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Patron Jönssons Memoiren

Alfred von Hedenstjerna: Patron Jönssons Memoiren - Kapitel 4
Quellenangabe
authorAlfred von Hedenstjerna
titlePatron Jönssons Memoiren
publisherVerlag von H. Haessel
printrun
year1895
translatorMargarethe Langfeldt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170621
projectidee33a338
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Drittes Kapitel.
Wie ich mit 14 Jahren Handelsreisender wurde.

Je nach Vermögen, einer Kraft, die bei eifriger Übung und großer Abhärtung, ohne jegliche Verwöhnung recht schnell wuchs, mußte ich jetzt bei fast allen auf dem Lande vorkommenden Arbeiten helfen. Pflug, Egge und Sense wurden meinen Händen, freilich erst im letzten der drei Jahre, die ich auf dem Nordhofe verlebte, anvertraut; doch mit Sichel, Axt, Kornschwinge, Harke, Waldmesser, Wurzelhacke, Säge und Spaten lernte ich gleich im ersten Jahre umgehen.

Ich hörte es ganz gut, wenn Jösse im Winter des Morgens um halb zwei Uhr in der Stube umhertappte, hustete und spuckte, während er sich anzog, um zum »Morgendreschen« auf die Scheunendiele zu gehen. Doch meine jungen Glieder waren müde und schmerzten mich noch von dem letzten Tagewerk, und wenn ich mit der Hand die Abfalltonne, meinen ersten Thermometer, berührte, war sie oft mit einer dünnen Eisrinde bepanzert. Ich wußte recht gut, daß ich meinem Schicksal nicht entgehen konnte, aber ich stand keinen Augenblick eher auf, als bis der Bauer in die Thür geguckt und mir sein unbewegliches »Steh auf, Bub'!« zugerufen hatte.

Dieses Dreschen mit dem Flegel von zwei Uhr nachts bis zum Einbruche der Dunkelheit gegen vier Uhr nachmittags war in den vierziger und fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts bei den Bauern allgemein Brauch. Die Dreschmaschinen, die es zu jener Zeit gab, waren für die Bauern viel zu theuer, für ihre kleinen Tennen viel zu groß und beanspruchten außerdem die vereinigten Kräfte von wenigsten drei ausgewachsenen Ochsen. Deshalb fand man solche Maschinen nur auf den großen Gütern, die in jener Zeit fast ausnahmslos im Besitze sogenannter »Herrenleute« waren. Da es nun für eine Ehrensache galt, alles Korn vor Weihnachten ausgedroschen zu haben, ließ sich das Morgendreschen nicht gut vermeiden.

Da standen nun Jösse und ich täglich vierzehn Stunden lang, die nur durch kurze Frühstücks- und Mittagspausen unterbrochen wurden. Die scharfe Kälte that mir nichts, denn ich arbeitete mich warm. Wenn meine kleinen Hände einschlafen wollten, oder ich im Begriff war vor Müdigkeit umzufallen oder meine Arme mir so weh thaten, daß ich am liebsten laut geschrieen hätte, wußte der Bauer mich mit kurzen Anrufen anzufeuern.

»Schlage so, daß man es hören kann, Junge!«

»Du brauchst nicht bange zu sein, daß Du dem Hafer die Brille zerschlägst, er hat sich noch keine angeschafft.«

»Du drischt, als spieltest Du mit einer Katze, und nicht, als wolltest Du die Körner herausschlagen!«

»Schlaf nicht ein, Bub'!«

Wenn wir dann um vier Uhr nachmittags in die Stube zurückkehrten, stieg Jösse sofort in sein Wandbett, zog die blaugewürfelten Gardinen zu, und bald verkündete ein lautes Schnarchen, daß er sich redlich bemühte, sich für den folgenden Tag zur Arbeit zu stärken. Mir wurde es nicht so gut; ich mußte im Stalle helfen, Kartoffeln schälen, Wolle karden, Kinder warten und der Bäuerin zur Hand gehen, bis die große Dalkarlsuhr acht schlug. Dann wurde Abendbrod gegessen, und wir legten uns alle schlafen.

Nach Weihnachten begann die Holzarbeit. Das war ein frisches Leben im Walde; Jösse fällte die Bäume und ich zweigte sie ab. Noch schöner war es im Frühling auf dem Acker mit Hacken und Harken, und im Sommer auf den Wiesen, durch die ein Flüßchen sich hinschlängelte, wenn die Vögel sangen und die Wildenten untertauchten. Doch auch dann war die Arbeit schwer, die Ruhezeit ungenügend und die Kost so knapp wie möglich.

So vergingen drei Jahre. Im letzten Winter ging ich »zum Pastor« und im Frühlinge, gleich nachdem ich vierzehn Jahre alt geworden war, wurde ich konfirmirt. Ich stand »unten an«. Die Nordhofbäuerin hatte mir eine Drillichjacke schwarz gefärbt, doch dieses kühne Unternehmen war nur theilweise mit Erfolg gekrönt worden. Die Jacke hatte eine seltsame dunkelbraune Farbe mit helleren und dunkleren Flecken wie ein Pantherfell. Sie konnte es mir wirklich nicht besser geben, der Nordhof brachte wenig ein, und seit einem Jahre bezahlte die Armenordnung für mich nur 12 Thaler 24 Schilling. Der Vorsteher hatte gemeint, daß ich mein Essen schon so ziemlich durch meine Arbeit bezahlte, und ich glaube, der Mann hatte darin nicht so Unrecht.

Doch der Blick des Erlösers fiel vom Altarbilde ebenso milde auf das kleine Armenordnungskind, das als Letzter in der Reihe stand, wie auf Gustav, den Sohn des Gerichtsbauern, der der Erste war. Doch wandten wir uns um und warfen einen verstohlenen Blick auf die Bankreihen hinter uns, so waren wir nicht mehr gleich. Fast alle Kinder hatten Eltern und Verwandte, die jeder ihrer Bewegungen mit liebevollen Augen folgten und befriedigt schmunzelten, wenn die Antworten nur einigermaßen richtig ausfielen.

Ich hatte Niemand.

Ich glaubte es wenigstens. Doch als das Gelübde abgelegt worden und der feierliche Akt zu Ende war; als die übrigen Kinder draußen auf dem Glockenthurmhügel und in den Kirchenställen Kirchenställe zum Unterstellen der Fuhrwerke. die Ihrigen aufsuchten und mit »Kirchengewürzen« und Kringeln bedacht wurden; als ich allein und betrübt dastand und mit Thränen in den Augen auf die bunte Menge starrte, drückte plötzlich eine kleine Hand die meine, und eine schüchterne Stimme flüsterte:

»Komm, Nisse!«

Und dann führte Schwester Hanna mich hinter den Holzstall des Küsters, zog ein kleines, schmutziges Taschentuch aus der Tasche, entfaltete es und gab mir ein schmutziggraues Stück Zucker und einen harten »Siebenlöcherkringel«.

»Ich bat die Bäuerin, ob ich Dich nicht in der Kirche sehen dürfe, und da hat sie mir dies für Dich gegeben!«

Meine kleine Schwester sah bei diesen Worten ordentlich stolz aus und sie hatte auch allen Grund dazu, denn nichts auf der Welt hätte mich mehr erfreuen können. So brauchte selbst der kleine Armen-Nisse an diesem bedeutungsvollen Tage nicht hinter den Andern zurückzustehen, auch für ihn gab es Liebe und – Kringel.

Während ich in den seltenen Leckerbissen schwelgte, sah Hanna mich ernst und altklug an. Sie mußte bestimmt etwas auf dem Herzen haben. Endlich kam es denn auch:

»Nisse, weißt Du, wo Vater und Mutter liegen?«

Es gab mir einen Stich durch's Herz. Ich hatte nie darüber nachgedacht. Mein Blick irrte hilflos über den ungepflegten, grasbewachsenen Teil des Todtenackers, wo man die Armen zur ewigen Ruhe bettete. Nein, ich wußte es nicht.

»Wenn wir nur Jemand danach fragen könnten,« sagte Hanna zögernd.

Ich kam mir so klein, so unbedeutend und arm vor, daß ich nicht den Muth hatte, einen der Bauern anzureden, selbst wenn ich meinen Zweck dadurch erreicht und mein heißes Gesicht in dem Grase auf den Gräbern meiner Eltern hätte kühlen können, wonach ich plötzlich unbeschreibliche Sehnsucht verspürte. Doch ich wollte Hanna meine Muthlosigkeit nicht merken lassen und ging deshalb ein paar Schritte in der Richtung der Kirchenställe.

»Nein, laß es lieber sein!« bat Hanna, mich ängstlich am Jackenzipfel festhaltend. »Sie könnten es uns übelnehmen und grob werden!«

Nach jenem Tage – es war Christi Himmelfahrt – begann für mich wieder das alte einförmige Leben auf dem Nordhofe, in das mein Konfirmationsunterricht einige Abwechselung gebracht hatte.

Ich habe Jösse vom Nordhofe und seiner Bäuerin nie eine Minute gezürnt, und daß sie mich bei schlechter Kost hart arbeiten ließen, mich mehrmals windelweich prügelten und mir eine Schlafstelle hinter der Abfalltonne anwiesen, ruft noch heute keinen Groll in mir hervor. Doch im Sommer nach meiner Konfirmation aßen wir eines Tages eine angebrannte Kartoffelsuppe mit einem kleinen Stück Hering zu Mittag, und nach Tisch wurde ich in den Wald geschickt, um das Pferd von der Weide zu holen. Wir wollten Heu einfahren, und Jösse wollte während meiner Abwesenheit den Wagen schmieren. Das Pferd weidete jedoch zufällig am Waldesrande, und zehn Minuten später öffnete ich wieder die Stubenthür und rapportirte:

»Blässen ist hier und ...«

Die Worte blieben mir im Halse stecken. Da saßen Jösse, die Bäuerin und alle Kinder und löffelten süße Milch und Heidelbeermus. Damit der Kleinknecht nicht auch ein paar Löffel voll haben sollte, war das Bankett hinter seinem Rücken angeordnet worden!

Dies war in allen diesen drei Jahren das erste Mal, daß der Wurm sich empörte, aber die Magenfrage ist ja auch stets ein kitzliches Ding gewesen. Mit bebender Stimme und erschreckt über meine eigene Kühnheit, fragte ich:

»Herr Gott, ist es schon Vesperzeit?«

Die Bäuerin zog sich das Kopftuch tiefer in die Stirn und blickte verlegen in die Schüssel nieder:

»Ich fand zufällig noch einen Milchrest im Schranke. Iß einen Löffel, Junge!« – –

Bei dem einförmigen Leben auf dem Nordhofe wurden die unbedeutendsten Ereignisse in unsern Augen zu großen, epochemachenden Begebenheiten. Die Landstraße führte dicht am Hofe vorbei, und ein auf derselben hinrollender herrschaftlicher Wagen konnte unsere Gedanken den ganzen Tag über beschäftigen. Und wenn in dem 15 Kilometer entfernten Nachbardorfe Markt war, richtete es Jösse stets so ein, daß wir an der Straße arbeiteten, damit er alles Vieh, welches vorbeigeführt wurde, in Augenschein nehmen und mit den Treibern ein wenig plaudern konnte. Auf den Dorfmärkten war das Branntweinschenken strenge verboten, und wenn nicht eine Krügerfrau ein paar Tropfen hinter dem Rücken des Gensdarms in den Kaffee schmuggelte, mußte man auf jede »geistige« Anregung verzichten. Deshalb hatte jeder zu Markt reisende Bauer eine volle Schnapsflasche bei sich. Kam nun ein guter Bekannter vorbei, so ließ er Jösse gewöhnlich einen tüchtigen Schluck aus der Flasche trinken. Manchmal aber wurden es der Züge so viele, daß mein Bauer eine total veränderte, vernünftige Weltanschauung bekam. Bei einer solchen Gelegenheit erzählte er mir einmal, daß mein Vater ihn auf einer Auktion vor einer Tracht Prügel gerettet habe, weinte jahrelang unterdrückte Dankbarkeitsthränen und schenkte mir baare sechs Stüber, das einzige Geld, das ich in den drei Jahren von ihm erhalten habe.

Doch das allergrößte Ereigniß war die Ankunft des »Reisehändlers«, der jährlich drei- bis viermal bei uns einkehrte. Der Landhandel lag dazumal noch in den Windeln; es gab in unserm ganzen Kirchspiel keinen einzigen offenen Laden; alles, was die Bäuerin und die Magd von dem Luxus und dem Aufwande dieser Welt wußten, schrieb sich von Lars Anderssons Besuchen her. Und Lars Andersson war jener ambulatorische Geschäftsmann, der sich einst durch das großartige Honorar von zwölf Schillingen für dreitägiges Thoröffnen meine ewige Dankbarkeit erworben hatte.

Es kam sehr selten vor, daß die Bäuerin eine Kleinigkeit kaufte; die Magd that es nie. Doch der Nordhof lag so nahe an der Landstraße, daß Lars Andersson sich keine gelegenere Herberge wünschen konnte. Ein Bett wurde für ihn in der Bodenkammer aufgeschlagen, und was das Haus vermochte dem gerngesehenen Gaste vorgesetzt. Seinem Pålle gebrach es im Stalle an nichts. Oft blieb Reise-Lars einen Tag bei uns, um sich ordentlich auszuruhen. Man hielt es damals bei den Bauern für eine Schande, für solche Gastfreiheit Geld anzunehmen, aber vergolten mußte sie doch werden.

So erhielt denn die Bäuerin jedesmal kleine Geschenke aus dem Hausirkasten, baumwollene Taschentücher, Kämme, Seifenkugeln, Fingerhüte, Brustbonbons, bisweilen sogar ein schreiendbuntes »feines« Kopftuch. Außerdem versah Reise-Lars das Haus mit dem nöthigen Bedarf an »Rattenzucker« (Arsenik), um Mäuse zu vergiften, kranke Kühe zu heilen u. s. w. Diese verbotene Waare führte in jener Zeit jeder Hausirer in großen Quantitäten mit sich.

Dann durften wir obendrein noch die ganze Herrlichkeit des Kastens umsonst bewundern, wenn Lars am Ruhetag sein Lager ordnete und Inventur über seine Sachen aufnahm. Jösse und die Bäuerin erinnerten sich noch sehr gut der Zeit, da Lars zu Fuße mit »dem Packen auf dem Rücken hausiren ging«. Schon damals »führte« er Nesseltuch, Sackleinewand, seidene Kopftücher und wollene Halstücher. Jetzt hatte er einen eigenen Wagen, ein eigenes Pferd und ein verhältnißmäßig großartiges Lager, das sowohl in Paramattazeug, wie in Zucker und Kaffee »sortirt« war.

Wenn die Bäuerin Lars aufs Allerbeste verpflegte, so ließ ich es mir aus ebenso eigennützigen Beweggründen nicht minder angelegen um Pålle sein. Ich bürstete und striegelte ihn, ich kämmte ihm Schwanz und Mähne, ich schnitt ihm Haferstroh in die Häckselkiste und gab ihm heimlich von unserm besten Kälberheu, Reise-Lars gab mir auch nie weniger als sechs Schillinge Trinkgeld und schenkte mir Weihnachten vor meiner Konfirmation ein feines Baumwollenhalstuch, das in allen Farben des Regenbogens leuchtete. Ich kann versichern, daß kein äußerer Staat, nicht einmal der Wasaorden, mir solche Freude gemacht hat wie dieses in meinen Augen himmlisch-schöne Geschenk.

Doch ein noch größerer Lohn wartete meiner.

Meine Bemühungen für Pålles Wohl wurden immer mehr beachtet. Ich durfte sogar beim Aus- und Einpacken helfen und benahm mich dabei gar nicht ungeschickt. Ich schmierte den Wagen und holte ungeheißen die Koffer von der Bodenkammer. Im Juli nach meiner Konfirmation kehrte Reise-Lars wieder bei uns ein. Er sah müde aus.

»Wie geht's?« fragte Jösse.

»Ja, danke, so so la la. Es wird mir immer schwerer die Koffer zu schleppen und die Gehegsthüren zu öffnen. Das Pferd will auch besorgt werden. Ja, ja, man wird alt, Jösse. Micheli werden's sechzig Jahre!«

Dann war es eine Zeitlang still in der Stube. Schließlich fuhr Reise-Lars fort:

»Ich nehme mir manchmal, wenn ich in eine Gegend komme, wo die Höfe dicht beieinander liegen, einen Jungen, der mir die vielen Gehege öffnen soll. Doch das ist immer nur auf einige Tage, und ich müßte eigentlich immer einen zur Hand haben.«

Ach du lieber, lieber Alter! Das Herz trat mir auf die Zunge. Ach, wenn du wüßtest ... doch ich wagte nicht ...

Am nächsten Morgen fragte Reise-Lars plötzlich:

»Würdet Ihr mir wohl Euren Jungen überlassen, Jöns?«

Ich steckte vier Finger in den Mund, um nicht vor Freude laut aufzuschreien.

»Hm ... ich habe ... geh hinaus, Bub'!«

Ich ging, doch natürlich nur in die Küche und legte das Ohr ans Schlüsselloch. Wer mich deshalb tadeln will, mag's thun. Und da hörte ich denn zum ersten Male, was für ein werthvoller junger Mann, welch wichtige Person ich auf dem Nordhofe war. Es ist wirklich kein Wunder, daß Jösse in meinem jungen Gemüthe durch so viel Lob nicht Eitelkeit und Selbstbewußtsein erwecken wollte.

Ich leistete fast ebensoviel wie ein richtiger Knecht. Ich sei bei jeder Arbeit zu gebrauchen, sei fleißig, willig und ordentlich. Und dann bezahle die Armenordnung für mich 25 Thaler.

»Doch nicht mehr nach der Konfirmation?« warf Lars ein.

»Ja, bei meiner armen Seele, noch ein ganzes Jahr.«

Da hatte Jösse vom Nordhofe seine arme Seele verschworen, denn für's letzte Jahr bekam er nur 12 Thaler 24 Schilling, und das Jahr war in 14 Tagen abgelaufen. Ich wäre beinahe ins Zimmer gestürmt und hätte gerufen: »Du lügst!« – Doch still, jetzt ergriff Händler-Lars wieder das Wort.

»Der Junge gefällt mir, was wollt Ihr haben, wenn ich ihn heute mitnehmen darf?«

»Ein Andrer bekäm ihn nicht für alles in der Welt, aber da Ihr es seid, Lars, sollt Ihr ihn für dreißig Thaler haben!«

»Seid Ihr total unklug, Jösse! Ein Paramattakleid für Mutter Lisa will ich Euch geben.«

»Nein, hol' mich der Kuckuck, ich kann's nicht unter achtundzwanzig ...«

Lars erhob sich und knöpfte den Rock zu. Er war reisefertig. Er legte die Hand auf die Thürklinke und sagte nachdrücklich:

»Ein Paramattakleid, sechs Taschentücher, eine Stange Seife und ein halbes Loth Rattenzucker, aber, bei meiner Seele, keine Stecknadel mehr; es giebt noch mehr Jungen auf der Welt.«

Hätte Jösse nun nicht nachgegeben, so wäre ich, trotz meiner Furcht vor ihm, selbst dazwischen gekommen. Doch er that es.

»Nicht so heftig, Andersson. Nehmt den Jungen in Gottes Namen für das, was Ihr geboten habt, mit, wenn es für mich auch ein großer Schade ist. Wir haben den Buben so lieb, als wäre er unser eigenes Kind!«

So war ich denn zum zweitenmal in meinem Leben »verkauft« worden; doch diesmal war ich stolz darüber. Jetzt wurde ja sogar für mich »bezahlt«!

Eine Stunde später saß ich mit Reise-Lars auf dem Wagen, er vorne, ich auf dem hintersten Koffer. Die Sonne glänzte, die ganze Natur schien mir zu lächeln und in meinem Herzen jubelte es. Ich mußte förmlich Gewalt anwenden, um nur äußerlich ruhig zu bleiben. Doch wenn es bergauf ging und wir, um es Pålle leichter zu machen, abstiegen, machte ich hohe Freudensprünge. In die Welt hinauskommen, von Ort zu Ort reisen, täglich andere Menschen sehen, meinen Freund Pålle pflegen, die Abfalltonne nicht riechen, aus Lars Anderssons gutem, wohlgefüllten Schnappsack essen, und nie, nie wieder dreschen!!

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