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Der Jüngling

Walter Hasenclever: Der Jüngling - Kapitel 6
Quellenangabe
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typepoem
authorWalter Hasenclever
titleDer Jüngling
publisherKurt Wolff Verlag Leipzig
printrunZweites bis viertes Tausend
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das glückliche Ende

Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen,
Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!
Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen;
Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint.
Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens,
Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,
Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens,
Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl.
Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören!
Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein.
Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören
Will ich dich rufen und will bei dir sein!

 

Gasglühlicht summt. Ich weiß, ich bin vorhanden,
Und meine Seele hängt am Büchertisch.
Ich schreibe ein Gedicht. Wo werd ich landen!
Im Dunst von großen, lauten Städten fanden
Indessen meine vielen Körper sich.
Schon tauml ich über harten Finsternissen
Ins schäumende Verrücktsein, in die Gruft.
Ein Nerv in meinem Hirn ist aufgerissen,
Nun züngelt Beute auf mit Natterbissen –
Da tanz ich – und es strömt die alte Luft.
Wenn Maskenbälle toller sich betäuben,
Kehrt unser Herz zum Urwald wieder um.
Doch unsre Seelen, ob sie gleich zerstäuben,
Entschweben langsam nach Elysium.

 

Die Überzahl erstarrter Bajonette
Und Brand, der aus vergessnen Wunden loht –
Sie nehm ich an mein Herz, wenn nachts im Bette
Die Angst von fernen Schlachten mich bedroht.
Licht schreit in mein Gemach. Ich spring ans Fenster.
Wer hieb mit einem Schwert in meinen Traum?
Würgengel, Pelikane und Gespenster
Auf schwanken Stricken klettern aus dem Raum.
Man bringt den Morgenkaffee und die Zeitung.
Ich wasche mich, in Tages Vorbereitung.
Ein Brief von einer Freundin stimmt mich schwer.
Wo kommen alle die Begierden her?
Ich ruhe nicht und fühle die Begleitung.

 

Im Schaum von solchen Stunden, unvergessnen,
Erkenn ich tiefer einen Augenblick:
Daß alles sich erfüllt im Unermessnen,
In das uns zaubert unser Lustgeschick.
Ich seh mich unvergänglich wieder schreiten,
Mit einer Dame, fern aus einem Tor;
Stadt wächst, und Mond hinzu von allen Seiten
Du liebe Dame, tritt auch du hervor!
Die großen Plätze in der Stadt erstrahlen
Leer und beklommen wie vor einer Pest;
Doch oben rüsten sich die Kathedralen
Mit spitzen Liebeszungen zu dem Fest.
Wir zogen durch den Tag, o Vagabunden!
Wir sind vom Glorienschein der Nacht erfüllt.
Biblische Landschaft naht, Kastell und Runden –
Was spricht mir wieder dein verjährtes Bild?

 

»Sieh hinaus! Erlebe den Mond und die Stadt!
Ich liebe den Tag, der kein Ende hat.
Man braucht sich nicht auf die Höhe zu führen,
Nur die große Sehnsucht, die muß man spüren!
Mich drängt es in Leiber und Seelen hinein,
Ich könnt eine große Hure sein.
Mit vollen Brüsten will ich genießen,
Und alles verschenken, nie mich verschließen.
Ich opfre mein Leben der heiligsten Glut;
Ich weiß, ich verbrenne – doch brenn ich gut!
So schreit ich gebändigt in Ekstasen:
Ich will dich lieben, ich will mit dir rasen!
Kein Stern, kein Erdteil ist mir zu groß,
Ich reiß ihn aus seiner Beschaffenheit los
Und forme sie alle, Mensch oder Tier,
Nach dem starken Gesetze des Lebens in mir.

 

Ich fühle in meinen Adern, wie du,
Den Samen der Erde. Er rauscht mir zu.
Verkündend gehn wir zu Menschen hin:
Du ein Dichter. Ich eine Schauspielerin.
Sieh noch einmal hinaus! Nun wirst du verstehen:
Mein Leben kann mir nicht untergehen,
Die Kraft wird nicht sterben, sie wird mich beschützen;
Ich werde mich immer mehr besitzen.
Frauen hab ich geliebt und Jünglinge genossen,
Auf viele ist der Strom meines Leibes geflossen –
Ich bin nun am Ende von diesen Genüssen;
Doch lauscht mein Herz den Wäldern und Flüssen
Und läßt erhaben in seinen Schrein
Allen Segen, alle Wunder der Erde hinein,
Um sie einst vollendeter wiederzugeben:
Sieh, das bedeutet für mich das Leben!«

 

Oft am Erregungsspiel in fremden Zonen
Stockt unser Herz. Doch weiter kreist die Zeit.
Gib, große Erde, stärkre Sensationen,
Daß wir, die nur im Unerfüllten wohnen,
Nicht einsam werden vor Vergänglichkeit!
Denn wer sich liebt, der muß sich selbst zerstören
Und krank nach Festen auf der Gasse stehn;
Sein Ohr vermag den Schrei der Nacht zu hören,
Und manches Menschen Auge wird ihn sehn.
Die leere Luft von Kammern und von Zoten
Würgt ihn am Hals. Sein Durst erstickt im Brand.
Da rettet ihn der Schlaf. Begrabt die Toten!
Noch lockt im Osten unbetretnes Land.

 

Und wenn ich stände, wo kein Fuß je stünde,
Auf hohler Flüssigkeit im hellen Mond –
Noch wüßt ich nicht, mit wem ich mich verbünde,
Ich wär genug mit meinem Sein belohnt.
Durchglüht von Ferne und durchwachten Stunden,
Mit alter Melodie am neuen Ort:
So wär ich ewig an mich selbst gebunden;
Was ich gewesen, bliebe ich auch dort.
Denn alles ging durch mich. Ich war die Quelle,
Der Strom und war das Bett, in dem ich rang.
Kraft überschwemmte mich. Doch jede Welle
War meine Lust und war mein Untergang.

 

Doch meine Tat ist nicht mehr sinnverloren;
Ich sehne mich, dies Dunkel zu erhellen.
Ich glaube an mein Glück. Ich bin geboren.
Bin kein Gespenst in würdelosen Zellen!
Aus Eisenbahnen, die die Welt beflügeln,
Winken mir Mädchen. Könnt ich sie beglücken!
Signallaternen und Gewölk auf Hügeln,
Ihr seid ja meine Zeit und mein Entzücken!
So leb ich denn euch allen zu vertrauen.
Schon schlägt hinaus das Feuer der Fabriken.
Zur alten Stätte kommt, geliebte Frauen,
Wir werden manches Wunder noch erblicken!

 

Ein letztes Mal in diesen Versen singen.
Und jeder wandle fort auf seiner Bahn.
Vermocht ich, Jüngling, in dein Herz zu dringen,
Dann war es gut. Ich habe wohlgetan.
O laß von allen in dir einen Klang sein!
Wer vieles ahnt, der wird auch vieles sehn.
Du brauchst in der Umarmung nicht mehr bang sein:
Schaff dir den Rausch! Du kannst ihn überstehn.
Kassiopeia scheint! Auf, Karawane,
Mit erster Röte in den ewigen Raum!
Erdabwärts sinkt dein Haus, Gesicht und Fahne –
Aufschwebst du, übermannt von deinem Traum!

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