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Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 10: Vielhufer - Flossenfüßler

Alfred Brehm: Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 10: Vielhufer - Flossenfüßler - Kapitel 3
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authorAlfred Brehm
titleBrehms Tierleben. Säugetiere. Band 10: Vielhufer - Flossenfüßler
publisherGutenberg-Verlag
seriesBrehms Tierleben
volumeBand 10
editorAdolf Meyer
year1927
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Dreizehnte Ordnung: Flossenfüßler

Die Robben oder Flossenfüßler ( Pinnipedia)

In der ersten Ordnung der Seesäugetiere sehen wir Wesen vor uns, die auch dem Laien als Säugetiere erscheinen. Noch sind vier Beine vorhanden, schleppende zwar, aber doch deutlich von dem Leibe abgesetzte, deren Füße ziemlich klar die Gliederung in Finger und Zehen erkennen lassen. Bei den meisten sind letztere vollkommen beweglich und nur durch Schwimmhäute miteinander verbunden, bei wenigen dagegen ganz von der Körperhaut umhüllt und unbeweglich, dann aber immer noch durch die außen angehefteten kleinen Nägel erkenntlich. Eigentlich fremd erscheinen uns nur die Füße. Ihr Zehenbau ist ein anderer, als wir bisher beobachteten, die Mittelzehe ist nicht mehr die längste und stärkste, sondern alle Zehen liegen in einer gleichen Ebene. Im übrigen unterscheidet sich der Leibesbau der Robben zwar merklich von dem aller uns bisher bekanntgewordenen Säugetiere, läßt sich jedoch recht wohl mit dem einzelner Arten, namentlich der Fischottern, vergleichen, und demgemäß erscheint es erklärlich, daß einzelne Forscher die Flossenfüßler, wenn auch nicht mit den Raubtieren vereinigen, so doch unmittelbar auf sie folgen lassen. Der verhältnismäßig kleine Kopf ist ziemlich deutlich vom Halse abgesetzt, erinnert jedoch weniger an den eines Hundes als vielmehr an den des Fischotters, obwohl bei genauerer Vergleichung beider seine Eigentümlichkeiten sofort hervortreten. Der Hirnteil ist breit und flach, der Schnauzenteil kurz und vorn breit gerundet, das Maul tief gespalten, die Oberlippe mit starken, federnden Borsten besetzt, die von den Schnurrhaaren der Raubtiere sich sehr unterscheiden; die Nase zeichnet sich durch ihre schief gestellten, schlitzförmigen und verschließbaren Löcher aus; das Auge ist groß, ziemlich flach und mit einer Nickhaut versehen, der Stern groß, das ebenfalls verschließbare Ohr endlich nur bei einer Familie einigermaßen entwickelt, indem bei den meisten Robben die äußere Ohrmuschel gänzlich fehlt. Der kurze und dicke Hals geht unmittelbar in den mehr oder weniger walzigen, nach hinten allmählich sich verjüngenden Leib über; der Schwanz ist zu einem mittellangen Stummel herabgesunken. Die Geschlechtsteile liegen mit der Afteröffnung in einer schlitzförmigen Grube. Die dicke und feste Haut wird meist nur mit einfachen, borstenartigen, gleichmäßig langen Grannen bekleidet, obwohl auch das Entgegengesetzte stattfinden, das Grannenhaar mähnenartig sich verlängern oder unter ihm ein mehr oder minder dichtes Wollhaar sich einschieben kann. Vorherrschende Färbung des Felles ist ein mehr oder weniger in das Gelbliche oder Rötliche spielendes Grüngrau, das durch gruppenweise zusammenstehende, dunkelspitzige Haare eine gemarmelte Zeichnung erhält; doch gibt es auch einfarbige und ebenso gescheckte Robben. Gebiß und innerer Leibesbau zeigen, trotz vielfacher Ähnlichkeit mit den betreffenden Teilen der Raubtiere, ein sehr bestimmtes Gepräge. Während, wie Carus klar und bündig hervorhebt, bei den Raubtieren, infolge der Bildung der Gliedmaßen zu Bewegungs- und gleichzeitig zu Greif- und Fangwerkzeugen, das Gebiß ausschließlich zur Zermalmung und Zerkleinerung der von den Vorderbeinen festgehaltenen Nahrung dienen soll, ist bei den Robben durch die flossenförmige, für andere als Bewegungsleistungen untaugliche Bildung der Glieder die Verrichtung des Ergreifens und Festhaltens der Nahrung vorzüglich den Zähnen übergeben.

Die Robben verbreiten sich über alle Meere der Erde, haben ebensowohl im höheren Süden wie im Norden ihre Vertreter und finden sich sogar in den großen Binnenseen Asiens, in die sie teils in den von diesen ausgehenden Flüssen gekommen sind, teils aber zurückgeblieben zu sein scheinen, als die Wasserverbindung unterbrochen wurde. Im Norden leben die zahlreichsten, im Süden die auffallendsten Arten. Die meisten lieben die Nähe der Küsten, und viele unternehmen zeitweilig Wanderungen von einem Teile derselben zum andern, wie sie auch oft in den Flüssen emporsteigen. Auf dem Lande halten sie sich nur bei besonderen Gelegenheiten, namentlich während der Fortpflanzungszeit und als kleine Junge auf; denn ihre eigentliche Wohnstätte ist und bleibt das Wasser. Dort erscheinen sie als sehr unbehilfliche Tiere, hier bewegen sie sich mit der größten Leichtigkeit. Mühsam klimmen sie vom Strande aus an den Klippen oder an den schwimmenden Eisbergen empor und strecken sich dort behaglich auf den festen Boden, um sich zu sonnen; bei Gefahr flüchten sie so rasch als möglich wieder in die ihnen so freundliche Tiefe des Meeres. Sie schwimmen und tauchen mit größter Meisterschaft. Es gilt ihnen gleich, ob ihr Leib mit der Oberseite nach oben oder nach unten liegt; sie bewegen sich sogar, wie ich noch eigenen Beobachtungen verbürgen kann, rückwärts. Jede Wendung und Drehung, jede Ortsveränderung überhaupt führen sie im Wasser mit größter Schnelligkeit und Sicherheit aus; auf dem Lande dagegen humpeln auch diejenigen Arten, die wirklich noch gehen, mühselig dahin, während alle übrigen in höchst eigentümlicher, nur ihnen zukommender Weise sich forthelfen. Es geschieht dies fast ebenso, wie manche Raupenarten sich bewegen. Der Seehund, der sich auf dem Lande von einer Stelle zur andern begeben will, wirft sich auf die Brust, krümmt den Leib in einem Katzenbuckel nach oben, stemmt sich dann auf den Hinterteil, also etwa auf die Weichen, und streckt hierauf rasch den Leib, wodurch er den Vorderteil desselben wieder vorwärts wirft. So kommt er durch wechselseitiges Aufstemmen des Vorder- und Hinterleibes, durch Krümmen und Strecken des ganzen Körpers verhältnismäßig noch immer rasch von der Stelle. Die Beine leisten dabei eigentlich gar keine Dienste: sie werden nur in Anspruch genommen, wenn das Tier bergauf klimmt. Auf ebenem Boden stemmt es sie zwar manchmal auf, immer aber so leicht, daß die Hilfe, die sie leisten, eigentlich mehr eine scheinbare als wirkliche ist. Ich habe die Spuren der Seehunde sehr genau untersucht und gefunden, daß man auf große Strecken hin in dem reinen und weichen Sande keine Eindrücke der Vorderfüße findet, was doch der Fall sein müßte, wenn das Tier wirklich auf seinen Flossen ginge. Manchmal legt der Seehund beide Ruder an den Leib und humpelt ebenso rasch vorwärts, als wenn er sie gebrauchen wollte, kurz: zum Gehen sind seine Flossenbeine nicht eingerichtet. Dagegen benutzt er sie, und zwar in sehr geschickter Weise, nach Art der Affen oder Katzen, um sich zu putzen, zu kratzen, zu glätten, auch wohl, um etwas mit ihnen festzuhalten, z. B. das Junge an die Brust zu drücken.

Alle Robben sind im hohen Grade gesellig. Einzelne sieht man fast nie. Je einsamer die Gegend, um so zahlreichere Herden oder Familien bilden sich; je weniger der Mensch mit ihnen zusammenkommt, um so behäbiger, ich möchte sagen gemütlicher, zeigen sich die in bewohnten Gegenden überaus scheuen Geschöpfe. Der Mensch ist offenbar der furchtbarste und blutdürstigste Feind der wehrlosen Wasserbewohner; denn die wenigen Raubtiere, die ihnen gefährlich werden können, wie der Eisbär, der wenigstens die kleineren Arten bedroht, oder der mordsüchtige und freßgierige Schwertfisch, der auch stärkere anfällt, wüten weniger unter ihnen als der Beherrscher der Erde, und so erklärt es sich, daß man Robben nur da wirklich beobachten kann, wo sie fern von dem Erzfeinde der Schöpfung sich aufhalten oder von ihm geschützt werden.

Die Lebensweise der Robben ist eine nächtliche. Den Tag bringen sie am liebsten auf dem Lande zu, schlafend und sich sonnend. Hier erweisen sie sich in jeder Hinsicht als das gerade Gegenteil von dem, was sie im Wasser waren. Von der Behendigkeit und Schnelligkeit, die sie in ihrem eigentlichen Element betätigen, bemerkt man am Lande nichts; sie erscheinen uns vielmehr als das vollendetste Bild der Faulheit. Jede Störung ihrer bequemen Lage ist ihnen höchst verhaßt; manche Arten lassen sich kaum zur Flucht bewegen. Mit Wonne dehnen und recken sie sich auf ihrem Lager und bieten bald den Rücken, bald die Seite, bald den Unterleib den freundlichen Strahlen der Sonne dar, kneifen die Augen zu, gähnen und zeigen sich überhaupt mehr toten Fleischmassen als lebenden Geschöpfen gleich; nur die regelmäßig sich öffnenden und schließenden Nasenlöcher geben Kunde von ihrem Leben. Wenn sie sich vollkommen wohl befinden, vergessen sie tage- und wochenlang Fressen und Saufen; endlich treibt sie der Hunger aber doch auf und in das Meer, wo sie ihren inzwischen abgemagerten Leib bald wieder runden, glätten und mit Fett auspolstern. Je älter die Tiere werden, um so fauler benehmen sie sich. Die Jungen sind lebhafte, spiellustige und fröhliche Geschöpfe, die Alten hingegen oft höchst mürrische, in ihrer Trägheit förmlich verkommene Tiere. Freilich muß man zu ihrer Entschuldigung sagen, daß ihre Unbehilflichkeit auf dem Lande sie noch fauler erscheinen läßt, als sie wirklich sind. Wenn sie sich gefährdet sehen, gehen sie, wie bemerkt, sehr eilig und schnell in das Wasser; kommt ihnen die Gefahr aber plötzlich über den Hals, so überfällt sie die Angst und der Schreck in so hohem Grade, daß sie seufzen und zittern und vergeblich alle möglichen Anstrengungen machen, um dem Verderben zu entrinnen. Gilt es dagegen, Weibchen und Junge zu verteidigen, so bekunden manche hohen Mut. Auf den einsamsten Eilanden sind gewisse Arten so gleichgültig gegen fremde Besucher, daß sie diese ruhig unter sich herumgehen lassen, ohne zu flüchten; sie werden aber sehr vorsichtig, wenn sie den Menschen, diesen Verderber der Tierwelt, erst kennengelernt haben.

Unter ihren Sinnen ist das Gehör, trotz der kleinen Ohrmuscheln, vorzüglich, das Gesicht wie der Geruch dagegen weniger entwickelt. Die Stimme besteht in heiseren Lauten, die bald dem Gebelle eines Hundes, bald dem Blöken eines Kalbes oder dem Brüllen eines Rindes ähneln.

Jede Robbengesellschaft ist eine Familie. Das Männchen verbindet sich immer mit mehreren Weibchen, und mancher dieser Seesultane besitzt einen Harem von dreißig bis vierzig Sklavinnen. Blinde Eifersucht gegen andere Bewerber seiner Art steht hiermit im Einklang. Jede Robbe kämpft der Weiber halber auf Tod und Leben; doch bilden das dicke Fell und die Fettlagen unter ihm den besten Schild beider Kämpen gegen die Bisse und Risse, die sie sich in der Hitze des Gefechts gegenseitig beibringen.

Etwa acht bis zehn Monate nach der Paarung bringt das Weibchen ein, seltener zwei Junge zur Welt. Die Kleinen sind zierliche und muntere Geschöpfe. Alte und Junge lieben sich mit gleicher Zärtlichkeit, und die Mutter schützt ihren Sprößling mit Aufopferung ihres Lebens gegen jede Gefahr. Nach höchstens zwei Monaten sind die jungen Robben so weit entwickelt, daß sie entwöhnt werden können. Das Wachstum geht unglaublich schnell vor sich, und bereits nach Verlauf eines Jahres haben die Jungen mehr als die halbe Größe der Alten erreicht. Nach zwei bis sechs Jahren sind sie erwachsen, im Alter von fünfundzwanzig bis vierzig Jahren abgelebt und greisenhaft geworden.

Tierische Stoffe aller Art, zumeist aber Fische, Schal- und Krustentiere, bilden die Nahrung der Robben. Einzelne Arten sollen auch verschiedenen Seevögeln, die die kleineren Flossenfüßler nicht behelligen, oder selbst andern Robben gefährlich werden. Um ihre gesegnete Verdauung zu befördern, verschlucken einige, wie die Vögel es tun, Steine; andere füllen den bellenden Magen im Notfall mit Tangen an.

Alle Robbenjagd ist eine gemeine, erbarmungslose Schlächterei, bei der sich Roheit und Gefühllosigkeit verbinden. Deshalb wird auch der Ausdruck »Jagd« vermieden; man spricht von Schlächterei und Schlägerei, nicht aber von edlem Weidwerk. Grenzenlose und leidenschaftliche Blutgier bemächtigt sich der Matrosen, die auf Robbenjagd ausgehen, und treibt sie an, Alt und Jung, Groß und Klein ohne Unterschied zu vertilgen. So ist es gekommen, daß fast alle Robbenarten bereits sehr vermindert worden sind und einzelne ihrem gänzlichen Untergange entgegengehen. Von den Herden, die im vorigen Jahrhundert die einsamen Inseln bedeckten, sind jetzt nur noch Überbleibsel zu sehen, und weiter und weiter müssen die Schiffe vordringen, wenn sie guten Fang machen wollen. Tran und Fett, Zähne und Haut der Robben sind gesuchte Gegenstände und erklären gewissermaßen die Vertilgungswut des selbstsüchtigen Menschen. Fast alle Robben lassen sich zähmen, und manche werden fast zu Haustieren.

 

»Eine äußerst breite und nicht minder staubige Straße«, so schreibt mir Finsch, »führt durch öde, spärlich bewachsene Dünen, deren Sand in fortwährender Bewegung ist und die Luft zuweilen nebelartig verhüllt, in etwa dreiviertel Stunden nach dem ›Klippenhause‹, einer hart am Felsgestade des Stillen Weltmeeres belegenen Gastwirtschaft, die einer der bevorzugten Ausflugsorte der Bewohner San Franziskos ist. Schon von fernher dröhnt das Rauschen der gewaltigen Brandung in das Ohr des dem Klippenhause sich nahenden Besuchers, zugleich aber auch ein absonderliches Gebell, das sich verstärkt und vervielfältigt, je näher man kommt. Durch dieses Gebell geleitet, bemerkt man aus drei hohen, kegelförmigen, kaum mehr als anderthalbhundert Schritte vom Ufer entfernten Klippen, deren unterer Teil hier und da senkrecht aus dem Meere aufsteigt und an denen die Brandung sich tosend bricht, reges Leben. Einige sechzig ungeheure Seetiere lagern auf den größeren abschüssigen Felsen der Klippe in Gruppen bis zu fünfzehn Stück oder einzeln, in Spalten oder auf den schmalen Felsengesimsen behaglich hingestreckt, gleichsam beherrscht von einem oben auf der Spitze thronenden, unter dem Namen »Ben Butler« allen Friscoern wohlbekannten mächtigen Bullen. Zuweilen erhebt dieser sein Haupt, bläht den dicken Hals gewaltig auf und läßt sein tiefes Bellen erschallen, in das nicht allein die schwächeren, feineren und höheren Stimmen aller übrigen Genossen, sondern auch das heisere Kreischen der zahlreichen Möwen oder das Krächzen der in langen Reihen auf den Felsgesimsen und einzelnen Klippen und Spitzen sitzenden Scharben sowie der dumpfe Baßton brauner Pelikane sich einmischt, deren Kotablagerungen gleich weißgetünchten langen Streifen von der dunklen Felsenwand abstechen. Gefesselt durch das überraschende Schauspiel, beobachtet selbst der gleichgültigste Besucher längere Zeit die so verschiedenen Tiere und lernt dann zu seiner Verwunderung erkennen, wie die anscheinend so plumpen und ungelenken Riesen die höchsten Spitzen der Klippe erklimmen. Freilich geht dies langsam; doch wissen sie ihren langgestreckten Leib in eigentümlich schlangenartiger Weise fort- und aufwärtszuwinden und das Hinaufklettern durch die seitlich ausgestreckten und ausgebreiteten Hinterbeine so zu unterstützen, daß sie ihr Ziel dennoch erreichen. Im Zustande der Ruhe ähneln die Tiere riesigen dunklen Nacktschnecken, liegen jedoch im Schlafe zuweilen auch hundeartig zusammengerollt, die Schnauze dicht an den Bauch gelegt. Ist schon die Beweglichkeit der schweren Körpermasse auf dem Lande überraschend, so entfalten diese Robben dieselbe doch erst im Wasser vollständig. Ost sieht man sie in das Meer stürzen, indem sie sich einfach an der sanft absteigenden Felswand herabgleiten lassen oder von einer höheren Zinne springend herabwerfen. Delphinartig treiben sie dann ihr Spiel in den Wellen, werfen sich blitzschnell herum, so daß der Bauch nach oben kommt, springen zuweilen förmlich aus dem Wasser heraus, spielen miteinander, verfolgen sich, tauchen unter, beugen sich in die Tiefe oder über den Wasserspiegel und geben sich den Anschein, als kämpften sie wütend miteinander, obgleich in Wahrheit solche Kämpfe nichts anderes sein dürften als eitel Schein und Spielerei, ebenso wie die Beißereien auf dem Lande auch nicht viel auf sich haben. Erbost sperren zwei von ihnen den gewaltigen Rachen auf, brüllen sich furchtbar an, als ob der ernsteste Kampf eingeleitet werden sollte, legen sich aber bald darauf friedlich wieder nebeneinander nieder und beginnen sich vielleicht sogar gegenseitig zu lecken. Stundenlang kann man dem ewig wechselnden Schauspiel zusehen und immer wird man etwas Neues beobachten und entdecken.

Ganz anders verhielten sich dieselben Tiere auf den Farrallonesinseln, den mächtigen Marksteinen an der Einfahrtstraße nach San Franzisko, die ich mit Kapitän Scammon an Bord des amerikanischen Kriegsschiffes Wyanda durchfuhr. An den südlichen, seltsam aufgebauten Felsgestaden gedachter Inseln sahen wir Herden von fünfzig und mehr dieser Robben, die sich indes vorsorglich dahin zurückzogen, wo die Brandung am ärgsten toste. Hier lagen sie dicht gedrängt, vom weißen Schaum der Wellen überspritzt, unerreichbar als Jagdbeute, aber nicht für die Kugeln aus unserer Standbüchse. Trotz der bedeutenden Entfernung wurde ein Schuß unter die brüllende Schar gesandt, und eine zauberhafte Wirkung übte derselbe aus: denn fast gleichzeitig stürzte sich die gesamte Masse in das Meer, und in den nächsten Stunden war die ganze untere Fläche des Felsens wie abgekehrt. Erst viel später sahen wir mit Hilfe des Glases, wie die gestörten Robben ihre Ruheplätze wieder aufsuchten.

Der auffallende Unterschied in dem Betragen dieser Tiere erklärt sich, wenn man weiß, daß sie hier, im Eingange der Bucht von San Franzisko vogelfrei sind, während sie an den Klippen des gedachten Wirtshauses unter dem Schutze des Staates stehen und weder geschossen noch gefangen werden dürfen. Sie erkennen diese Vorsorge wohl an und lassen es sich gern gefallen, ungestört von ihrem furchtbarsten Feinde und in behaglicher Ruhe ihr Treiben kundgebend, Neu- und Wißbegierigen zur Augenweide zu dienen.«

Die von meinem Freunde so malerisch geschilderten Robben sind Seelöwen, Angehörige der Familie der Ohrenrobben ( Arctocephalina). Alle bis jetzt bekannten Arten dieser Familie ähneln sich in hohem Grade und führen auch im wesentlichen dieselbe Lebensweise. Vorwaltend dem Stillen Ozeane angehörig, leben sie ebensowohl an der eisumstarrten Küste der Beringstraße wie auf der um den Südpol gelagerten Landfeste und ihren Inseln, in den gemäßigten Gürteln wie unter der scheitelrecht herabstrahlenden Sonne der Gleicherländer, dort mehr oder minder ausgedehnte Wanderungen unternehmend, hier jahraus, jahrein dasselbe Gebiet bewohnend und an den meisten Orten unablässig und unerbittlich verfolgt.

siehe Bildunterschrift

Kalifornische Seelöwen ( Eumetopias stelleri)

Die Ohrenrobbe oder der Seelöwe ( Eumetopias stelleri) ist ein Vertreter der Sippe der Löwenrobben ( Eumetopias). An Größe hinter keinem seiner Verwandten zurückstehend, erreicht der männliche Seelöwe von der Nasenspitze bis zum Ende der hinteren Finne eine Länge von reichlich fünf Meter, bei einem Gewichte von fünfhundert Kilogramm und darüber, bleibt jedoch durchschnittlich hinter den angegebenen Maßen und diesem Gewichte merklich zurück. In seinem Leibesbau weicht er weniger von den Seehunden ab als andere Arten seiner Familie, läßt sich jedoch ebensowenig wie diese mit jenen verwechseln; denn auch abgesehen von der bezeichnenden Gestaltung der Beine und Füße, unterscheidet er sich sofort durch den gestreckten Kopf und Hals. Das Auge erscheint groß und ausdrucksvoll, aber nur, wenn das Tier erregt wurde; das Ohr ist hohlwalzig, an der Wurzel in eine scharfe Spitze ausgezogen und mit kurzen, feinen Haaren bedeckt. Auf der Oberlippe stehen zwischen dreißig bis vierzig biegsame, weiße oder gelblichweiße Schnurrborsten, von denen einzelne bis fünfundvierzig Zentimeter an Länge erreichen. Die Gliedmaßen, die die dreifache Tätigkeit der Beine, Füße und Flossen vertreten müssen, aber trotz ihrer Entwicklung noch immer weit mehr für Bewegung im Wasser als für eine solche auf dem Lande sich eignen, sind größtenteils mit einer rauhkörnigen Haut bedeckt, während der Leib in ein nirgends sich verlängerndes, kurzes, hartes und glänzendes Haarkleid gehüllt ist. Die Färbung des alten Männchens ändert vielfach ab, da man auf demselben Felsen schwarze, nur hier und da, infolge weißer Haarspitzen, licht gesprenkelte, oder rötlichbraune, düstergraue und lichtgraue Stücke findet, auch wohl in einer und derselben Herde helle mit dunklen Füßen, dunkel gefleckte, graue mit dunklem Halse und hellem Kopfe bemerkt. Das alte Weibchen erreicht höchstens die Hälfte der Länge und kaum mehr als ein Fünftel des Gewichtes eines vollkommen erwachsenen Männchens, ist jedoch in der Regel gleichmäßiger, und zwar gewöhnlich lichtbraun gefärbt. Die Jungen endlich tragen ein schieferfarbenes oder grauschwarzes Gewand, das bei den Jährlingen in Nußbraun übergeht.

Bei Annäherung an eine Insel oder eine Felsenklippe, die eine zahlreiche Herde von Seelöwen in Besitz genommen hat, tönt einem zuerst ein langes, klägliches Geheul entgegen, das den Eindruck macht, als ob die Tiere ein Zeichen der Not geben wollten; erst wenn man in unmittelbare Nähe gelangt ist, vernimmt man, daß die jetzt betäubenden Laute sehr verschiedener Art sind. Das dröhnende Gebrüll der Männchen übertönt das Tosen der schwersten Brandung; das heisere Krächzen der Jungen beiderlei Geschlechts klingt bellend und blökend dazwischen, und der gemeinschaftlich hervorgerufene Lärm läßt jede Beschreibung hinter sich. Anscheinend voller Wut und Trotz blickt dem Ankommenden eine Rotte dieser Tiere entgegen; bald aber werden sie unruhig, und wenn man sich nicht widersetzt, rollt, gleitet und taumelt die ganze Menge durcheinander, unter Umständen von überragenden Felsen aus lebensgefährliche Sprünge wagend, um ihre Flucht zu beschleunigen. Gesellig wie alle übrigen Robben, vereinigen sich die Seelöwen in größter Anzahl doch nur während der Paarungszeit, die je nach den verschiedenen Breitengraden früher oder später, an der kalifornischen Küste beispielsweise zwischen die Monate Mai und August, an der Küste von Alaska dagegen zwischen den Juni und Oktober fällt. In dieser Zeit bringen die Weibchen ihre Jungen zur Welt und erziehen sie gemeinschaftlich mit den Männchen, welch letztere in der Sorge um die Kleinen mit jenen sich vereinigen, sie bewachen und durch ihr Vorbild sie belehren, wie sie sich auf dem so verschieden gestalteten, bald zerklüfteten und felsenstarrenden, bald schlammigen, bald sandigen Küstensaume zu benehmen, oder wie sie tauchend und schwimmend den brandenden Wogen zu widerstehen haben. Anfänglich bekunden die Jungen entschiedene Abneigung gegen das Wasser; bald aber tummeln sie sich spielend in diesem Elemente und wenn diese Landzeit vorüber ist, sind sie so vollkommen eingewöhnt, daß sie mit den Alten verschwinden und den übrigen Teil des Jahres auf hohem Meere zubringen können. Höchstens einige wenige von der zahlreichen Herde bleiben auf dem beliebten Platz zurück und behaupten denselben beständig. Während der Land- oder Fortpflanzungszeit nehmen, wie auch Scammon bestätigt, die Seelöwen, insbesondere die Männchen, wenig oder gar keine Nahrung zu sich; nur die Weibchen verlassen zuweilen ihre Lagerstätte und ziehen zur Jagd aus, wagen jedoch nicht, weit von ihren Jungen sich zu entfernen. Daß der Seelöwe lange Zeit ohne jegliche Nahrung leben kann, ist unzweifelhaft; denn an Gefangenen hat man beobachtet, daß sie während eines ganzen Monats nicht einen Bissen zu sich nahmen und trotzdem nicht die geringste Unbehaglichkeit zu erkennen gaben.

Im Anfange ihrer alljährlichen Versammlungen zeigen sich die zu den bestimmten Lagerplätzen zurückkehrenden oder neu ankommenden Seelöwen wild und scheu; wenn sich aber auch die Weibchen am Strande, auf den Klippen und Felsen eingefunden haben, gebärden sie sich anders: denn nunmehr beginnen die Kämpfe der Männchen um die Herrschaft über die Weibchen. Diese Kämpfe dauern oft tagelang und werden nicht früher beendigt, als bis einer von beiden Recken vollkommen erschöpft ist, entbrennen auch sofort wieder, sobald er sich neue Kräfte gesammelt hat. Erst wenn beide gleichmäßig geschwächt sind, wenn der eine von dem Kampfplatze flüchten mußte, oder wenn beide durch einen dritten, mit frischen Kräften über sie herfallenden vertrieben wurden, endet der Streit und Hader; denn der endgültig Besiegte schleicht sich bekümmert nach einem entlegenen Platze. In der Regel führt nur ein Männchen die Herrschaft über eine Herde; gleichwohl kann es vorkommen, daß man auch deren zwei auf einem und demselben Felsen findet, wobei es dann freilich ohne herausforderndes Gebrüll und kleine Kämpfe nicht abgeht. Als Scammon Ende Mai 1852 die Insel Santa Barbara besuchte, hatte er Gelegenheit, die Seelöwen während ihrer Landzeit sehr genau zu beobachten. Kurz nach seiner Ankunft füllten sich allmählich alle passenden Stellen der Klippen. Eine große Anzahl gewaltiger Männchen, von den Matrosen »Bullen« genannt, erschien und kündigte sich durch ein scharfes, häßliches Heulen an, trieb im Meere allerlei Künste, betätigte hier die überraschendsten Fertigkeiten, tauchte oft in der stürmischsten Brandung, um einen Augenblick später auf den Kämmen der schäumenden Wellen zu erscheinen, watschelte dann mit ausgestrecktem Halse und erhobenem Kopfe auf das Land, erkletterte einzelne mit Seekräutern bedeckte Felsen, um in den sengenden Sonnenstrahlen sich zu recken, oder legte sich schlafend zwischen den Tangen nieder, so daß Haupt und Hals eben über den Wasserspiegel hervorragten. Mehrere Tage lang ging es ruhig zu; dann aber begannen die alten Bullen ihre Kämpfe um die Herrschaft der verschiedenen Herden, und bald darauf sah man überall die Opfer dieser blutigen Zusammenstöße: einzelne Männchen mit zerspaltenen Lippen, verstümmelten Gliedern, zerfetzten Seiten, andere mit ausgeflossenen, einzelne mit herausgerissenen Augen, die mehr noch als jene einen gräßlichen Anblick boten. Je weiter die Landzeit vorrückte, um so mehr belebte sich die Insel. Der flache Strand, jeder Felsen, jede Klippe, wo nur eine Robbe Fuß fassen konnte, wurde als Schlafplatz erwählt. Eine zahllose Herde alter Bullen erklomm die Gipfel, und ihr vereinigtes Geschrei wurde an ruhigen Tagen meilenweit in See vernommen. Auf der südlichen Seite der Insel springt zwischen den hohen und abschüssigen Felsen eine für Menschen kaum ersteigbare Klippe vor: sie hatte sich ein riesiger Seelöwe erwählt und behauptete sie wochenlang, bis die Landzeit vorüber war. In welcher Weise er aufstieg und wie er wieder in das Wasser zurückkehrte, blieb für die zahlreiche Schiffsgesellschaft ein geheimnisvolles Rätsel, obgleich »Altgrau«, wie die Matrosen ihn nannten, fortwährend sorgfältig beobachtet wurde. Freilich sind die Seelöwen fähig, unter Umständen Sprünge auszuführen, die niemand für möglich halten möchte. So hatten sich auf einem mindestens achtzehn Meter senkrecht über die abschüssigen Strandklippen hervorragenden Felsen der Insel ungefähr zwanzig dieser auf dem Lande anscheinend so unbehilflichen Tiere ihren Lagerplatz erwählt und verlockten die Schiffsgesellschaft zu der Meinung, daß es leicht sein müsse, alle zu erbeuten, wenn man sie erschrecke und zwinge, in den Abgrund zu springen. Der bald festgestellte Jagdplan wurde ausgeführt und schien auch vollständig zu gelingen, da sich alle Seelöwen in die Tiefe stürzten. Als die Mannschaft aber hier anlangte, sah sie anstatt verstümmelter Leichname nur noch eins der Tiere, das sich eben in das Meer warf.

Soweit Scammon beobachten konnte, besteht zwischen den verschiedenen Geschlechtern geringe Neigung. Nur die Weibchen bekunden ihren Sprößlingen gegenüber eine gewisse Zärtlichkeit, obwohl sie niemals anstehen, dieselben flüchtig zu verlassen und sich in das Wasser zu retten, wenn sie auf dem Lande überrascht werden. Die Jungen ihrerseits sind die widerspenstigsten und unartigsten kleinen Geschöpfe, die man sich denken kann, und betätigen ihre Untugenden namentlich kurz nach dem Erwachen aus ihrem fast ununterbrochenen Schlafe. Oft sieht man, daß, wenn eine Mutter sich weigert, ihr Junges zu säugen, ein Schwarm von andern um die Gunst sich streitet, dies tun zu dürfen. Nach bestimmter Versicherung der Eingeborenen der St. Paulsinsel säugt die Seelöwin ein männliches, niemals aber ein weibliches Junge noch im zweiten Jahre seines Lebens, was wohl nur in der so verschiedenen Größe der beiden Geschlechter seine Erklärung findet.

Mit dem Ende der Landungszeit, die an der kalifornischen Küste etwa vier Monate währt, kehrt, wie erwähnt, die Mehrzahl der zahlreichen Herde, Männchen sowohl wie Weibchen, nach dem Meere zurück und durchschwimmt dasselbe jetzt jagend und fischend nach allen Richtungen, da immer nur wenige imstande sind, in der Nähe der Küste sich genügend zu ernähren. Fische, Weich- und Krebstiere sowie Wasservögel verschiedener Art bilden das tägliche Brot unserer Robben, die jedoch niemals versäumen, einige Kiesel oder kleine Steine, einzelne bis zu fünfhundert Gramm an Gewicht, zu verschlingen. Unter den Seevögeln fallen ihnen im Süden die Pinguine, im Norden die Möwen am häufigsten zur Beute, und sie gebrauchen eine besondere List, um sich der letzteren zu bemächtigen. Nach Scammons Beobachtungen tauchen sie angesichts einer Möwe tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer andern Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möwe auf sich zu lenken. Diese glaubt irgendein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und verschlungen. Entsprechend seiner bedeutenden Größe bedarf jedes einzelne dieser gewaltigen Tiere eine beträchtliche Menge von Nahrung, halbwegs erwachsene schon etwa zwanzig Kilogramm Fische täglich; es lassen sich also schon aus diesem außerordentlichen Nahrungsverbrauche die regelmäßigen Wanderungen der Seelöwen genügend erklären.

Noch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden alljährlich allein an der Küste von Ober- und Unterkalifornien so viele Seelöwen erlegt, daß man Tausende von Fässern mit dem aus ihrem Fette geschmolzenen Trane füllen konnte. Die Anzahl der vernichteten Tiere steigt ins Fabelhafte; denn man muß bedenken, daß es zu den Seltenheiten gehört, wenn während einer Jagd so große Seelöwen erlegt werden, daß das Fett von dreien oder vieren genügt, um ein Faß mit Tran zu füllen. Infolge der sehr merklichen Abnahme des gewinnbringenden Geschöpfes erlegt man gegenwärtig hauptsächlich Männchen, und zwar meist mit dem Feuergewehr, seltener mit Keule und Lanze. Da eine auf den plumpen Leib gerichtete Kugel in den meisten Fällen nur geringe Wirkung übt, schießt man stets nach dem Kopfe und nimmt das Ohr zum Zielpunkt.

Unmittelbar nach einer solchen Schlächterei beraubt man die erlegten Seelöwen ihrer Schnurrborsten, häutet sie sodann ab und schält die dicke Fettlage, die sich zwischen Fell und Muskel befindet, ab, um sie später auf dem Schiffe in viereckige kleine Stückchen zu zerschneiden und auszukochen. Das Fell wurde in früheren Zeiten einfach weggeworfen, bis man fand, daß es zur Leimbereitung tauglich ist und verhältnismäßig ebenso großen Gewinn abwirft wie das Fett.

Während der Europäer den Seelöwen seines Fettes und seiner Haut halber erlegt, versorgt sich der Bewohner Alaskas und der Aleuten durch die Jagd dieses Seetieres mit den unentbehrlichsten Gegenständen seines Haushaltes. Der hauptsächlichste Landungsplatz der Seelöwen auf der St. Paulsinsel befindet sich auf der nordöstlichsten Spitze derselben; zu diesem Platze ziehen die Eingeborenen während des Aufenthaltes der Tiere, um sie nach ihren Dörfern landeinwärts zu treiben. Letzteres geschieht mit ebensoviel Kunstfertigkeit als Beharrlichkeit. Erprobte Jäger stehlen sich nachts längs der Küste dahin, bis sie an eine Herde sich angeschlichen haben, wählen aus dieser sechs oder acht der größten Stücke aus und treiben sie langsam nach dem Innern des Eilandes. In früheren Zeiten gebrauchte man hierzu eine an einer langen Stange befestigte leichte Fahne; gegenwärtig bedient man sich eines Regenschirmes, der bald ausgespannt, bald wieder zusammengezogen wird und den Seelöwen einen so unüberwindlichen Schrecken einflößt, daß sie sich nach dem Willen der Leute lenken lassen. Nach und nach sondert man in dieser Weise mehr und mehr Schlachtopfer von den übrigen ab, sammelt allmählich eine größere Anzahl derselben an einer passend gelegenen Stelle, fern von der Küste, und treibt hierauf die ganze Herde langsam dem Schlachtplatze zu. Da die Ohrenrobben sich nur des Nachts treiben lassen, macht man tagsüber halt, und während ein Teil der Jäger sich beschäftigt, die Herde zusammenzuhalten und zu bewachen, liegt der andere schlafend unter Regenschirmen oder schnell aufgebauten einfachen Zelten, oder erquickt sich ein dritter an der schnell bereiteten Nahrung. Regenwetter begünstigt den Trieb, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es das Gras näßt und die gleitende Fortbewegung der Robben erleichtert; trockene Witterung hingegen verzögert die Reise ungemein. Aber auch unter den günstigsten Verhältnissen legt man täglich kaum mehr als sechs englische Meilen zurück. Endlich am Schlachtplatze angekommen, gönnt man den unglücklichen Geschöpfen noch einen Tag, damit sie sich, wie man sagt, das Blut kühlen, fällt dann plötzlich über sie her und schießt einem nach dem andern die erlösende Kugel durch den Kopf. Die Leichname werden nun zuerst abgehäutet und die Häute schichtweise übereinander gelegt, damit sie bis zu einem gewissen Grade faulen und später leichter enthaart werden können; das Fett wird aufbewahrt und größtenteils zur Feuerung, der Tran als Brennstoff benutzt, das Fleisch in Stücke geschnitten, an der Luft getrocknet und so für den Winter aufbewahrt, das Eingeweide sorgsam herausgenommen, gereinigt und gegessen, das Gedärm aber entleert, aufgeblasen und getrocknet, hierauf gegerbt und schließlich zu wasserdichten Kleidern verarbeitet, der Magen, nachdem er in derselben Weise behandelt worden ist, zur Aufnahme des geschmolzenen Tranes oder getrockneten Fleisches verwendet, so daß also von dem ganzen Tiere nichts übrig bleibt als das verstümmelte Gerippe.

An der Küste Sibiriens, Kamtschatkas und Sachalins betreibt man den Fang der Ohrenrobben wie den ihrer Verwandten wiederum in anderer Weise. Alle Buchten und Flüsse des nordasiatischen Küstenlandes wimmeln während der Monate Juni bis September von Lachsen, die in dieser Zeit des Laichens halber aufsteigen, und ihnen folgen jagend die Robbenarten nach. Um letztere zu fangen, sperrt man gewisse Stellen der Ströme und Baien durch weitmaschige Netze, die wohl den Fischen, nicht aber den Robben Durchgang gestatten. Diese verwickeln sich im Gemasche und ersticken entweder in der Tiefe des Flusses, oder werden von den herbeieilenden Fischern getötet.

So bilden sich in den verschiedenen Gegenden des Verbreitungsgebietes unseres Tieres mancherlei Jagdweisen aus, um diese nutzvolle Ohrenrobbe zu erbeuten; keine einzige von allen aber würde sie ernstlich gefährden und ihren Bestand mit völliger Vernichtung bedrohen, täte der habsüchtige Europäer auch in diesem Falle es nicht allen übrigen Völkerschaften zuvor.

Seelöwen halten sich ebenso leicht als andere Mitglieder ihrer Familie oder Seehunde überhaupt in Gefangenschaft, lassen sich in hohem Grade zähmen, und bekunden, wenn sie jung erbeutet wurden, schließlich eine außerordentliche Zuneigung zu ihrem Wärter. Wie jeder Besucher von Hagenbecks Zirkus weiß, sind die Seelöwen auch hervorragend zu allerhand Dressurleistungen befähigt. Herausgeber.

siehe Bildunterschrift

Nordischer Seebär ( Otaria ursina)

Der Seebär oder Vließseehund der Robbenschläger ( Arctocephalus ursinus) steht an Größe hinter dem Seelöwen merklich zurück, da selbst die größten Männchen von der Schnauzenspitze bis zum Ende der hinteren Flossenfüße höchstens drei Meter messen und die Weibchen nur in seltenen Fällen mehr als die Hälfte des angegebenen Maßes erlangen. Der Leib ist zwar kräftig, aber doch sehr gestreckt gebaut, der Kopf länger und spitzer als bei den Robben insgemein, der Hals kurz, aber deutlich vom Rumpfe abgesetzt, der Schwanz kurz und spitz, das Maul ziemlich klein, das Nasenloch schlitzförmig, das Auge sehr groß, dunkel und von lebhaftem Ausdruck, die Oberlippe mit einigen zwanzig steifen, höchstens 16 Zentimeter langen Schnurrborsten besetzt; die Vorderfüße sind flossenartig gestaltet und mit einer weichen, äußerst biegsamen, haarlosen, schwarzen Haut bekleidet, die hinteren sehr verbreitert und verlängert, da die fünf Zehen, von denen drei oben Nägel tragen, mindestens zehn Zentimeter vor der äußeren Spitzenkante endigen. Das am Halse und an der Vorderseite merklich, längs der Rückenlinie einigermaßen verlängerte Fell besteht aus nicht allzu steifen Grannen und ungemein weichen und zarten, seidenartigen, etwas struppigen Wollhaaren, die die Haut dicht bekleiden. Seine Grundfärbung ist ein dunkles Braun, das bei einzelnen Stücken in Braunschwarz übergeht, auf dem Kopfe, Halse und dem vorderen Teil des Leibes aber durch weißspitzige Haare gesprenkelt erscheint und auf der Unter- und Innenseite der Glieder sich lichtet. Die einzelnen Haare sind an der Wurzel schwarz, sodann rötlich gefärbt und zeigen vor der Spitze einen graulichen Ring; die Wollhaare sehen rot aus. Ältere Weibchen unterscheiden sich von den Männchen ziemlich regelmäßig durch silbergraue Färbung; sehr alte aber tragen ebenfalls ein auf Rücken und Seiten dunkelbraunes, jedoch überall mit weißen Haaren gesprenkeltes, unten rötlichbraunes Kleid. Junge Tiere beiderlei Geschlechts haben ein silberfarbenes Fell, weil ihre Haare durchschnittlich in lichte Spitzen endigen.

Wenige Robben bewohnen ein so ausgedehntes Verbreitungsgebiet wie der Seebär, der ebensowohl an den Küsten Patagoniens und Westafrikas, auf den Falklandsinseln, auf Neusüdschottland und Südgeorgien wie auf dem St. Paulseilande im Indischen Weltmeere und den St. Pauls- und St. Georgsinseln des Beringmeeres gefunden wird, ebenso wie er in den Gleicherländern kaum seltener auftritt als in den höchsten Breiten des Südens und Nordens.

Aus den Wahrnehmungen aller Schiffer, die die Seebären kennen, geht hervor, daß sie einzig und allein zum Zwecke der Fortpflanzung auf die verschiedenen von ihnen regelmäßig besuchten Inseln oder Schären kommen, während der übrigen Monate aber ausschließlich auf hoher See leben und dabei sehr weite Wanderungen unternehmen. Gleichwohl kehren sie, wie jahrelang fortgesetzte Beobachtungen erwiesen haben, zu demselben Eilande zurück, auf dem sie das Licht der Welt erblickten. Wenn ihre Landungszeit herannaht, bemerkt man zuerst einige alte Männchen, die Kundschafterdienste zu tun scheinen. Ihnen folgen dann allmählich die übrigen nach. Von den höchsten Stellen einzelner südlichen Inseln aus hat man, laut Scammon, beobachtet, daß sie bei ihrer Rückkehr zum Lande, in ungemein zahlreiche Gesellschaften vereinigt, gemeinschaftlich reisen und sich erst an der Küste in die verschiedenen Herden teilen. Bei der Wahl der von ihnen besuchten Stellen verfahren sie mit großer Umsicht, vielleicht erst, seitdem sie durch Erfahrung die Notwendigkeit erkannt haben, vor ihrem schlimmsten Feinde, dem Menschen, sich soviel als möglich zu schützen. Im allgemeinen suchen sie sich Eilande oder auf größeren Inseln solche Küstenstrecken auf, an denen die See mit besonderer Heftigkeit brandet, und erwählen sich dann die unmittelbar über der höchsten Flutmarke gelegenen, möglichst wenig zugänglichen Felsen zu ihren zeitweiligen Wohnsitzen. Jedes alte Männchen kehrt so lange zu einer genau bestimmten Stelle zurück, als es dieselbe zu behaupten vermag; Bryant wurde von den Eingeborenen der Pribyloffinseln versichert, daß man auf dem St. Pauls-Eilande im Beringmeere einen an dem Fehlen einer Vorderflosse leicht kenntlichen Bullen siebzehn Jahre nacheinander auf demselben Blocke beobachtet habe. Nach eigenen Beobachtungen unseres Gewährsmannes dürfen sich junge, d. h. weniger als sechs Jahre alte Männchen wenigstens bei Tage nicht auf das Land wagen und schwimmen deshalb während der Landungszeit tagsüber beständig längs der Küste hin und her, höchstens des Nachts verstohlen landend, um ein wenig zu schlafen. Eine einzige Ausnahme von dieser Regel findet an solchen Stellen statt, wo eine längere Küstenstrecke zum Landaufenthalt gewählt wurde, weil hier zwischen den einzelnen zusammengehörigen Familien Plätze freibleiben, auf die die jüngeren Bärenrobben, unbelästigt von den alten, kommen und gehen dürfen, wie sie wollen.

Nach Bryant verläuft das Leben der Tiere während ihrer Landungszeit etwa folgendermaßen: Ungefähr um die Mitte des April, nachdem der Schnee geschmolzen und das Eistreiben von Norden her vorübergegangen ist, erscheinen einige alte männliche Bärenrobben in der Nähe der Inseln, halten sich hier etwa zwei oder drei Tage auf, wagen sich auch wohl auf das Land und untersuchen, vorsichtig schnüffelnd, die gewohnten Plätze. Fällt diese Untersuchung befriedigend aus, so erklettern sie einen oder zwei Tage später höhere Stellen und legen sich hier, lauschend und spähend, mit erhobenem Haupte nieder. Die Eingeborenen der St. Pauls-Insel, die die Sitten und Gewohnheiten der Tiere genau kennen, hüten sich sorgfältigst, sich während dieser Zeit zu zeigen, vermeiden auch, wenn der Wind von ihren Dörfern her nach der Seeküste weht, jeden unnützen Lärm und löschen selbst die Feuer aus, um den Kundschaftern keinen Anlaß zum Argwohn zu geben. Letztere verschwinden nach einiger Zeit; wenige Tage später erscheinen jedoch männliche Bärenrobben in kleiner Anzahl, und zwar alte wie junge. Erstere nehmen sofort ihre Plätze auf den Landungsstellen ein, hindern die Jungen an der Landung und zwingen sie, entweder im Wasser selbst oder an von ihnen nicht eingenommenen Stellen der Insel Unterkunft zu suchen. Jedes alte Männchen beansprucht übrigens wenig mehr als eine englische Geviertrute oder etwa fünfundzwanzig Geviertmeter Raum, eben genug zum Schlaf- und Ruheplatz für sich und zehn, höchstens fünfzehn Weibchen. Noch immer treffen tagtäglich andere Männchen ein, zwei-, drei-, vier- und fünfjährige annähernd in derselben, jüngere in geringerer, ältere in größerer Anzahl. Letztere bahnen sich zu einem ins Auge gefaßten Lagerplatze mit um so größerer Schwierigkeit einen Weg, je mehr von den passenden Stellen bereits von andern in Besitz genommen worden sind; denn jeder einzelne dieser Weibergebieter hält an seinem Stande fest und weicht nur der Gewalt. Irgendwelches Anrecht wird von keinem anerkannt; der zuletzt Erscheinende hat sich demnach zu begnügen oder um einen besseren Platz zu kämpfen.

Gegen den 15. Juni hin sind alle Männchen versammelt und alle passenden Plätze vergeben. Die alten Herren erwarten jetzt offenbar die Ankunft der Weibchen. Letztere erscheinen zuerst ebenfalls in kleinerer Anzahl, im Verlauf der Zeit jedoch in immer zunehmenden Scharen, bis um die Mitte des Juli alle Landungsplätze gefüllt oder überfüllt sind. Viele von den Weibchen scheinen bei ihrer Ankunft den Wunsch zu hegen, mit einem bestimmten Männchen sich zu vereinigen; denn sie klettern oft auf die äußeren Felsen, um von ihnen aus die Landungsplätze zu überschauen, lassen auch wohl ihren Lockruf vernehmen und lauschen, ob ihnen eine bekannte Stimme Antwort gibt. Wenn dies nicht der Fall ist, wechseln sie den Platz, verfahren ebenso wie früher und treiben dies so lange fort, bis eins der im Wasser schwimmenden jungen Männchen, eine Junggesellenrobbe, wie die Eingeborenen diese nennen, sich ihnen nähert und sie, oft gegen ihren Willen, an das Land jagt. Letzteres gehört offenbar zu den Pflichten besagter Junggesellenrobben. Sie schwimmen während des Tages längs der Küste auf und nieder, beobachten die ankommenden Weibchen und zwingen sie schließlich, an der felsigen Küste zu landen. Sobald sie diese betreten, nähert sich das nächstliegende Männchen, läßt einen Laut vernehmen, der an das Glucksen einer Henne erinnert, und sucht, der Neuangekommenen Genossin freundlich zunickend und sie auch wohl liebkosend, allmählich zwischen sie und das Wasser zu gelangen, so daß sie nicht mehr zu entfliehen imstande ist. Sobald ihm dies gelungen, ändert er sein Betragen vollständig; denn anstatt der Liebkosungen erfährt das Weibchen beherrschenden Zwang; drohendes Gebrumm fordert es auf, einen der noch freien Plätze im Harem des gestrengen Männchens einzunehmen. In dieser Weise verfährt jeder männliche Seebär, bis der letzte Platz des von ihm behaupteten Lagergebietes besetzt ist. Damit endet jedoch seine anstrengende Arbeit nicht, weil die über ihm liegenden Bullen seine Rechte fortwährend schmälern, indem sie jeden günstigen Augenblick benutzen, um ihm Weiber zu stehlen. Dies geschieht einfach so, daß sie eins der Weibchen mit den Zähnen packen, es über die übrigen wegheben und, wie eine Katze die Maus, nach dem eigenen Weiberzwinger schleppen. Die über ihnen liegenden Männchen Verfahren genau in derselben Weise, und so währt das Einfangen und Stehlen der Weibchen fort, bis endlich alle Plätze besetzt sind. Nicht selten geraten zwei Männchen eines Weibchens halber in den heftigsten Streit; zuweilen geschieht es auch, daß beide gleichzeitig über den Gegenstand ihrer Eifersucht herfallen und denselben, wenn nicht in Stücke zerreißen, so doch gefährlich verwunden. Nachdem jedweder Harem gefüllt ist, wandern die Männchen selbstgefällig auf und nieder, um ihre Familie zu überblicken, schelten die Weibchen, die sich drängen oder die übrigen stören, und treiben wütend alle Eindringlinge davon. Diese Überwachung beschäftigt sie während der ganzen Zeit, die sie auf dem Lande zubringen.

Zwei oder drei Tage nach der Landung gebiert jedes Weibchen ein einziges, in höchst seltenen Fällen vielleicht auch zwei Junge. Der kleine Seebär kommt, wie alle Robben, in sehr entwickeltem Zustande und mit offenen Augen zur Welt, mißt bei der Geburt etwa ein Drittel der Länge seiner Mutter, hat ein Gewicht von drei bis vier Kilogramm und trägt ein von dem der Alten verschiedenes, aus ungemein weichen, krausen Wollhaaren und ähnlichen Grannen bestehendes Kleid von schwarzer Färbung, das er erst gegen Ende der Landungszeit mit dem der Alten vertauscht. Unmittelbar nach seiner Geburt beginnt er zu saugen, wie er sich überhaupt vom ersten Augenblick seines Lebens an ebenso kräftig als selbständig gebärdet. Die Mutter bekundet die wärmste Zuneigung gegen das kleine, unartige Geschöpf, hält bei ihm treue Wacht, sucht es gegen ihm drohende Gefahren zu beschützen und unterrichtet es allmählich in allen ihm nötigen Bewegungen. »Auf einer der kleinen San-Benitos-Inseln an der Küste Unterkaliforniens«, erzählt Scammon, »beobachteten wir mit lebhafter Teilnahme einen weiblichen Seebären nebst seinem wenige Wochen alten Jungen. Mit dem ihr folgenden Kleinen näherte sich die Mutter vorsichtig der Küste, blickte beim Landen fortwährend mißtrauisch in die Runde, versäumte jedoch nicht, das Junge währenddem mit fast menschlicher Zärtlichkeit zu liebkosen. Da alles sicher schien, lullte sie es bald in Schlaf, und beide lagen darauf, der Wärme der Mittagssonne sich behaglich hingebend, nebeneinander auf einem vorspringenden Felsen. Jede höhere Welle erregte die Aufmerksamkeit der Alten, jeder Schall bewog sie, das Haupt zu erheben, sich umzublicken und zu überzeugen, ob nach wie vor alles sicher sei. Hatte sie sich hiervon vergewissert, so sank sie wieder in ihre frühere Lage zurück, während das Junge unbekümmert in derselben geblieben war. Um zu erfahren, welchen Eindruck das leiseste Geräusch auf die Mutter hervorbringen würde, zerbrachen wir einen dünnen Ast. Augenblicklich wurde sie unruhig, das Junge schrie auf, die Alte belferte verteidigungslustig, beruhigte sich jedoch wieder und legte sich nieder wie zuvor. In diesem Augenblick kam uns zufällig ein altes Männchen zu Gesicht, auf das wir die Büchse richteten und einen Schuß abgaben. Mit einem oder zwei Sätzen sprang die durch den Knall erschreckte Alte ins Wasser, kehrte jedoch sogleich zu ihrem Jungen zurück, trieb dasselbe, so gut sie konnte, dem sicheren Meere zu, und einen Augenblick später waren beide unseren Blicken entschwunden.« In den ersten fünf Wochen nach der Geburt verlassen die Weibchen ihre Jungen höchstens auf Augenblicke; dann aber gehen sie längere Zeit in das Meer, um Nahrung zu suchen. Bis dahin begleiten die Jungen ihre Mütter bei jeder Bewegung, die diese auf dem Lande ausführen, lernen aber nur an solchen Stellen, die regelmäßig von der Flut überspült werden, früher als vor Ablauf der angegebenen Zeit schwimmen und lassen sich meist nur durch Anwendung von Gewalt bewegen, in das Wasser zu gehen. Haben sie ihren Widerwillen jedoch einmal überwunden, so gelangen sie sehr bald dahin, ihr heimisches Element hinlänglich zu beherrschen.

Wenige Tage nach der Geburt der Jungen zeigt sich das Weibchen zur Paarung geneigt, bekundet Teilnahme für die Aufmerksamkeit des Männchens und gibt sich ihm zuweilen auch auf dem Lande hin. Da jedoch die Lage der Geschlechtsteile eine Begattung auf festem Boden erschwert, findet solche höchstens in drei von zehn Fällen daselbst statt und geschieht regelmäßig im Wasser. Hier nun kommen die vier oder fünf Jahre alten, von den felsenbeherrschenden Gewalthabern ferngehaltenen und Verbannten Männchen zum Ziele ihrer Wünsche. Während sich der eifersüchtige Alte mit Bekämpfung eines Nebenbuhlers beschäftigt, verläßt eins der Weibchen nach dem andern das Land, gleitet in das Wasser und findet hier in jedem aufmerksamen Junggesellen einen Liebhaber. Dieser folgt der Erwählten bis zu einer gewissen Entfernung von der Küste, verständigt sich mit ihr, und nunmehr schwimmen beide in fünf bis acht Minuten währender inniger Umarmung dahin, drehen sich behufs der Atmung so, daß bald eins, bald das andere nach oben zu liegen kommt, und paaren sich in dieser Weise. Wenn das Weibchen hierauf zur Küste zurückkehrt, wird es von allen männlichen Gliedern der Versammlung gleichgültig behandelt.

Die alten Männchen verweilen mindestens vier Monate auf ihren Lagerplätzen, ohne inzwischen irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen. Nach Ablauf dieser Zeit treten sie ihren Platz an die Jüngeren ihres Geschlechts ab und ziehen zur Jagd aus. Bryant versichert, durch die sorgfältigsten Untersuchungen von der eben erwähnten, allen Eingeborenen wohlbekannten Tatsache sich überzeugt zu haben. Er beobachtete einzelne Lagerplätze, die von der Hochflut so reingewaschen waren, daß jede Kotentleerung entdeckt werden mußte, fand jedoch immer nur kurz nach der Ankunft neuer Seebären, nicht aber später, Anzeichen, daß die Tiere sich entleert oder Futter genommen hatten. Eine Untersuchung der Magen getöteter junger Seebären führte zu demselben Ergebnis, da deren Eingeweide ebenfalls vollständig leer waren. Dasselbe war auch der Fall mit den wenigen säugenden Weibchen, die behufs der Untersuchung getötet wurden.

Etwa um den 20. Juli erscheinen auf den Pribyloffinseln größere Haufen von jährigen Seebären, nehmen in Gemeinschaft mit den jüngeren Männchen die ihnen eingeräumten Teile der Küste ein und verweilen hier, unter ihnen in buntem Gemisch gelagert, bis zum Ablauf der Landungszeit. Die zweijährigen Weibchen, die sich mit den jungen Männchen im Wasser gepaart haben, gesellen sich nun ebenfalls zu den älteren ihres Geschlechts.

Gegen Ende Oktober verlassen die Bärenrobben in kleinen Gesellschaften die Inseln, die Weibchen zuerst, die alten Männchen später, die jungen Männchen zuletzt, um fortan mindestens acht Monate auf hoher See zu verweilen.

Seines ausgezeichneten Felles halber ist der Seebär ein noch wertvolleres Jagdtier als die übrigen Mitglieder seiner Familie. Die Eingeborenen der von ihm besuchten Inseln erlegen ihn allerdings auch seines Fleisches wegen, das für sie einen wichtigen Teil ihres Unterhaltes bildet und selbst unter den Europäern als schmackhaft gilt. Auf den Pribyloffinseln leben die Leute fast ausschließlich von Robbenfleisch und sind deshalb genötigt, während des Landaufenthaltes der Seebären und Seelöwen für das ganze Jahr sich zu versorgen. Dies geschieht einfach so, daß man kurz vor dem Wegzuge der Ohrenrobben noch eine größere Menge erlegt und deren Fleisch entweder trocknet oder aber den ganzen Körper gefrieren läßt und so während des Winters aufbewahrt. Den Hauptgewinn lieferte von jeher das Fell der jüngeren Tiere; man verfuhr jedoch bei der Erbeutung der Seebären ebenso kurzsichtig und sinnlos wie bei der Jagd anderer Seetiere überhaupt und rottete binnen wenigen Jahrzehnten so außerordentliche Mengen von jenen aus, daß einzelne früher von ihnen bevölkerte Inseln allmählich gänzlich verödeten. Auch auf den Pribyloffinseln betrieb man die Jagd so rücksichtslos, daß schon im Anfang unseres Jahrhunderts von seiten der Russen besondere Gesetze erlassen werden mußten, um dem nicht zu entschuldigenden Unfuge zu steuern. Im Jahre 1803 häufte man auf Unalaschka nicht weniger als achtmalhunderttausend Felle auf, von denen sieben Achtel verbrannt oder ins Wasser geworfen wurden, weil man sie nicht zubereiten konnte und den Preis nicht herabdrücken wollte. Infolge dieses unverantwortlichen Verfahrens nehmen die Seebären im ganzen Beringmeere in besorgniserregender Weise ab. Auf den Pribyloffinseln erbeutete man im Jahre 1811 nur noch den zehnten Teil der eben genannten Anzahl, im Jahre 1816 sogar nur dreitausend Stück. Gegenwärtig haben sich die Seelöwen wieder merklich vermehrt, und da man sie wenigstens einigermaßen schont, darf man jährlich etwa Hundertfünfzigtausend Stück töten, ohne ihren Bestand zu vermindern. Von dieser Anzahl kommen etwa hunderttausend auf die St. Georgs- und St. Pauls- Inseln, fünfundzwanzigtausend auf Copper- und Beringeiland, der Rest auf die Küsten Kaliforniens, des Washingtongeländes, der Robininseln im Ochotskischen Meere, Südshetlands, Feuerlands und anderer von ihnen besuchten Plätze. Nach Bryants Schätzungen besuchen die St. Pauls-Inseln jährlich mehr als eine Million Seebären, da mindestens zwölf englische Meilen der Küste in einer durchschnittlichen Breite von fünfzehn Ruten als Versammlungsplätze dienen und man etwa zwanzig Seehunde auf die Geviertrute rechnen darf. Von den aus den Klippen ruhenden Tieren besteht etwa der zehnte Teil aus mehr als sechs Jahre alten Männchen, so daß also noch immer eine Million fortpflanzungsfähiger Weibchen vorhanden sein dürste. Nimmt man die Hälfte der im Jahre geborenen Jungen als Weibchen an, so vermehrt sich die Anzahl der letzteren, die geschont werden, alljährlich noch bedeutend, und es läßt sich daher auch für die Zukunft eine gewinnbringende Jagd erwarten.

Um sich der Seebären zu bemächtigen, verfährt man in ähnlicher Weise, wie bei Schilderung des Seelöwen beschrieben wurde; jedoch gilt die Jagd nicht den ältesten, sondern den jüngeren Männchen, weil das Fell der ersteren gewöhnlich unbrauchbar ist. Eine mehr oder minder ansehnliche Menge von geübten Leuten schleicht sich des Nachts bei günstigem Winde an jene Stellen der Küste, die den jungen Männchen als Schlafplätze dienen, und versucht auf das durch einen Schuß gegebene Zeichen die ganze vom Wasser abgeschnittene Gesellschaft landeinwärts zu treiben. Wenn dies gelingt und man eine genügende Entfernung von dem Landungsplatz der Tiere erlangt hat, wird Heerschau gehalten, um die jungen zwei- oder dreijährigen Männchen von den älteren zu sondern. Letzteres geschieht, indem man die Tiere in einem großen Bogen langsam vorwärts treibt und die alten, faulen nach und nach zwischen den Treibern durchschlüpfen läßt, die erwählten jedoch an der Flucht verhindert. Jene wenden sich augenblicklich wieder dem Meere zu, diese werden langsam Weitergetrieben, bis man in der Nähe des Schlachtplatzes angekommen ist. Der von ihm ausgehende Geruch macht die Ohrenrobben so ängstlich, daß sie in vielen Fällen zurückschrecken. Es ist daher notwendig, diesen Platz ziemlich weit in das Innere zu verlegen, erscheint jedoch auch vorteilhaft, die Robben zu zwingen, ihre Felle auf eigenen Füßen bis in die Nähe der an gewissen Stellen der Insel angelegten Salzhäuser zu tragen. Demgemäß hat man in der Regel sechs bis sieben Meilen zurückzulegen und muß beim Triebe mit größter Vorsicht zu Werke gehen: treibt man zu heftig, so verderben sich die Tiere durch ihre hastige Bewegung das Fell, stürzen auch wohl übereinander weg und verwirren und erschrecken sich gegenseitig; treibt man an heißen Tagen, so kommt man mit den unbehilflichen Geschöpfen nicht von der Stelle. Aus diesen Gründen wählt man stets kühle und regnerische Tage zum Triebe und legt im Laufe einer Stunde höchstens anderthalb englische Meilen zurück. Auf dem Schlachtplatze angelangt, übergibt man die Herde dort versammelten Knaben, die das Entfliehen einzelner zu verhindern suchen und allen überhaupt Zeit geben, sich zu beruhigen. Erst wenn letzteres geschehen, trennt man ihrer etwa siebzig bis hundert von der Herde, treibt sie so weit auseinander, daß sie sich mit ihren Flossenfüßen gegenseitig nicht berühren, wählt unter ihnen die geeigneten aus und tötet sie mittels eines Schlages auf die Nase, worauf man den nicht brauchbaren gestattet, nach dem Wasser zurückzukehren. In dieser Weise verfährt man, bis man die ganze Herde abgetan hat, und beginnt dann sofort mit der Abhäutung der erlegten. September und Oktober gelten als die günstigste Zeit dieser Jagd. Die Felle werden unmittelbar nach dem Abstreifen in die Salzhäuser gebracht und hier in viereckigen Kästen eingesalzen, so daß die fleischige Seite nach oben zu liegen kommt. Nach dreißig bis vierzig Tagen nimmt man sie aus dem Salze, entfernt das letztere, faltet sie so zusammen, daß die Fleischseite nach innen kommt, bestreut sie mit frischem Salze und verschifft sie.

Der südliche Vertreter des Seelöwen ist die Mähnenrobbe ( Otaria jubata), die sich durch die kurzen Ohren und das bei den alten Männchen auf dem Rücken gemahnte Fell ohne Unterwolle kennzeichnet. Das erwachsene Männchen erreicht in gleicher Weise wie die Verwandten, also von der Nasenspitze bis zum Ende der Hinteren Flosse gemessen, eine Länge von 2,7 Meter oder, von der Nasen- bis zur Schwanzspitze gemessen, von 2 Meter; sein Fell liegt im ganzen glatt an, verlängert sich jedoch vom Oberkopfe bis zur Rückenmitte zu einer ziemlich breiten, aber verhältnismäßig kurzen Mähne und hinter den Kiefern zu einer Art von Bart, während es auf der Brust am kürzesten ist. Die Oberseite des Kopfes, namentlich die Nasengegend, hat lichte oder gelbbraune, die Wangenseite dunkelbraune, die Schnauze schwarze, der Rücken gelblichgraue, die Bauchseite braungelbe Färbung; die nackten Flossen sehen schwarz aus. Das Weibchen unterscheidet sich durch dunklere Färbung: von der Nase zum Vorderkopfe verläuft ein dunkler Streifen, neben dem jederseits unter dem Auge ein lichtgrauer Flecken bemerklich wird: Brust und Bauch endlich sind gelblichgrau. Nach den Untersuchungen Murics verändert sich die Färbung im Laufe der Jahre. Abgesehen von der verschiedenen Färbung unterscheiden sich die Weibchen wie bei allen übrigen Ohrenrobben auch durch die bedeutend geringere Größe, die in den meisten Fällen kaum mehr als die Hälfte von der des Männchens beträgt, die verhältnismäßig viel kleineren Gliedmaßen und das unverhältnismäßig leichte Gewicht.

Das Verbreitungsgebiet der Mähnenrobbe umfaßt die Südspitze von Südamerika, einschließlich aller in der Nähe derselben gelegenen Inselgruppen und Eilande, und dehnt sich nach Süden hin bis zum Grahamslande aus. In besonderer Häufigkeit begegnet man ihr, wie wir schon durch Forster wissen, im Feuerlande; nicht minder zahlreich tritt sie auf den Falklandsinseln auf. Ihre Lebensweise, ihre Sitten und Gewohnheiten entsprechen im wesentlichen denen ihrer nördlichen Verwandten. Wie diese unternimmt sie alljährlich weite Wanderungen, um zu dem einmal erwählten Landungs- und Fortpflanzungsplatze zu gelangen; wie diese verweilt sie auf den betreffenden Inseln monatelang, in der Absicht, ihre Jungen zur Welt zu bringen und es denselben zu ermöglichen, die ersten Wochen ihres Lebens, auf dem Lande zu verbringen, um sich selbst zu paaren und wahrscheinlich auch zu hären, worauf sie von neuem das weite Meer durchschwimmt. Forster fand die felsigen Klippen in der Nähe des Neujahrshafens bedeckt mit Scharen dieser von den Schiffern ebenfalls Seelöwe genannten Ohrenrobbe, beobachtete deren Kämpfe um die Weibchen, wie die Zärtlichkeit, mit der sich die Glieder einer Familie behandeln, die Liebkosungen, die sie einander erweisen. Forster trat ihnen feindlich entgegen und lernte sie als mindestens ebenso harmlose Gegner kennen, wie die nächsten Verwandten es sind.

Auf den Falklandsinseln werden die Mähnenrobben zwar ebenfalls gejagt, aber doch nicht in so schonungsloser Weise verfolgt wie ihre Verwandten. Dies begründet sich einzig und allein darauf, daß sie einen weit geringeren Nutzen abwerfen als jene. Sie liefern ein ziemlich wertloses Fell und nur eine unbedeutende Menge von Speck, bezahlen daher kaum die Kosten, die die von Europäern oder Weißen überhaupt betriebene Robbenschlägerei notwendigerweise verursacht. Die Feuerländer dagegen betrachten auch sie als nützliche Jagdtiere und stellen ihnen daher wenigstens dann und wann mit einem gewissen Eifer nach.

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Seehunde oder Robben in engerem Sinne heißen die Mitglieder der zweiten Familie unserer Ordnung ( Phocina). Durch das Fehlen einer Ohrmuschel, die verkürzten, sozusagen im Leibe steckenden Gliedmaßen, die behaarten Sohlen und Schwimmhäute, die von innen nach außen an Größe abnehmenden Zehen der Vorderfüße und die merklich verkürzten Mittelzehen der außen zu beiden Seiten verlängerten, in der Mitte aber ausgeschnittenen Hinterflossen unterscheiden sie sich äußerlich von den Verwandten. Dichtstehende, mehr oder minder lange, niemals aber zu einer Mähne entwickelte Grannenhaare, seltener auch von ihnen überdeckte, spärlich stehende Wollhaare bilden das Kleid, das bei den meisten Arten in der wohl allgemein bekannten Weise gefleckt und nur bei wenigen Seehunden einfarbig ist oder größere Farbenfelder zeigt.

Weit mehr verbreitet als sämtliche übrigen Robben, bevölkern die Seehunde nicht allein die Meere der Erde, sondern auch die großen Binnenseen, die mit jenen durch Flüsse in Verbindung stehen oder mindestens in Verbindung gestanden haben. Sie bewohnen alle Gürtel der Erde, in besonderer Häufigkeit aber doch die kalten, und treten namentlich im nördlichen Polarkreise in einer erheblichen Anzahl von Arten auf. Von den Ohrenrobben unterscheiden sie sich hinsichtlich des Aufenthalts darin, daß sie mehr oder weniger an die Küsten gefesselt sind. Nur wenige entfernen sich weit vom Lande; die meisten suchen unbelebte Stellen der Küsten auf und treiben sich hier bald im Wasser, bald auf dem Lande umher. Im allgemeinen kann man annehmen, daß das Land höchstens noch dreißig Seemeilen entfernt ist, wenn man Seehunde bemerkt. An manchen Küsten sind die vielfach verfolgten Tiere noch sehr häufig und im allgemeinen nirgends selten, obwohl eine stetige Abnahme sich nicht verkennen läßt.

In ihrem Wesen ähneln sie, in ihren Bewegungen auf dem Lande unterscheiden sie sich nicht unwesentlich von den Ohrenrobben, weil sie nicht imstande sind, wie diese zu gehen, sondern einzig und allein rutschend sich forthelfen müssen. Nur im Wasser zeigen sie sich jenen ebenbürtig und in ihrer vollen Beweglichkeit; denn sie schwimmen und tauchen meisterhaft. Mit den Vordertatzen arbeitend, wie die Fische mit ihren Flossen, bewegen sie die beiden Hinterbeine bald gegeneinander, hierdurch das zwischen ihnen gesammelte Wasser ausstoßend und sich somit vorwärtstreibend, bald aber seitlich hin- und herschwingend und dadurch ungefähr die gleiche Wirkung erzielend. Es gilt ihnen vollständig gleich, ob sie auf dem Bauche oder aus dem Rücken liegen, und ob sie sich nahe oder tief unter der Oberfläche bewegen. Sie durcheilen das Wasser mit der Schnelligkeit eines Raubfisches und wälzen sich blitzschnell um sich selbst herum, sind auch imstande, solange es ihnen beliebt, auf einer und derselben Stelle zu verweilen. Zu diesem Ende ziehen sie ihre Vorderflossen dicht an den Leib, krümmen ihn, daß der Hinterteil desselben senkrecht steht, während Kopf und Oberkörper wagerecht gerichtet sind, und verharren so halbe Stunden lang in dieser Lage, den Kopf zur Hälfte, den Rücken ein wenig über der Oberfläche des Wassers erhoben. Wenn sie weite Strecken zurücklegen wollen, schwimmen sie mit großer Schnelligkeit geradeaus, nicht aber immer mit nach unten gekehrter Brust, häufig vielmehr auch auf dem Bauche oder auf einer Seite. Wenn sie sich unterhalten wollen, beschreiben sie Kreise, springen dann und wann mit vollem Leibe aus dem Wasser heraus, jagen und necken sich oder spielen auch allein wie trunken im Wasser umher, kommen bald mit dem Bauche in die Höhe, schieben sich auf dem Rücken fort, drehen und wenden sich, kollern sich um und um und benehmen sich überhaupt im höchsten Grade sonderbar, vergessen sich auch dabei nicht selten so vollständig, daß ein geschickter Jäger oder Fänger, ohne von ihnen bemerkt zu werden, bis in die Wurfweite einer Harpune an sie herankommen und sie erlegen kann. Auf ihrer Fischjagd steigen sie in sehr bedeutende Tiefen hinab und verweilen unter Umständen geraume Zeit unter Wasser, keineswegs aber so lange, als von einzelnen behauptet worden ist. Wenn sie nicht verfolgt werden, steigen sie durchschnittlich alle Minuten an die Oberfläche empor, um Luft zu schöpfen. Mit eigenen, mit der Uhr in der Hand angestellten Beobachtungen atmen sie im Wasser in Zwischenräumen von l5, 30, 45, 75, 90, 100, 104 bis 125 Sekunden, auf dem Lande alle fünf bis acht Sekunden einmal. Nun mag es geschehen, daß verfolgte Seehunde auch das Drei- und Vierfache der angegebenen Zeit unter Wasser aushalten; in keinem Falle aber dürften sie imstande sein, halbe Stunden lang hier zuzubringen, wie dies wiederholt behauptet und geglaubt worden ist. Auch Fabricius, der die bei Grönland vorkommenden Seehunde sehr ausführlich beschreibt, glaubt nicht, daß eine Robbe länger als sieben Minuten unter Wasser verweilen könne. Brown, der eigens zu dem Zwecke nach Grönland gereist ist, um die Seetiere zu beobachten, setzt als äußerste Zeit, die ein Seehund unter Wasser zubringen kann, fünfzehn Minuten fest, bemerkt jedoch ausdrücklich, daß er regelmäßig nicht länger als acht Minuten tauche. Meiner Meinung nach sind selbst fünfzehn Minuten zu hoch gegriffen. Die Beobachtung eines im Meer sich bewegenden und jagenden Seehundes ist schwer und wird dies um so mehr, je tiefer er taucht und je längere Zeit er im Wasser zubringt. Bei längerem Tauchen durcheilt er jagend weite Strecken, erscheint, wenn er in Eifer gerät, nur auf Augenblicke an der Oberfläche, einzig und allein zu dem Zwecke, um Atem zu holen, streckt dabei in den meisten Fällen auch bloß seine Nasenspitze aus dem Wasser und kann also sehr leicht übersehen werden und zu Beobachtungsfehlern Anlaß geben. Die von mir gepflegten Gefangenen haben nach vielfachen Beobachtungen von mir nie mehr als fünf bis sechs Minuten unter Wasser zugebracht, und dies auch nur, wenn sie schliefen. Die Seehunde schlafen nämlich wirklich im, wenn auch möglicherweise bloß seichteren Wasser. Vermittels einiger Flossenschläge kommen sie von Zeit zu Zeit mit geschlossenen Augen bis zur Oberfläche empor, schöpfen Atem, sinken hieraus wieder bis auf den Grund hinab und wiederholen dies bei jedem Luftwechsel. Ihre Bewegungen hierbei scheinen bewußtlos zu geschehen. Daß sie auch auf der Oberfläche liegend schlafen können, geht aus sogleich zu erwähnenden Beobachtungen hervor. Die Grönländer, die die für sie unendlich wichtigen Tiere äußerst genau kennen, haben jede ihrer Stellungen im Wasser mit einem besonderen Ausdruck bezeichnet, weil sie aus den verschiedenen Stellungen schließen, ob sie einem schwimmenden Seehunde nahekommen werden oder nicht. Wenn die Robbe einfach nach oben steigt, um Luft zu schöpfen, unbesorgt ist, bis zu den Vordertatzen aus dem Meere herauskommt, sodann mit weit geöffneten Nasenlöchern Atem holt und sich langsam wieder in das Wasser zurückzieht, ohne daß dieses sich bewegt, ist sie eine »Aufgerichtete«, während sie »Umstürzende« heißt, falls sie lärmend wieder in die Tiefe versinkt! wenn sie der Fischjagd eifrig obliegt, mit emporgehobenem Kopfe über dem Wasser schwimmt, gerade vor sich hinsieht, stöhnt, mit den Vordertatzen arbeitet und mit großem Lärm taucht, ist sie die »Plätschernde« und kann leicht von dem Fänger überrumpelt werden, während die Aufgerichtete gewöhnlich zur »Lauschenden, Betrachtenden und Genausehenden« wird, d. h. wenig Erfolg für die Jagd verspricht. Dasselbe ist dann der Fall, wenn sie unter Wasser frißt, ihren Platz kaum verändert, sondern nur die Nasenspitze aus dem Wasser streckt, Luft nimmt und die Nasenlöcher wieder schließt, wogegen sie zu andern Zeiten, wenn sie bewegungslos auf dem Rücken liegt und den Kopf und die Füße zusammengebogen hat und ruht oder schläft, den Fänger so nahe an sich kommen läßt, daß man sie mit den Händen greifen könnte. Unter solchen Umständen erweckt sie nicht einmal lautes Geräusch, und es kann geschehen, daß sie, wie Brown erfuhr, von Dampfschiffen überfahren wird.

Wallace hat die sehr richtige, von Brown bestätigte und auch von mir geprüfte Beobachtung gemacht, daß der Seehund nicht selten mit regelmäßigen Unterbrechungen schläft, indem er etwa drei Minuten lang wacht und ebensolange in Schlaf versinkt. »Ein an Bord unseres Schiffes befindlicher junger Seehund«, so erzählt Brown, »den ich längere Zeit aufmerksam beobachtete, schien in der Tat in dem angegebenen Zeiträume abwechselnd zu schlafen und zu wachen. Störte man ihn, so versuchte er sich zu verteidigen, ließ man ihn einige Minuten in Frieden, so zog er seine Flossen dicht an den Leib, schloß, nachdem er ein Weilchen schläfrig geradeaus gesehen hatte, seine Augen und atmete ein oder zwei Minuten lang so tief, daß man nicht an seinem Schlafe zweifeln konnte; Plötzlich aber öffnete er, auch ohne irgendwie behelligt zu sein, die dunklen, glänzenden Augen wieder, streckte den Hals aus, warf einen Blick in die Runde, um sich zu überzeugen, ob noch alles in erwünschter Ordnung sei, fiel hierauf von neuem in Schlaf und verfuhr sodann wie vorher. Wenn Seehunde in größerer Anzahl auf dem Eise oder am Strande liegen, übernehmen stets einige von ihnen, und zwar gewöhnlich weibliche Stücke, die Wache; sie verfahren aber genau ebenso wie unser junger Seehund an Bord.« Man kann dieselbe Beobachtung an allen Gefangenen unserer Tiergärten anstellen, wenn man nur eine geraume Zeit an ihrem Becken verweilen und abwarten will, bis ringsum zeitweilig alles ruhig geworden ist; denn jeder Seehund verbringt den größten Teil des Tages schlafend und gibt sich, wie alle übrigen Robben, als Nachttier zu erkennen.

Obgleich die Seehunde tage- und wochenlang im Meere leben und alle ihre Geschäfte im Wasser abmachen können, begeben sie sich doch, wenn sie ruhen, schlafen und sich sonnen wollen, gern an das Land. Dies geschieht, wie jede Ortsveränderung außerhalb des Wassers, in anscheinend mühseliger Weise. Um zu gehen, erhebt sich der Seehund zuerst auf seine Vorderfüße und wirft den Leib ruckweise nach vorn, zieht hieraus die Vorderglieder an, legt sich auf die Brust, biegt den Rücken und fördert dadurch den Hinterteil, stemmt diesen auf die Erde, wirft sich wiederum nach vorn und verfährt wie vorher, bewegt seinen Leib also in beständigen Schlangenlinien. Drehungen geschehen einzig und allein durch seitliche Bewegungen des Vorderleibes, und zwar mit Hilfe der Füße. Aus dem Wasser wirft er sich mit einem einzigen Ruck weit auf das Land heraus, indem er seine ausgebreiteten Hinterfüße heftig und rasch zusammenschlägt. Bei einzelnen Arten bemerkt man die Eindrücke der Vorderfüße zu beiden Seiten der Bahn, die er gerutscht ist, als eine schwache Fährte, gewöhnlich vier kleine, schief von vorn nach hinten und auswärts gerichtete Punkte. Bei Angst oder Gefahr pflegen alle Seehunde beständig Wasser auszuspucken, vielleicht, um die Bahn zu glätten. So schwerfällig solcher Gang erscheint, so rasch fördert er: ein laufender Mensch muß sich fast anstrengen, wenn er einen auf dem Lande dahingleitenden Seehund einholen will. Der hintere Teil des Robbenkörpers ist ebenso beweglich wie der Hals. Der Seehund kann sich so drehen, daß er vorn auf dem Rücken und hinten auf der Unterseite liegt, oder umgekehrt, und ist ebenso imstande, den Kopf nach allen Seiten hinzuwenden.

Ein am Lande ruhender Seehund gewährt das ausdrucksvollste Bild ebensogroßer Faulheit als Behäbigkeit. Namentlich, wenn die Sonne scheint, liegt er überaus behaglich und auf lange Zeit hin vollkommen regungslos am Strande. Es sieht aus, als wäre er viel zu faul, um auch nur eine einzige Bewegung auszuführen. Wie er sich hingelegt hat, bleibt er liegen. Bald wendet er den Unterleib, bald den Rücken, bald die rechte, bald die linke Seite der Sonne zu, zieht die Vorderflossen an oder läßt sie schlaff vom Leibe herabhängen, schlägt die Augen auf oder schließt sie wohlgefällig, blinzelt oder starrt gedankenlos ins Weite, öffnet nur zuweilen die verschließbaren Hörgänge und Nasenlöcher und zeigt überhaupt keine andere Bewegung als die durch das Atemholen bedingte. So kann er stundenlang liegen, abgestumpft gegen äußere Eindrücke, gänzlich in seiner Faulheit versunken. Jede Störung dieses ihm offenbar höchst wohltuenden Zustandes ist ihm aufs tiefste verhaßt, und es muß arg kommen, ehe er sich wirklich bewegen läßt, eine andere Lage anzunehmen. Ich habe Gefangene durch das Gitter ihres Behältnisses hindurch mit Strohhalmen an der Nase gekitzelt und sie anderweitig belästigt, ohne sie aus der einmal gewählten Stellung vertreiben zu können. Die Störung war ihnen höchst unangenehm; sie knurrten sehr ärgerlich, schnappten wohl auch einmal nach dem Halme, blieben aber liegen. Anders ist es freilich, wenn sie wiederholte Neckereien erfahren haben; denn dann flüchten sie gewöhnlich bald in das Wasser, falls sie dieses als zu ersprießlichem Rückzuge geeignet erkannt haben.

Auf günstig gelegenen Klippen entsteht oft heftiger Streit um die besten Plätze unter den Seehunden selbst. Der stärkere wirft den schwächeren zur Tiefe herab, nur um sich so bequem als möglich recken und dehnen zu können.

In höheren Breiten wählen die Tiere, auch wenn sie nicht dazu gezwungen sind, mit Vorliebe Eisschollen zu ihren Schlafplätzen und verweilen hier, ruhig hingestreckt, ebensolange als im Süden auf dem von der Sonne beschienenen Strande. Die Möglichkeit, stundenlang auf einer so kalten Fläche zu liegen, ohne allzuviel Wärme abzugeben oder gar sich zu erkälten, gewährt ihnen nicht allein ihr dickes Fell, sondern auch, und in viel höherem Grade, die Speckschicht, die zwischen Haut und Muskeln sich ausbreitet. Das Eis, auf dem Seehunde stundenlang geruht haben, zeigt niemals einen von den Tieren hinterlassenen Eindruck, wie es der Fall sein müßte, wenn die Robbe von ihrer bedeutenden inneren Wärme etwas abgäbe, oder mit andern Worten, wenn sie Wärme auszustrahlen vermöchte. Haut und Fettschicht erweisen sich als so schlechte Wärmeleiter, daß die äußere Haut kaum einen höheren Wärmegrad zeigt als die umgebende Luft. Wenn nun aber die Robbe den Einwirkungen der Kälte ohne irgendwie ersichtliche Beschwerde oder Unbehaglichkeit zu widerstehen imstande ist, zeigt sie sich doch keineswegs unempfindlich gegen dieselbe, wie einfach daraus hervorgeht, daß sie die Wärme liebt und ihr, wie geschildert, sich mit dem größten Behagen hingibt. Es scheint sich also bei ihr ähnlich zu verhalten wie bei den Lurchen und Kriechtieren, die bekanntlich ebenfalls sehr geringe Wärmegrade ertragen und doch kein größeres Behagen kennen, als stundenlang den heißesten Sonnenstrahlen sich auszusetzen. Bei ihnen sinkt und steigt der Blutumlauf mit der äußeren Wärme, bei den Robben scheint er von dieser unabhängig zu sein, aber nur deshalb, weil sich die Speckschicht um so mehr verdickt, je höher im Norden das Tier lebt, und umgekehrt.

Um auch während des Winters, der in hohen Breiten bekanntlich weite Strecken der See vollständig mit Eis belegt, auf letzteres gelangen, beziehentlich die unter ihm liegende Wasserschicht ausbeuten zu können, hält jeder einzelne Seehund ein oder mehrere sogenannte Atemlöcher offen, und zwar tut er dies unzweifelhaft vom Beginn der Eisbildung an und ist im Verlaufe des Winters fortwährend bedacht, durch oft wiederholtes Ein- und Ausschlüpfen festes Zufrieren besagter Löcher zu verhindern.

Die Stimme der Seehunde ist bald ein heiseres Gebell, bald ein Plärren; im Zorne knurren sie wie die Hunde; während der Fortpflanzung sollen sie ein lautes Gebrüll ausstoßen.

Bereits die Alten haben die Seehunde als hochbegabte Tiere geschildert. Ihre Sinne scheinen gut und ziemlich gleichmäßig entwickelt zu sein. Nase und Ohren sind verschließbar und erscheinen im Leben bald als dreieckige, rundliche Löcher, bald nur als schmale Ritzen. Die Nasenlöcher werden bei jedem Atemzug geöffnet, hierauf sofort wieder geschlossen und bleiben, auch wenn das Tier auf dem Lande ruht, bis zum letzten Luftwechsel zusammengekniffen, die Ohren werden nur im Wasser und selbst hier nicht fortwährend zugeklappt. In dem großen, wenig gewölbten Auge füllt die licht- bis dunkelbraune Regenbogenhaut fast den ganzen von den Lidern freigelassenen Raum; das Weiße sieht man selten. Der Stern ist nicht rundlich oder länglich, sondern vierstrahlig. Allerdings nimmt man diese eigentümliche Bildung nur unter der günstigsten Beleuchtung wahr, und auch dann muß man das Auge sehr nahe vor sich haben. Höchstwahrscheinlich gestattet diese Einrichtung jene außerordentliche innere Beweglichkeit des Auges, die man bei Seehunden beobachtet hat, und befähigt dadurch die letzteren, nicht allein in verschiedenen Tiefen des Wassers, sondern auch bei Tage und bei Nacht in annähernd gleicher Schärfe zu sehen. Bemerkenswert ist, daß der Seehund wie andere Robben bei Erregungen irgendwelcher Art, namentlich aber im Gefühle des Schmerzes Tränen vergießt. Wenn wir, und wohl mit Recht, das Gesicht als den am höchsten entwickelten Sinn ansehen, dürfen wir wahrscheinlich das Gehör als den zweitbesten betrachten. Im Verhältnis zur geringen Größe der äußeren Ohröffnung vernimmt der Seehund scharf genug; sein Gehörsinn ist jedoch nicht so fein, daß ihm laute Klänge unangenehm werden könnten. Wie schon die Alten wußten, liebt er Musik und Gesang, wie neuere Beobachter erfuhren, lauscht er mit Teilnahme Glockenklängen oder andern lauten Tönen. Ebenso wie die Alten nach seinem Bilde und seinem Auftreten und Erscheinen sich ihre Tritonen und Sirenen schufen, hat er, nicht aber der Delphin, die Arionsage ins Leben gerufen. Brown versichert, oft gesehen zu haben, daß Seehunde ihre Köpfe aus dem Wasser erhoben und aufmerksam lauschten, wenn die Matrosen beim Aufwinden des Ankers sangen, und Bell erwähnt, daß sie in gleicher Weise sich angezogen fühlen, wenn sie Glockenklang vernehmen. Die Kirche zu Hoy auf den Orkneyinseln liegt in der Nähe einer schmalen, sandigen Bucht, die oft von Seehunden besucht wird, wie es scheint, aber nicht allein ihrer Lage, sondern auch der Kirchenglocken halber eine besondere Anziehungskraft auf sie äußert; denn oft hat man beobachtet, daß sie beim Geläute der Glocken geradeswegs auf die Küste zuschwimmen, ihre Augen starr nach der Gegend richten, aus der ihnen die Glockentöne zukommen, und auf diese entzückt und verwundert lauschen, solange die Glocken geläutet werden. Es mag sein, daß sich mit dem Wohlgefallen an derartigen Klängen auch rege Neugier der Tiere paart; immerhin aber erscheint ihr Betragen auffallend und erwähnenswert. Von der Schärfe der übrigen Sinne geben unsere Robben bei andern Gelegenheiten Kunde. Obgleich ihre Nase bereits mehr zur Atmung als zum Riechen dient, darf ihr Geruch doch als gut bezeichnet werden, da man mit Bestimmtheit beobachtet hat, daß sie beim Sichern auch durch Wittern über eine etwaige Gefahr sich zu vergewissern suchen. Geschmack erweisen sie durch eine verständige Auswahl in der Nahrung, und Gefühl bekunden sie bei der leisesten Berührung, die niemals spurlos an ihnen vorübergeht.

Über die geistigen Fähigkeiten der Seehunde ein Urteil zu fällen, ist schwer. Daß sie verständig sind, unterliegt keinem Zweifel; dennoch zeigen sie sich oft so dumm und ungeschickt, daß man an ihnen irre werden möchte. In menschenleeren Gegenden dreist, pflegen sie sich da, wo sie ihre schlimmen Feinde kennengelernt haben, nur mit größter Vorsicht zu benehmen. Sicher ist, daß die Warnung älterer von den jüngeren beachtet und befolgt wird. Die gefangenen befreunden sich bald mit ihrem Wärter, und einzelne werden sehr zahm, hören auf den ihnen beigelegten Namen, kommen aus ihrem Wasserbecken hervorgerutscht, nehmen Fische aus der Hand des Pflegers und beweisen ihm auch in anderer Hinsicht Teilnahme und Anhänglichkeit.

Es scheint, daß Seehunde gegen alle Tiere, die nicht Fische, Weichtiere oder Krebse heißen, ziemlich gleichgültig sind; doch dürste man wohl irren, wenn man dies als einen Beweis ihrer Gutmütigkeit ansehen wollte. Hunden gegenüber benehmen sich die Gefangenen regelmäßig heftig, schnauben sie ärgerlich an oder suchen sie durch Zusammenklappen der Zähne zu verscheuchen. Dabei betätigen sie keineswegs besonderen Mut, sondern eher grollende Furchtsamkeit, und wenn es ihnen irgendwie möglich ist, suchen sie sich einer derartigen Begegnung zu entziehen. Die von mir gepflegten Seehunde waren immer aufs äußerste entrüstet, wenn ich junge Bären in demselben Becken, das jene bewohnen, baden ließ: sie schnaubten, knurrten, klappten die Kinnladen zusammen und schlugen zornig mit den Vorderflossen auf das Wasser, gingen aber niemals zum Angriff über. Unter dem Wassergeflügel kann man sie ziemlich unbesorgt umherschwimmen lassen; sie vergreifen sich wenigstens nicht an denjenigen Vögeln, die sie selbst nicht behelligen. Mit Gänsen, Enten und andern Zahnschnäblern leben sie im tiefsten Frieden; gegen die Fischfresser zeigen sie sich weniger freundlich. So wurde einer meiner Reiher, der sich anschicken wollte, dem Seehunde seine Fische wegzunehmen, von der darüber erbosten Robbe am Fuße gepackt und durch Abbeißen des letzteren bestraft.

Besondere Zärtlichkeit beweisen sie, wie alle Robben, gegen ihre Jungen. Mit ihnen treiben sie mancherlei Spiele, verteidigen dieselben auch, wenn Gefahr droht, mutig, selbst gegen stärkere Feinde. So vorsichtig sie im allgemeinen dem Menschen ausweichen, und so ängstlich sie, wenn sie üble Erfahrungen gesammelt haben, dem Jäger zu entrinnen trachten, so hat man doch beobachtet, daß sie, selbst hart bedrängt, bei ihren Jungen zurückbleiben und deren Geschick teilen. Anderseits versichert man, gesehen zu haben, wie sie unter Umständen das Junge mit einem ihrer vorderen Flossenfüße Packen, es fest an die Brust drücken und es in dieser Weise so eilig als möglich dem Wasser zuschleppen.

Je nach der Gegend, in der die Seehunde leben, fällt die Paarungszeit in verschiedene Monate. In unserer nördlichen Erdhälfte findet sie im Herbste statt, in den südlichen Gegenden zwischen April und Juni. Die alten Männchen sollen sehr erregt sein, heftig untereinander streiten und für nichts anderes als für ihre Liebe Sinn haben. Es wird gesagt, daß dieses Gefühl sie vollständig in Anspruch nehme und die ihnen eigene Scheu gänzlich vergessen lasse. Ebenso heftig wie ihre Liebe ist auch ihre Eifersucht. Wer ihre grunzenden und brüllenden Töne nachzumachen versteht, lockt sie sicher zu sich heran. »Mit einem Jagdgenossen«, erzählt Schilling, »traf ich auf einem kleinen, einsamen Eilande zehn bis zwölf brüllende und grunzende paarungslustige Seehunde an. Bei unserer Landung begaben sie sich, gegen ihre sonstige Gewohnheit, nur lässig in das Wasser, und ich war fast versucht, zu glauben, in ihnen eine ganz andere Art von Tieren vor mir zu haben. Wir beschlossen, auf diese Seehunde anzustehen, und gruben uns zu diesem Ende im Sande eine Vertiefung aus. Kaum war unser Boot etwa fünfhundert Schritte weit gesegelt, da erschienen in geringer Entfernung im Wasser die sämtlichen Seehunde wieder, lauschten neugierig mit scheinbarem Wohlgefallen den von uns nachgeahmten Tönen, richteten sich fast bis zur halben Körperhöhe über die Wasseroberfläche empor und näherten sich, merkwürdig genug, in diesen Körperstellungen dem Ufer der Insel immer mehr. Als wir nun die höheren, schwächeren Töne nachahmten, die gewöhnlich die Männchen hören lassen, kamen die viel größeren Weibchen zuerst an das Land gekrochen und nahten sich bald darauf unserm Lager, den Locktönen folgend, obgleich sie unsere hervorragenden Köpfe gewißlich sehen konnten. Wir suchten uns jeder einen Seehund aus, legten auf ihn an und entluden unsere Gewehre zu gleicher Zeit; jeder sah auch, als der Pulverdampf sich verzogen hatte, den erwählten Seehund regungslos vor sich liegen. Aber die übrigen, die sämtlich gelandet waren, gebürdeten sich, als wären sie gleichfalls von unfern Schüssen getroffen worden. Wir hätten, wären wir ruhiger und mehr vorbereitet gewesen, sehr gut noch unsere beiden übrigen Schüsse auf die nicht getroffenen abfeuern können. Erst, als wir aufsprangen, kam Bewegung in diese wie vom Blitz getroffenen Körper.«

Ungefähr acht Monate nach der Paarung, in den Monaten Mai, Juni und Juli, wirft das Weibchen eins, seltener zwei Junge auf öden, unbewohnten Inseln, am liebsten an sandigen Stellen des Strandes, in Höhlen, sonst auch auf Felsblöcken und endlich auf Eisfeldern. Die Jungen kommen in vollkommen ausgebildetem Zustande zur Welt, sind aber mit einem dichten, Weißen, zarten Pelze bedeckt, der sie am Schwimmen und noch mehr am Tauchen hindert, jedoch bald mit dem glatt anliegenden und steifen Jugendkleide vertauscht wird. Bis zu dieser Zeit bleiben die Weibchen auf dem Lande bei den Jungen.

Gelegentlich eines Besuches bei einem Tierhändler sah ich einen weiblichen Seehund, dessen Umfang zu frohen Hoffnungen berechtigte. Obgleich nun dieses Tier durch zwei Wunden, die es beim Einfangen erhalten hatte, entstellt und als Schaustück wertlos war, beschloß ich doch, es zu kaufen, weil ich annehmen durfte, Gelegenheit zu mir wichtigen Beobachtungen zu finden. Soviel ich wußte, hatten trächtige Seehunde schon wiederholt in der Gefangenschaft geboren; die Jungen waren aber immer sofort nach ihrer Geburt gestorben. Ich sollte glücklicher sein, vielleicht nur deshalb, weil ich der trächtigen Seehündin einen kleinen Teich zum Aufenthaltsorte anweisen konnte.

Die Geburt des wohlausgetragenen Jungen erfolgte am 30. Juni in früher Morgenstunde; denn der Wärter, dem ich den Seehund zur Pflege gegeben hatte, sah bei seiner Ankunft am Morgen das Junge bereits neben der Alten im Wasser spielen. Auf dem Lande fand ich neben einer ziemlichen Menge von Blut und dem Mutterkuchen auch das ganze Jugendkleid des Neugeborenen, einen nicht unbedeutenden Haufen seidenweicher, kurzer, aber gewellter Haare, die sämtlich auf einer Stelle von geringem Umfange lagen und bereits im Mutterleibe abgestreift worden zu sein schienen. Das Junge hatte keine Spur des Wollkleides mehr an sich; seine Färbung ähnelte vollständig der seiner Mutter; nur waren die einzelnen Farben frischer und glänzender. Die Augen schauten klar und munter in die Welt. Selbst die Bewegungen des jungen Weltbürgers waren schon ähnlich denen seiner Eltern: im Wasser genau ebenso meisterhaft, auf dem Laude genau ebenso ungeschickt. Er schien in den ersten Stunden seines Lebens außerhalb des Mutterleibes bereits alle Fertigkeiten seines Geschlechtes sich angeeignet zu haben, schwamm auf dem Bauche wie auf dem Rücken, tauchte leicht und lange, nahm im Wasser die verschiedensten Stellungen an, gebürdete sich mit einem Wort durchaus wie ein Alter. Aber es war auch als ein merkwürdig ausgebildetes und auffallend großes Tier zur Welt gekommen. Noch am Tage seiner Geburt gelang es uns, den kleinen, bereits wehrhaften Gesellen zu wiegen und zu messen: das Gewicht betrug 8,75 Kilogramm, die Länge 85 Zentimeter.

Es war im höchsten Grade anziehend, die beiden Tiere zu beobachten. Die Alte schien sichtlich erfreut über ihren Sprößling zu sein und offenbarte in jeder Hinsicht die größte Zärtlichkeit, wogegen das Junge, altklug, seine Mutter zu verstehen schien. Bereits in den ersten Tagen spielte diese in täppischer Weise mit ihm, zuerst im Wasser, später auch auf dem Lande. Beide rutschten mehrmals auf das Land hinauf; die Alte lud dazu das Junge durch ein heiseres Gebrüll ein oder berührte es sanft mit ihren Vorderflossen. Beim Spielen wurde die gegenseitige Anhänglichkeit jedermann ersichtlich. Von Zeit zu Zeit tauchten beide Köpfe im Wasser auf, dicht nebeneinander; dann berührten sie sich mit den Schnauzen, als wollten sie sich küssen. Die Alte ließ das Junge stets vorausschwimmen und folgte ihm bei jeder Bewegung nach, trieb es auch wohl ab und zu durch sanfte Schläge nach der von ihr beabsichtigten Richtung hin. Nur wenn es auf das Land gehen sollte, gab sie den zu nehmenden Weg an. Schon abends saugte das Junge unter hörbarem Schmatzen kräftig an der Mutter, die sich zu diesem Ende auf die Seite legte und durch Knurren den Säugling herbeirief. Später kam es, sechs- bis zehnmal täglich, zu der Alten gekrochen, um sich Nahrung zu erbitten. Im Wasser saugte es nie; wenigstens habe ich es nicht gesehen.

Überraschend schnell nahm das Junge an Größe und Umfang zu; auch seine Bewegungen wurden mit jedem Tage freier und kühner, seine Teilnahme und Verständnis für die Umgebung größer. Ungefähr acht Tage nach der Geburt nahm es auf dem Lande alle Seehundsstellungen an: die behagliche, faule Lage auf den Seiten und auf dem Rücken, die gekrümmte, wobei es die Hinterflossen gefaltet hoch emporhob und mit ihnen spielte, und ähnliche mehr. In der dritten Woche seines Alters war es vollkommen zum Seehunde geworden. Dem Wärter gegenüber zeigte es sich scheu und ängstlich, und so gelang es mir erst in der sechsten Woche seines Lebens, es zum zweitenmal auf die Wage zu bringen. Um diese Zeit hatte es gerade das doppelte seines Gewichts erlangt, ungeachtet es bis dahin nur gesäugt und noch keine Fischkost zu sich genommen hatte.

Zu meinem großen Bedauern verlor ich das muntere Tierchen in der achten Woche seines Lebens. Es war unmöglich, es an Fischkost zu gewöhnen, und der Alten ging nach und nach die Milch aus. Zwar versuchte sich jenes an den ihm vorgeworfenen Fischen; doch schien ihm die Nahrung schlecht zu bekommen. Es magerte mehr und mehr ab und lag eines Morgens tot auf seinem Ruheplatze.

Im hohen Norden verlieren die jungen Seehunde das dichte Haarkleid, mit dem sie geboren werden, später als im Süden und sind deshalb anfänglich außerstande, zu schwimmen oder mindestens zu tauchen. Dies dürfte der Grund sein, daß, nach übereinstimmenden Beobachtungen, die alten Weibchen hier, nach Art der Ohrenrobben, wochenlang am Lande bei ihren Jungen verweilen und diese erst nach und nach an das Wasser gewöhnt, beziehentlich zum Schwimmen angelernt werden. Zu diesem Behufe führen sie die Alten zunächst in kleine und schmale Teiche zwischen dem Eise und erst später, nachdem sie hier heimisch geworden sind und ihr Kleid abgeworfen haben, in das hohe Meer. Bei ihrem raschen Wachstum haben sie um diese Zeit schon eine beträchtliche Größe und die Fähigkeit erlangt, ihre Nahrung selbst zu erbeuten. Sie befassen sich nunmehr, anfänglich immer noch unter Leitung der Mutter, mit dem Fange der verschiedenen Tiere, die ihnen zur Nahrung dienen, und nehmen binnen kürzester Frist gänzlich die Lebensweise aller Robben an.

Höchstwahrscheinlich fressen die jungen Seehunde anfänglich Fische nicht, sondern nähren sich ausschließlich von Krebs- und andern niederen Seetieren, namentlich auch verschiedenen Muscheln, die die alten ebenfalls nicht verschmähen. Nach Browns Untersuchungen leben in den grönländischen Gewässern fast alle dort vorkommenden Seehunde je nach der Jahreszeit von sehr verschiedenen Seetieren, indem sie sich einfach diejenigen Monate zunutze machen, in denen die eine oder andere Art ihrer Beute in größerer Menge sich zeigt. Während der Sommermonate bilden allerlei Krebsarten, die jetzt die nördlichen Meere mit ihrer Menge erfüllen, insbesondere die überaus häufigen, vielartigen Garnelen, die bevorzugte Nahrung der Seehunde, wogegen diese zu andern Zeiten fast ebenso ausschließlich aus Fische jagen. Wie man am besten aus ihren Kothaufen erkennt, verzehren einzelne Robbenarten jederzeit nebenbei weichschalige Muscheln. Unter den Fischen wählen sie sich mit einer gewissen Leckerhaftigkeit, die ihrem Geschmacke zur Ehre gereicht, möglichst diejenigen Arten aus, die auch wir als vortreffliche Speisefische ansehen, insbesondere also Lachse, Dorsche, Heringe und verschiedenartige Schollen, verschmähen dagegen alle Fischarten, die reich an Gräten sind. Notgedrungen fressen sie, wie unsere Gefangenen beweisen, auch Flußfische, halten sich aber, wenn man ihnen ausschließlich solche reicht, immer nur kurze Zeit in Gefangenschaft, während sie, wenn sie mit Seefischen gefüttert werden, viele Jahre lang ausdauern. Eine Folge ihrer Fischnahrung ist, daß sie von Eingeweidewürmern arg heimgesucht werden und an den von diesen Schmarotzern herrührenden Zerstörungen ihrer Eingeweide nicht allzuselten sterben. Nach Browns Beobachtungen nehmen sie im Meere dann und wann auch einen schwimmenden Vogel weg; nach meinen Erfahrungen tun sie dies in Gefangenschaft nicht, weisen sogar das Fleisch abgehäuteter Vögel mit demselben Widerwillen von sich wie das unserer Haussäugetiere, weshalb es sehr schwer hält, sie an solches zu gewöhnen. Wie alle Fischfresser bedürfen sie eine erstaunliche Menge von Nahrung, wenn sie erwachsen sind, mindestens fünf Kilogramm Fische täglich, zeigen sich aber auch dann noch immer hungrig oder doch geneigt, sofort nach gehaltener Mahlzeit annähernd dieselbe Menge von Futter zu verschlingen.

Für die nordischen Völkerschaften sind die Seehunde die wichtigsten aller Tiere. Dem Grönländer ermöglichen die Robben das Leben; er nützt jeden Teil ihres Leibes. Jedoch auch wir Europäer wissen das glatte, schöne, wasserdichte Fell wohl zu schätzen und den Tran, ja selbst das Fleisch zu würdigen. Kein Wunder daher, daß die Seehunde eigentlich in allen Meeren aufs eifrigste verfolgt werden. Man verfährt dabei in der abscheulichsten Weise; denn man führt ohne Erbarmen, ohne Schonung einen unnötig grausamen Vernichtungskampf gegen die Tiere. Die Robbenjagd ist und bleibt eine gemeine Schlächterei, namentlich wenn sie von den gesitteten Europäern ausgeübt wird? denn die rohesten Völkerschaften des Nordens zeigen sich bei ihr viel menschlicher als jene. Jagd und Fang der Seehunde sind meist dasselbe; das Feuergewehr wenigstens wird selten, auf hoher See gar nicht angewandt, weil der getötete Seehund untergeht wie Blei. Anders ist es an bestimmten Lieblingsplätzen der Tiere am Strande. An der Ostküste der Insel Rügen befindet sich, wie Schilling erzählt, mehrere hundert Schritte von der äußersten Spitze des hohen Vorlandes ein Haufen Granitblöcke, der bei gewöhnlichem Wasserstande mehr als einen Meter über den Wasserspiegel emporragt. Auf diesem Risse liegen oft vierzig bis fünfzig Seehunde, sind aber gewitzigt genug, ein Boot nicht an sich herankommen zu lassen.

»Einer meiner Freunde«, erzählt Schilling, »der mir Gelegenheit verschaffen wollte, diese Tiere näher beobachten und zugleich jagen zu können, ließ auf jenem Riffe eine Tonne befestigen und dieselbe so stellen, daß ein Mann darin sitzen konnte. Nach Verlauf von acht Tagen hatte man Gewißheit erlangt, daß die Seehunde sich nicht mehr vor dem Anblicke der ausgesetzten Tonne scheuten und wie zuvor das Riff besuchten. Nun segelten wir, mit hinreichenden Lebensmitteln auf acht Tage versehen, nach der unbewohnten Küste, erbauten uns dort eine Hütte und fuhren von hier aus nach dem Riffe hinüber. Einer von uns Jägern saß beständig in der Tonne verborgen, der andere hielt sich inzwischen am Strande auf. Das Boot wurde immer weit entfernt. Der Anstand war höchst anziehend, aber auch sehr eigentümlich. Man kam sich in dem kleinen Räume des engen Fasses unendlich verlassen vor und hörte mit unheimlichen Gefühlen die Wogen rings um sich herum branden. Ich bedurfte einige Zeit, um die notwendige Ruhe wiederzufinden. Dann aber traten neue, nie gesehene Erscheinungen vor meine Augen. In einer Entfernung von ungefähr vierhundert Schritten tauchte aus dem Meere ein Seehund nach dem andern mit dem Kopfe über die Oberfläche auf. Ihre Anzahl wuchs von Minute zu Minute, und alle nahmen die Richtung nach meinem Riffe. Anfangs befürchtete ich, daß sie beim Näherkommen vor meinem aus der Tonne hervorragenden Kopfe sich scheuen und unsere Anstrengungen zunichte machen würden, und meine Furcht wuchs, als sie fast alle vor dem Steinhaufen senkrecht im Wasser sich emporstellten und mit ausgestrecktem Halse das Riff, die darauf befindliche Tonne und mich mit großer Neugier zu betrachten schienen. Doch wurde ich wegen meiner Befürchtung beruhigt, als ich bemerkte, daß sie bei ihrer beabsichtigten Landung sich gegenseitig drängten und bissen und besonders die größeren sich anstrengten, so schnell wie möglich auf das nahe Riff zu gelangen. Auch unter ihnen schien das Recht des Stärkeren zu herrschen; denn die größeren bissen und stießen die kleineren, die früher auf die flachen, bequemeren Steine gelangt waren, herunter, um letztere selbst in Besitz zu nehmen. Unter abscheulichem Gebrüll und Geblöke nahm die Gesellschaft nach und nach die vorderen größeren Granitblöcke ein. Immer neue Ankömmlinge krochen noch aus dem Wasser heraus, wurden jedoch von den ersteren, die sich bereits gelagert, nicht vorbeigelassen und mußten suchen, seitwärts vom Riffe das Feste zu gewinnen. Deshalb suchten sich einige in unmittelbarer Nähe meiner Tonne ein Lager.

Die Lage, in der ich mich befand, war äußerst sonderbar. Ich war gezwungen, mich ruhig und still, wie eine Bildsäule, zu verhalten, wenn ich mich meiner außergewöhnlichen Umgebung nicht verraten wollte. Das Schauspiel war mir aber auch so neu und so großartig, daß ich nicht imstande gewesen wäre, mein bereits angelegtes Gewehr auf ein ganz sicheres Ziel zu richten. Das Tosen des bewegten Meeres, das vielstimmige Gebrüll der Tiere betäubte das Ohr, die große Anzahl der in unruhigen, höchst eigentümlichen Bewegungen begriffenen größeren und kleineren Seehunde erfüllten das Auge mit Staunen. Wie von einem Zauber erfaßt ließ mich ein wundersames Gefühl lange zu keinem Entschluß kommen, und zwar um so weniger, da mir zu viel daran lag, diese außerordentliche Naturerscheinung in solcher Nähe beobachten zu können, als daß ich sie durch voreiliges Schießen mir selbst hätte rauben mögen. Endlich, nach langer Zeit solches eigenen und sicherlich seltenen Genusses der Beobachtung, kam mir das Bedenken, daß mein Freund, der am gegenseitigen Ufer die Anwesenheit der Seehunde durch sein Fernrohr wahrnehmen mußte, ein Notzeichen geben und so die ganze Gesellschaft verscheuchen könne, aus Besorgnis, daß mir ein Unfall begegne, so daß ich daran denken muhte, meinen Anstand zu beenden. Die mich umgebenden Tiere waren zum Teil auch zu einiger Ruhe gekommen, und außer dem fortdauernden Gebrüll fanden nur von einzelnen noch gegenseitige Angriffe statt, – ob aus Feindschaft oder Zärtlichkeit, vermochte ich nicht zu bestimmen. Da ersah ich mir einen der größten Seehunde, der vor mir auf einem mächtigen Granitblock in der behaglichsten Ruhe dahingestreckt lag, zu meinem Ziel, und der gutgerichtete Schuh auf die Seite seines Kopfes traf mein Wild so sicher und tödlich, daß das Kind des Meeres keine Kraft mehr besaß, von seinem Lager sich herabzuschwingen. Den zweiten Schutz empfing sein Nachbar, der ebenfalls nach wenigen Zuckungen leblos aus seinem Stein liegenblieb.

Die übrigen Seehunde gerieten erst nach dem zweiten Schuß in eine allgemeine, hastige Bewegung und glitten hierauf mit großer Behendigkeit in das nahe Wasser; der erste Knall schien sie nur in Erstaunen gesetzt zu haben. Während das herbeigerufene Boot sich aufmachte, um mich und meine Beute abzuholen, hatte ich Zeit, Betrachtungen über das Betragen der geflüchteten Seehunde anzustellen. Sie setzten ihre Flucht nicht eben weit fort, sondern kamen in einer Entfernung von wenigen hundert Schritten oftmals über der Oberfläche zum Vorschein, näherten sich dem Risse sogar, so daß es schien, als ob sie dort wieder landen wollten. Die endliche Annäherung des Fahrzeugs verscheuchte sie jedoch, und sie zogen sich weiter in die See hinaus. Nunmehr nahm mein Freund den Sitz auf dem Riffe ein, und ich segelte mit dem Boote und den beiden erlegten Tieren nach unserm Versteck hinüber. Etwa zwei Stunden verflossen, ehe die Seehunde wieder erschienen. Zu meiner Freude bemerkte ich nach Ablauf dieser Zeit mit meinem Fernrohre, daß sie in ziemlicher Anzahl dem Riffe sich näherten und einzelne bereits Besitz von den äußersten Steinen genommen hatten. Nicht viel später erfolgten rasch aufeinander zwei Schüsse, und wir erhielten das Zeichen, das uns hinüberforderte. Als wir ankamen, sahen wir einen der größten Seehunde auf einem Steinblock tot hingestreckt. Einem zweiten gleichfalls getroffenen war es gelungen, in das Wasser zu entkommen; wir fanden ihn jedoch am andern Morgen tot am gegenüberliegenden Strande.«

Manchmal gelingt es, laut Schilling, auch vom Schiffe aus nach Seehunden zu feuern, wenn man in einem kleinen Boot mit halbem Wind lautlos an die auf Steinen schlafenden Tiere heransegelt. Bei anhaltendem Frostwetter ist die Jagd auf dem Eis zuweilen ergiebig, niemals aber zuverlässig und stets gefährlich. Wenn auch die Strömungen der Ostsee zugefroren sind, halten die Seehunde hier künstliche Löcher im Eis offen, um durch dieselben mit der äußeren Luft in Verbindung zu bleiben und durch sie hindurch auf das Eis zu kriechen und dort zu schlafen. Jeder Seehund bildet sich gewöhnlich eine solche Öffnung, manchmal aber auch einige zu seinem alleinigen Gebrauch. An diese Wuhnen schleicht man nachts mit Filzschuhen heran, um das Geräusch der Schritte zu dämpfen, muß aber sorgfältig auf Wind und Wetter achten und stets auf seiner Hut sein.

An der schwedischen Ostseeküste wird die Jagd regelmäßiger und häufiger, gewöhnlich aber nur mit der Harpune, seltener mit Kugelbüchsen betrieben. Von letzteren gebraucht man, wenn man sie anwendet, zwei Arten, die eine sehr kleinmündig und eine andere, die sehr große, schwere Kugeln auf weite Entfernungen schießt. Einzelne schwedische Seejäger richten sich Hunde ab, die auf dem Eis die Robben ausspüren und sie so lange beschäftigen, bis ihre Herren herbeikommen. Auf den Färöerinseln jagt man hauptsächlich während der Zeit, in der die Seehunde mit ihren Jungen auf dem Land verweilen. Man nennt die Orte, an denen die Tiere gebären, den Later und die Jagdmonate dem entsprechend die Laterzeit. Solch eine Jagd beschreibt Graba. »Als wir in die Bucht kamen, wurden wir sogleich von unzähligen Seehunden umringt, die uns mit neugierig emporgestreckten Köpfen anstarrten. Kein Schuß fiel, damit die auf den Klippen schlafenden nicht geweckt würden. Wir stiegen aus und schlichen uns einem Klumpen von Seehunden an, in dem man nicht unterscheiden konnte, wo Kopf oder Schwanz der einzelnen Tiere sei. Sobald es knallte, wälzte sich die glitzernde Masse in die See. Nun bestiegen wir unsere Fahrzeuge wieder und fuhren langsam in die Bucht hinein. Die ganze Schar der Seehunde, bestimmt über fünfzig an der Zahl, folgte uns, voller Neugier, zu sehen, was in dem Boot vorgehe. Bald tauchten sie unter, bald auf; kam einer zufällig ganz dicht bei dem Boote auf, und man erhob das Gewehr zum Schutz, so beeilte er sich mit großem Geplätscher, wieder unter die Oberfläche des Wassers zu kommen. Sobald ein Schuß fiel, verschwanden alle Köpfe, kamen aber sogleich wieder dicht bei uns empor. Es wurden alte, zweijährige und einjährige Meerhunde erlegt.

Nach Beobachtungen von altersher darf man nie über die Hälfte der auf dem Later befindlichen Tiere, besonders aber nicht alle Männchen, erschlagen. Sind drei Männchen auf dem Later, so kann man den größten und kleinsten töten; den, der in der Mitte steht, muß man am Leben lassen. Von den Weibchen, »Apner« genannt, erlegt man die fettesten; neugeborene Junge und deren Mütter bleiben am Leben. In den Latern, wo man eine Laterne braucht, blendet und verwirrt der unvermutete Anblick des Lichtes die Seehunde, in den Latern hingegen, deren Öffnungen das Tageslicht nicht gänzlich verdecken, sehen die Seehunde besser als die Leute, und dann hört man bei der Ankunft des Bootes ein starkes Brüllen und Brummen. Der größte Brimmil (wahrscheinlich Brummer), der deswegen auch Latu-Verjar (Verteidiger des Later) genannt wird, erhebt sich sogleich, will den Leuten den Eingang verwehren und springt vor ihnen mit geöffnetem Rachen auf den Klippen vor- und rückwärts. Da der Seehund höher steht und den ersten Mann überragt, so glückt es diesem selten, ihn zu erschlagen, falls er nicht zurückspringt und jenem zur Seite oder in den Rücken kommt. Das Richtigste ist, wenn der Vordermann dem Seehund die erhobene Keule entgegenhält, sollte dieser ihm auch die Vordertatzen auf die Schultern legen; währenddessen achtet der Latu-Verjar nicht auf den Hintermann, der ihm den Schlag gibt. Kann der Seehund den Schlag mit dem Maule auffangen, so ist kein Mensch so stark, ihm die Keule zu entreißen oder zu entwinden. Wird der Latu-Verjar mehrere Male getroffen und entkommt dennoch, so verläßt er diesen Later und begibt sich nach andern Höhlen, was die Ursache sein soll, daß so viele Later jetzt verlassen sind. Handfeste Leute sagen, daß sie ebensogern gegen einen erbosten Stier angehen wollen wie gegen einen Latu-Verjar, besonders, wenn der zweite Mann dem ersten nicht schnell genug folgen kann. Mittelgroße Seehunde scheinen Nebenbuhler des Latu-Verjar zu sein, die, wenn sie geschont werden, den Later bestimmt wieder besuchen, ja sogar fremde Weibchen mit sich bringen. Ist das Junge so groß, daß die Mutter es bei dem Lärm, den die Ankunft des Bootes verursacht, in die See stoßen kann, so tut sie es und sucht mit ihm zu entkommen. Ist dies nicht der Fall, so bleibt sie bei dem Jungen oder kehrt doch gleich zu demselben zurück, falls sie es auch im ersten Augenblick verlassen haben sollte, so daß man die Jungen befühlen kann, ob sie fett sind, ohne daß sie von der Stelle wichen, es sei denn, daß man sie durch Geschrei und Lärm wegschrecke.«

Alle Seehunde sind ungemein zählebig und bleiben nur dann auf dem Platz liegen, wenn eine Kugel in das Innere des Gehirns eindringt oder das Herz trifft. Ein Schlag auf die Nase betäubt sie zwar, tötet sie jedoch nicht, und es ist deshalb bei allen noch nicht gänzlich vertierten Robbenschlägern üblich, ihnen, nachdem man sie ihres Felles und der Fettschicht beraubt hat, noch mehrere Male hintereinander das Messer in das Herz zu stoßen, um sich von ihrem Tode zu vergewissern. Wie Brown bemerkt, hat man mehrmals erfahren müssen, daß abgehäutete und ins Meer geworfene Seehunde hier noch Schwimmbewegungen ausführten, und obschon diese wohl nur eine Folge der letzten Muskelzuckungen waren, infolgedessen es sich zur Regel gemacht, in der angegebenen Weise zu verfahren.

Außer dem Menschen haben die Seehunde einen schrecklichen Feind in dem Butskopf ( Oroinus orca), den die Grönländer und Normannen »Herr der Seehunde« nennen. Vor diesem Wale sieht man alle kleineren Robben sich in höchster Angst flüchten. Gejagt von dem gefräßigen Ungeheuer, springen sie in rasch sich folgenden Sätzen hoch über das Wasser empor, wenden alle Schwimm- und Taucherkünste an, versuchen, kleine Meerengen und seichte Stellen zu gewinnen, eilen aus das Land, überwinden in ihrer Todesnot selbst die Furcht vor dem Menschen, schwimmen und kriechen sogar, demütig wie Hunde, geradeswegs auf Robbenjäger zu, als hofften sie bei diesen, ihren schonungslosen Feinden, Schutz zu finden vor ihrem schonungslosesten Vertilger. Erreicht sie der ebenso gefräßige wie blutgierige Delphin, so sind sie, wie weiter unten gezeigt werden wird, rettungslos verloren. Auch der Eisbär verfolgt sie unablässig und weiß sich ihrer, wie wir schon oben sahen, recht geschickt zu bemächtigen. Jungen Seehunden werden auch wohl große Raubfische gefährlich.

Die nordischen Völkerschaften verbrauchen den ganzen Seehund, nicht bloß Tran und Fell, wie wir, und außerdem das Fleisch, wie die Schweden und Norweger. Die Gedärme werden gegessen oder, nachdem sie vorher höchst mühselig gereinigt und geglättet worden sind, zu Fenstern, Kleidern und Vorhängen verbraucht. Besonders hoch schätzt man ein aus denselben zusammengeflicktes Obergewand, den Kapisad oder Darmpelz der Grönländer, weil er das Wasser nicht durchläßt. Das mit Seewasser vermischte Blut wird gekocht und als Suppe oder, nachdem man es frieren ließ, als Leckerei genossen, auch nach dem Kochen in runde Kugeln geformt, an der Sonne getrocknet und für Zeiten der Not aufbewahrt. Die Rippen dienen als Spreithölzer für die Felle oder werden zu Nägeln verarbeitet; die Schulterblätter gebraucht man als Spaten; aus den Sehnen verfertigt man Zwirn usw. Felle, Tran und Fleisch bilden jedoch auch für die Grönländer den Hauptgewinn, den die Seehundsjagd abwirft. Die Felle stehen, weil sie zu Kleidungsstücken, insbesondere zu Frauenhosen verwendet werden, im hohen Norden in so großem Wert, daß man, laut Brown, einer jungen Grönländerin kein angenehmeres Geschenk als ein Seehundsfell verehren kann. »Ebenso wie der europäische Pyramus seiner Thisbe Juwelen und Schmucksachen bietet, bringt der nicht minder zärtliche Pingatock in Grönland der Geliebten die Früchte seiner Jagd in dem eisumstarrten Fjord in Gestalt eines Seehundes dar, der auch in den dänischen Niederlassungen mit drei bis vier Rigsdalern oder sieben bis neun Mark unseres Geldes bezahlt wird. Der hauptsächlichste Grund, der segel- und ruderkundige Grönländerinnen bewog, mit Admiral Grääh die denkwürdige Reise längs der östlichen Küste von Grönland zu unternehmen, war die Hoffnung, einige Seehundsfelle aus den höchsten Breiten zu gewinnen.« Selbst unter den Fischern der Orkneyinseln hat ein solches Fell, das hauptsächlich zu Westen verwendet wird, seinen Wert. Das Fleisch, seiner dunklen Färbung und seines wilden Geschmackes halber dem deutschen Gaumen nicht behagend, gilt schon unter den Schweden als schmackhaft und wird von allen nordischen Völkerschaften ebensogern gegessen wie das ihrer wenigen Haustiere, also dem Fischfleisch entschieden vorgezogen. Nur die Leber verschmäht man hier und da, weil man ihr giftige Eigenschaften zuschreibt, die sie in Wirklichkeit nicht besitzt. Aus dem Speck endlich kocht man einen sehr guten, leichtflüssigen Tran, der zuweilen mehr einbringt als Fell und Fleisch zusammengenommen.

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Gemeiner Seehund ( Phoca vitulina)

Die Robbe, deren Lebensbild dem Vorstehenden zur Grundlage gedient hat, ist der Seehund ( Phoca vituIina), Vertreter der gleichnamigen Sippe ( Phoca), ein in unsern deutschen Gewässern häufiges Tier. Die Länge des erwachsenen Tieres, von der Schnauze bis zur Schwanzspitze gemessen, schwankt zwischen 1,6 und 1,9 Meter, und zwar pflegen die Weibchen auffallenderweise größer zu sein als die Männchen. Der Kopf ist eirund, die Schnauze kurz, das Auge groß, dunkel und von klugem Ausdruck, das Ohr einzig und allein durch eine kleine dreieckige Erhöhung angezeigt, die mit steifen, etwas gewellten Schnurrborsten besetzte Oberlippe dick, aber sehr beweglich, der Hals kurz und dick, der Körper von der Schultergegend an bis zum Schwanz fast gleichförmig verschmächtigt, der Vorderfuß sehr kurz, der Hinterfuß breit und wohlentwickelt, der Schwanz wie immer ein kurzer Stummel. Das Haarkleid besteht aus steifen und glänzenden Grannenhaaren, die eine sehr spärliche Unterwolle bedecken; seine allgemeine Färbung ist ein gelbliches Grau; die Zeichnung wird gebildet durch unregelmäßige, aber über die ganze Oberseite verteilte, bräunliche bis schwarze, auf dem Kopf kleine rundliche und dicht stehende, auf dem Rücken verhältnismäßig große, mehr eckige und spärlicher austretende Flecken. Der Seehund verbreitet sich über alle nördlichen Teile des Atlantischen Weltmeeres, einschließlich des ganzen Eismeeres. Vom Meere aus steigt er zuweilen meilenweit in Flüssen empor und wird daher oft tief im Innern des Landes angetroffen. Im Süden seines Verbreitungsgebietes unternimmt er wahrscheinlich nur kurze Streifzüge, im Norden dagegen, wenn auch vielleicht nicht regelmäßig, ausgedehnte Wanderungen von einem Meeresteil zum andern.

 

Von den Seehunden unterscheidet sich die Sattelrobbe durch den längeren und schmäleren Kopf mit flacherer Stirne und gestreckterer Schnauze sowie den Bau der Hand, die kürzer als bei den Seehunden ist und eine andere Zehenbildung zeigt, indem hier nicht die erste Zehe die längste ist, sondern die zweite alle übrigen überragt. Die Sattelrobbe ( Phoca groenlandica) erreicht kaum die Größe des Seehundes, da die Länge des Männchens nur in seltenen Fällen 1,9 Meter beträgt und gewöhnlich merklich hinter diesen Maßen zurückbleibt. Die Färbung des dichten, kurzen, groben, glatt anliegenden und glänzenden Felles, dem die Unterwolle gänzlich fehlt, unterscheidet sich nicht allein je nach dem Geschlechte, sondern auch nach dem Alter. Beim alten Männchen ist ein bald lichteres, bald dunkleres lohfarbenes Grau, das zuweilen in das Stroh- oder Ledergelbe, zuweilen in das Rötlichbraune übergeht, die vorherrschende Färbung der Oberseite, wogegen Brust und Bauch eine verschossene, rostigsilbergraue Färbung zeigen; hiervon heben sich das dunkelschokoladen- bis schwarzbraun gefärbte Vordergesicht, Stirne, Wangen und Schnauze in sich begreifend, und ebenso die mehr oder weniger scharf begrenzte und dunklere, länglich Hufeisen- oder leierförmige Rückenzeichnung lebhaft ab. Diese Zeichnung, auf der sich der englische und deutsche Name begründet, beginnt unterhalb des Nackens, schweift seitlich und rückwärts aus, zieht sich längs der Seite bis zu den Hinterschenkeln hinab und wendet sich hier wieder etwas nach innen, zwei Spitzen gegeneinander kehrend. Bei einzelnen Stücken ist der Sattel bandartig schmal, bei andern merklich verbreitert, bei einzelnen auch wohl in der Mitte durch ein mehr oder minder scharf ausgesprochenes Querband verbunden, bei anderen erscheint er eben nur angedeutet. Das kleinere Weibchen unterscheidet sich auch in der Färbung so erheblich vom Männchen, daß man es als besondere Art angesehen und beschrieben hat. Seine vorherrschende Färbung ist ein düsteres Gelblichweiß oder Strohgelb, das auf dem Rücken bis zum Lohfarbenen dunkelt, aber bald mehr ins Rötliche, bald mehr ins Bläuliche und selbst ins Dunkelgraue spielt, und auf der Unterseite dieselbe Färbung wie beim Männchen zeigt; von der leierförmigen Rückenzeichnung bemerkt man nichts; höchstens finden sich an ihrer Stelle einzelne eiförmige dunkle Flecken in verschiedener Anzahl und Größe, die von dem gelblich- oder rötlichbraunen Grund sich abheben. Das schneeweiße Kleid der jungen Sattelrobben geht im Laufe mehrerer Jahre allmählich in das ihrer Eltern über.

Das Verbreitungsgebiet der Sattelrobbe beschränkt sich auf die höchsten Breitengrade des Nordens, reicht aber wahrscheinlich durch die Beringstraße bis an das nördliche Stille Weltmeer hinüber. Einzelne Stücke sind zwar wiederholt an den Küsten Lapplands und Norwegens und selbst Großbritanniens beobachtet worden, immer aber als verschlagene anzusehen, da die südliche Grenze des Verbreitungsgebietes kaum diesseits des 67. Breitengrades angenommen werden darf. Von hier aus nach Norden hin trifft man sie überall im Eismeer an, je nach der Jahreszeit aber bald in diesem, bald in jenem Teile desselben in besonderer Häufigkeit. Im Gegensatz zum Seehund meidet sie das feste Land und hält sich fast ausschließlich nur auf Eisblöcken auf. Hier sieht man sie oft in außerordentlicher Menge gelagert, zuweilen, soweit das bewaffnete Auge reicht, die Eisfelder bedeckend, Hunderte neben Hunderten, Tausende neben Tausenden; niemals aber begegnet man ihr weit entfernt vom Rande des Eises, vielmehr stets an den Rändern der kristallenen Decke, die der Winter alljährlich über einen großen Teil ihres heimischen Meeres breitet. Während der Fortpflanzungszeit sucht sie mit Vorsicht dicke Eisschollen auf, um ihre in der ersten Jugend unbehilflichen Jungen nicht zu gefährden. Mehr als die meisten Verwandten wird die Sattelrobbe durch die Wahl ihres Aufenthaltes zum Wandern gezwungen; mit dem im Sommer schmelzenden Eise zieht sie nach Norden, mit dem im Winter sich bildenden nach Süden; ebenso aber unternimmt sie auch Wanderungen in westlicher und östlicher Richtung. So verläßt sie die grönländischen Küsten zweimal im Laufe des Jahres, das erstemal im März, das zweitemal im Juli, wandert bis in die nördlichsten Teile der Davisstraße und erscheint im Mai wieder in sehr abgemagertem Zustand, treibt es wie zuvor, tritt eine neue Wanderung an und kehrt im September zurück, um den Winter an der grönländischen Küste zu verbringen. Die Frühlingswanderung entführt in der Regel sämtliche Stücke, wogegen bei der Herbstwanderung einzelne von ihnen zurückzubleiben pflegen, ohne daß man dafür einen Grund anzugeben vermöchte. Wie weit hinauf nach Norden sich die wandernden Tiere wenden, weiß man nicht, ebensowenig als es bis jetzt hat gelingen wollen, die tieferen Ursachen der Wanderungen zu ergründen. Sicherlich ist das zeitweilige Auftreten gewisser Seetiere, die ihnen zur Nahrung dienen, eine Hauptursache dafür. Das geht schon daraus hervor, daß die Sattelrobben das erstemal in außerordentlich magerem Zustand ankommen, wogegen sie beim zweiten Erscheinen im September feister sind als je; sie haben sich also offenbar in der Zwischenzeit reicher Beute erfreut und gemästet. Vielleicht hängen auch ihre Wanderungen mit der Fortpflanzungszeit zusammen.

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Auftauchende Kegelrobbe ( Halichoerus grypus)

Obwohl unsere Robbe in ihren Sitten und Gewohnheiten ihren Verwandten sehr ähnelt, unterscheidet sie sich doch namentlich durch ihre Bewegungen von ihnen. Ihr Gang ist gewissermaßen ein Mittelding zwischen dem Watscheln der Ohrenrobbe und dem Bauchkriechen des Seehundes, da sie, obschon in vielen Fällen ebenfalls nach Art des letzteren sich fördernd, beim Gehen regelmäßig die Vorderflossen zu Hilfe nimmt und als Gehfüße benutzt. Ihre Bewegungen im Wasser zeichnen sich durch eine überraschende Schnelligkeit und besondere Gewandtheit, insbesondere aber durch rasch nacheinander wiederholte Sprünge aus, die ihren ganzen Körper über das Wasser schleudern und die Seeleute berechtigen, sie »Springer« zu nennen. Newton glaubt, daß man die von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchenden Berichte über riesenhafte Seeschlangen , die Schiffer mit Bestimmtheit gesehen haben wollen, wohl auf sie zurückführen darf. Wie bereits oben bemerkt, ordnen sich die Gesellschaften, denen man auf hohem Meere begegnet, fast regelmäßig in einer geraden Linie, indem eine Sattelrobbe hinter der andern herschwimmt und alle einem Leittier folgen. Wenn nun das letztere, wie es gern zu tun pflegt, sich einmal um sich selbst dreht oder einen Luftsprung ausführt, der es über die Oberfläche des Wassers wirft, verfahren alle übrigen, wenn sie an derselben Stelle angekommen sind, genau in gleicher Weise. Der Gedanke an die Seeschlange drängte sich Newton mit unwiderstehlicher Gewalt auf, sooft er Sattelrobben dahinschwimmen sah, und es schien ihm durchaus begreiflich, daß jeder andere als ein gegen alle Romantik abgestumpfter Naturforscher fest überzeugt sein könne, in der vor seinen Augen dahinziehenden Schlangenlinie das vielbesprochene fabelhafte Ungeheuer des Meeres zu erkennen. Durch dieses spielende Treiben und seine wundervolle Beweglichkeit unterscheidet sich der Springer bestimmter noch als durch seinen eiförmigen Kopf von andern Verwandten. Hinsichtlich der Jagd und Nutzung der Sattelrobbe gilt dasselbe, was bei Schilderung des Seehundes bemerkt wurde. Für die Grönländer ist naturgemäß gerade sie von besonderer Bedeutung. Innerhalb der dänischen Niederlassungen in Grönland werden alljährlich etwa sechsunddreißigtausend Sattelrobben erbeutet, im übrigen Eismeer vielleicht die doppelte Anzahl, keineswegs aber so viele, daß der Bestand dieser Tiere dadurch in besorgniserregender Weise sich vermindern sollte. Eng an Phora, die Sippe der eben erwähnten Seehunde, schließt sich die von Brehm nicht erwähnte Sippe Halichoerus an. Zu ihr gehört die bekannte Kegelrobbe ( H. grypus). In Leben und Vorkommen ähnelt sie der Sattelrobbe, von der sie sich nur durch ihre bedeutendere Größe unterscheidet. Sie wird 2,4 bis 2,7 Meter lang. Herausgeber.

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Vertreter der Sippe der Mützenrobben ( Cystophora) ist die Klappmütze der Robbenschläger ( Cystophora cristata), eine der größten Robben des Eismeeres, vor allem kenntlich an einer Hautblase, die sich von der Nase an über die ganze Schnauzendecke und den größten Teil des Oberkopfes erstreckt und willkürlich mit Luft gefüllt oder entleert werden kann, in ersterem Falle einen Schlauch von 25 Zentimeter Länge und 20 Zentimeter Höhe bildet und dann wie eine über den Vorderkopf gezogene Mütze aussieht, zugeklappt aber sich einem Kiel vergleichen läßt, der die Nase in zwei Teile scheidet. Alte und Junge tragen ein verschiedenes, die beiden Geschlechter ein übereinstimmendes, aus langen, etwas aufrechtstehenden Grannen- und dicken, pelzigen Wollhaaren gebildetes Kleid, das in der Regel auf der oberen Seite dunkelnußbraun oder schwarz gefärbt und mit größeren oder kleineren, runden oder eiförmigen Flecken von noch tieferer Farbe gezeichnet, unten aber dunkelgrau oder rostigsilberfarben gefärbt und fleckenlos ist; Kopf und Flossen sind dunkler als der übrige Leib; die von der Mütze bedeckte Stelle des Kopfes und die Flossen haben gewöhnlich dieselbe Färbung wie die dunklen Flecken des Felles. Ausgewachsene Männchen erreichen eine Länge von 2,3 bis 2,5 Meter; die Weibchen, denen die Hautblase fehlt, bleiben merklich hinter diesen Maßen zurück. Unter den Seehunden des Nördlichen Eismeeres scheint die Klappmütze ein wenig ausgedehntes Gebiet zu bewohnen und innerhalb desselben nirgends in großer Menge aufzutreten. Wie Fabricius berichtet und Brown bestätigt, ist sie in der Nähe von Grönland und Neufundland am häufigsten, an der Westküste von Island und in Finnmarken seltener, weiter im Süden ein nur dann und wann erscheinender, wohl verirrter Gast. Massenhaft findet man sie nirgends, kann sie nicht einmal irgendwo als gemeines Tier bezeichnen. An den Küsten Grönlands trifft man sie hauptsächlich in der Nähe großer Eisfelder an, die ihr überhaupt weit öfter als das Land zum Ruhe- und Schlafplatz dienen. Auch sie unternimmt Wanderungen, die sie weit von den Küsten entfernen und bis in die nördlichsten Teile des Eismeeres führen, wird daher an ihren gewöhnlichen und bekannten Aufenthaltsorten nur zu gewissen Zeiten des Jahres beobachtet.

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Klappmütze ( Crystophera cristata)

Nach übereinstimmenden Angaben verschiedener Berichterstatter ist die Mützenrobbe einer der mutigsten und kampflustigsten aller Seehunde, ihre Jagd deshalb nicht immer ungefährlich. Brown bezeichnet sie als den Löwen der nördlichen Meere, der das Reich der Polargewässer nur mit dem mächtigen Walroß teilt. Anstatt bei Ankunft des Robbenschlägers zu fliehen, erwartet sie ebensowohl die drohende Gefahr, bereitet sich zur Abwehr, indem sie sich nach dem Mittelpunkt der von ihr aufgesuchten Eisscholle begibt, bläst ihren Hautsack auf, schnaubt wie ein wütender Stier, brüllt und stürzt sich, nicht selten mit Erfolg, auf ihren Gegner los, schlägt diesem mittels ihrer Flossen die Keule aus der Hand und zwingt den wehrlos gewordenen Jäger zur Flucht, rutscht und humpelt auch dann noch hinter ihm drein, so gut ihre Befähigung dies gestattet. Gefährlicher als ein solches Zusammentreffen auf dem Eise ist die Jagd, wie sie von kleinen Booten aus betrieben Wird, weil die angeworfene Mützenrobbe sich nicht allzuselten auf das Boot stürzt und den in ihm sitzenden Mann zu beißen sucht, ganz abgesehen davon, daß sie das leichte Fahrzeug, mit dem sie durch die Leine des Wurfspießes verbunden wurde, wie einen Ball hin und her schleudert. Aus diesem Grunde wagen es nur die erfahrensten grönländischen Robbenschläger, sie im Kajak anzugreifen, und man zieht es im allgemeinen vor, sie auf dem Eise aufzusuchen und die sich etwa zur Wehr stellenden durch einen Kugelschuß in den Kopf zu fällen. In Grönland oder im Norden überhaupt nutzt man die Mützenrobbe in derselben Weise wie ihre Verwandten.

 

Dampier war der erste Forscher, der uns Anfang des vorigen Jahrhunderts mit dem südlichen Vertreter der Klappmütze, der Elefantenrobbe, bekannt machte. Diese von einzelnen Schiffern auch wohl »Meerwolf« genannte Robbe ( Cystophora proboscidea) unterscheidet sich von der Klappmütze durch die eigentümliche rüsselartige Verlängerung der Nase alter Männchen, die dem Tiere zu seinem sehr passenden Namen verholfen hat, sowie durch die verkümmerten Krallen der Vorderfüße. Hinsichtlich der Gestalt im allgemeinen mit den übrigen Robben übereinstimmend, übertrifft diese Robbe doch alle an Größe; ihre Länge kann nach Scammon in der Tat bis zu sieben Meter ansteigen, obgleich sie in den meisten Fällen nicht mehr als fünf Meter beträgt. Das Weibchen erreicht die Hälfte der angegebenen Länge, aber noch nicht einmal ein Drittel des Gewichts, das bei alten Männchen auf mehr als fünftausend Kilogramm geschätzt wird. Die Färbung des ausschließlich aus kurzen, straffen, ziemlich steifen und glänzenden, aber nicht glatt anliegenden Grannen bestehenden Haarkleides ändert nicht allein je nach Alter und Geschlecht, sondern auch nach der Jahreszeit ab. Unmittelbar nach der Härung herrscht ein bläuliches Grau, ähnlich der Hautfärbung des Elefanten, vor; später, wenn das Haar seine volle Länge erreicht hat, geht diese Färbung in Lichtbraun über. Die Unterseite ist immer Heller als die obere, dieser jederzeit aber ähnlich gefärbt. Das Verbreitungsgebiet der Elefantenrobbe umfaßt den südlichen Teil des Stillen Weltmeeres einschließlich des südlichen Indischen Meeres, reicht aber in ersterem über die durchschnittlichen Grenzen hinaus, da sie auch an der Küste von Kalifornien gefunden wird.

In ihrer Lebensweise erinnert die Elefantenrobbe an die Seebären und Seelöwen. Auch sie unternimmt alljährlich Wanderungen. In Patagonien kommen diese Robben im September und Oktober, oft schon im Juni, scharenweise an und reisen Ende Dezember wieder in südlicher Richtung ab.

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Elefantenrobbe ( Cystophera proboscidea)

Der Mensch stellt dem Seeelefanten überall nach, wo er ihn findet. Früher waren diese Robben auf ihren wüsten Inseln vor allen Feinden sicher; seitdem aber der europäische Robbenschläger ihnen nachzieht, nehmen sie sehr schnell ab. Die Wilden, die bloß durch Sturm auf das Festland geworfene Rüsselrobben erlegen konnten, bedienten sich brennender Fackeln und stießen ihnen diese, sobald sie das Maul aufsperrten, in den Rachen, bis sie erstickt waren; ein jeder riß ein Stück ab und man aß und schlief so lange, als etwas vorhanden war. Die feindlichsten Stämme verhielten sich friedlich in der Nähe eines derartigen Aases; sobald aber die ekelhaften Gelage ihr Ende erreichten, begannen die gegenseitigen Beleidigungen und die mörderischen Gefechte von neuem.

siehe Bildunterschrift

Elefantenrobbe ( Cystophera proboscidea)

Die Robbenschläger hausen in fürchterlicher Weise unter den wehrlosen Geschöpfen. »Um zwölf Uhr mittags«, berichtet Coreal, »ging ich mit vierzig Mann ans Land. Wir umringten die Meerwölfe, und in einer halben Stunde hatten wir vierhundert von ihnen erschlagen.« Mortimers Leute töteten binnen acht Tagen an zwölfhundert Elefantenrobben, hätten aber leicht einige tausend erbeutet, wenn sie die Schlächterei fortgesetzt haben würden. Diese Angaben gelten für Jagden, die anfangs unseres Jahrhunderts angestellt wurden; gegenwärtig sind die Tiere schon derart zusammengeschmolzen, daß ein Schiffer froh ist, wenn er auf seiner ganzen Reise ein- bis zweihundert Rüsselrobben zusammenbringt. Um auf sichere Beute rechnen zu können, muß man die einsamen Inseln an der südlichen Grenze des Verbreitungsgebietes aufsuchen und daselbst monate-, ja sogar jahrelang verweilen. Die Ufer dieser von Menschen nicht bewohnten Inseln, unter denen die Kerguelen als der wichtigste aller Fangplätze gelten, starren von wild zerbrochenen, teilweise unter Wasser versteckten Felsenmassen, die die Landung erschweren, auf weite Strecken hin auch dem kleinsten Schiff nirgends gestatten, zwischen ihnen mit Sicherheit zu ankern und die im Boot landenden Robbenschläger selbst beim ruhigsten Wetter zwingen, in das Wasser zu springen und das Boot festzuhalten, damit es nicht gegen die Felsen geschleudert werde. Eine wütende Brandung umtobt jederzeit die eisigen, felsenstarrenden Küsten und überschüttet sie bei jeder Brise bis zu einer bedeutenden Höhe mit ihrem Schwalle. Nur die furchtlosesten und unternehmendsten Leute, Männer, die eine lange Erfahrung im Walfange oder der Robbenschlägerei hinter sich haben, lassen sich zu solcher Jagd anwerben und gebrauchen.

Zur Jagd der Seeelefanten bedient man sich schwerer Keulen und etwa fünf Meter langer Lanzen mit starken, langen, vorn spatelförmig verbreiterten, aber scharfen Spitzen. So ausgerüstet und außerdem mit schweren Hinterladern versehen, versucht man zwischen die gelandete Herde und das Wasser zu gelangen, verursacht hierauf durch Schreien, Schießen und sonstiges Lautgeben einen möglichst tollen Lärm und bewegt sich, Gewehre, Keulen und Lanzen schwingend, langsam auf die Herde zu, die, erschreckt durch das ungewohnte Getöse, in der Regel sich zurückzieht. Sollte, wie es nicht selten geschieht, ein Männchen sich zur Wehr setzen oder durch die Linie zu brechen suchen, so endet eine ihm in das Hirn gejagte Kugel sein Leben, oder eine in das Maul gestoßene Lanze hält es auf und zwingt es, auf den hinteren Teil seines Leibes sich niederzulassen, worauf zwei Mann mit ihren schweren eichenen Keulen herbeieilen und es durch wiederholte Schläge auf den Kopf betäuben oder töten. Nachdem alle kampflustigen Männchen abgetan worden sind, wendet man sich mit voller Macht der gesamten Herde zu. Bei Beginn des Angriffs schreit die ganze Herde laut auf, bald aber schweigt angsterfüllt die ganze Gesellschaft und läßt das unvermeidliche Geschick willenlos über sich ergehen. Kein Seeelefant steht dem andern bei in der Stunde der Gefahr, und nur die wenigsten von ihnen denken überhaupt an Verteidigung; die Weibchen namentlich wehren sich nie, sondern fliehen und blicken, wenn man ihnen den Rückweg versperrt, verzweiflungsvoll und mit tränenden Augen um sich.

Unmittelbar nach der Niedermetzelung beginnt das Ausschlachten der Tiere. Mit einem scharfen Messer wird das Fell längs der ganzen Oberseite des Körpers aufgeschlitzt und soweit als tunlich nach beiden Seiten hin abgestreift, hierauf die zwischen 2 bis 16 Zentimeter dicke Speckschicht abgeschält und in größere Stücke von 20 bis 40 Zentimeter Länge und halb soviel Breite zerschnitten, jedes einzelne mit einem Loch versehen und vorläufig mittels eines starken Strickes zusammengebunden. Nachdem man den oberen Teil abgestreift hat, dreht man das Tier um und verfährt in gleicher Weise wie vorher, das Fell immer als Schlachtmulde benutzend. Die ihres Speckes und der Haut beraubten Leichname werden in das Meer geworfen, um den Strand nicht zu verpesten, die verschiedenen Speckbündel zusammengeschnürt, an starke Taue befestigt und mittels derselben nach dem Schiff geschleppt, woselbst man sie zerkleinert und in besonderen Kesseln ausschmilzt, um eine ölige Flüssigkeit zu erhalten, die ihrer außerordentlichen Reinheit und Güte halber weit mehr als Walfischtran geschätzt, hoch bezahlt und hauptsächlich zum Brennen in Lampen verwendet wird. Die kurzhaarige, steife Haut liefert vortreffliche Überzüge großer Koffer und ebenso Pferde- und Kutschengeschirre, würde aber noch viel ausgedehntere Verwendung finden, wenn die größten Felle wegen der vielen Narben nicht auch die schlechtesten wären. Doch kommt die Haut dem Speck gegenüber kaum in Betracht. Ein großes Tier kann sieben- bis achthundert Kilogramm und dann einen sehr bedeutenden Ertrag liefern. Dieser zu allen Mühen der Jagd unverhältnismäßige Gewinn führt die Seeelefanten ihrem sicheren Untergange entgegen.

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Die letzte Familie der Ordnung ( Trichechidae) besteht nur aus einer einzigen Sippe ( Trichechus) und Art, dem Walroß oder »Rosmar« der norwegischen Robbenschläger ( Trichechus rosmarus), wohl der ungeheuerlichsten aller Robben. Vollkommen erwachsen, erreicht dieses gewaltige Tier eine Länge von 6 bis 7 Meter bei einem Gewicht von 1000 bis 1500 Kilogramm, obschon gegenwärtig so große und schwere Stücke zu den Seltenheiten gehören. Wie bei den Seehunden ist der langgestreckte Leib in der Mitte am dicksten, spitzt sich jedoch von hier an nicht so stark nach hinten zu wie bei andern Robben. Aus diesem mächtigen Leibe ragen die Gliedmaßen wie große Lappen nach außen und unten hervor, so daß sowohl das Ellenbogen- wie das Kniegelenk zu erkennen ist. Alle Füße haben fünf Zehen und diese kurze, stumpfe Krallen, die hinter jeder Zehenspitze liegen. Der Schwanz erscheint als ein unbedeutender Hautlappen. Allein nicht der Leib, sondern der verhältnismäßig kleine, runde und durch zwei kugelig aufgetriebene Zahnhöhlen am Oberkiefer unförmlich verdickte Kopf kennzeichnet das Walroß. Die Schnauze ist sehr kurz, breit und stumpf, die Oberlippe fleischig, nach den Seiten zu bogig, die untere Lippe dagegen wulstig. Zu beiden Seiten der Schnauze stehen in Querreihen von schwankender Anzahl runde, abgeflachte, hornige, von vorn nach rückwärts an Länge zunehmende Schnurrborsten, von denen die stärksten Rabenkieldicke und sieben bis acht Zentimeter Länge haben. Die Nasenlöcher sind halbmondförmig, die weit zurückliegenden Augen klein, glänzend, durch vorragende Lider geschützt. Die Ohren, denen jede äußere Muschel fehlt, liegen weit hinten am Kopfe. Das Merkwürdigste ist das Gebiß. Am vorderen Teile der Schnauze verdrängen zwei ungeheure, 60 bis 80 Zentimeter lange Eckzähne, die weit aus dem Maul hervorragen, die sechs Vorder- und die zwei Eckzähne, die bei sehr jungen Tieren vorhanden sind. Schon in den ersten Lebenstagen des Walrosses fallen die unteren Schneidezähne aus, dann folgen die oberen, und nur die Eckzähne bilden sich fort; denn auch im Unterkiefer wird der erste bleibende als Eckzahn gedeutet, weil er durch seine Gestaltung von den übrigen Backenzähnen abweicht. Von letzteren besitzt das junge Walroß in jedem Oberkiefer vier oder fünf; es fallen jedoch die kleinsten hinteren zeitig aus, so daß bei sehr alten Tieren an der Innenseite des großen Stoßzahnes gewöhnlich nur noch zwei eigentliche Backenzähne und der äußere, in der Form übereinstimmende Schneidezahn vorhanden sind. Der Unterkiefer trägt in der Jugend vier Backenzähne, von denen der letzte, kleinste ebenfalls früh verschwindet. Die gewöhnlich nach außen und etwas nach innen gekrümmten Stoßzähne sind anfangs hohl, füllen sich aber bei zunehmendem Alter bis zur Wurzel aus. Die Wirbelsäule besteht aus sieben sehr beweglichen Halswirbeln, vierzehn Rücken-, sechs Lenden-, vier Kreuzbein- und acht bis neun Schwanzwirbeln. Neun wahre und fünf falsche Rippen umschließen die Brust. Das Schulterblatt ist schmal, die Arm- und Schenkelknochen aber sind sehr stark und kurz. Das Weibchen trägt vier Zitzen in den Weichen. Die fast gänzlich nackte, sehr dicke Haut ist nicht allein faltig, sondern förmlich knorrig, zeigt auch häufig aussatzähnliche Erhöhungen, die vielleicht nichts anderes sind als Narben, herrührend von Kämpfen zwischen zwei Walrossen selbst oder solchen mit dem Eisbären, ihrem Hauptfeinde, oder endlich von Schrammen, die scharfe Eiskanten eingeritzt haben. Ein mehr oder minder lebhaftes Leder- oder Hautbraun ist die vorherrschende Färbung der Alten wie der Jungen, obwohl man bei ersteren nicht selten bemerkt, daß das Braun einigermaßen in Grau übergeht. Nach Browns Untersuchungen vieler Walrosse beiderlei Geschlechtes und aller Altersstufen gleicht das Weibchen dem Männchen und das Junge beiden Alten.

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Walroß ( Odobaenus rosmarus)

Wir kennen das Walroß seit Jahrhunderten durch Bild und Wort, aber freilich weder in seiner wahren Gestalt, noch hinsichtlich seiner Lebensweise. Die alten Bilder, mit denen uns Geßner, Olaus Magnus, Martens und Buffon beglückt haben, sind entweder Ausgeburten einer mehr als lebhaften Einbildungskraft oder erbärmliche Darstellungen zusammengedorrter Häute. Einzelne dieser Abbildungen, namentlich das »Seeroß« und die »Seekuh« Geßners, das »ungeheuerliche Schwein des deutschen Meeres« von Olaus Magnus, sind wahrhaft ergötzliche Erzeugnisse der damaligen glaubensstarken Zeit, und selbst die offenbar nach getrockneten Häuten gezeichneten Abbildungen, ja sogar das in Buffons Werk befindliche Bild ermöglichen kaum eine Vorstellung des betreffenden Tieres. Gleichwohl findet sich schon lange vor Buffon und Martens eine von Hessel nach dem Leben gezeichnete, im Jahre 1613 veröffentlichte Abbildung, die unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse wenig oder nichts zu wünschen übrig läßt und heutigestags noch manchen Abbildungen, beispielsweise der von Pöppig aufgenommenen und von Giebel noch im Jahre 1859 anstandslos nachgedruckten Zeichnung, unbedingt vorgezogen werden muß. Den Bildern entsprechen die Beschreibungen der älteren Berichterstatter, die ebenfalls weit zurückreichen. Bereits Albertus Magnus gibt eine mit vielen Sagen und Märchen gewürzte Beschreibung, der Olaus Magnus dreißig Jahre später kaum noch etwas hinzuzufügen weiß. Der erstere sagt, daß in den nordischen Meeren ein großer Walfischelefant lebe, der zwei bis drei Fuß lange, nach unten gerichtete Hauzähne habe, mit denen er sich an die Felsen hänge, um sich emporzuhelfen, und die er auch zum Kampfe zu benutzen wisse. Die Fischer nähern sich dem schlafenden Tier, lösen am Schwanz das Fell vom Speck ab, stecken ein Seil durch, binden dieses an einen Felsblock und werfen nun mit Steinen nach dem Tier. Wenn es entfliehen will, zieht es das Fell über Schnauze und Kopf und läßt es liegen und stürzt ins Meer, wo es jedoch bald schwach und halb leblos gefunden wird. Aus seinem Leder verfertigt man Riemen, die auf dem Markte zu Köln beständig zu verkaufen sind. Claus Magnus gibt dem Walroß bereits den noch heute gültigen Namen » Mors« und erzählt, daß es mittels seiner Zähne auf die Gipfel der Felsen wie auf einer Leiter emporsteige und sich von der Höhe wieder ins Meer wälze, falls es nicht, vom Schlafe überrascht, an den Felsen hängen bleibe. Ein Bischof von Drontheim ließ den Kopf eines Walrosses einsalzen und sandte ihn im Jahre 1520 an den Papst Leo X. nach Rom. Dieser Kopf wurde in Straßburg abgebildet, und der alte Geßner hat nach ihm eine ziemlich richtige Beschreibung geliefert. Inzwischen gaben auch ein Russe und der Freiherr von Herberstain, der zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts kaiserlicher Gesandter in Moskau war, eine leidliche Beschreibung. Sie erwähnen z. B. schon, daß die Walroßherden Wachen ausstellen, daß die Tiere ihrer Zähne wegen verfolgt werden und daß aus diesen Zähnen die Türken, Tataren und Russen geschätzte Degen- und Dolchhefte verfertigen. Endlich liefert Martens aus Hamburg, der Ende des siebzehnten Jahrhunderts das Walroß im Eismeer selbst zu sehen bekam, einen guten und ausführlichen Bericht, und von nun an mehren sich die Beschreibungen und vervollständigt sich unsere Kenntnis des Tieres durch die genauen Schilderungen der Lebensweise und der Jagdzeiten, die wir Scoresby, Cook, Parry, Kane, Brown, Scammon und unsern deutschen Nordfahrern verdanken.

Wie so viele andere Tiere, ist auch das Walroß durch den Menschen allmählich weiter gegen den Nordpol hin gedrängt worden und vermag sich bloß da noch zu halten, wo nur in einzelnen Jahren zu überwindende Schwierigkeiten das Vordringen der Walschiffe hindern. Boethius führt das Walroß noch zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts als einen regelmäßigen Bewohner oder doch Besucher der schottischen Küsten auf, und spätere Berichte gedenken wiederholt verirrter Walrosse, die an den Küsten Norwegens oder Großbritanniens beobachtet wurden; Brown hält es sogar für möglich, daß die etwas fabelhaften »Seerosse« und »Seekühe«, die dann und wann die Fischer der von wilder Brandung umtosten Küsten des nordwestlichen Schottland beobachtet haben wollen, aus hier noch heutigestags zuweilen sich zeigende Walrosse zurückzuführen sind, da solche erwiesenermaßen in den Jahren 1817 und 1825, ja sogar noch im Jahre 1857 an der Küste von Harris und aus den Orkneyinseln erlegt wurden. Für ein so schwimmfähiges Tier, wie das Walroß es ist, würde die verhältnismäßig kurze Seereise von Spitzbergen bis Finnmarken, Island, den Färöerinseln und Großbritannien wenig Schwierigkeiten bereiten, wäre es seiner Nahrung halber nicht mehr als alle übrigen Ordnungsgenossen an die Küsten gebunden. Dementsprechend gehört ein Überschreiten seiner heutigen Verbreitungsgrenzen zu den Seltenheiten, und ebenso steht es im Einklänge mit seiner geringen Wanderlust, daß es überall, wo es ausgerottet wurde, für immer verschwindet. Gegenwärtig, zerfällt der Verbreitungskreis nicht allein in eine östliche und westliche Hälfte, sondern auch in verschiedene, oft auf weithin unterbrochene Aufenthaltsorte. Im allgemeinen kann man sagen, daß es in allen rings um den Nordpol gelegenen Gewässern noch heutigestags vorkommt, keineswegs aber hier überall austritt. Man begegnet ihm während des ganzen Jahres in den nördlichen Teilen Ost- und Westgrönlands, in der Baffinsbai und allen mit ihr in Verbindung stehenden Straßen, Sunden und Buchten bis zur Beringstraße hin, die sein östliches und westliches Verbreitungsgebiet verbindet; ebenso findet es sich mit Bestimmtheit um Nowaja Semlja und Spitzbergen und wahrscheinlich längs der ganzen Nordküste Sibiriens. In der Beringstraße und im Beringmeer tritt es verhältnismäßig noch häufig auf, reicht hier auch weiter nach Süden herab als im Eismeer, da man es an den Küsten von Alaska und auf den Meuten ziemlich regelmäßig beobachtet. Vor wenigen Jahrzehnten traf man es innerhalb des umschriebenen Verbreitungsgebietes wenigstens hier und da noch in sehr bedeutender Anzahl, zuweilen in Herden von vielen Tausenden, deren Gewicht nach Versicherung der Robbenschläge und Jäger große, sonst hoch über das Wasser hervorragende Treibeismassen bis zur Oberfläche des letzteren herabdrückten; gegenwärtig sieht man nur unter sehr günstigen Umständen dann und wann Hunderte auf einer und derselben Stelle versammelt. Noch vor Wenigen Jahren gehörte es zu den zahlreichsten Trantieren Spitzbergens; heutzutage ist es, laut Heuglin, auch hier schon sehr selten geworden und seine gänzliche Ausrottung binnen kurzem mit Sicherheit zu erwarten.

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Junges Walroß ( Odobaenus rosmarus)

Im allgemeinen darf man das Walroß als entschiedenen Küstenbewohner ansehen, der soviel als möglich die hohe See meidet und, ganz gegen Art der Robben insgemein, ausgedehntere Reisen nur selten unternimmt. Alle Walfischfänger wissen, daß sie sich in nächster Nähe des Landes befinden, wenn sie Walrosse sehen; denn die Erfahrung hat sie belehrt, daß letztere wenigstens die Grenze des um die Inseln gelagerten festen oder angetriebenen Packeises nicht zu überschreiten pflegen. Unter Umständen entschließt es sich aber doch auch zu weitergehenden Wanderungen. So beobachtete James Mac Bain in der Nähe der Pondsbucht unermeßliche Herden, die dieselbe Straße zogen, wie ihnen wenige Tage vorher vorausgegangene Grönlandwale, und entschieden aus der Reise begriffen waren. Viele Stunden nacheinander schwammen sie vorüber, Tausende nach Tausenden, ohne zu rasten, ohne Nahrung zu nehmen, alle in derselben Richtung, dem Eingang des Lancastersundes zustrebend. Wenige Tage später war nicht ein einziges mehr zu sehen, ebensowenig als man vorher eins bemerkt oder auch nur ein Anzeichen seiner Gegenwart wahrgenommen hatte. Auch Heuglin erwähnt, Berichte der auf Spitzbergen überwinternden Jäger wiedergebend, daß man zur Zeit, wenn die Küsten gedachter Inselgruppe von festem Eise umschlossen sind, Walrosse nicht findet, sie vielmehr erst eintreffen, wenn das Eis bricht und durch Wind und Strömung weggetrieben wird. Tiefeinschneidende Meerbusen und Buchten meiden sie, wie die meisten übrigen Robben auch, und man begegnet ihnen daher auf Spitzbergen im Hochsommer und Spätherbst entweder auf gewissen Strandniederungen oder auf angetriebenen Eismassen längs der Küste. Auf einem günstigen Stand Pflegen sie ungestört lange Zeit zu verweilen, auch zu solchem immer wieder zurückzukehren, wenn sie durch das vordringende Eis genötigt worden waren, sich zeitweilig einen günstigeren Weidegrund auszusuchen.

Der erste Eindruck, den das Walroß auf den Menschen macht, ist kein günstiger. Die ältesten Seefahrer wie unsere heutigen Schiffer und Reisenden finden es gleich abschreckend und häßlich. Unsere Nordfahrer sagen, daß, wenn irgendeinem Tier der Name »Ungeheuer« gebühre, dieses Tier das Walroß sein müsse, ebenso was sein Aussehen als was seine dämonische Stimme und sein unangenehmes Wesen anlange. Schon der alte Martens, auf den sie offenbar einen sehr bedeutenden Eindruck gemacht haben, gibt ein im allgemeinen richtiges Lebensbild von ihnen. »Sie liegen«, sagt er, »auf dem Eis, unflätig wie Seehunde in großer Menge und brüllen erschröcklich. Sie schlaffen, daß sie schnarchen, nicht allein auff den Eisfeldern, sondern auch im Wasser, da man sie mannigmahl vor todt ansiehet. Sie seynd behertzte Thiere, stehen einander bei biß im Tode, und wenn einer verwundet wird, wie wohl die Menschen in den Slupen das Beste thun mit schlagen, stechen und hauen, tauchen die Wal-Rosse unter Wasser bei den Slupen, und schlagen mit den langen Zähnen unter Wasser Löcher darein, die anderen ungescheuet schwimmen hart auff die Slupen, und stehen mit dem halben Leib aus dem Wasser, und wollen zu den Slupen ein. So sie brüllen, und die Menschen es ihnen wieder also nachmachen, daß sie wie Ochsen brüllen, wil einer vor dem anderen der erste unter Wasser sein, und können Menge halber einander nicht weichen, deßwegen sie sich untereinander beissen, daß sie bluten, und klappern mit den Zähnen, andere wollen den gefangenen Wall-Roß bei der Slupen entsetzen, und wil einer vor dem anderen der erste dabei seyn, da geht es wieder an ein Beissen, Klappern der Zähne und schröckliches Brüllen, und weichen auch nicht, weil einer lebet, und so man ihnen umb der Menge weichen muß, solgen sie den Slupen nach, bis man sie aus dem Gesicht verlieret, weil wegen der Menge sie nicht so hart schwimmen können, und einer den anderen hindert, daß sie zu den Slupen nicht gelangen können, wie wirs erfahren vor dem Weihegat in Spitsbergen, da sie sich je länger je mehr versammelten, und die Slupen rinnend machten, daß wir ihnen weichen mußten, sie folgten uns so lange, als wir sie sehen konnten.« So kurz die Schilderung des alten Seefahrers ist, so trefflich kennzeichnet sie das Walroß. Kein einziger von den späteren Berichterstattern widerspricht Martens, und alle, auch die besten Beobachter, wissen ihm verhältnismäßig wenig hinzuzufügen. Das Leben der Morse scheint ein sehr einförmiges zu sein, vielleicht schon aus dem Grunde, weil die Erbeutung ihrer Nahrung ihnen weniger Mühe verursacht und weniger Zeit kostet als andern Robben. In kurze Worte zusammengefaßt, läßt sich über ihr Tun und Treiben im Laufe des Tages und Jahres etwa folgendes sagen:

Je nach der Beschaffenheit der Küste vereinigen sich mehr oder minder zahlreiche Gesellschaften der Tiere, und zwar sollen die erwachsenen in gesonderten Herden leben, also die Männchen mit ihresgleichen, die Weibchen mit ihren säugenden Jungen sich vereinigen. Ein einziges Eisfloß trägt, wie unsere Nordfahrer sagen, oft zwanzig und mehr Walrosse. Ihre dunklen Leiber lagern dicht nebeneinander, den Kopf, der langen Zähne wegen, zur Seite geneigt oder auf dem Leibe des Nachbars ruhend: »so pflegen sie, von dem monatelangen Anblick der Sonne oder dem rauschenden Einerlei der Brandung gelangweilt, den größten Teil ihres Daseins zu Verschlafen.« Nicht allzuselten begegnet man einer Gesellschaft, die sich auf einem schwimmenden Eisfelde gelagert hat und mit demselben gemächlich treibt, anscheinend ohne sich viel um die Richtung der Reife zu kümmern. Unter den schlafenden Walrossen hält stets mindestens eins Wache und erweckt bei Wahrnehmung einer Gefahr die übrigen durch Ausstoßen seiner kräftigen Stimme, laut Scammon, nötigenfalls auch durch einen gelinden Stoß mit den Hauzähnen, worauf die ganze Gesellschaft sich entweder zur Flucht oder zur Verteidigung rüstet. Da, wo das Walroß den Menschen noch nicht kennengelernt hat, erregt ein fremdes Schiff kaum die Aufmerksamkeit der Wache oder der Herde überhaupt, und nicht einmal ein Kanonenschuß stört sie, weil alle an das Knallen gewöhnt sind in den nördlichen Meeren, wo das Eis unter donnerähnlichem Getöse oft auf weite Strecken hin birst. Schwerlich aber dürfte die Angabe einzelner Berichterstatter richtig sein, daß sie, selbst wenn sie verwundet wurden, nur überrascht sich umsehen und bald darauf wieder zur Ruhe niederlegen sollen. Allerdings lassen sie sich, wenn sie einmal aus dem Lande oder dem Eise liegen und schlafen, ungern stören, und es kann nach dem, was von andern Robben bekannt geworden ist, nicht überraschen, daß sie sich zeitweilig wirklich tage- oder wochenlang nicht von der Stelle rühren; die Mehrzahl der Nordfahrer, Walfänger und Robbenschläger stimmt jedoch darin überein, daß sie eine ernstere Behelligung jederzeit mit ebensoviel Mut als Nachdruck von sich abzuweisen suchen. Hinsichtlich ihrer Bewegungen scheinen sie am meisten mit den Ohrenrobben übereinzustimmen. Auf dem Lande geht das Walroß schwerfällig und ungeschickt, indem es die Füße gleichzeitig übers Kreuz bewegt und sich nur darin von andern, ebenso gehenden Tieren unterscheidet, daß es am Vorderfuß die Zehen, am Hinterfuß aber die Ferse nach vorn richtet. Beim Erklettern steiler Eisblöcke soll es stets seine beiden langen Eckzähne zu Hilfe nehmen, mit ihnen in Klüfte und Spalten sich einhaken, den schweren Leib nachziehen, hierauf den Hals von neuem ausstrecken und so fortfahren, bis es die gewünschte Lagerstelle erklommen hat. Als notwendige Hilfsmittel zum Gehen kann man besagte Zähne jedoch kaum betrachten, da die nicht minder schwerleibigen Ohren- und Rüsselrobben auch ohne solche ähnliche Wege zurücklegen und ebensogut wie jenes Höhen von zehn bis fünfzehn Meter und darüber erklimmen, um hier im Strahle der Sonne sich zu recken und zu dehnen. Vom Lande ins Wasser begibt sich das Walroß, indem es über abschüssige Stellen gleitend rutscht, oder aber, indem es, wie andere Robben auch, sich mit einem Sprung in die Fluten stürzt. Hier nun schwimmt es nach Art seiner ganzen Verwandtschaft ebenso rasch und behend dahin, wie es auf dem Land oder Eis sich langsam förderte, taucht in beträchtliche Tiefen hinab und ist imstande, mehrere Minuten unter Wasser zu verweilen. »Die Tauchzeit«, heißt es im Bericht unserer Nordfahrer, »ist unsicher bestimmt, wird aber, glaube ich, hauptsächlich bedingt durch die Zeit, die das Tier gehabt hat, um auf das Tauchen sich vorzubereiten. Jagt man ein aus dem Schlaf plötzlich aufgeschrecktes Walroß ins Wasser, so muß es sofort wieder auf die Oberfläche kommen, und jetzt holt es tief Atem; jagt man es sogleich wieder unter, so kommt es alsbald noch einmal zum Vorschein. Wiederholt man dies etwa fünf- bis sechsmal, so scheint das Walroß sich mit einem genügenden Vorrat von Sauerstoff versehen zu haben? denn nunmehr taucht es im wahren Sinne des Wortes, und man sieht es gewöhnlich nicht wieder.« Im Schwimmen überbietet das Tier jedes Ruderboot und betätigt dabei auch eine kaum ermattende Ausdauer. Die Stimme soll bald dem Blöken einer Kuh, bald dem Bellen eines Hundes ähneln, im Zorn aber in ein furchtbares Gebrüll übergehen, das, von fern gehört, an das Wiehern der Pferde erinnert. Während der Paarungszeit vernimmt man es so weit, daß Kapitän Cook und seine Leute bei Nacht und Nebel dadurch immer auf die Nähe der Küste aufmerksam gemacht wurden und das Schiff vor einem Zusammenstoß mit dem Eise sichern konnten.

Über das geistige Wesen läßt sich nach den bis jetzt vorliegenden Beobachtungen schwer ein Urteil fällen, wohl aber annehmen, daß das Walroß nicht minder klug als andere Robben ist. So gleichgültig es beim ersten Zusammentreffen mit dem Menschen diesem gegenüber sich zeigt, so bald ändert es, infolge gesammelter Erfahrungen, sein Betragen, und tatkräftig tritt es alsdann dem Gebieter der Erde entgegen. Unter den hervorragenden Eigenschaften ist nicht allein die allen Robben eigene Neugier, sondern auch ein für Flossenfüßler ungewöhnlicher Mut zu verzeichnen. Von jener bleichen Furcht, die die riesenhaften Seeelefanten beschleicht, wenn ihr furchtbarster Feind, der Mensch, ihnen sich gegenüberstellt, wissen die Walrosse nichts, nehmen es vielmehr ohne Besinnen auch mit wohlbewaffneten Leuten auf und achten den Tod ihrer Genossen höchstens insofern, als sie durch ihn zu wilderer Wut entflammt werden. Wie mit ihren Feinden kämpfen sie auch unter sich auf das heftigste, jedoch nur während der Paarungszeit, die in die letzten Frühlingsmonate zu fallen Pflegt. Um diese Zeit brüllen und toben die Männchen nicht allein zu jeder Stunde des Tages, sondern greifen sich auch gegenseitig an und reißen mit den Zähnen so tiefe Schrammen in das Fell des Gegners, daß sie zuweilen einen kaum weniger abschreckenden Anblick gewähren als andere infolge ihrer Zweikämpfe zersetzte Robben.

Nach etwa neunmonatlicher Tragzeit bringt das Weibchen sein einziges Junges zur Welt und gibt sich demselben nunmehr mit treuester Mutterliebe hin, sorgt in aufopfernder Weise für seine Ernährung und Erziehung und verteidigt es bei Gefahren mit allem Mut und Ingrimm, deren sein Geschlecht fähig ist. Solange als möglich sucht es sich und sein Kind allerdings der Gefahr zu entziehen, packt, wenn es eine solche wahrnimmt, das Kleine mit der Vorderflosse und stürzt sich mit ihm ins Meer, nimmt es hier auf den Rücken, um es in dieser Weise bestmöglichst zu sichern, uns tritt nunmehr jedem Feind mit Todesverachtung gegenüber. Das Kleine hängt mit innigster Zärtlichkeit an seiner Mutter und verläßt dieselbe auch im Tode nicht. Tötet man das Junge, so hat man auf den zähesten Widerstand und unsühnbaren Rachedurst seitens der Alten zu rechnen. Selbst wenn eine Herde weiblicher Walrosse in die Flucht geschlagen werden sollte, tauchen die Mütter von Zeit zu Zeit unter fürchterlichem Gebrüll aus der Tiefe auf, schwimmen nach ihren getöteten, auf den Wellen treibenden Jungen hin, erfassen sie und verschwinden mit ihnen unter dem Wasser. Man kennt Beispiele, daß sie solche Leichname den Robbenschlägern noch in dem Augenblick wegnahmen, als diese eben beschäftigt waren, sie in das Boot zu ziehen. Ein dem Jäger entrissenes junges Walroß ist verloren, wenn die Mutter nicht auch erlegt wird; denn diese schleift es meilenweit fort, versucht es sogar dann noch zu bergen, wenn sie auf dem Eise überrascht wurde. Schwerverwundete Junge sollen, damit sie Gelegenheit zum Atemholen finden, aus dem Wasser emporgehoben und hierauf wieder in der sichern Tiefe versenkt werden. Erlegt man eine mit ihrem jungen Sprößlinge getrennt von der Herde schwimmende Walroßmutter, so ergibt sich das junge Ungeheuer widerstandslos seinen Feinden, kann sich wenigstens nicht entschließen, die Alte zu verlassen. Kapitän Williams, ein alter wohlerfahrener Walfänger und Robbenschläger, tötete ein weibliches Walroß und schleppte dasselbe im Boot dem etwa zwei Meilen entfernten Schiffe zu. Das Junge folgte dem Leichnam bis zum Fahrzeug und gab sich, als man die Beute an Bord bringen wollte, die größte Mühe, auch dahin zu gelangen. Als man ihm eine Schlinge um den Leib gelegt und es ebenfalls an Bord gebracht hatte, watschelte es augenblicklich auf seine tote Mutter zu, erkletterte deren Rücken und verweilte hier, bis man es zwang, sich wiederum ins Meer zu stürzen. Aber auch jetzt noch blieb es laut klagend über den Verlust seiner Erzeugerin, in der Nähe des Schiffes.

Wie die Forschungen Malmgreens und Browns ergeben haben, nährt sich das Walroß ausschließlich von tierischen Stoffen. Beide fanden hauptsächlich eine Miesmuschel ( Mya truncata), die in den nördlichen Teilen des Eismeeres alle Bänke und Riffe bewächst, und eine Steinbohrmuschel ( Saxicava. rugosa), die bei zehn bis fünfzehn Faden Tiefe in den Schlick des Meeresbodens sich eingräbt, in dem Magen der von ihnen untersuchten Stücke, und kamen zu dem Schluß, daß das Walroß seine mächtigen Zähne hauptsächlich dazu verwenden werde, um diese Muscheln von den Felsen abzulösen und aus dem Schlamm hervorzuwühlen. Außer niederen Seetieren frißt das Tier übrigens auch Fische und unter Umständen Fleisch von größeren Seesäugetieren. Brown berichtet, daß ein von ihm befragter, erfahrener norwegischer Robbenschläger ein Walroß mit einem Fisch im Maul aus dem Wasser aufsteigen sah, und daß er selbst die Mägen aller in der Nähe eines Walfischaases erlegten Walrosse bis zum Bersten mit Walfleisch gefüllt fand.

Für die hochnordischen Völkerschaften, zumal für die Eskimos, hat das Walroß mindestens dieselbe, wenn nicht eine höhere Bedeutung als die Seehunde, und nicht selten zieht, wie unsere Nordfahrer versichern, die Unmöglichkeit, wegen zunehmender Vereisung der Küste desselben habhaft zu werden, den Untergang der armseligen Leute oder doch Hungersnot nach sich. Die Jagd auf Walrosse bleibt selbst für den Europäer ein gewagtes, weil immer mit Gefahr verbundenes Unternehmen, erfordert aber den kühnsten Mannesmut eines schlecht bewehrten Gegners, wie der Eskimo es ist. Nach Versicherung unserer Nordfahrer Brehm hat hier die Teilnehmer an der zweiten deutschen, von Koldewey geleiteten Nordpolexpedition im Auge (1869/1870). ist der Jäger, wenn er den Ungetümen nicht auf ganz festem Eis begegnet, gezwungen, beständig den Platz zu wechseln, um sie zu täuschen und ihren Angriffen zu entgehen. Unsere mutigen Landsleute haben öfters Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß die gereizten Walrosse ihre Gegner genau beobachten, die Richtung und Entfernung des Standes derselben sehr wohl abzumessen verstehen und dann im Emportauchen die Stelle, auf der jene zuletzt gestanden haben, bestimmt zu treffen und das Eis unter ihr zu zertrümmern wissen. Bei der gefährlichen Schlittenreise nach der Claveringinsel wurden die Nordfahrer in dem von ihnen entdeckten Tiroler Fjord durch einige Walrosse, die wiederholt dicht vor ihnen durch das Eis brachen, nicht allein erschreckt, sondern in hastige Flucht getrieben. »Jeder Versuch, sich zu verteidigen, wäre sinnlos gewesen; die Walrosse schwammen ebenso rasch unter dem Eise nach, brachen neben uns durch dasselbe und trugen offenbar Verlangen, in unserer Gesellschaft zu schwimmen. Wir zerstreuten uns möglichst und liefen eiligst über den verdichteten Eisschlamm, gejagt von dem Rauschen und Prasseln der durchbrechenden Ungeheuer. Zum Glück befreite uns endlich eine Decke alten Eises von der Zudringlichkeit unserer Verfolger.« Am Strand oder auf einem Eisfeld gelagerte Walrosse sind allerdings wenig zu fürchten, weil ihre Unbehilflichkeit erfolgreiche Angriffe verwehrt. Bei Annäherung eines Menschen brüllen sie zwar entsetzlich, erheben sich zum Kampf, schlagen wütend mit den Zähnen um sich, scheinen aber doch zu fühlen, daß es hier schwerlich gelingen könne, ihren Feinden etwas anzuhaben, und suchen deshalb baldmöglichst das Wasser auf, in dem sie ihre volle Gewandtheit, Behendigkeit und Stärke zur Geltung bringen und ihrer Kampflust und nachhaltigen Wut genügen können. »Gegenüber dieser Furchtbarkeit im Wasser«, so bemerken unsere Nordfahrer, »kann es nichts Unschuldigeres und Harmloseres geben als eine sich auf einer Eisscholle oder am Strand sonnende Herde dieser Tiere oder endlich ein im Wasser schlafendes Walroß; leider aber ist der Vergleich mit einem Torpedo, den man, um Unheil zu verhüten, nicht berühren darf, nur zu gerechtfertigt.« Unglücksfälle bei solcher Jagd sind nicht selten; alte Robbenschläger oder Nordfahrer wissen von solchen wie von der Reizbarkeit und Rachsucht der Walrosse genug zu erzählen. In vielen Fällen greifen diese mutigen und unerschrockenen Robben sogar ohne alle Veranlassung an und zwingen die Schiffer zu unfreiwilligen Kämpfen. Unsere Nordfahrer geben hiervon eine ebenso lebendige als anschauliche Schilderung: »Erblickt ein solches Ungeheuer ein Boot, so erhebt es sich verwundert über die Wasserfläche, beginnt sofort den Lärmruf, ein stoßweise fortgesetztes Bellen, und schwimmt so rasch als möglich auf das Fahrzeug zu. Seine Rufe locken andere herbei, wecken die Schläfer, an die mit dem Boote anzustoßen sorgfältig vermieden wird, und in kurzer Zeit zieht diesem tobend und mit scheinbarem oder wirklichem Grimm eine Menge der unheimlich häßlichen Riesen nach. Es mag sein, daß die Tiere dabei nur von Neugierde geleitet werden; allein die Form, in der sie diese zum Ausdruck bringen, wäre dann recht unglücklich gewählt, und es liegt der Verdacht sehr nahe, daß sie das Boot, um es gründlich kennenzulernen, umstürzen wollen. Man muß also zur Kampfbereitschaft schreiten, zumal man bald die Überzeugung gewinnt, ihnen auch durch das schnellste Rudern von fünf Mann nicht entkommen zu können. Die brüllende, spritzende und tauchende Walroßherde ist nunmehr wenige Schritte vom Boot entfernt. Es fallen die ersten Schüsse, und dieser Augenblick entflammt ihre Wut. Ein wilder Kampf beginnt, in dem die einen den greulichen Sphinxen mit Äxten auf die Brustflossen schlagen, weil sie mit ihnen das Boot umzuwerfen und zu zertrümmern drohen, die andern mit Spießen sich verteidigen oder mit der Schneide der Ruder Hiebe auf die riesigen Dickschädel führen oder endlich schwer verdauliche Pillen in den weit aufgesperrten Abgrund der ununterbrochen brüllenden Rachen werfen. Ein wüstes Geschrei erfüllt die Luft; Boot und Verteidiger kämpfen mit dem Gleichgewicht; das Wasser schäumt und gelangt in heftige Bewegung; neue Ungeheuer tauchen plötzlich empor oder schwimmen heran; andere sinken, tödlich getroffen und die Wasserfläche mit ihrem Blut färbend, in die Tiefe. Die drohende Gefahr, daß das Boot durch eines mit den Zähnen über die Bordwand schlagenden Walrosses umgerissen oder schwer beschädigt werde, vermag oft nur die tödliche Verwundung des Anführers dieser ebenso tapferen als ausdauernden Tiere zu beschwören. Der Schuß in den Rachen ist schon in solchen Fällen der einzig anwendbare; denn der Kopf erscheint mit Ausnahme der Augenhöhlen unverletzlich, und Verwundungen am Körper sind fast wirkungslos. Oft lassen die Tiere, durch irgendeinen Umstand erschreckt, plötzlich vom Kampf ab, tauchen unter und erst in einiger Entfernung wieder empor, wenden die häßlichen Köpfe zurück und erfüllen dann die Luft abermals mit ihrem Rachegebrüll.«

Daß diese Schilderung in keiner Weise übertrieben ist, wird durch verschiedene Zeugnisse anderer glaubwürdiger Berichterstatter verbürgt. »Das Walroß«, sagt Scoresby, »ist ein unerschrockenes Tier. Ein Boot, das sich ihm nähert, betrachtet es neugierig, aber nicht furchtsam. Nicht immer kann der Fang im Wasser ohne Gefahr ausgeführt werden. Der Angriff auf ein einziges zieht gewöhnlich alle übrigen zur Verteidigung herbei. In solchen Fällen versammeln sie sich rund um das Boot, von dem der Angriff geschah, durchbohren seine Planken mit ihren Hauzähnen, heben sich bisweilen, wenn man auch noch so nachdrücklich widersteht, bis auf den Rand des Bootes empor und drohen dieses umzuwerfen. Die beste Verteidigung in solcher Gefahr ist Seesand, den man den wütenden Tieren in die Augen wirft; er nötigt sie gewiß, sich zu entfernen, während man die Büchse oft vergeblich gebraucht. Mein Vater erlegte einmal ein Walroß mit einer Lanze, auf das er vorher mit der Büchse geschossen hatte. Nachdem er den Kopf, den die Kugel getroffen hatte, untersuchte, fand er, daß sie bis auf den Schädel gedrungen war, sich aber hier platt geschlagen hatte.« Kapitän Beezhey erzählte, daß eine Walroßschar, die seine Leute ins Wasser jagten und dort verfolgten, sich plötzlich gegen die Kähne wandte, Axthiebe und Lanzenstiche nicht achtete und erst nachließ, als der Anführer durch einen Schuß in den Rachen getötet war. Der Anblick der wütenden Seetiere soll fürchterlich sein. Ihr steifer Hals verwehrt es ihnen, mit Leichtigkeit umzuschauen; aber die Beweglichkeit ihrer Augen ersetzt diesen Mangel, und sie verdrehen letztere so arg, daß ihr Blick dadurch etwas ungemein Abschreckendes erhält. Auch Brown, dessen Angaben durchaus verläßlich erscheinen, bestätigt die vorstehenden Berichte. »Einst«, sagt er, »befand ich mich selbst in einem Boote, von dem aus ein einzeln auf einem Eisblock schlafendes Walroß harpuniert wurde. Unmittelbar darauf tauchte es in die Tiefe hinab, aber auch sofort wieder auf und stieß, ungeachtet unserer Abwehr mit Lanzen, Äxten und Büchsen, seine Zähne wütend in die Seite des Bootes, so daß wir nichts Eiligeres zu tun hatten, als die Wurfspießleine zu kappen, und von Glück sagen konnten, daß wir imstande waren, uns auf dasselbe Eisstück zu retten, welches das Walroß eben verlassen hatte. Zu unserm Heile war das Tier großmütig genug, uns nicht weiter zu verfolgen, sondern entfernte sich unwillig grunzend, die in seiner blutenden Seite steckende Harpune nebst der Walleine mit sich schleppend.« Unsere Nordfahrer fügen ihrer Schilderung noch einige Belege hinzu. So entging eins ihrer Boote nur mit Mühe und Not der Zertrümmerung durch Walrosse; so wurde ein anderes, dem es, vor einer verfolgenden Herde flüchtend, gelang, nach dem Strand einer Insel zu entkommen, daselbst, obschon nur für kurze Zeit, förmlich belagert. »Je länger man unter diesen Tieren lebt, um so mehr gewöhnt man es sich ab, sie in ihrem Element, dem Wasser, selbst anzugreifen, es sei denn, daß irgendein zwingender Umstand, Nahrungs- oder Ölmangel, dies erheischte.«

Die erfolgreichste Jagd findet nach Erfahrung unserer Nordfahrer dann statt, wenn man Walrosse auf Eisschollen schlafend überrascht. Im letzten Augenblick der Annäherung werden die Riemen eingenommen, die Boote geräuschlos angelegt, und die Jäger betreten die Scholle im Rücken der Tiere. Kaum erblickt eins derselben die Feinde, so richtet es den Kopf wütend und scheinbar verachtungsvoll in die Höhe, weckt alle andern auf, und die ganze Herde drängt nun, die Jungen mitschiebend, unaufhaltsam gerade vor zum Schollenrand und stürzt kopfüber in das Wasser. Nur diese Zeit bleibt dem Jäger, und seine Schüsse müssen rasch und sicher fallen. Ein getötetes Walroß wird, bevor es sinkt, an die Leine genommen und am Boot befestigt.

Ebenso wie die Europäer jagen alle Eskimos und andere Eingeborene der hochnordischen Länder, die gewohnt sind, das Feuergewehr zu führen; in wesentlich verschiedener Weise diejenigen, die noch heutigestags der Sitte ihrer Väter getreu geblieben sind. Wie Kane erzählt, greifen die Eskimos das Walroß im Wasser und auf dem Eise an. In ersterem Falle nähern sie sich ihm soviel als möglich, indem sie, während es taucht, rasch herbeirudern, während es schwimmt, dagegen sich Verstecken, um den günstigen Augenblick abzuwarten, ihm beim neuen Emporkommen die Harpune in den Leib zu werfen. Die Verwundeten tauchen sofort unter; der Jäger schlägt schnell einen mit Eisen beschlagenen Pflock in das Eis und bindet die Leine an diesem fest. Das Tier tobt und wütet, bis es endlich ermattet und dann durch Lanzenstiche getötet werden kann. Nach Godman suchen diese mutigen Jäger im Hochsommer eine auf Eisschollen schlafende Herde in listiger Weise zu beschleichen, indem sie sich zuerst auf ein anderes kleineres Eisstück begeben, an diesem die Boote befestigen und nun ihr kristallenes Floß an die Herde heranzubringen suchen. Glücklich am Platz angekommen, erwählt sich jeder einzelne oder je zwei von ihnen nach Verabredung eine bestimmte Beute, und aller Harpunen durchsausen in einem und demselben Augenblick die Luft. Die getroffenen Walrosse stürzen sofort ins Wasser und versuchen zu entrinnen, werden aber durch die Speerleinen festgehalten und ermatten um so eher, je größere Anstrengungen es ihnen kostet, das Eisfloß der Jäger, an das die Leinen befestigt wurden, mit sich fortzuschleppen; die Jäger selbst warten die Ermattung jener in ihren Booten ab, nähern sich im rechten Augenblick und machen ihnen mit ihren Lanzen den Garaus. Von den Meuten aus begeben sich die Eingeborenen zu rechter Zeit alljährlich an die nördliche Küste der Halbinsel Alaska, suchen hier Walrosse auf, bemühen sich, die gelagerten Tiere zu umgehen, und stürzen plötzlich unter heftigem Geschrei, mit Spießen und schweren Äxten bewaffnet, auf sie los, in der Hoffnung, sie derart zu erschrecken, daß sie ihren Weg landeinwärts nehmen. In diesem Fall ist die Jagd ergiebig, wogegen sie vereitelt wird, wenn es einem Walrosse gelingt, die Jägerlinie zu durchbrechen; denn hierauf stürzen alle übrigen dem Führer nach und bergen sich in den sicheren Fluten.

Obwohl die Jagd auch von den Europäern, und zwar zuerst von den Norwegern, schon seit tausend Jahren betrieben wird, ist sie doch erst seit wenigen Jahrzehnten für den Bestand der Tiere verhängnisvoll geworden. Solange der Walfang sich lohnte, ließ man die Walrosse ziemlich unbehelligt oder verfolgte sie doch erst dann, wenn man alle Hoffnung aufgegeben hatte, Wale zu erbeuten. In der Neuzeit ist dies anders geworden, obwohl der Gewinn der Walroßjagd noch immer in keinem Verhältnis zu den Gefahren stehen soll, deren sich die Jäger aussetzen. In früheren Zeiten tötete man das Walroß einzig und allein der kostbaren Zähne wegen, hieb dem erlegten den Kopf ab und ließ alles übrige schwimmen; neuerdings zieht man den erbeuteten die Haut ab, um diese und den unter ihr liegenden, nicht eben in reichlicher Menge vorhandenen Speck zu gewinnen. Aus den Hauzähnen, die hart, weiß und so dicht wie Elfenbein sind, schneidet man ihrer Güte halber hochgeschätzte falsche Zähne und erlöst durch den Verkauf der beiden Hauer ebensoviel wie durch Verwertung des Speckes und der Haut zusammen. Letztere läßt sich zwar auch von uns zu mancherlei Zwecken verwenden, steht jedoch der Haut anderer Robben bedeutend nach. Das Fleisch wird von den Europäern nur im Notfall gegessen, der Speck, wie üblich, zu Tran gesotten. Für die hochnordischen Völkerschaften liegen die Verhältnisse anders; denn sie benutzen jeden einzelnen Teil des Walrosses mit alleiniger Ausnahme der Zähne, die sie, weil sie mit ihnen wenig anzufangen wissen, nur als Tauschartikel zu verwerten Pflegen. Haut und Knochen, Fleisch und Tran bringen ihnen um so höheren Nutzen. Aus der Haut, die sich durch Gerben in ein weiches, lockeres Fell verwandeln läßt, fertigen sie Überzüge für ihre Segelstangen und ihre sonst nur noch aus dem Holzgerüst bestehenden Kähne oder Riemen, Taue, Seile und Fischnetze, benutzen sie auch wohl zur Bedeckung ihrer Sommerwohnungen; aus den Knochen fertigen sie allerlei Werkzeuge; aus den Sehnen zwirnen sie sich Fäden zum Nähen; das schwarze Fleisch dient ihnen als beliebtes Nahrungsmittel und der Speck zum Fetten ihrer Speisen oder zum Brennen, so daß eigentlich kein einziger Teil des Tieres verlorengeht.

Abgesehen vom Menschen, hat das Walroß auch noch von andern Feinden zu leiden oder wird wenigstens von solchen arg gepeinigt. Eskimos wie Walfischfänger behaupten, daß es mit dem Eisbären schwere Kämpfe zu bestehen habe, indem dieser nicht allein die Jungen bedrohe, sondern auch dann und wann ein altes überfalle. Brown hat niemals etwas von solchen Kämpfen gesehen und glaubt berechtigt zu sein, die meisten Beobachtungen hierüber in das Gebiet der Fabel verweisen zu dürfen, obwohl er nicht in Abrede stellen will, daß die Walrosse nichts weniger als in Freundschaft mit den Bären leben. Scammon weiß von einem andern Feind, und zwar dem Butskopfe zu erzählen, der den jungen Walrossen womöglich noch gefährlicher werden soll als der Eisbär, obgleich er nur im freien Wasser jagt. Wahrscheinlich spielt ein kleiner lausartiger Schmarotzer dem wüsten Ungeheuer des Nordens viel ärger mit als Eisbär und Butskopf zusammengenommen. Nach Browns Beobachtung setzt sich die eine Art dieser Tiere an der Wurzel der Schnurrborsten, die andere auf dem übrigen Körper fest, und beide peinigen das Walroß derart, daß es zuweilen wie in Verzweiflung bald vom Eis in das Wasser springt, bald wieder vom Wasser heraus auf das Eis klettert, heftig brüllt und taumelnde oder rollende Bewegungen ausführt, die darauf hindeuten, daß es sich bemüht, die lästigen Schmarotzer abzustreifen. Als Brown einmal längere Zeit eine in dieser Weise sich gebärdende Herde der ungeschlachten Tiere beobachtet hatte, erschien bald darauf ein Flug von Steinschmätzern auf der von jenen verlassenen Stelle und begann eifrig etwas aufzulesen. Hierdurch aufmerksam geworden, begab sich auch unser Gewährsmann auf das Eisfloß und fand daselbst eine Menge der erwähnten Schmarotzer, die von den Walrossen glücklich abgeschüttelt worden waren.

Obgleich sein selbstbewußtes und reizbares Wesen das Walroß durchaus nicht geeignet erscheinen läßt, mit dem Menschen in ein freundliches Verhältnis zu treten, zeigten sich doch die Jungen, die man gefangenhielt, fast ebenso leitsam wie andere Robben. Gefangene Walrosse sind wiederholt nach Europa gebracht worden; das erste erweislich im Jahre 1608 von Thomas Welten. »Am 12. Juli«, so erzählt er, »nahmen wir zwei junge lebende Walrosse, ein Männchen und ein Weibchen, an Bord. Das Weibchen starb, bevor wir England erreichten; das Männchen hingegen lebte ungefähr zehn Wochen. Am 20. August kamen wir in London an und brachten unser lebendes Walroß an den Hof, woselbst der König und viele hochehrbare Leute es mit um so größerer Bewunderung betrachteten, als vorher noch niemals ein derartiges Tier lebend in England gesehen worden war. Nicht lange Zeit darauf wurde es krank und starb. So auffallend die Gestalt dieses Tieres ist, ebenso auffallend ist auch seine Gelehrigkeit und seine Lust, etwas zu lernen, wovon wir uns oft überzeugt haben.« Davon kann man sich auch heute leicht durch einen Besuch in Carl Hagenbecks Tierpark und Zirkus in Stellingen bei Hamburg überzeugen. Herausgeber

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