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In dieser groŖen Zeit ? Aufsštze 1914-1925

Karl Kraus: In dieser groŖen Zeit ? Aufsštze 1914-1925 - Kapitel 47
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleIn dieser groŖen Zeit ? Aufsštze 1914-1925
publisherVerlag Volk und Welt
seriesKarl Kraus: Ausgewšhlte Werke in drei Bšnden
volumeBand 2
printrun1. Auflage
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070802
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Vom großen Welttheaterschwindel

Statt der eigenen Stimme, die die Wirklichkeit im ersten Schrecken des Wiederantritts mir verschlägt und die ihr entgegenzustellen mir immer aussichtsloser scheint und immer unerträglicher wird, hole ich mit beherzter Absicht ein Stück alter Theaterwelt hervor und attestiere mir, weil es bloß die Übertölpelung der Köpfe durch die Perücken darstellt, meine Zurückgebliebenheit hinter allem Betrug des neuen Welttheaters. Ich bescheide mich, meine schon unüberbietbare Mißachtung für alles Kunstgetue, das einer um ihr nacktes Leben ringenden Menschheit sich als Ausdruck eines Zeitbedürfnisses aufdrängt, lieber in der Wahl abgelebter und nie voll erlebter Werte als durch meine eigene Sprache zu bekunden. Denn sie, selbst sie vermöchte im Augenblick nicht den Abscheu zu meistern, den mir das entfernteste Miterlebnis dieses Kultursommers vermittelt hat, dessen furchtbaren Abschluß wohl die Tatsache bedeutet, daß die Zeitungen wieder erscheinen. Ich, dem es beschieden ist, nichts mitzumachen, aber alles zu erleben, Fieberhitze und Schüttelfrost zu erleiden, wo Zeitgenossen sich in Krämpfen der Entzückung winden, und das Grauen dessen, was ich versäume, aus der hassenswertesten Botschaft zu empfangen, ich hatte nicht nur das Unglück, die reinsten Tage, die diese Stadt zu bieten hatte, fern von ihr zu verbringen, sondern auch das Pech, daß am Tag meiner Rückkehr die Zeitungen wieder erschienen und zunächst ausschließlich zu dem Zweck, uns aus unserer tiefen Erniedrigung wieder zu einem Glauben an die heilige Dreieinigkeit der Herren Reinhardt, Moissi und Hofmannsthal zu erheben, zu deren Ehren auch wieder die Kirchenglocken läuten, die so lange nur als Mörser zu uns gesprochen haben. Ich weiß ja nicht, ob eine Kirche noch geschändet werden kann, die während eines Weltkriegs, der als internationales Gaunerstück sicherlich nur der Prolog im großen Welttheater war, das Walten der giftigen Gase gesegnet und nach ihm die Muttergottes mit der Kriegsmedaille dekoriert hat. Wenn aber an dieser Kirche, aus der Gott schon ausgetreten sein dürfte, bevor sie den Welttheateragenten ihre Kulissen und den Komödianten ihren Weihrauch zur Verfügung stellte, wenn an dieser Kirche noch etwas zu schänden war, so dürfte es doch jener Altar sein, der den Herren Reinhardt, Moissi und Hofmannsthal, diesen tribus parvis impostoribus als Versatzstück gedient hat, damit sie an ihm etwas verrichten, was ein blasphemer Hohn ist auf alle Notdurft dieser Menschheit. Denn von wahrer Andacht weiß man in Salzburg, wo einst ein Hermann Bahr gewirkt hat, ein Lied zu singen. Wie ist doch die alte Kultur dieser Stadt herabgekommen, wenn der Fremdenverkehr, der ehedem nur die Kirchentür zu öffnen brauchte, um sich an der Inbrunst eines knieenden Mitarbeiters des Neuen Wiener Journals emporzuheben, wenn er an derselben Stätte gleich ein großes Welttheater braucht! Dorfkirchl hat zugeschaut, da ein alter Schwindler, der schon dem Treiben dieser Zeitlichkeit entrückt ist und im Gebet noch etwas hinaufkommen will, sein Geschäftsbuch mit Gott einleitete, als Gebetbuch fortsetze und hierauf als Tagebuch am Sonntag erscheinen ließ. Und wir waren es mit ihm zufrieden, wenn in diesen dürren Zeiten unserer Bitte »Herr, gib uns unser täglich Barock« einige Erfüllung ward. Aber eine Kirche, deren guter Magen diesen Salzburger Sommer überstanden hat, wo an der Kirchenpforte, mit der kein Bühnentürl mehr konkurrieren könnte, sich statt der Bettler die Schmöcke gedrängt haben, eine Kirche, die derartige Greuel vor dem Herrn mit sich selbst geschehen ließ und schlimmere, als sie je getan, je geduldet und gesegnet hat, sie hat es verwirkt, daß man ihre Angelegenheiten, die sich in der Regel mit solchen des Herzens und des Gewissens gedeckt haben, noch mit Ehrfurcht unerörtert lasse oder mit Delikatesse erörtere. So erkläre ich denn, in einer Gegenwart, in der nach dem Selbststurz der Throne die Altäre ins Chaos der Unehre gesunken sind und wo Hochamt und Großmarkt in dem Einheitsbegriff jener »Messe« verschmelzen, die die Gelegenheit für Händler und Mysterienschwindler bedeutet, so erkläre ich denn mit jener Feierlichkeit, die heute nur noch einem, der aus dieser Kirche austritt, ziemt, daß ich einst die jüdische Glaubensgenossenschaft, in die ich durch den leidigen Zufall der Geburt geraten war, verlassen habe, um mich nach einer Zeit der bequemen und nie genug gewürdigten Konfessionslosigkeit von einem Teufel in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche verführen zu lassen. Man mag mich verdammen, weil ich ohne einen zwingenden Grund, sei es der speziell in die katholische Richtung gewandte Glaube, sei es das häufigere Motiv politischen oder sozialen Strebens, also jener Konversion, die die Konversion eines Geschäftes ist, sie vollzogen habe. Warum ich es getan, ist weit mehr noch Privatsache, als die Religion selbst es zu sein pflegt. Aber wenn der Grund nur in dem Wunsch gelegen war, die letzte Gemeinsamkeit mit den Literaturschwindlern zu verlassen, so bin ich gestraft genug durch die Enttäuschung, sie eben dort wiederzufinden, wohin ich mich vor ihnen zu bergen wähnte. Wie dem immer sei, ich wurde Katholik und ich blieb es wunderbarer Weise noch während des Weltkriegs, was sich aber der erklärenden Vernunft aus der einfachen Tatsache erschließt, daß man hierzulande, um eine Angelegenheit der Weltanschauung in Ordnung zu bringen, zum Magistrat gehen muß und ich, der bis in den Morgen zu arbeiten pflegt, die Amtsstunden verschlafe. Nun aber habe ich nicht nur erfahren, daß die Menschheit durch die von der katholischen Kirche gesegneten Waffen zugrundegegangen ist und dieser nichts übrig blieb, als für das Ergebnis die Muttergottes mit der Tapferkeitsmedaille auszuzeichnen, sondern ich weiß auch, daß der überlebende Teil der Menschheit vor dem Verrecken bewahrt werden könnte, wenn die Muttergottes sich entschließen wollte, ihre Schmeichler zur Auslieferung der Gold- und Silbervorräte, zu nichts nütze als gehabt und vor den Augen des Hungers ausgestellt zu werden, zu überreden. Aber nicht genug an dem: die katholische Kirche, die nicht einmal zu einem kostenlosen Bannstrahl gegen die Dynasten zu haben war, welche den Völkern das Ultimatum der Pest und der Syphilis überbracht haben, die größte Hiobspost seit Erschaffung der Welt, doch die einzige, die zugleich die Entschädigung bot, ein Uriasbrief ihrer Verfasser zu sein – die katholische Kirche, die nicht fluchen, nur segnen konnte, hat zum Schaden den Spott gefügt, indem sie sich herbeiließ, das große Welttheater der zum Himmel stinkenden Kontraste, wo die Komödianten nicht spielen können und von den Pfarrern gelehrt werden müssen, in eigene Regie zu übernehmen und jenen Hofmannsthal aufs Repertoire zu setzen, der sich auf das Leid der Kreatur einen gottgefälligen Vers machen kann und dessen Schwager, ein Pater namens Benvenuto Schlesinger, im Vatikan ein- und ausgeht. Angesichts aller dieser Umstände und weil ein Hauch von Calderon in gleicher Weise dem Salzburger Hotelgeschäft wie der Wiener Literatur zugutekommt und weil es der Fürsterzbischof gewollt hat, daß Ehre sei Gott in der Höhe der Preise, sehe ich mich genötigt, aus der katholischen Kirche auszutreten, nicht nur aus Gründen einer Menschlichkeit, die bei den Hirten in so schlechter Obhut ist, sondern hauptsächlich aus Antisemitismus. Nun, nach dem, was sich in Salzburg getan hat, werde ich also doch einmal früh aufstehen und zum Magistrat gehen müssen und ich kann nur hoffen, daß mein werktätiges Beispiel, das gewiß ein Opfer bedeutet, viele Gläubige nach sich ziehen wird, die aus dem Brand des Welttheaters und der entstandenen Panik, aus der Zeugenschaft des Leichenraubes und der frommen Pantomime, die ihn begleitet, genug Herz, Phantasie und menschheitliche Ehre gerettet haben, um gleich mir den Wunsch zu hegen, ihren Gott aus anrüchigen Kulturgeschäften gerettet zu sehen und einem Verband zu entfliehen, der seine Lokalitäten neu einweiht, wenn dort die Seele eines Selbstmörders der Qual dieser Welt entfloh, aber nicht, wenn daselbst ein elender Theaterhandel mit Resteln von Gnade effektuiert wurde. Es mag ja gewiß erstaunlich sein, daß ich, statt in die Kirche einzutreten, um mir ein Urteil über ein Stück des Herrn Hofmannsthal zu bilden, aus ihr austrete. Aber zu jenem befähigt mich allein schon mein Geruchsvermögen für alle Unechtheit, mein Spürsinn für das Talmi einer »goldenen Gnadenkette« und ein unzerstörbares Gefühl für den Takt der Zeit, die auf Leichenfeldern nicht Festspiele zu veranstalten hat, jedoch auch die Lektüre einer einzigen Szene, die ich für einen so aberwitzigen Dreck halte, daß ich selbst dieser unverlegensten aller Epochen nicht zugetraut hätte, so etwas mit den höchsten Begriffen der Menschheit in Verbindung zu bringen, selbst wenn ihr diese nur als die himmlischen Ornamente einer Zeitungswelt überkommen wären. Dies, was Herrn Hofmannsthal betrifft. Was Hamlet angeht und sein Liebsgetändel, so scheint ja mein aufklärendes Wort im Verein mit der Not dieser Tage den valutarischen Hochflug der Moissi-Seele soweit gehemmt zu haben, daß die Bergpredigten schon vor wesentlich geleerten Häusern stattfinden und daß man in Erwartung des unvermeidlichen großen Welttheaterkrachs dieser Saison den Unwiderstehlichen getrost der andauernden Ekstase junger Gänse sowie der Zuckerkandl überlassen kann. Der dritte, Herr Reinhardt – der Träger des Problems dieser Theatermenschheit, die ihres Zusammenbruchs nicht bewußt wird, wenn sie den Triumph einer Regiekunst ausschreit, die man ehedem, in der Zeit der Persönlichkeiten, zum Krenreiben gebraucht hätte – er scheint nun einmal bestimmt, der Zeremonienmeister einer freihändig offerierten Kultur zu sein, die um eine Renaissance des Barock sich die Valuta aus dem Leib schindet. Sein Expansionsdrang umfaßt nun vom Zirkus bis zur Kirche alle Örtlichkeiten, in denen im Zusammenfließen von Publikum und Komparserie sich immer ein voller Saal imaginieren läßt und wo vor dem Rollenwechsel von Zuschauer und Akteur, Hanswurst und Priester allem Weltbetrug ein hohes Entree abzugewinnen ist. Ich würde ihn für das Verbrechen seiner Offenbach-Inszenierungen im Gefängnis sitzen lassen, aber ich wäre schon mit der gelindern Vollstreckung zufrieden, die Proben des Herrn Reinhardt zu überprüfen und ihn, den seine publizistische Komparserie als den größten Nach-Träumer dichterischer Vision preist, auf frischem Nichtverständnis jeder dichterischen Zeile zu ertappen. Doch wie unfruchtbar wäre es, den Welttheaterruhm dieser Firma als den größten Humbug, der der Presse je geglückt ist, zu entlarven, wenn die Zeit den Schein, der ihr wahrer Ausdruck war, schon von selbst erledigt, aber ihm eine Affenkomödie des Dilettantismus wie das Theater des Herrn Jeßner als Treppenwitz nachsendet. Immerhin dürfte Wien noch ein Boden für allerwelts abgetakelte Managerkünste sein und einen Budapester, der in Berlin kein Geschäft mehr machen kann, als verlorenen Sohn empfangen, zu dessen Ehren manch ein gemästet Kalb zwar nicht geschlachtet wird, aber Artikel schreibt. Denn an dem Tage, als die Zeitung wieder erschien, wußte sie zu erzählen, daß vor seiner Intensität des Gefühlsausdrucks frühere Vorführungen des »Clavigo« – jedenfalls auch die mit Sonnenthal als Clavigo, Lewinsky als Carlos und Baumeister als Beaumarchais – »zu verblassen scheinen«, und führte als Beweis für diesen Hexenmeister hauptsächlich an, was sein Theatervorhang, der bekanntlich schon bei »Macbeth« nur so von Blut getroffen hat, für Kunststücke vermag. Und da erfuhren wir denn, daß kein Oberkellner in einem Stimmungskabarett mehr für Stimmung besorgt sein kann als der Herr Reinhardt, der sich für die Vision Goethes unmittelbar verantwortlich fühlt. »Auch der unscheinbarste mechanische Vorgang«, versicherte Auernheimer, »dient ihm als willkommenes Ausdrucksmittel«.

So schließt sich etwa nach dem vierten Akt der rote Seidenvorhang, der das Bühnenbild vom Zuschauerraum abgrenzt; aber er tut es nicht mit der gleichen Geschwindigkeit wie nach den anderen Aufzügen, sondern ritardando, ruckweise, im Tempo eines Trauermarsches und Konduktes. Die rührseligen Szenen der zum zweitenmal verlassenen Marie sind vorangegangen; Marie liegt, während sich der Vorhang langsam, wie ein Bahrtuch schließt, tot im Sessel.

Der Vorhang ist von Reinhardt. Auf der Bühne ist etwas gestorben. Ich halte den Nachruf und treibe die Beter vom Altar, die dort den Händlern und Wechslern etwas vorspielen wollten!

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