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Die alte Isergil und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Die alte Isergil und andere Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleDie alte Isergil und andere Erzählungen
publisherVerlag Neues Leben Berlin
editorUlrike Hirschberg
year1981
translator
correctorreuters@abc.de
created20140305
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Makar Tschudra

Von der See wehte ein feuchter, kalter Wind, trug die versonnene Melodie der patschend ans Ufer springenden Wellen in die Steppe und raschelte in den Uferbüschen. Manchmal fegte ein Windstoß runzlige, gelbe Blätter heran, warf sie ins Feuer und ließ die Flamme auflodern; das uns umgebende Dunkel der Herbstnacht zuckte, wich ängstlich zurück und enthüllte für einen kurzen Moment links die grenzenlose Steppe, rechts das unendliche Meer und mir genau gegenüber die Gestalt Makar Tschudras, des alten Zigeuners – er bewachte die Pferde seines Lagers, das etwa fünfzig Schritt von uns entfernt aufgeschlagen war.

Er achtete nicht darauf, daß die kalten Windstöße seinen Bauernrock aufrissen, die behaarte Brust entblößten und erbarmungslos peitschten, sondern blieb halbaufgerichtet in malerischer, kraftvoller Haltung liegen, das Gesicht mir zugewandt, sog gleichmäßig an seiner gewaltigen Tabakspfeife, stieß dichten Rauch aus Mund und Nase, starrte regungslos über mich weg ins totenstille Dunkel der Steppe, redete ununterbrochen und rührte keine Hand, um sich gegen die heftigen Windstöße zu schützen.

»Du ziehst umher? Das ist gut! Du hast ein herrliches Los gewählt, mein Falke. So muß es sein: Zieh umher und sieh dir alles an; hast du alles gesehen, dann leg dich und stirb – das ist alles!

Das Leben? Andere Menschen?« fuhr er fort, nachdem er sich meinen Einwand gegen sein »So muß es sein« skeptisch angehört hatte. »Ach wo! Was geht das dich an? Bist du nicht selbst das Leben? Die anderen leben ohne dich und werden's weiter tun. Glaubst du vielleicht, jemand braucht dich? Du bist kein Brot, kein Stock, niemand braucht dich.

Immer nur lernen, sagst du? Kannst du erlernen, die Menschen glücklich zu machen? Nein, das kannst du nicht. Krieg erst mal graue Haare, dann sag, was man lernen sollte. Wozu auch? Jeder weiß, was er braucht. Die Schlauen nehmen sich, was da ist, die Dummen kriegen nichts ab, das lernt jeder von allein.

Sie sind doch seltsam, deine Menschen. Drängen sich zu einem Haufen zusammen und bedrücken einander, dabei ist soviel Platz auf der Welt.« Er deutete in einer weiten Handbewegung auf die Steppe. »Und immer müssen sie arbeiten. Warum? Für wen? Niemand weiß es. Du siehst einen Menschen pflügen und denkst: Mit jedem Tropfen Schweiß opfert er der Erde seine Kraft, dann legt er sich selbst hinein und verfault. Nichts bleibt von ihm, er sieht nichts von seinem Feld und stirbt, wie er geboren wurde – als Dummkopf!

Du meinst, er wurde geboren, um eben in der Erde herumzustochern und zu sterben, ohne sich auch nur das eigene Grab ausgehoben zu haben? Kennt er die Freiheit? Begreift er die Weite der Steppe? Erfreut das Rieseln der Steppengräser sein Herz? Er wurde als Sklave geboren und bleibt es sein Leben lang, nichts weiter! Was kann er aus sich machen? Sich höchstens aufhängen, sobald er ein bißchen gescheiter geworden ist.

Sieh her: Ich hab in den achtundfünfzig Jahren soviel gesehen, würde ich alles zu Papier bringen, so würden tausend solcher Taschen nicht ausreichen, wie du sie hast. Was glaubst du, in welchen Ländern ich nicht überall war? Du errätst es nicht. Du kennst die Länder gar nicht, wo ich mal war. So muß man leben: Immer weiterziehen – das ist alles. Ja nicht lange an einem Ort bleiben, was ist schon an ihm? Wie Tag und Nacht einander nachsetzend um die Erde eilen, so solltest auch du vor deinen Gedanken über das Leben davonlaufen, damit du nicht aufhörst, es zu lieben. Denn wenn du nachdenkst, hörst du auf, das Leben zu lieben. So ist es immer. Auch mir erging's so. O ja! Du kannst's mir glauben, mein Falke.

Im Gefängnis hab ich gesessen, in Galizien. Wozu bin ich überhaupt auf der Welt? hab ich mich ganz traurig gefragt. Denn traurig ist's im Gefängnis, mein Falke, und wie! Sehnsucht packte mich, wenn ich aus dem Fenster blickte, und preßte mein Herz zusammen wie mit Zangen. Wer kann sagen, warum er lebt? Niemand kann das, mein Falke! Du brauchst dich auch nicht selbst danach zu fragen. Du lebst – das ist alles. Also zieh umher und sieh dir alles ringsum genau an, dann packt dich auch keine Sehnsucht. Damals hätte ich mich beinahe mit meinem Gürtel erhängt, jawohl!

Ha! Ich hab mal mit jemandem gesprochen. Er war ein ernster Mann, einer von euch, ein Russe. Er meinte, man darf nicht so leben, wie man will, sondern wie es Gottes Gebot entspricht. Unterwirf dich Gott, er gibt dir alles, was du dir erbittest. – Der Mann ging aber ganz zerlumpt umher. Ich sagte ihm, da sollte er sich von Gott was Besseres zum Anziehen erbitten. Er wurde ganz wütend und hat mich mit Schimpfworten davongejagt. Eben hatte er noch geredet, man soll den Menschen vergeben und sie lieben. Dann hätte er mir vergeben sollen, wenn meine Worte seine Gefühle verletzten. Ein schöner Lehrer ist mir das! Sie predigen, weniger zu essen, und essen selbst zehnmal am Tag.«

Er spie ins Feuer, schwieg eine Weile und stopfte sich eine neue Pfeife. Der Wind heulte leise und kläglich, die Pferde wieherten in der Dunkelheit, vom Lager tönte ein leidenschaftliches, zärtliches Lied herüber. Die schöne Nonka sang es, Makars Tochter. Ich erkannte ihre dunkle, tiefe Stimme, die stets seltsam unzufrieden und fordernd klang – sooft sie dieses Lied sang, schien sie ›Sei gegrüßt!‹ zu sagen. Der Hochmut einer Königin lag auf ihrem dunkelhäutigen, mattglänzenden Gesicht, in den dunkelbraunen, wie überschatteten Augen blitzte das Bewußtsein unwiderstehlicher Schönheit und Verachtung für alles, was nicht sie selbst war.

Makar gab mir die Pfeife.

»Rauch! Schön singt das Mädchen, was? O ja! Möchtest du, daß so eine dich liebt? Nein? Sehr gut! So muß es sein. Trau den Mädchen nicht und halt dich fern von ihnen. Für sie ist Küssen schöner und angenehmer als für mich das Pfeiferauchen, aber wenn du sie geküßt hast, ist es aus mit der Freiheit in deinem Herzen. Sie fesselt dich an sich mit etwas, das du nicht siehst – du kannst es nicht zerreißen und lieferst ihr deine Seele aus! Wirklich! Hüte dich vor den Mädchen! Sie lügen immer! ›Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt‹, sagt manche, aber du brauchst sie nur mit einer Nadel zu stechen, dann zerreißt sie dir das Herz. Ich weiß es! Und ob ich es weiß! Wenn du willst, erzähle ich dir eine Geschichte, möchtest du, mein Falke? Präg sie dir gut ein, wenn du das tust, bleibst du dein Lebtag ein freier Vogel.

Es lebte einmal ein junger Zigeuner namens Sobar, Loiko Sobar. Ganz Ungarn, das Tschechenland, Slawonien und alles Land, um das Meer kannte ihn – er war ein verwegener Junge! Kein Dorf gab es in jenen Ländern, in dem sich fünf, zehn Einwohner nicht geschworen hätten, ihn zu töten, aber das bekümmerte ihn nicht, und wenn ihm ein Pferd gefiel, so hättest du es durch ein Regiment Soldaten bewachen lassen können – er hätte es dennoch genommen und Reiterkunststücke damit vorgeführt! Als ob er vor jemandem Angst gehabt hätte! Wäre Satan mit seinem ganzen Gefolge zu ihm gekommen, so hätte Loiko, wenn er ihm nicht gleich ein Messer in den Leib gerannt hätte, bestimmt nur kräftig geflucht und allen Teufeln mächtig eines auf die Schnauze gehauen – das steht mal fest!

Auch alle Zigeunerlager kannten ihn oder hatten von ihm gehört. Er liebte nur die Pferde, sonst nichts, und das nie lange – war er eine Zeitlang damit herumgeritten, verkaufte er es und warf das Geld mit vollen Händen hinaus. Nichts hielt er verborgen vor der Welt – hättest du sein Herz gefordert, so hätte er es sich selbst aus der Brust gerissen und dir gegeben, nur um dir Gutes zu tun. So war er, mein Falke!

Unser Lager zog zu jener Zeit durch die Bukowina – das war vor etwa zehn Jahren. Einmal in einer Frühlingsnacht saßen wir beisammen: ich, Danilo der Soldat, der unter Kossuth gekämpft hatte, der alte Nur und alle anderen, darunter auch Radda, Danilos Tochter.

Du kennst doch meine Nonka? Schön wie eine Königin! Dennoch läßt sie sich nicht mit Radda vergleichen – es wäre zu viel Ehre für sie! Die Schönheit dieser Radda ist nicht mit Worten auszudrücken. Vielleicht mit einer Geige, aber auch nur, wenn jemand diese Geige wie die eigene Seele kennt.

Viele Burschenherzen hatten sich ihretwegen verzehrt, o viele! In Mähren erstarrte ein alter Magnat mit mächtigem Haarschopf bei ihrem Anblick zur Salzsäule. Er saß auf seinem Pferd, sah sie und zitterte wie im Fieber. Schön war er wie der Satan am Feiertag, sein Rock goldbestickt, der Säbel an seiner Seite blitzte bei jedem Aufstampfen des Pferdes, denn er war mit Edelsteinen besetzt, und die Mütze aus hellblauem Samt sah aus wie ein Stück Himmel – es war ein vornehmer Herr, der alte Mann! Als er sich sattgesehen hatte, sagte er zu Radda: ›He! Küß mich, ich geb dir einen Beutel Geld!‹ Sie aber wandte sich nur ab! ›Verzeih, wenn ich dich gekränkt hab, blick mich wenigstens etwas zärtlicher an‹, lenkte der alte Magnat sofort ein und warf ihr einen Beutel vor die Füße – einen großen Beutel, Bruder! Sie aber stieß ihn wie aus Versehen in den Schmutz, weiter nichts!

›Ist das ein Mädchen!‹, stöhnte er, zog dem Pferd eines mit der Peitsche über – eine Staubwolke stob hinter ihm auf.

Anderentags erschien er wieder. ›Wer ist ihr Vater?‹ rief er mit Donnerstimme durchs Lager. Danilo trat heraus. ›Verkauf mir deine Tochter, nimm, was du haben willst!‹ Danilo aber sagte zu ihm: ›Nur für die Herren ist alles käuflich, von ihren Schweinen bis zu ihrem Gewissen, ich aber hab unter Kossuth gekämpft und verkaufe nichts!‹ Auf brüllte der andere und wollte nach dem Säbel greifen, da stieß einer von uns seinem Pferd einen brennenden Zweig ins Ohr, und es preschte mit dem Recken davon. Wir brachen auf und zogen weiter. Einen Tag, zwei, dann sahen wir – er hatte uns eingeholt! ›He, ihr da‹, sagte er. ›Rein ist mein Gewissen vor Gott und vor euch, gebt mir das Mädchen zur Frau, und ich will alles mit euch teilen, ich bin sehr reich!‹ Hochrot war er und schwankte im Sattel wie Federgras im Wind. Wir überlegten.

›Nun sprich du, Tochter!‹ sagte Danilo still für sich.

›Kröche das Adlerweibchen aus freien Stücken zur Krähe ins Nest, was würde aus ihr werden?‹ fragte uns Radda.

Da lachte Danilo, und wir lachten mit ihm.

›Prachtvoll, Töchterchen! Hast du gehört, Herr? Aus der Sache wird nichts! Such dir ein Täubchen, das williger ist.‹ Und wir zogen weiter.

Da riß sich der große Herr die Mütze vom Kopf, schleuderte sie auf den Boden und sprengte davon, daß die Erde bebte. So war sie, diese Radda, mein Falke!

Ja! Einmal nachts nun hörten wir Musik durch die Steppe tönen. Herrliche Musik! Die das Blut in den Adern entbrennen läßt und dich irgendwohin lockt. Wir alle spürten, wie diese Musik Wünsche weckte, nach denen man nicht länger mehr leben wollte, oder wenn doch, dann als Herrscher über die ganze Erde, mein Falke!

Aus der Dunkelheit tauchte ein Pferd, ein Mann saß darauf und spielte im Näherkommen. Am Feuer hielt er, hörte auf zu spielen und blickte uns lächelnd an.

»He, Sobar, du bist das!« rief Danilo ihm freudig zu. Es war jener Loiko Sobar.

Sein Schnurrbart ruhte auf den Schultern und verschmolz mit dem Haupthaar, die Augen strahlten wie klare Sterne, sein Lächeln glich dem der Sonne, fürwahr! Er sah aus wie ein ehernes Reiterstandbild. Der Feuerschein färbte ihn blutrot, und er lachte mit blitzenden Zähnen! Verflucht will ich sein, wenn ich ihn nicht schon liebte wie mich selbst, noch ehe er ein Wort zu mir gesagt oder auch nur bemerkt hatte, daß es auch mich auf dieser weiten Welt gab!

Solche Menschen gibt es wohl, mein Falke! Er blickt dir in die Augen und nimmt deine Seele gefangen, du aber schämst dich dessen nicht, bist gar noch stolz darauf. Mit so einem wirst du selbst ein besserer Mensch. Es gibt wenig solcher Menschen, Freund! Aber das ist gut, daß es wenig gibt. Gäbe es viel Schönes auf der Welt, würde man es nicht als schön ansehen. So ist es doch! Aber höre weiter.

Radda sagte: ›Du spielst gut, Loiko! Wer hat dir eine so klangvolle, zauberhafte Geige gebaut?‹ Loiko aber lachte: ›Ich selbst! Und ich hab sie nicht aus Holz gefertigt, sondern aus der Brust eines jungen Mädchens, das ich einmal sehr geliebt habe, und die Saiten hab ich aus ihrem Herzen gewunden. Sie lügt noch ein wenig, die Geige, aber ich weiß, den Bogen fest in der Hand zu halten!‹

Du weißt: Unsereins legt es darauf an, einem Mädchen den Blick zu vernebeln, damit unser Herz nicht davon entbrennt, sie selbst aber von Sehnsucht nach uns erfüllt wird. Das tat auch Loiko. Nur war er diesmal an die Falsche geraten. Radda wandte sich ab und sagte gähnend: ›Da heißt's allgemein, Sobar ist klug und geschickt – wie die Leute lügen!‹ Damit ging sie weg.

›Oho, spitz ist deine Zunge, du Schöne!‹ sagte Loiko mit blitzenden Augen und schwang sich vom Pferd. ›Seid gegrüßt, Brüder! Zu euch will ich!‹

›Der Gast ist uns willkommen!‹ sagte Danilo zur Antwort. Wir küßten uns, unterhielten uns kurz und legten uns schlafen. Wir schliefen fest. Am nächsten Morgen sahen wir jedoch, daß Sobar einen verbundenen Kopf hatte. Was war das? Hatte ein Pferd ihn im Schlaf getreten?

Ach was! Wir begriffen wohl, wer dieses Pferd gewesen war, und grinsten, und auch Danilo grinste. Aber war Loiko nicht Radda wert? Das wiederum nicht! So schön das Mädchen war, sie war engherzig und kleinlich, und hättest du ihr ein Pud Gold um den Hals gehängt, sie wäre dennoch nicht besser geworden, als sie war. Aber lassen wir das!

Wir blieben an jenem Ort, unsere Geschäfte gingen zu jener Zeit gut, und auch Sobar blieb bei uns. Er war ein guter Helfer! Weise wie ein Greis, in allen Dingen erfahren und des Russischen und Ungarischen kundig. Wenn er erzählte, dachte ich nicht an Schlaf, sondern hörte ihm zu! Und wenn er spielte – der Blitz soll mich treffen, wenn sonst jemand auf der Welt so gespielt hätte! Er strich mit dem Bogen über die Saiten – und dein Herz hüpfte, er strich abermals – und es erstarrte lauschend, er aber spielte und lächelte. Wer ihn hörte, hätte am liebsten geweint und gelacht zugleich. Eben noch schien jemand bitter zu stöhnen und um Hilfe zu flehen, daß es dir das Herz zerriß vor Schmerz. Dann wieder erzählte die Steppe dem Himmel Märchen, traurige Märchen. Ein Mädchen weint beim Abschied von seinem Liebsten! Der brave Junge ruft sie in die Steppe. Und plötzlich – he! Wie ein Gewitter braust eine ungestüme, lebenssprühende Melodie dahin, selbst die Sonne am Himmel scheint nach dem Lied zu tanzen, sieh nur hin! So war er, mein Falke.

Jede Faser deines Körpers verstand dieses Lied, und du wurdest sein Sklave. Hätte Loiko damals gerufen: ›Zieht die Messer, ihr Männer!‹, so hätten wir alle die Messer gezogen und gekämpft, wie er uns geheißen. Alles konnte er mit dem Menschen machen, und alle liebten ihn, liebten ihn sehr, nur Radda würdigte ihn keines Blickes. Nun gut, wäre nur das gewesen, aber sie spottete seiner noch! Tief traf sie ihn ins Herz, den Sobar, sehr tief! Er knirschte mit den Zähnen, zupfte seinen Schnurrbart, der Loiko, seine Augen blickten dunkel wie ein bodenloser Abgrund, und manchmal blitzte es darin auf, daß einem ganz schrecklich zumute wurde. Nachts ging Loiko weit in die Steppe, seine Geige weinte bis zum Morgen, weinte und trug seine Freiheit zu Grabe. Wir aber lagen und lauschten und grübelten: Was würde geschehen? Denn wir wußten: Prallen zwei Steine aufeinander, darf man nicht dazwischentreten – sonst ergeht's einem schlimm. Genauso kam es.

Wieder einmal saßen wir alle beisammen und sprachen über unsere Angelegenheiten. Dann wurde uns langweilig. Deshalb bat Danilo den Loiko: ›Sing uns ein Lied, Sobar, ermuntere die Seele!‹ Dieser warf einen Blick auf Radda, die nicht weit entfernt auf dem Rücken lag und in den Himmel blickte, und schlug auf die Saiten. Und die Geige hub zu sprechen an, als sei sie fürwahr ein Mädchenherz. Und Loiko sang:

He, he! Feuer brennt in der Brust,
und weit ist die Steppe!
Schnell wie der Wind ist mein munteres Pferd
und fest mein Arm!

Radda wandte den Kopf, richtete sich auf und lachte dem Sänger ins Gesicht. Es loderte auf wie die Morgenröte.

He, hopp, he! Komm, mein Gefährte!
Wollen wir vorausreiten?!
Düstere Finsternis umhüllt die Steppe,
aber dort harrt unserer die Dämmerung!
He, he! Wir fliegen dahin und begrüßen den Tag.
Schwing dich auf in die Höhe!
Nur berühr nicht mit der Mähne
den Mond, den prächtigen!

So sang Loiko! Niemand singt jetzt noch so! Radda aber sagte verächtlich:

›Solltest nicht so hoch fliegen, Loiko, womöglich fällst du, ja – und mit der Nase in die Pfütze, so daß du dir den Schnurrbart schmutzig machst! Paß auf!‹ Wild blickte Loiko sie an, sagte aber nichts – er duldete es still und sang für sich:

He, hopp! Plötzlich kommt der Tag hierher,
und wir beide schlafen!
He, he! Dann verbrennen wir beide doch
im Feuer der Scham!

›Das ist ein Lied!‹ sagte Danilo. ›Nie hab ich dergleichen gehört. Soll der Satan aus mir eine Tabakspfeife für sich machen, wenn ich lüge!‹

Der alte Nur bewegte den Schnurrbart und zuckte die Schultern, uns allen gefiel das muntere Lied von Sobar! Nur Radda mißfiel es.

›So hat einmal eine Mücke gesummt, um den Schrei des Adlers nachzuäffen‹, sagte sie; es war, als überschütte sie uns mit Schnee.

›Verlangt's dich etwa nach der Peitsche, Radda?‹ fragte Danilo und reckte den Kopf nach ihr, Sobar aber warf seine Mütze zu Boden und sagte, das Gesicht schwarz wie Erde:

›Halt, Danilo! Ein hitziges Pferd braucht eine stählerne Kandare! Gib mir deine Tochter zur Frau!‹

›Das ist ein Wort!‹ sagte Danilo lachend. ›Nimm sie dir, wenn du kannst!‹

›Gut!‹ antwortete Loiko und sagte zu Radda: ›Nun hör mir gut zu, Mädchen, und sei nicht so stolz! Viele deinesgleichen hab ich gesehen, o ja, viele! Keine hat mein Herz so bewegt wie du. Ach, Radda, du hast meine Seele gefangengenommen! Was soll ich tun? Was geschehen soll, wird geschehen – das Pferd gibt es nicht, mit dem man sich selbst entrinnen kann! Ich nehme dich zur Frau vor Gott, meiner Ehre, deinem Vater und all diesen Leuten. Jedoch gib acht: Widersetz dich nicht meiner Freiheit – ich bin ein freier Mann und werde leben, wie ich will!‹ Und er trat zu ihr mit zusammengebissenen Zähnen und funkelnden Augen. Wir sahen, wie er ihr die Hand hinstreckte – nun hat Radda dem Steppenpferd den Zügel übergestreift, dachten wir! Plötzlich warf er die Arme hoch und fiel rücklings zu Boden – krach!

Was war denn das? Als habe eine Kugel den Jungen ins Herz getroffen. Radda hatte ihm die langriemige Peitsche um die Beine geschlagen und gezogen – so war er gefallen.

Abermals lag das Mädchen, ohne sich zu rühren, und lachte lautlos. Wir warteten, was weiter sein werde, aber Loiko saß auf der Erde und hielt den Kopf mit beiden Händen, als fürchte er, er werde ihm zerplatzen. Dann erhob er sich still und ging in die Steppe, ohne jemanden anzusehen. Nur flüsterte mir zu: ›Sieh nach ihm!‹, so folgte ich ihm unbemerkt in nächtlicher Dunkelheit durch die Steppe. Jawohl, mein Falke!«

Makar klopfte die Asche aus der Pfeife und stopfte sie neu. Ich hüllte mich fester in den Mantel und blickte im Liegen in sein altes, vom Lagerfeuer und Wind gedunkeltes Gesicht. Er schüttelte düster und streng den Kopf und flüsterte etwas vor sich hin. Der graue Schnurrbart regte sich, der Wind zauste ihm das Kopfhaar. Er glich einer alten, vom Blitz versengten Eiche, die noch immer mächtig und kraftvoll ist und stolz auf ihre Kraft. Das Meer flüsterte wie ehedem mit dem Ufer, der Wind trug das Flüstern durch die Steppe. Nonka sang nicht mehr, die sich am Himmel drängenden Wolken ließen die Herbstnacht noch dunkler erscheinen.

»Gesenkten Hauptes ging Loiko durch die Steppe, seine Arme hingen herab wie Peitschenschnüre, und als er zur Schlucht mit dem Bach kam, setzte er sich auf einen Stein und stöhnte. Er stöhnte, daß mein Herz vor Mitleid blutete, dennoch trat ich nicht zu ihm. Worte können solchen Schmerz nicht lindern – hab ich recht? Und ob! Er saß eine Stunde, eine zweite und eine dritte, ohne sich zu rühren.

Ich lag in einiger Entfernung. Die Nacht war hell, der Mond goß silbernes Licht über die Steppe, man konnte weit sehen.

Plötzlich sah ich Radda vom Lager herkommen.

Ich freute mich! Ach, was soll's! dachte ich. Sie ist nun einmal ein mutwilliges Ding! – Sie trat zu ihm, aber erhörte nicht. Da legte sie ihm die Hand auf die Schulter. Er zuckte zusammen, nahm die Hände herab und hob den Kopf. Dann sprang er auf und griff nach dem Messer! O, jetzt ersticht er das Mädchen, dachte ich. Schon wollte ich zum Lager hinüberrufen und zu ihnen stürzen, da hörte ich:

›Laß das! Ich zerschieß dir den Kopf!‹ Ich sah deutlich: Radda hielt eine Pistole in der Hand und zielte auf Sobars Stirn. So ein Satansmädchen! dachte ich, und: Sie sind einander ebenbürtig, was wird nun werden?

Radda steckte die Pistole in den Gürtel und sagte zu Sobar: ›Hör zu! Ich bin nicht gekommen, dich zu töten, sondern um mich auszusöhnen, also wirf das Messer weg!‹ Er tat es und blickte ihr finster ins Gesicht. Seltsam war das, Bruder! Da standen zwei Menschen und blickten sich an wie Tiere, und beide waren so schön, so verwegen. Nur der helle Mond und ich sahen sie – niemand sonst.

›Hör mir zu, Loiko: Ich liebe dich!‹ sagte Radda. Er zuckte nur die Schultern, als wäre er an Händen und Füßen gefesselt.

›Ich habe viele Burschen gesehen, du aber bist verwegener als sie und schöner von Angesicht und Gesinnung. Jeder von ihnen würde sich den Schnurrbart rasieren, zuckte ich nur mit der Braue. Alle fielen mir zu Füßen, wenn ich's wollte. Aber was hätte es für Sinn? Sie sind nicht verwegen genug, ich würde sie alle zu Weibern machen. Nur wenig verwegene Zigeuner gibt's noch auf der Welt, wenige, Loiko. Nie hab ich einen geliebt, Loiko, dich aber liebe ich. Außerdem liebe ich die Freiheit! Ich liebe die Freiheit mehr als dich, Loiko. Dennoch kann ich nicht ohne dich leben, wie auch du nicht ohne mich leben kannst. Deshalb will ich, daß du mit Leib und Seele mir gehörst, verstehst du?‹ Er lachte kurz.

›Ich verstehe wohl! Mein Herz freut sich ob deiner Rede! Wohlan, fahre fort!‹

›Das wollte ich noch sagen, Loiko: Wie du dich auch drehst und windest, ich bin dir über, du wirst mein. Also verlier keine Zeit – meine Küsse und Liebkosungen erwarten dich. Und wie ich dich küssen werde, Loiko! Unter meinen Küssen vergißt du dein verwegenes Leben; auch deine munteren Lieder, mit denen du die jungen Zigeuner erfreust, werden nicht mehr in den Steppen erklingen. Mir wirst du zärtliche Liebeslieder singen, mir, deiner Radda! So verlier keine Zeit – ich hab es gesagt, also wirst du dich mir als der dir überlegenen Lebensgefährtin und Vermählten morgen unterwerfen. Vor dem ganzen Lager wirst du mir zu Füßen fallen und meine rechte Hand küssen – dann werde ich deine Frau.‹

Was hatte sich dieses Teufelsweib da ausgedacht! Nie hatte man dergleichen gehört. Bei den Montenegrinern war es in früherer Zeit so Brauch, sagten die Alten, bei den Zigeunern aber niemals! Ja, mein Falke, kannst du dir was Absonderlicheres ausdenken? Und wenn du dir ein Jahr lang den Kopf zerbrichst, so etwas denkst du dir nicht aus!

Loiko stürzte davon und schrie wie ein verwundetes Tier, daß man es in der ganzen Steppe hörte. Radda fuhr zusammen, lenkte jedoch nicht ein.

›Dann leb wohl bis morgen, und morgen wirst du tun, was ich dir befohlen hab. Hörst du, Loiko?‹

›Ich höre! Und tue es‹, stöhnte Sobar und streckte die Arme nach ihr aus. Sie blickte sich nicht einmal nach ihm um, er schwankte wie ein vom Wind geknickter Baum, fiel zu Boden und lachte und schluchzte zugleich.

Wie diese verwünschte Radda dem Jungen zugesetzt hatte! Mit Mühe nur konnte ich ihn wieder zur Besinnung bringen.

Ei, ei! Welcher Teufel will nur, daß Menschen solchen Schmerz erleiden? Wer freut sich zu hören, wie ein Menschenherz stöhnt und vor Schmerz schier zerspringt? Das überleg dir mal!

Ich kehrte ins Lager zurück und erzählte den Alten von allem. Sie sannen nach und beschlossen, zu warten und zu sehen, was daraus werden würde. Und Folgendes geschah: Als wir abends alle ums Feuer versammelt waren, kam auch Loiko. Er war verstört und im Laufe der letzten Nacht schrecklich verfallen, seine Augen lagen tief in den Höhlen. Er blickte zu Boden und sagte uns. ›Die Sache ist die, ihr Männer: Ich habe heute Nacht in mein Herz geblickt und keinen Platz für mein früheres, ungebundenes Leben mehr darin gefunden. Dort wohnt nur Radda – nichts weiter! Sie lächelt mir zu wie eine Königin, die schöne Radda! Sie liebt ihre Freiheit mehr als mich, ich aber liebe sie mehr als meine Freiheit, deshalb hab ich beschlossen, mich ihr zu Füßen zu werfen, wie sie befohlen hat, damit alle sehen, wie ihre Schönheit sich den verwegenen Loiko Sobar unterworfen hat, der bisher mit den Mädchen nur gespielt hat wie der Jagdfalke mit den Enten. Dann aber wird sie meine Frau werden und mich so sehr liebkosen und küssen, daß ich keine Lust mehr habe, euch Lieder zu singen, und meiner Freiheit nicht nachtrauere! So ist es doch, Radda?‹ Er blickte auf und schaute sie zweifelnd an. Sie nickte wortlos und streng und wies auf die Erde vor sich. Wir sahen es und begriffen es nicht. Am liebsten wären wir weggegangen, nur um nicht Zeuge zu sein, wie Loiko Sobar sich einem Mädchen zu Füßen warf – mochte das Mädchen auch Radda sein. Wir schämten uns und empfanden Mitleid und Schmerz.

›Na!‹ rief Radda ihm zu.

›He, he, nicht so hastig, wirst es schon noch erleben, über wird's dir sein‹, sagte er lachend. Es klang wie klirrender Stahl, dieses Lachen.

›Das wäre dann alles, ihr Männer! Was bleibt noch? Mir bleibt zu prüfen, ob meine Radda wirklich ein so starkes Herz hat, wie sie es mir immer gezeigt hat. So will ich es prüfen – vergebt mir, Brüder!‹

Noch ehe wir seine Absicht erraten konnten, lag Radda auf der Erde, und Sobars krummes Messer steckte bis zum Griff in ihrer Brust. Wir saßen starr.

Radda aber riß das Messer heraus, warf es weg, drückte eine Locke ihres schwarzen Haares auf die Wunde, lächelte und sagte laut und deutlich:

›Leb wohl, Loiko! Ich wußte, daß du das tun würdest.‹ Und starb.

Begreifst du das Mädchen, mein Falke? So ein Teufelsweib war sie, verflucht will ich sein, wenn's nicht so ist!

›Ach! Ich werf mich dir doch zu Füßen, du stolze Königin!‹ rief Loiko durch die weite Steppe, fiel zu Boden, preßte die Lippen an die Füße der toten Radda und lag reglos. Wir nahmen die Mützen ab und standen schweigend.

Was sagst du zu dieser Sache, mein Falke? Ja, ja! Nur wollte sagen: ›Wir müssen ihn fesseln!‹ Aber keine Hand hätte sich erhoben, um Loiko Sobar zu fesseln, keine einzige, und Nur wußte es. Er winkte ab und ging beiseite. Danilo aber hob das Messer auf, das Radda weggeworfen hatte, blickte es lange an, und sein grauer Schnurrbart zuckte. Am Messer haftete noch Raddas Blut, und es war krumm und scharf. Dann trat er zu Sobar und stieß ihm das Messer in den Rücken, dort, wo das Herz ist. Der alte Soldat Danilo war seiner Radda ein würdiger Vater!

Loiko wandte sich zu ihm um, sagte deutlich ›Das war's!‹ und folgte seiner Radda nach.

Wir aber sahen: Radda hielt noch immer die Haarlocke an ihre Brust gepreßt, ihre weitoffenen Augen waren in den blauen Himmel gerichtet, und zu ihren Füßen lag lang ausgestreckt der verwegene Loiko Sobar. Das Haar war ihm ins Gesicht gefallen, so daß man es nicht sehen konnte.

Wir standen in Gedanken versunken. Der Schnurrbart des alten Danilo zitterte, die dichten Brauen waren finster zusammengezogen. Schweigend blickte er in den Himmel. Nur aber lag grau wie ein Turmfalke mit dem Gesicht zur Erde und weinte, daß seine Greisenschultern zuckten.

Er hatte Grund zu weinen, mein Falke!

Wenn du gehst, dann geh deinen Weg und bieg nicht ab. Geh immer geradeaus. Vielleicht hat dein Leben doch einen Sinn. Das ist alles, mein Falke!«

Makar schwieg, steckte die Pfeife in den Tabaksbeutel und schloß den Bauernrock über der Brust. Regentropfen fielen, der Wind wurde stärker, das Meer murrte dumpf und verdrossen. Die Pferde kamen nacheinander zum erlöschenden Feuer, musterten uns mit großen, klugen Augen, blieben reglos stehen und umgaben uns in einem dichten Ring. »Hopp, hopp, ejoj!« rief Makar ihnen liebevoll zu, klopfte seinem Liebling, einem Rappen, mit der flachen Hand auf den Hals und sagte zu mir gewandt: »Zeit zum Schlafen!« Dann hüllte er sich bis über den Kopf in den Bauernrock, streckte sich auf der Erde aus und schwieg.

Ich hatte keine Lust zu schlafen, sondern blickte in die dunkle Steppe, und vor mir am Himmel schwebte die stolze Gestalt Raddas, schön wie eine Königin. Sie drückte die Hand mit der schwarzen Haarsträhne gegen die Wunde auf ihrer Brust, durch ihre schlanken, zarten Finger sickerten Blutstropfen und fielen als feuerrote Sterne auf die Erde.

Ihr auf den Fersen folgte der verwegene Bursche Loiko Sobar, das Gesicht unter dem dichten, schwarzen Haarschopf verborgen, und unzählige kalte, große Tränen rannen darunter hervor.

Der Regen nahm zu, und das Meer stimmte eine düstere und feierliche Hymne auf das schöne, stolze Zigeunerpaar an – auf Sobar und Radda, die Tochter des alten Soldaten Danilo.

Beide kreisten im Dunkel der Nacht schweigend umeinander, und der prächtige Loiko konnte die stolze Radda nie einholen.

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