandtheit, mit der der Bediente seine Worte vorbrachte und dann drei Takte pfeifend und ohne sich umzuwenden in dem Gasthaus verschwand, wurde es ihm ähnlich zumute wie öfters wenn die Kleider der Frauen und Mädchen aus der Stadt ihn streiften: aus diesen hauchte ein feiner betäubender Duft, der ihn mit einem zwiespältigen Gefühl erfüllte, in dem er, ihn einziehend, weich und demütig dahinzusinken meinte und zugleich etwas in ihm sich dabei gewalttätig aufbäumte. Dieses Doppelte ergriff ihn jetzt wieder, es war als ginge wie eine Tür im Dunkeln die geheime Herrlichkeit des Lebens der Stadtleute und ihrer Diener für ihn auf, und es trieb ihn, der Magd, die vor sich hinstöhnend, die Hand im Mund, verzerrten Gesichtes fortwankte, nachzuschleichen, immer unbemerkt hinter ihr drein zu sein, mit der Ahnungslosen ein grausames Spiel zu treiben. Sie ging in dumpfer Verzweiflung mitten in der Straße hin; er schlupfte seitwärts zwischen den Hecken, die sich im Sturme bogen, unter den Bäumen, die der Sturm schüttelte, längs der Scheunen, die in ihrem Gebälke ächzten. Der nächtliche Sturm trieb ihm Staub und Spreu in die weitaufgerissenen Augen; er achtete es nicht: er hatte das Bewußtsein seiner Gestalt verloren, minutenlang war er klein wie die Wiesel, wie die Kröten, wie alles was da an der zitternden Erde raschelte und lauerte; im andern Augenblick war er riesengroß, er reckte sich zwischen den Bäumen empor, und er war's, der in ihre Wipfel griff und sie ächzend niederbog; er war der Schreckliche, der im Dunkel lauert und am Kreuzweg hervorspringt, und in ihm die Schreckhaftigkeit eines gescheuchten Rehes, und er fühlte alle Schauer, die von ihm ausgingen, an seinem eigenen Rücken herunterrieseln. Diese, die vor ihm hintaumelte, war ihm ganz verfallen; er war ein Stadtherr und hatte mehrere dergleichen; zwei Frauen hatte er in sein Haus eingesperrt, und diese trieb er jetzt dazu; er war der Metzger, der ein ihm entlaufenes Tier beschlich, um es zu Tode zu führen, das Tier aber war ein behextes Tier; es war dieses Weib da vor ihm. Er duckte sich, wenn der Wind innehielt, und sprang wieder vor, wenn er daherstob; es war eine innige Übereinstimmung zwischen den Atemzügen des Windes und seiner wilden geheimen Jagd; der Wind war mit ihm im Bunde, und die großen Blitze erleuchteten den Weg mit seinen Wagengeleisen, warfen ihren Schein an den Kalkmauern der Häuser hin und zwischen die Hecken, leuchteten in den Wald hinein und zeigten die Wurzeln der Bäume, alles um ihm seine Beute immer zu zeigen, wenn sie ihm im Dunkel entschlüpfen wollte.

 
Aus den Notizen

Der Knabe wurde in dieser Nacht weit über sich selber emporgerissen – – sein Vater kommt ihm nahe als Räuber, Landstreicher, der ein Pferd losmachen will – Heiliges tritt ihm bis zum Berühren nahe –

 

In allem berührte ihn sein Schicksal, reizte ihn zur Grausamkeit und regte etwas weit Tieferes in ihm auf.

 

Euseb und der Vogel: alle seine Gier nach Eindrücken zuerst um das Erlebnis mit dem Vogel zu ersticken. (Plötzlicher Schreck wie er erkennt, daß die Gemeinschaft der anderen ihm dabei nichts hilft, die andern hängen nur so daneben herum wie aufgeblasene Därme, die der Wind bewegt, neben dem Kalb); er sucht sich zu betäuben, wirft sich auf seine Pferdedecke, auf den Bauch, die Arme vor der Brust (wie ein Horchender an einer Tür); da ist auf einmal unter ihm der Vogel in undeutlicher Menschengestalt. Er muß heraus: er muß es durchdenken. Diese Erkenntnis, dieser Entschluß ist knabenhaft mutig: nun wird er zu einem fabelhaften Antagonismus – er und der Vogel als märchenhafte Gegner – – dieses Märchen zerrinnt, er kann einschlummern.

 

Die schlimmste Anfechtung für den Knaben: wie ihn der Zweifel anfällt, ob denn an dem Ganzen etwas dran sei – wie er die Kraft der Landschaft und der Mannheit, die aus ihr emporwächst, bezweifelt – und dann mit einem Ruck dies alles auf sich zu nehmen bereit ist und alles, was daraus entstehen möge, Böses, Gemischtes, Drohendes: auf sich zu nehmen und durchzustehen, also zu leben.

Er war am Rand einer solchen Verwirrung gewesen, daß ihm geschienen war, es greife eine Mutterhand-Mörderhand nach ihm, die doch nach einem Wesen neben ihm griff – und er vermochte es nicht zu sondern – –

 

Hebbels Gemütsverfassung in der schlimmsten Zeit seines Lebens.

 

Zustand des Knaben Euseb: an das Gute der Welt nicht heran –, zu ihm nicht hinüberkommen zu können – will sich hinüberschwingen, – sich hinübertasten – auch der Mord an dem Sperber ist so eine folternde Ungeduld, hinüberzukommen ins andere. Das Rätsel, wie alles von außen anders aussieht: bei einem Fenster hineinschauen – ein Fenster von weitem sehen. Ihm ist: er wirft sich immer durch die Dinge hindurch.

 

Er sucht den Vater – auch in Hammerschlägen auf die Nägel, die den Leib des Sperbers am Holz kreuzigten, suchte er den Vater – – – und fand sich.

So gekreuzigt war auch er durch den Vater, den Verächter seines Lebens.

Predigt des Katecheten: der Vater habe die Verachtung kundgegeben für das von ihm hinterlassene Geschöpf.