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Brüssel

Henri Hymans: Brüssel - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorHenri Hymans
titleBrüssel
publisherVerlag von E. A. Seemann
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid9aae292b
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Das Königliche Kunstgewerbemuseum

Der Jubiläumstriumphbogen des Parc du Cinquantenaire ist durch zwei im Viertelkreisbogen einwärts geführte Säulenhallen in Verbindung gesetzt mit den von der nationalen Kunstausstellung des Jahres 1880 her stehen gebliebenen massiven Eckpavillons, in denen jetzt die »Musées Royaux des Arts décoratifs et industriels« untergebracht sind. Beide Bauwerke wurden nach den Plänen des Architekten G. Bordiau (1831-1904) errichtet. Im Nordpavillon ist das Musée de Sculpture comparée installiert, eine reiche Sammlung von Gipsabgüssen der bedeutendsten plastischen Bildwerke aller Kunstzeitalter und aller Kunstvölker.

Eine dominierende Vorrangstellung nimmt hier eine vollständige Gipsabformung des berühmten steinernen Altartabernakels der St. Leonhardskirche zu Léau ein, eine der herrlichsten Schöpfungen der Brabanter Renaissanceplastik. Der 16 m hohe, mit Hunderten von Steinfiguren aus den biblischen Legenden des Alten und des Neuen Testamentes geschmückte Tabernakelaufbau wurde im Jahre 1550 vom Antwerpener Bildhauer Cornelius Floris de Vriendt im Auftrage Martins van Wilre, Herren von Oplinter, begonnen und im Jahre 1552 vollendet.

Leider müssen wir es uns versagen, hier eine eingehendere Besprechung dieser Sammlung von Gipsabgüssen zu geben. Besondere Beachtung verdienen jedenfalls die hier vereinigten Abformungen der hervorragendsten alt-vlaemischen Grabmalskulpturen, die in zum Teil weit entlegenen Provinzkirchen (wie denjenigen zu Hoochstraten, Hal, Herenthals usw.) erhalten geblieben sind, so namentlich die berühmten Mausoleen Karls des Kühnen von Burgund, seiner Gattin und seiner Tochter (die Originale in Brügge und in Antwerpen). Wer die Geschichte der Plastik in Belgien und in den gesamten Niederlanden näher kennen lernen will, findet hier ein überaus reiches Studienmaterial übersichtlich zusammengestellt.

Nicht verfehlen möchte ich, den Museumsbesucher auf die beiden hier ausgestellten Gipsnachbildungen des allen Altertumsforschern wohlbekannten Taufbeckens der Lütticher St. Bartholomäuskirche, eines Bronzegußwerkes aus dem 12. Jahrhundert, aufmerksam zu machen. Einer Mitteilung des Chronisten Jean d'Outremeuse vertrauend, hat man dieses Taufbecken lange Zeit einem sonst unbekannten, angeblich aus Dinant stammenden Bronzegießer namens Lambert Patras zugeschrieben, bis es neuerdings aus glaubwürdigeren Geschichtsquellen als ein Werk des Renier de Huy, des Schöpfers des gleich berühmten und gleich altertümlichen Weihrauchkessels im Museum zu Lille, festgestellt werden konnte G. Kurth, Renier de Huy (Brüssel 1903), –J. Destrée, Renier de Huy auteur des fonts baptismaux de St. Barthélémy à Liège et de l'encensoir du Musée de Lille (Brüssel 1904).. Eine weitere interessante Frage hinsichtlich dieses Lütticher Taufbeckens ist vom Museumskonservator H. Rousseau zur Diskussion gestellt worden. Das Becken ruht nämlich auf den Rücken von zehn Stierfiguren, während doch in der gravierten Inschrift des Beckens selbst von zwölf Stierfiguren die Rede ist. Nun geht aus einer Kirchenrechnung vom Jahre 1804 die Tatsache hervor, daß damals ein Lütticher Kupferschmied mit der Restaurierung des Taufbeckens und besonders der Stierfiguren betraut wurde. Wahrscheinlich hat also dieser Restaurator zwei der Figuren beseitigt und die übrigen zehn an der Basis des ehernen Beckens neu angeordnet. Eine Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes des altehrwürdigen Bronzegußwerkes ist hier neben der Originalabformung seines jetzigen Zustandes mit ausgestellt.

Aus dem Gipsabgußmuseum begeben wir uns nunmehr in das eigentliche Kunstgewerbemuseum, und zwar betreten wir hier zunächst den Saal der Gewebesammlungen, der neben dem Eigenbesitze des Museums auch die historisch bedeutsamen Kollektionen der Brüsseler Gewebesammlerinnen Mme. Montefiore und Mme. Isabella Errera beherbergt; die letztgenannte Dame hat auch den Katalog dieses Gewebemuseums verfaßt. Eines der ältesten und wertvollsten Stücke der Sammlung ist ein aus der Kirche zu Harlebeke (in Flandern) stammendes Chorhemd aus der Zeit um 1300, dessen Goldstickereien dem Kataloge nach französischen, nach De Farcys Ansicht dagegen vlaemischen Ursprunges sein sollen. Natürlicherweise kann ich hier nur eine kleine Auswahl von Hauptstücken aus dieser alle historischen Epochen umfassenden, leider jedoch nicht besonders günstig aufgestellten Sammlung alter Gewebe und Stickereien aufzählen. Dem vorgenannten Chorhemd an Alter noch überlegen ist ein um 1200 entstandenes, aus der Benediktinerabtei Rupertsberg bei Bingen stammendes rotseidenes Altar-Antependium mit künstlerisch höchst wertvollen Stickereien in Gold und Silber (1896 für das Museum erworben). Ihm reihen sich würdig an: prächtige Stickereistreifen eines Chorhemds aus dem 14. Jahrhundert (Katalog Nr. 18 und 19, Sammlung Errera), – Mittelstück eines Antependiums des 15. Jahrhunderts aus der St. Martinskirche zu Lüttich mit Stickereidarstellungen aus dem Leben des hl. Martin (in Abbildungen publiziert von De Farcy und anderen) – wundervolle Chorhemden des 15. Jahrhunderts, vermutlich spanischer Herkunft, das eine (Nr. 26) aus rotem Sammet, das andere (Nr. 25) aus grüner, mit Engelfiguren und kaiserlichen Wappenadlern bestickter Seide (auf der Schulterkappe die thronende Gestalt Gott-Vaters eingestickt), – eine glänzende Stickereidarstellung des Apostels Petrus (Nr. 317, Sammlung Montefiore), dem Kataloge nach eine Arbeit des 15. Jahrhunderts, aber eher wohl aus dem 16. Jahrhundert, – ein vlaemisches Antependium des 16. Jahrhunderts (Nr. 34) mit Heiligengestalten unter gotischen Spitzbogenarkaden, gleich den Goldstickereien Nr. 38 und 42 sicherlich nach den Entwurfzeichnungen eines bedeutenden Künstlers hergestellt, – ein mit Passionsszenen besticktes Kreuz des 16. Jahrhunderts, gleich dem Antependium Nr. 65 (mit dem Wappen des Alvarez von Toledo, Kardinals von Burgos, Oheims des Herzogs von Alba) spanischer Herkunft, – zwei Chorhemdstreifen des 16. Jahrhunderts mit der Kartuscheninschrift: »Dono D. Eraclii Leondien. Epi ...«, – endlich ein Antependium des 17. Jahrhunderts mit der hervorragend schönen Stickereidarstellung des wunderbaren Fischzuges Petri, dem Kataloge nach aus dem Palazzo Contarini zu Venedig stammend, augenscheinlich orientalischer Herkunft (in einem der kleinen Nebensäle als Behang eines Altarwerkes ausgestellt).

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Abb. 100. Kunstgewerbemuseum, Altar-Antependium

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Abb. 101. Brüsseler Bildteppich, Anfang 16. Jahrh. Kreuzabnahme Christi (vermutlich vom Meister Philipp nach Karton Jan van Roomes)

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Abb. 102. Brüsseler Bildteppich, Anfang 16. Jahrh. Herkenbalds Tod (vom Meister Philipp, vermutlich nach Karton Jan van Roomes)

Die Sammlung der gewebten Stoffe enthält frühmittelalterliche Prachtstücke von größter Seltenheit, darunter einen Stoffstreifen aus byzantinischer Seide mit einer Quadrigadarstellung (aufgefunden in einer alten Truhe in der Kirche zu Münsterbilsen, Provinz Limburg). Die wertvollsten Stücke dieser Abteilung sind in Vitrinen untergebracht und gleich den gewirkten Bildteppichen durch Vorhänge vor der schädigenden Einwirkung des Lichtes geschützt, eine notwendige Vorsichtsmaßregel, die den äußeren Gesamteindruck dieses Ausstellungssaales freilich arg beeinträchtigen muß.

Mit ganz besonders berechtigtem Stolz darf Belgien auf die große historische Vergangenheit seiner Spitzenmanufaktur und seiner Bildteppichwirkerei zurückblicken; beide Sondergebiete des nationalen Kunstgewerbefleißes haben denn auch in der Gewebesammlung des Brüsseler Museums eine besonders reichhaltige Vertretung gefunden. Um den Ausbau der Spitzensammlung hat sich neben einigen anderen Stiftern namentlich Mme. Montefiore hochverdient gemacht. Eine wertvolle Ergänzung dieser Sammlung bilden zahlreiche hier mit ausgestellte Photographien nach Porträts aus allen kunstgeschichtlichen Epochen, durch die uns die Schmuckverwendung der Spitzen in den verschiedenen Zeitaltern vor Augen geführt wird. In der mehrere Hunderte von Einzelstücken umfassenden Sammlung Montefiore lernen wir nicht nur sämtliche Hauptzentren der belgischen Spitzenmanufaktur, sondern auch die Spitzenproduktion aller übrigen Länder kennen und schätzen. Das Studium dieser Sammlungen ist um so lehrreicher, da heutzutage sogar in Belgien die Spitzenmanufaktur viel von ihrer früheren Originalität und damit auch von ihrer künstlerischen Bedeutung eingebüßt hat. Darum hat z. B. die Mechelner Spitzenmanufaktur fast gänzlich zu existieren aufgehört; aber auch die Brüsseler Spitzen zeigen längst nicht mehr die Eigenart und Vollendung früherer Zeiten. Ein unerreichtes Wunderwerk der Altbrüsseler Spitzenklöppelei ist die hier ausgestellte Bettdecke, die im Jahre 1599 dem Statthalterpaare Albrecht und Isabella von Österreich als Geschenk dargebracht wurde, und die nicht weniger als einhundertundzwanzig Bildszenen aus der Geschichte der Niederlande und aus dem Brüsseler St. Gudula-»Ommeganck« in reiner Klöppelarbeit ausgeführt zeigt. Neben weiteren kostbaren Erzeugnissen der belgischen Spitzenmanufakturen findet man hier sodann französische Spitzen aus Cluny, Alençon, Lille, Arras, Valenciennes, Sedan und Argentan, italienische Spitzen aus Genua, Mailand und Venedig, sowie auch die mannigfaltigsten spanischen, holländischen, norwegischen, deutschen, österreichischen, russischen und südamerikanischen Spitzen; dazu noch eine Sammlung der interessantesten Spitzenhauben und sonstigen Frauencoiffüren aus allen Ländern nebst zahlreichen photographischen Naturaufnahmen derartiger Frauentrachten.

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Abb. 103. Elfenbein-Diptychon aus Genoels-Elderen

Der Spitzensammlung des Museums steht ebenbürtig zur Seite die Sammlung alter Bildteppiche, die dabei sämtlich erst in unserer Zeit von der Museumsleitung neu erworben werden mußten, darunter Stücke ersten Ranges, sowohl in stilistischer und koloristischer wie in technischer Hinsicht. Das älteste Stück dieser Sammlung ist ein durch die Pariser Ausstellungen von 1876 und 1889 bekannt gewordener Bildteppich mit der »Darstellung des Christkindes im Tempel«, nach Ansicht verschiedener Fachkenner ein Werk des berühmten Pariser Teppichwirkers Nicolas Bataille (tätig 1363 bis 1400), vielleicht aber auch zur Teppichmanufaktur von Arras in Beziehung zu bringen. Aus dem 15. Jahrhundert stammt eine in Brügge oder Tournai ausgeführte Teppichdarstellung der Schlacht von Roncevaux. Von größter Kostbarkeit ist ein aus der Pariser Sammlung Spitzer angekaufter Bildteppich mit der Darstellung der Ankunft der wundertätigen Madonnenstatue der Kirche Notre-Dame du Sablon in Brüssel, der Brüsseler Palmsonntagsprozession, in der die späteren Kaiser Karl V. und Ferdinand I. als Träger des Madonnenbildes figurieren, und der Anbetung der Wunderstatue durch Margarethe von Österreich und ihre kaiserlichen Neffen und Nichten. Dieser Bildteppich wurde mit mehreren anderen, mit ihm zusammen eine geschlossene Folge bildenden, jedoch nicht im Brüsseler Kunstgewerbemuseum befindlichen Bildteppichen im Jahre 1518 von Brüsseler Teppichwirkern ausgeführt im Auftrage des greisen kaiserlichen Generalpostmeisters Fürsten Franz von Thurn und Taxis, dessen Bildnis gleichfalls auf diesem Teppich mit zur Darstellung gebracht ist. Ferner sind zu beachten die Bildteppiche mit der Geschichte Davids (Brüsseler Arbeit des 16. Jahrhunderts), mit der Taufe Christi (aus der Sammlung Erlanger), mit der Mutter Anna selbdritt (aus der Sammlung Spitzer), sowie namentlich derjenige mit der Kreuzabnahme, der Grablegung und der Höllenfahrt Christi, ein Prachtstück von überragender Stilqualität aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts mit der Signatur »Philiep« auf der Mantelkapuze einer der Bildfiguren; die Deutung dieser auch auf verschiedenen anderen künstlerisch wertvollen Bildteppichen dieser Zeit wiederkehrenden Teppichwirkersignatur auf Philipp van Orley, einen Bruder des Malers Barend van Orley, hat sich als chronologisch unhaltbar erwiesen. Als einen nahen Stilverwandten dieses Meisters Philipp lernen wir hier sodann den Schöpfer des Entwurfes zu dem aus derselben Zeit stammenden Bildteppich mit der Darstellung der »Communion Herkenbalds« kennen, den Meister Jan van Bruesselle (auch »van Roome« genannt). Dieser zuerst von Pinchart hervorgehobene Künstler lieferte im Auftrage der Margarethe von Österreich verschiedene Zeichnungen für die Kirche zu Brou und arbeitete auch noch für Kaiser Karl V.; unter anderem entwarf er den früher erwähnten Statuenschmuck der »Bailles de la Cour« (der jetzigen Place Royale).

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Abb. 104. Byzantinisches Elfenbein-Gefäß der Sammlung Spitzer

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Abb. 105. Elfenbein-Reliquiar (12.Jahrh.)

Leider vermochte auch die Teppichwirkerei in den vlaemischen Niederlanden sich auf die Dauer nicht auf der in jenen altehrwürdigen Tapisserien zutage tretenden künstlerischen Höhe zu erhalten. Die Errichtung von Konkurrenzmanufakturen in Italien, besonders in Florenz, und im 17. Jahrhundert die Gründung der Pariser Gobelins-Manufaktur schlugen der zu so glänzender Blüte gelangten Teppichwirkerei Flanderns und Brabants schwere Wunden. Die technische Ausführung verlor mehr und mehr von ihrer einstigen Vollkommenheit, und wenn auch fernerhin noch mancher tüchtige Künstler den niederländischen Teppichwirkern Vorlagekartons lieferte, so hielten doch die späteren »Verdures« und »Ténières« keinen Vergleich mehr aus mit den Bildteppichen des 15. und 16. Jahrhunderts. Gleichwohl besitzt das Brüsseler Museum auch aus dem 17. Jahrhundert noch ein ganz vorzügliches Stück in dem Bildteppich mit der Darstellung der Schlacht bei Nieuport, in der Moritz von Nassau den Sieg über die unter dem Oberbefehle des Erzherzogs Albrecht von Österreich stehenden Spanier davontrug. Die Rahmenbordüre dieses Wandteppichs zeigt Gesamtansichten der bedeutendsten niederländischen Städte nebst deren Wappenemblemen. Soviel mir bekannt ist, hat die noch immer außerordentlich produktive niederländische Teppichwirkerei des 17. Jahrhunderts kaum noch ein zweites Stück von ähnlicher historischer Bedeutung hervorgebracht. Nicht unbegründet ist die vorherrschende Annahme, daß dieser Bildteppich holländischen Ursprungs sein müsse; jedoch könnte er, seiner stilistischen Gesamtphysiognomie nach zu urteilen, meiner Ansicht nach ebensowohl aus Flandern stammen.

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Abb. 106. Pietà (Elfenbein, 17. Jahrh.)

Eine unerschöpfliche Fundgrube für kunstgeschichtliche Studien bildet ferner die Museumsabteilung für Elfenbeinschnitzereien und Goldschmiedearbeiten. Unter den Elfenbeinarbeiten steht an erster Stelle das der Zeit um das Jahr 800 angehörende berühmte Diptychon von Genoels-Elderen (Provinz Limburg), darstellend den von zwei Engeln umgebenen, den Tod und die Sünde unter seine Füße tretenden Erlöser sowie die Verkündigung und die Heimsuchung Mariä; vermutlich ist dieses Elfenbeindiptychon angelsächsischer Herkunft. Wohl dem 9. Jahrhundert entstammt eine byzantinische Pyxis aus der Sammlung Spitzer sowie auch ein Evangelienbuchdeckel mit Reliefszenen aus dem Neuen Testamente und mit den Reliefgestalten der vier Evangelisten, – dem 12. Jahrhundert neben einem zum Reliquiar umgearbeiteten Elephantenzahne ein in Gestalt einer romanischen Kirche gebildeter elfenbeinerner Reliquienschrein, – dem 13. Jahrhundert ein bei Bouvignes aus der Maas aufgefischter Hängeleuchter aus Walroßzähnen in Eisenmontierung mit der hochinteressanten gravierten Darstellung eines mittelalterlichen Ritterstechens. Unter den Elfenbeinarbeiten jüngeren Ursprunges sind besonders beachtenswert: Eine deutsche Schleifkanne des 17. Jahrhunderts mit der Schnitzdarstellung der Geburt der Venus und eine andere mit der im Rubensstile gehaltenen Darstellung der drei Grazien, – ein prächtiger Totenschädel nebst verschiedenen minutiös detaillierten Tierfigürchen, – eine dem Bildschnitzer Duquesnoy zugeschriebene Cupido-Statuette, – eine graziöse Statuette der jungfräulichen Maria, – ein köstlicher Elfenbeinpokal mit der Hirschverwandlung des Aktaeon, – das zierliche Elfenbeinmodell einer Segelfregatte des 18. Jahrhunderts, – sowie das Modell einer Kapelle mit Elfenbeinstatuetten, unter denen namentlich eine ausdrucksvolle Pietàgruppe hervorzuheben ist (vermutlich italienische Arbeit). Im Anschluß an diese Elfenbeinarbeiten sei schließlich auch des meisterlich in Wachs bossierten Medaillonporträts der Doña Juana de Pernestan, einer spanischen Arbeit des 16. Jahrhunderts, rühmende Erwähnung getan.

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Abb. 107. Silbernes Reliquiar, 17. Jahrh. (Kopf Papst Alexanders)

Unter den Goldschmiedewerken und sonstigen ziselierten Metallarbeiten des Brüsseler Kunstgewerbemuseums gebührt der Vorrang dem aus der Kirche St. Germain zu Tirlemont stammenden kupfernen Taufbecken des 12. Jahrhunderts mit vierzehn in Relief getriebenen Figurengruppen in den Nischen der das Becken rings umziehenden romanischen Rundbogenarkaden. Neben dem oben erwähnten bronzenen Taufbecken der Lütticher St. Bartholomäuskirche ist dies das einzige in Belgien nachweisbare größere Metallkunstwerk des romanischen Mittelalters. Ungemein kostbare Edelmetallarbeiten romanischen Stiles (12. Jahrhundert) sind aus der Abtei zu Stavelot in das Brüsseler Museum übergeführt worden: ein in Silber getriebenes und ziseliertes, mit farbigen Glasflüssen und Edelsteinen geschmücktes, die Bildniszüge des Papstes St. Alexander zur Schau tragendes Kopfreliquiar (von 1145), ein seiner Erhaltung wie auch seiner meisterhaften Ausführung nach unerreicht dastehendes Tragaltärchen mit wunderbar schönem und reichem Emaildekor Vergl. hierzu Jos. Destrée, Anciennes industries d'art – Guide du visiteur (Brüssel 1897). und ein gleichfalls mit Emaillen und Niellen verziertes Kreuzigungstriptychon mit in Silber getriebenen und vergoldeten Relieffigürchen. Ein Goldschmiedewerk von erstaunlicher Delikatesse der Ausführung ist auch das durch die Brüsseler Ausstellung von 1888 bekannt gewordene, aus der St. Marienkirche zu Oignies stammende Kreuzesholz-Reliquiar des Klosterbruders Hugo mit dem für diesen frommen Künstler charakteristischen, allen seinen signierten Arbeiten eigenen Filigranrankenwerke. Kunstgeschichtlich hochinteressant sind ferner die von einem Reliquienschreine der St. Servatiuskirche zu Maestricht stammenden schönen Reliquiarstatuetten mit Schmelzfarbenbemalung aus der Sammlung Soltykoff (12. Jahrhundert) und ein ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammendes Prozessionskreuz bester Qualität. Unter den weltlichen Zwecken dienenden mittelalterlichen Goldschmiedearbeiten beachte man eine neunreifige, mit Lilienblüten garnierte Fürstenkrone des 9. Jahrhunderts aus vergoldetem Kupfer und vier silberne Schellen des 14. Jahrhunderts mit den Wappen Flanderns und Frankreichs (getragen von Louis de Crécy).

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Abb. 108. In Wachs bossiertes Medaillonporträt (16. Jahrh.)

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Abb. 109. Silbernes Tragaltärchen aus der Abtei Stavelot (17. Jahrh.)

Von den Renaissanceschätzen der Edelmetallabteilung erwähne ich nur: eine herrlich ziselierte silberne Servierplatte mit der allegorischen Reliefdarstellung der Künste und der Wissenschaften im Tempel des Ruhmes und dem Merkzeichen der Stadt Augsburg, – eine zweite große Servierplatte (genannt »plat d'Alexandre Farnèse«) mit der Reliefdarstellung der Stadt Brügge, aus der Werkstatt des Brügger Goldschmieds Jacques van der Spée hervorgegangen, – eine silberne Reiterstatuette, einen Feldherrn des 16. Jahrhunderts darstellend, vorzügliche deutsche Arbeit, – einen Nautilusbecher in Montierung aus ziseliertem, graviertem und vergoldetem Silber, wundervolle holländische Arbeit des 16. Jahrhunderts, – eine gleichfalls aus dem 16. Jahrhundert stammende, meisterhaft ziselierte Halskette aus dem Besitze der Schützengilde zu Nivelles, – sowie eine wundervolle Emailplatte mit dem Porträt König Heinrichs II. aus der Werkstatt Pierre Reymonds zu Limoges, datiert mit der Jahreszahl 1576.

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Abb. 110. Frère Hugos Kreuzreliquiar aus Ste. Marie zu Oignies

Aus der größtenteils vom Marquis de Rodes gestifteten Uhrensammlung des Museums ist namentlich eine Taschenuhr mit dem aus Edelsteinen zusammengesetzten Monogramm der Königin Marie-Antoinette hervorzuheben.

Die Sammlung von Bronze- und Messinggußarbeiten enthält neben zahlreichen Aquamaniles und Mörsern usw. namentlich auch treffliche Werke der statuarischen Kleinkunst, darunter das angebliche Modell zu der ursprünglichen Pißmännchenfigur des Laufbrunnens an der Ecke der Rue de l'Etuve und der Rue du Chêne.

Außerordentlich reich ist das Brüsseler Kunstgewerbemuseum an Werken der Holzbildhauerei. In allen Kunstländern des Mittelalters und der Renaissancezeit hatten die Bildschnitzer sich hohen künstlerischen Ansehens zu erfreuen, und auch in Brabant wurden sie bald für sich allein, bald im Vereine mit Malkünstlern mit der Ausführung zahlreicher umfangreicher und reich gegliederter Altarwerke beauftragt, wobei der naturalistischen Richtung des niederländischen Kunstgeistes besonders günstige Gelegenheit zu stilgerechter Betätigung geboten war. Neben zahlreichen Altarfragmenten und Einzelfiguren von häufig ganz hervorragendem Stil- und Ausdrucksgehalt (darunter auch verschiedene Stücke aus Brüsseler Bildschnitzerwerkstätten) besitzt das Museum mehrere vollständige Schnitzaltäre, deren Schöpfer uns hier als Künstler ersten Ranges entgegentreten.

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Abb. 111. Frère Hugos Kreuzreliquiar aus Ste. Marie zu Oignies

Das Hauptstück dieser Gruppe ist ein mit der Jahreszahl 1493 datierter siebenteiliger Schnitzaltar mit Darstellungen aus der Märtyrerlegende des hl. Georg, ausgeführt wahrscheinlich von dem berühmten Brüsseler Bildschnitzer Jan Borman für die Kirche Notre-Dame-hors-des-Murs zu Loewen; das nicht minder kostbare, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammende Antependium dieses Altares zeigt (neben den erst im 17. Jahrhundert hinzugefügten Wappenemblemen eines Abtes von Grimberghe) in erhabener Gold- und Seidenstickerei die Darstellungen der Hochzeit zu Cana, des Gastmahles im Hause des Pharisäers Simon, des Gastmahles zu Emaus und des letzten Abendmahles der zwölf Apostel. Weitere wertvolle Schnitzaltäre sind die beiden polychromierten und vergoldeten Passionsaltäre, von denen der größere aus Oplinter stammt und mit dem Merkzeichen der Stadt Antwerpen versehen ist, während der kleinere sich als spanische Arbeit des 16. Jahrhunderts präsentiert, – ein Altarwerk von 1550 aus der Abtei zu Liessies mit Darstellungen der Martyrien der hl. Barbara und des hl. Leodegar, – der Altar mit dem Stammbaum Jesse aus der Kirche zu Pailhe (Provinz Namur), – der Altar mit der hl. Sippe Mariä aus der Kirche zu Auderghem bei Brüssel, – sowie der in Brüssel geschnitzte großartige Passionsaltar mit dem kniend dargestellten italienischen Stifterpaare Claudio da Villa und Gentina Solaro (aus Italien für das Brüsseler Museum zurückerworben).

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Abb. 112. Anhänger einer Schützenkette aus Nivelles (16. Jahrh.)

Unter den Einzelreliefs in polychromierter und vergoldeter Holzschnitzerei sind hervorzuheben die aus der Loewener St. Peterskirche stammenden Reliefdarstellungen der Geißelung, Kreuztragung, Kreuzabnahme und Grablegung Christi, – das hier abgebildete, in seiner Stilgröße geradezu an die Kunst der Van Eycks gemahnende Holzrelief mit der Darstellung Gott-Vaters in der Engelglorie, – sowie das amüsante, an gewisse Kupferstichdarstellungen des 15. Jahrhunderts erinnernde Firmenschild eines Apothekers. Eine vollständig erhalten gebliebene alte Apothekeneinrichtung findet sich übrigens am Ende der den großen Hauptsaal des Museums umziehenden oberen Galerie in ihrer ursprünglichen Disposition getreulich rekonstruiert.

Auf demselben Galerieumgange sieht man fernerhin wundervolle Prunkmöbel, Goldschmiedearbeiten und Glasmalereien ausgestellt sowie auch eine reiche Sammlung schmiedeeiserner Schlüssel und Schlösser aus allen Jahrhunderten, namentlich aber solcher aus der gotischen Stilepoche. Eine unter eigener Schutzvitrine aufgestellte alte Prunkwiege galt lange Zeit als einstige Säuglingslagerstätte Kaiser Karls V.; da jedoch zur Dekorierung dieser Wiege neben einem zum Monogramm verschlungenen Doppel-M auch das Wappen Kaiser Maximilians sowie dessen bekannte Devise »Halt Maß in allen Dingen« mit verwendet wurde, ist man jetzt zu der weit berechtigteren Annahme gelangt, daß dieses Schaukelbettchen für die Kinder der Maria von Burgund bestimmt gewesen ist und demnach Philipp dem Schönen und der Margarethe von Österreich in ihrer Kindheit als Lagerstatt gedient hat.

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Abb. 113. In Holz geschnitzte Rahmen-Kartusche (17. Jahrh.)

Leider ist es mir im engen Rahmen dieses Büchleins nicht möglich, sämtliche Abteilungen dieses an kunstgewerblichen Schätzen jeder Art so überaus reichen Museums einigermaßen eingehend zu besprechen. So muß ich mich in der keramischen Abteilung mit einem kurzen Hinweis auf die Hauptgruppen begnügen. Neben den glänzend dekorativen Fayencen von Brüssel, Ardenne und anderen belgischen Manufakturstätten findet man hier Porzellane und Biskuitfigürchen aus der Manufaktur von Tournai, die jeden Vergleich mit denjenigen der Sèvres-Manufaktur mit Ehren zu bestehen vermögen, – eine prächtige Porzellanfontaine aus der von Karl von Lothringen gegründeten Manufactur von Tervuren (nach der abweichenden Ansicht einiger Autoren gleichfalls aus Tournai stammend), – vlaemische Gläser venezianischer Façon, Steinzeug aus Bouffioulx usw., alles mit Geschmack und Verständnis gesammelt und angeordnet.

Eine weitere Abteilung des oberen Galerieumganges macht uns mit den durch Ausgrabungen zutage geförderten Kulturprodukten aus den ältesten Zeiten der belgischen Landesgeschichte bekannt. War es im Museum des Leopoldparkes die Urgeschichte der gesamten Lebewelt, so ist es hier die Urgeschichte der belgischen Nation, die mit ihren Grabtumuli, ihrem Hausrat, ihren Waffen und ihrem Bronzeschmuck unser regstes Interesse in Anspruch nimmt. Nur die auf belgischem Boden gefundenen gallisch-römischen Vasen, Gläser, Kleinbronzen und Edelschmuckstücke sind von dieser Sammlung abgetrennt und im Vereine mit denjenigen altgriechischen, etruskischen und griechisch-römischen Ursprunges in einer Sonderabteilung des Südpavillons des Musée du Cinquantenaire untergebracht worden.

Der Nordpavillon beherbergt dagegen fernerhin noch eine beachtenswerte Sammlung von Denkmälern der älteren und neueren Monumental- und Dekorationsmalerei. Unter den Kopien nach besonders hervorragenden altvlaemischen Wand- und Deckengemälden begegnen uns hier die prächtigen, keinem Geringeren als dem Meister Rogier van der Weyden zugeschriebenen Engeldarstellungen vom Deckengewölbe einer Kapelle in der St. Peterskirche zu Loewen und die in der Regel dem Jan Gossaert de Mabuse zugewiesenen Fresken aus dem Busleyden-Palais zu Mecheln. Dazu kommen noch verschiedene von belgischen Malern ausgeführte Reproduktionen altitalienischer Freskogemälde. Unter den Originalarbeiten von Dekorationsmalern vergangener Kunstepochen sind neben Giorgio Deferraris schönem Originalentwurf zu dessen Plafonddekoration im Palazzo della Giustizia zu Genua namentlich Th. Van Thuldens Originalkartons zu Jean de Labarres Glasgemälden in der Marienkapelle der Brüsseler Kathedrale hervorzuheben. Von den modernen Dekorationskünstlern sind die Franzosen hier besonders reich vertreten: P. V. Galland mit seinen Entwürfen zum Deckenbilde des großen Saales im Hotel Continental zu Paris, zu seinen Fresken im Pariser Pantheon und zum Ehrendiplome der Pariser Weltausstellung 1889, – Puvis de Chavannes mit dem Originalkarton zu seinen Fresken in St. Germain-l'Auxerrois zu Paris, – J. P. Laurens mit seinem Selbstporträt und mit seinen Entwürfen zum Deckenbilde des Pariser Odeon-Theaters, – G. Dubufe mit seinen Dekorationsskizzen für das Foyer des Théâtre Français, – H. L. Lévy mit dem »Fraternité« betitelten Fragmente eines Deckenbildes für die Mairie des VI. Arrondissements der Stadt Paris. Von dem im Jahre 1898 verstorbenen deutschen Monumentalmaler Friedrich Geselschap besitzt das Museum den mächtigen Originalkarton zu einem von dessen Freskogemälden im Königl. Zeughause zu Berlin. Verhältnismäßig gering ist die Anzahl der hier befindlichen Originalarbeiten moderner belgischer Monumentaldekorateure. Von Charles De Groux sieht man die Kartons zu der infolge des vorzeitigen Todes dieses Künstlers unausgeführt gebliebenen malerischen Ausschmückung der Stadthalle zu Ypern, – von Alfred Cluysenaar die große Grisaille-Darstellung der Apokalyptischen Reiter, – von Joseph Stallaert Entwürfe zu Deckengemälden, – von Ed. Agneesens (1842-1885) schöne dekorative Figurenmalereien.

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Abb. 114. Brüsseler Schnitzaltar von 1493 (Martyrium des h. Georg)

Der mit dem soeben behandelten Nordpavillon in keinerlei direkter Verbindung stehende Südpavillon des Musée du Cinquantenaire hat jenem gegenüber eine weit geringere Publikumsfrequenz aufzuweisen, da die von ihm beherbergten Antikensammlungen zu ihrem Verständnis weit eingehendere Spezialkenntnisse voraussetzen. Natürlicherweise vermag dieses Brüsseler Antikenmuseum einem Vergleiche mit den viel älteren Antikensammlungen des Pariser Louvre-Museums, des Londoner British Museum und der Berliner Staatsmuseen vorläufig noch nicht Stand zu halten; immerhin aber hat es dank dem Wissen und dem Sammeleifer der mit seiner Leitung betrauten Archäologen, dank der Opferwilligkeit begüterter Gönner und endlich auch dank dem tatkräftigen Eingreifen der neugegründeten »Gesellschaft der Museumsfreunde« seine Hallen schon mit recht wertvollen Altertumsschätzen schmücken können.

Nach einer im Jahre 1909 veröffentlichten Mitteilung der Museumsdirektion Notice de la section des antiquités orientales, grecques et romaines (Brüssel 1909). stammen die ägyptischen Altertümer des Museums »ihrem Grundstocke nach größtenteils aus den Privatsammlungen Hagemans und De Meester de Ravestein«. Seit zehn Jahren hat das Museum dann wesentliche Bereicherungen erfahren durch wertvolle Schenkungen sowie durch die dankenswerte Beteiligung der belgischen Regierung an den in Ägypten veranstalteten Ausgrabungen der englischen Gesellschaften »Egypt Exploration Fund« und »Egyptian Research Account«. Ebenso beteiligt sich das Museum auch an den ägyptischen Ausgrabungen der Universität Liverpool. Diese reiche ägyptologische Abteilung pflegt denn auch auf die Besucher des Antikenmuseums eine besonders lebhafte Anziehungskraft auszuüben.

Der Eintretende sieht sich zunächst der vom Konservator Guibell nach Urkunden der V. Dynastie exakt rekonstruierten Fassade der aus der Nekropole von Sakkarah stammenden Grabkammer für Nefer-Art-Nef gegenüber und gelangt sodann in die mit ihrem vollen Zubehör an Totengeräten und Totenopfern ausgestattete Grabkammer für Marou Bebi. Die Namen der Stifter dieser interessanten Schaugruppe, des Barons Empain und der Mme. J. Errera, werden uns auf unserer Wanderung durch die nächstfolgenden Museumssäle noch so manchesmal wieder begegnen. Jeder Saal ist mit der entsprechenden Katalogchiffre versehen, so daß der Besucher die methodisch nach Zeit- und Stilperioden angeordneten Kultur- und Kunstschätze des Pharaonenlandes bequem identifizieren kann.

Saal A: Kostbare Halbedelsteingefäße aus den Königsgräbern der drei ersten Dynastien, darunter mehrere aus stahlhartem Bergkristall, eines derselben mit einer der längsten überhaupt existierenden Inschriften dieser Frühzeit. – Saal B: Mumiensärge mitsamt den für die Todeswanderung des Verstorbenen bestimmten Totengeräten, Opfergaben und Begräbnispapyris, – Szepter, Waffen und Holzgeräte, – prächtig in Holz geschnitzte Ruderbarken und sonstige Figurendarstellungen altägyptischer Gewerbebetriebe, – sowie Bronzegeräte verschiedenster Art, darunter auch eine kleine bronzene Reliefplatte, die von einem am ägyptischen Feldzuge Bonapartes beteiligten Belgier aufgefunden wurde. – Saal C: Wandfresken und Wandreliefs (Koilanaglyphen), unter letzteren eine von Tito Hekekian Pascha dem König Leopold II. als Geschenk übermittelte Reliefdarstellung der Krönung Setis I. (XIX. Dynastie), – die hier abgebildete polychromierte steinerne Bildnisbüste eines ägyptischen Fürsten, – die im Jahre 1891 in Deir-el-Bahari aufgefundenen und vom ägyptischen Khedive in das Brüsseler Museum gestifteten Mumiensarkophage verschiedener Oberpriester des Gottes Ammon mit den Bildnisstatuetten der

Verstorbenen (XX.-XXII. Dynastie), – sowie emaillierte Fayencen usw. von der Halbinsel Sinai (1904 und 1905 vom Professor Flinders Petrie im Auftrage des »Egypt Exploration Fund« ausgegraben). – Saal D: Porphyrner Bildniskopf eines ägyptischen Königs, – prächtige bronzene Katzenfigürchen, – Mumie eines Kalbes aus der unter den Ptolemäern gegründeten Tiernekropole von Theben, – Naos (Tempelkapelle) mit dem Namen König Psammetichs II. (XXVI. Dynastie, von Tito Hekekian Pascha dem König Leopold II. als Geschenk übersandt), – die 1899-1900 von Gayet in Antinoe ausgegrabene Mumie einer als »Stickerin« bezeichneten Frau mit deren vollständig erhalten gebliebener Totenausstattung (darunter eine die exakte Datierung dieses Frauenbegräbnisses ermöglichende Münze Kaiser Constantins des Großen), – ein im Jahre 1908 von Capart in Thessalien aufgefundener kleiner Webstuhl altägyptischen Typs, – endlich neben verschiedenen Mumienmasken und -büsten eine männliche Bildnisbüste aus römisch-ägyptischer Zeit.

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Abb. 115. Brüsseler Passionsaltar mit den Wappen des Claudio da Villa und der Gentina Solaro

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Abb. 116. Gott Vater in Engelglorie (Holzrelief, 15. Jahrh.)

Mit Saal IV betreten wir sodann die Räume der griechischen Antikensammlung, von denen mehrere mit der Portalüberschrift »Collection Ravestein« versehen sind; wurde doch eine beträchtliche Anzahl der hier vereinigten griechischen, etruskischen und römischen Altertümer von dem seiner Zeit in Rom akkreditierten belgischen Diplomaten De Meester de Ravestein zusammengebracht, der seine Sammlungen im Jahre 1874 dem belgischen Staate überließ. Um diesen kostbaren Grundstock von mehr als vierhundert antiken Vasen griechischer und italienischer Herkunft, zu dem noch dreiundsechzig bereits früher vom belgischen Staate aus der römischen Sammlung Campana erworbene altklassische Vasen hinzukommen, gruppieren sich noch zahlreiche spätere Erwerbungen, so daß diese ganze in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht gleich wertvolle Vasensammlung denjenigen der reichsten Museen jetzt ebenbürtig zur Seite steht.

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Abb. 117. Firmenschild eines Apothekers (Holzrelief, 15. Jahrh.)

Zu den interessantesten Schaustücken des Saales IV gehört eine kolossale Aschenurne aus der vorgeschichtlichen Nekropole von Gortan Kelembo in Mysien (Kleinasien); – ferner ein Hundekopf der mykenischen Stilepoche, – zierliche Lekythoi (Salbfläschchen) aus altgriechischen Gräbern, – eine mit dem Namen »Hegesiboulos« signierte Trinkschale des V. vorchristlichen Jahrhunderts, eine zweite, die dem Sotades zugeeignet ist, eine dritte (auf schwarzem Grunde) im Geschmacke des Brigos, eine vierte mit der Signatur »Krates« (dem Euphronios zugeeignet), eine fünfte mit der Signatur »Hieron«, – ein Skyphos (Trinkbecher) mit der Signatur »Pistoxenos«, – eine große Panathenäen-Amphore mit der Namensinschrift des Archonten Polyzelos (367 v. Chr.) aus Cyrenaica mit den von rotem Grunde sich abhebenden Bilddarstellungen der Athena Promachos und einer Wettläufergruppe – ein Stamnos (Weinkrug) mit der Signatur »Polygnotos«, – eine prächtige Gruppe schwarzfiguriger Vasen aus Attika, – böotische Vasen des 6. und 5. vorchristlichen Jahrhunderts, – endlich eine Anzahl rotfiguriger attischer Vasen, unter denen neben einem Kantharos (zweihenkeliges Trinkgefäß) mit der Signatur »Smikros« eine wundervolle Trinkschale mit der Signatur »Douris« besonders ins Auge fällt.

Im nächstfolgenden Saale: Vasen und Hydrien der hellenistischen Epoche, – prächtige schwarzfarbige Poterien etruskischen Ursprunges, – eine rotfarbige Aschenurne, – eine mächtige Tarentiner Amphore, – antike Lampen und Trinkhörner, – punische Vasen aus Karthago, – sowie eine Anzahl kostbarer antiker Glasgefäße.

Im Saale VI römische Altertümer, die der Mehrzahl nach in belgischer Erde gefunden wurden: Grabtumulus aus der Gegend von Herstal bei Lüttich (um 100 v. Chr.), – Flachrelief mit der Darstellung des Sonnenwagens (bei Arlon gefunden), – Schabeisen, Vasen, Opferschalen sowie ein purpurfarbenes Glasgefäß in Gestalt einer Weintraube aus einem Grabtumulus bei Frésin, – Tragaltärchen mit dem Reliefbilde der in Belgien verehrten Göttin Néhalennia, die uns hier in der Tat in der äußeren Gestalt einer echten vlaemischen Gemüsegärtnerin entgegentritt, – römischer Meilenstein aus der Gegend von Tongern, – in besonderer Vitrine eine Sammlung von Glasgegenständen und Bronzestatuetten, sowie ein von den Tribunen und Oberbefehlshabern des römischen Heeres als Paradewaffe getragenes »Parazonium« (Gürteldolch aus Elfenbein) aus einem bei Omal aufgedeckten Grabtumulus.

Im Saale VII sind die in belgischem Staatsbesitz befindlichen Werke der altgriechischen und altrömischen Bildhauerkunst vereinigt, eine der Stückzahl nach noch ziemlich bescheidene Sammlung antiker Skulpturen, die dafür ihrem inneren Werte nach für den Archäologen wie für den Künstler um so höheres Interesse bieten. Zunächst ist hier ein aus Zebed (in der syrischen Wüste) stammender, mit der Jahreszahl 512 (nachchristlicher Zeitrechnung) datierter Türsturz bemerkenswert, dessen dreisprachige Votivinschrift uns Kunde gibt von der in jenem Jahre erfolgten Gründung einer Kirche des hl. Sergius; die eine der drei Inschriften repräsentiert geradezu das älteste bisher bekannt gewordene arabische Schriftdenkmal aus vormohammedanischer Zeit. Unter den teilweise aus der ehemaligen Sammlung Somzée stammenden statuarischen Bildwerken sind hervorzuheben: ein wundervoller Torso der Venus von Knidos, – ein Barbarenkopf aus der pergamenischen Epoche, – eine große Bronzestatue des Septimius Severus (aus dem Festungsgraben der Engelsburg zu Rom, unter Beihilfe opferwilliger Kunstfreunde 1904 für das Brüsseler Museum angekauft), – eine herrliche Büste des Hermes Propylaios von Alkamenes (Geschenk des Herrn R. Warocqué), – ein köstliches Alabasterrelief von der Vorderseite einer bei Volterra gefundenen etruskischen Aschenkiste, – interessante, mit Bleimänteln umgebene Sarkophage aus Sidon (3. Jahrhundert v. Chr.), – sowie als wertvolle Schenkung der »Gesellschaft der Museumsfreunde« eine aus Karien stammende männliche Bildnisbüste, ein wundervolles, Spuren einstiger Polychromierung aufweisendes Marmorwerk von hervorragendstem Stil- und Ausdrucksgehalt aus der Zeit um 300 n. Chr. (Man beachte die eigenartige, schon von Viollet Le Duc mit mehreren Beispielen belegte Haartracht dieser Büste, die auf der Oberseite des Schädels außerdem Inschriftspuren erkennen läßt.)

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Abb. 118. Bildniskopf eines ägyptischen Fürsten

Im Saale VIII: Etruskische Aschenkisten in Sarkophagform, – merkwürdige Votivstatuetten aus einem graeco-phönizischen Tempelheiligtume (darunter eine an die numidischen Eilboten der römischen Plastik erinnernde Reiterfigur), – mehrere schöne Glasgefäße (darunter eine blaufarbige gerippte Kugelschale), – sowie zahlreiche Terrakottafigürchen aus Myrina, Smyrna und Tanagra.

Schließlich im Saale IX: Römische Kleinbronzen, gravierte Metallspiegel von zum Teil ganz hervorragender Qualität, sowie etruskische und römische Goldschmucksachen von bekannter Feinheit und Eleganz des Stiles und der Detailbehandlung. Unter den Kleinbronzen findet man neben weiteren köstlichen Schmuckgegenständen auch Siegelstempel, Gewichte, Wagen und chirurgische Instrumente. Auch eine Vitrine mit Helmen, Beinschienen, Schwertern und sonstigen Kriegswaffen wird Archäologen und Geschichtsfreunde höchlichst interessieren.

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Abb. 119. Septimius Severus-Statue (aus den Festungsgräben der Engelsburg zu Rom)

In ihrem Gesamtinhalte bilden diese Antikensammlungen des Musée du Cinquantenaire jedenfalls eine ungemein wertvolle Ergänzung zu den im gegenüberliegenden Pavillon aufgestapelten Schätzen des mittelalterlichen und des neueren Kunstgewerbes, mit denen im Vereine sie dem Kunst- und Geschichtsforscher ein schier unerschöpfliches Studienmaterial darbieten, dank dem unermüdlichen Sammeleifer und der auch außerhalb Belgiens hinreichend gewürdigten Kennerschaft ihrer wissenschaftlichen Leiter und Verwalter.

Gewissermaßen einen Nachklang zur ägyptologischen Abteilung des Antikenmuseums bietet das am Ausgange des Parc du Cinquantenaire errichtete Panoramengebäude mit seinem von Emil Wauters geschaffenen kolossalen Rundgemälde der Stadt Kairo.

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Abb. 120. Const. Meunier, Roß an der Tränke (Brunnengruppe der Avenue Palmerston, Photo Neurdein)

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