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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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Der Mädchenfelsen bei Reutlingen.

Zu den Bergen, die bei Reutlingen den Steilabfall der Alb bilden, gehört auch der Übersberg. Er ist kenntlich an der gewaltigen Felsenkrone, die sich weiß und glänzend vom dunkelgrünen Bergwald abhebt. Der Fels gilt der Umgegend als Wetterprophet. Wenn dichte Nebelmassen ihn umhüllen, so deutet das auf anhaltend schlechtes Wetter. Zerreißen aber die über die Albhochfläche hinstreichenden Winde die Nebelkappe, daß sie in weiße Fetzen zerflatternd zu Tale stürzt und der Fels in reiner Weiße im Sonnenschein steht, dann darf man auf gutes und beständiges Wetter hoffen.

Vor langer Zeit, da Reutlingen und Pfullingen noch kleine Dörfer waren, soll sich auf dem Felsen oftmals eine wunderschöne Jungfrau gezeigt haben. Ihr luftiges Kleid war glänzend weiß, und die Nadeln, mit denen sie strickte, waren aus lauterem Golde. Stundenlang saß sie im Sonnenschein und schaute hinaus in das Land; denn wunderbar ist die Aussicht von dieser felsigen Höhe. Wer die Jungfrau gewesen, weiß man nicht. Manche glauben, sie sei wohl ein Fräulein vom nahen Urschelberge gewesen, wo vor alten Zeiten die Urschel, eine mächtige Fee, ihr schimmerndes Schloß hatte.

Da geschah es, daß die Hunnen in unser Land einbrachen. Sie waren ein wildes Reitervolk und hatten im fernen Ungarlande, weit, weit gegen Osten, ihre Wohnstätten. Dem Lauf des Donauflusses folgend, drangen sie über die Grenze, um Raub und Mord durch die deutschen Gaue zu tragen. Allnächtlich war der Himmel vom Flammenschein der brennenden Dörfer und Siedelungen rot wie Blut, und in das Angstgeschrei der unglücklichen Bewohner mischte sich das wilde Siegesgeheul der Feinde. Um die Freiheit und das nackte Leben zu retten, floh, wer fliehen konnte, in das Dickicht der Wälder, in die Höhlen und Felsklüfte des Gebirges. Aber die raubgierigen Ungarn fanden auch den Weg zu diesen Zufluchtsstätten, und so geschah es, daß auch die einsame Höhe des Übersbergs von ihnen erstiegen wurde. Als einer der Räuber auf dem Felsen draußen die Jungfrau erblickte, deuchte sie ihm eine herrliche Beute zu sein. Voll Begierde, sie zu fassen, lief er auf sie zu. Aber die Jungfrau hüpfte behend wie eine Gemse von Klippe zu Klippe. Und als sie über dem höchsten Abgrunde war und der wilde Geselle sie schon zu haschen vermeinte, sprang sie mit kühnem Sprunge in die grausige Tiefe. Wie eine Nebelwolke flatterte ihr weißes Kleid durch die Luft, und unverletzt kam sie unten an, um gleich darauf im dichten Walde zu verschwinden. Der Unhold aber, verblendet von seiner Gier nach Beute, glaubte den Sprung auch wagen zu können und zerschmetterte am Felsengrund.

Noch heute zeigt man die Stelle, wo dies geschah; den Felsen aber nennt man seitdem den »Mädles- oder Mädchenfelsen«.

(Nach Gratianus, Geschichte der Achalm, von Rommel-R.)

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