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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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Der Spion von Aalen.

Wer die Stadt Aalen besucht, dem zeigt man gewiß auch auf dem Rathaus den Spion, das Wahrzeichen von Aalen.

Mit diesem Spion aber hat es folgende Bewandtnis: Als Aalen noch zu den freien Reichsstädten gehörte, war der Kaiser einst über die Bürger sehr erzürnt, weil sie es gewagt hatten, seinen Befehlen zu trotzen. Er zog mit einem Heer herbei, um sie zu bestrafen. Schon stand er bei Gmünd, wo er sein Lager aufschlug. Die Bürger von Aalen waren darüber sehr erschrocken: denn die Stadt war damals noch klein und die Mauer nicht im besten Zustande. Man hielt Rat, was zu tun sei,und kam auf den Einfall, einen Mann auszuschicken, der das Lager und die Stärke des kaiserlichen Heeres auskundschaften sollte. Die einstimmige Wahl fiel auf einen Bürger, der in der Stadt allgemein als der Schlaueste und Pfiffigste galt. Dieser gab auch die Versicherung, daß er seine Aufgabe gut und gewissenhaft ausführen wolle, und machte sich auf den Weg. Beim feindlichen Lager angekommen, besann er sich nicht lange, sondern ging mutig in dasselbe hinein. Als er den Kaiser inmitten seiner Ritter erblickte, zog er ehrerbietig seinen Hut und sagte treuherzig: »Grüeß Gott, ihr Herra!« Der Kaiser konnte sich nicht entsinnen, wo er den Mann schon einmal gesehen hatte. Er fragte ihn, wer er sei und woher er komme? Gewichtig erwiderte dieser: »Ich bin der Spion von Aalen und möchte nur ein wenig das Lager auskundschaften!« Der Kaiser und sein Gefolge wollten sich über diese Antwort vor Lachen ausschütten. Aber weil er ein Freund von Scherz und Kurzweil war, so behandelte er den Spion aufs freundlichste und führte ihn durch die Gassen des Lagers. Das heitere Erlebnis hatte seinen Grimm verjagt. Er beschenkte den Spion reichlich und gab ihm einen Brief an seine Mitbürger mit, in welchem geschrieben stand, daß er mit solch tapfern und klugen Leuten gerne im Frieden lebe und er der Stadt verzeihen wolle.

Darüber war in Aalen große Freude, und der Spion wurde von seinen Mitbürgern hoch geehrt. Aus Dankbarkeit wurde ihm sogar ein Denkmal gesetzt: er wurde an der Rathausuhr leibhaftig abgebildet, wo er mit dem Perpendikel seinen Kopf hin- und herdrehte und Gesichter schnitt.

Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts der französische Kaiser Napoleon auf Ulm zog, kam er auch durch Aalen. Eine gravierte Fensterscheibe im Gasthof zur Post, wo er logierte, erinnert noch an diesen Aufenthalt. Denn als es einmal einen Auflauf auf der Straße gab, wollte Napoleon rasch das Fenster öffnen und drückte dabei eine Fensterscheibe ein, die nun durch die ebengenannte ersetzt wurde. Vor dem Abmarsch hielt der Kaiser auf dem Marktplatz eine Parade über seine Garde ab. Da brachen auf einmal die Soldaten in ein gewaltiges Lachen aus, denn sie sahen das possierliche Männchen an der Rathausuhr. Napoleon selbst mußte lachen, als man ihm den Gegenstand der allgemeinen Heiterkeit zeigte und die Geschichte dazu erzählte.

(Nach Meier v. R.)

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