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... ganz anders

Kurt Tucholsky: ... ganz anders - Kapitel 95
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typefiction
authorKurt Tucholsky
title... ganz anders
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Man muß dran glauben

Ich hatte mal einen dicken Freund, der sagte mir auf die Frage, ob er denn schwimmen könne, immer: »Ja – ich kann schwimmen. Aber – ich glaube nicht recht dran.« Das ist ein merkwürdiges Wort, und ich kann es nicht vergessen.

Es ist nämlich die kürzeste Formulierung für die eigentümliche Tatsache, daß es letzten Endes hienieden gar nicht aufs Können ankommt, gar nicht auf die Technik, auf das Äußerliche, auf das, was erlernbar ist. Es kommt einfach darauf an, daß man das glaubt, was man macht.

Das kann man nun keinem beibringen. Es gibt gewachsene Dinge und gemachte – die meisten sind gemacht. Die gewachsenen sind die, bei deren Herstellung der Schöpfer sich das geglaubt hat, was er machte. Es ist merkwürdig, ein wie tiefes und feines Gefühl alle Leute für diesen Unterschied haben. Falsche Herzenstöne gibt es nicht. Es gibt nur falsche Herzen. Ein leises Schwanken, ein bängliches Zögern – und vorbei ist's mit aller Wirkung, mit der künstlerischen und mit der menschlichen. Aus und vorbei.

Eine ausgewachsene Zote in einem Salon ist etwas Unmögliches. Schon deshalb, weil keiner da ist, der sie mit saftiger Freude, mit vollem Bewußtsein ihrer Unmöglichkeit, mit dem vollen Glauben erzählen kann. Ich habe im Felde von altgedienten Intendanturbeamten Dinge erzählen hören, die einen vom Stuhl warfen – wurden sie dann von irgendeinem schwächlichen Vertreter wiederholt, verpufften sie und wirkten übel, weil der dabei feixte und sich im Grunde seines Herzens für viel zu fein für diese Dinge hielt. Der andere aber war angetreten, hatte voller Lebensfreude vorgemacht, wie ein Mann, der sich Unter den Linden nicht sehr fein benommen hatte, aufgeschrieben wurde (dabei ist mir noch die prächtige Bewegung in der Erinnerung, wie der imaginäre Schutzmann mit behördlichem Schwung in seiner hinteren Rocktasche nach dem dicken Buch wühlte) – und das alles war so lebenswahr, so famos beobachtet, so massiv und selbstverständlich wiedergegeben, daß man nur seine helle Freude haben konnte. Rot wurde niemand. Und es war auch gar nicht nötig.

Das ist beim Schauspieler so, der sich irgendwie glauben muß, was er uns da vormacht – sonst glauben wir's auch nicht. Das ist beim Redner so, und das ist schließlich, wenn man genau hinsieht, bei jedem Menschen so. Zuerst muß er glauben, dann erst können wir's.

Mir ist die alte Sage vom Reiter über dem Bodensee, der über die gefrorene Fläche des Wassers ritt, immer recht als Symbol schwersten Kalibers erschienen. Der glaubte auch, über festes Land zu reiten – er sah den Abgrund unter seinen Füßen nicht; er fühlte die Gefahr nicht, in der er schwebte, und bestand sie, weil er sie nicht zu bestehen brauchte. Was der Berliner in dem einen kurzen Satz auszudrücken pflegt: »Der hat's gut – der ist blöd!" Und das ist manchmal wirklich kein Schade.

Denn die Reflexion tötet. Maeterlinck hat einmal in einem sehr interessanten Aufsatz erzählt, wie bei Automobil-Unfällen allemal derjenige verunglückt, der noch im Augenblicke der Gefahr nachdenkt, was er nun zu tun habe – daß aber der unbehelligt davonkomme, der sein Gehirn völlig ausschalte, der gar nichts tue. Das Unterbewußtsein, das ja viel stärker, raffinierter und zweckbewußter arbeitet als die Überlegung, regelt dann alles von selbst. Das Gehirn ist eben nicht allen Dingen gewachsen.

Wohl aber die gesunde Lebenskraft. Wohl aber jener Saft, der in den Pflanzen sein Wesen treibt und in den Tieren – und in den Menschen nicht minder. Wohl aber jener Glaube, der Berge versetzt, und der – Wunder über Wunder – sogar über Menschen etwas vermag.

Es brauchte nicht erst Krieg zu sein, um uns zu belehren, wieviel solch ein Kerl wert ist, der immer Rat weiß – aber nicht jenen erklügelten Rat, den wir uns schließlich auch selbst erschwitzen können, sondern einen andern, bessern. Einen gewachsenen, einen immer fertig parat liegenden, einen erdgeborenen Rat. Aber wo wächst der –?

Es ist ja kein Zufall, daß alle die Leute, »die daran glauben«, ständig mit der Natur in Berührung leben. Es ist, als zögen sie, deren Füße die braune Erde treten, eine Kraft aus dem Boden, der Asphaltmenschen versagt ist.

Also kämen wir dahin, Primitivität zu fordern? Blauäugige Blondheit? Robuste Stiernacken? Simpelste Kraft? – Nicht doch. Nicht sie allein.

Glauben fordern wir als Grundlage aller menschlichen Dinge. (Daß hier nicht an Dogmenglauben gedacht ist, braucht wohl nicht erst betont zu werden.) Wir fordern den Glauben, weil wir alle instinktiv wissen – Frauen wissen das noch besser als wir Männer – daß das Wesen des Menschen, das, was er eigentlich ist, da beginnt, wo seine Reflexion aufhört. Die ist erworben und künstlich ausgebildet, die ist nicht immer adäquat; die ist nicht er selbst. Aber das andere, das was Schopenhauer »Wille« und andre anders genannt haben: das ist er.

Es muß ein Punkt da sein, wo einer, nach allem Grübeln, nach allem Denken und Knobeln, einmal klar und erfrischend auf den Tisch schlägt und sagt: »Grad durch!« und dann seinen Weg geht. Denn es lassen sich die Dinge dieser Welt nun einmal nicht alle restlos mit dem Gehirn erledigen. Wenn man mit dem mathematischen Denken fertig ist, bleibt etwas zurück, das sich nur mit der robusten Kraft bewältigen läßt. Und das ist ganz gut so, sonst säße ein Rabulist auf dem Thron, und das werden wir doch nicht wollen, nicht wahr?

Das Ideal – das Ideal wäre freilich: beides zu haben. Die Kraft und das Gehirn. Die Faust und den Kopf. Hierzulande ist das heftig getrennt.

Die einen haben Gehirn, viel Gehirn. Sehr viel Gehirn. Dann taugen sie meist wenig zum aktiven Tun – und wenn sie sich darin versuchen, verfallen sie immer wieder in den alten Fehler, alles mit den Regeln der Logik abmachen zu wollen – was nun einmal nicht geht.

Die andern haben die Faust. Aber keinen Kopf – und ganz ohne ihn geht's auch wieder nicht.

Wenn das einmal zusammenträfe! Wenn das einmal bei uns vereinigt wäre, was doch allem Anschein die Japaner haben, und was sie zur gefährlichsten Rasse der Welt macht: brutale Kraft und feinstes Gehirn! Damit ließe sich etwas ausrichten! Wenn unsere Junker klug wären! Wenn unsere Intellektuellen kräftig wären! Aber sie sind leider nur kräftig und nur intellektuell. Bliebe übrig, den lieben Freunden zu predigen, vor allem und vorerst zu glauben. An sich und das, was man macht. Das ist nahrhaft: denn der gewandteste Gehirnakrobat ist gar nicht fähig, einen solchen eisernen Steher zu werfen.

Und die Freundinnen –? Geehrte, ihr wißt, wie subjektiv alles ist, was mit euch zu tun hat: die Eifersucht und die Ablehnung und die freundliche Gewährung und – entschuldigen Sie – die Liebe. Man muß dran glauben, auch an sie.

Kommt es denn darauf an, wie ihr, Schönste, seid? Genügt es nicht vollkommen, zu glauben, ihr seid so, wie wir euch lieben? Ihr braucht eirch nicht einmal zu verstellen wenn wir nur glauben. Vater Zille hat einmal eine blinde Frau gezeichnet, die fährt ihrem Führer, einem versoffenen, Übeln Kerl, über das Gesicht und sagt: »Wilhelm, du mußt ein schöner Mann sein!" Diese Geschichte hat er selbst erlebt – und es ist eine tiefe Geschichte.

Freundinnen, wir streichen euch über das Gesicht und sind blind und murmeln: »Agda – du hast viel Herz!" Aber Agda hat gar kein Herz, sondern nur eine runde Brust, und das ist schließlich auch etwas wert.

Wir aber glauben an ihr Herz und sind sehr glücklich.

1919

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