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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 169
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
projectidd0de1f8e
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Detlev Frhr. von Liliencron

Detlev Frhr. von Liliencron (geb. zu Kiel 1844, lebt in Altrahnstedt) sieht seine Welt gleichsam vom Fenster eines Eisenbahncoupés aus oder auf dem Rücken des Reittieres sitzend, das ihn über Wiesen und Felder trägt. Diese impressionistische Erfassung der Erscheinungen der Außenwelt läßt das Wesen seiner Kunst als eine Reihe von kleinen, manchmal scharfen und charakteristischen Momentphotographien erscheinen, die bald mit beabsichtigter Willkür aneinandergereiht erscheinen, bald mit peinlicher Sorgfalt geordnet sind. Man darf aber, wenn man die Bezeichnung Impressionismus wählt, sich nicht zu einer Verwechselung mit jenem Schlagwort verleiten lassen, das für die literarische Saat der George-Hofmannsthal geprägt wurde. Sein Impressionismus ist naiv-naturalistischer Natur, er nimmt die Eindrücke in der Gestalt, in der sie ihm auftauchen, ohne sie in Gefühle aufzulösen. Das gibt neben der starken Schöpferkraft in der Bildung des sprachlichen Ausdruckes seiner Diktion das Gepräge. Obwohl Liliencron dem Alter nach einer früheren Periode angehört, steht er hinsichtlich seines Wesens mitten unter den Jungen. Er war einer von jenen, die plötzlich abgebrochen haben mit allem Überkommenen; ja, er begann gewissermaßen als Fertiger, während andere Revolutionäre wie Holz und Dehmel sich erst allmählich zu ihren Reifequalitäten durchgerungen haben.

Liliencron war Offizier der preußischen Armee und machte als solcher die Feldzüge gegen Österreich und Frankreich mit; später war er Hardesvogt in Pellworar und bis 1887 Kirchspielvogt in Kellinghusen. Bald jedoch gab er diesen Posten auf und übersiedelte nach München. Gegenwärtig lebt er bei Hamburg. – Liliencron hat selbst einige biographische Notizen aufgezeichnet, aus denen Bruchstücke hier Aufnahme finden sollen, weil sie für den frischen Daseinsmut dieses Mannes und seine Dankbarkeit dem Leben gegenüber so bezeichnend sind. So lesen wir von seiner frühesten Jugend, der die Mathematik, »die Schleifmühle des Kopfes«, die einzigen trüben Stunden gebracht hat, – »... Dann aber war ich frei und lief in den Garten, ins Holz, in die Felder und überließ mich meinen Träumereien. Früh bin ich Jäger geworden. Mit Hund und Gewehr allein durch die Heide, Wald und Busch zu streifen, wird immer mir ein Tag zu leben wert sein.« – Oder er spricht von seiner lustigen Leutnantszeit, »O du Leutnantszeit! Mit deiner fröhlichen Frische, mit deiner Schneidigkeit, mit den vielen herrlichen Freunden und Kameraden, mit allen deinen Rosentagen, mit deinem bis aufs schärfste herangenommenen Pflichtgefühl, mit deiner strengen Selbstzucht.« Das sind warme und dankbare Worte eines Dichters, der sich als Mensch wie alle anderen fühlt, eines Optimisten, der aus allem den Ton, den Akkord, das Erquickende zu holen bereit ist.

Schon seine erste Sammlung »Adjutantenritte und andere Gedichte« fand bei Publikum und Kritik lebhafte Anerkennung, und ein berufener Beurteiler wie Theodor Storm lobt an ihr bei einigen Gedichten die von allem Nachahmungseifer freie Kraft und Grazie. Es sind zwei typische Züge, die den fröhlichen Romantiker in erster Linie charakterisieren, seine Vorliebe für Naturbilder (aufgefaßt in der eingangs geschilderten Weise) und das erotische Element in seiner liebenswürdigsten Färbung, der Genuß mit der Gloriole der Alltäglichkeit. Und das alles ist in einer anscheinend zügellosen, willkürlichen Form vorgebracht, die manchen Formalisten von »künstlerischer Zuchtlosigkeit« sprechen ließ oder ihm gar den schönen Ausdruck »dekadent« in den Mund legte. – Für den mit Vorurteilen reich gesegneten Nichtfachmann mochte das allerdings so den Anschein haben, in Wahrheit aber handelt es sich bei Liliencron um eine saubere Ziselierarbeit, die im Wesen an Heines technische Virtuosität und Gewissenhaftigkeit erinnert, an die man auch erst glauben lernte, als man die beiden Fassungen des »Buch der Lieder« mit einander vergleichen konnte.

Gewiß findet sich besonders in den späteren Sammlungen »Gedichte« 1889, »Haidegänger und andere Gedichte« 1891, »Neue Gedichte« 1895 sehr vieles, was die Angriffe der Kritik berechtigt erscheinen läßt. Manches, was früher Charakteristikum war, ist hier Manier geworden, was bei einer so scharf umrissenen Eigenart wie Liliencron nur zu leicht eintreten konnte. Das Burschikos-Renommistische einzelner Gedichte machte sich unangenehm breit, und die wuchernde Erotik begann zu langweilen. Die Extravaganzen der Form, ein gewisser Hang mit lapidaren Ausdrücken Effekte zu erzielen, verleiteten den Dichter zu einer oft sehr geschmacklosen Virtuosität. Aber trotzalledem blieb auch in diesen Sammlungen noch mancher Reichtum an Schönheit.

Das Temperamentvollste bietet der Dichter wohl in seinem »Poggfred, Ein kunterbuntes Epos in 12 Kantussen« 1897, in dem er den Ton des Byronschen »Don Juan« gewissermaßen fortsetzt. Wohl besitzt Liliencron lange nicht jene feine künstlerische Zurückhaltung, die bei Byron das Wildeste im Zaume hält. Er stolpert oft über den Sack, in dem er alle seine Schätze mit sich führt, und schüttet dabei etwas zu viel davon aus, immerhin bleibt das Gedicht eine der formell interessantesten Leistungen jener Zeitepoche.

Der Zug zum Drama ist nie so lebendig gewesen, wie in unserer Zeit. Er hat auch Liliencron erfaßt und in ihm dieselben Symptome gezeitigt, wie sie etwa bei Dehmel zu finden sind. Weder Liliencrons historische Dramen »Knut der Herr« 1885, »Die Rantzow und die Pogwisch« 1883, »Der Trifels und Palermo« 1886, »Die Merowinger« 1887, noch seine dem modernen Milieu entnommenen Stücke, wie das Genrebild »Arbeit adelt«, haben dramatisch empfundene Charaktere oder eine dramatische Entwicklung. Es sind gerade die Vorzüge des Lyrikers, die im Bereiche des Dramas zu krassen Mängeln werden. Eine starke Persönlichkeit spricht sich immerhin auch hier aus. Einzelne Szenen haben Kraft und Fülle des Ausdruckes, die sie wie eingestreute Balladen aus dem Ganzen heraustreten lassen.

Zu viel stärkeren Leistungen bringt er es in der Prosa. Schon 1886 erscheint sein Roman »Breide Hummelsbüttel«, der von Stimmung und dekorativem Beiwerk mehr aufstapelt, als es der Rahmen der Handlung verträgt, in Einzelzügen aber den Beweis eines guten epischen Talentes verrät. Künstlerisch bei weitem abgeschlossener sind seine Skizzen und Novellen, wie »Eine Sommerschlacht« 1887, »Unter flatternden Fahnen« 1888, »Krieg und Frieden« 1891, die Situation und Kolorit dem schleswig-holsteinischen Leben entnehmen. Die Novellen »Aus Marsch und Geest«, »Könige und Bauern« 1900 und seine Gedichtsammlung »Bunte Beute« stehen nicht mehr auf der künstlerischen Höhe der früheren Sammlungen des nun alternden Dichters: die letzte Sammlung ist sehr schwach und enthält kaum eine annehmbare Leistung.

V. H.

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