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Das Märchen vom Fischer und dem Fischlein

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Das Märchen vom Fischer und dem Fischlein - Kapitel 1
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authorAlexander Sergejewitsch Puschkin
booktitlePuschkins Dichtungen
titleDas Märchen vom Fischer und dem Fischlein
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorFerdinand Löwe
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senderwww.gaga.net
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Alexander Sergejewitsch Puschkin

Das Märchen vom Fischer und dem Fischlein

Übersetzt von Ferdinand Löwe

 

    Wohnte einst ein Alter mit seiner Alten
Dicht am öden Strande des blauen Meeres –
Wohneten da in einer zerfallenen Hütte
Dreißig Sommer bereits und noch drei Jahre.
Fische fing in seinem Netze der Alte,
Garn spann ab von ihrem Rocken die Alte.
Einmal warf der Alte sein Netz ins Meer aus –
Kam herauf das Netz mit nichts als Schlamme.
Warf der Alte zum andern Male sein Netz aus:
Kam herauf das Netz mit bloßem Tange.
Warf er zum dritten Male das Netz aus
Kam es herauf mit einem goldnen Fischlein,
Keinem gemeinen Fischlein, einem goldnen.
Wie hub an zu flehen das goldene Fischlein,
Ließ vernehmen sich mit menschlicher Stimme:
»Laß du mich ins Meer zurücke, Alter,
Kostbar Lösegeld will ich gern dir geben,
Will mich lösen, womit du nur immer wünschest.«
Da erstaunte sehr und erschrak der Alte,
Fische fing er schon drei und dreißig Sommer,
Niemals hatt' einen Fisch er sprechen hören.
Frei ließ er alsobald das goldene Fischlein,
Redete noch zu ihm die freundlichen Worte:
»Möge dich Gott behüten, goldenes Fischlein!
Mir ist gar dein Lösegeld nicht vonnöthen.
Zieh du hinaus in die weite blaue Meerflut
Und ergehe dich da nach deinem Gefallen.« –

    Kam der Alte zurück zu seiner Alten
Und erzählete ihr das große Wunder:
»Hör', da hatt' ich heute gefangen ein Fischlein,
War ein goldenes Fischlein, kein gemeines,
Und in unserer Sprache sprach das Fischlein,
Bat, zurück zu dürfen ins Meer, ins blaue.
Wollte um kostbaren Preis sich von mir lösen,
Wollte sich lösen, womit ich nur immer wünschte.
Aber nicht wagt' ich ein Lösegeld zu nehmen,
Ließ das Fischlein frei in die blaue Meerflut.«
Heftig schalt darob die Alte den Alten:
»O du alberner Tropf, du Einfaltspinsel!
Zu dumm, Lösegeld zu nehmen vom Fischlein!
Hättest du mindestens verlangt einen Waschtrog,
Siehst ja, durch und durch geplatzt ist der unsre.«

    Ging der Alte alsbald ans blaue Meer hin,
Sieht die Fläche des Meeres leicht gekräuselt.
That er das goldene Wunderfischlein rufen.
Schwamm heran zu ihm das Fischlein, fragte:
»Sag' an. was begehrest du, Alter?«
Und der Alte bückte sich tief und sagte:
»Sei nicht böse, liebes gnädiges Fischlein,
Arg hat mich meine Alte daheim gescholten,
Läßt nicht Rast noch Ruhe mir altem Manne,
Sagt, sie hab' einen neuen Waschtrog nöthig,
Denn der unsere sei schon durch und durch geplatzet,«
Antwortet ihm darauf das goldene Fischlein:
»Sei getrost, geh nach Haus, in Gottes Namen,
Könnet ihn wohl bekommen, den neuen Waschtrog.«
Kommt der Alte darauf zurück zur Alten –
Siehe, es hat die Alte den neuen Waschtrog.
Aber noch ärger schilt ihn jetzo die Alte:
»O du alberner Tropf, du Einfaltspinsel!
Hat der Tropf sich den Waschtrog ausgebeten –
Große Herrlichkeit das, so ein elender Waschtrog
Geh zurücke, du dummer Tropf, zu dem Fischlein,
Mach' deinen Bückling und erbitte ein Haus dir.«

    Ging er alsbald ans Ufer des blauen Meeres,
Hatte das blaue Meer sich jetzo getrübet.
Thät er wieder rufen das goldene Fischlein,
Schwamm heran zu ihm das Fischlein und fragte:
»Sag' an, was begehrest du, Alter?«
Und der Alte bückte sich tief und sagte:
»Sei nicht böse, liebes gnädiges Fischlein,
Aerger noch hat mich meine Alte gescholten,
Läßt nicht Ruhe noch Rast mir altem Manne,
Jetzund will ein Haus das zänkische Weibsbild.«
Antwortet ihm darauf das goldene Fischlein:
Sei getrost, geh zurück in Gottes Namen,
Also sei es, ihr sollet das Haus erhalten.« –
Ging der Alte zurück zur Hütte wieder –
Aber von der war keine Spur mehr sichtbar.
Sondern ein stattlich Bauernhaus steht vor ihm,
Weiß getüncht ist die Esse aus Ziegelsteinen,
Und die Pforte gezimmert aus Eichenbohlen.
Sitzt die Alte am Fenster und keifet weidlich:
»O du alberner Tropf, du Einfaltspinsel!
Hat der Tropf um nichts als ein Haus gebeten!
Geh zurück und bücke dich vor dem Fischlein,
Ich mag nimmer sein eine schlechte Bäurin,
Ich will sein eine althochadlige Dame.«

    Ging der Alte wieder ans blaue Meer hin,
War unruhig geworden die rauschende Meerflut.
Thät er abermals rufen das goldene Fischlein,
Schwamm heran zu ihm das Fischlein und fragte:
»Sag' an, was begehrest du, Alter?«
Und der Alte bückte sich tief und sagte:
»Sei nicht böse, liebes gnädiges Fischlein!
Aerger als je erbost sich daheim die Alte,
Läßt nicht Ruhe noch Rast mir altem Manne,
Will nicht länger sein eine schlechte Bäurin,
Nein, will sein eine althochadlige Dame.«
Antwortet ihm darauf das goldene Fischlein:
»Sei nur getrost, geh hin in Gottes Namen!«
Wandert zurück der Alte zu seiner Alten –
Was erblickt er da? Ein ragendes Herrnhaus.
Oben steht an der Treppe seine Alte,
Trägt ein kostbares Wamms von Zobelfellen,
Hat auf dem Kopf eine reiche Sammetmütze,
Hat um den Hals gereihet köstliche Perlen;
Goldene Ringe glänzen an ihren Fingern,
Rothe Stiefelchen prunken an ihren Füßen.
Vor ihr stehen viel beflissene Diener,
Sie aber schlägt sie und zaust sie wacker am Schopfe.
Spricht der Alte also zu seiner Alten:
»Grüß dich Gott, du hohe adlige Herrin,
Gelt, nun hat deine Seele doch einmal Ruhe!«
Aber hart läßt an die Alte den Alten,
Schicket alsbald ihn fort in den Stall, zu helfen.

    Eine Woche vergeht und dann noch eine.
Aerger keifte die Alte als vorher jemals,
Wieder dann zum Fischlein schickt sie den Alten.
»Geh zurück und bücke dich vor dem Fischlein;
Ich mag länger nicht sein die adlige Dame,
Ich will jetzo werden gebietende Zarin.«
Da erschrak der Alte und seufzete tief auf.
»Hast du, Alte, denn wirklich Tollkraut gegessen?
Kannst ja weder einhergehn noch sprechen geziemend.
Wirst das ganze Reich nur lächerlich machen.«
Aber nur wüthender wurde darob die Alte
Und gab flugs einen Backenstreich ihrem Manne.
»Darfst du, elender Bauer, mit mir so reden,
Darfst du mit der hochadligen Dame streiten?
Ungesäumt geh ans Meer, man sagt dir's im Guten,
Und wenn du willig nicht gehst, so macht man dir Beine.«

    Machte also der Alte sich auf zum Meere;
Hatte sich jetzo schwarz gefärbet die Meerflut.
Thät er wieder das goldene Fischlein rufen.
Schwamm heran zu ihm das Fischlein und fragte:
»Sag' an, was begehrest du, Alter?«
Und der Alte bückte sich tief und sagte:
»Sei nicht böse, liebes gnädiges Fischlein
Wiederum tobet und belfert daheim die Alte,
Will nicht länger mehr sein hochadlige Dame,
Nein, sie will selbstgebietende Zarin werden.«
Antwortet ihm darauf das goldene Fischlein:
»Sei getrost, geh nur heim in Gottes Namen!
Gut, es soll auch Zarin sein deine Alte.«

    Kam der Alte zurück gegangen zur Alten.
Siehe, wahrlich, vor ihm erhebt ein Palast sich,
In der Halle gewahret er seine Alte,
Sitzend als große Zarin an ihrer Tafel.
Edelleute warten ihr auf und Bojaren
Und kredenzen ihr überseeische Weine,
Leckere Kuchen läßt sie sich trefflich munden.
Rings an den Wänden stehen die Wächter dräuend,
Halten die blanken Beile auf ihren Schultern.
Als der Alte das sah, da erschrak er mächtig –
Fiel alsbald der Alten zu Füßen nieder,
Sprach: »Grüß Gott, du große furchtbare Zarin!
Nun, jetzt hat deine Seele doch sicher Ruhe!«
Aber keines Blickes würdigte ihn die Alte,
Sondern winkte nur, ihn hinaus zu jagen.
Sprangen herbei die Großbojaren und Edlen,
An der Thür lief eilends zuhauf die Wache,
Hätte den Alten bald zusammengehauen.
Aber das Volk, es spottete seiner, höhnte:
– Recht geschiehet dir nur, du alter Tölpel!
Sei es dir künftighin eine gute Lehre:
Schlecht gelitten ist stets der Bauer bei Hofe! –

    Eine Woche vergeht und wiederum eine,
Und die Alte tobte noch ärger als jemals.
Hofleute schickte sie aus nach ihrem Manne.
Fanden den Alten, brachten ihn vor ihr Antlitz.
Und es spricht also zum Alten die Alte:
»Geh zurück und bücke dich vor dem Fischlein,
Ich will nicht mehr sein gebietende Zarin,
Ich will sein die Beherrscherin des Meeres,
Auf daß ich wohne im Oceane selber,
Und daß mir das goldene Fischlein diene
Und für mich ausrichte jegliche Botschaft.«
Nicht zu mucksen wagte freilich der Alte,
Nicht ein Wörtchen weiter dagegen zu sagen.

    So begiebt er sich denn ans Meer, das blaue,
Sieht: auf dem Meere lagern schwarze Wetter,
Mächtig schwellen an die zornigen Wogen,
Wälzen sich schwer dahin mit dumpfem Brausen.
Thät er wieder das goldene Fischlein rufen,
Schwamm heran zu ihm das Fischlein und fragte:
»Sag' an, was begehrest du, Alter?«
Und der Alte bückte sich tief und sagte:
»Sei nicht böse, liebes gnädiges Fischlein!
Was soll ich machen mit dem verfluchten Weibe?
Zarin will sie nun auch nicht länger bleiben,
Nein, sie will Beherrscherin sein des Meeres
Und will ihre Wohnung nehmen im Oceane,
Auf daß du selber ihr Dienste leisten mögest
Und für sie ausrichten jegliche Botschaft.«
Gar nichts sagte darauf das goldene Fischlein,
Plätscherte nur mit dem Schwanz umher im Wasser,
Tauchte unter sodann in des Meeres Tiefe.
Lange harrte der Alte am Meere auf Antwort,
Harrte umsonst und kehrte zurück zur Alten,
Da erblickt er wieder seine zerfallene Hütte,
Auf der Schwelle sieht er die Alte sitzen
Und es steht vor ihr der geplatzte Waschtrog.

 


 








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