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Abenteuer und Schwänke

Rudolf Baumbach: Abenteuer und Schwänke - Kapitel 4
Quellenangabe
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typepoem
authorRudolf Baumbach
titleAbenteuer und Schwänke
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
printrunSiebentes Tausend
year1886
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090701
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Das Häslein

Zur Zeit, da man die Aehren schnitt,
Ein Ritter auf das Waidwerk ritt
Mit einem Sperber und zwei Hunden.
Die hatten bald ein Wild gefunden;
Ein Häslein war es winzig klein,
Das flüchtete in's Korn hinein,
Dort aber haschte es ein Schnitter
Und brachte es dem jungen Ritter.
Der dacht': »Ich will es lassen leben
Und einem Kind als Spielzeug geben«.
Er streichelte das Thierlein mild
Und trabte weiter durch's Gefild.

Ein Dorf an seiner Strasse lag
Und vor dem Dorf ein Rosenhag.
Darinnen stand am Gartenzaun
Ein Fräulein lieblich anzuschau'n,
An Jahren noch ein halbes Kind
Und fromm wie Gottes Engel sind.
Der Ritter grüsste, wie sich's schickt;
Und als die junge Magd erblickt
Das Häslein mit dem weichen Fell,
Da sprach sie zu dem Jäger schnell:
»Herr Ritter, habt nicht solche Eil'
Und sagt, ist Euch das Thierlein feil?
Es ist so zierlich und so klein,
Drum wollt' ich gern, es wäre mein,«
Der Ritter sah die Jungfrau an,
Die war so lieb und wohlgethan;
Es schwante ihm ein Abenteuer,
Drum sprach er schnell: »Das Thier ist Euer.
Ich geb' es Euch, wie's leibt und lebt,
Wenn Ihr mir Eure Minne gebt.«
Da sprach mit traurigem Gesicht
Die Jungfrau: »Minne hab' ich nicht,
Allein ich hab' in meinem Schreine
Ein Ringlein und zehn Bickelsteine
Und einen Gürtel noch von Seide,
Gar eine schöne Augenweide,
Gestickt mit Perlen und Topasen;
Den geb' ich Euch für Euren Hasen.«

»Den Gürtel dein begehr' ich nicht,
Du liebes Engelsangesicht!
Allein nach deiner süssen Minne,
Du Traute, stehen mir die Sinne.

Drei Küsse nur vergönne mir,
So geb' ich dir das junge Thier.«
»Nichts weiter?« sprach das schöne Kind.
»Steigt ab von Eurem Pferd geschwind,
Zertheilt der Rosen dicht Gesträuch
Und kommt herein und holt sie Euch.«
Der Ritter sprang behend vom Ross,
Die Magd in seine Arme schloss
Und thät ihr rothes Mündlein kosen.
Da lachten im Geheg die Rosen,
Das Pferd, die Rüden braun und weiss,
Und auch der Sperber lachte leis.
Drauf ward das Häslein unverweilt
Dem jungen Fräulein zugetheilt.
Der Ritter, schnell sein Ross beschritt
Und wohlgemuth von dannen ritt.

Die Jungfrau koste sanft den Hasen
Und tanzte lustig auf dem Rasen.
Darauf sie flink zur Mutter lief
Und athemlos vor Freude rief:
»O schaut die kleine Kreatur!
Drei Küsse war der Kaufschatz nur«,
Und thät der Mutter haarklein sagen,
Was sich im Garten zugetragen.
Da war die Mutter sehr erschrocken
Und griff dem Mägdlein in die Locken

Und thät ihr gelbes Haar zerraufen. –
»Ich will dich lehren Hasen kaufen!«

Die Magd erging am andern Tag
Sich wiederum im Rosenhag.
Der Mutter Zürnen war ihr leid,
Drum sprach das Kind in Traurigkeit:
»Ach, dass der Ritter wieder käme
Und seinen Hasen wieder nähme!«
Und als sie's kaum gesprochen, kam
Herbei der Ritter lobesam
Und grüsste über's Rosengitter.
Da rief das Fräulein: »Halt Herr Ritter!
Der Kauf, den ich mit Euch geschlossen,
Hat meine Mutter sehr verdrossen.
Wie hat sie mir das Haar gerauft,
Weil ich das Thier Euch abgekauft!
Drum, lieber Herr, seid gut und mild
Und nehmt zurück das kleine Wild
Und gebt die Küsse Stück für Stück,
Mir armen Mägdelein zurück.«

Da sprach der Ritter grossmuthvoll:
»Was Ihr begehrt, geschehen soll.«
Er sprang geschwind von seinem Schecken
Und schlüpfte durch die Rosenhecken,
Umschlang behend der Jungfrau Mieder
Und gab ihr ihre Küsse wieder.

So mild der Ritter sich erwies,
Dass er ihr auch den Hasen liess.
Drob dankte ihm die Jungfrau warm
Und nahm das Häslein auf den Arm
Und hüpfte wie an junges Reh
In heller Freude durch den Klee.

Dann lief sie in das Haus hinein
Und rief: »Vielliebe Mutter mein,
Nun grollet länger nicht mit mir!
Der Rittersmann war wieder hier
Und gab mir, denkt nur, welches Glück,
Die Küsse allesammt zurück,
Das allerliebste, kleine Thier,
Den Hasen aber liess er mir.«

Der Zorn der Mutter flammte helle.
Sie schlug die Tochter mit der Elle
Und zeterte und schalt sie recht
Und zauste ihr das Haargeflecht,
Dass bittre Thränen weinen musste
Die Magd, die nichts von Minne wusste.
Drauf gab die Mutter gute Lehre
Dem Kind von Sitte, Zucht und Ehre
Und sprach: »Nun lass das Weinen steh'n,
Denn was gescheh'n ist, ist gescheh'n,
Und halt' den Mund, dass nicht im Land
Dein Hasenhandel wird bekannt.

Verstrichen war ein volles Jahr,
Und Bräutigam der Ritter war.
Das Land erscholl von Jubellaut,
Und jeder lobte bass die Braut,
Die Geld und Gut besass genug
Und stolz die Jungfernschappel trug.
Es war an einem Maientag,
Da hielt der Ritter Hofgelag.
Die Flöten und die Harfen klangen,
Die Fahrenden zur Fiedel sangen.
Der Ritter trug ein Festgewand
Und hielt sein Fräulein an der Hand
Und blickte fröhlich auf die Schaaren,
Die zu dem Fest gekommen waren.
Da sah er in den Hof, den weiten
Zwei reichgeschmückte Frauen reiten.
Die eine war schon hochbetagt,
Die andre eine zarte Magd,
Die scheu die Augen niederschlug
Und auf dem Arm ein Häslein trug.
Und als der Ritter sie erschaut,
Da muss' er lachen überlaut.

»Was lacht Ihr?« frug die Braut geschwind,
Neugierig, wie die Frauen sind,
»Sagt an, was werdet Ihr so roth?«
Da kam der Ritter sehr in Noth.
Er hätte, wenn's gegangen wäre,
Verschwiegen gern die Hasenmäre,
Allein die Braut solang ihn plagte,
Bis er die volle Wahrheit sagte
Und ihr erzählte, wie das Kind
Um einen Hasen ihn geminnt
Und wie das Mägdlein unverweilt
Der Mutter solches mitgetheilt
Und wie er ohne Widerstreben
Den Kaufschatz ihr zurückgegeben.

Da lachte hell des Ritters Braut,
Als ihr die Märe ward vertraut
Und sprach: »Das arme Mägdelein
Muss wohl ein rechtes Thörlein sein.
Was du ihr that'st, hat mir gethan
Wohl hundertmal der Burgkaplan,
Doch hab' ich's immer klug verhehlt
Und meiner Mutter nie erzählt«

Vom Sessel auf der Ritter sprang,
Den Zorn er mühsam niederzwang.
Er wandte sich und schritt im Flug
Zum Fräulein, das den Hasen trug
Und scheusam bei der Mutter stand.
Er nahm sie bei der weissen Hand
Und rief in das Getümmel laut:
»Willkommen meine süsse Braut!«

Und gab ihr den Verlobungskuss;
Der schuf der Mutter nicht Verdruss.

Horch! Orgelton und Glockenklang
Und Pfaffenspruch und Chorgesang.
Das Junge Paar zur Kirche schritt,
Den Hasen nahm die Mutter mit.
Da ward dem Ritter seine Braut
Durch Priestersegen angetraut.
Die erste Braut ward kurzer Hand
Zu ihrem Burgkaplan gesandt.
Dann schritten sie zum Hochzeitssaal
Und setzten sich zum Hochzeitsmahl.
Das Häslein mit zu Tische sass
Und Kraut von goldnem Teller ass.

Hier ist des Abenteuers Schluss.
Sich findet, was sich finden muss.

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