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Das Jüngste Gericht

Ludwig Tieck: Das Jüngste Gericht - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titleDas Jüngste Gericht
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectidba39fe61
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Ludwig Tieck

Das Jüngste Gericht

Eine Vision

Ich hatte schon manches Jahr in der Welt gelebt, und niemals war es mir im Traum eingefallen, daß man dergleichen Dinge träumen könnte, wie ich sogleich beschreiben werde. Ich hatte mich immer mit dem gewöhnlichen angenehmen Schlafe beruhigt und geglaubt, es sei schon genug, die Augen zuzumachen und auszuruhen, als ich in einigen Büchern las, wie es die Autoren bedauerten, daß sie die Zeit der Nacht als wahre unnütze Faullenzer hinbrächten, ohne im Schlaf ihre Pflichten und Berufsgeschäfte forttreiben zu können, zu denen doch gleichsam nur wenig Wachen gehöre; aber es sei pur unmöglich. Durch diese Winke ging mir über mein eignes unnützes Schlafen ein Licht auf, und ich beschloß, den Fehler, den ich bisher gemacht hatte, zu verbessern und durchaus meinen wachenden und schlafenden Zustand in einander zu ziehen, und zu einem einzigen zusammenhängenden Lebenslaufe zu verarbeiten, was bei mir auch weit eher, als bei Andern möglich ist, weil mein Wachen schon ein Träumen und Phantasieren ist, so daß ich fast nichts zu tun hatte, als meine Imagination noch etwas mehr überhand nehmen zu lassen, und die Sache war geschehn. Welche Aussichten, sagte ich zu mir selbst, bieten sich auf diesem Wege dar! Du brauchst keine Minute deines Lebens unnütz und ohne Beschäftigung verschwinden zu lassen, du wirst der Erste sein, der sogar seinen Schlaf nützlich und fleißig anwendet.

Im Anfang aber ging es übel. Aus Angst, ob ich auch schicklich und zweckmäßig träumen möchte, konnte ich in der ersten Zeit nicht einschlafen, denn die Materie war gleichsam noch zu zähe, daß sie sich nicht wollte verarbeiten lassen, so daß ich den folgenden Morgen recht verdrüßlich war und besser getan hätte, lieber gleich bei einem guten Buch aufzusitzen, da ich doch einmal überwacht war und nun den ganzen folgenden Tag schlafen mußte. Diesen verschlafenen Tag zog ich nun natürlich nicht mit in die Beschäftigung, weil es ein außerordentlicher Zufall war, und auf diese Art hatte ich von meiner Bemühung mehr Schaden als Vorteil. Bald darauf geriet es mir ein wenig besser, nur versah ich es darin, daß es, bei'm Lichte besehn, Lappalien waren, die ich geträumt hatte, fast nur Wiederholungen meiner Beschäftigungen und Gedanken am Tage, was mir auch nicht viel helfen konnte; doch war ich in der Kunst immer schon um einen Schritt weiter gekommen, und ich mußte mich damit trösten, daß der Anfang von allen Dingen schwer sei.

Als ich weiter kam, hatt' ich wieder damit meine Not, daß ich die schönsten Träume bei'm Aufwachen vergaß, oder mich während des Träumens so ängstigte, Alles zu behalten, daß ich darüber erwachen mußte. Ein andermal schien es, als wenn ich Alles recht gut behalten würde, aber wenn ich mich recht besann, so war es Tag, und ich wachte wirklich, so daß mir über die Anstrengung mein klares Bewußtsein verkümmert wurde. Kurz, ich sah ein, wie schwer es sei, selbst in der geringsten Kunst zu einer gewissen Vollendung und Vortrefflichkeit zu gelangen.

Durch meine wiederholten und fortgesetzten Bemühungen ist es mir nun aber endlich so gelungen, daß ich fast träumen kann, was ich will, so daß ich mir ordentlich des Abends ein Thema aufgebe, worüber ich nachsinnen, oder mir Vorstellungen erwecken will; so lege ich mich nieder und führe meinen Vorsatz gut durch, indem ich auch im Schlafe meine Phantasie in Schranken halte und keinen Gedanken passieren lasse, der mir nicht gut und brauchbar scheint.

Mit dieser Übung kam ich darauf, einige Bücher von den Leuten zu revidieren, die schon vor mir auf demselben Wege gewandelt waren. Ich las die Träume des Quevedo und die seines Nachahmers Moscherosch, der unter dem Namen Philander von Sittewalt geschrieben und seinen Vorgänger sehr übertroffen hat. Ohne einen von Beiden übertreffen zu wollen, setzte ich mir einen Traum zum Thema, den Beide geträumt und geschildert haben, um zu sehn, welchen Weg ich einschlagen würde, nämlich den vom jüngsten Gericht, und so mag ihn der Leser, indem ich ihn hier wieder darstelle, mit jenen beiden vergleichen, und um mir nichts übel zu nehmen, niemals vergessen, daß es nichts als ein Traum ist, in welchem die Imagination immer alle ihre Ufer und Schranken übertritt und gleichsam ihr höchstes Vergnügen darin setzt, dem gesunden Menschenverstand vor den Kopf zu stoßen, der zum Glücke tüchtige Kopfstöße vertragen kann. Wie es nichts Ungewöhnliches ist, daß viele denkende Männer über mancherlei Materien ihre Gedanken dem Publikum mitgeteilt haben, so werde ich es auch in Zukunft nicht unterlassen, über sehr verschiedentliche Gegenstände für Wißbegierige meine Träume niederzuschreiben.

Ich war kaum eingeschlafen, als es mir vorkam, die ganze Welt um mich her habe ein neues Gesicht, die Bäume verzogen ihre Mienen, die ernsthaften Berge und Felsen schienen zu lachen, die Ströme flossen mit rauschendem Gelächter ihre Bahn hinunter, die Blumen dehnten sich aus und streckten sieh in allen ihren Farben und schienen wie von einem tiefen Schlafe zu erwachen. Es überfiel mich, daß die ganze Welt in allen ihren Teilen sich zu einem fröhlichen Bewußtsein entzünde, und daß ein neues Licht die uralten Schläfer anrühre, in alle tief verschlossenen Kammern gehe und sie rufe und erwecke. Wo will es hinaus? sagte ich zu mir selber. Die muntern Winde machten sich auf und zogen in ihrem fröhlichen Gange über die Fluren und Gebirge, das Gras und Laub wurde grüner, eine holde Röte färbte den Frühling höher und die Waldvögelein wußten sich mit ihren Stimmen nicht seltsam genug zu gebärden. Indem ich noch im Verwundern war, fühlte ich ganz deutlich, wie es unter meinen Füßen wühlte und den Kern der Erde wie in tausend Pulsen schlug; die unterirdischen Gewässer stritten mit dem inwendigen Feuer, und Erze und Steine strebten, die bevorstehende Geburt noch in sich zu verschließen und fest zu halten. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte verzehrend herunter, sie saugte mit ihren Strahlen die Berge und Ströme an, und die Geister der Welt fühlten ihr ursprüngliches Schmachten nach der Sonne hinauf. Es geschah plötzlich, daß aus der ganzen Natur der Tod und die hemmenden Kräfte herausgenommen wurden, und nun schwang sich die Uhr mit allen ihren Rädern gewaltsam und reißend herum, die Ströme stürzten mächtig und unaufhaltsam die Täler hinunter, die Felsenstücke trennten sich ab und wurden lebendig wie Blumen, die grünen Täler hoben sich und sanken wechselnd nieder. Alle Schöpfungskräfte rannten und stiegen wettlaufend die Adern der Natur hinauf und hinab, die Bäume knospeten und blühten, und Augenblicks quollen die Früchte hervor, sie fielen vom Stamme nieder und das Laub verwelkte, worauf ein rascher Frühling sie wieder dehnte und in ihnen trieb, und so jagten sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter; die Ströme rissen und waren vom augenblicklichen Eise gehemmt, worauf die stürzende Woge wieder lebendig wurde. So ängstigte und erhitzte sich die Natur in sich selber, und endlich sprang die Knospe der Zeit und gab die eingefesselte Ewigkeit mit einem gewaltigen Klange frei, das verhüllte Feuer brach aus allem Irdischen hervor und das ewige uralte Element des Lichtes herrschte wieder über die Tiefe, und alle Geister rannen in Einen Geist zusammen.

Nun schwangen sich die leichten fließenden Ströme in schönen Bildern hinunter, die Gewässer ein leuchtender Kristall, die Blumen durchsichtig, die Gräser leise grüne Flammen; auf der Oberfläche der Erde schwammen die Edelgesteine und das Gold jubilierend, die Sonne schaute sie fröhlich an und hatte sich wieder auf ihre vergessenen Strahlen besonnen, die in der Schöpfung sich in die tiefen Schachten verirrt hatten. Alle Töne wurden Musik und Freudejauchzen, alles Dürftige war reich geworden, alles Unzufriedene und Geängstigte glücklich und zufrieden.

Ich war nun nicht mehr in Zweifel, was es sei, das sich zutrug, es war nämlich der sogenannte jüngste Tag, den ich so oft zu erleben gewünscht hatte, ohne mich mit dem Sterben zu bemühen. Immer war es mein Wunsch, es möchte sich fügen, daß er mir plötzlich auf die Nase schiene, indem ich an nichts weniger gedächte. Wie es denn oft geschieht, daß die fast unmöglichen Ideale und Wünsche der Jugend in Erfüllung gehn, so war es mir auch dieses eine Mal so gut geworden, ohne daß ich selber etwas dazu zu tun brauchte, was in der Tat nur selten vorkommt.

Ich war nun schon daraufgefaßt, daß sich Alles so zutragen würde, wie man es immer in Ansehung dieser Feierlichkeit beschrieben findet, und ich hatte mich nicht geirrt, denn es kam ohngefähr so heraus. Ganze Scharen von Engeln und Geistern zogen durch die verklärte Luft und ein feuriger Thron ward für den Richter zubereitet, der sich niedersetzte, zu richten die Lebendigen und die Toten. Ein großes Posaunen fing an, zwischen dem so wunderbare Stimmen klangen, daß mein ganzes Gemüt davon erschüttert wurde. Es währte nicht lange, so zeigte sich eine Anzahl von bunten und seltsamen Gestalten, die lustig und possierlich durcheinander sprangen, es war nicht anders, als wenn sich ein Füllhorn mit den fabelhaften Göttern der alten Zeit ausgeschüttet hätte; da rannten Satyrn mit Figuren aus dem Tartarus, der finstere Pluto bewegte sich dazwischen, samt den Furien und den Schrecknissen der Hölle, doch hatten alle ein etwas teufelsmäßigeres Kolorit, als man in der Mythologie an ihnen gewohnt ist, so daß ich wohl sah, es würde nunmehr Ernst werden, und ich für mich nicht wenig besorgt war. Wie ich mich noch neugierig und besorgt umsah, wurde ich unter den Satyrn einen sehr armseligen gewahr, der eine Büchse in der Hand hielt und auf mich zielte, als wenn er im Begriff wäre, loszudrücken. Weil man in Träumen gewöhnlich kindisch und furchtsam ist, so fürchtete ich mich auch vor diesem Schützen, vollends da er noch ausrief: Hier gilt weder Übersetzen noch übersetzt werden! Welches sich darauf bezog, daß ich im ersten Taumel und Rausch gleich einen nahe stehenden Teufel nach den beiden großen Gestalten Cervantes und Shakespeare gefragt hatte. Der Schütze drückte und drückte immer noch mit drohender Miene, und ich war in jedem Augenblick besorgt, daß der Schuß herausfahren würde, da ich mich aber stillschweigend fortzumachen suchte, faßte mich ein anderer Gesell mit Hörnern bei den Armen und rief: Bleib, Du Bärenhäuter, wie kannst Du Dich vor diesem anmaßlichen Satyr fürchten, den wir alle nicht dafür erkennen? Ich sagte hierauf: Siehst Du denn nicht, daß er hier seinen Schützenplatz aufschlagen und mich zum Schießvogel aufstellen will? Jener aber sagte wiederum: Seine Schützengilde ist verdorben und vergessen, auch hat er das Schießen niemals gelernt, er hat sich Zeit seines Lebens mit dem Zielen, Anschlagen und Gewehr-Präsentieren begnügt, auch ist zum Überfluß kein Schuß in seiner Büchse, so daß er sich verschossen hat, ohne jemals geschossen zu haben. Ich fragte ihn, wie denn dergleichen unschuldiges Volk in ihre Gesellschaft käme und dabei so erschrecklich große Patron-Taschen umhängen hätte? – Darüber mußt Du Dich nicht wundern, fuhr der Teufel fort; es hat sich allerhand Volks unter uns eingeschlichen, die immer lieber Teufel als Verdammte sein wollen; aber ich hoffe, der jüngste Tag wird diesem Unfuge, nebst vielem andern ein Ende machen.

Nun sollte der Weltgeist alle seine Toten wieder lebendig machen und von unten herauf senden, worauf auf Erden ein gewaltiges Wühlen, Zittern, Rauschen, Rühren, Rutschen, Handtieren, Conferieren, Confiscieren und Spekulieren entstand, indem alle die Millionen gestorbener Kreaturen wieder lebendig zu werden suchten und sich die äußerste Mühe gaben, ihrer ehemaligen Seelen wieder habhaft zu werden. Da konnten nicht Seelen genug gefunden werden; es war ein solcher Handel und Wandel, eine solche Konkurrenz der Leiber und ein solches Laufen nach den unsterblichen Geistern, daß ein Kommerzienrat, der durch einen Zufall zuerst lebendig geworden war, die Hände vor Entzücken zusammenschlug, und sich keine andre Seligkeit wünschte, vorausgesetzt, daß er dazu gelangen sollte.

Endlich hatten sich einige Hunderttausend hervorgemacht und standen da und schauten um, ohne recht zu wissen, was mit ihnen vorgehn sollte. Der alte Nikolai steckte noch in der Erde und wollte durchaus nicht heraus, weil er gehört hatte, daß nun die reine Ewigkeit anfange; er wollte durchaus mit nichts zu schaffen haben, das irgend rein sei, weil er diesem Begriffe einen unversöhnlichen Haß geschworen habe. So sehr ein Greifen und Haschen nach Seelen war, so wollte doch kein Mensch die seinige zu sich nehmen, so daß diese arme Seele, von ihrem Körper verschmäht und von den übrigen verachtet, ganz rot vor Scham, immer um den eigensinnigen Körper herumflatterte und ihm die besten Worte gab, daß er sie doch nur in sich stecken möchte; er aber grub sich eigensinnigerweise immer tiefer in die Steine hinein und behauptete dreist, seine Bildung lasse es durchaus nicht zu, auf eine so erbärmliche Art wieder aufzuleben.

Da es immer wimmelnder wurde und immer voller, weil unaufhörlich neue Gestalten aus der Erde nachwuchsen, so fing der Platz bald zu gebrechen an, und einige Statistiker freuten sich laut über die große Population im Himmel, indem sie die Ursachen der Bevölkerung bald dem Klima, bald der Staatsverfassung zuschrieben, die sie sich zu studieren vornahmen, um hinter das Geheimnis zu kommen. Einige, die Könige gewesen waren, gingen unter den Leibern mit Entzücken hin und her, um die Konscription einzurichten, wobei sie den Vorteil hatten, daß jeder gestorbene Soldat von Neuem aufleben und zum Dienste wieder tüchtig sein könne. Es tut nichts, sagte ein General, wenn auch beim Verhör drei Viertel von dem Geschmeiße verdammt werden sollten, sie sind nachher nur desto besser zu gebrauchen, denn so sind sie das Feuer schon gewohnt.

Einige Engel erhoben sich in himmlischer Musik und machten die ganze weite Atmosphäre wohlklingend, so daß sich die entzündeten Töne brünstig umarmten und ein mächtiger Liebesatem durch die erwachte Ewigkeit kindlich spielend zog, so daß sich die Herzen der Frommen verklärten und sich den Strahlen der Gottheit auftaten, wodurch in ihnen die Melodien einwohnend wurden und sich mit der dürstenden Seele küßten. Die Luft klagte und sang bräutlich nach, und wundervolle Harmonien lösten sich wie Feuerfunken auseinander ab und regneten golden in herrlichen Bögen und Schwingungen nieder. Das vollstimmige Engelchor ward entzückt und sang ein jubilierendes Lied und spielte lustig und fröhlich auf seinen himmlischen Instrumenten. Einige eben erwachte Musiker aber schrieen dazwischen: Ei was, wo bleibt der Ausdruck? Welche Empfindung soll dargestellt werden? Gebt mir den Text der Worte dazu, damit ich kapabel bin, die Musik zu verstehn, auszulegen und zu beurteilen. Als nun die Elemente wiederklangen und sich die verklärten Erze wie Posaunen, Cymbeln und machtvolle Trompeten gebärdeten und in sich selber willkürlich phantasierten, wollten sie diese Inkorrektheit durchaus nicht leiden und fragten nach dem Musikdirektor, um ihn deshalb zur Rede zu stellen. Seid ruhig, meine Freunde, rief ein englischer Arzt, und beobachtet nur mit mir, wie hübsch und dick alle diese Engelskinder sind, wie glatt und schier; ich wollte eine ansehnliche Summe Geldes verwetten, daß sie sich die Kuhpocken haben inoculieren lassen, und auf demselben Wege hoffen wir Engländer auch noch Engel zu werden.

Das jüngste Gericht war indessen schon angefangen, und Nikolai war trotz seiner Bildung auf zweitausend Jahre verurteilt, von den Teufeln immer Spaß anzuhören, ohne ein Wort zu sprechen. Er hatte Alles für Phantasma und übertriebene Einbildungskraft erklärt und sich unvermerkt Blutigel angesetzt, um sich die ungehörige Poesie absaugen zu lassen; so stand er vor Gericht und empfing sein Urteil, mit den Blutigeln hinten, indem er sich höflich verneigte, um seine Welt zu zeigen, die er auch noch in die jenseitige Welt hinüber gebracht hatte. Sonderbar ist es, sagte er zu sich selbst, indeß die Satyrn sich schon auf beißende Einfälle besannen, um ihn zu strafen, sonderbar ist es immer, daß diese Phantasmen nicht verschwinden, ohngeachtet die Feinde alles Excentrischen ganz lieblich saugen, und satyrisch ist es von den Bestien, daß sie mich loslassen, so wie sie nur irgend Salz wittern. Diese meine Erscheinung vom jüngsten Tage muß ich aber sogleich meinem Freunde Biester mitteilen; es soll in die berlinische Monatsschrift kommen und zwar mit der Bemerkung, daß, so wie ich mit dem Jahrhundert fortschreite, die Blutigel im Gegenteil zurückgehn, ihre Kraft verlieren und selber an Gespenster zu glauben scheinen. Einige Satyrn führten ihn hierauf fort, um ihn in seinen künftigen Wohnort zu bringen.

Jetzt sah man eine Herde von modernen Theologen vorbeiziehn, die alle gegen den Richterstuhl ein sehr anständiges Kompliment verrichteten, sich darauf ebenfalls gegen die Herren Teufel wandten, sich mit vieler Artigkeit und freundlichem Lächeln gegen sie verneigten und dann zwischen Beide mit einer zierlichen Leichtigkeit vorbei zu schlüpfen dachten. Die Teufel aber stellten sich ihnen entgegen, so daß sie stehn bleiben mußten, worauf die Theologen ein unterhaltendes Gespräch anfingen, auch einige darunter sehr geläufig Anekdoten erzählten, um sich ein Bischen die Ewigkeit zu vertreiben. Sie redeten viel über Toleranz und Humanität, andre hatten Listen bei sich, zum Besten der Armenanstalten, und wollten den Gehörnten eine Feder präsentieren, um sich ebenfalls in die Reihe der Wohltuenden einzuschreiben. Die Teufel aber, die keinen Spaß verstanden, schleppten sie mit groben Redensarten vor den Richterstuhl, um da ihr Urteil zu empfangen. Hier wurden sie verhört, doch konnte ich von der Sentenz nichts vernehmen, nur schloß ich aus den Mienen der Satyrn, daß es mit ihnen nicht zum Besten stehen würde, auch hörte ich den einen brummen, als sie wieder vorbei kamen: Dies soll Aufklärung sein? Das sind die Früchte nach aller Kultur und der reinen Lehre, daß wir, die wir nie die Hölle genannt haben – Indem entstand ein großes Geschrei, denn einige Teufel kamen wieder hervor und baten, den gebildeten Nikolai lieber in den Himmel oder anderswo aufzunehmen, denn er sei so übermäßig langweilig und könne durchaus nicht schweigen, so daß es kein Teufel bei ihm aushalten könne, und das höllische Feuer selber auszugehn drohe. Die unendliche Barmherzigkeit ward gerührt, und er verurteilt, in die Nichtigkeit sich zu begeben, in einem Tal, das zwischen Leben und Tod liegt, das weder Himmel noch Hölle ist, das, genau genommen, gar nicht existiert. Er ging mit Freuden hin und sagte, er wolle es sich dort wohl sein lassen, denn es sei sein altes Vaterland, was ihm bei der Auferstehung am meisten leid getan habe, es zu verlassen. Überhaupt, fuhr die Stimme des Richters fort, wollen wir die edle Ewigkeit nicht länger damit verderben, über solche Kreaturen zu urteilen, die nie da gewesen sind, und um die ich niemals gewußt habe, laßt alle diese Gesellen dorthin abtreten, denn sie taugen so wenig für die Hölle wie für den Himmel, wir können die Seligkeit und auch die höllischen Flammen besser brauchen. Wie war ich verwundert, daß die Menge der unzählbaren Scharen durch dieses einzige Wort so auffallend vermindert wurde; von den Scharrfüßen, die diese Nichtigkeits-Dilettanten vor dem Throne machten, entstand ein solches Geräusch, daß man die himmlische Musik auf lange nicht hören konnte, sie zogen mit Freude und Jubilieren in ihren Aufenthalt, und an vielen wurde ich Manuskripte gewahr, die sie mit hinüber nahmen, um sie dort zu vollenden.

Eine Menge von Weibern war aufgestanden, und die Prüden drängten sich mit Gewalt vor, um zu zeigen, wie schamhaft sie wären, denn alle waren nackt. Sie gaben mit ihrer ausgesuchten Tugend dem ganzen Himmel einen Anstoß und wollten durchaus unschuldig sein, indem sie nichts unschuldig fanden; Alles kränkte sie und war im Stande, sie zu verführen; einige davon suchten auch ihre Seele mit den Händen zu verdecken, so außerordentlich schamhaft waren sie. Die Teufel setzten ihnen mit groben Einfällen sehr zu, und so wie sie vor Scham rot oder blaß wurden, leuchtete es um sie her, wie es vor einem Gewitter in den Wolken zu tun pflegt. Sie wurden alle ohne Ausnahme verdammt und klagten nur darüber, daß die Teufel, genau genommen, Männer wären, und was man also im Himmel von ihnen Arges denken könnte. Andre sagten, es wäre ihnen lieb, wenigstens mit Flammen zugedeckt zu werden, denn in der Seligkeit würde ihre Keuschheit auf eine zu schlimme Probe gesetzt sein. Darauf gingen sie mit vieler Decenz fort und mir war wieder frei zu Mute, weil ich mich bis dahin geschämt hatte, ihre unanständige Scham mit anzusehn.

Indem ich noch nachdachte, kam Jean Paul herbeigesprungen und sagte: Ist es nicht zu arg, daß da der jüngste Tag plötzlich hereinbricht, ohne ihn nur ein Bischen zu motivieren? denn was wollen denn die paar sechs oder sieben tausend Alphabete sagen? Und seht Euch nur um, wie prosaisch und gewöhnlich es dabei zugeht. Das hätte ich ganz anders beschreiben wollen. Er hörte meine Antwort nicht an, sondern lief in aller Eil den Prüden nach, die schon weit entfernt waren und von denen er nur noch die letzte erhaschte. Edle, reine Seele! rief er aus, liesest Du noch so fleißig die Rolle der Klotilde? Sie verneigte sich und trat anständig zurück, entschuldigte sich, daß sie für diesmal verdammt wäre, aber vielleicht in Zukunft wieder die Ehre haben würde. Er schüttelte voll Verwunderung den Kopf und verlor sich in der Menge.

Jetzt traten viele Hausväter und Hausmütter mit vielen Kindern auf, und jedes hatte etliche Kinderbücher unter dem Arm, in die sie zuweilen sahen, um ihr Betragen zu regulieren, auch wurden sie nicht selten von den verständigen Eltern zum guten Wandel vermahnt. Der Vater, ein sehr achtbarer Mann, schaute mit einem bedeutungsvollen Blicke umher, schien die Anstalten zu mustern und zuckte mit den Achseln. Ei, ei, hub er hierauf an, indem er sich gegen den allmächtigen Richter wandte, hätt' ich doch gedacht, daß einer, der seit Ewigkeit ist, also ein ziemliches Alter hat, mehr Rücksicht auf Kinder und ihren zarten Verstand haben würde! Was sollen sie sich nun wohl hieraus nehmen? Habe ich sie dazu so fleißig unterrichtet, daß sie nun noch, nach ihrem Tode, in einen gefährlichen Aberglauben fallen sollen? Als nun Alles so blieb, wie es war, wandte er sich an einige von den angesehensten Engeln und sagte: Ei Kinder, tut mir doch den Gefallen und schafft mir die Fratzen fort, besonders die Teufel da, die ich gar nicht ausstehn kann; was soll die zarte Kinderphantasie mit dergleichen Mißgeburten der Phantasie? – Als die Teufel über diese Reden sämtlich zu lachen anfingen, wandte er sich unwillig weg und demonstrierte seinen Kindern, daß sie nur an nichts glauben möchten, was sie dort vor sich sähen, denn es sei zumal nur Phantasterei, und Überbleibsel aus dem Mönchszeitalter. Nach einigen Unterredungen mit den Teufeln, begab er sich, nebst allen Kindern, in die Nichtigkeit, wo er viele vernünftige Aufklärung anzutreffen hoffte.

Es war eine kleine Ruhe gewesen, als man plötzlich, mit großem Erstaunen, ein fürchterliches Wühlen und Arbeiten im Erdboden wahrnahm; es warf mit großen Schollen um sich, und die Erde schien sehr von den Geburtsschmerzen zu leiden und wenigstens einige entsetzliche Riesen anzukündigen. Einige rieten auf den Goliath, Andre auf Titanen, aber Beide irrten, denn es kam nichts weiter, als große Ballen Papier hervor, überschrieben: Allgemeine Literatur-Zeitung. Nun wahrlich, rief ein alter Gelehrter, wem fällt doch hierbei nicht das Horazianische Parturiunt montes ein? Kaum hatten die Teufel das Schauspiel gesehn, als eiligst einige herbeikamen und die Papiere vollends hervorholten, indem einer unter ihnen in einem erschrecklichen Ärger schrie: Nein, wahrlich, die Unverschämtheit geht denn doch zu weit, daß ein Ding, das niemals eine Spur von Leben gezeigt hat, nun bei der allgemeinen Auferstehung auch mit auferstehen will! Ihr denkt wohl, ihr Jahrgänge, daß man auch hier in der Confusion fünfe wird gerade sein lassen? Ihr meint, wenn ihr euch nur lebendig anstellt, so sei es damit schon genug, wie in jenem Leben. Aber nein, mein Freund, hier lassen wir uns nicht die Katze im Sacke verkaufen. Die Literatur-Zeitung stellte sich hierauf hin und sprach in lateinischen Lettern allerhand von den Zeichen der Zeit und von jungen übermütigen Menschen, und daß sie schon sechszehn Jahre gedruckt werde, und daß sie viel für's Geld liefre und daß sie freilich lebe, und daß sie, und daß sie ec. – Der Teufel aber nahm sie ohne Umstände bei den Ohren und riß ihr unvorsichtig das All vom Kopfe herunter, so daß nur noch Gemeine übrig blieb, und so wurde sie vor den Richterstuhl hingestellt. Der Richter sah sie ungnädig an und sagte: Hab' ich in meinen Gesetzen nicht geboten, Du sollst nicht recensiercn? Ich habe, rief hierauf mit großem Eifer der Herausgeber, der in den Papieren wohnte, verstanden: Du sollst nicht raisonnieren, und das habe ich auch treulich gehalten: aber wo steht übrigens das Gebot? denn die Orientalia sind nicht mein Fach. In dem Gebote ist es mit begriffen, versetzte der Richter: Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten.

Wenn sie nur Verstand gehabt hätte, sagte ein Philosoph, so hätte man ihr die falschen Zeugnisse noch verzeihen können, aber so war keine Spur einer Intelligenz in ihr zu finden. Nun meiner Seel, hörte man den Sekretär von unten rufen, der noch wie die Wurzel in der Erde saß, das sind doch handgreifliche Lügen, denn jedermann weiß, daß wir sogar ein eigenes Intelligenz-Blatt gehalten haben, was überdies noch unentgeltlich ausgegeben wurde. Überhaupt, fuhr der Herausgeber fort, kehre sich ein hohes Gericht nur an keine Pasquille gegen die löbliche Anstalt, denn Alles, was man dagegen sagen kann, ist doch nur erstunken und erlogen. Seid nicht so grob, fuhr ihn ein Teufel an. Warum haben sie uns ein Ohr abgerissen, sprach Jener, es geschieht nur, um im Charakter zu bleiben. Nein, im Gegenteil, allerseits hochzuehrende Unsterbliche, hier treffen wir eine allerliebste Ewigkeit an, da hoff' ich noch manchen Jahrgang zum Druck zu befördern, und da doch gleichsam ein neues Jahrhundert eintritt, so wollen wir auch einen ganz neuen Plan dazu machen und sauber mit der Zeit fortgehn, denn stehn bleiben muß man freilich nicht. Wie wär's, meine sämtlichen Herren Teilnehmer (die Sie an der Literatur und an meinem Unfalle Teil nehmen), wenn wir hier, wo wir leider so viel Leben, Unsterblichkeit und dergleichen vor uns sehn, womit wir nichts anzufangen wissen, aus unsrer Literatur-Zeitung vermöge des neuen Plans eine Allgemeine Lethargie-Zeitung einrichten, so wäre uns trefflich geholfen! Er wollte immer noch weiter sprechen, aber er wurde mit allem Papier in das Reich der Nichtigkeit transportiert, wo er fast unentbehrlich war.

Ich hatte mich an dem letzten Schauspiele sehr ergötzt, als mich ein gewandter Teufel, ehe ich's vermuten konnte, selber beim Kragen ergriff, und mich, alles meines Zappelns ungeachtet, vor den Richterstuhl führte. Ich hörte rings um mich her lachen, und mir fiel unter Seufzen das Sprichwort ein: wer zuletzt lacht, lacht am besten. Der Richter fragte mich sehr ernsthaft, wie ich mich hätte unterfangen können, in Zerbino würdige Schulmänner, die zur Verbesserung der Schulen und der Aufklärung, zur Einführung von gutdenkenden Monatsschriften so vielen Eifer, Mühe, Zeit, fast Verstand aufgewandt hätten, unter dem nichtswürdigen Bilde eines Stallmeisters, eines Hundes vorzustellen? Ich antwortete, er suchte Personalien, ich habe es nicht so schlimm gemeint, hoffe ich doch auch nicht jener Autor zu sein, der dort geschildert sei.

Aber, fuhr die Stimme fort, Du kannst nicht leugnen, daß Du große und angesehene Männer in demselben Werke heruntergesetzt und verachtet hast, sie zum Teil mit Namen genannt, zum Teil in Wortspielen hämischer Weise versteckt, wie Dir denn fast Niemand recht ist.

Es war so böse nicht gemeint, fiel ich zitternd ein, ich habe gedacht, Du hieltest vom Spaße was.

Das ist Deine ewige Ausrede, war die Antwort, wenn Du nicht weiter kannst, aber wenn ich Dir auch Alles vergeben wollte, kannst Du es leugnen oder entschuldigen, daß Du schon gegenwärtiges jüngstes Gericht im Voraus geschildert und lächerlich gemacht hast?

Der Vorwurf kam mir unerwartet, ich verstummte, die Angst bemächtigte sich meiner, als ich zu meinem Glücke erwachte.








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