Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Harry Schmitz >

... ist wohlgetan,... ist wohlgetan

Hermann Harry Schmitz: ... ist wohlgetan,... ist wohlgetan - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Ästhet und andere Tragikomödien (Sämtliche Werke Band III)
authorHermann Harry Schmitz
year1988
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20058-5
title... ist wohlgetan,... ist wohlgetan
pages120-126
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Hermann Harry Schmitz

... ist wohlgetan,... ist wohlgetan

Die Tragödie aller Marionetten


Personen:

Adalbert Kaforke, ein sehr alter Mann

Frau Wehneibe Plümecke, eine energische Frau, seine Tochter

Pelzenfröbbe Knüller, ein Blinder aus der dritten Etage

Fränzchen Kasseroll, ein Leprakranker von nebenan

Babette, ein Dienstmädchen aus der ersten Etage

Dr. Plack, ein Hautarzt

Fedor, ein Schutzmann

Toni Heinemann, der liebe Gott

 

Spielt auf der Bleiche bei Plümeckes.


Vorhang

Kaforke: (ein furchtbar alter, gebrechlicher Mann; schleppt sich an Stöcken mühsam heran. Es ist wirklich ein Jammer mit so einem alten Mann. Seine Stimme: seniles Gekrächze)
Ich bin ein sehr ein alter Mann – ein sehr ein alter Mann. Ich will nichts mehr vom Leben und das Leben nichts mehr von mir. Nur Wehneibe Plümecke will, daß ich aufpasse, daß niemand auf die Bleiche geht.

Knüller: (bahnt sich vorsichtig in der Weise eines Blinden, in der Hand einen Stock, voran; gerät dabei auf die Bleiche.)

Kaforke: Bitte, Herr Knüller – Wehneibe Plümecke will das nicht. Ich soll aufpassen und bin doch ein sehr ein alter Mann.

Knüller: Was soll ich nicht? Drücken Sie sich bitte deutlicher aus. Im übrigen ist »ein sehr ein alter Mann« falsch. Es heißt einfach: »ein sehr alter Mann«.

Kaforke: Wehneibe Plümecke ist dagegen, ist doch sehr dagegen.

Knüller: Wogegen? Reden Sie doch vernünftig. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Sie wollen.

Kaforke: Ich bin doch ein sehr ein alter Mann und Wehneibe Plümecke ist meine Tochter.

Knüller: Frau Plümecke ist eine energische Person. Ich höre häufig oben in meiner Wohnung, wie sie schimpft. Ja, um Himmels willen, was will sie denn nicht?

Kaforke: Ja, die will das einfach mal nicht, und sie hat mich hierhin gestellt, ich soll aufpassen – worauf – das habe ich nun vergessen. Ich bin ein zu alter Mann.

Knüller: Ja, dann lassen Sie mich auch bitte in Ruhe. – – Sie müssen doch recht senil sein, wenn Sie die einfachsten Dinge, die Ihnen aufgetragen werden, vergessen. Sagen Sie mal, für Sie muß das Leben doch eine furchtbare Last sein.

Kaforke: Gotte ga – gotte ga – aber das will ich Ihnen sagen – lieber alt und schwach – alt und buckelig als blind.

Knüller: Wissen Sie, ich danke meinem Schöpfer, daß ich nicht zu sehen brauche, was für eine erbärmliche Figur die meisten abgeben, daß mir alle die Geschmacklosigkeiten des Alltags erspart bleiben. Nur der Blinde kann Ästhet sein. Er ist überhaupt der Ästhet kat exochen.

Kaforke: (grummelnd) Es ist nicht recht, Herr Knüller, zu einem alten Mann »kat exochen« zu sagen. Soweit ist es mit mir nun doch noch nicht – ich bin zwar ein sehr ein alter Mann – –

Knüller: Man sollte die Menschen gleich kurz nach der Geburt blenden. Nur dem Blinden sind die Geheimnisse des Lebens entschleiert. – Haben Sie zum Beispiel überhaupt ein Innenleben?

Kaforke: Gotte ga – ich sollte doch auf etwas Obacht geben. Wollte doch Wehneibe Plümecke haben. Kat exochen zu mir zu sagen. Ich bin in Ehren grau geworden. Ich habe das allgemeine Ehrenzeichen mit der Impfpocke in Gold.

Knüller: Ob Sie ein Innenleben haben?

Kaforke: ... und ich sollte doch auf etwas aufpassen.

Knüller: Ich frage Sie, ob Sie ein Innenleben haben?

Kaforke: Ich leide viel an Blähungen und saurem Aufstoßen in mir.

Babette: (kommt mit einem Korb Wäsche und beginnt die Wäsche auf der Bleiche auszubreiten.) Wir haben zwar heute nicht die Bleiche, aber Plümeckes waschen ja diese Woche nicht. (singt)

Kaforke: Ich sollte doch irgend etwas tun... was war es nur? Ich bin doch ein zu ein alter Mann.

Knüller: Man kann Ihren Quatsch kaum mitanhören. – (Nähert sich Babette) Ihre Stimme, mein Fräulein, läßt mich den Liebreiz Ihrer Züge, den Charme Ihrer Grazie ahnen. Zarte, sündhafte Batistgedichte spreiten Sie sicher aus, mir prickelt der Duft davon in der Nase.

Babette: Sie sinn jut.

Kaforke: (murmelt fortgesetzt vor sich hin) Wehneibe war es ju-ju-ju. – Wehneibe sagte: bleib hier, Adalbert – bleib hier – hat sie gesagt – und passe auf, und passe auf.

Knüller: Für einen Blinden gibt es nur Schönheit in der Welt – alles Häßliche berührt uns nicht. Wir lauschen einer Beethovenschen Sonate – der Genuß ist für uns vollkommen. Wir sehen nicht die schweißverklebten Haare, das verknüllte Vorhemd des Virtuosen, wir ärgern uns nicht über seine Pose. – Dann die bildende Kunst. Wir sind ein für alle Mal der Qual enthoben, heute den Neoimpressionisten, morgen den Pointillisten, dann wieder den Symbolisten, Japan – Holland, heute dem, den man Greco nennt, zuzujubeln – morgen sich für Velázquez zu begeistern und ihn übermorgen, wie Meier-Gräfe beschließt, zu verdammen – die Sterne von gestern um neuer willen zu bescheinen – – – – – Ich lasse mich, wenn die Nacht herniedersinkt, an den Saum der Wälder führen und lausche dem Spiel des Windes in den Wipfeln, lausche in den nächtlichen Wald – lausche den ewigen Symphonien Pans, und in meiner Seele entsteht ein Bild von monumentaler Größe. Ich sehe Schwärzen, wie sie keines Malers Palette birgt – ich sehe einen Himmel voller Sterne, wie keine Technik sie jemals bannen kann – – – ich möchte fast sagen Rüdi-Lühli.

Babette: Sie sinn jut.

Knüller: Schönheit, Schönheit gehört den Blinden. Blinde Mütter haben immer schöne Kinder. Ich weiß nicht, wie meine Frau aussieht, und das ist gut. Das sollte ein Ehemann überhaupt nicht wissen.

Babette: Sie sinn wirklich jut.

Kasseroll: (Bekleidet mit Hose und Normalhemd. Hosenträger hängen hinten herunter. Die Backe ist zur Hälfte weggefressen.) Es ist doch immer verdammt gut, wenn man weiß, woran man ist. Der Schlüssel meines Optimismus ist meine Backe. Mir kann jetzt eigentlich nichts Erhebliches mehr passieren. Ich muß mir etwas Lehm holen für meine Backe.

Babette: Sie Ekel. Warten Sie, wenn das Frau Plümecke wieder sieht, daß Sie aus ihrem Blumenbeet Lehm wegholen. Nu, Ihnen wird es dann gutgehen!

Kaforke: Gi – Gi – Wehneibe will das nicht – recht – recht – Wehneibe will das keineswegs; drum soll ich aufpassen – und ich passe auf, wenngleich ich schon ein sehr ein alter Mann bin.

Kasseroll: Na, Alter, das ist ein Kreuz, das Leben in den Jahren, was?

Kaforke: Solange man noch gesunde Knochen hat – gesunde Knochen hat – völlig gesunde Knochen hat - Gotte ga – kann man noch aufpassen, wenn Wehneibe Plümecke – aber sagen Sie mal, Sie haben eine recht unappetitliche Sache an der Backe.

Kasseroll: Das ist Ansichtssache. So habe ich alleinstehender Mensch wenigstens etwas, für das ich sorgen kann.

Knüller: Herr Kaforke, da ist doch eben jemand gekommen, der da eben sprach. Sie sagen, er hätte etwas Unappetitliches an der Backe. Sehen Sie, das stört mich nicht.

Wehneibe: (stürmt die Bühne; keifend) Heißt das aufpassen? Bagasch, runter von der Bleiche – und Sie, wie kommen Sie mir vor? Werden Sie sofort Ihre schlunzigen Fetzen von der Bleiche nehmen?!

Dr. Plack: (mit dem Schutzmann Fedor; beide haben Wattebäusche vor dem Mund.) Da ist ja der Kranke. Packen wir ihn schnell!

(Stürzt auf Kasseroll zu.)

Kasseroll: (sträubt sich) Lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen. –

Dr. Plack: Ein furchtbarer Fall von Lepra – schleunigst in die Baracke.

(Schleppen Kasseroll fort.)

Kaforke: Ich habe es ja gleich gesagt, man soll den Leprakranken aus dem Stück lassen. Jetzt haben wir es. Ohne Kasseroll können wir nicht weiterspielen. Es ist mir aber auch schon ganz recht so. Ich weiß sowieso nicht mehr weiter. Ich bin ein zu ein alter Mann.

Knüller: Das ist nun wirklich fatal. Ich hatte noch einige gute Aphorismen in meiner Rolle.....

Babette: Hätte ich das geahnt, hätte ich erst morgen gewaschen und wenigstens keine Scherereien mit Frau Plümecke bekommen.

Wehneibe: Die janze Bleich zertrampelt für nix und wieder nix.

Toni Heinemann: (schreitet langsam über die Bühne; bleibt in der Mitte in großer Pose stehen; spricht mit enormem Pathos) Ich aber sage Euch – wo Ihr glaubtet zu spielen, ward es ernst – ward es nimmermehr Schein – trügerisch Gleißwerk, nein es ist Wahrheit worden. Ich habe Euch alle überaus lieb und könnte auch alle darauf bezüglichen Sprüche, die in jedem Fatalismus zu finden sind, aufsagen. Aber das hat sich überlebt und gilt selbst bei uns nicht mehr für chic – aber ich kann Euch für dieses Mal nicht helfen. Da kommen andere Gründe in Frage – künstlerische Motive. Ihr tragt alle den Keim des Todes in Euch. Ihr seid alle von Kasseroll infiziert und werdet wie er die Lepra bekommen. Ja, ja – dies alles mußte ich so kommen lassen – dieses nämlich ist der einzig mögliche Schluß dieses Stückes. Nur so wirkt Ihr tragisch. –

(Alle erstarren vor Schrecken.)

Vorhang








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.