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Erzählungen aus den alten Volksbüchern

Gustav Schwab: Erzählungen aus den alten Volksbüchern - Kapitel 1
Quellenangabe
typelegend
authorGustav Schwab
titleErzählungen aus den alten Volksbüchern
booktitleDer gehörnte Siegfried und weitere Erzählungen aus den alten Volksbüchern
publisherBüchergilde Gutenberg
year1955
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der gehörnte Siegfried

In alter Heldenzeit, als König Artus in Britannien mit seinen edlen Rittern Tafelrunde hielt, herrschte in den Niederlanden ein König namens Sieghard, dessen Gemahlin einen einzigen Sohn, Siegfried, hatte.

Der Knabe Siegfried war groß und stark, dachte nur daran, ein freier Mann zu werden, und ging ohne Erlaubnis davon, um Abenteuer zu suchen.

Während er nun durch Gehölz und Wildnis zog und Hunger ihn allmählich zu quälen anfing, sah er vor einem dichten Wald ein Dorf liegen und schritt darauf zu. Vor dem Dorf wohnte ein Schmied, den Siegfried fragte, ob er einen Knecht nötig habe; denn er hatte zwei Tage nichts gegessen und war eine große Strecke zu Fuß gegangen. Als der Schmied sah, daß Siegfried ein stattliches, gesundes Aussehen hatte, gab er dem Knaben zu essen und zu trinken. Am andern Morgen stellte er ihn als seinen Jungen an und führte ihn zur Arbeit; aber als er ihm den Hammer in die Hand gab, da schlug Siegfried so gewaltig auf das Eisen, daß es entzweibrach und der Amboß tief in die Erde sich eingrub. Der Meister erschrak darüber und wurde ärgerlich; er nahm den jungen Siegfried beim Haar und zauste ihn ein wenig. Dieser aber, solche Behandlung nicht gewohnt, nahm den Meister beim Kragen und warf ihn auf den Erdboden nieder, daß ihm Hören und Sehen verging. Als er aber wieder zu sich kam, rief er seinen Knecht zu Hilfe. Diesen empfing jedoch Siegfried wie seinen Herrn, so daß der Meister auf Mittel und Wege sann, den unbequemen Jungen wieder loszuwerden.

Am nächsten Morgen rief er Siegfried zu sich und befahl: »Da ich gerade notwendig Kohlen brauche, mußt du in den Wald zum Köhler gehen und mir einen Sack voll Kohlen holen.« Der Schmied meinte nämlich, der furchtbare Drache, der sich im Wald bei einer Linde aufhielt, werde ihn töten. Siegfried ging ohne Sorge in den Wald und dachte nichts anderes, als daß er Kohlen holen sollte. Als er aber zu der Linde kam, schoß das Ungeheuer auf ihn los und drohte ihn zu verschlingen. Siegfried überlegte nicht lang; den ersten Baum, der ihm unter die Hände kam, riß er aus der Erde und warf ihn gegen den Drachen. Dieser verwickelte sich derart in die Äste des Baumes, daß er nicht loskam. Dann lief er schnell in des Köhlers Hütte und holte sich Feuer; damit zündete er die Äste über dem Untier an, daß der Drache verbrannte. Bald floß unter den brennenden Ästen das Fett wie ein Bächlein dahin. Siegfried tauchte den Finger darein; sobald es erkaltet war, wurde es hartes Horn. Deshalb überstrich er mit dem Drachenfett seinen ganzen Leib, mit Ausnahme zweier Stellen an der Schulter, wo er nicht hingelangen konnte. Aus diesem Grunde wurde er später der »gehörnte Siegfried« genannt.

Nun sagte sich Siegfried: »Jetzt bist du gepanzert, jetzt kannst du wie ein anderer Ritter ins Land ziehen.« So begab er sich denn an den Hof des berühmten Königs Gilbald nach Worms am Rhein. Der König hatte drei Söhne und eine liebliche Tochter namens Florigunde, die ein ungeheurer Drache entführt hatte. Vater und Mutter der Jungfrau vergingen vor Sorge; die Mutter weinte Tag und Nacht, bis ihre Augen fast blind wurden. Inzwischen hatte das Ungeheuer die Jungfrau auf den Drachenstein gebracht, und da es vom Flug müde war, legte es sein Haupt in ihren Schoß und schlief ein. Das Tier fing an zu schnarchen, daß der Drachenstein erzitterte.

Indessen kam das Osterfest heran, und der Drache verwandelte sich in eine kräftige Menschengestalt. Die Jungfrau wußte nicht, ob sie auf Befreiung hoffen oder noch Ärgeres erwarten sollte, und bat: »Lieber Herr, wie böse habt Ihr an mir gehandelt. Erlaubt mir, mit meinen Eltern und Geschwistern zu sprechen, und ich will Euch geloben, wieder an diese Stelle zu kommen und Euch gerne zu folgen, wohin Ihr mich auch führen wollt.«

Aber das Ungeheuer erwiderte: »Du bittest vergeblich. Du wirst weder Vater, Mutter und Brüder wiedersehen noch einen einzigen anderen Menschen!«

Dies war für die Jungfrau wie ein Donnerschlag in Seele und Herz. Als sie in Todesschrecken sprachlos niedersank, brummte der Mensch, der einmal ein Drache gewesen war:

»Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Ich verwandle mich jetzt wieder in einen Drachen, und du mußt bei mir fünf Jahre und einen Tag ausharren; dann aber werde ich wieder ein Mann, und du sollst meine Frau werden. Schließlich sollst du freilich mit mir zur Hölle fahren, und dort wird ein einziger Tag sein wie ein ganzes Jahr.«

Als die Jungfrau diese schrecklichen Worte hörte, erzitterte sie. Bald betete sie zu Gott, bald rief sie nach ihren Eltern Tag und Nacht, bis sie in tiefe Ohnmacht sank. Der Mann aber war wieder zum Drachen geworden und hütete Florigunde.

Indessen verliefen fast vier Jahre, während die Jungfrau hilflos auf dem Drachenstein ausharren mußte. Wäre das fünfte Jahr hinzugekommen, so wäre es ihr wohl schlecht ergangen! Siegfried war inzwischen ein Mann geworden, zog im Land umher, fing Bären und Wölfe und hing die Raubtiere zum Gespött an den Bäumen auf, worüber sich jedermann wunderte.

Eines Tages war König Gilbald mit seinem Hofgesinde auf die Jagd geritten. Er hatte sich im Dickicht des Waldes verloren, so daß niemand mehr bei ihm war außer Siegfried, der ihn nie verließ. Da kam ein großer Eber auf den König zugerannt. Dieser wollte mit seiner Lanze nach dem Tier stechen, Siegfried aber kam ihm zuvor und tötete den Eber mit seinem Schwert. Der König wunderte sich sehr über Siegfrieds Stärke und wurde ihm immer mehr gewogen; Siegfrieds Ruhm verbreitete sich durch alle Lande.

Einige Zeit später kamen ausländische Könige nach Worms, um König Gilbald und seine Gemahlin über den Verlust ihrer Tochter zu trösten. Da ließ der König ein Turnier ausschreiben, um zu sehen, wie sich Siegfried dazu anstelle. Als nun der festgesetzte Tag nahte, begann das Treffen. Siegfried war nie aus dem Sattel gehoben worden, so daß ihm der Preis zuerkannt wurde, und er eine goldene Kette erhielt, an der ein köstliches Kleinod hing. Mit Einwilligung aller anwesenden Könige, Fürsten und Herren wurde Siegfried sodann feierlich zum Ritter geschlagen.

Nach Abzug der Gäste verfielen der König und die Königin in ihre alte Trauer. Da tröstete sie Siegfried und versprach, mit Gottes Hilfe ihre Tochter zu erlösen. Bei Nacht aber hatte Siegfried einen lebhaften Traum. Die schöne Jungfrau Florigunde stand leibhaftig vor ihm. Bei Tagesanbruch nahm er seine Hunde und ritt auf die Jagd. Sie gelangten in einen dichten Wald, wo sich kein Wild blicken ließ. Plötzlich lief einer seiner besten Spürhunde in das Gehölz und brachte ihn auf die Spur des Drachen. Vier Tage verfolgte Siegfried diese Spur, ohne an Essen und Trinken zu denken, denn stets schwebte ihm die schöne Florigunde vor Augen.

Als er bemerkte, daß sein Pferd müde wurde, ließ er es ein wenig grasen; er selbst wollte sich auch ausruhen. Da lief aus dem Wald ein großer Löwe auf ihn zu. »Hier ist nicht lange Zeit zu spaßen«, dachte Siegfried, griff dem wilden Tier in den Rachen und riß es voneinander. Dann hängte er die Beute an einem Baum auf, sattelte sein Pferd und eilte seinem Hund nach, der ein getreuer Wegweiser war.

Er war noch nicht weit geritten, als ihm ein gewappneter Ritter begegnete, der ihn barsch anredete: »Junger Mann, wer du auch seist, kämpfe mit mir, oder gib dich gefangen!« Mit diesen Worten zog er sein Schwert. Aber Siegfried überlegte nicht lange, griff zu seiner Waffe und rief: »Du kühner Ritter, wehre dich tapfer; denn ich will dich bald lehren, daß man mich nicht ungestraft auf freier Straße überfällt!« Damit schlugen sie kräftig aufeinander, daß die Funken stoben, und Siegfried traf seinen Gegner tödlich, daß er vom Pferd sank. Dann schwang sich auch Siegfried von seinem Roß, neigte sich über den Ritter und fragte ihn:

»Sage mir, edler Ritter, woher bist du? Wie ist dein Name? Warum hast du mich überfallen?«

Der Ritter antwortete: »Ich möchte dir gern auf alles Bescheid geben, doch verlassen mich meine Kräfte. Sage mir, wer du bist.«

»Sie heißen mich den ›gehörnten Siegfried‹«, erwiderte der kühne Held. Als der Ritter dies hörte, richtete er sich auf und flüsterte: »Wenn du Siegfried bist, so bin ich durch eines berühmten Mannes Hand gefallen. Ich vermache dir Harnisch und Schild, denn du wirst sie nötig haben. In diesem Wald wohnt nämlich ein gewaltiger Riese, Wolfgrambär genannt; der hat auch mich bezwungen und zu seinem Gefangenen gemacht, als ich jenes Gehölz betrat. Gern möchte ich dir, Ritter Siegfried, noch von einem andern Geheimnis erzählen, das dieser Wald verbirgt, von einem Drachen, der eine schöne Jungfrau gefangenhält, aber ach – ich sterbe!«

Der Schwerverletzte winkte ihm mit der Hand Abschied zu, dann brach sein Auge, und er gab den Geist auf.

Siegfried beklagte den Toten und jammerte, daß ihm die Nachricht von der schönen Florigunde so nahe gewesen war. Aber er konnte es nicht mehr ändern. Darauf nahm er dem toten Ritter Schild und Sturmhaube ab. Den Panzer zog er dem Toten nicht aus, denn seine gehörnte Haut brauchte keinen Harnisch.

So setzte sich Siegfried wieder auf sein Roß und ritt ziellos in den Wald. Da kam nun plötzlich ein Zwerglein in großer Gefolgschaft auf einem kohlschwarzen Roß daher geritten, mit köstlichen Kleidern angetan. Denn der Zwerg Egwald war ein reicher König. Als er den gehörnten Siegfried erblickte, grüßte er höflich. Siegfried dankte und bestaunte die kostbare Kleidung, die prächtige Krone und das tausendköpfige Gefolge des Königs. Er bat den König, ihn seines Schutzes zu würdigen und ihm zu erklären, wie er am besten nach dem Sitz des Drachen gelangen könnte. Dann drückte er seine Verwunderung darüber aus, daß der Zwerg ihn mit Namen genannt und wie einen alten Bekannten angeredet habe.

»Wenn du mich so gut kennst«, sagte er, »so mußt du auch wissen, wie mein Vater und meine Mutter heißen und ob sie noch am Leben sind.«

Der Zwerg antwortete: »Dein Vater heißt Sieghard und ist König in den Niederlanden, deine Mutter heißt Adelgunde, beide leben noch.«

Als Siegfried vernahm, daß der Zwerg von allem so gut Bescheid wußte, dachte er: »Mein Unternehmen wird noch gut enden.« Er bat hierauf den König, daß er ihm den Weg nach dem Drachenstein zeige. Darüber erschrak König Egwald sehr und riet Siegfried:

»Begehre nicht danach; denn dort wohnt ein gefährlicher Drache, der eine schöne Jungfrau, eines Königs Tochter, gefangen hält, die niemand erlösen kann! Ihr Vater heißt Gilbald, die Jungfrau selbst Florigunde.« So erschrocken der Zwerg war, so froh war Siegfried über die Antwort. »Es genügt mir«, versicherte er; »dennoch will ich die schöne Jungfrau erretten.«

Als der König vernahm, daß Siegfried von seinem Vorhaben nicht lassen wollte, war er sehr entsetzt und bat ihn dringend, das furchtbare Wagnis nicht zu unternehmen. Aber Siegfried stieß sein Schwert in die Erde und schwur einen dreifachen Eid, er wolle nicht weichen, bevor er nicht die arme Jungfrau erlöst habe.

»Und wenn du noch drei Eide schwörst«, rief der Zwerg, »so ist doch alles vergebens; dein Leben ist verloren, wenn du dein Vorhaben nicht aufgibst.«

Siegfried aber wendete ein: »Lieber König Egwald, das tue ich nicht, anstatt mich abzuhalten, solltest du mir lieber die edle Jungfrau retten helfen!«

Doch das Zwerglein fürchtete sich vor dem Abenteuer und überlegte, wie es fliehen könnte. Da ergriff Siegfried den Kleinen bei den Haaren und warf ihn an eine Felswand, daß seine prächtige Krone in Stücke brach. Sogleich flehte der Zwerg: »Lieber Ritter Siegfried, schone mein Leben, ich will dir helfen, so gut ich kann. Hier in unsrer Nähe wohnt der Riese Wolfgrambär, dem gehört die ganze Gegend, er hat tausend Mann unter sich und besitzt auch den Schlüssel zum Drachenstein!«

»Nun, Zwerg, so zeig mir den Weg«, rief Siegfried erfreut, »damit ich der Jungfrau zu Hilfe komme! Wenn nicht, mußt du sterben!«

Der Zwerg zitterte vor Angst und wies dem Ritter den Weg zu einer steinernen Wand, wo der Riese hauste. Nachdem Siegfried dahin gelangt war, pochte er an die Tür des Felsenverlieses und hieß den Riesen herauskommen. Sobald der Riese seine Worte vernahm, sprang er grimmig hervor, eine eiserne Stange in der Hand, und brüllte:

»Welcher Teufel hat dich hierher gebracht? Glaube nicht, daß dich deine Füße wieder wegtragen werden!«

Siegfried erwiderte: »Es sind nun schon vier Jahre, daß du die schöne Jungfrau Florigunde auf dem Drachenstein gefangen hältst; darum will ich, daß du mir die Edle herausgibst!«

Über diese Worte wurde der Riese noch grimmiger, schwang die eiserne Stange und führte einen so kräftigen Hieb gegen Siegfried, daß die Stange sich tief in die Erde bohrte. Aber der Schlag hatte sein Ziel verfehlt; denn Siegfried war ihm ausgewichen.

Als der Riese sah, daß der Ritter unverletzt war, wurde er immer wilder und schlug so mächtig auf den Helden ein, als ob er ihn zerschmettern wollte. Siegfried jedoch, rasch und behende, sprang sogleich drei Klafter zurück, ergriff sein hartes Schwert und schlug dem Riesen eine so tiefe Wunde, daß das Blut in Strömen floß.

Da sprach der Verwundete voll Ingrimm: »Du junger Fant, du wagst es, jenem zu widerstehen, vor dem sich ein ganzes Heer fürchtet? Du sollst dich tausend Meilen weit weg wünschen!« Aber als ein neuer Schlag den Helden verfehlte, floh der Riese verdrossen in seine Höhle. Dort verband er seine schmerzenden Wunden so gut er konnte.

Nun war Siegfried allein und überlegte, wie er die Jungfrau retten könnte. Er pochte aufs neue an des Riesen Tor. Dieser rief aus dem Innern: »Werde nur nicht ungeduldig! Bald will ich wieder bei dir sein und dir den Garaus machen!«

Inzwischen hatte sich der Riese mit einem vergoldeten Harnisch bewaffnet, der mit Drachenblut gehärtet war. Er kroch aus seiner Behausung und begann: »Nun sage mir, du kleiner Bösewicht, welcher Teufel dich hierher geführt hat, daß du mich in meinem eigenen Hause ermorden willst?« Siegfried entgegnete: »Du lügst, denn ich hieß dich nur zu mir herausgehen!« – »Was«, brüllte der Riese, »du willst mir widersprechen? An einem Baum will ich dich aufhängen!« – »Du Ungeheuer«, gab Siegfried zurück, »meinst du, ich sei hergekommen, mich henken zu lassen? Nein, ich erkläre dir: Wenn du mir nicht hilfst, die Jungfrau vom Drachenstein zu erlösen, will ich dir dein Leben nehmen, und wenn du der Teufel selber wärst.«

»Ich sollte dir die Maid gewinnen helfen? Nimmermehr! Es scheint, du kennst meine Stärke nicht!«

»Du Tropf«, schrie Siegfried, »ich sage dir, hilf mir die Jungfrau gewinnen, oder ich will dir zeigen, wer ich bin und was ich vermag!«

Damit schlugen beide so grimmig aufeinander, daß die Funken aus ihren Helmen und Schilden fuhren. Siegfried war es zumute, als ob er noch bei seinem Schmiedemeister auf den Amboß schlüge, und es fehlte wenig, so hätte er den Riesen in die Erde hineingeschlagen. Als er ihn zu Boden geworfen, schwang er sich auf sein Pferd, weil er sonst seinem Feind gegenüber zu klein war, und stach und schlug den Riesen todwund.

Da begann der Riese um sein Leben zu bitten und flehte: »Du magst wohl mit allen Ehren den Ritternamen führen; denn obwohl du im Vergleich zu mir nur ein Kind bist, hast du mich überwunden! Wenn du mir aber das Leben schenkst, will ich dir meine Rüstung und mich selbst zum Pfand meiner Treue übergeben!«

Darauf erwiderte Siegfried: »Es soll dir gewährt sein, wenn du mir hilfst, die Jungfrau Florigunde vom Drachenstein zu erlösen.«

Sogleich beteuerte der Riese Wolfgrambär dem Ritter Siegfried, er wolle ihm die Maid gewinnen helfen. »So schwöre ich dir auch«, erklärte Siegfried, »dich zu schonen«; dabei verband er die Wunden des Riesen und fragte: »Nun aber sage mir, wie kommen wir am besten auf den Drachenstein?«

»Das will ich dir gleich zeigen«, antwortete der meineidige Riese und führte den Ritter in ein finsteres Tal, durch das ein wildes Bergwasser floß, dessen Rauschen und fürchterliches Tosen von den Felsen widerhallte. Während Siegfried in tiefen Gedanken dahinschritt, dachte der Riese: »Jetzt wird es Zeit sein, deine Scharten auszuwetzen!« und gab dem edlen Ritter von hinten einen so heftigen Schlag, daß er besinnungslos zu Boden stürzte und ihm das Blut aus Mund und Nase floß. Ohne Zweifel wäre Siegfried verloren gewesen, wenn ihm nicht das Zwerglein Egwald mit seinen Künsten das Leben gerettet hätte. Denn der Zwerg setzte dem Helden eine Nebelkappe auf, die ihn sofort dem Blick des Riesen entzog. Der Riese drehte sich nach allen Seiten und wunderte sich, daß er seinen Gegner, den er doch zu Boden geschlagen hatte, nicht mehr erblickte.

»Hat dich denn der Böse entführt?« rief er. »Zuvor lagst du ausgestreckt auf der Erde, und jetzt bist du nicht mehr da!«

Darüber mußte das Zwerglein heimlich lachen, richtete Siegfried auf und setzte ihn neben sich. Als der Held wieder zu sich gekommen war, dankte er dem Zwerg von ganzem Herzen.

»Gott«, sprach er, »wird dir's vergelten, daß du so treu an mir gehandelt hast.«

»Ja«, sagte das Zwerglein, »du hast Ursache, Gott zu danken, edler Ritter, denn wenn ich dir nicht zu Hilfe gekommen wäre, so wärest du verloren gewesen. Jetzt aber bitte ich dich, kümmere dich nicht mehr um die Jungfrau, damit dir nicht noch Schlimmeres widerfährt. Denn im Augenblick kannst du noch ohne alle Gefahr unter dieser meiner Nebelkappe entkommen.«

Da entgegnete Siegfried: »Zwerg, deine Bitten sind vergebens! Sollen alle bisherigen Mühen und Gefahren umsonst gewesen sein? Nein!«

Mit diesen Worten riß er die Nebelkappe herunter, daß er wieder sichtbar wurde, nahm sein Schwert in beide Hände, ging voll Grimm den Riesen an und fügte ihm noch weitere tiefe Wunden zu. Da schrie der Riese laut auf: »Du bist ein so kleiner Mann und schlägst so hart auf mich ein! Was nützt dir mein Tod, da doch nach mir kein Mensch auf der Welt ist, der dir helfen kann, die Jungfrau zu gewinnen!«

Nun entsann sich Siegfried der Jungfrau; er ließ daher den Riesen am Leben und befahl: »So geh voran, mir den Weg zu zeigen. Tust du es nicht, so schlage ich dir dein Haupt ab, und sollte zugleich die ganze Welt untergehen.«

Als nun der Riese den Ernst erkannte, ging er voran, bis sie zu einer Tür kamen, die acht Klafter tief unter der Erde verborgen war. Diese schloß er auf. Siegfried aber riß sofort den Schlüssel an sich und rief: »Nur vorwärts, du nichtswürdiger, treuloser Bösewicht, zeige mir den Weg zu der Jungfrau, oder ich will dir deine Falschheit vergelten!«

Als sie nun beide in die Tiefe des Felsens hinabstiegen, hätte sich der Riese gern niedergesetzt, weil ihn seine Wunden schmerzten. Aber Siegfried trieb ihn weiter. Endlich erblickte der edle Ritter die Jungfrau und freute sich darüber. Auch Florigunde brach vor Freude in Tränen aus, als sie den tapfern Siegfried sah.

Sie hieß ihn willkommen und wollte wissen, wie es ihrem Vater, ihrer Mutter und ihren drei Brüdern zu Worms ginge. Siegfried berichtete ihr mit wenigen Worten, daß er sie bei seiner Abreise vor vier Tagen alle in guter Gesundheit verlassen habe.

»Edle Jungfrau«, fuhr der Held fort, »trauert nicht länger und schickt Euch zur Reise an, denn unseres Bleibens wird hier nicht lange sein.«

»Ach, mein edler Ritter«, entgegnete die Jungfrau, »ich habe große Sorge um Euch; Ihr werdet mich nicht kampflos wegbringen; ich fürchte sehr, Ihr könnt, so tapfer Ihr seid, dem gewaltigen Drachen nicht Widerstand leisten, denn er ist wie der leibhaftige Satan.«

»Und wenn er der Teufel selbst wäre«, versicherte Siegfried, »ich werde Euch retten oder mein Leben verlieren!«

Die Jungfrau betete darauf von Herzen, daß Gott dem Ritter Kraft und Stärke verleihen wolle, damit sie doch einmal von dem gräßlichen Drachen erlöst würde. Sie dankte auch dem Ritter aus tiefstem Herzensgrund, daß er sich um ihretwillen in so große Gefahr begebe. Endlich gelobte sie ihm ewige Treue, wenn er sie rette. Da freute sich Siegfried und hieß die Jungfrau guten Mutes sein; er werde, so Gott wolle, den Drachen bezwingen.

Darauf bemerkte der Riese Wolfgrambär zu Siegfried: »Dort in der steinernen Wand wirst du eine herrliche Klinge finden, die der berühmteste Meister der Welt kunstvoll geschmiedet hat. Nur mit ihr kann der Drache besiegt werden.« Arglos wandte sich Siegfried der Wand zu, um nach dem Schwert zu greifen. In diesem Augenblick schlug der treulose Riese dem edlen Ritter eine tiefe Wunde, daß er fast zu Boden gestürzt wäre. Sogleich aber ermannte sich der Held und kehrte sich mit Grimm und Entrüstung dem hinterlistigen Bösewicht zu. Nun fing von neuem ein fürchterliches Ringen an. Die Jungfrau flehte zu Gott, daß er ihrem Helfer beistehen wolle, dem Ritter aber rief sie zu: »Edler Held, kämpfe tapfer um dein Leben und rette mich Ärmste! Denke an die großen Mühen, die du um meinetwillen bereits ausgestanden hast!«

Als Siegfried sie so klagen hörte, rief er: »Hab keine Angst, meine Schöne, es hat keine Not!«

Der Riese aber dachte: »Jetzt muß das Ringen gewonnen sein!« Doch Siegfried griff tief in des Riesen Wunden und riß sie auseinander. Da sank das Ungeheuer zur Erde und bat flehentlich, der Ritter möge ihm edelmütig das Leben schenken. Siegfried aber, der nunmehr die Jungfrau in seiner Gewalt sah und den Schlüssel zu dem Drachenstein im Besitz hatte, achtete nicht auf seine Bitten, sondern packte den Riesen und stürzte ihn vom Drachenstein hinab, daß er in der Felsenschlucht zerschmetterte.

Florigunde brach in laute Freudenrufe aus und dankte Gott, daß er dem Ritter den Sieg verliehen. Siegfried aber umarmte die Jungfrau und tröstete sie: »Nur guten Mutes, meine Geliebte! Euer Leid soll sich bald in Freude wandeln.« Die Jungfrau erinnerte ihn jedoch, daß der Kampf noch nicht zu Ende sei; denn sie dachte an den Drachen und fürchtete, daß ihm dieser größeres Leid antun werde als der Riese. »Dies ist mein geringster Kummer«, erwiderte der Ritter lächelnd, »jetzt bekümmert mich nur eines: nämlich daß ich seit vier Tagen und Nächten weder gegessen noch getrunken, viel weniger mich ausgeruht habe.«

Das hörte das Zwerglein Egwald, das dem Ritter gefolgt war. Es sorgte dafür, daß seine Vasallen, die Zwerge, dem Helden zu essen brachten, und erbot sich, mit all seinen Zwergen den beiden dienstbar zu sein. Als nun die Speisen aufgetragen waren, setzte sich Siegfried mit der Jungfrau zu Tisch. Ehe sie aber noch zu essen anfingen, kam ein gewaltiger Drache über die Berge dahergeflogen, und neun junge Drachen mit ihm. Die Jungfrau entsetzte sich so, daß ihr kalter Angstschweiß über das Angesicht lief, und alle Zwerge, die bei Tisch bedienten, liefen davon. Siegfried aber nahm ein seidenes Tuch und wischte der Jungfrau den Schweiß ab. Dann redete er ihr zu: »Verzage nicht, Liebste, Gott wird helfen!«

»Ach, mein Geliebter«, erwiderte die Jungfrau, »wenn Euch die ganze Welt beistünde, so ist es jetzt doch um Euch geschehen!« »Nein«, entgegnete der Held, »so pflegen wohl Frauen zu reden, aber ein Rittersmann denkt anders. Solange Gott und ich da sind, hat es keine Not! Wenn Gott es nicht will, wer will uns das Leben nehmen, das uns Gott gegeben hat?«

Während die beiden noch im Gespräch waren, kam der Drache daher gefahren, und das Feuer flog lodernd wie drei brennende Riesenspieße vor ihm her, daß ringsum das Gestein erglühte. In seinem Flug stieß der Drache mit solcher Wucht an einen Fels, daß dieser barst und zerbröckelte. Siegfried und die Jungfrau, die unter dem Felsen in der Höhle saßen, meinten, er würde auf sie stürzen.

Dieser Drache war nämlich vor grauen Zeiten ein schmucker Jüngling gewesen und von einer Zauberin verwünscht worden, so daß der leibhaftige Satan in ihm war, dem er auch dienen mußte. Doch hatte er menschlichen Verstand behalten und besaß seltene Geistesgaben. Die Jungfrau hatte er geraubt in der Absicht, sie nach fünf Jahren, wenn seine Verzauberung vorüber und er wieder ein Mensch geworden wäre, zu heiraten.

Der Drache erhob sich jetzt in ungeheurem Grimm, daß er seiner schönen Jungfrau beraubt werden sollte, die er nun über vier Jahre betreut hatte. Als er den kühnen Siegfried erblickte, griff er ihn mit solcher Gewalt an, daß der Stein davon erzitterte. Siegfried wehrte sich, so gut er vermochte, doch konnte er nicht verhindern, daß ihm der Drache mit seinen scharfen Klauen den Schild aus der Hand riß. Überdies verursachte das Untier eine solche Hitze, daß die ganze Felsenkluft wie eine Schmiedeesse anzusehen war und dem Ritter der Schweiß über den Leib floß. Bei dem Tosen dieses Kampfes flohen alle Zwerge tief in die Wälder hinein; denn sie fürchteten, der Fels könnte sie alle zerschmettern.

Nun hatten sich in dem Gebirge auch zwei Brüder des Zwergenkönigs Egwald aufgehalten, die den großen Schatz ihres Vaters dort hüteten. Als nun die Zwerge alle flohen, versteckten sie diesen in einer Höhle unter dem Drachenstein. Der Zwergenkönig Egwald aber wußte weder, daß das Zwergenvolk geflohen war, noch daß seine Brüder den Schatz versteckt hatten; denn er hatte sich schon früher verborgen, um abzuwarten, wie der schreckliche Kampf ablaufen würde, und im Falle der Not Siegfried mit seiner Kunst zu dienen.

Als Siegfried in einer Kampfpause sich in die Höhle zurückzog, entdeckte er den reichen Schatz, den die Zwerge da versteckt hatten. Er war aber der Meinung, der Drache habe ihn hier verborgen, oder der Schatz habe dem erschlagenen Riesen gehört. Daß es die Herrlichkeiten des Zwergenkönigs Egwald seien, das kam ihm nicht in den Sinn.

Inzwischen trat die Jungfrau Florigunde zu ihrem Geliebten und brachte ihm die entsetzliche Botschaft, die ihr Egwald überbracht hatte, daß der Drache noch sechzig junge Drachen zur Verstärkung geholt habe und daher sie beide jetzt verloren seien.

Siegfried dachte: »Trotzdem will ich mein Heil versuchen; wenn die Not am größten, ist oft Gottes Hilfe am nächsten!«

Unverzagt stieg er wieder den Drachenstein hinan, nahm sein Schwert mit beiden Händen und hieb mit allen Kräften so grimmig auf den Drachen ein, als ob er ihn in Splitter schlagen wollte. Während des Gefechtes flogen die jungen Drachen entsetzt wieder davon, nur der alte Drache blieb und spie aus seinem abscheulichen Rachen blaue und rote Flammen über Siegfried hin, daß diesem fast der Atem verging. Überdies schlug das Ungetüm mit seinem Schweif um sich, daß der Ritter mehr als einmal darin verflochten wurde und in Gefahr geriet, vom Drachenstein hinabgeschleudert zu werden. Siegfried aber sprang aus der Schlinge und führte einen so glücklichen Hieb mit seinem Schwert, daß er dem Ungeheuer den Schweif vom Leibe trennte. Der Drache, seines Schweifes beraubt, geriet in fürchterlichen Zorn. Siegfried aber tat mit neuer Kraft einen so harten Streich, daß er den Drachen in zwei Stücke mitten auseinanderhieb.

Die Jungfrau, die sich in der Tiefe der Felsenhöhle verborgen hielt, schloß aus dem fürchterlichen Getöse, daß der Drache überwunden sein müsse; daher lief sie voll Freude und Furcht zugleich den Stein hinan. Aber da lag ihr Retter, von der großen Anstrengung erschöpft, auf dem Boden. Seine Lippen waren kohlschwarz von der Hitze, und kein Zeichen des Lebens war an ihm zu entdecken. Nun hielt sich Florigunde aufs neue für verloren; sie meinte, die jungen Drachen würden zurückkommen, den alten Lindwurm zu rächen. Da fiel ihr als letzte Hoffnung das Zwerglein Egwald ein. Sie wollte forteilen, um ihn herbeizurufen, aber nach wenigen Schritten verließen sie vor Erschöpfung und Angst die Sinne, und sie stürzte ohnmächtig zu Boden.

Nachdem Siegfried eine gute Weile besinnungslos gelegen, schöpfte er neuen Atem. Er richtete sich langsam auf und begann sich umzusehen. Da fiel sein Blick auf die schöne Jungfrau, die nicht fern von ihm auf der Erde lag. Erschrocken raffte er sich auf, rüttelte und schüttelte sie, ob sie nicht ein Lebenszeichen von sich gäbe, und rief endlich verzweifelt: »O Gott, soll der Tod der Jungfrau der ganze Lohn für alle meine Mühe und Gefahr sein?«

Während er so jammerte, kam zum Glück der Zwerg Egwald dahergelaufen und brachte eine wundersame Wurzel, die er Siegfried gab, damit er sie der Jungfrau in den Mund stecke. Sogleich erholte sich Florigunde; sie schlug die Augen auf, richtete sich empor und umarmte den Helden unter Dankestränen.

Der Zwergenkönig Egwald aber bemerkte zu dem Helden: »Der Riese Wolfgrambär hat uns Zwerge, deren über tausend sind, bezwungen, daß wir für unser eigenes Land zinsen mußten. Davon habt Ihr uns befreit, tapferer Ritter! Wir sind Euch großen Dank dafür schuldig und erbieten uns, Euch zu dienen. Wir wollen Euch bis Worms am Rhein begleiten, denn wir kennen alle Wege genau.«

Siegfried bedankte sich für diese Freundschaft. Unterdessen bat ihn Egwald, sich mit der Jungfrau tiefer in den Berg hineinzubegeben und sich bei den Zwergen mit Speise und Trank zu laben. Dort fanden sie alles aufs beste zugerichtet und stillten Hunger und Durst. Die Zwerge waren sehr geschäftig und trugen das Köstlichste herbei, das sie in der Eile zuwegebringen konnten.

Mittlerweile nahm Siegfried die schöne Florigunde bei der Hand, und sie erzählten einander nach Herzenslust ihre Abenteuer. Als die Jungfrau erfuhr, daß es einzig und allein ihr junges Leben gewesen sei, das den Helden zu dieser gefährlichen Reise bewogen, da flossen ihr die Tränen über die Wangen. Sie zog einen schönen Ring mit köstlichen Diamanten von ihrer Hand und steckte ihn dem Ritter an den Finger. Er aber nahm die goldene Kette, die er an König Gilbaids Hof im Turnier errungen hatte, von seinem Hals und hängte sie der Jungfrau um. Mit diesen Geschenken ward ihrer beider Liebe bekräftigt.

Am nächsten Morgen war alles zur Abreise bereit. Siegfried nahm nur des Königs Egwald Begleitung an. Dieser setzte sich auf sein prächtiges Pferd und ritt vor den beiden einher. Unterwegs sagte Siegfried zu dem Zwerg: »Ich habe auf dem Drachenstein gesehen, daß du auch in der Sternkunde wohl erfahren bist. Ich bitte dich daher, künde mir, wie es mir künftig im Leben ergehen wird!« Da wollte der Zwerg lange nicht antworten, aber Siegfried drang so heftig in ihn, bis er erklärte:

»Ich fürchte, was ich dir zu sagen habe, wird dir nicht sehr gefallen. Du wirst die schöne Frau, die du da heimführst, nur acht Jahre besitzen; dann wird dir auf mörderische Weise dein Leben genommen werden. Aber dein Weib wird deinen Tod rächen, manch tapferer Held wird darüber das Leben verlieren. Zuletzt wird auch deine Gemahlin im Kampf fallen.«

»Was Gott will, das geschehe!« erwiderte Siegfried. »Da mein Tod gerächt werden soll, will ich auch den Täter nicht erfahren und frage dich nicht weiter.«

Dieses Gespräch hatte die schöne Florigunde nicht gehört, denn sie ritt ein gutes Stück vor ihnen. Als sie aber die Jungfrau eingeholt hatten, hielt es Siegfried nicht für nötig, daß ihn der Zwerg länger begleite. Dieser nahm unter Tränen Abschied und kehrte in seine Bergbehausung heim.

Siegfried aber erinnerte sich plötzlich des Schatzes, den er in der Höhle entdeckt hatte und von dem er glaubte, daß er dem Drachen oder dem Riesen gehöre; denn an die Zwerge dachte er dabei gar nicht. Er kehrte daher mit der Jungfrau um und erklärte: »Den Schatz wollen wir doch nicht zurücklassen; habe ich den Drachenstein unter Lebensgefahr erreicht, so kann auch der Schatz niemand anderm zukommen als mir.«

Und als sie diesen gefunden hatten, legte ihn Siegfried auf sein Pferd und zog die Straße, auf der er am Vortag den Ritter erschlagen hatte. Da sah er des Toten Pferd auf der Weide grasen. Sogleich band er sein eigenes Roß an einen Baum, fing des toten Ritters weidendes Pferd ein, legte ihm den Schatz auf, bestieg sein eigenes Roß wieder und führte das andere mit dem Schatz beladene neben sich und Florigundens Pferd einher.

Sie waren nicht lange geritten, als unversehens aus dem Dickicht eine Rotte Mörder hervorbrach und sie umringte. »O mein edler Ritter«, rief Florigunde, »wie wird es uns ergehen!« Aber Siegfried blieb ganz ruhig und tröstete sie: »Sei ruhig, Geliebte, sie können uns nichts anhaben.« Indessen umgaben ihn sechs der Gesellen, denn im ganzen waren ihrer dreizehn. Der Ritter aber lachte dazu.

»Wir wollen ihnen den Schatz geben«, riet die Jungfrau, »dann werden sie uns wohl ziehen lassen!« »Mir liegt nichts an dem Schatz«, bemerkte Siegfried, »aber die Schmach möchte ich nicht hinnehmen, daß ich mich vor solchen Burschen fürchten sollte!«

Unterdessen umringten sechs andere Mörder die Jungfrau. Der dreizehnte nahm das Saumroß am Zaum und wollte mit dem Schatz davonreiten.

»Ihr elenden Straßenräuber, was habt ihr im Sinn?« fuhr Siegfried die Landstreicher an.

»Da hast du die Antwort auf deine Frage«, schrie einer der Räuber und ging dabei auf den Ritter los. Siegfried aber schlug dem Wegelagerer mit einem Hieb den Kopf ab. Mit dem nächsten Streich streckte er den zweiten zu Boden. Als die Strolche dies sahen, wichen ihrer vier zurück. Die andern sechs, die die Jungfrau umringt hielten, wollten nun ihren Spießgesellen zu Hilfe kommen. Aber sie wurden so empfangen, daß ihrer drei auf dem Platz blieben.

Inzwischen war der Räuber, der das Pferd mit dem Schatz wegführte, weit vorangekommen. Aber Siegfried holte ihn mit seinem raschen Pferd bald wieder ein; es machte ihm keine Mühe, auch diesen niederzuhauen.

Als Siegfried sich darauf wieder umwandte, um zu Florigunde zurückzukehren, die er zurückgelassen, da hatten die Räuber, die indessen geflüchtet waren, die Jungfrau mit sich geführt. Als der Ritter das wahrnahm, ließ er das Pferd mit dem Schatz laufen und eilte der Stätte zu, wo er die schöne Florigunde verlassen hatte, um auf den Hufschlag ihres Pferdes zu lauschen; denn die Zwerge hatten das Pferd kunstvoll beschlagen, daß er den Hufschlag wohl unterscheiden konnte.

Sobald er den fremden Schlag vernahm, eilte er dem Geräusch nach und traf auch wirklich die Mörder in einem dichten Gesträuch an. Mit grimmigem Zorn ging er auf sie los und machte alle nieder bis auf einen einzigen; denn dieser steckte bis an den Hals in einem nahen Sumpf. Siegfried hielt es nicht der Mühe wert, um dieses einen willen nur noch einen Schritt zu tun, sondern rief ihm zu:

»Wenn du einem Wanderer begegnest, Geselle, so sag ihm, daß du den gehörnten Siegfried gesehen, der die schöne Florigunde vom Drachenstein erlöst hat, und daß er deine zwölf Helfershelfer dorthin befördert hat, wo ihnen der Bart nicht mehr wachsen wird!« Und so ritt er mit seiner schönen Florigunde davon. Als sie den Sumpf im Rücken hatten und die Jungfrau sich nach dem Saumroß mit dem Schatz erkundigte, erwiderte der Ritter: »Als ich Euch, schönste Jungfrau, nicht mehr auf der Stelle traf, da vergaß ich den Schatz, und meine Liebe zu Euch zwang mich, dem Hufschlag Eures Pferdes nachzugehn und Euch vor allem zu retten. Was fragte ich nach dem Schatz; Ihr, Allerschönste, habt mich doch viel mehr gekostet!« »Nun«, hob Florigunde zärtlich an, »dann sollt Ihr auch nicht weiter des Schatzes wegen Euch in Gefahr begeben und das Pferd nicht länger suchen.« Siegfried gab sich damit zufrieden; »denn«, dachte er, »wenn ich nur noch acht Jahre leben soll, was nützt mir dann der Schatz?« Und nun ritten beide weiter, bis ihnen der Rhein mit seinem grünen Wasser entgegenschimmerte.

Eines Tages traf bei König Gilbald und seiner Gemahlin die freudige Botschaft ein, daß ihre geliebte Tochter Florigunde vom Drachenstein erlöst und auf der Heimreise mit dem kühnen Ritter Siegfried nicht mehr weit entfernt sei. Der König ließ daher seine ganze Ritterschaft aufbieten, damit sie seiner Tochter und dem Helden alle gebührende Ehre erwiesen und sie mit großem Gepränge einholten. Zugleich lud er sie alle zur bevorstehenden Hochzeit ein; denn er wußte wohl, daß er seine Tochter dem Ritter Siegfried, der sie unter Lebensgefahr befreit hatte, nicht abschlagen durfte. Sieghard, Siegfrieds alter Vater, kam auch zu seines Sohnes Hochzeit. Kaiser, Könige und fünfzehn Fürsten, dazu Ritterschaft und Adel ohne Zahl, fanden sich zusammen. Alle wurden wohl empfangen und herrlich bewirtet, wie dies an Königshöfen Sitte ist. Siegfried und die schöne Florigunde wurden in das Münster zu Worms am Rhein geführt und mit vielem Gepränge getraut.

Auf dieser Hochzeit gab es mancherlei Belustigungen. Als aber Ritterspiel und Lustbarkeit vorüber waren, kehrten alle Gäste wieder heim. Siegfried gab ihnen sicheres Geleit.

Zu Hause hatten indessen die drei Brüder der schönen Florigunde, die Könige Ehrenbert, Hagenwald und Walter, großen Haß auf ihren Schwager Siegfried geworfen, weil er in allen Kämpfen den Preis davongetragen hatte.

»Alle Tage trägt er Siegeszeichen, Ringe und Waffen davon«, sprachen sie zueinander, »damit prangt er, als wäre er allein der Held; so macht er uns im ganzen Land verächtlich. Das soll ihm übel bekommen!« Seitdem trachteten sie ihm heimlich nach dem Leben. Lange aber konnten sie keine Gelegenheit finden, bis die acht Jahre um waren, von denen der Zwerg Egwald dem Helden Siegfried einst geweissagt. Siegfried aber merkte nichts und lebte mit seiner schönen Florigunde in Ruhe und Frieden. Sie bekamen einen Sohn, den nannte er Löwhard.

Eines Tages ritten Siegfried und seine Schwäger miteinander auf die Jagd; denn Siegfried liebte das Weidwerk. Weil aber der Tag sehr heiß und Siegfried müde und durstig war, suchte er einen Brunnen im Wald auf und legte sein Gesicht in das kühle Naß. Diesen Augenblick ersah sein Schwager, der grimmige Hagenwald, und dachte: »Eine solche Gelegenheit kommt nicht alle Tage, jetzt will ich mich an meinem Feind rächen!«

Er nahm sein Schwert und stieß es Siegfried zwischen die Schultern, wo sein Fleisch nicht mit Horn überzogen war, so daß er auf der Stelle verschied. So mußte der unvergleichliche Held auf schändliche, meuchelmörderische Weise sein junges Leben lassen.

Als Siegfrieds Gemahlin den Tod ihres Gatten erfuhr, fiel sie vor Kummer in eine schwere Krankheit, so daß die Ärzte an ihrem Aufkommen zweifelten, König Gilbald aber starb vor Kummer, und auch die Königin erlag schon nach vier Tagen einem tödlichen Fieber. Die schöne Florigunde aber genas wieder; denn es war Gottes Wille, daß Siegfrieds Tod durch sie gerächt würde.

Ihre drei Brüder hielten nun König Gilbald und ihrer Mutter, der Königin, eine würdige Leichenfeier. Darauf nahmen sie das Reich in Besitz, um es gemeinsam zu beherrschen. Inzwischen zog ihre Schwester, Siegfrieds Witwe, in aller Stille mit ihrem Sohn Löwenhard in die Niederlande zu König Sieghard, ihrem Schwiegervater, dem sie die Ermordung seines Sohnes meldete und ihre Not klagte. König Sieghard, der dies mit großem Schmerz vernahm, ließ Adel und Ritterschaft in seinem ganzen Land aufbieten, sammelte in Eile ein großes Heer, und ehe sich die drei Könige dessen versahen, waren sie in einen blutigen Krieg verwickelt.

Viele tausend Helden fielen in diesem Kampf, und auch der Verräter Hagenwald kam schimpflich ums Leben. Denn nachdem er sich lange gewehrt hatte und zuletzt kampfunfähig geworden war, ergab er sich einem verzagten Soldknecht im Wahn, bei diesem sicherer zu sein als bei einem beherzten Krieger. Und als er sein Gefangener war, legte er sich kampfesmatt nieder und schlief ein. Der Söldner aber besann sich nicht lang, sondern zog sein Schwert und erstach den Schlafenden. »So hab' ich dir vergolten«, meinte er, »was du an meines gnädigen Königs Sohn Siegfried getan hast.«

Die andern zwei Brüder, Ehrenbert und Walter, lebten in kümmerlichem Elend. Zuletzt mußte auch die schöne Florigunde sterben. Aber ihr und Siegfrieds Sohn Löwhard blieb am Hof seines Großvaters in den Niederlanden, wurde dort in Gottesfurcht und ritterlichen Tugenden erzogen und wuchs zu einem stattlichen Helden heran.

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