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Volkserzählungen, Märchen und Skizzen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen, Märchen und Skizzen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleVolkserzählungen, Märchen und Skizzen
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectid2fc745ae
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Die Kerze.

Ihr habt gehört, daß gesagt worden: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Böswilligen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange geschlagen hat, so biete ihm auch die andere dar.

(Matth. 5, 38, 39.)

 

Es war noch zur Zeit der Leibeigenschaft. Die Gutsherren waren von sehr verschiedener Art. Es gab solche, die an ihre Sterbestunde und an Gott dachten und daher mit den Leuten Mitleid hatten; und es gab andere, die wie die Hunde waren. Die allerärgsten aber waren diejenigen, die früher selbst Leibeigene gewesen waren. Im Staube geboren, zu Herren erkoren. Die machten den Leuten das Leben am allerschwersten.

So ein Mann war Verwalter auf einem herrschaftlichen Gute. Die Bauern standen im Frondienst. Der Besitz war groß, der Boden gut, Wasser, Wiesen und Wald waren zur Genüge da. Es hätte für alle gereicht, für den Herrn und für die Bauern. Der Herr hatte aber einen Mann aus seinem Hausgesinde von einem andern Besitz zum Verwalter gemacht.

Der Verwalter hatte die Macht an sich gerissen und saß den Bauern im Nacken. Er war Familienvater, hatte eine Frau und zwei verheiratete Töchter und besaß schon einige Ersparnisse. So hätte er leben können, ohne Unrecht zu tun, aber er war habsüchtig und steckte tief in Sünden. Es fing damit an, daß er die Bauern noch außer den festgesetzten Tagen zum Frondienste zwang. Er richtete eine Ziegelfabrik ein, quälte Männer und Weiber mit der Arbeit und verkaufte die Ziegel. Die Bauern gingen zum Gutsbesitzer nach Moskau, um sich zu beklagen, doch sie richteten nichts aus. Ohne ihnen etwas zu gewähren, schickte der Herr die Bauern heim und ließ die Macht in den Händen des Verwalters. Der Verwalter erfuhr, daß die Bauern über ihn Klage geführt hatten, und rächte sich nun an ihnen. So hatten es die Bauern jetzt noch schwerer als zuvor. Unter den Bauern befanden sich auch heimtückische Leute, die verleumdeten ihre Nächsten beim Verwalter. Es entstand Unfriede im Dorf, und der Verwalter wütete ärger als je.

Je länger, desto schlimmer wurde es. Und der Verwalter brachte es soweit, daß die Leute ihn fürchteten wie ein wildes Tier; wenn er durch das Dorf fuhr, so versteckten sich alle vor ihm wie vor einem Wolf. Der hierhin, der andere dahin, nur um ihm aus den Augen zu kommen. Der Verwalter merkte das und ärgerte sich noch mehr, weil sie ihn so fürchteten. Er plagte die Leute mit Schlägen und mit Arbeit, und sie hatten viele Qualen von ihm zu leiden.

Es kam zuweilen vor, daß man solche Wüteriche aus dem Wege räumte. Die Bauern fingen an, darüber zu sprechen. Wenn sie sich irgendwo im geheimen trafen, so sprach einer von den keckern unter ihnen wohl:

»Sollen wir den Bösewicht noch länger ertragen? So einen totzuschlagen ist doch keine Sünde!«

Eines Tages vor Ostern versammelten sich die Bauern im Walde. Der Verwalter hatte sie hinausgeschickt, den herrschaftlichen Wald zu reinigen. Um die Mittagszeit traten sie zusammen und berieten.

»Wie sollen wir jetzt leben?« sagten sie, »er wird uns vollständig zugrunde richten. Mit der Arbeit plagt er uns zu Tode; weder Tag noch Nacht gibt er uns und unseren Weibern Ruhe, und sobald ihm irgend etwas nicht paßt, sucht er Händel und läßt uns peitschen. Ssemjon ist von seinen Hieben gestorben. Anissim hat er im Block zu Tode gequält. Worauf warten wir noch? Wenn er heute abend angeritten kommt und wieder zu wüten beginnt, reißen wir ihn vom Pferde herunter und schlagen ihn mit der Axt nieder, dann hat die Sache ein Ende. Man verscharrt ihn irgendwo wie einen Hund, und alles ist in Ordnung. Es muß nur abgemacht werden, daß alle für einen stehen, daß keiner den andern verraten darf.«

Der so sprach, war Wassilij Minajew. Er haßte den Verwalter mehr als alle andern, denn der ließ ihn jede Woche peitschen und hatte seine Frau als Köchin ins Haus genommen.

So hatten sich die Bauern besprochen, und am Abend kam der Verwalter angeritten und fing sofort zu schimpfen an, daß die Bäume nicht richtig gefällt seien. In einem Reisighaufen fand er eine kleine Linde.

»Ich habe euch nicht befohlen, Linden zu fällen,« schrie er, »wer hat das getan? Der soll sich melden, sonst lasse ich euch alle peitschen.«

Er forschte nach, in wessen Reihe die Linde gestanden, hatte. Die andern zeigten auf Ssidor. Der Verwalter schlug Ssidor das ganze Gesicht blutig; dann peitschte er Wassilis, weil dessen Reisighaufen zu klein war. Darauf ritt er nach Hause.

Am Abend kamen die Bauern wieder zusammen und Wassilis sprach:

»Ach, seid ihr ein Volk? Nicht Menschen seid ihr, sondern Sperlinge. Wir stehen füreinander, sagt ihr, und kommt's zum Handeln, dann versteckt ihr euch alle. So machen es die Sperlinge mit dem Habicht: nicht verraten, nicht verraten, nicht verraten! standhalten, standhalten, standhalten! und wenn er angeflogen kommt, schlüpfen sie in die Brennesseln, und der Habicht packt den, den er haben will, und schleppt ihn fort. Dann kommen die Sperlinge hervorgekrochen: tschiwik, tschiwik, tschiwik, einer fehlt; wer fehlt? Wanjka. – Ach der, der hat's verdient! – Gerade so seid auch ihr. Wenn es heißt, nicht verraten, so darf auch niemand den andern verraten. Als er auf Ssidor losging, hättet ihr euch zusammenscharen sollen und ein Ende machen. So aber heißt's: nicht verraten, standhalten! und wenn er herbeikommt, verkriecht sich alles.«

Öfter und öfter sprachen die Bauern in dieser Weise und kamen endlich überein, den Verwalter beiseitezuschaffen. In der Karwoche hatte er den Bauern angekündigt, sie sollten sich bereithalten, zu Ostern die herrschaftlichen Haferfelder zu pflügen. Das kränkte die Bauern. Und am Karfreitag versammelten sie sich bei Wassilij auf dem Hinterhofe und fingen wieder an zu verhandeln.

»Wenn er Gott vergißt,« sprachen sie, »und solche Sachen macht, muß man ihn wirklich totschlagen. Zugrunde gehen wir so oder so.«

Da kam zu ihnen Peter Michejew. Der war ein ruhiger Mensch und hielt sich nicht ganz zu den Bauern. Er kam, hörte ihre Reden und sagte:

»Eine große Sünde wollt ihr da begehen, Brüder. Eine Seele ins Verderben stürzen, ist eine ernste Sache. Eine fremde Seele umbringen, ist leicht, aber wie wird's der eigenen Seele dann gehen? Er handelt schlecht, er hat auch Schlechtes zu erwarten; wir aber müssen dulden, Brüder.«

Wassilij ärgerte sich über diese Rede.

»Immer die alte Geschichte!« rief er, »es ist Sünde, einen Menschen zu töten! Gewiß ist's Sünde, aber es kommt doch darauf an, was für ein Mensch es ist. Es ist Sünde, einen guten Menschen zu töten, aber einen solchen Hund umzubringen, hat Gott nicht verboten. Einen tollen Hund soll man totschlagen aus Mitleid mit den Menschen; wenn man ihn nicht totschlägt, ist die Sünde noch größer. Wieviel Menschen richtet er zugrunde! Und wenn wir auch leiden werden, so geschieht es für die übrigen Menschen; die werden uns dankbar sein. Wenn wir aber dastehen und Maulaffen feilhalten, wird er alle zugrunde richten. Du sprichst Unsinn, Michejew; was, ist's vielleicht weniger Sünde, wenn wir an Christi heiligem Feiertag arbeiten werden? Du selber wirst nicht zur Arbeit gehen.«

Und Michejew sprach: »Warum sollte ich nicht gehen? Wenn man es mir befiehlt, werde ich pflügen; es ist ja nicht für mich. Gott wird schon wissen, wessen Sünde es ist; wenn nur wir ihn nicht vergessen. Ich spreche ja nicht aus mir heraus, Brüder; wenn uns geboten wäre, daß wir Böses mit Bösem vergelten sollen, so wäre Gottes Gesetz für uns. Uns ist aber das Gegenteil geboten worden. Wenn du Böses vergelten willst, wird es auf dich selbst zurückfallen. Einen Menschen töten, ist keine große Kunst, aber sein Blut haftet an deiner Seele. Einen Menschen töten, heißt, die eigene Seele mit Blut beflecken. Du meinst, du hast einen schlechten Menschen umgebracht, du meinst, du hast das Böse ausgerottet, und siehe da, du hast dabei in dir selber ein Übel aufgenommen, das ärger ist als das vorige. Füge dich dem Unglück, dann wird das Unglück sich fügen.«

So kamen die Bauern zu keiner Einigung; die Ansichten gingen zu sehr auseinander. Die einen dachten so wie Wassilis, die andern stimmten Peters Worten zu, daß sie dulden müßten, ohne zu sündigen.

Die Bauern hatten den ersten Tag, den Ostersonntag, gefeiert. Am Abend kommt der Gemeindeälteste mit den Schreibern aus dem Herrenhaus, und sie sagten:

»Michael Ssemjonowitsch. der Verwalter, befiehlt, daß die Bauern am nächsten Tage die Haferfelder pflügen sollen.«

Der Schulze ging mit den Schreibern durch das ganze Dorf, und diese kündigten allen an, daß sie am nächsten Tag hinausfahren sollten, zu pflügen. Die einen jenseits des Flusses, die andern an der Landstraße. Die Bauern wehklagten, wagten aber nicht, ungehorsam zu sein, zogen am andern Morgen mit den Pflügen hinaus und begannen zu ackern. In der Kirche wird zur Frühmesse geläutet, überall feiert man den heiligen Tag, die Bauern aber pflügen.

Michael Ssemjonowitsch erwachte spät und machte einen Rundgang durch die Wirtschaft. Seine Hausleute, die Frau und die verwitwete Tochter, die für die Feiertage zu Besuch gekommen war, legten ihre Festkleider an; der Knecht spannte den Wagen an und sie fuhren zur Messe. Als sie zurückkamen, stellte die Magd den Ssamowar auf. Nun kam auch Michael Ssemjonowitsch, und sie tranken ihren Tee. Michael Ssemjonowitsch trank sich satt, rauchte seine Pfeife an und rief den Ältesten.

»Sag', hast du die Bauern zur Arbeit geschickt?«

»Hab's getan, Michael Ssemjonowitsch.«

»Sind alle hinausgefahren, was?«

»Alle, ich selbst hab' ihnen die Plätze angewiesen.«

»Die Plätze wirst du freilich angewiesen haben, aber ob sie auch pflügen? Fahr hinaus, sieh nach und sage ihnen, daß ich nach dem Mittagessen hinkommen werde. Es soll ein Morgen auf je zwei Pflüge bearbeitet sein; und der Boden soll gut aufgepflügt werden. Wenn ich nicht zufrieden bin, werde ich mich nicht darum kümmern, daß heute Feiertag ist.«

»Zu Befehl.«

Der Älteste wollte gehen, aber Michael Ssemjonowitsch rief ihn zurück. Er rief ihn zurück, wollte ihm etwas sagen, wußte aber nicht recht, wie er's anfangen sollte. Er zögerte und zögerte und sagte schließlich:

»Noch etwas! Horch doch ein wenig, was diese Taugenichtse von mir sprechen; erzähl' mir alles, wer auf mich schimpft und was er sagt. Ich kenne die Tagediebe. Sie arbeiten nicht gern, möchten nur auf der Bärenhaut liegen und schlemmen und fressen und feiern, das mögen sie. Sie denken nicht daran, daß man die rechte Zeit zum Pflügen nicht versäumen darf. So höre also auf ihre Reden, paß auf, was ein jeder sagt, und erzähle mir alles wieder. Ich muß das wissen. Nun geh' und tu, wie ich dir befohlen habe, erzähl' mir alles, verschweig' mir nichts.«

Der Älteste wandte sich um, ging hinaus, bestieg sein Pferd und ritt zu den Bauern aufs Feld.

Die Frau des Verwalters hatte gehört, was ihr Mann mit dem Ältesten gesprochen hatte. Sie war eine sanfte Frau, die ein gutes Herz hatte. Wo sie konnte, redete sie ihrem Mann zum Guten zu und trat für die Bauern ein. Sie kam zu ihrem Manne und bat:

»Lieber Mischa, mein Freund, am hohen Feiertag, am Tage des Herrn, sündige doch nicht! Um Christi willen, gib die Bauern von der Arbeit frei!«

Michael Ssemjonowitsch achtete nicht auf die Rede der Frau und spottete:

»Die Fliegenpeitsche hat wohl schon lange nicht auf deinem Rücken gespielt, daß du gar so keck geworden bist und dich um Sachen kümmerst, die dich nichts angehen?«

»Michael, mein Lieber, ich hatte einen bösen Traum von dir. Höre auf mich, gib die Bauern frei.«

»Ich sag's ja,« antwortete der Verwalter, »du hast viel Fett angesetzt, nun denkst du, da dringen die Schläge nicht mehr durch. Nimm dich in acht!«

Er wurde wütend, stieß seiner Frau die Pfeife mit dem glimmenden Tabak ins Gesicht, trieb sie hinaus und befahl, das Mittagessen zu bringen.

Michael Ssemjonowitsch aß Sulz, Pasteten, Sauerkrautsuppe mit Schweinefleisch, gebratenes Ferkel, Milchnudeln, trank dazu Kirschlikör, aß dann noch einen süßen Kuchen. Dann rief er die Köchin und befahl ihr, ihm etwas vorzusingen. Er selbst nahm die Gitarre und spielte dazu. So sitzt Michael Ssemjonowitsch in bester Laune und vertreibt sich die Zeit. Da tritt der Älteste ein, verneigt sich und beginnt zu vermelden, was er auf dem Felde gesehen hat.

»Na, pflügen sie? Werden sie mit ihrer Aufgabe fertig?«

»Mehr als die Halste ist schon fertig gepflügt.«

»Und machen sie ihre Sache gut?«

»Ich habe keine schlechte Arbeit gesehen. Sie pflügen gut, denn sie fürchten sich.«

»Was, ist die Erde gut durchgepflügt?«

»Die Erde ist weich und locker wie Mohn.«

Der Verwalter schwieg eine Weile, dann fragte er:

»Na, und wie sprechen sie von mir? Schimpfen sie?«

Der Älteste wollte nicht recht mit der Sprache heraus, aber Michael Ssemjonowitsch befahl ihm, die volle Wahrheit zu sagen.

»Sag nur alles, du sollst ja nicht deine eigenen Worte, sondern die Reden der andern mitteilen. Wenn du die Wahrheit sagst, werde ich dich belohnen, wenn du aber zu den Bauern stehst, nimm's mir nicht übel, so prügle ich dich durch. He Katjuscha, reich' ihm ein Glas Branntwein, damit er Mut bekommt!«

Die Köchin ging und brachte den Schnaps. Der Älteste trank dem Verwalter zu, wischte sich den Bart und fing an zu erzählen. »Einerlei,« dachte er, »es ist nicht meine Schuld, wenn sie ihn nicht loben. Ich will ihm die Wahrheit sagen, wenn er's befiehlt.« Und er faßte Mut und berichtete:

»Sie murren, Michael Ssemjonowitsch, sie murren.«

»Ja, aber was sagen sie? Sprich!«

»Das Eine sagen sie immer: er glaubt nicht an Gott.«

Der Verwalter lachte. »Wer hat das gesagt?« fragte er.

»Alle sagen es. Sie sagen, er muß sich wohl dem Bösen verschrieben haben.«

Der Verwalter lachte wieder.

»Das ist gut,« sagte er, »aber erzähl' doch einzeln, was ein jeder sagt. Was sagt Wassilij?«

Der Älteste wollte zwar nicht gern seine Leute verraten, aber mit Wassilij war er schon lange in Feindschaft.

»Wassilij,« sagte er, »schimpft ärger als alle.«

»Aber was sagt er denn? Erzähl' mir doch!«

»Es ist schrecklich zu sagen. Er meint: der wird einem bösen Ende nicht entgehen.«

»Ah, ein tapferer Bursche!« rief der Verwalter, »warum zögert er denn noch, warum schlägt er mich nicht tot? Seine Arme scheinen doch noch zu kurz zu sein. Na wart' nur, Waßjka, wir rechnen schon noch miteinander ab. Na und Tischka? Das ist wohl auch so ein Hund? Was?«

»Es sprechen halt alle schlecht.«

»Aber was sprechen sie denn?«

»Es ist zu häßlich zum Wiederholen.«

»Ach was, häßlich! sei nicht feig und erzähl'.«

»Na, sie sagen: der Bauch soll ihm aufplatzen und die Gedärme herauskommen.«

Das machte Michael Ssemjonowitsch großen Spaß. Er lachte sogar laut auf.

»Na. wir wollen sehen, wem das eher passiert. Wer sagt das denn? Tischka?«

»Kein einziger sagt was Gutes. Alle schimpfen, alle drohen.«

»Na und Peter Michejew? Was sagt denn der? Schimpft wohl auch, der Taugenichts, was?«

»Nein, Michael Ssemjonowitsch, Peter schimpft nicht.«

»So? Was sagt er denn?«

»Von allen Bauern ist er der einzige, der nichts gesagt hat. Ein seltsamer Mensch ist das. Ich habe mich über ihn gewundert, Michael Ssemjonowitsch.«

»Wieso?«

»Ja, was der tut! Alle Bauern wundern sich.«

»Was tut er denn?«

»Ja, es ist höchst wunderbar. Ich komme zu ihm herangeritten, er pflügt gerade den abschüssigen Morgen auf dem Türkenhügel. Ich komme also herangeritten und höre, es singt jemand; singt so fein und so schön, und auf dem Pfluge zwischen den Deichselarmen leuchtet etwas.«

»Nun?«

»Es leuchtet wie ein Feuerchen; ich reite näher heran und sehe: am Querholz brennt eine Fünfkopeken-Wachskerze. Und der Wind verlöscht sie nicht, und Michejew schreitet dahin in einem neuen Hemd, pflügt und singt Feiertagslieder. Er wendet den Pflug und schüttelt ihn aus, die Kerze aber verlöscht nicht. Vor meinen Augen schüttelt er den Pflug aus, legt das Querholz um, beginnt eine neue Furche, – die Kerze brennt und erlischt nicht.«

»Und was hat er gesagt?«

»Nichts hat er gesagt. Nur als er mich sah, begrüßte er mich mit dem Ostergruß und begann wieder zu singen.«

»Ja, was hast du denn mit ihm gesprochen?«

»Ich habe gar nicht mit ihm gesprochen. Die Bauern kamen heran und spotteten über ihn; schau, sagten sie, der Michejew wird sein Lebtag die Sünde nicht abbeten, daß er am Osterfest gepflügt hat.«

»Und was sagte er darauf?«

»Er sagte nur: ›Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind.‹ Er ergriff wieder seinen Pflug, trieb die Pferde an und sang mit feiner Stimme. Die Kerze aber brennt und erlischt nicht.«

Der Verwalter hörte auf zu lachen, legte die Gitarre beiseite, ließ den Kopf sinken und wurde nachdenklich. So saß er eine Weile da, dann schickte er die Köchin und den Ältesten fort, ging in den Alkoven, warf sich aufs Bett und begann zu ächzen und zu stöhnen, daß es klang, als fahre ein beladener Heuwagen daher. Seine Frau trat zu ihm und fing mit ihm ein Gespräch an. Doch er gab keine Antwort und sagte nur:

»Er hat mich besiegt, jetzt kommt die Reihe an mich.«

Seine Frau redete ihm zu: »Reit' hinaus aufs Feld und laß die Bauern frei, dann ist alles gut. Du hast doch schon viel Ärgeres getan und hast dich nicht gefürchtet. Warum bist du denn jetzt auf einmal so verzagt?«

»Ich bin verloren,« sagte er, »er hat mich besiegt.«

Da rief die Frau ärgerlich: »Immer ein und dasselbe, besiegt, besiegt! Reit' hinaus, laß die Leute frei und die Sache ist in Ordnung. Reite nur, ich werde das Pferd satteln lassen.«

Man führte das Pferd herbei, und die Verwaltersfrau bewog ihren Mann, aufs Feld hinauszureiten und die Bauern freizugeben. Michael Ssemjonowitsch bestieg das Pferd und ritt hinaus aufs Feld. Er kam an den Zaun, ein Weib öffnete ihm das Tor, und er ritt durch das Dorf. Als die Leute den Verwalter erblickten, versteckten sich alle vor ihm; der eine im Hof, der andere hinter einer Hausecke, der dritte im Gemüsegarten. Er ritt durch das ganze Dorf und kam an die jenseitige Pforte. Die Pforte war geschlossen und vom Pferde aus konnte er sie nicht öffnen. Er rief und rief, daß man ihm auftun solle, – niemand kam. Da stieg er vom Pferde, öffnete das Tor und wollte innerhalb der Pforte wieder aufs Pferd steigen. Er setzte den Fuß in den Steigbügel und wollte sich in den Sattel schwingen. Da erschrak das Pferd vor einem Schwein, stolperte und fiel gegen den Staketenzaun. Der Verwalter aber war ein schwerer Mann; er verfehlte den Sattel und stürzte mit dem Bauch auf die Staketen. Ein einziger Pfahl im ganzen Zaun war oben zugespitzt und höher als die andern, und gerade auf diesen Pfahl fiel er. Er schlitzte sich den Leib auf und stürzte zu Boden.

Als die Bauern vom Felde heimfuhren, scheuten die Pferde an der Pforte, schnaubten und wollten nicht hindurch. Die Bauern sehen hin, – da liegt Michael Ssemjonowitsch auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, die Augen starr, die Eingeweide herausgequollen, und eine Blutlache umgibt ihn. Die Erde hat das Blut nicht aufgesogen.

Die Bauern erschraken und führten ihre Pferde rücklings durch das Tor. Nur Peter Michejew stieg ab, trat an den Verwalter heran, sah, daß er schon tot war, drückte ihm die Augen zu, spannte den Wagen an, legte den Toten mit Hilfe seines Sohnes auf den Wagen und führte ihn zum Herrenhaus.

Jetzt erfuhr der Gutsherr alles, was der Verwalter getan hatte, und erließ zur Sühne allen Bauern die Abgaben.

Und die Bauern begriffen: nicht in der Sünde, sondern im Guten liegt Gottes Kraft.

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