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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 10
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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The Harlot's Progress
Der Weg der Buhlerin

Erste Platte

 Der Weg der Buhlerin. Erste Platte

Durch gegenwärtige sechs Blätter hat Hogarth hauptsächlich zuerst den großen Ruhm gegründet, den er, trotz aller Anfechtung von einer Menge jetzt vergeßner Menschen, immer ungeschwächt, ja selbst bis auf diese Stunde sogar ungeteilt, genossen hat. Der Beifall, mit welchem sie aufgenommen worden sind, ist unbeschreiblich. Er erhielt 1200 Subskribenten dazu; man hat sie zur Beherzigung auf Kaffee-Tassen gebracht und auf Sonnenfächern dargestellt, zur Beschauung bei der Hitze und zum Darunterwegschielen in der Not. Die witzigsten Köpfe der damaligen Zeit haben die handelnden Personen dieser Stücke zur Unterstützung ihrer unsterblichen Einfälle zitiert; Theophilus Cibber hat sie als Pantomime auf die Bühne gebracht, und andere haben selbst einzelne Begebenheiten in denselben zu Operetten ausgesponnen. Es war ihnen leichter, den Menschen in dieser untrüglichen Camera obscura nachzuzeichnen, als nach der Natur. Sehr natürlich. Es ist dieses leider recht das Prärogativ dieses papiernen Alters der Welt, daß, seitdem das Universum in den Buch- und Bilderhandel gekommen ist, Tausende von Schriftstellern und Künstlern für den direkten Strahl der Natur erblindet sind, die ganz gut sehen, so bald dieser Strahl von einem Bogen Papier reflektiert wird. Glücklich, wenn die Reflexion immer die erste, und das Blatt selbst immer so plan, so rein und so spiegelhell ist, als dieses, das uns unser großer Künstler hier vorhält.

Das Werk ist überschrieben: The Harlot's Progress, Die Fortschritte der Buhlerin. Ich habe es in unserer Überschrift den Weg der Buhlerin genannt. Ich hoffe, daß in diesem sehr verständlichen Ausdruck die etwas biblische Form hinlänglich und gehörig ersetzt, was ihm, mit dem Englischen verglichen, an Präzision abgehen möchte. Es ist nicht das ganze Leben was Hogarth hier gibt, sondern nur jedesmal eine einzige Szene aus jeder Periode desselben, die sich durch auffallende Abstufung von der vorhergehenden unterscheidet. Mit reiner, selbst sanfter Unschuld seiner Heldin fängt er an, und endigt mit dem tiefsten Verderben. Dieses ist der Weg der Buhlerin. – Hier wenigstens!

Die Heldin des Stücks ist die Tochter eines armen DorfpredigersEigentlich eines sogenannten Curate, eines von den armseligen Geschöpfen, die, wie selbst Johnson das Wort definiert, von einem andern gemietet werden, den Dienst statt ihrer zu versehn. – Die Seelen der Gemeinden sollen darunter gewöhnlich eben nicht leiden, (und das unterhält die Anordnung) hingegen der Leib des Konstituenten würde leiden, wenn die Einrichtung anders wäre. Ich habe diesen Konstituenten in der Folge einigemal den Rektor genannt, denn so heißen sie wirklich in vielen Fällen. Die Klage hierüber ist in England allgemein, und Hogarth mit seiner Satyre hier sehr richtig. in Yorkshire. Vater und Tochter sieht man beide auf dem ersten Blatt. Sie, im Vordergrunde, so eben von dem elenden Wagen abgestiegen, der sie, wie man aus dessen Aufschrift sieht, aus jener Provinz brachte, stehend; den Vater im Hintergrunde, nicht so wohl reitend als bloß zu Pferd. Wie das Mädchen da steht! Eine hohe Schönheit ist sie, wie man sieht, freilich nicht, Hogarth war kein Schönheits-Maler, auch ist er in seinem ganzen Leben, so viel ich weiß, nur von zwei Personen dafür gehalten worden, davon war die eine er selbst, und die andere seine selige Frau. Allein was dem Mädchen an hoher Schönheit abgeht, wird durch höhere Gesundheit, kindliche Simplizität und sanfte Unschuld mit großem Gewinn ersetzt. Ihr Anstand, wie man sieht, ist übrigens der einer derben, reinlichen, braven Dorf-Mamsell, aus der sich was machen ließe – und das geschieht auch. Der Knochenbau an ihr scheint in dem gröbern Dienst der Ceres und Pomona etwas in die Breite getrieben zu sein. Beim Einsammeln von Vergißmeinnicht, Maßliebchen, Veilchen, und der übrigen Busenblümchen der verliebten Schwärmerei wäre der Guß vielleicht feiner geraten. Indessen sie ist noch tief in ihren Zehnen,She is in her Teens, sagen die Engländer von einem Mädchen zwischen zwölf Jahren und zwanzig; weil die dazwischen fallenden sieben Zahlen sich alle in teen endigen: thir teen – nine teen (drei zehn – neun zehn.) Miss in her Teens ist ein bekanntes Schauspiel von Garrick. Man hält die Zeit, da die Mädchen anfangen zu zehnen, fast für gefährlicher als die, da sie anfangen zu zahnen. und wächst noch, auch gehört sicherlich vieles von dem Eckigten in ihrem Zuschnitt auf die Rechnung des Dorfschneiders.

In ihrem Anzuge, so ländlich einfach wie ihr ganzes Wesen, ist indessen nicht die kleinste Lüge; nichts ist zu hoch auf, und nichts zu weit hervorgebaut. Hut und Schnürleibchen und Halstuch schützen und bewahren, was man ihnen anvertraut hat, mit Treue, ohne Prahlerei und mit dem kleinstmöglichen Aufwand, wie Bienenzellen. Im ersten keine unbesetzte Etagen, und im letzteren nichts von leerer Galerie. Das Gesichtchen, das unter ersterem ruht, spricht mit beredtem Stillschweigen, allgemein verständlich, und jedem offen, für sich, und bedarf keiner Erläuterung; über die letztern hingegen, wo bloß Konjekturen verstattet sind, hat Flora die fast überflüssige Bürgschaft geleistet, und ihr Röschen vorgesteckt: Jugendblüte mit Unschuld. Von da geht die Fortifikation abwärts in der gewöhnlichen Manier, mit drei- bis vierfachem Walle fort bis zu den parallelen Füßchen. Wenn der Kommandant sich nicht bestechen läßt, so ist von der Seite Hoffnung für die Kampagne. – An der Seite hängt ein Nadel-Küßchen und ein Scherchen, und von dem rechten Arme ein Bündelchen herab, vermutlich von der weinend scheidenden armen Mutter zuerst dahin gehängt, zur Beschäftigung unterwegs und zur Erquickung. Von der gänzlichen Resignation in der Haltung der Arme und von der Schüchternheit im Blick, gehört allerdings vieles auf die Rechnung des Widerscheins von der vornehmen Uhr der Staatsdame, mit welcher das gute Kind hier en rapport gesetzt ist. Wer Ihro Wohlgebornen sind, soll der Leser zu seiner Zeit erfahren. Noch haben wir es mit der Unschuld zu tun, und kommen daher gleich auf den armen Vater.

Da sitzt er auf dem treuen Familien-Stück, einem erbarmungswürdigen Schimmel,Roucquet sagt: die englischen Geistlichen ritten gewöhnlich Schimmel. Also Schwarz auf Weiß. Da Roucquet mit Hogarth bekannt war, und dieser vermutlich um die Bemerkung gewußt haben muß, so ist es höchst wahrscheinlich, daß der launige Brite dem leichtgläubigen Franzosen die Schnurre aus Mutwillen aufgebunden hat. Dieses gibt zugleich eine mutmaßliche Probe ab, wie Hogarths Kommentar über seine Werke ausgefallen sein würde, wenn er einen hinterlassen hätte. der vermutlich nun schon seit sechszehn Jahren sein möglichstes getan hat (was freilich andere Geschöpfe Gottes besser tun könnten), den armen Reiter mit einer Frau und zehn lebendigen Kindern, bei einer Einnahme von 150 Talern netto in dem reichen Lande zu unterstützen, dem sie alle zugehören. Eine traurige Figur fürwahr! Das Leder an den Knien ist im schweren Dienste durchgekniet, und von der Natur nur so obenhin wieder geflickt. Die Form des Halses und die Stellung der Beine, die etwas von der Kuh und etwas von der Schnitzbank haben, machen die Sache um kein Haar besser. Auch kann man nicht sagen, daß das Pferd durch die Figur seines Reiters, wie wohl zuweilen geschieht, gehoben würde. Dieser ist selbst so was im Dienst der hohen Kirche, wie sein treuer, vierfüßiger Diener allenfalls in jedem hohen Marstalle sein würde. Auch er ist alt, steif, baufällig, und hat sich im schweren Dienst – (gerechter Himmel!) – durch gekniet, und eben so, wie sein Freund, nun wohl ohne Hoffnung auf ein weicheres Lager. Man sehe nur hin auf den lechzenden Mund und die Lichtblicke auf den Knöcheln der verdorrten Hand! Man erwartet in ihr eher die Sense des allgemeinen Freundes der lebenden Natur, als den Zügel. Er sitzt in seinem Amtshabite da, dem einzigen im Hause, der noch auf der Heerstraße auf den Respekt rechnen konnte, den man dem Stande der Unschuld unter demselben gewiß versagt haben würde; selbst die Beinkleider nicht ausgenommen. Sie sind sicherlich durchgekniet, und die hohe Stiefel-Kappe nicht bloß Zierde, sondern zugleich Schutz gegen Spott und gegen Lappenfraß. Alle Zierde in der Welt sollte so was sein: Decus et tutamen. Die abgeregnete, abgebleichte und abgekämmte Perücke ist hier von großer Bedeutung. Es war nicht schön von der Reformation, daß sie der Tonsur, die sich immer am Ende noch wohl selbst einmal hilft, die Perücke erlaubte, und doch der schwer zu ersetzenden Tonsur der Perücke selbst, wenn sie einmal eintritt, die Kapuze nahm, die alles gut gemacht hätte. In Deutschland hat man gar keinen Begriff von dem, was die Perücke des Geistlichen (The Clergyman's Wig) in England ist. Nicht? – Nein! O! wenn man mir viel widersprechen will, so sage ich gerade heraus, man weiß in Deutschland gar nicht was Perücken sind. Was wir haben, sind bloße Präparate von Perücken. Um kurz von der Sache zu kommen: in Rücksicht auf Würde und Eindruck sind sie dort völlig der Bart der Alten, nur daß die Haare auf der negativen Seite sitzen. Und der Form nach? Gut, ich will wenigstens die des Geistlichen beschreiben; in der Blüte versteht sich; Linneisch. Jedermann weiß wie die Zwiebeln blühen. Die Blümchen bilden, zusammen genommen, eine Art von Sphäre, die auf dem hohlen Zwiebel-Halm wie gespießt, hoch und fest sitzt. Nun denke man sich unter dem hohlen Halm den Hals, und von jener Sphäre so viel Blümchen von vornen weg als nötig ist eine Maske, und von oben so viel, als erfordert wird einen Hut aufzunehmen, jedoch ohne Maske und Hut, so hat man ganz die Gestalt und selbst die Farbe einer englischen Clergyman's Wig. Ich weiß nicht, ob es verwirrte Phantasie oder sonst eine Metastase von Dichtergabe bei mir ist, aber ich habe oft, bei schönen Sommerabenden, wenn ich die hohlen und mageren Halmen nicht mehr deutlich sehen konnte, mich unmöglich enthalten können, ein blühendes Zwiebelfeld für einen englischen Kirchen-Konvent zu halten. Nun werfe man noch einen letzten Blick auf das beregnete Schaf-Fell unsers Armen, dort auf dem Schimmel. Hogarth spricht hier zum Herzen, und der Himmel behüte, daß wir dem kleinsten Zug, der dorthin führt, eine andere Richtung geben sollten! Er redet, sage ich; gerade hin zu dem Herzen derer in der Welt, die wissen, was es dem Redlichen für ein Bürsten und Reiben und Kämmen kostet, ehe er dahin kömmt, immer unverschuldet, nicht einmal öffentlich die armseligsten Insignien seines Standes und Ordens aufstellen zu können; des Ordens, dem er, vor den Augen des ewigen Richters oft wohl mehr Ehre machen mag, als der zeitige Kommandeur. Es ist hier Ernst, teuerster Leser, und deswegen bitte ich dich noch um einen Augenblick. O! ritte doch einmal diese Toden-Figur, in lustiger Gestalt, wie Lenorens Wilhelm beim Gattertor, an der Decke des Saals hin, wo der Bischof oder der Rektor ihr Te Deum – schmausen, oder sprengte auf der Schnitzbank über den Weg, wo sie es in einer Kutsche mit flüchtigen Vieren, rennen; und sähen in diesem Bilde den Mann, ihres Fleisches, ihres Blutes, ihres Ordens (ihrer Perücke könnte man sagen), der sein Te Deum bei größerm Verdienst sein ganzes Leben durch hungern mußte; es würde besser werden mit der armen Geistlichkeit in dem reichen England. – Doch das ist Poesie. Weg damit – in diesen Tagen.

Mit der Poesie versteht sich; denn bei dem armen Pastor und seiner Tochter müssen wir noch einen Augenblick verweilen. Der Alte hat sie, als das erste unter seinen Kindern, das Gangbarkeit für die Welt von der Natur erhielt, nach der Stadt begleitet, Sie auf dem Karren, und Er – auf dem armen Schimmel: er wählte zwischen zwei Stoßmaschinen, und wählte für sich die wohlfeilste, nicht die bequemste. Sie kommen beide so eben in der Glocke (the Bell-Inn) in Woodstreet, einem bekannten Wirtshause an. Der Alte liest die Adresse eines Empfehlungs-Schreibens: To the Right Reverend Bishop – London (An den Hochwürdigen in Gott andächtigen Bischof – London). Ein Empfehlungsschreiben, das treffen kann, wenn es nicht blind geladen ist. Er hat die Brille nicht bei sich, und studiert mühsam an der Adresse. Diesen Augenblick macht sich der Schimmel zu Nutz, nachzuholen, was er unterwegs versäumt hat, und greift gierig nach dem Packstroh von irdenem Geschirre, das hier zum Verkauf steht. Blumentöpfe, Schüsseln und Pfannen, und was es sonst sein mag, alles leer, stürzt darüber dem Hungernden entgegen. Sehr ominös! Vermutlich wird, wenn es hierüber zur Sprache kömmt, die Rechnung für leere Schüsseln sehr viel mehr betragen, als manche volle unterwegs gekostet haben würde, die man verweigert hat, und als die ganze Ersparnis bei der Stoßmaschine, und als, (die Hoffnungen abgerechnet), der ganze Wert des Briefchens an den in Gott Andächtigen! Doch wir müssen weg von dieser Jammerszene, es ist noch viel zu tun.

Lebe also wohl, du armes Paar, wir sehen uns so bald nicht wieder. Leide noch einige Zeit mit Geduld die wenigen Stöße deines gemeinschaftlichen Schicksals, die noch zurück sein können, bis zu dem großen Gnadenstoße der Natur hin, der allem ein Ende macht. Er wird dir zugleich, guter Alter, den Anblick des unaussprechlichsten Jammers ersparen, der deiner lieben Maria wartet. Noch weißt du es nicht, daß der Zug, den du da von York her mit deinem treuen Diener anführtest, ein Leichenzug war, durch den die Tugend, und folglich die Glückseligkeit deiner Tochter zum schrecklichsten Grabe gebracht wird! Und du, treuer Schimmel, in dessen Seite ich so eben gleich hinter dem Sporn deines Reiters, ein Fleckchen von Wichtigkeit erblicke, das dem Künstler nur einen Druck mit dem Griffel, aber dir dein teures Blut gekostet hat, glaube mir, ich habe bei der Entdeckung dreifach für dich gefühlt. Es war mir leid, so kurz vor unserm Scheiden, noch diese Konjunktion zwischen dir und deinem Herrn zu entdecken. Aber tröste dich. Die Gleichheit zwischen euch ist dennoch sehr viel größer, als du denkst. Auch er hatte sein ganzes Leben hindurch einen unbarmherzigern Reiter als du, und es würde dem Künstler mehr als einen Strich gekostet haben, die Narben darzustellen, die das arme Opfer hier jetzt mit der geistlichen Copri-MiseriaCopri-miseria, Jammer-Deckel, der bedeutungsvolle Name einer Art Überröcke (weltlicher versteht sich) in Italien. bedeckt.

Unsere Heldin, das gute, ehrliche Dorf-Mägdchen, steigt also, aus Yorkshire kommend, in London, im Wirtshause zur Glocke ab. Das gesunde Land-Pflänzchen wird aus seinem nativen Erdreich in den unermeßlichen Garten verpflanzt, mitten unter Düngsalze und Insekten, die man in Yorkshire nicht kennt, von tausendfacher Form; Sie gerät auch, unglückseliger Weise, sogleich auf eines der infamsten Beete, weit und breit. Noch ehe sie wurzeln kann, bringt ihr das Insekt, (ich rede hier von Ihro Wohlgebornen mit der vornehmen Uhr,) den giftigen Stich bei, der ihren geraden Schuß, für diese Zeitlichkeit wenigstens, auf immer verderben wird. Dieses hängt so zusammen:

Hogarth läßt das Mägdchen aus Yorkshire kommen. Warum aus Yorkshire? Der Künstler und Schriftsteller für die Nachwelt, tut keinen Strich ohne Bedeutung. Yorkshire liefert (ich rede hier mit dem Statistiker) die schönsten Mägdchen; von Pferden wissen sie es schon. Und der Wagen, mit den ärmsten, nicht gerade häßlichsten dieser Geschöpfe beladen, kehrt wöchentlich in der Glocke in Woodstreet ein, oder spricht da wenigstens an. Dieses ist die Szene. Zur weitern Ausmalung derselben nur noch ein Paar Worte. Über der Haustüre sieht man das geschachte Feld. Was es bedeute, ist oft ein Zankapfel auch noch neuerlich in englischen Monatsschriften gewesen. Der Streit scheint aber nun entschieden. Es ist das Zeichen, das alle Häuser, worin starke Getränke geschenkt werden, notwendig führen müssen. Die Familie Warren, die ein so geschachtes Feld im Wappen führt, hat nämlich bis diese Stunde ein ausschließendes Recht, Freiheit zu einem solchen Schank zu erteilen, und es ist herkömmlich, zur Erleichterung der Taxensammler dieses Wappen-Feld über die Tür und an die Türpfosten groß malen zu lassen, damit sie die Häuser, selbst in der Ferne, erkennen können.Die neueste Untersuchung hierüber befindet sich im Gentleman's Magazine. Sept. 1794. S. 797. Es kömmt in den Werken unsers Künstlers verschiedentlich vor, so wie die Menschen, die in solchen Häusern gewöhnlich angetroffen werden. Der Hof des Hauses liegt, wie man sieht, in einem elenden Winkel. Wenn auch in der Nachbarschaft Häuser stehen, die eine gute Seite haben, so zeigen sie diesem Platze wenigstens nicht die respektabelsten. Das Haus zum Beispiel, linker Hand, mit der Galerie, könnte seinem Nachbar nicht leicht etwas Schlechteres weisen. Auf der Galerie, die im Vorbeigehn zu merken, teils auf Pfosten steht, teils an Stangen hängt, sieht man zwei umgestülpte Töpfe. Es scheint dieses ihr gewöhnlicher Aufenthalt am Tage zu sein, frische Luft da zu schöpfen; des Nachts ziehen sie sich zum Dienst der Familien, deren Zahl da oben also zugleich durch sie bezeichnet wird, gehörig zurück. Auf dem ausgespannten Seile hängt Wäsche oder etwas, was diesen Morgen im Wasser war, ob zu künftigem Gebrauch am Leibe, oder bloß in limbo der Papiermühle, ist von einem Stück wenigstens nicht wohl auszumachen. Das Mägdchen, das da oben herabsieht, hält, wo nicht ein Paar Stiefel, wenigstens ein Paar Steifstrümpfe, die mit Wasser stark versetzt zu sein scheinen. Es soll vermutlich etwas abfließen, und sie scheint, diesem Tropfbade für die Vorübergehenden mit Hoffnung eines guten Erfolgs zuzusehen.

In diese elende Winkelschenke hat sich, alles dieses Elendes ungeachtet, der Mann begeben, den man mit etwas verschobenen Waden in der Haustüre stehen sieht. Schon der Umstand, daß er einen Diener mit einem Haarbeutel hinter sich stehen hat, und zwar einen, wie man sieht, ergebensten, läßt nichts Geringes vermuten. Er ist auch bloß hieher gekommen, um den Wagen mit Yorkshirschen Mägdchen abzuwarten, und den Vorkauf beim Ausladen zu haben. Außer dem Trabanten hinter sich, mit dem Haarbeutel, hat er auch noch eine Staatsdame mit dem cul de Paris, vor sich, die offenbar zu ihm gehört. Wer mag der Mann sein? Dieses soll nun der Leser umständlich erfahren.

Der Mann da mit einem Fuße im Hofe und mit dem anderen noch im Hause; die linke Hand auf einen Stock gestützt und mit der rechten in einem Privatgeschäfte begriffen, ist der berüchtigte Obrist Charters. Wer da weiß mit welcher Leichtigkeit Hogarth Gesichter und Formen traf, den muß es freuen, auf diesem Blatt die Physiognomie und die Figur eines der größten Schurken aufbewahrt zu sehen, die der Grabstichel je verewigt hat. Es kommen in unserm Drama unter den handelnden Personen zwei vor, die beide am Galgen gestorben sind, aber dieser Mensch ist nicht darunter; nicht als wenn er minder hängenswert gewesen wäre. Nichts in der Welt weniger. Er wurde bloß deswegen nicht aufgeknüpft, weil er zu den unzähligen Betrugskünsten, die zum Galgen führen, und worin er Meister war, noch sehr weislich die hinzustudiert hatte, selbst den Galgen um seine Gebühren zu schnellen. Nie ist wohl ein Galgen mehr beeinträchtigt worden, als an dem Tage, da diese Bestie auf dem Bette starb. Denjenigen unter unsern Lesern, die mit Pope, Swift, Arbuthnot, und überhaupt den klassischen Schriftstellern der Engländer aus der damaligen Zeit bekannt sind, oder die ein Vergnügen darin gefunden haben, den Geist und Charakter dieses großen Volks auch in den Monstrositäten zu studieren, die ihre Kriminalgerichtshöfe jährlich aufstellen, werden wir hier nichts Neues sagen. Gauner, Hurenjäger, Schurke und Obrist Charters hieß gleichviel. Pope, um geschwind von der Sache zu kommen, sagt gar einmal

Charters and the DevilMoral Essays. Ep. III. v. 20.

Charters und der Teufel. Das klingt fast wie Compagniehandel. Sie hatten auch so was von Verkehr mit einander, wie in unsern Tagen wiederum ein ChartresHerzog von Orleans, vorher Duc de Chartres – Nomen et Omen. Man erinnere sich an den Herzog Regenten. Der nannte sich selbst einen roué, er starb aber bloß rouable, so wie sein Namens-Vetter in England bloß pendable gestorben ist. in Frankreich mit eben jenem warmen Comtoir hatte, und ich glaube es hätte dem Teufel keine Schande gemacht, einige seiner neusten Briefe auf Nantes und Bourdeaux mit: Gebrüder Chartres und Comp. zu zeichnen.

Nun zur nähern Schilderung dieses Geschöpfs. Wir wollen mit der Note zu jener Stelle aus Popen den Anfang machen; mit kalter Prose.

Franziskus Charters ein Mann, der wegen aller Arten von Laster infam war. Als Fähndrich wurde er einer Betrügerei wegen vom Regiment gejagt, (drummed out of the Regiment) hinaus getrommelt. Bald darauf jagte man ihn aus Brüssel ähnlicher Vergehungen wegen, und trommelte ihn endlich aus gleichen Ursachen aus Gent hinaus. Nach hunderterlei Betrügereien beim Spieltische, fing er endlich an, Geld gegen unerhörte Interessen auszuleihen, forderte große Strafgelder, wenn etwas nicht so richtig fiel, wie es sollte, und Prämien für den geleisteten Dienst. Diese Interessen, Strafgelder und Prämien schlug er wieder zusammen zu einem neuen Kapital, und wenn endlich der Zahltermin eintrat: so griff er auf die Stunde zu. Durch diese unermüdete Aufmerksamkeit auf die Laster sowohl als die Bedürfnisse und Torheiten seiner Nebenmenschen, erwarb er sich ein unermeßliches Vermögen.Man schätzte seine jährliche Einnahme auf mehr als 60000 Rtr. Sein Haus war ein beständiges Bordell. Zweimal wurde er wegen Notzucht angeklagt, auch schuldig befunden, aber pardoniert. Bei einem dritten Prozesse von gleicher Beschaffenheit, kam er nicht so leicht weg, er mußte in Newgate sitzen, und große Summen bezahlen. Er starb 1731 in seinem 62sten Jahr. Bei seinem Leichenbegängnisse erregte das Volk einen großen Aufstand. Es wollte den Leichnam aus dem Sarge reißen, und schmiß endlich tode Hunde zu ihm in das Grab. Die vortreffliche Grabschrift, womit der berühmte D. Arbuthnot dieses Ungeheuer aus der Welt hinaus in eine infamierende Unsterblichkeit getrommelt hat (denn getrommelt wird wirklich ein wenig dabei) ist freilich sehr bekannt, aber mancher Leser wegen steht sie, dünkt mich, hier nicht am unrechten Ort. Die Übersetzung ist in einigen wenigen Stellen nicht ganz wörtlich:

Hier
setzt sein im Leben schon
angefangenes Faulen
weiter fort
FRANCISCUS CHARTERS,
der
mit nicht zu beugender
Beständigkeit
und
nur von ihm allein je erreichter
Gleichförmigkeit des Lebens,
trotz
Alter und Schwächlichkeit,
in stäter Ausübung jeden Lasters
beharrte,
dessen der Mensch fähig ist,
Verschwendung
und Heuchelei
allein
ausgenommen.
Vor jener sicherte Ihn
unersättlicher Geiz,
vor dieser
Unverschämtheit ohne gleiche.
So
einzig er durch unwandelbare
Verderbtheit der Sitten
war,
so glücklich war er
in
Aufhäufung von Reichtum.
Denn
ohne Handel,
ohne eigentliches Gewerbe,
ohne Verwaltung öffentlichen
Geldes
,
und ohne eine
der Bestechung werte Stelle
im Staate,
erwarb er sich,
oder vielmehr, erschuf er sich
das Vermögen eines Fürsten.
Er war
der einzige Mensch seiner Zeit
der
zu betrügen wußte,
ohne die Maske der Ehrbarkeit,
und der seine
ursprüngliche Niederträchtigkeit
noch beibehielt,
als er schon Herr war
von 60000 Talern des Jahres;
der
täglich des Galgens würdig,
für das,
was er wirklich tat,
endlich
dazu verdammt wurde
für etwas,
was er nicht tun konnte.Die Erklärung dieser Stelle wird mir der gütige Leser schenken. Die Einleitung zu der Grabschrift enthält bereits, was zum Verständnis derselben nötig ist.
Der du dieses
mit gerechtem Unwillen liesest,
Wanderer,
denke nicht, daß
sein Leben für dich unnütz
war.
Die Vorsicht
ließ die
verruchten Kniffe dieses Scheusals
zu,
künftigen Zeitaltern deutlich
Beweis und Beispiel zu geben:
wie gänzlich nichts
unermeßlicher Reichtum
in den Augen
des ALLMAECHTIGEN ist,
da er ihn
einem Manne gewährte,
der vielleicht
der größte Schurke war, seitdem
die Welt steht
.

Nun das heiße ich einmal eine Grabschrift. Sit tibi terra levis, Charters, mit deinen toden Hunden!

Es ist wahr, es wird hier, wie wir schon erinnert haben, etwas getrommelt. Wenn man aber den großen und gesetzten Charakter des Dr. Arbuthnot dabei betrachtet, dessen Schriftstellerei nichts weniger als ein Phrases-Handel war, so verliert das Zeugnis durch seine poetische Form nichts von seiner Kraft, und hat den Wert von Prose.

Warum man solche Grabschriften nicht auf Kirchhöfen liest? Fürwahr wenn man auf einem Kirchhofe spazieren geht und da die steinernen Empfangscheine liest, die unser aller Mutter gegen vernagelte Kisten ausstellt, die man bei ihr deponiert hat; so kann man nicht anders als glauben, daß sie entweder eine sehr reiche und gute Mutter sein müsse, die willens sei, dereinst die Defekte aus ihren eigenen Mitteln zu erstatten, oder eine sehr einfältige, die sich von manchem Trauerhause ganz erbärmlich schnellen läßt. Ich muß gestehen, daß ich beim Lesen der Grabsteine nicht selten in die Verlegenheit geraten bin, kaum zu wissen, welches denn nun eigentlich die Seite der Herrlichkeit sei. Denn wahrlich! keine glücklichere Welt als die, in welche die Gräber alles ohne den kleinsten Rabatt liefern müßten, was sie da, laut Quittung, empfangen haben, oder die, in welcher alles, was nicht gehenkt wird, solches Probe-Gut wirklich wäre, als aus derselben hieher abgeliefert worden sein soll.

Nun nur noch ein Paar Zeilen des Tout comme chez nous wegen: Einige Tage nach Charters Tod soll, wie man sagt, in der Edinburger Zeitung hinten, mitten unter den Steckbriefchen, die man über Diebe, neue Bücher und Universal-Arzneien, ausstellt, um den Leser aufzumuntern, teils zu fangen, teils sich selbst fangen zu lassen, folgender rührende Artikel gestanden haben:

Stennihill bei Edinburgh den 22. Mai 1732.So werden Ort und Sterbetag in dem Gentleman's Magazine von jenem Jahre angegeben, und nicht wie oben, 1731. »Gestern abend zwischen 5 und 6 Uhr, vertauschte unser teuerster Gemahl und Vater, der Wohlselige Herr ObristWie ein ausgetrommelter pendabler Fähndrich noch als pendabler Obrist habe sterben können, ist nur von einem solchen Tausendkünstler begreiflich. Franziskus Charters von Amsfield, in einem Alter von 62 Jahren, nach einer gänzlichen Entkräftung sein mühseliges aber tatenvolles Leben, mit der frohen Ewigkeit. Religion und Vaterland beweinen in ihm einen tapfern Verfechter, der Waise einen gütigen Vater, und das Armut einen unermüdeten Wohltäter. Diesen schweren Schlag, der die Provinz in Trauer hüllt, fühlt niemand tiefer als wir, seine tiefgebeugten Erben. Überzeugt von dem Anteil, den nicht bloß unsere Freunde, sondern die Welt an diesem Verlust nimmt, verbitten wir uns alle Kondolenz.

Helena Charters
N. Charters,
Gräfin von Weems.«

Dieser Charters, 60000 Taler Revenüen schwer, begibt sich in diesen schmutzigen Winkel, bloß um die Mägdchen-Post aus Yorkshire abzuwarten. Der Kerl hinter ihm ist ein gewisser John Gourlay, den Charters meistens um sich hatte, besonders bei Gelegenheiten, wo etwas fürs Haus angeschafft werden sollte, eine Art von Spürhund. Um die Lippen dieses edeln Paares schwebt etwas, nicht sowohl Kosendes, als wirklich Kostendes, von so ekelhafter Wirkung, daß es allein schon die Hand jedes braven, ehrliebenden Kerls reizen könnte, sich in geballter Form mit beschleunigter Bewegung, ohne weitere Untersuchung, darauf zu legen. Sie trauen indessen auch ihrer eigenen Figur, der Unschuld gegenüber, nicht, und haben zwischen sich und selbst dieses arme, unerfahrene Dorfmägdchen, ein Aneignungsmittelchen einzuschieben für nötig erachtet. Dieses sind Ihro Wohlgebornen, ein alter, abgefeimter Lockvogel, der sonst eigentlich bloß Zotenliedchen pfeift, aber doch noch bei solchen Gelegenheiten den nativen, ländlichen Waldton anzustimmen weiß, um den freien Flug der Vögelchen des Himmels, nach Londonschen Käfigen hinzuleiten. Ein berüchtigtes Weib, nicht gehenkt, aber eines Todes gestorben, der an Schimpflichkeit nur um ein kleines Paar Stufen geringer war, als der Galgentod, aber in jeder andern Rücksicht sehr viel empfindlicher. Es ist nämlich das Porträt einer in jenen Tagen allgemein gekannten und verabscheuten Madam Needham, gemeiniglich Mother Needham, (Mutter Needham) genannt. Sie unterhielt ein liederliches Haus in Park place, einer Sackgasse, wo ich nicht irre, die auf St. James's street, eine der Hauptstraßen der Stadt stößt. Mutter hieß sie vermutlich, weil ihr die Tugend und die Ehre ihrer Zöglinge so sehr am Herzen lag, als ihre eigene. Auch diese hat Pope verewigt.Dunciad. I. v. 323. Er nennt sie die fromme Needham. Eine Kupplerin und Hurenwirtin aus bloßer Ironie fromm zu nennen, wäre ein viel zu alltäglicher Spaß gewesen für einen so witzigen Mann. Nein! sie war wirklich fromm; und trieb die Frömmigkeit, so wie sie von Tausenden getrieben wird, richtig, nach der Uhr. Sie wusch sich jeden Morgen und Abend durch Gebete, nach den besten Rezepten, und alle Sonntage hatte sie große Wäsche; die übrige Zeit war sie auf dem Comtoir oder sonst in Geschäften. Vielleicht wird man glauben, sie wäre eine Betschwester gewesen. So etwas würde Popens Einfall noch mehr herabsetzen, denn was ist alltäglicher als Hurenwirtinnen die Betschwestern sind? Nein! Sie soll wirklich bei ihrem Gebete zuweilen gedacht haben, und das ist differentia specifica, und so wird der Einfall Popens würdig. Man merkt nämlich ausdrücklich von ihr an, daß sie oft weinend den Himmel angefleht habe: Ihr Gewerbe doch – zu – segnen, damit sie – dereinst von solcher Schande befreit, – ihm ganz im Geist und in der Wahrheit – dienen können möge. War das eine Betschwester? Indessen diese wohlgemeinte Bitte wurde ihr vom Himmel abgeschlagen. Sie wurde ergriffen, an den Pranger gestellt, und schon beim zweiten Male (dreimal sollte sie die Operation aushalten) von dem Pöbel, einem ganz analogen Sprichworte gemäß, »Ich liebe den Verrat und hasse den Verräter« so mißhandelt, daß sie starb, ehe es zum dritten Versuch kam. – Das ist doch wohl mehr als gehenkt.

Hier steht Sie. Freilich stark verwittert, der Bewurf fängt an abzufallen, so wie an der Wand des Wirtshauses, die ihrem Kopfe, bedeutungsvoll, zum Grunde dient. Indessen den noch übrigen Reizen die Flucht möglichst zu erschweren, hat sie die Haupt-Schlupflöcher, durch die sie zu entwischen pflegen, mit Pflästerchen verklebt, und die verblichenen vermutlich aufgefrischt. Ich kann mich irren, aber so oft ich diese Nase ansehe, so kann ich mich unmöglich enthalten, an Brillenzwang und Schnupftabak zu denken. Übrigens sieht man wohl, daß das Gesichtchen, zumal der allerliebste Mund, alles mögliche tut, die abschreckenden Spuren zu maskieren, die eine fünfzigjährige Praxis in mancher Gegend zurückgelassen hat. Um ihr Herz, dem des armen Mägdchens durch die Fingerspitzen näher zu bringen, hat sie den Handschuh ausgezogen, denn die oratorische Figur, womit dieses hier geschieht, wirkt nicht durch Kalbfell. Und so sinkt dann das arme Vögelchen in magnetischen Schlaf, während dessen man es in den Käfig einer vermeintlichen Staatsdame steckt, der aber ein Hintertürchen nach Charters Hecke hat, und so ist – alles und alles verloren! – Und auch dieses geschieht während unser guter Alter über dem Studium einer Adresse das Absteigen vergißt. Also auch da wird auf Rechnung des armen Teufels zerbrechliche Ware – umgeworfen, die kein Bistum je wieder leimen wird. So viel vermag ein Recommendations-Schreiben!

So viel von dem wesentlichen Inhalt dieser ersten Szene. Nun noch einiges von der Ausstaffierung. Rechter Hand unten im Winkel, steht ein ganz beträchtlicher Koffer mit M. H. auf dem Deckel gezeichnet. Er enthält des Mägdchens Aussteuer bei dieser ihrer Vermählung mit – der Schande und dem Verderben. Hogarth hat nämlich seine Heldin mit einer Art von Gnadenwahl, die nichts in der Welt rechtfertigen kann, den Namen Mary Hackabout gegeben, der nicht so wohl ihren Charakter, als ihr künftiges Schicksal ausdrückt. Das hätte er bleiben lassen sollen. Das englische Zeitwort to hack drückt, von einem weiblichen Geschöpf gebraucht, allen nur möglichen Schimpf aus, womit es belegt werden kann. Mamsell Maria Jedermanns ist noch die gelindeste Übersetzung, wenigstens frei von den häßlichen Nebenbegriffen, die von dem englischen Worte schwer abzuhalten sind; unter die sich sogar die von Sattel und Zeug mischen sollen. Wozu soll dieses bei einem solchen Werke der Kunst? Und wenn das Mägdchen Hackabout hieß, wie hieß denn der arme, unschuldige Vater? Es macht fürwahr dem Geschmack der Deutschen Ehre, daß sie dergleichen Verrätereien der Dichter an ihren Helden gar nicht, oder wenigstens mit Widerwillen dulden. Wehe auch dem Schriftsteller, der seinen Helden, um ihnen Aufmerksamkeit zu verschaffen, ein Titelchen kaufen muß. Hogarth hatte dieses am allerwenigsten nötig. Er setzt die Geschichte des Mägdchens so durch, und schildert ihr Leben so deutlich, daß man sie am Ende für ein HackaboutKate Hackabout, Käthe Hackabout, war ein um das Jahr 1730 berüchtigtes öffentliches Mensch. Man weiß von ihr nur, daß sie ihrer öffentlichen Aufführung wegen festgesetzt, und ihr Bruder um dieselbe Zeit gehenkt worden ist. halten würde, und wenn der Sattler die Susanna selbst auf den Koffer genagelt hätte. Und so, dünkt mich, ist es recht. Lateinisch, griechisch oder hebräisch gehen dergleichen Namen noch wohl durch, man hat sich da an ihre Bedeutung gewöhnt, so wie an die von Doktor und Magister, die nunmehr, hier und da, den Wert von Taufnamen zu erhalten anfangen. Die Theophilie manches Theophilus steht auf gleichem Fuße mit der Gebenedeitheit des eingefleischten Benedictus – Spinoza. PandemchenVom Griechischen πανδημος, was alles Volks ist. Selbst die, die der Name trifft, werden ihr Schicksal erträglicher finden, wenn sie erfahren, daß es sogar eine Venus Pandemos gab, so gut wie eine Venus Urania. Entschuldigungen gewährt die neue Mythologie, unstreitig die richtige, noch mehr. wäre vielleicht, wenn Hogarth denn doch seine Absicht hätte verraten wollen, der schicklichste Name gewesen. Der Name steht, so viel ich weiß, in keinem Kalender – es müßte ein Frauenzimmer-Kalender sein, und die lese ich nicht. Gleich neben dem Koffer liegt eine arme Gans, fast stranguliert durch die Adresse um den Hals, (ungefähr wie der arme Prediger zu Pferd durch die seinige). Sie heißt: To my lofing Cosen in Tems-stret in London. (An meinen liwen Fetter in der Tems-Gase). Neue Orthographie mit ältlicher Unbesonnenheit in schwesterlicher Verbindung, wie gewöhnlich. Wo soll nun dieses Pandemchen eigentlich hin? Denn in Thamesstreet, einer der tobendsten und wimmelndsten Straßen in London, wohnen die liwen Fetter, die unadressierte Gänse mit Herz und Mund willig annehmen, zu Tausenden beisammen. Das arme Tier ist also gerade so adressiert, wie du gutes Mariechen, und vermutlich deine armen Yorkshirschen Reise-Gefährtinnen dort in dem Wagen, die noch weiter wollen, und denen es an liwen Fettern auch nicht fehlen wird! Noch liegt da auf der Erde eine verpackte Kiste mit einer Adresse. Wir erwähnen ihrer bloß, um dem Leser zu sagen, daß die Adresse auf dem Original eben so vorsätzlich unleserlich ist als hier. Es ist also bloß etwas Allgemeines, was bei dergleichen Gelegenheiten immer vorkömmt, z.B. eine Kiste, die die Erfüllung ihres cito, citissime mit Geduld tagelang abwartet, bis endlich ein treuer Wagen-Knecht, der nicht lesen kann, oder ein schlauer Dieb, der sich nicht darauf einläßt, die Besorgung übernimmt.

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