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Tagebücher 1918-1937

Harry Graf Kessler: Tagebücher 1918-1937 - Kapitel 2
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authorHarry Graf Kessler
titleTagebücher 1918-1937
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
editorWolfgang Pfeiffer-Belli
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1919

Berlin, 1. Januar 1919. Mittwoch

Heute abend, als ich mich zu Tisch setzen wollte, erschien im Lokal eine Deputation von streikenden Kellnern, die den Betrieb stillegten und dem Direktor ein Ultimatum mit zehn Minuten Frist stellten, innerhalb deren er die Forderungen der Streikenden anzunehmen habe; sonst würde sein Restaurant geschlossen. Nach fünf Minuten verkündete ein Angestellter die Annahme. Die Streikenden, die rote Zettel in ihren Hüten stecken hatten und eine rote Fahne trugen, zogen ab; wir konnten nach dieser Erpressung weiteressen. Viele Lokale sind schon geschlossen, andre gestürmt und demoliert. Außerdem haben heute nachmittag Katholiken und einige Evangelische das Kultusministerium Unter den Linden gestürmt, um den Unabhängigen-Kultusminister Adolf Hoffmann herauszuholen. Wir kommen in die Zeiten des Faustrechts zurück. Die Staatsgewalt ist ganz ohnmächtig.

Berlin. 2. Januar 1919. Donnerstag

Der Antiquar Lippmann ist mit Wertgegenständen der Kaiserin und mehreren Matrosen, zu denen er ein zartes Verhältnis hat, gestern morgen nach Holland gefahren. Ein kleines Satyrspiel, da L. nur durch seine Beziehungen zu Matrosen im Vollzugsrat, die er während der Revolution bei sich aushielt, der Kaiserin den Dienst leisten kann.

Berlin. 3. Januar 1919. Freitag

Abends las Däubler in der Deutschen Gesellschaft größere Teile seines ›Nordlichts‹ vor. Wie er selber körperlich sozusagen unbegrenzt, eine Art von Element ist, so ist auch das Pathos seiner Stimme scheinbar unerschöpflich: eine schöne, dunkle Stimme, von der seine großen und kleinen Gedichte wie Schiffe und Schifflein auf Meereswogen getragen werden. Er meinte, sein ›Nordlicht‹ sei noch fast gänzlich unbekannt – ein Skandal. Es sei doch als Dichtung gar nicht schwer, man müsse in sich nur das nötige Pathos finden, um es richtig lesen zu können. Er selbst erinnerte mich bei seinem Vortrag an den Satyr aus der Ekloge von Vergil, dessen mächtiges Flötenspiel Menschen, Tiere, Bäume, ja selbst das Gebirge in Bewegung bringt.

Ich lernte unter anderen Hans Blüher kennen, wohl den originellsten Kopf unter den jüngeren Denkern. Rothaarig, mit Ohren, die auffallen, weil sie so messerartig scharf und dünn rechtwinklig abstehen.

Berlin. 4. Januar 1919. Sonnabend

Abends gegessen beim heute zurückgetretenen Unabhängigen-Finanzminister Simon in Zehlendorf mit seinem Kollegen Südekum, dazu dem Direktor der Nationalgalerie Justi, Dr. Käsbach und Dr. Hübner. Wenig von Politik, viel von Kunst die Rede. Allgemeine Übereinstimmung, daß in der deutschen Kunst eine Wandlung vom Bürgerlichen zum Volkstümlichen bereits der Revolution vorausgegangen sei. Wandlung vom Impressionismus, der in Tafelbildern intime, bürgerliche Kunst bietet, zum Expressionismus, der Öffentlichkeit, große Räume, monumentale Aufträge, Wirkung auf breite Massen, Pathos und Rhetorik will. Unterschied wie der zwischen einer Causerie in einem Pariser Salon und einer Volksrede in Berlin O oder Schwabing. Käsbach und Justi wollen im Prinzessinnen-Palais eine besondere Galerie für diese moderne, expressionistische Kunst begründen.

Justi, der ein Protegé des Kaisers war, ist jetzt ganz modern und revolutionstreu. Er erzählte Anekdoten vom Kaiser, die nicht zu dessen Vorteil waren. Südekum, recht amüsant, ebenfalls; insbesondere, wie S. M. den alten Plessen in seiner Gegenwart, also in Gegenwart eines Sozialdemokraten, einmal angeschnauzt habe, weil er sich auf den Namen irgendeines Majors nicht besinnen konnte. Justi berichtete eine ähnliche Brüskierung Platens. Man macht immer wieder die Beobachtung, wie vollkommen lieblos über den Kaiser von denen gesprochen wird, die ihm nahestanden – schon vor seinem Sturze, im Frieden, vom Kronprinzen und den anderen Söhnen. Er war ein schüchtern-forscher Mensch, der laut schrie und aufgeregt redete, um seine Verlegenheit zu verbergen; seine Brutalität und kitschige Pose Selbstschutz und Selbstbetrug, eine rein persönliche Angelegenheit, die wir alle jetzt mit Vernichtung des Reiches und Ruin des deutschen Volkes bezahlen. Dieser brüllende, wie ein Löwe brüllende Hase wäre das lächerlichste Ungeheuer der Geschichte, wenn nicht Elend und Blutströme sein Werk wären. Die Verlogenheit seiner Haltung, die nichts Echtes neben sich duldete, hat Staat und Politik ausgehöhlt, Schein und Flitter an die Stelle des altpreußischen Kerns geschoben und dazu das Augenmaß fast des ganzen Volkes verdorben.

Berlin. 5. Januar 1919. Sonntag

Der Berliner Polizeipräsident Eichhorn, eine Figur wie aus einer Offenbachschen Operette, der die öffentliche Ruhe sicherte, indem er bei Aufruhr die Aufrührer bewaffnete und der deutschen Regierung diente, ohne auf seine Monatsgage aus Rußland zu verzichten, ist gestern vom sozialdemokratischen Minister Hirsch abgesetzt worden. Heute morgen erklärt er, von seinem Posten nicht weichen zu wollen, und gleichzeitig rufen in der ›Roten Fahne‹, der ›Republik‹ und sogar der ›Freiheit‹ die Spartakisten und Unabhängigen das Volk zu seinem Schutze auf. Nachmittags soll für ihn demonstriert werden. Die Regierung erklärt dagegen, daß sie bereits mittags den neuen Polizeipräsidenten Ernst in sein Amt einführt.

Ich fuhr nachmittags um fünf zum Alexanderplatz, um zu sehen, wie die Sache steht. Um diese Zeit war jedenfalls Spartakus im Besitz des Polizeipräsidiums. Davor staute sich eine dichte Menschenmenge, alle Elektrischen standen, und vom Balkon redete Liebknecht. Ich hörte ihn zum ersten Male; er redet wie ein Pastor, mit salbungsvollem Pathos, langsam und gefühlvoll die Worte singend. Man sah ihn nicht, weil er aus einem verdunkelten Zimmer sprach, man verstand nur einzelne von seinen Worten, aber der Singsang seiner Stimme tönte über die lautlos lauschende Menge bis weit hinten in den Platz. Am Schluß brüllte alles im Chore ›Hoch‹, rote Fahnen bewegten sich, Tausende von Händen und Hüten flogen auf. Er war wie ein unsichtbarer Priester der Revolution, ein geheimnisvolles, tönendes Symbol, zu dem diese Leute aufblickten. Halb schien das Ganze eine Messe, halb ein riesiges Konventikel. Die Welle des Bolschewismus, die von Osten kommt, hat etwas von der Überflutung durch Mohammed im siebenten Jahrhundert. Fanatismus und Waffen im Dienste einer unklaren neuen Hoffnung, der weithin nur Trümmer alter Weltanschauungen entgegenstehen. Die Fahne des Propheten weht auch vor Lenins Heeren.

Auf dem Potsdamer Platz inmitten einer Gruppe denselben jungen Spartakusredner getroffen, vor dem Riezler neulich auf dem Schloßplatz kniff. Er machte einen breiten Mund auf, fast ohne Widerspruch zu finden. Ich trat ihm entgegen, und sofort war die Majorität der Versammlung auf meiner Seite, namentlich alle Soldaten, weil festgestellt wurde, daß er nie im Felde gewesen ist. Er schrie, er sei am 2. August Unter den Linden verhaftet worden wegen Gegnerschaft gegen den Krieg. Ich hielt ihm aber vor, daß er jetzt den Bürgerkrieg zu Hause und den neuen Weltkrieg draußen wolle; die Versammlung wurde gegen ihn unverhohlen feindlich. Spartakus findet vor sich nur Feigheit, unterstützt durch mangelnde Organisation.

Berlin. 6. Januar 1919. Montag

Elf Uhr Ecke Siegesallee und Viktoriastraße: Zwei Demonstrationen ziehen aneinander vorüber, die eine nach der Siegesallee, die andere nach der Wilhelmstraße. Beide bestehen aus den gleichen, genau gleich gekleideten grauen Kleinbürgern und Fabrikmädchen, schwingen dieselben roten Fahnen, marschieren den gleichen Familienmarschtritt. Nur tragen sie verschiedene Inschriften, höhnen einander im Vorbeiziehen und werden heute noch vielleicht aufeinander schießen. Um diese Zeit ist Spartakus in der Siegesallee noch ziemlich dünn. Aber als ich zehn Minuten später am Brandenburger Tor bin, kommt er in unabsehbaren grauen Scharen die Linden herunter vom Osten. An der Wilhelmstraße kreuzt er sich mit einem ebenso gewaltigen Strom von Regierungssozialisten; vorläufig friedlich.

Mittlerweile werden von Vertrauensleuten aus den Regierungssozialisten die mitdemonstrierenden Soldaten herausgezogen gegen die Linden zu und bewaffnet. (Kommando: »Alles, was gedient hat, heraus! Waffen holen!«) Eine Front gegen die Linden wird gebildet. Man sieht dort eine ungeheure Menschenmenge aufgereiht stehen: Spartakus und die Unabhängigen. Zwischen beiden Fronten, vor der Englischen Botschaft, entsteht ein leerer Platz. Von der Rampe des Palais des Prinzen August Wilhelm halten Regierungssozialisten Ansprachen, lassen die Menge »Hoch Ebert und Scheidemann«, »Nieder mit Liebknecht« rufen.

Plötzlich, kurz nach ein Uhr, ein großer Tumult: »Liebknecht, Liebknecht! Liebknecht ist hier.« Ich sehe einen zarten blonden Jungen laufen, verfolgt von einer Menschenmenge; sie umringen ihn, er bekommt den ersten Faustschlag. Noch immer läuft der blonde Kopf, das atemlose rote Knabengesicht zwischen Fäusten und Stöcken. Man schreit überall: »Der junge Liebknecht, Liebknechts Sohn!« Jetzt stolpert er, verschwindet unter einer siedenden Menschenmasse. Ich habe den klaren Eindruck, jetzt schlagen sie ihn tot. Guttmann klammert sich an mich: »Helfen Sie, helfen Sie! Sagen Sie den Leuten, daß sie ihn nicht totschlagen!« Plötzlich taucht er wieder auf, blutig, mit zerfetztem Gesicht, aufgedunsen, gestützt und gehalten von Spartakusleuten, die blitzschnell herangelaufen sind und ihn herausholen.

Inzwischen ist eine Droschke von der Menge eingekeilt worden zwischen der Rampe und der Mauer des Palais. Man versucht die Insassen herauszuzerren. Der eine von den beiden soll Liebknecht sein; ein alter Bourgeois in einer Droschke. Ich sehe ihn ziemlich deutlich, seine Brille, seinen Schlapphut. Die Menge reißt die Droschke hin und her; der Gaul, ein magerer Fuchs, schwankt nach rechts, nach links wie ein Betrunkener. Plötzlich kommt auch hier Sukkurs. Spartakus ist heran, reißt die Angreifer mit Faustschlägen herunter, läuft im Triumph mit dem müden trabenden Fuchs und der alten Droschke davon.

Jetzt rückt Spartakus aber geschlossen an. Gegen halb zwei sind wir in der Deutschen Gesellschaft bereits hinter der spartakistischen Front. Die Vertrauensmänner rufen die Bewaffneten vor, die gegen das Reichskanzlerpalais aufmarschieren. »Frauen und Kinder nach Hause«, schallt es hier und dort. Vorläufig erfolgt nichts. Ich gehe zum Mittagessen nach Hause durch die Mauerstraße und Leipziger Straße. Vor Wertheim steht aufgereiht eine Schar bewaffneter Zivilisten, Gewehr bei Fuß; man weiß nicht, ob Regierung, ob Spartakus. Auf dem Potsdamer Platz ungeheure Menschenmengen; ein gewaltiger Regierungszug bewegt sich, meistens im Laufschritt, um aufzuschließen, in der Richtung nach dem Belle-Alliance-Platz. Fortwährend wird geschrien. Ganz Berlin ist ein brodelnder Hexenkessel, in dem Gewalten und Ideen durcheinanderquirlen. In der Tat handelt es sich heute um Weltgeschichtliches; nicht nur um den Fortbestand des Deutschen Reiches oder des demokratisch-republikanischen Staates, sondern um die Entscheidung zwischen West und Ost, zwischen Krieg und Frieden, zwischen einer berauschenden Utopie und dem grauen Alltag. Nie seit den großen Tagen der Französischen Revolution hat soviel bei den Straßenkämpfen in einer Stadt für die Menschheit auf dem Spiel gestanden.

Gegen drei gehe ich wieder durch die Wilhelmstraße nach der Karlstraße zum Professor Helbing, der mich am Halse schneidet. Auf dem Rückwege, kurz nach vier (es war noch ziemlich hell), gehe ich einen Augenblick ins Amt. Der Posten vor der Tür läßt mich nur ungern durch. Drinnen ist alles leer; kein Beamter, kein Diener, geschweige denn ein Diplomat; die Zimmer öde und verlassen, nur Soldaten in einigen Fenstern. Die auswärtige Politik des Deutschen Reiches hat ausgesetzt. Ich sehe zum Fenster des großen Vorzimmers beim Staatssekretär hinaus. Auf der Straße brennt vor dem Palais des Prinzen Friedrich Leopold ein Scheiterhaufen, irgendwelche Druckschriften. Vor der Reichskanzlei steht ein großes Lastauto voll von Soldaten. Der Wilhelmplatz ist abgesperrt und leer. Ich gehe hinunter; einige Schüsse fallen. Man weiß nicht warum. Mit meinem Ausweis von Ebert werde ich nach dem Wilhelmplatz durchgelassen. Die Absperrung ist also noch regierungstreu, die Reichskanzlei jetzt, gegen halb fünf, noch in Händen der Regierung.

Ich gehe zum ›Kaiserhof‹, wo ich mir für alle Fälle ein Zimmer geben lasse. Im Inneren ist um diese Zeit der Betrieb noch wie gewöhnlich. Die roten Pagen sitzen reihelang im Vestibül, die alte Garderobenfrau nimmt mir meinen Mantel ab, die Kellner servieren den Tee, allerdings nur vereinzelten Gästen. Um fünf gehe ich hinauf ins Zimmer, um etwas zu schreiben. Während ich schreibe, fallen genau um fünfeinviertel eine Anzahl von Schüssen. Ich höre die Soldaten unten auf der Straße, die diese halten sollen, einander zurufen; einige laufen über das nasse, glänzende Pflaster und suchen Deckung. Dann Stille.

Plötzlich um halb sechs geht eine gewaltige Schießerei los, Maschinengewehre, Artillerie oder Minenwerfer, Handgranaten: Es ist ein Höllenspektakel, ein Schlachtgetöse. Dann Pause, dann um fünf Uhr vierzig dasselbe. Ich gehe hinunter. Auf den Treppen sind jetzt Soldaten. Man erwartet, daß das Hotel von Spartakus angegriffen, vielleicht gestürmt werde. Gäste und Personal, ein kleiner Haufe, sind in der Halle versammelt und beratschlagen, was zu tun sei. Ein Soldatenführer sagt mir, daß wir auf drei Seiten umzingelt sind. Die Regierungstruppen hielten sich noch im Zentrum der Stadt. Darum herum bilde aber Spartakus einen Ring. Wir müßten halten, bis die von der Regierung herangerufenen Entsatztruppen den Spartakusring durchbrächen. Offenbar sind die Regierungstruppen hier viel zu schwach.

Zwei Soldaten kommen herein, die sich, wie sie sagen, von der Friedrichstraße durchgedrückt haben, und bitten um Waffen. Gleich nachher bringt ein Infanterist: einen alten Zivilisten mit zwei Gewehren, die er toten Spartakisten in der Wilhelmstraße abgenommen haben will. Der Mann ist im Gesicht verwundet. Die Gewehre werden ihm genommen; ihn selbst führt ein Soldat auf die Wache ins Palais Friedrich Leopold.

Da es so aussieht, als ob das Hotel ganz abgeschnitten werden könnte, entschloß ich mich, nach Hause zu gehen. Im Augenblick, wo ich aus dem Hotel hinaustrete, beginnt wieder Infanteriefeuer. Ich benutze die erste Pause, um mich nach der Untergrundbahn auf dem Wilhelmplatz in Bewegung zu setzen. Diese ganze Gegend ist jetzt Kriegsschauplatz, öde und dunkel, menschenleer wie zwischen zwei Schützengräben. Mitten auf dem Platz kommt mir aber ein unbewaffneter Infanterist in Mütze entgegen; offenbar ein Verirrter. Er habe sich vom Potsdamer Platz durch die Voßstraße durchgeschlagen. Wie er durchgekommen sei, wisse er nicht. Der Untergrundbahnhof ist geschlossen. Ich gehe mit dem Infanteristen zurück und bis zum Untergrundbahnhof Friedrichstraße, der offen ist. Fahre bis zum Potsdamer Platz, wo die Menge noch immer wogt. In der Potsdamer Straße gibt es wieder Infanteriefeuer, so daß man Deckung suchen muß.

Berlin. 7. Januar 1919. Dienstag

Heute früh um zehn bei mir zu Hause Rattern von Maschinengewehren. Die Ploetz kommt und sagt, die Straße wird beschossen. Ich herunter. Im Hauseingang Hausbewohner und Passanten, die Deckung suchen. Das Gefecht ist fünfzig Meter entfernt am Hafenplatz. Diesen halten Regierungstruppen, die das jenseits des Kanals stehende, von Spartakus besetzte Eisenbahndirektionsgebäude angreifen. Ich gehe bis zum Hafenplatz, wo ein paar Züge Regierungssoldaten hinter Brückenpfeilern und Gerätehäuschen in Deckung stehen. Mitten durch das Feuergefecht fährt oben auf dem Viadukt ein Hochbahnzug. Die Regierungstruppen scheinen nur Gewehre und Maschinengewehre zu haben; keine Minenwerfer oder Artillerie. Wie sie damit das große Gebäude der Eisenbahndirektion nehmen wollen, verstehe ich nicht.

Als ich um elf durch die Siegesallee komme, ist dort große Spartakusparade. Die einzelnen Betriebe marschieren mit ihren Fahnen und Plakaten auf. Darunter viele Soldaten und einzelne Bewaffnete, auch Soldaten mit Maschinengewehren und Munitionskästen. In der Königgrätzer Straße fallen gerade Schüsse. Auf dem Brandenburger Tor stehen Regierungstruppen und ein Maschinengewehr, man sieht die Bedienungsmannschaft herumgehen neben der riesigen Viktoria und den edlen Schinkelschen Rossen.

Die Wilhelmstraße ist wieder schwarz von Menschen, Regierungstreue. Alle Fenster der Reichsämter und Palais starren von Soldaten. Um elfeinviertel spricht vom Balkon des Reichsamts des Innern ein älterer Soldat oder Unteroffizier: »Es wird losgehen! So geht es nicht mehr weiter. Wir müssen die Spartakusbande ausräuchern. Truppen sind unterwegs. Ihr müßt aber mithelfen. Wer für die Regierung ist, soll sich zur Verfügung stellen. Ich habe hier Waffenscheine. Kommt herein und holt sie euch. Mit den Waffenscheinen geht ihr nach der Invalidenstraße zur II. Garde-Ulanen-Kaserne. Dort bekommt ihr Waffen. Aber die Kinder müssen weg von der Straße. Liebknecht wird sie nicht schonen; er braucht Reklameleichen. Nieder mit Liebknecht! Hoch die Regierung Ebert-Scheidemann!« Ziemlich viele aus der Menge drängen nach dem Tor zu den Waffenscheinen.

Nachmittags um vier auf dem Wege zu meinem Arzt beim Brandenburger Tor heftige Knallerei mit Handgranaten und Gewehren; Panik des Publikums. Hunderte von Menschen kommen durch das Tor gelaufen und fliehen nach dem Tiergarten. Ich bleibe unter dem Tore stehen und kann erkennen, daß die Spartakusleute von den Linden in die Wilhelmstraße einzudringen versuchen. Angeblich soll auch eine Gruppe von Spartakusleuten in dem Tor hinaufgeklettert sein und den Regierungszug mit dem Maschinengewehr oben genommen haben. Jedenfalls schießt dieses Gewehr nicht auf die vorgehenden Spartakusse. Als diese bei der Wilhelmstraße abgeschlagen sind und die Schießerei aufhört, gehe ich über den Pariser Platz und durch die Neue Wilhelmstraße unbehelligt weiter. Nicht einmal eine Absperrung. Am Laternenpfahl bei der Wilhelmstraße liegt ein Verwundeter oder Toter.

Die Unabhängigen suchen mit der Regierung ein Kompromiß. Heute mittag wurde verhandelt. Aber Spartakus hat Verhandlungen abgelehnt, und die Unabhängigen sind bisher zu keinem Resultat gekommen.

Als ich vom Arzt zurückkehre, gegen halb sechs, sind der Pariser Platz und die Wilhelmstraße abgesperrt durch Regierungstruppen. Ich komme mit meinem Passierschein von Ebert durch und gehe die Wilhelmstraße hinunter, die vollkommen dunkel und leer ist, eine Einöde zwischen dunklen Gebäuden. Nur Patrouillen mit Sturmhauben. Ein Patrouillenführer schildert mir die Lage, wie sie sich in seinem Kopfe spiegelt. Sie wäre ziemlich verzweifelt. Das Brandenburger Tor in Händen von Spartakus, ebenso das Kriegsministerium und das Leipziger-Straßen-Ende der Wilhelmstraße. Die Regierungstruppen also eingekeilt in der Wilhelmstraße. Als ich durch die Voßstraße weitergehen will, die ebenfalls ganz öde ist, ruft mir eine Patrouille zu: »Umkehren!« Das Voßstraßen-Ende an der Budapester Straße halte Spartakus; ich könne aber durch die Leipziger Straße. Dort stehen an der Ecke in der Tat Regierungstruppen, ebenso im Kriegsministerium. Am Potsdamer Platz ist die Budapester Straße abgesperrt, ebenfalls, wie es scheint, durch Regierungstruppen. Daß Spartakus das Voßstraßen-Ende hat, kann daher kaum richtig sein. Jedenfalls ist heute um diese Zeit die Lage sehr unklar. Die Regierung hat bisher nichts erreicht, ist im Gegenteil in der Verteidigung und hart bedrängt.

Eben um neuneinviertel fällt ein Schuß vor meiner Tür. In der Ferne höre ich seit einer Viertelstunde Maschinengewehre und Handgranaten. Wahrscheinlich am Potsdamer Platz. Neuneinhalb Maschinengewehrfeuer und Infanterieschüsse vor der Tür. Unruhige Nacht. Gegen ein Uhr kurzes, lebhaftes Feuergefecht in meiner Straße; Infanterie und Maschinengewehr. Gegen zwei wieder Gewehrschüsse.

Berlin. 8. Januar 1919. Mittwoch

Das Amt ist noch immer außer Betrieb. Mein Kanzleivorstand Lortz, den ich im Weggehen traf, sagte mir, alle hätten den Befehl bekommen, nach Hause zu gehen. Die Wilhelmstraße ist abgesperrt. Vor der Reichskanzlei wird auf dem Fahrdamm ein Geschütz eingebaut. Vom Balkon des Reichsamts des Innern schießt von Zeit zu Zeit ein Maschinengewehr auf das Haus von Loeser & Wolff an der Ecke der Neuen Wilhelmstraße, um Spartakus zu hindern, dort auf dem Dache ein Maschinengewehr in Stellung zu bringen. Ich gehe an den Häusern entlang nach der Behrenstraße und durch die kleine Passage nach den Linden. Hier, am oberen Teil der Linden, spielt sich bei fernem Maschinengewehr-Rattern das Leben fast normal ab; viel Verkehr, einzelne Läden, namentlich Cafés und Konditoreien, offen. Auch die Leierkästen und Straßenverkäufer wie gewöhnlich.

Auf dem Rückwege finde ich den Pariser Platz abgesperrt; durchschreite aber die Sperre. Durch das Brandenburger Tor hindurch sieht man am Tiergarten eine dichte Menge Menschen. Ich will über den Platz hinüber. Aber als ich in Höhe des Eckhauses Nr. 78 bin (des Hauses, wo Frau Richter wohnt), gibt es plötzlich Schüsse, das Maschinengewehr vom Brandenburger Tor rattert nach dem Tiergarten, die Menge dort stiebt auseinander, man hört ein fürchterliches Wehgeschrei. Dann Stille. Ich bleibe einen Augenblick im Hausflur von Nr. 78 stehen. Es ist eben drei Viertel eins. Um weiterzukommen, gehe ich zurück nach der Neuen Wilhelmstraße, von wo ich am Wasser entlang will. An der Dorotheenstraßen-Ecke stehen Gruppen verängstigter Menschen. An der Ecke des Reichstagsufers ebensolche. Als ich gerade dort herum will, geht hier die Schießerei los. Spartakus hat das Neue Operetten-Theater und das Eckhaus am Schiffbauerdamm besetzt und schießt nach dem Reichstag. Einzelne verirrte Kugeln sausen ping! mir am Ohr vorbei. Die Leute laufen in die nächsten Hausflure in Deckung. Ich muß zurück zur Dorotheenstraße und komme schließlich über den Schlütersteg weiter und durch den Tiergarten nach der Viktoriastraße.

Um vier zum Arzt nach der Karlstraße. Auf dem Rückwege in der Friedrichstraße, wo viel Verkehr war und viele Menschen diskutierten, in Höhe der Linden plötzlich Gewehrschüsse. Die Menge floh schreiend in die Mittelstraße. Ich ging die Linden hinunter, die abgesperrt und dunkel waren. Posten in Sturmhauben in den Hauseingängen. Die Wilhelmstraße abgesperrt, aber beleuchtet. Der Posten am Wilhelmplatz sagt, die Häuser in der Mohrenstraße seien von Spartakus besetzt. Im ›Kaiserhof‹, der geschlossen und dunkel ist, liegen Regierungstruppen. Die Leipziger Straße sieht, bis auf die geschlossenen Läden, wie gewöhnlich aus; am Potsdamer Platz sind die großen Konditoreien, Josty, Fürstenhof, Palastcafé, Vaterland, offen, hell erleuchtet und überfüllt.

Nach dem ›8-Uhr-Abendblatt‹ sollen Haase und Breitscheid noch in letzter Stunde einen neuen Vermittlungsversuch machen. Wenn dieser scheitert, wird es wahrscheinlich zu einer Katastrophe kommen. Die heutigen Gefechte machen den Eindruck von Vorpostengeplänkel; sie sind bloß ein Vorspiel, auf das erst die Tragödie folgen soll. Um halb acht im ›Fürstenhof‹ gegessen. Die eisernen Gittertore wurden eben geschlossen, weil ein Spartakusangriff auf den gegenüberliegenden Potsdamer Bahnhof erwartet wurde. Fortwährend fallen einzelne Schüsse. Als wir herauskommen, gegen neun, stehen aber noch immer Gruppen erregt diskutierender Menschen auf den Bürgersteigen (der Ton dieser Pflasterredner ist seit heute merkbar aufgeregter geworden). Die Straßenhändler mit Zigaretten, Malzbonbons, Seife schreien noch immer ihre Waren aus. Café Vaterland ist hell erleuchtet. Ich gehe einen Augenblick hinein. Obwohl jede Minute Kugeln einschlagen können, spielt die Wiener Kapelle, die Tische sind gut besetzt, die Dame unten im Zigarettenhäuschen lächelt wie im tiefsten Frieden ihren Kunden zu.

Berlin. 9. Januar 1919. Donnerstag

Die Einigungsverhandlungen sind gescheitert. Der Bürgerrat von Groß-Berlin veröffentlicht einen Aufruf: ›Zu den Waffen!‹ Die Regierung erklärt wieder einmal ihren Entschluß, durchzugreifen.

Die Straße sieht heute vormittag ruhiger aus als in den letzten Tagen, weil bewaffnete Regierungssoldaten Ansammlungen zerstreuen. Linden, Wilhelmstraße sind abgesperrt. Gegen eins, als ich über den Potsdamer Platz gehe, fallen einige Schüsse, das Publikum flieht panikartig in die Seitenstraßen. Das Wetter ist heute wunderschön, Vorfrühling, ein leichter, lauer Duft schwebt über Menschen und Dingen im Sonnenschein.

Nachmittags von Helbing in seiner Klinik operiert; kleine Operation am Halse, bei der aber die Anästhesie nicht richtig funktionierte, so daß ich das Einsetzen des Messers durch die beginnende Betäubung hindurch fühlte und nachher, wie mir Helbing sagte, fast erstickt wäre. Ich sei schon ganz blau gewesen ›wie ein Maikäfer‹, die Zunge mußte herausgezogen, künstliche Atmung angewendet werden. Als unangenehme Folge ist meine Zunge stark geschwollen; die Wunde schmerzt dagegen gar nicht. Ich blieb aber in der Klinik. Während der Nacht wurde unten in der Karlstraße fast alle halbe Stunde geschossen, bald nur ein paar Revolverschüsse, bald auch Maschinengewehre und Handgranaten. Man gewöhnt sich daran wie draußen im Felde. Während der Schießereien hört man Nachtdroschken trapp, trapp auf dem Pflaster ihres Weges trotteln und verspätete Passanten mit ruhigem Schritt nach Hause wandern. Im halbwachen, noch von Narkose, Blutverlust und Schlafmittel umnebelten Bewußtsein verschwimmen diese Revolutionsgeräusche mit Träumen zu merkwürdigen Gebilden. Einmal war es ein Erlebnis in Mexiko oder irgendwo im wilden Westen von Amerika mit Cowboys und einem wunderbaren bunten Vogel, aus dem mich ratternde Maschinengewehre aufweckten, in das ich dann aber beim beruhigenden Trapp-Trapp eines Droschkenpferdes unmerklich wieder hinüberschlummerte.

Berlin. 10. Januar 1919. Freitag

In der Nacht ist ein regelrechtes Gefecht um das Haus des Mosseschen Verlages entbrannt. Bisher hatten es die Spartakisten.

Berlin. 11. Januar 1919. Sonnabend

Unheimlich war der Eindruck der verdunkelten, beschossenen Leipziger Straße im schmutzigen Regenwetter. Die in der Dunkelheit gewaltiger ragenden toten Hausfassaden, die sich deckenden, ratlosen Menschen hinter den Straßenecken, an jeder Kreuzung ein kleines, dunkles, formloses Gewühl, vor dem die Leere der im Strichfeuer liegenden Querstraße wie ein Abgrund klafft, die trotzdem noch fahrenden, vollkommen verdunkelten Straßenbahnen, von Zeit zu Zeit elektrische Funken sprühend, die wie ein Feuerwerk knisternd in die Nacht gehen und ein kurzes Nachspiel auf dem nassen, glänzenden Fahrdamm als Widerschein haben. Die Patrouillen ermuntern die verängstigten Menschen, die Straßenbahn als verhältnismäßig sicherstes Mittel, um fortzukommen, zu benutzen. Viele riskieren es aber nicht, bleiben in den Hausfluren kleben. Diese stumme Panik in der weglosen Nacht eines zum Kriegsschauplatz gewordenen Straßengewirres gehört zu den phantastischsten Eindrücken der Revolutionszeit; ein E.T.A. Hoffmannsches Berliner Nachtstück, besonders in Begleitung des schemenhaften kleinen Guttmann, des ›Königs von Zion‹.

Merkwürdig war auch der Eindruck des großen Kongreßsaals im Reichskanzlerpalais; im halbverdunkelten Riesensaal ein Heerlager: Soldaten zum Teil im Dienst an Maschinengewehren, zum Teil sozusagen biwakierend auf Teppichen für die Nacht eingerichtet. Alle gleichlässig und äußerlich verwahrlost; dazwischen die alten goldbordierten oder befrackten Diener hin und her laufend. Der eine, der mich aus früheren Zeiten kennt, ging mit mir hinauf, um mich durchzulotsen, wobei er flüsterte: »Es ist nicht mehr wie früher, Herr Graf; es sind oben so viele unbekannte Menschen, so viele Menschen, Menschen ...« Am tiefsten war aber der Eindruck, den eine Frau auf mich machte, eine junge Frau, die Guttmann zu mir in die Klinik begleitete: ziemlich elegant, hübsch, totenblaß, übernächtig, offenbar die Geliebte eines der im Zeitungsviertel eingeschlossenen Spartakisten. Ihre Augen verfolgten jedes Wort, das gesprochen wurde, als ob ihr Leben davon abhinge. Selbst schwieg sie, stieg dann an der Weidendammbrücke aus, da ich ablehnte, sie durch die beschossenen Stadtteile mitzunehmen, und verschwand im Gewühl. (Wie mir Herzfelde später mitteilte, war es die Geliebte von Drach, ein Fräulein Bergmann, ein schwindsüchtiges, dem Tode verfallenes Mädchen.)

Berlin. 13. Januar 1919. Montag

Nachmittags, als ich von Helbing kam, in der Nähe des ›Vorwärts‹-Gebäudes und am Belle-Alliance-Platz Schüsse, anscheinend von den Dächern. Infolgedessen Absperrungen und Beunruhigung des Straßenpublikums, was der Hauptzweck der schießenden Spartakusnachzügler ist. Im allgemeinen ist aber in Berlin der Aufstand zu Ende.

Nachts, zehn Uhr vierzig, heftiges Gefecht, wie mir schien, vor meiner Tür, Gewehrschüsse, Pochen und Rattern schwerer und leichter Maschinengewehre. Manchmal klang es, als ob mit Kolben die Haustür eingeschlagen würde. Dazwischen wie Peitschenknallen Gewehrschüsse. Der ganze Spuk dauerte zwanzig Minuten. Um elf war plötzlich alles still. Die Spartakisten führen, nachdem ihr großer Schlag mißlungen ist, einen Guerillakrieg in Berlin, tags von den Dächern, nachts in abgelegenen Straßen. Wahrscheinlich wird als letzter Rest eine Anzahl bewaffneter Räuberbanden übrigbleiben. Liebknecht und Eichhorn sind verschwunden. Von Marquis Posa zu Karl Moor. Übrigens sind die beiden Figuren auch bei Schiller Zwillingsbrüder.

Berlin. 14. Januar 1919. Dienstag

Unsere Umwälzung ist leider nicht von einer bis zur Übermacht gewachsenen Gesinnung hervorgerufen, sondern der alte Staat ist zusammengebröckelt, weil er etwas zu verlogen und ausgehöhlt war, um dem äußeren Ansturm zu widerstehen. Ohne Krieg hätte er noch lange fortgewurstelt. Das Schrecklichste wäre, wenn diese ganzen Verwüstungen und Leiden nicht die Geburtswehen einer neuen Zeit wären, weil nichts da wäre, was geboren sein will; wenn man schließlich nur kitten müßte. Das Gefühl, daß es so kommen könnte, die Angst vor diesem Ende, ist, was die Besten der Spartakisten antreibt. Die alte Sozialdemokratie will rein materielle Veränderungen, gerechtere und bessere Verteilung und Organisation, nichts ideell Neues. Dieses dagegen schwebt den Schwärmern weiter links vor, und nur dieses lohnte in der Tat die ungeheuren Blutströme des Weltkrieges.

Die Frage ist, ob bereits neue Gefühls- und Ideenwellen von solcher Potenz und Tiefe vorhanden sind, daß sie die Wirklichkeit umgestalten könnten, wenn sie freie Bahn bekämen, oder ob wir uns in Ermangelung materieller Kriegsgewinne ein falsches Paradies vorgaukeln. Recht oder Unrecht von Spartakus hängt an dieser Frage.

Unten im Lichthof des Polizeipräsidiums hinter dem arg zerschossenen Hauptportal und zwischen Glastrümmern spielte die Kapelle der republikanischen Sicherheitswehr Lohengrin. Massen stauten sich auf der Straße, teils um die Verwüstungen zu sehen, teils um Lohengrin zu hören. Dabei wird noch immer geschossen. Kein Ort in der Stadt ist sicher vor den spartakistischen Dachschützen. Heute nachmittag knallten mehrere Schüsse neben mir am Halleschen Ufer bei der Großbeerenstraße.

Berlin. 15. Januar 1919. Mittwoch

Rantzau läßt ein Interview veröffentlichen, das auf jeden, der ihn kennt, einen verblüffenden Eindruck machen muß: › Uns liegt am endgültigen Sieg der Demokratie in der Welt ... Dieser Sieg kann nicht herbeigeführt werden durch Intrigen und Vorzimmergeheimnisse. Ebensowenig ... dadurch, daß wir Verwirrung in die Reihe unserer Gegner bringen ... Das dringendste Erfordernis für die Zugehörigkeit zum Völkerbund bedeutet die sittliche Überzeugung!‹ Die ›sittliche Überzeugung‹ Rantzaus von der Demokratie: Bruder Hofmarschall und Tante Obersthofmeisterin! Die ›sittliche Überzeugung‹ Rantzaus gegen Intrigen und Vorzimmergeheimnisse: dabei er der skrupelloseste Intrigant im Auswärtigen Amt. Wenn irgend etwas ihn und uns um jeden Kredit bringen muß, so ist es eine so schamlose Tartufferie. Schlimmer als Kühlmann. Wen soll das täuschen? Wer soll daran glauben? Etwa Wilson? Die Gesinnungslosigkeit, von der ich gestern schrieb, nimmt hier groteske und gemeingefährliche Formen an. Rantzau wirkt wie eine alte Kokotte, die sich und andren ihre frische Jungfernschaft einreden will.

Die alte Sozialdemokratie hat auf Grund von Marx eine neue materielle Weltanschauung aufgebaut und dazu auch die zu deren Verwirklichung fähigen Männer und Typen herangebildet. Auf ideellem Gebiete sind dagegen bloß Anläufe und Fragmente zustande gekommen; Schopenhauer und Nietzsche haben nichts der marxistischen praktischen und menschlichen Fruchtbarkeit Ähnliches bewiesen. Hier hinkt die Sache, jetzt, wo es ans Verwirklichen geht; nur das materiell Neue ist reif.

Die Entwaffnung in Berlin geht vor sich. Die Stadt ist von den regierungstreuen Truppen sozusagen okkupiert. An jeder Straßenkreuzung stehen Soldaten in der Sturmhaube mit aufgepflanztem Bajonett und einem Koppel voll Handgranaten. An der Brücke zwischen Wilhelm- und Luisenstraße sind zwei 7,5-cm-Geschütze, Front gegen die Luisenstraße, aufgebaut. Ansammlungen auf der Straße sind verboten. Verschwunden die kleinen Debattierklubs an den Straßenecken mit dem Spartakusredner als Hauptfigur! Vorige Nacht ist die Helbingsche Klinik von Regierungstruppen, die einen Kampf in der Karlstraße bestanden hatten, durchsucht worden. Jetzt sitzt die Regierung vielleicht noch immer auf schwankenden Überzeugungen, aber auf einer ganzen Anzahl von gehorsamen Bajonetten. Sie stützt sich ganz prosaisch wie jede bisherige Regierung auf die militärische Gewalt.

Arnold Korff aus Warschau bei mir in der Deutschen Gesellschaft gefrühstückt. Er war als Haupt des angeblich von mir in Warschau angestifteten und bezahlten bolschewistischen Komplotts verhaftet und hat vierzehn Tage in der Zitadelle gesessen. Zum Glück hat die polnische Regierung bei ihm die Quittung gefunden, die ich über die von ihm am Tage unserer Abreise (Sonntag) gepumpten paar tausend Mark für die Gesandtschaft ausgestellt hatte. Daraus ging überzeugend hervor, daß ich nicht zwanzig Millionen mithatte, da ich sonst nicht nötig gehabt hätte, für die Gesandtschaft von einem Privatmann eine kleine Summe zu leihen.

Berlin. 16. Januar 1919. Donnerstag

Liebknecht und Rosa Luxemburg haben ein furchtbares und phantastisches Ende genommen. Mittags bringt die ›BZ‹ die Nachricht! Liebknecht ist vorige Nacht auf dem Transport durch den Tiergarten bei einem angeblichen Fluchtversuch von hinten totgeschossen worden. Rosa Luxemburg hat die Menge im Eden-Hotel, wo sie beim Stabe der Garde-Kavallerie-(Schützen-)Division vernommen worden war, bewußtlos geschlagen und dann, als sie im Auto fortgebracht wurde, an der Brücke über den Kanal zwischen Kurfürstendamm und Hitzigstraße aus dem Wagen herausgeholt und angeblich getötet; ihr Körper soll verschwunden sein. Bei der Art, wie Liebknecht umgekommen ist, muß ich an meine mexikanischen Erinnerungen und die ›Ley Fuga‹ denken. Rosa Luxemburg könnte nach dem, was bisher bekannt ist, auch von Parteigenossen befreit und in Sicherheit gebracht worden sein.

Blumenreich brachte das Blatt der ›BZ‹ mit den beiden Nachrichten bei Paul Cassirer herein. Nicht der Tod selbst, aber die Art des Todes wirkte konsternierend. Sie haben durch den Bürgerkrieg, den sie angezettelt haben, so viele Leben auf dem Gewissen, daß an sich ihr gewaltsames Ende sozusagen logisch erscheint.

Abends Wedekinds ›Musik‹ im Theater an der Königgrätzer Straße. Das Haus trotz der Unruhen gut besetzt. Das Stück im Grotesk-Tragischen, als Anlauf zu Umwertungen, interessant, aber skizzenhaft: namentlich ist der letzte Akt, der die Höhe anstrebt, dünn und trocken, literatenhaft, statt menschlich; mehr ein Einfall als eine Schöpfung. Diese Wedekindsche, überhaupt berlinische Café-des-Westens-Welt mit ihren kühn gemeinten, fragmentarischen, etwas schwach-geistigen und naiven Tastversuchen nach neuer Ethik ist die, aus der Liebknecht zu verstehen ist. Für eine Weltrevolution ist das alles zu wenig, zu unreif, nicht menschlich und überzeugend genug. Liebknecht könnte aus einem Wedekindschen Stück entsprungen sein; er hatte das närrisch Revolutionäre, Donquichottehaft-Abenteuerliche, Prédikantenhafte, echt Humane, aber um jeden Preis Sensationelle des typischen Wedekindschen Räsoneurs: die Wedekindsche Mischung. Jetzt dieser gräßliche Tod im Tiergarten, nachts am neuen See erschossen von eigenen Transporteuren, ist ein echt Wedekindscher Schluß.

Berlin. 17. Januar 1919. Freitag

Am Brandenburger Tor werden heute die Festdekorationen, Laubgirlanden, roten Schleifen und Bänder, Inschriften ›Friede und Freiheit‹ heruntergenommen, die für den Einzug der Truppen angebracht worden waren. Der ganze Spartakusaufstand, dessen Brennpunkt zwischen Brandenburger Tor und Wilhelmstraße war, hat in dieser festlichen Umrahmung gespielt. Heute steht an der Ecke Linden und Wilhelmstraße ein 10,5-cm-Flachbahngeschütz mit Bedienungsmannschaften in Sturmhauben.

Zweifellos ist der gesunde, guterzogene Leutnant oder Junker eine menschlich angenehmere Erscheinung als der durchschnittliche Proletarier. Ebenso sind Liebknecht oder Rosa Luxemburg mit ihrer echten und tiefen Liebe zu den Ärmsten und Bedrücktesten, mit ihrem Opfermut erfreulicher als die Streber und Gewerkschaftssekretäre. Das Entscheidende ist, daß beides Raubbauprodukte sind; daß es wohl wichtiger ist, das ganze Niveau des Volkes zu heben, als einzelne physisch oder ethisch besonders hervorragende Menschen künstlich zu erzeugen. Aristokratisches oder eugenisches Ideal? Daß der Gardeleutnant, daß Liebknecht und Rosa Luxemburg individuell besser waren und menschlich höher standen als die Proletarier und Kleinbürger, die heute über sie triumphieren, bleibt allerdings bestehen.

Abends in einem Kabarett in der Bellevuestraße. Rassige, spanische Tänzerin. In ihre Nummer krachte ein Schuß hinein. Niemand achtete darauf. Geringer Eindruck der Revolution auf das großstädtische Leben. Dieses Leben ist so elementar, daß selbst eine weltgeschichtliche Revolution wie die jetzige wesentliche Störungen darin nicht verursacht. Das Babylonische, unermeßlich Tiefe, Chaotische und Gewaltige von Berlin ist mir erst durch die Revolution klargeworden, als sich zeigte, daß diese ungeheure Bewegung in dem noch viel ungeheureren Hin und Her von Berlin nur kleine örtliche Störungen verursachte, wie wenn ein Elefant einen Stich mit einem Taschenmesser bekommt. Er schüttelt sich, aber schreitet weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Berlin. 18. Januar 1919. Sonnabend

Nachmittags besuchte mich Wieland Herzfelde. Er gibt sich ganz offen als Kommunist und Anhänger des Spartakusbundes. Er sagt, nicht aus sentimentalen und ethischen Gründen wie Liebknecht, sondern weil der Kommunismus ökonomischer als unsere heutige Produktionsweise und bei der Verarmung Europas notwendig sei. Auch den Terror hält er für notwendig, weil die menschliche Natur nicht an sich gut, daher Zwang nötig sei. Allerdings brauche es nicht blutiger Terror zu sein; ihm schwebe eine Form des Boykotts als Terror vor. Der Spartakusaufstand sei nicht irgendwie vorbereitet und dilettantisch organisiert gewesen. Das Gerede von russischer Organisation und russischem Geld sei Unsinn. Der Aufstand sei gegen den Willen und die Erwartung der Führer ausgebrochen.

Ich besprach mit Herzfelde die Gründung einer neuen literarisch-künstlerischen, auch politischen Zeitschrift, die an Stelle von Pfemferts ›Aktion‹ treten könnte, zwanglos erscheinend, billig (nicht mehr als fünfzig Pfennig für die Nummer), typographisch im Zeitungsstil gesetzt, aber nach Herzfeldes typographischen Ideen, und eingestellt in erster Linie auf den Straßenverkauf. Auf meine Frage, wer von den jüngeren Dichtern und Künstlern spartakistisch-bolschewistischer Gesinnung sei, antwortete Herzfelde: Däubler, Grosz, er selbst und viele andre, der ganze Malik-Verlag und was damit zusammenhänge. Diese würden die Zeitschrift mit Beiträgen stützen.

Berlin. 19. Januar 1919. Sonntag

Wahltag. Vormittags gewählt in einer Kneipe in der Linkstraße. Polonäse von Wählern und Wählerinnen. Alles ruhig und grau in grau; weder Aufregung noch Begeisterung. Die Zettelverteiler der verschiedenen Parteien stehen um die Polonäse herum und schieben wortlos die Zettel den Leuten in die Hand. Köchinnen, Krankenschwestern, alte Damen, Familien mit Vater, Mutter und Dienstmädchen, selbst mit kleinen Kindern kommen gezogen und stellen sich an. Das Ganze untheatralisch wie ein Naturereignis, wie ein Landregen.

Berlin. 20. Januar 1919. Montag

Heute nachmittag, während ich Lenins ›Staat und Revolution‹ lese, um halb sieben, wird fortdauernd vor der Tür geschossen. Mehrere Schüsse, dann ein, zwei Minuten Pause, dann wieder mehrere Schüsse usw. Warum geschossen wird, was los ist, erfährt man nie! Aber man lebt wie in einer Oper von Verdi, wo hinter jeder Straßenecke mauerfarbene Verbrecher mehr oder weniger gutmütigen Schlages lauern und losschießen, sobald jemand die Nase heraussteckt.

Im Lichte der Leninschen und Engelsschen Theorien haben wir in den letzten vierzehn Tagen der Neuentstehung eines Staates beigewohnt, das heißt der Entstehung einer ›Repressionsgewalt‹, die durch die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und durch den bewaffneten Kampf der Klassen gegeneinander hervorgelockt und gerechtfertigt wurde. Wir haben sozusagen bei der Fibel wieder angefangen. Ebensogut hätte der ›Gegenstaat‹, das bewaffnete Proletariat, die Macht gewinnen können. Nach meiner Ansicht hat am Montag die Sache auf des Messers Schneide gestanden. Dann wäre die Entwicklung wie in Rußland fortgelaufen, vielleicht bis zum Verduften des Staates. Wenn das Schwergewicht Deutschlands und des deutschen Beispiels in die Waagschale gefallen wäre, wäre der weltgeschichtliche Umschwung nicht mehr ausgeschlossen. Insofern haben die Straßenkämpfe in Berlin und die Person Liebknechts eine wenigstens für die Phantasie kaum ermeßliche Tragweite. Das groteske Ende kommt hinterher. Ludwig Stein erzählte heute, Rantzau wolle als Gefolge nach Paris zu den Friedensverhandlungen mitnehmen: Lichnowsky, Harden, Theodor Wolff und Kautsky; der reine Maskenball! Vorrat für die Damenwahl. Jeder drüben kann sich aussuchen, mit wem er tanzen will. Es fehlen nur noch Schlieben und Annette Kolb. Rantzau wird es fertigbringen, unser Unglück komisch zu machen. Er wird wie im Varieté, umgeben von lauter ›ersten Nummern‹, auf der Friedenskonferenz auftreten. Eine richtige alte Schauspielerin. Offenbar fehlt ihm in katastrophalem Maße der Humor.

Berlin. 22. Januar 1919. Mittwoch

Bei Kestenberg Kautsky mit Frau getroffen. Kautsky im Typus wie Bernstein, der alte, etwas weltfremde Stubengelehrte, ausgesprochen unpraktisch und kleinbürgerlich, der weniger revolutionär und gewaltmenschlich aussieht als irgend jemand. Es hält schwer, sich vorzustellen, daß dieser milde alte Herr der Nachfolger von Karl Marx und der Mittelpunkt der Zweiten Internationale gewesen ist: er hat so gar nichts Wildes oder Loderndes. Heute war er in Verlegenheit, wie er nach der Schweiz zum Sozialistenkongreß kommen solle wegen der Formalitäten für die Einreise. Ich setzte für ihn daher ein Telegramm nach Bern auf an Herbert Hindenburg, damit dieser dort mit der Polizei die Sache direkt abmacht.

Heute abend bis halb neun saß ganz Berlin im Dunkeln, die Elektrischen fuhren nicht, es gab kein Telephon, die Läden waren um fünf geschlossen, weil die Elektrizitätswerke streikten. Die Störung war im ganzen genommen größer als die durch die Revolution und den Spartakusaufstand. Diesmal stockte das Leben wirklich und überall, nicht bloß inselartig. Die törichte Schießerei ist die unwirksamste Waffe der Arbeiter, dilettantenhaft und veraltet: Revolutionsromantik. Wie groß die Störung heute war, sah ich in der Wilhelmstraße, wo um halb sechs die Reichskanzlei, das Auswärtige Amt, das Reichsamt des Innern außer Betrieb waren und in tiefer Finsternis verlassen dalagen. Die 1400 Arbeiter der Elektrizitätswerke haben es also fertiggebracht, die ganze Reichsmaschine zum Stehen zu bringen: was in dieser Vollkommenheit den Panzerautos und Maschinengewehren der Spartakusleute samt ihren brigantenhaften Methoden nie gelungen ist.

Vielleicht deutet das auch auf die Überwindung des Krieges in seiner internationalen Form, weil wirksamere Druckmittel heranwachsen. Eines Tages werden Massenmord und Kanonen im Kampf zwischen Staaten ebenso naiv und veraltet erscheinen wie das Maschinengewehr im Klassenkampf. Schon der Weltkrieg ist wirtschaftlich entschieden worden, nicht militärisch. Allerdings steht der Einwand offen, daß die wirtschaftlichen Organe der militärischen Gewalt innerhalb gewisser Grenzen gehorchen müssen, wenn die militärische Gewalt sie erreichen kann. So die Blockade, ein militärisches Zwangsmittel bei der Niederzwingung Deutschlands. Trotzdem bleibt aber auch dann noch die Frage offen, ob unter modernen Verhältnissen militärischer Zwang auf die Dauer gegen den Willen aller in einem Betriebe oder Lande Tätigen sein Ziel erreichen könnte, das heißt, ob Sklaverei unter modernen Verhältnissen auf die Dauer möglich ist. Sowohl die Bolschewisten wie eine radikal antisozialistische oder imperialistisch-annexionistische Regierung könnten gezwungen sein, das Experiment zu machen und ihre Ohnmacht zu erkennen.

Berlin. 24. Januar 1919. Freitag

Gefrühstückt bei Ludwig Stein mit dem Fürsten und der Fürstin Bülow, Georg Bernhards und dem Schweizer Gesandten Mercier. Natürlich war hauptsächlich von Spartakus die Rede. Bülows wohnen im Eden-Hotel, nachdem die Schießerei sie aus dem ›Adlon‹ vertrieben hat, und haben mit der Garde-Schützen-Division dort Verkehr. Die Fürstin sagt, sie habe von den Vorgängen bei Liebknechts und Rosa Luxemburgs Ermordung nichts gemerkt; das Hotel sei ganz still gewesen. Ihre Kammerjungfer sei der Rosa Luxemburg zwischen Soldaten auf dem Flur begegnet; eine kleine Frau, die ganz ruhig mitging.

Der Fürst interessierte sich für Drach und zitierte Maxime Du Camps ›Convulsions de Paris‹ zum Vergleich für ähnliche Typen aus der Kommune. Was bei Bülow frappiert, ist, daß er, der Hauptschuldige am Weltkrieg und an Deutschlands Untergang, ein so offenbar ruhiges Gewissen hat. Er trägt dasselbige rosige, ausgeruhte, fast niedliche Gesicht, mit dem er schon vor zwanzig, ja vor vierzig Jahren (so lange kenne ich ihn) Zitate verzapfte und geistvoll, wie es sich vor schönen Frauen gehört, plauderte. Er hat von allen Dingen, die in der Welt vorgingen, immer nur sein eigenes rosiges Antlitz im Spiegel gesehen. Ein Glücksschweinchen, das immer nur sein eigenes Glück betrachtet hat, jetzt sogar noch nach der Katastrophe.

Berlin. 25. Januar 1919. Sonnabend

Beisetzung Liebknechts und der Opfer des Spartakusaufstandes. Die Spartakisten hatten Versammlung und Abgang des Zuges um zwölf von der Siegesallee angezeigt. Vormittags ließ die Regierung aber die ganze innere Stadt und den Tiergarten absperren. Es gab ein gewaltiges Militäraufgebot, Geschütze und Maschinengewehre an der Siegesallee, am Reichstag, am Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz; dazu Sperren, die nur mit Ausweis durchschritten werden konnten. Infolgedessen war die Siegesallee um zwölf menschenleer; der Trauerzug bewegte sich vom Volkstheater am Bülowplatz zum Friedrichshain, an diesem vorbei und weiter hinaus nach Friedrichsfelde. Ich sah ihn zwischen Bötzow-Brauerei und Landsberger Straße. Voran Fuhren von Särgen zu je vieren auf gewöhnlichen Lastwagen (auf dem einen las man ›Obstverkauf‹ und den Namen des Besitzers), dreiunddreißig Särge, die weggekarrt wurden; der Liebknechts, durch eine feuerrote Schleife ausgezeichnet, neben drei andren auf dem vordersten Wagen, den ein Kutscher in verwaschenem Feldgrau lenkte. Ein wirkliches Proletarierbegräbnis für den Volkstribunen. Sehr anders wie die feierliche Beisetzung der sieben Matrosen auf Wagen des kaiserlichen Marstalls. Auch der Kontrast dieses proletarischen Massenbegräbnisses im trostlosen Osten von Berlin mit dem zu seiner Fernhaltung aus den besseren Stadtvierteln aufgebotenen militärischen Schutz, den Kanonen und Soldaten in Sturmhauben mit Maschinengewehren sehr bezeichnend für die jetzige Situation, für den Stand der Revolution. Die Bewegung ist in zwei Teile zerfallen, denn auch die Truppen, die das Zentrum schützen, sind sozialistisch und wären wahrscheinlich für keine bürgerliche Regierung zuverlässig gewesen. Seine elf Millionen Wähler geben Ebert die Macht, die er hier in Truppen umsetzt.

Berlin. 26. Januar 1919. Sonntag

Hasenclevers ›Sohn‹ in den Kammerspielen. Etwas Glanz und Schimmer der Pubertät als Salz eines schlechten, verzerrten Stückes. Poetisch erträglich sind nur die Szenen mit dem Fräulein. Sonst lauter wie Fledermäuse im Dunkeln durcheinanderschwirrende Gestalten; man findet den Faden nicht. Auf die Zeit wirkt die hysterisch-revolutionäre Stimmung. Und eines empfindet man auch bei diesem sehr brüchigen Werke: den Übergang der deutschen Intellektualität von einem fast reinen Kultur-Revolutionarismus, wie ihn Nietzsche und später in den neunziger Jahren unser Kreis in Kunst und Literatur vertrat, zum praktischen, politischen und wirtschaftlichen Radikalismus, dessen Extrem augenblicklich die Spartakusbewegung ist. Wer Ernst machen wollte mit unseren Forderungen, mußte wahrscheinlich diese Bahn beschreiten. Der Vorwurf des Ästhetizismus, der der Bewegung der neunziger Jahre gemacht wurde, war vielleicht berechtigt, insofern sie nicht mit genügender Energie diese politischen und wirtschaftlichen Folgerungen zog. Die deutschen Intellektuellen sind heute im Begriff, wieder einen politischen Glauben zu bekommen, möglicherweise einen Irrglauben, aber etwas konsequent aus den Verneinungen, Träumen und Erfahrungen der letzten dreißig Jahre Abgeleitetes, eine Doktrin, die sie erarbeitet haben: mag man sie der Bequemlichkeit halber Kommunismus nennen. Es fragt sich aber, ob und wieviel Kraft zur Tat, nicht bloß zu bewaffneten oder geistigen Putschen, sondern zu fruchtbarem politischem und sozialem Aufbau dahintersteckt. Dieser Zweifel ist vielleicht, was uns gehemmt hat; zu einem Experiment war uns Deutschland zu gut. Allerdings war das das Deutschland von damals.

Berlin. 27. Januar 1919. Montag

Kaisers Geburtstag; heute vor einem Jahr ungefähr begann die Revolution.

Berlin. 28. Januar 1919. Dienstag

Wieland Herzfelde frühstückte bei mir. Er zeigte Probebogen seiner Zeitschrift mit einer Phantasie von Grosz ›Jeder Mensch sein eigener Fußball‹; der Komik und des Aufsehens wegen riet ich ihm, diese Überschrift vorläufig als Titel zu wählen. Er will die erste Nummer durch Straßenverkäufer, Soldaten, Studenten in Droschken, auf Autos jahrmarktschreierisch an den Mann bringen. Sie soll einen halb grotesken, halb ernsten Inhalt haben. Grosz wird Hauptmitarbeiter und will zum Beispiel eine Serie ›Der schöne deutsche Mann‹ veröffentlichen. Als ihr gemeinsames Hauptziel bezeichnete Herzfelde, ›alles, was den Deutschen bisher lieb gewesen sei, in den Dreck zu treten‹, das heißt alle abgelebten ›Ideale‹, um freie Bahn und frische Luft zu schaffen. In der auswärtigen Politik bat er um Fingerzeige, da er davon zu wenig verstehe. Ich sagte ihm ungefähr meine Ideen (siehe 18. Januar 1919), die er als ›sehr sympathisch‹ annahm. Das Ganze ist ein aristophaneskes Unternehmen, das die Geister in Bewegung halten kann; zuwider jeder Form des ›Pompier‹haften, der abgelebten Tradition, dem unantastbaren ›Großen Mann‹, der sakrosankten Dummheit und Dumpfheit auch im radikalen Lager. Sein Manifest ›Nein, Karl Marx‹ ist ein Anfang. Viel Kinderei, aus der aber ein frischer Wind weht.

Berlin. 30. Januar 1919. Donnerstag

Wedekinds ›Büchse der Pandora‹ in Reinhardts Kleinem Schauspielhaus (Hochschule für Musik) gesehen. Lulu: Eysoldt;

Athlet: Jannings. In diesem Stück bleibt von Wedekind eigentlich nur das übrig, was ihm mit dem ›roman picaresque‹, Le Sage, Schelmuffsky usw. gemein ist. Allerdings wächst ihm sein Orchideenstrauß auf einem neuen, ganz ursprünglich und sehr amüsant beobachteten Dünger. Der zweite Akt, namentlich der Schluß, ist ein Meisterwerk der Burleske (die immer an die Tragik grenzt). Revolutionär ist Wedekind eigentlich nicht, sondern bloß rebellisch gegen Mächte, die er anerkennt, zum Beispiel sexuell. Er stand Liliencron näher, als er selber dachte. Der prickelnde Geschmack seiner Produktion beruht gerade auf dem Gegensatz, daß er den Bourgeois und ›die Sünde‹ im tiefsten Herzen anerkennt, ja Puritaner ist wie Barbey d'Aurevilly Katholik. Figuren wie die Geschwitz, wie der Liftjunge würden seine Aufmerksamkeit nicht so stark kitzeln, wenn die laufende Moral ihm weniger imponierte. Erst durch diese Beleuchtung bekommen sie für ihn ihr Relief. Man atmet in Wedekinds Werk daher nicht eine Atmosphäre wirklicher Freiheit. Er ist ein Sklave, der an seinen Fesseln in höchst pikanter Weise rüttelt: mehr Sadist als Freiheitskämpfer.

Berlin. 31. Januar 1919. Freitag

Bei Alfred Nostitz in der Deutschen Gesellschaft gefrühstückt. Österreich und Spartakus besprochen. Er denkt besser als ich von den politischen Fähigkeiten der Deutsch-Österreicher; meint, vor zehn Jahren wäre der österreichische Staat noch zu retten gewesen, allerdings nicht unter deutsch-österreichischer Hegemonie, aber mit Einschluß der Deutsch-Österreicher: Hofmannsthals und Pannwitzens Ideen hätten nicht bloß literarischen Reiz gehabt. Bei Spartakus ist der wunde Punkt, wie Nostitz sehr richtig sagt, das Sich-Hinwegsetzen über die wirtschaftlichen Tatsachen und Bedürfnisse. Sie sind darin die Antipoden von Karl Marx. Merkwürdig, daß eine so gelehrte und gescheite Marxistin wie die Luxemburg das verkannt hat. Nostitz sagt, auch die Hellerauer, Dichter wie Paul Adler usw. seien ganz zu Spartakus übergegangen, ebenso wie Vogeler und die Worpsweder in Bremen. Es ist der neue Glaube der intellektuellen und künstlerischen Jugend: in der Kunst schon von dem Kriege vorgebildet.

Abends Premiere von Georg Kaisers ›Von morgens bis Mitternacht‹ im Deutschen Theater. Die Tragödie eines Mannes mit einer Primanerphantasie. Ein plattes ›fait divers‹. Man ermißt recht das Verdienst Goethes, daß der ›Faust‹ nicht auch ein ›Fall‹ geblieben ist. Pallenberg machte als großer Künstler aus der Hauptrolle stellenweise etwas Faszinierendes, fast Ergreifendes. Aber die Poesie im Stück erinnert als Geschmacksniveau an die Malerei von Franz Stuck: so ein auf dem Kronleuchter erscheinendes Skelett. Welchem billigen Begriff von ›Poesie‹ soll das entsprechen? Im ganzen, kein Dichter von Belang. Am Schluß gab es Klatschen und Widerspruch, etwas mehr als sonst bei Premieren. Erich Reiss sagte mir, er sei ›leidenschaftlicher Anti-Kaiserianer‹. Zur Leidenschaft reicht das Stück bei mir nicht aus.

Berlin, 1. Februar 1919. Sonnabend

Abends Vorlesung von Rilke durch Ludwig Hardt, einen kleinen Juden, der mich an Felix Holländer erinnerte und Worte verschluckt. Keine große deklamatorische Leistung, aber Rilke war schön und merkwürdig zeitlos.

Berlin. 2. Februar 1919. Sonntag

Die nach Weimar vorausgeschickte Ehrenkompanie des Regiments Reinhard zum Schutz der Nationalversammlung ist dort entwaffnet worden. Die ›Vossische Zeitung‹ bringt heute früh eine Notiz über ›Neue kommunistische Putschpläne‹.

Auch andre Zeitungen drucken seit gestern ähnliche Nachrichten. Gleichzeitig steht an den Litfaß-Säulen: ›Ganz Berlin tanzt und dreht sich an jedem Mittwoch, Donnerstag, Sonnabend, Sonntag in dem neueröffneten, eleganten ›Fox-Trott-Casino› Friedrichstraße 105 an der Weidendammbrücke (Hotel Atlas). Jeden Sonntag von vier bis sieben Uhr Tanztee (Danse intime).‹

Abends aßen Georg Bernhards und Bergers (der Geheimrat und sein Bruder) bei mir. Der Geheimrat, der den Nachrichtendienst im Preußischen Staatsministerium organisiert, führte schmunzelnd Tatsachen an, die zeigen sollten, wie gut es sich unter der sozialistischen Regierung leben lasse. Der sozialdemokratische Minister und Polizeipräsident Ernst pfeife seine Schutzleute an wie Blücher. Reinhard, der Führer des berühmten Freiwilligenregiments (früher Kommandeur des 4. Garde-Regiments) sei ganz ›ancien régime‹; man könne ihn nicht öffentlich loslassen, weil er gefühlsmäßig von ›Seiner Majestät, unserem allergnädigsten Herrn‹ rede. Er ist es, der Berlin in der Spartakuswoche gerettet hat. Ich sagte, daß ich gerade deshalb dem jetzigen Regime kein langes Leben prophezeie; das sei alles zu dünn, könne nicht halten! Das Paradox, daß eine republikanisch-sozialdemokratische Regierung sich und die kapitalistischen Geldschränke durch bezahlte Arbeitslose und royalistische Offiziere verteidigen lasse, sei zu verrückt.

Berlin. 3. Februar 1919. Montag

Die Reichsregierung ist heute früh nach Weimar abgereist. Ob sie jemals wiederkehrt, scheint mir unsicher. Zwischen Bremen und den gegen die Bremer spartakistische Regierung ausgeschickten Regierungstruppen ist inzwischen eine Art von Kriegszustand ausgebrochen.

Abends Tolstois ›Und das Licht scheinet in der Finsternis‹ bei Reinhardt. Ein erstaunlich aktuelles Stück; tief revolutionär, nicht bloß wie Wedekind rebellisch. Tolstoi hätte recht, wenn das Produkt der Arbeit nicht vermehrt werden könnte, alle sich deshalb in das ein für allemal feststehende Quantum zu teilen hätten und es daher nur eine ethische, keine gleichzeitig wirtschaftliche Lösung des Problems gäbe. Glänzende Regie Reinhardts. Das bestgespielte Salonstück, das ich gesehen habe; gerade hierin Tolstois Kunst angepaßt und den tragischen Kontrast in seinem Wesen unterscheidend. Nur Moissi in der Hauptrolle fiel heraus. Das Haus war voll und andächtig; aber ganz gewiß hat niemand nachher sein Vermögen verschenkt. Tolstoi war ein Mann der immer unzulänglichen Mittel; auch seine Kunst ist als Instrument unzulänglich. Und nur als Instrument war sie ihm von Wert.

Berlin. 4. Februar 1919. Dienstag

Abends hielt im Auswärtigen-Amt-Verein vom 16. November der Führer der Antibolschewistischen Vereinigung Stadler einen Vortrag über Bolschewismus. Er schilderte die Lage von seinem Standpunkte aus so schwarz, daß kaum ein Lichtblick blieb. Seinen Versuch, dem Bolschewismus in Deutschland entgegenzutreten, bezeichnete er selbst als eine Desperadopolitik, an deren Erfolg er kaum noch glaube. Deutschland werde durch seine wirtschaftliche Zerrüttung und die Behandlung der Entente in den Bolschewismus hineingetrieben.

Auf Stadlers sehr bedeutende und interessante Ausführungen antworteten zwei jüngere Beamte des Auswärtigen Amtes, Dr. Kraus und Riesser, in geradezu kindlicher Weise: Kraus, indem er Nichtstun und auf das Beste Hoffen empfahl, Riesser, indem er dem Bolschewismus jede Idee und Bedeutung absprach und behauptete, er sei, wie man ihm mitgeteilt habe, in Sibirien entstanden bei Gefangenen, die dort aus Verzweiflung über die Kälte diese merkwürdige Richtung erfunden hätten.

Ich trat beiden in einer längeren Rede entgegen, indem ich das Fehlen jeder Idee im Bolschewismus bestritt, seine Zertrümmerungstheorie im Gegenteil auf eine Grundanschauung von Karl Marx und eine Tendenz der ganzen modernen intellektuellen Welt zurückführte; und auch sonst die Tiefe und Breite der bolschewistischen oder spartakistischen Bewegung, ihre weit hinter den Krieg zurückreichenden Anfänge sowohl bei uns wie in England und Frankreich, ihre Verwandtschaft mit den bereits seit zehn Jahren die Kunst revolutionierenden Richtungen betonte. Dem Wunsche Stadlers, daß wir unser bisheriges ganz verfehltes, am wirklichen Ernste der Dinge vorbeigehendes (Erzbergersches) System des Verhandelns mit Wilson und der Entente aufgeben und von ihnen eine wirksame Hilfe gegen den Bolschewismus in Gestalt von weitester Unterstützung für unsere Wirtschaft und Ernährung kategorisch fordern sollten, schloß ich mich an; fügte hinzu, wir sollten ganz unverhüllt der Entente jetzt sofort die Alternative stellen: Entweder du verhandelst mit uns auf einer ganz neuen Basis weitestgehender Hilfe und Zufuhren, brüderlichsten Ausbaus des Völkerbundes, oder wir brechen die Verhandlungen ab: ›Und dann: wehe dir!‹

Berlin. 5. Februar 1919. Mittwoch

Die Regierungstruppen haben Bremen genommen; die Spartakisten sind geschlagen.

Vormittags Besuch beim Maler George Grosz in Wilmersdorf (Nassauische Straße 4). Dort Wieland und Hellmuth Herzfelde. Grosz hatte ein großes politisches Gemälde ›Deutschland, ein Wintermärchen‹, in dem er die bisher regierenden Klassen als Pfeiler der sattgefressenen, aktivitätsunlustigen Bourgeoisie verhöhnt (Schlummerrolle). Er sagte, er möchte der ›deutsche Hogarth‹ werden, bewußt gegenständlich und moralistisch; predigen, bessern, reformieren. Für abstrakte Malerei habe er kein Interesse. Dieses Bild habe er sich so gedacht, daß es in den Schulen aufzuhängen sei. Ich machte die Einschränkung, daß es nach dem Prinzip der Kräfteersparnis unwirtschaftlich sei, Dinge, die sich ohne Kunst ebensogut oder gar besser predigen ließen, durch Kunst propagieren zu wollen, zum Beispiel die Vorsicht vor Geschlechtskrankheiten. Hierzu sei ein anatomisches Kabinett geeigneter. Dagegen gebe es allerdings komplizierte ethische Erlebnisse, die sich vielleicht nur durch Kunst übermitteln und verbreiten ließen. Insoweit es diese gebe, sei eine moralistische Kunst berechtigt.

Grosz meinte dann, die ganze Kunst sei überhaupt etwas Unnatürliches, eine Krankheit; der Künstler ein Besessener, ein Mann mit einer Manie. Die Welt brauche die Kunst nicht, die Menschheit könne auch ohne Kunst auskommen.

Im Grunde genommen ist Grosz ein Bolschewist in der Malerei. Er hat einen Ekel vor der Malerei, vor der Zwecklosigkeit der bisherigen Malerei; will etwas ganz Neues mit malerischen Mitteln oder, richtiger, etwas, was die Malerei früher geleistet hat (Hogarth, religiöse Malerei), was ihr aber im 19. Jahrhundert verlorengegangen ist. Reaktionär und revolutionär, eine Zeiterscheinung. Dabei sind seine Gedankengänge intellektuell zum Teil primitiv und leicht anfechtbar.

Berlin. 6. Februar 1919. Donnerstag

Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar. Eberts Rede schön und würdig, namentlich darin, daß er den Abbruch der Verhandlungen mit der Entente unter gewissen Umständen in Aussicht stellt.

Artikel für das ›Weltecho‹ über ›Polen und Deutschland‹ fertiggestellt und Nadolny zum Durchlesen gegeben. Er hatte keine Einwände.

Abends Sternheims ›Tabula rasa‹ im Kleinen Theater (Altmann). Mein Interesse blieb von Anfang bis zu Ende gespannt; Opposition bei andren, die das Stück ›kahl‹ und ›gemacht‹, eine Art von dramatisiertem Zille, fanden. Daß es verstandesgemäß konstruiert ist, stimmt. Aber gerade der scharfe, bis in den Untergrund der politischen Erscheinungen dringende Verstand ist seine fesselnde Qualität. Haarscharf hat sich Sternheim schon 1915 den Gegensatz der Spartakisten, Unabhängigen und Sozialdemokraten konstruiert, nur daß er sich die Unabhängigen rechts von den Sozialdemokraten vorstellte. Die Linie des Räsonnements ist auch überall reizvoll. Aber vielleicht ist dieses ein zu rein intellektuelles Schauspiel, um einem durchschnittlichen Theaterpublikum Spaß zu machen; es ist wie ein sehr amüsant gewebter intellektueller Teppich mit lauter politisch suggestiven Mustern. Das Ätzendste an politischer Satire, was bisher bei uns gewesen ist: weit politischer als Wedekind, aber unmenschlicher und daher weniger aufreizend als Tolstoi.

Victor Naumann ist Direktor der Nachrichtenabteilung im Auswärtigen Amte mit dem Titel eines Gesandten geworden. Ein Klerikaler, mit Habsburg (Kaiser Karl), Czernin und dem bayerischen Königshaus eng verbunden, jemand, von dem niemand sagen konnte, ob er Agent des österreichischen oder des bayerischen Hofes sei. Erzberger oder Rantzau haben die öffentliche Meinung Deutschlands damit in sehr merkwürdige Hände gegeben, jedenfalls nicht in sozialdemokratische!

Berlin. 7. Februar 1919. Freitag

Wieland Herzfelde bei mir. Ich skizzierte ihm meine Auffassung der Weltlage. Drei große Ideen und Machtkomplexe, die wirklich international sich in die Welt teilten und einander bekämpften: Klerikalismus, Kapitalismus und Bolschewismus; der Kapitalismus mit Einschluß seiner Ausgeburten Militarismus und Imperialismus. Die drei symbolischen Männer der Zeit der Papst, Wilson und Lenin, jeder mit einer ungeheuren, elementar fundierten Gewalt und Völkermasse hinter sich. Die Größe des weltgeschichtlichen Schauspiels, die Einfachheit seiner Linien, das Tragische, das in der Unentrinnbarkeit des daraus sich entrollenden Schicksals liege, fast beispiellos. Draußen stehend und das Ganze wolkenhaft bedrohend Asien. Deutschland werde jetzt auf Schleichwegen für den Klerikalismus eingefangen, während der Bolschewismus es mit Gewalt von innen und außen an sich reiße und der Kapitalismus durch Vermittlung von Wilson ihm ein Aschenbrödelplätzchen am Tisch des Kapitals anbiete. So sei der Kampf um Deutschlands Seele entbrannt; um Deutschlands Seele, Volkskraft und Aufmarschgebiet, weil jeder fühle, daß hier in dieser Weltkatastrophe die Entscheidung fallen müsse. Vielleicht könnte Deutschland sich, mit Asien verbündend, aus der Tragödie zurückziehen. Aber wie? Wo sind die praktischen Möglichkeiten? Oder führt ins Freie der Weg über die allmähliche und demokratische Sozialisierung? Wird das Schicksal, die ungeheure Tragödie, in die es verwickelt ist, ihm Zeit dazu lassen? (Berner Kongreß.)

Später mit Herzfelde bei George Grosz, der für die erste Nummer der Zeitschrift eine Karikatur gegen den Neo-Klerikalismus in Deutschland zeichnet. Bei ihm ein mich auf das stärkste durch seine Farbenpracht reizendes, noch nicht fertiges Bild gekauft; das zweite, das ich ihm abkaufe. Es erinnert an die Farbenphantasien von Odilon Redon, den Grosz, wie er sagte, nur aus Reproduktionen kennt. Er sei zu dieser Leuchtkraft der Farbe gekommen auf dem Wege über seine Aquarelle: eine langjährige Arbeit. Ähnliches habe ihm schon früher vorgeschwebt, er habe aber nicht gekonnt.

Jede Erziehung ist Vergewaltigung, ebenso wie jeder Staat. Erziehung, Gesellschaft, Staat sind nur dazu da, um rohere Formen der Gewalt in feinere zu sublimieren. Das ist aber nur ein Unterschied der Form und des Grades, kein prinzipieller. Das Objekt der Erziehung usw. ist nicht minder vergewaltigt, aus seiner Bahn gedrängt, entnatürlicht (dieses ist ja sogar der eigentliche Zweck der Kultur) wie durch weniger sublime Gewaltmittel. Auch kann man nicht sagen, daß es unter allen Umständen weniger Schmerz empfindet. Aber das ekelhafte Schauspiel der physischen Vergewaltigung, Blut, verzerrte Mienen, Schmerzgeheul, Tod bleiben dem Zuschauer erspart. Die Gesellschaft ist nicht minder grausam, aber für die sensiblen Nerven der Zuschauer erträglicher als der Krieg. Das ist der eigentliche Unterschied. Und außerdem ist die Rückkehr zur physischen Gewalt eine Regression, die die Harmonie der Vergewaltigung durch Kultur und Staat stört; auch insofern ein schrilles, häßliches Schauspiel. Objektiv kann die Sublimierung der Gewalt Kraftersparnis sein, zum Beispiel wenn jemand versklavt und nicht mehr getötet wird; er bleibt dann ›der menschlichen Gesellschaft erhalten‹ zur Ausbeutung. Mit Menschlichkeit hat das nichts zu tun; es ist reine Utilität, die durch höhere Zweckmäßigkeit aufgehoben werden kann.

Berlin. 8. Februar 1919. Sonnabend

Vormittags Paul Cassirer gesprochen, der aus Bern zurück ist, ohne Schickele gesehen zu haben, weil dieser in St. Moritz Ski lief. Er brachte daher nichts von Bedeutung mit.

Mittags frühstückten bei mir Hilferding, Theodor Däubler und Hugo Simon, der frühere unabhängige Finanzminister. Wir besprachen die Gründung eines Klubs, wo man sich unter frei gesinnten Leuten treffen könnte, ohne Bindung an eine Partei. Die Vollmoellersche Wohnung am Pariser Platz in Aussicht genommen. Den Abbruch des Waffenstillstandes, falls die Entente neue, übermäßig harte Bedingungen stellt, verwirft Hilferding entgegen Simons und meiner Meinung. Er möchte nur unsere unfähigen Unterhändler, vor allem Erzberger, ersetzen. Die Truppen im Ostschutz halten Hilferding sowohl wie Simon für unzuverlässig. Däubler schilderte das Elend der geistigen Arbeiter. Er bekäme für einen Artikel im ›Jungen Deutschland‹ von Reinhardt zwanzig Mark; für sein großes Gedicht auf das Sternbild der Fische in den ›Weißen Blättern‹ habe ihm Cassirer sechzig Mark als Honorar gezahlt. Er lebe nur von der ›Insel‹. Diese Misere sei ein Grund, warum so viele junge Intellektuelle zu den Kommunisten übergingen.

Nachher im Amt. Langwerth bat mich, über Bern zunächst mit Romberg zu sprechen, der angekommen ist. Berchen, der aus Kiew zurück ist, sagte, seine Truppen seien mit reißender Geschwindigkeit bolschewisiert worden.

Berlin. 9. Februar 1919. Sonntag

Simon Guttmann bei mir, der ganz Spartakist geworden zu sein scheint. Er sagt, jetzt stünden alle jungen Intellektuellen fast ohne Ausnahme gegen die Regierung. Es sei unmöglich, die Erbitterung dieser Kreise zu übertreiben. Man erkläre, daß die jetzige Regierung viel schlechter sei als die kaiserliche; diese habe wenigstens versucht, etwas zu tun. Die jetzige tue nichts, scheue jede Verantwortlichkeit, außer wo es sich ums Schießen handle. Nichts sei durch die Revolution geändert. Alles arbeite nach dem alten Schema. Die ganze Struktur des deutschen Volkes müsse wahrscheinlich geändert werden. Es gebe auch im Ausland bereits eine deutsche Opposition, die mindestens so stark sei wie die, die gegen die alte Regierung bestand. Viele sagten, Deutschland müsse zum zweiten Male besiegt werden, ehe etwas Anständiges daraus werde. Diese Leute arbeiteten bewußt darauf hin, Deutschland Schwierigkeiten mit der Entente zu schaffen. Dr. Meyer, der jetzt die Leitung der Spartakusbewegung übernommen hat, sei besonnener und fähiger als Liebknecht.

Gefrühstückt mit Romberg in der Deutschen Gesellschaft. Er sagt, mit dem Auswärtigen Dienst habe er endgültig abgeschlossen; er wolle sich jetzt in Deutschland orientieren und sehen, was hier zu machen sei. Keine der Parteien befriedige ihn. Er scheint in den Kreisen, die bisher die Beamten und Offiziere geliefert haben, sich umsehen zu wollen, um hier Kräfte zu sammeln, die sich für den Aufbau eignen. Die Sozialdemokratische Partei erscheine ihm als die relativ tüchtigste. Von den Demokraten will er nichts wissen. Die früheren Offiziers- und Beamtenfamilien hätten schon immer nach einem staatlichen Ideal gelebt, das sich dem Sozialismus nähere. Vielleicht lasse sich durch diese mit den Sozialisten zusammen etwas machen. (Im Hintergrunde schweben bei Romberg sicherlich auch christliche Ideen.) Ich denke, er wird bei einer Art von christlichem Sozialismus mit jungen Leuten aus guter Familie landen. Sehr anständig, aber nicht lebensfähig.

Meinen Plan mit Bern billigte er mit Einschränkungen. Bei August Müller (den ich nicht kenne) hätte ich keine gute Note. Mit Frankreich sei nur in Verbindung mit den Kreisen, die dort antienglisch seien, etwas zu machen. Aber in der jetzigen Situation sei es für uns leichter und richtiger, uns mit England als mit Frankreich zu verständigen. So schließe das eine das andere fast aus. Außerdem sei Frankreich durch seine Rachsucht, seine aufgeregte, habgierige Politik auf dem besten Wege, sich seinen Bundesgenossen unbequem zu machen und bei ihnen in Mißkredit zu kommen; wir hätten jetzt kein Interesse mehr an einer Mäßigung Frankreichs, im Gegenteil, je toller es sich gebärde, um so besser. Er halte es für wichtiger, daß ich hierbleibe und mich weiter mit Polen befasse. Ich sagte, sehr richtig, dann müßte man mich aber bei den polnischen Dingen auch heranziehen. Hier sitzen und nichts tun sei nicht meine Sache. Schließlich riet er mir, unter dem Vorwande der Abwicklung meiner Geschäfte nach Bern zu fahren, dort Müller zu sondieren und zu sehen, ob mit Frankreich etwas zu machen sei. Er war aber nur mit halbem Herzen dabei. Nachher mit Langwerth in dieser Sache gesprochen. Mit ihm verabredet, daß ich an Schubert schreibe und unter dem obigen Vorwande hinunterfahre. Langwerth dann meine Befürchtungen wegen Spartakus gesagt, daß ich die zweite Revolution kommen fühle. Er war sehr betroffen und bat mich dringend und wiederholt, Rantzau in Weimar dieses zu sagen. Rantzau sei der einzige, der etwas machen könne. Daß Erzbergers Tätigkeit verhängnisvoll sei, gab er ohne Einschränkungen zu. Erstaunlich war, wie wenig Langwerth von der Spartakusbewegung wußte. Alles, was ich ihm sagte, war ihm anscheinend neu. Das Amt lebt zwischen Aktenschränken in einer eigenen kleinen Welt, und die Politik, die es in dieser macht, heißt dann Weltpolitik. Romberg, den ich nach Weimar einlud, zögerte, weil er meinte, Rantzau werde annehmen, daß er gegen ihn bohre, wenn es ihm auch ganz fernliege. Rantzau könne sich das aber nicht anders vorstellen.

Abends, von Bekannten verschleppt, in einem Lokal, wie es jetzt Hunderte in Berlin gibt, wo bis morgens getanzt wird. Für die zweite Periode der Revolution von den Dezemberputschen und dem Austritt der Unabhängigen aus der Regierung bis jetzt wäre als Bezeichnung die treffendste: ›Der Tanz auf dem Vulkan‹.

Berlin. 10. Februar 1919. Montag

Früh Wieland Herzfelde bei mir. Eindruck der ungemein frischen, fleißigen und witzigen Persönlichkeit dieses jungen Menschen, dessen Tätigkeit irgendwie fruchtbar werden wird.

Kestenberg bei mir gefrühstückt. Die mit Hugo Simon, Hilferding und Däubler erörterten Ideen eines Klubs und einer davon unabhängigen ›Fabian Society‹ besprochen. Letztere denke ich mir zum Zwecke, Menschen von geistiger Bedeutung, die durch die Ereignisse ihre Orientierung verloren haben, durch Diskussionen und möglichst objektive Untersuchungen wieder zu einer fest fundierten Haltung in politischen, wirtschaftlichen, ethischen Dingen zu verhelfen. Als Namen wurden notiert: Hilferding, Däubler, Breitscheid, Dr. Meyer (von der ›Roten Fahne‹, der Führer der Spartakusbewegung), Georg Bernhard, Schücking, Prof. Delbrück, Wieland Herzfelde, Becher, Eisner, Albert Einstein, Arco, S. Friedländer, Blüher, Harden, Wolfgang Heine, Landsberg, Hugo Simon, Moissi, Eysoldt, Mechthilde Lichnowsky.

Ich bin der Ansicht, daß eine solche Gesellschaft sich statutenmäßig binden müßte, keine Kundgebungen nach außen zu erlassen; sonst kann ihre Arbeit nicht fruchtbar sein. Sie müßte zunächst überhaupt eine Art von Geheimgesellschaft sein.

Abends in einem Vortrag von Stadler über Bolschewismus im ›Rheingold‹. Er redete platt, aber begeisternd. Die Diskussion nachher war beschämend; so trivial. Das ungeheure Erlebnis des Bolschewismus ist trotz der Spartakuswoche noch dem Berliner Spießer fern. Ein fakirhaft sich gebärdender und überschreiender Kommunist, der auftrat, wirkte bloß belustigend, ebenso eine deutschnationale Dame.

Berlin, 11. Februar 1919. Dienstag

Gestern ist in Weimar die provisorische Verfassung angenommen. Damit endet offiziell die Revolution. Allerdings tatsächlich ist es bloß ein Abschnitt.

Ebert ist heute von der Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt worden. Ein gekrönter Sattlermeister, solide, sympathisch und tüchtig; ob politisch fruchtbar, zum mindesten fraglich. Ein großer Schädel, dick und schwer, der keine Seitensprünge machen wird; insofern besser als Wilhelm II. Aber ich fürchte, noch kein Cromwell.

Berlin. 12. Februar 1919. Mittwoch

Frühstück mit Romberg und Nadolny. Ich fragte Nadolny, wie Rantzau sich das Weitere denke, wenn wir einmal uns entschließen müßten, gewisse Entente-Bedingungen abzulehnen und den Waffenstillstand nicht zu erneuern? Nadolny antwortete, trotz Rantzaus und Eberts Drohungen bestehe die Absicht zu brechen nicht. Erzbergers Einfluß sei dagegen. Man wolle die Zeit wirken lassen, die, wie man glaube, für uns arbeite, indem Frankreich bei jeder Erneuerung des Waffenstillstandes durch Übersteigerung seiner Forderungen mit seinen Alliierten immer weiter auseinanderkomme. Unser Programm sei daher: warten und protestieren, aber nicht abbrechen. Es frage sich, wer die besseren Nerven habe. Das ist also die Erzbergersche Waffenstillstandspolitik. Ich machte den Einwand, warten könne, wer Zeit habe. Aber wenn bei uns der große Kladderadatsch komme, ehe die Entente mürbe sei, dann würden wir unfreiwillig die Politik mit den russischen Bolschewiki machen müssen, die wir heute noch freiwillig wählen könnten.

Erzberger ist nach Romberg ein kleiner Schieber von großem Fleiß und mit offener Hand, die rechts und links Geschenke und Gefälligkeiten austeilt, um Anhänger zu werben. Ein jeder wisse, daß er bei Erzberger etwas profitieren könne. System der guten Trinkgelder. Berchen hat er ein Auto samt Chauffeur unter großen Kosten (Staatskosten) nach der Schweiz besorgt.

Berlin. 13. Februar 1919. Donnerstag

Radek ist heute früh in Berlin verhaftet worden.

Meyer, zu dem ich einen Augenblick hineinging, war über das Innere auch sehr beunruhigt, wollte aber ›nur noch Gewalt‹. Aushebung und Stützung auf das Militär. Daß das Militär nicht zuverlässig ist und die Revolution in den Geistern liegt, will diese Sorte nicht einsehen. Und das nennt sich ›Realpolitik‹.

Auf dem Korridor Ferdinand Stumm getroffen, der also seinen Unterschlupf in Holland verlassen hat. Er lachte und war wie immer guter Dinge, obgleich er zugab, daß wir in den Abgrund rollen. Typus: der Mensch, für den alle anderen Menschen nur Gegenstände sind, mit denen seine Phantasie spielt (der Puppenliebhaber). Ein solcher Mensch ist unendlich anziehend, weil die andern sich in ihm wie im Zauberspiegel sehen, aber gefährlich wie trügerisches Eis, wo das Spiegelbild plötzlich in die Tiefe sinkt und den eitlen Selbstbeschauer mit in den Abgrund reißt. Wenn nicht ein sehr gutes und zartes Herz korrigierend wirkt, sind solche Menschen Ungeheuer, die, wen sie lieben, in Tod und Elend locken.

Berlin. 14. Februar 1919. Freitag

Frühstück bei Hiller mit Hugo Simon, Breitscheid, Hilferding, Königs und einem Engländer Mr. Young (Quäker) von der Independent Labour Party, der hier Korrespondent der ›Daily News‹ ist. Young meint, die Streiks in England würden nicht zur Revolution führen, aber vielleicht den Sieg der Arbeiterpartei bei den nächsten Wahlen, die voraussichtlich innerhalb eines Jahres stattfinden würden, vorbereiten. Es sei sehr möglich, daß die nächste englische Regierung eine reine Arbeiterregierung sein werde. Hilferding kritisierte heftig die Drohung Eberts und Rantzaus, die Waffenstillstandsverhandlungen eventuell abzubrechen. Entweder sei es ein leeres Gerede, oder Deutschland werde, wenn man breche, dem Hunger und Bolschewismus ausgeliefert. Richtig würde es nach Hilferding sein, ein genaues positives Programm aufzustellen, wie wir uns im einzelnen die Anwendung der Wilsonschen 14 Punkte dächten, zum Beispiel in bezug auf Polen, auf Wiederaufbau usw., nicht immer bloß passiv uns Bedingungen auferlegen zu lassen und zu protestieren.

Berlin. 16. Februar 1919. Sonntag

Der Völkerbund-Plan der Entente wird heute früh von den Zeitungen veröffentlicht. Der erste Eindruck ist der eines dürr-juristischen Paragraphenbündels alten Geistes, das schlecht verhüllte imperialistische Knechtungs- und Raubabsichten einer Anzahl siegreicher Staaten dürftig umhüllt; ein Notariatsvertrag, wie man ihn armen Verwandten auferlegt. Die ganze Situation erinnert an Becques Stück ›Les corbeaux‹; Ausplünderung der Witwe durch die Associés des Verstorbenen in stilvollen juristischen Floskeln. Frage: wie man sich dazu verhalten soll? Ablehnen könnte man nur auf Grund eines besseren Planes, der die ganze Frage breiter und tiefer, nicht bloß juristisch, sondern menschlich anpackt und überzeugend löst. Ein Fehler, der in die Augen springt, ist, daß er von den Staaten ausgeht, die in einer natürlichen Kampfstellung zueinander stehen, statt von den großen wirtschaftlichen und menschlichen Interessen und Verbänden, die von sich aus zur Internationalität streben. Diesen internationalen Verbänden (Arbeiterinternationale, internationale Verkehrs- und Rohstoffverbände, große Religionsgemeinschaften, Zionisten, Assoziationen auf humanitärem oder wissenschaftlichem Gebiete, internationale Bankenkonsortien usw.) müßte man Macht- und Zwangsmittel gerade gegen die Staaten verleihen, sie rechtlich immer mehr von den Einzelstaaten ablösen und verselbständigen und dafür Rahmen und Vorschriften schaffen; nicht aber dem lächerlichen alten Ausschuß der Großstaaten gerade umgekehrt noch mehr Macht verleihen als bisher.

Ein Völkerbund, wie ich ihn mir denke, wäre das natürliche Organ für die internationale Abtragung der Kriegsschulden und den Wiederaufbau des Verwüsteten; ebenso für die internationale Verwaltung der Kolonien (Rohstoffgebiete). Vorfrage: Ob wir Wilson überhaupt opponieren können? Ob Vorteile meiner Lösung so groß, daß Opposition lohnt?

Berlin. 17. Februar 1919. Montag

Hilferding bei mir gefrühstückt (Hiller; Kleines Kabinett). Meine Ideen zum Völkerbund lehnte Hilferding im großen und ganzen ab. Er meinte, man werde doch die Starken zu dessen Trägern machen müssen, schon weil nichts anderes durchzusetzen sei. Den Wilsonschen Plan müsse man durch einzelne Amendements zu verbessern suchen (also ganz das Gegenteil meines Vorschlags). Der Waffenstillstand ist gestern unter niederschmetternden Bedingungen wieder unterzeichnet worden. Rantzau hat Rücktrittsabsichten zu erkennen gegeben, ist dann aber geblieben.

Berlin. 18. Februar 1919. Dienstag

Besprechung vormittags im Amte mit Nadolny, der mir sagte, nach Langwerths Auffassung habe sich in meiner Stellung als Gesandter nichts geändert; die Geschäfte der Gesandtschaft lägen nach wie vor in meinen Händen. Ich verabredete mit Nadolny daher, daß ich mir ein kleines Personal zusammenstellen und die Geschäfte wiederaufnehmen werde.

Gefrühstückt mit Romberg im Automobilclub. Ihm meine Völkerbundideen entwickelt. Er brachte ihnen großes Interesse entgegen und drängte, daß ich der Sache praktisch nachgehen solle. Max Weber hält er für sehr fähig und rednerisch wirksam, aber professoral und ohne großes praktisches Können. Prinz Max ebenfalls mehr durch seine ethische Persönlichkeit und sein Verständnis für Völkerpsychologie als durch politische schnelle Entschlußkraft ausgezeichnet.

Irgend jemand, der an unseren Tisch herankam, erzählte Romberg, er habe vorige Nacht bei Friedländer-Fulds mit Kühlmann bis um fünf getanzt. Romberg sagte nur: »Geschmacklos«, was gegen Kühlmann, der Deutschlands Unglück zum erheblichen Teile mitverschuldet hat, milde ist. Berlin tanzt, und Kühlmann, der Bankrotteur, tanzt mit. Das wenigstens wird uns Ludendorff ersparen. Kühlmann bleibt seinem Charakter treu; er war und ist unter aller Hülle geistiger Befähigung und zynischer Gleichgültigkeit ein dicker Genußmensch.

Berlin. 19. Februar 1919. Mittwoch

Herzfelde bei mir; klagte, daß die bürgerlichen Zeitungsfrauen sein Blatt boykottieren, weil sie Spartakusluft wittern. Anselm Ruest schreibt und bittet verhüllt um Stützung seiner Wochenschrift ›Der Einzige‹. Die Publikationen, zum Teil interessante, schießen wie die Pilze empor. Aber es fehlt an Geld und Papier, auch an Geist. Herzfelde war halb niedergebrochen unter dem Eindruck der Verständnislosigkeit bei seinen Mitarbeitern.

Mittags war das erste Redaktionsfrühstück unserer eigenen Zeitschrift ›Deutsche Nation‹; anschließend Redaktionssitzung. Ich brachte meine Ideen zum Pariser Völkerbundplan und zu einem wirklichen Völkerbunde vor. Sie fanden die sofortige widerspruchslose Zustimmung von Bülow, Ferdinand Stumm, Prittwitz, Bornstädt, Grunelius, Neven-Dumont. Ihr antistaatlicher, bolschewistischer Charakter (da sie sich zum großen Teil der Rätebewegung bedienen) wurde begriffen und gebilligt. Namentlich Bülow und Stumm traten ihnen mit großer Wärme bei (Stumm, wie mir schien, allerdings nur aus opportunistisch-diplomatischen Motiven).

In der anschließenden Sitzung, zu der Kraus von der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes und Dr. Führ zitiert wurden, trat Kraus, der ein reiner Jurist ist, sehr scharf meinem Plane entgegen. Nur der Staatenbund als Ausbau der Haager Verträge sei möglich. Sonst entstehe eine historische Lücke.

Berlin. 20. Februar 1919. Donnerstag

Der erste Frühlingstag. Warmes, helles Wetter, in dessen Weichheit schon der Sommer spürbar ist.

Bei Walther Rathenau im Palais seiner Mutter gegenüber der Italienischen Botschaft. Schön geordnete Treppen und Säle im Renaissance- und Empirestil; Grundriß, den er, wie er sagt, mit Seidel gemeinschaftlich entworfen hat. Ich hatte ihn seit der Revolution nicht gesehen; wollte ihn aber wegen der politischen Lage und besonders des Völkerbunds jetzt sprechen. Wir saßen in einem kunstvoll parkettierten, mit Deckenfresken versehenen, etwas steifen italienischen Renaissanceraum auf Löwensesseln.

Rathenau empfängt, wie er sagt, seit einiger Zeit den Besuch von Dutzenden von Amerikanern und Engländern, die ihn sehen wollen, deren Haltung aber übereinstimmend die des Mitleids gegen ihn sei, daß er einem solchen Volke angehöre, einem Volke, das sie mit einer noch nie in der Weltgeschichte dagewesenen Mischung von Abscheu und Verachtung betrachteten. Ihre Haltung sei dieselbe wie die der Christen gegen einzelne hervorragende Juden, die geduldet, aber wegen ihrer üblen jüdischen Verwandtschaft bemitleidet würden. Er kenne als Jude diese Blicke und höflich verächtlichen Wendungen ganz genau. Allerdings sei es hart, nachdem man sie sein ganzes Leben als Jude ertragen habe, jetzt zum zweiten Male als Deutscher darunter zu leiden. Man dürfe aber sein Volk nicht als Sprungbrett benutzen, um sich darüber zu erheben; sondern müsse sich dazu halten, auch wenn einem Bequemeres offenstünde.

Zum Bolschewismus ließ er starke Hinneigung durchblicken. Es sei ein großartiges System, dem wahrscheinlich die Zukunft gehören werde. In hundert Jahren werde die Welt bolschewistisch sein. Der gegenwärtige russische Bolschewismus gleiche einem wunderbaren Theaterstück, das auf einer Schmiere von Schmierenschauspielern gespielt werde. Und Deutschland werde den Kommunismus, wenn er zu uns komme, genauso im Schmierenstil aufführen. Uns fehlten die Männer für ein so überaus kompliziertes System. Es verlange eine viel feinere und höhere organisatorische Begabung, als bei uns zu finden sei. Wir hätten keine Menschen von genügender Statur; vielleicht die Engländer und Amerikaner. Wir Deutschen könnten nur à la Feldwebel organisieren, nicht auf der hohen Stufe, die der Bolschewismus fordere. Des Nachts sei er Bolschewist; aber am Tage, wenn er unsere Arbeiter, unsere Beamten sehe, sei er es nicht oder noch nicht (er wiederholte mehrmals das ›noch nicht‹).

Die Idee, dem Wilsonschen Staatenbunde einen Völkerbund auf Basis der internationalen Organisationen entgegenzustellen, kritisierte er, indem er von der Verachtung und dem Haß der Welt gegen Deutschland ausging. Er meinte, diese Gefühle seien so mächtig, daß sie in jede internationale Körperschaft, sei es Freimaurerei oder Internationale oder Kirche, einschnitten, in der Entente-Angehörige säßen. Daher dürfe man nichts aufbauen auf irgendeine internationale Körperschaft, an der die Entente-Völker beteiligt seien; denn dort würden wir immer in der Hinterhand sein. Mit der Entente verquickt seien aber alle bestehenden internationalen Verbände und Vereinigungen.

Sein Plan sei ein andrer. Eigentlich sollten wir allerdings den Eintritt in den Wilsonschen Bund überhaupt ablehnen. Aber das werde unsere öffentliche Meinung, besonders die Sozialdemokratie, nicht zulassen. Er setzt daher das Schlimmste: wir würden beitreten. Andre Länder, zum Beispiel Rußland, würden wahrscheinlich draußen bleiben. Mit diesen sollten wir zunächst ganz unpolitische Berührungen und Anknüpfungspunkte suchen, eine Art ›Salon des Refusés‹ gründen: durch interparlamentarische Besprechungen, wissenschaftliche Kongresse und ähnliches die Bande immer enger knüpfen; und dann, wenn innerhalb des Völkerbundes die unausbleiblichen Intrigen und Spaltungen anfingen, auf jene Zurückgewiesenen gestützt den Bund sprengen, eine bessere Organisation erzwingen.

Das alles bewegt sich in den alten diplomatischen Geleisen, für die wir ein so großes Talent bewiesen haben! Ich verspreche mir auch dementsprechend viel davon! Er trug es aber vor wie höhere Weisheit und fügte hinzu: allerdings arbeite er eigentlich nur noch für die Zukunft; mit der Gegenwart sei nichts anzufangen. Man könne nur hier oder dort eine Kleinigkeit zurechtrücken. So habe er zu Anfang des Krieges die Rohstoffversorgung geordnet, allerdings unter Gewissenskämpfen, weil er sich gefragt habe, ob es nicht besser sei, den Dingen ihren Lauf zu lassen, das Ende schrecklich, aber kurz zu machen, und ›das, was fällt, noch zu stoßen‹. Abgesehen von solchen Aushilfen wirke er für die Zukunft. Die werde nicht an ihm vorbeigehen.

Heute sei die Zeit der kleinen Leute. Einer sehe aus wie der andere: Scheidemann, Naumann, Kühlmann; alles Knieholz: alle diese ›-männer‹ könne man untereinander vertauschen, ohne daß es jemand merke. In Deutschland komme nur der Bierbankpolitiker vorwärts. Man müsse ›beliebt‹ sein, durch die Kneipen sich durchwälzen, sonst bringe man es zu nichts. Wer aber das könne, der sei kein Geistiger. Er kenne nur einen einzigen Mann von wirklich großem Format in Deutschland: Hugo Stinnes. Aber der sei nicht zu haben, um Deutschland zu regieren, habe 300 bis 400 Millionen im Kriege verdient und arbeite nur für sich und seine Hausmacht. In Regierung und Parlament sehe man heute überall dieselben alten Leute wie gestern. Die Revolution habe nur einen neuen Mann hervorgebracht: Noske. Der schiene allerdings gut. Sonst: Die Offiziere, die Beamten, die Schutzleute auf der Straße, die Spießer auf der Bierbank seien noch die alten. Wie könne man da vor die Menschheit treten und ihr sagen, das deutsche Volk habe sich erneuert? Darin bestehe die Unwahrhaftigkeit Eisners. Seine Publikationen und Selbstbeschuldigungen hätten einen Sinn nur, wenn fünfzig Millionen Deutsche dahinterstünden; da aber kaum ein paar tausend Deutsche so dächten, so seien sie eine Irreführung. Eine Revolution habe bei uns gar nicht stattgefunden; nichts sei passiert: nur ein kleiner Militärstreik.

Rathenau doziert das alles in selbstsicheren, langen Reden, die auch das Richtige häufig falsch beleuchten. Überhaupt ist er der Mann der falschen Noten und schiefen Situationen: als Kommunist im Damastsessel, als Patriot aus Herablassung, als Neutöner auf einer alten Leier. Allerdings ein Virtuose; aber leider auch ›der große Mann‹, derjenige, welcher an sein Denkmal denkt und dieses posthume Erz auf seinem Geiste lasten läßt: vor fünfzehn Jahren war dieser üppiger und beweglicher. Heute ist sein Gespräch trotz des pomphaften Tones bis auf einzelne richtige Beobachtungen steril; seine Haltung eine Mischung aus Verbitterung und Eitelkeit, wobei sein sehr undurchsichtiges Verhältnis zu den Frauen gewiß mitspricht; etwas von der männlichen alten Jungfer steckt in ihm und seinem Denken, seiner Überhebung. Schickeles Wort auf ihn: ›Vom Rohstoff zu Christus‹ wird der Disproportion in ihm fast gerecht.

Der U-Boot-Matrose Willy, den ich kenne und heute traf, war so bedrückt, daß ich fragte, was ihm fehle; er gab schließlich scheu zu, daß er die Auslieferung der Flotte nicht verwinden könne. Er habe keine Freude mehr am Leben. Auf dem U-Boot hätten sie es gut gehabt, Kameradschaft geübt, Schweres und Schönes erlebt, und immer habe es mit den Kameraden geheißen: ›Nach den schweren Stunden mutig sein!‹ Von seinem U-Boot besitze er noch eine Photographie, die könne man ihm wenigstens nicht nehmen. Ich fragte, ob er an eine solche Kameradschaft auch mit unserem ganzen deutschen Volke und mit der Menschheit glaube? Er sagte: er verstehe wohl, was ich wolle. Es sei auch sehr schön, ›aber es gibt zu viele schlechte Menschen in der Welt‹.

›Nach den schweren Stunden mutig sein‹ – diese einfache Lebensregel eines einfachen Mannes ist eine der schönsten und tapfersten, die ich kenne. Die fast gedankenlose Verzweiflung dieses armen, tapferen Jungen gehört auch zu unserer Volkstragödie, die so dunkel und tief durch das wilde Tanzen und Gewirre neben und zwischendurch läuft. Wieviel würdiger und menschlicher als die hohle Herablassung von Rathenau.

Weimar. 21. Februar 1919. Freitag

Früh im Nationalversammlungszug nach Weimar gefahren.

Eisner ist heute morgen in München ermordet worden von einem jungen Grafen Arco. Nadolny, der seit zwei Tagen bei mir wohnt, brachte nachmittags die Nachricht, daß die Spartakisten Eisner gerächt hätten, indem sie den Kriegsminister Rosshaupter überfallen und getötet, den Minister Auer schwer verwundet haben. Landsberg, von dem Nadolny kam, hatte ihn gefragt, ob er glaube, daß die Regierungstruppen in Berlin und hier zuverlässig seien. Man erwarte, daß die Münchener Morde weitere Kreise ziehen würden. Wenn die Truppen zuverlässig seien, dann heiße es die Zähne zusammenbeißen und die Sache durchfechten; wenn nicht, dann könne alles zusammenbrechen.

Ich skizzierte Nadolny meine Völkerbundidee. Er erwärmte sich langsam, und je deutlicher sie ihm wurde, um so mehr. Vor allem, daß die Arbeiter der Welt den Frieden in die Hand nehmen sollten und durch die von der Exekutive dekretierte Arbeitseinstellung auf einfachem Wege den rebellischen Staat zum Frieden zwingen könnten, halte er für eine höher als der Staatenbund stehende Idee, die deshalb geeignet sei, die Wilsonsche veraltete zu besiegen. Aber ich sollte den Plan praktisch ausarbeiten, damit man ihn plastisch vor sich sehe und zeigen könne.

Nadolny ist heute zum Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Ebert ernannt worden.

Am Salonwagen der Regierung Stresemann getroffen, den ich, um Nadolnys Anregung zu folgen, auf Montag abend einlud. Sprung ins Spinngewebe Weimarer Intrigen!

Ich habe nach den Gesprächen mit Nadolny den Eindruck, daß die Nationalversammlung ein Mittelding zwischen Bierbank und Konklave sein dürfte, das heißt, die große Politik im Stile der Bierbank, die kleine im höheren und feineren des Kardinalskollegiums betreibend. In mein Haus, das bisher ganz von den Erinnerungen an van de Velde, Hofmannsthal, Gordon Craig, Maillol, Rodin, Bodenhausen, Ludwig von Hofmann, Nietzsche erfüllt war, schlägt das sonderbar herein; wie ein Fabrikschlot in eine Landschaft.

Stresemann erzählte, daß er Frau und Kinder unter Spartakusherrschaft untergebracht habe im Braunschweigischen. Es gehe ihnen glänzend, Verpflegung, Wintersport usw. Er habe seinen Kindern einen Rektor hingeschickt, denn man könne sie jetzt nicht gut auf Berliner Schulen erziehen lassen.

Weimar. 22. Februar 1919. Sonnabend

Nachmittags mit Rantzau, der abends nach Berlin fährt, kurz vor seiner Abreise Unterredung im Schloß. Sein Diener ist infolge irgendwelcher Familienereignisse fort; Rantzau mußte selber packen und empfing mich infolgedessen etwas ermattet. Ich skizzierte ihm zuerst meine Völkerbundsidee, auf die er durch Nadolny vorbereitet war. Meine Andeutung, daß auf diesem Wege auch ein Zusammengehen mit Rußland und den Bolschewiki zu erreichen wäre, griff er auf und sagte, die ganz großzügige Politik für Deutschland wäre zweifellos die, mit Sowjetrußland zusammen gegen die Entente. Auch er denke an eine solche Politik, ja, es sei die, die er am liebsten machen möchte. Die Verbeugung nach Seiten der Bolschewiki in seiner Rede hätte ich wohl bemerkt. Nur fürchte er, daß wir auf diesem Wege zuerst eine sehr schlimme und gefährliche Strecke passieren müßten, und deshalb sei er bisher davor zurückgeschreckt. Wenn uns aber die Entente zur Verzweiflung treibe, wenn wir doch den Bolschewismus ins Land bekämen, dann werde er diesen Weg gehen, dann wolle er sich an die Spitze der Bewegung setzen und sie auswerten. Er habe schon einem englischen Journalisten in Kopenhagen gesagt, wenn die Entente uns durch ihre Maßregeln in den Bolschewismus hineintreibe, dann werde er dafür sorgen, daß er an unseren Grenzen nicht haltmache.

Meine Völkerbundidee war für ihn offenbar hauptsächlich als Sprungbrett nach Rußland anziehend; wenigstens verweilte er am längsten bei dieser Aussicht. Seine einzige kritische Bemerkung bezog sich darauf, daß die nationalen Feindschaften in die internationalen Organisationen wie Arbeiter-Internationale, Kirche usw. eingedrungen seien. Er bat mich um ein schriftliches Exposé, das ich ihm auch noch abends an der Bahn gab. Ich bot ihm dann noch weiter an, falls die Idee ihn interessiere, eine Völkerbundverfassung auszuarbeiten; nur bäte ich ihn, mir zur Hilfe bei der Formulierung jemanden von der Rechtsabteilung zur Verfügung zu stellen. Er genehmigte dieses, meinte aber, es würde schwer sein, jemanden nach Weimar zu schicken; ich müßte dann schon nach Berlin kommen.

Knappe Formulierung meines Gedankens: Nicht ein Bund der Staaten, sondern eine Organisation der Organisationen, die sowieso für den Frieden und international sind, soll die höchste Gewalt (Militär, Boykott usw.) über Krieg und Frieden und Völkerrecht erhalten.

Weimar. 23. Februar 1919. Sonntag

Nachmittags Frau Förster-Nietzsche besucht. Bei ihr saß Pachnicke, der Abgeordnete, das große Tier der Demokraten; etwas altfränkisch, etwas preziös, etwas »Zu-gut-für-diese-Welt«-Haltung; was dahintersteckt, weiß man nicht. Ich vermute, er zitiert Horaz und denkt dabei an den Bezirksverein.

Die Gegenüberstellung Frau Förster-Nietzsche und Pachnicke war dadurch recht drollig, daß die Förster-Nietzsche ihrerseits noch in ihrem siebenten Jahrzehnt Backfisch ist, »schwärmend« für diesen oder jenen wie ein siebzehnjähriges Mädchen (was übrigens auch in ihrem Verhältnis zu ihrem Bruder ihr Bestes ist), und dadurch trotz ihres Namens das weibliche Ebenbild von Pachnicke, das heißt die Verkörperung gerade dessen, was ihr Bruder bekämpft hat. Was die Komik noch erhöht: Pachnicke hat als junger Student an Nietzsche geschrieben und ihn gebeten, sein geistiger ›Vater‹ zu werden!

Im Bildungssumpf tummelt sich das Getier ahnungslos freudig, bis die ganze schöne Sumpfwelt in der Katastrophe von Weltkrieg und Revolution zusammenbricht! Die harte Berührung mit der Wirklichkeit hat unseren Studierten gefehlt. Zur Gesundung des ganzen Volkes müßte jeder Junge mindestens zwei Jahre auf sich selbst gestellt werden, abgeschnitten von allen Subsistenzmitteln: ein Handwerk lernen mit dreizehn, vierzehn Jahren und vom achtzehnten bis zwanzigsten ohne Mitleid in die Welt hinausgestoßen werden. Ersatz für die Militärpflicht. Alles andre ist Mumpitz, wenn von Einheitsschule, engerer Berührung mit dem Volke, Demokratie gefaselt wird. Die menschliche Überlegenheit des tüchtigen Proletariers beruht auf dieser Erziehung durch die Tat. Alles Gute in jeder Erziehung geht direkt oder indirekt hierauf zurück. Vielleicht ist ein solches Hinausstoßen in die Wirklichkeit allgemein nur in einer neuen Ordnung der Gesellschaft möglich.

Weimar. 24. Februar 1919. Montag

Sitzung der Nationalversammlung am Regierungstisch beigewohnt. Preuß begründete seinen Entwurf zur Reichsverfassung in einer unendlich langweiligen, farb- und temperamentlosen, schwerfälligen und schleppenden Rede; von der Größe des historischen Moments kein Hauch. Nach einer Stunde schlief ich ein und ging dann hinaus.

Der Anblick des hellgrünseidenen und weißen Hauses mit dem Publikum in den Rängen und Logen in der Theaterbeleuchtung ist nicht sehr feierlich, aber ganz gemütlich kleinstädtisch und solide. Zu hohen Geistesflügen reizt es nicht an, auch nicht zu revolutionären oder verzweifelten historischen Entschlüssen. Danton oder Bismarck würden in diesem niedlichen Rahmen ungeheuerlich wirken. Das Grandiose, das die Volksmassen und der Rahmen den Revolutionstagen in Berlin gaben, fehlt hier ganz. Es müßte viel Blut in diesem Hause fließen, um es zu weihen. Bisher ist der Eindruck der einer Sonntagnachmittagsvorstellung in einer kleinen Residenz. Der kleinbürgerliche Charakter der Revolution wird hier äußerlich sichtbar; die Vertreter aller Parteien von rechts bis links gehören mit wenigen Ausnahmen zum kleinen Mittelstand. Das Kabarett des Dr. Allos, das zur Erheiterung der Mitglieder hier weilt, entspricht durchaus den geistigen Bedürfnissen, die man beim Anblick der Versammlung vermutet.

Nachmittags angefangen, den Entwurf zur Völkerbundverfassung zu diktieren. Abends aß Stresemann bei mir. Er ist in derselben peinlichen Lage wie Bernhard; geächtet und verdächtig einem großen Teil der öffentlichen Meinung. Er erzählte von den Verhandlungen mit Professor Weber zur Begründung der Demokratischen Partei, bei denen ihm Weber in der verletzendsten Weise den Stuhl vor die Tür gesetzt habe, nachdem er bereits mit den Freisinnigen-Abgesandten einig gewesen sei. Allerdings sei, wie er nachträglich erfahren habe, Weber bereits zweimal in einer Nervenheilanstalt gewesen. Stresemann hat infolgedessen seine eigene Partei begründet.

Stresemann hat einen robusten Willen, der kräftig mitwirken könnte, aber nichts von der feinen, ethischen Haut, die jetzt Mode wird und zu schöpferischen Taten für Deutschland künftig nötig ist. Daher ist er eine problematische Erscheinung, die wie alle problematischen Erscheinungen mit einem gewissen subjektiven Recht die Welt als ungerecht empfindet.

Weimar. 25. Februar 1919. Dienstag

Nachmittags Ernst Hardt besucht mit Georg Bernhard. Hardt sprach aus Anlaß der Rückberufung von van de Velde nach Weimar die Ansicht aus, daß Deutschland nach dem Kriege auf der engsten nationalen Basis sich wieder auf sich selbst besinnen müsse, sonst gehe es zugrunde. Das reiche und mächtige Deutschland der Vorkriegszeit habe sich internationale Velleitäten in der Kultur gestatten können. Das sei aber jetzt vorläufig vorbei. Ich hielt ihm den Radikalismus und Internationalismus der jungen Intellektuellen entgegen. Er meinte (und ebenso Bernhard), diese seien bloß vorübergehend, eine heftige Reaktion werde folgen, wenn erst gemerkt werde, daß das Gerede der Entente von Verbrüderung und Völkerbund nicht ernst sei. Ich glaube, daß in Wirklichkeit die jungen Leute gleichzeitig nach beiden Seiten abschwenken zu zwei extremen Parteien: Radikalismus und Reaktion, Internationalismus und Chauvinismus, zwischen denen der Kampf in den nächsten Jahren bei uns unerhört scharf sein wird.

Später mit Bernhard beim preußischen Ministerpräsidenten Hirsch, der bei einem Dr. Nötter in dessen großem Hause in der Elisabethstraße einquartiert ist. Es wurde Skat gespielt und Sekt getrunken. Der Kultusminister Haenisch machte schöngeistige Konversation; mir schien, pour m'épater, denn er zitierte immerfort meine alten Pan-Genossen, Otto Julius Bierbaum, Hartleben, Holz, und ließ sein Gedächtnis glänzen, indem er jedes Buch von Bierbaum fast auswendig zu kennen vorgab. Ich verhehlte nicht meine Bedenken gegen Bierbaum. Haenisch schwelgte aber immer üppiger in seinen Erinnerungen und prunkte weiter, trotzdem Hirsch, der ein langer, eckiger Kerl ist, über ihn sich ziemlich unverblümt lustig machte.

Der Polizeiminister Ernst war ebenfalls da, ein vierschrötiger, zäher Kleinbürger, ohne beunruhigende Phantasie, satt und solide; den Charakter des jetzigen Regimes gut verkörpernd. Er erzählte mir, daß er eine ›reine Parteibibliothek‹ von 2000 Bänden besitze. Ich fragte ihn als Polizeipräsidenten von Berlin, was er von Spartakus erwarte. Er meinte, es werde wohl noch einen großen Putsch geben. Jetzt seien es überall im Reiche fliegende Feuer; einmal werde aber noch ein wirklicher Brand auflodern, und dann werde nur ein großer Aderlaß helfen. Es käme darauf an, so schnell wie möglich die Demobilisation durchzuführen; denn die alten Truppen seien alle verdorben. Die neu aufgestellten sind dagegen nach seiner Ansicht unbedingt zuverlässig. Er spricht wie ein altkonservativer Handwerker und mißbilligte die sozialdemokratische Agitation in West- und Ostpreußen, weil die politisch ahnungslosen Leute ihr gegenüber haltlos dastünden.

Weimar. 26. Februar 1919. Mittwoch

Meinen Verfassungsentwurf für den Völkerbund früh zu Ende diktiert und in die Cranachpresse zum Druck gegeben.

Abends aß Wolfgang Heine bei mir im ›Goldenen Adler‹. Das Gespräch war insofern merkwürdig, als er immerfort bemüht war, mich von seiner konservativen und nationalen Gesinnung zu überzeugen, während ich durchaus ehrlich ihm mein Bekenntnis zum Sozialismus beizubringen versuchte. Kennzeichnend für die ganze Situation heute. Deshalb geht nichts vorwärts vor lauter Verbeugungen. Wie wenn zwei Deutsche durch eine Tür hindurchwollen, so stockt der Lauf der Dinge. Schließlich einigten wir uns auf das Programm zwecks Sozialisierung, dann Freiheit. Er wandte allerdings ein, ich kenne nicht die Philisterhaftigkeit seiner Partei. Ich antwortete, dann müsse man eben eine neue Partei oder Vereinigung gründen. Meine Idee für den Völkerbund verblüffte ihn. Er sagte, es sei ein Lichtblitz in dunkler Zeit. Er will den Entwurf, den ich heute drucken lasse, durcharbeiten.

Weimar. 27. Februar 1919. Donnerstag

Vormittags in der Nationalversammlung am Regierungstisch. Zusammenstoß zwischen Cohen und Noske, der Cohen die russischen Gelder vorwarf. Cohen suchte sich reinzuwaschen, was Noske zu einer heftigen Erwiderung veranlaßte, in der er die Unabhängigen beschuldigte, mit Worten immer für Ruhe und Ordnung einzutreten, in der Tat aber die Unruhestifter mit Waffen auszuhalten, dagegen jede Waffe, die die Regierung zum Schutze der öffentlichen Ordnung schmiede, sofort stumpf zu machen oder zu zerbrechen. Cohen wurde zweimal zur Ordnung gerufen, Noske einmal von Fehrenbach auf die Unzulässigkeit einer von ihm gebrauchten Wendung aufmerksam gemacht. Die Versammlung war sehr bewegt, schrie: »Huh, huh«, ohne ihren kleinbürgerlichen Charakter zu verlieren: eine Versammlung von aufgeregten Spießern.

Gefrühstückt bei Stresemann. Er bot sich an, Rantzau Material gegen Erzberger zu liefern, wonach Erzberger noch nach dem 19. Juli 1917 für die Annexion von Longwy und Briey agitiert habe. Mit meiner Völkerbundidee, die ich ihm vortrug, schien Stresemann einverstanden. Meinte, die Gewerkschaften auch in England würden zu der ihnen dargebotenen Macht nicht nein sagen können. Er will mir Material über die großen internationalen Schiffahrts- und Rohstoffverbände geben.

Weimar, 1. März 1919. Sonnabend

Nachmittags kam Becher aus Jena herüber. Er sieht überraschend wohl und wie umgewandelt aus; etwas vergröbert auch ins Bäuerliche oder Bürgerliche. Dabei verlegen und errötend, wenn er von seiner Vergangenheit spricht. Er brachte mir sein zweites Drama ›Hans im Glück‹ mit, dazu Szenen aus dem ›Ikaros‹ und ein großes Gedicht ›Zion‹, das er mir vorlas. Er gab mir das Drama, sagte aber, er wolle weder dieses zweite noch das erste veröffentlichen. Sie seien ihm nicht eigen und neu genug. Wenn er ein Drama veröffentliche, müsse es in der dramatischen Technik ebenso neu und eigenartig sein wie seine Gedichte in Verstechnik und lyrischem Stil. Er habe offenbar erst jetzt seine Primanerdramen geschrieben. Er sagte, der Anarchist Mühsam habe ihm geschrieben, er möge sofort nach München kommen und mithelfen bei der Umwälzung; ebenso habe man ihn im Januar aufgefordert, als Spartakist in Berlin mitzukämpfen. Frau Hallwiger habe ihn sogar brieflich heftig beschimpft, weil er nicht kam. Aber er erkenne sich nicht die genügenden politischen und wirtschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen zu, um einzugreifen. Als Dilettant in der Politik mitlaufen und womöglich Unheil anrichten sei ihm widerwärtig.

Später mit dem Justizminister Heine meinen Völkerbundentwurf im gotischen Zimmer der Nationalversammlung durchgearbeitet. Das ›gotische Zimmer‹, das als Konferenzzimmer für die Regierungsmitglieder dient und an das Parlamentsgebäude in Westminster mahnen soll, ist hinter dem Präsidentenstuhl auf der Bühne aus Kulissen zum Lohengrin und Klubsesseln zusammengestellt. Hier beratschlagt der königliche Proletarier Scheidemann, aufgeblasen wie ein Pfau in seiner kurzen Herrlichkeit, Arm in Arm mit Preuß und Erzberger Staatsgeschäfte, hin und her wandelnd. Im leichten Luftzug bewegt sich um sie das gotische Gestühl. Ich gesellte mich heute zu ihnen. Erzberger mit seinen Hängebäckchen und dem listigen, lüsternen Mund empfing mich schmunzelnd. Er sieht immer aus wie jemand, der gerade ein Trinkgeld austeilt und gut gegessen hat. Scheidemann ist mit Korkzieherhosen pomphaft. Preuß ein Ungetüm. Die drei zusammen ein Extrakt aus deutschem Philisterium.

Abends aßen Nostitzens und Becher mit mir im ›Erbprinzen‹; und wir gingen leider weiter zu einer entsetzlichen Aufführung der ›Fledermaus‹ in der ›Armbrust‹. Ernst Hardts saßen neben uns. Nachts Souper bei Heine in seinem Salon im ›Erbprinzen‹. Er hielt Vorträge über Kunst und Literatur, die schon ganz im autoritativen Stile verflossener Bundesfürsten waren. Wie wenig hat sich doch in Deutschland geändert mit Ausnahme von einigen Personalien!

Weimar. 2. März 1919. Sonntag

Vormittags Becher bei mir. Er sagte, wenn er seinen früheren Zustand unter Morphium und Kokain mit dem jetzigen vergleiche, so sei der Unterschied, daß infolge der Reizmittel seine Sensibilität äußerst fein und beweglich gewesen sei, sein Gefühlsleben dagegen stumpf und eingeschrumpft; jetzt sei seine Sensibilität geringer und schwerfälliger, die sinnlichen Assoziationen verliefen langsamer, er sei vergröbert; dafür sei aber sein Gefühl gewachsen.

Gegen Rathenaus Standpunkt in bezug auf den Bolschewismus, daß er ein großartiges System sei, wir aber noch nicht die richtigen Menschen hätten, um eine so feine Organisation, wie er sie brauche, durchzuführen, wandte er ein: es sei dasselbe bei jeder Erziehung, man müsse sich immer fragen, ob man jemanden erst theoretisch ausbilden und dann erst in die Wirklichkeit hinausstoßen wolle oder ob man ihn gleich mit der Wirklichkeit in Berührung bringen wolle, damit er von ihr lerne oder untergehe.

Wir kamen kurz nach zwei in Berlin an. Hier ist für morgen der Generalstreik angesagt. Heute soll schon eine Anzahl von Zeitungen nicht erschienen sein. F. S. sagt, daß die Stimmung unter den Arbeitern gegen die Regierung schlecht sei wegen ihrer Untätigkeit.

Berlin. 3. März 1919. Montag

Früh beim Erwachen höre ich die Elektrischen. Es ist also kein Generalstreik. Abends im ›8-Uhr-Blatt‹ die Mitteilung, daß die Arbeiterräte von Groß-Berlin den sofortigen Generalstreik beschlossen haben. Das ›8-Uhr-Blatt‹ selbst erscheint nur in einer beschränkten Auflage, weil seine Arbeiter bereits streiken. Die Ullstein-, Scherl- und Mosse-Blätter sind heute überhaupt nicht herausgekommen. Abends nach sieben fährt keine Elektrische mehr. Die Regierung zeigt ihre Angst, indem sie alle Mauern mit Plakaten bedeckt, in denen behauptet wird, die Sozialisierung ›sei da‹! Zu spät, wie im November die Abdankung des Kaisers. Ein großer Teil der mehrheitssozialistischen Arbeiter soll bereits gegen die Regierung stehen. Dieses könnte der Anfang der zweiten Revolution sein.

Berlin. 4. März 1919. Dienstag

Der Belagerungszustand ist verhängt. Berger erzählte mir schon in Weimar, daß Scheidemann ihm gesagt habe, wohl werde er sich erst fühlen, wenn er den Belagerungszustand wiederhabe. Ob er sich augenblicklich besonders wohl fühlt, bezweifle ich allerdings.

Im Amte traf ich auf dem Korridor Kühlmann mit Bergen; Kühlmann viel jugendlicher, weniger aufgedunsen, aktiver als bei unserem letzten Zusammensein kurz nach seinem Fall. Beide halten die Lage für sehr ernst. Kühlmann meinte dazu, heute wäre es besser, in der Opposition zu sein.

Ich ging zu Roediger und bat ihn, meinen Besuch bei Rantzau für heute anzumelden; gleichzeitig Rantzau auf das vorzubereiten, was ich ihm zu sagen beabsichtige: daß nur noch ein entschlossenes und schnelles Zugreifen den großen Kladderadatsch verhindern kann und daß er das einzige Regierungsmitglied ist, das die Sache in die Hand zu nehmen in der Lage ist. Ein Teil der Regierung, insbesondere Scheidemann und das Zentrum (Erzberger und Co.), müßte ausgeschifft, dafür Unabhängige und Linksdemokraten hineingenommen werden (Gerlach).

Nachmittags um sieben bei Rantzau. Ihm meine Auffassung der Lage und der Rolle, die er spielen sollte, gesagt, nachdem ich ihm zuerst das Resultat meiner Unterredungen mit Stresemann mitgeteilt hatte. Besonders wies ich daraufhin, daß Rantzau der einzige in Berlin anwesende Reichsminister sei, daß er daher durchaus loyal handle, wenn er die Vermittlung zwischen Unabhängigen und Regierung bei deren Umbildung übernehme. Nach meiner Ansicht sei es unbedingt notwendig und jetzt der letzte Augenblick, die Regierung umzubilden, weil Scheidemann, Erzberger und andere mit dem größten Mißtrauen von den Massen betrachtet würden, keine Maßregel daher wirken könne, wenn sie von diesen diskreditierten Ministern ausgehe. Außerdem sei es nötig, den ganzen wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands auf das Rätesystem zu fundamentieren: die Arbeiterräte müßten Recht und Pflicht bekommen, die Produktion wieder in die Höhe zu bringen, für die Arbeitslosen zu sorgen und Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Ihnen müsse die Verantwortung übertragen werden, dementsprechend aber auch die notwendige Macht. Die jetzige Regierung, insbesondere Scheidemann, sei nach früheren Erklärungen nicht in der Lage, das Rätesystem in diesem Umfange durchzuführen. Daher müßten Scheidemann, Erzberger, überhaupt das Zentrum zum Ausscheiden gezwungen und dafür die Unabhängigen herangezogen werden. Voraussetzung sei allerdings, daß die Unabhängigen die Garantie für Arbeit und Ruhe übernähmen.

Rantzau ging lebhaft auf meine Ausführungen ein: ihm sei schon von anderer Seite gesagt worden, daß er die Sache in die Hand nehmen und die Unabhängigen heranziehen müsse. Abends zuerst Sitzung des November-Klubs (Auswärtiges Amt). Um zehn in die andere Klubsitzung bei Cassirer, wo ich Hilferding und Breitscheid traf. Ich sprach zuerst mit Hilferding. Wir verabredeten schließlich, daß Hilferding und Breitscheid morgen früh mit Haase und noch einem oder zwei führenden Unabhängigen sprechen und Hilferding die sachlichen und Personalforderungen der Unabhängigen formulieren soll, auf die hin sie in die Regierung eintreten und die Verantwortung für Arbeit und Ordnung übernehmen wollen. Um halb eins morgen soll ich sie wiedersehen.

Ich ging zu Rantzau, der nebenan in der Viktoriastraße bei seinem Bruder wohnt, pfiff, wie verabredet, worauf der Bruder herunterkam und mir öffnete. Oben war Rantzau im Straßenanzug und weißen Nachtschuhen, etwas übernächtig, aber sehr begierig und lebendig auf Nachrichten. Ich sagte ihm, was ich erreicht habe, daß ich voraussichtlich morgen von den Unabhängigen beauftragt werden würde, mit einem festen schriftlichen Programm an ihn heranzutreten, ob er die Umbildung der Regierung, das heißt eigentlich den Staatsstreich, unternehmen wolle.

Rantzau war sich der ungeheuren Tragweite des Entschlusses, der eine völlige innere und äußere Umwälzung zur Folge haben kann, wohl bewußt, schien aber gleichzeitig zu schwanken, ob es für ihn vorteilhafter sei, jetzt mit den Unabhängigen zu gehen oder in vier bis sechs Wochen den Anschluß an die Spartakisten und Russen abzuwarten. Er äußerte, wenn er jetzt mit den Unabhängigen die Sache mache und nachher doch die Spartakisten kämen, dann habe er ausgespielt. In dieser Richtung war der Bruder noch viel plumper, was ihm Grobheiten des Ministers zuzog. Ich sagte, einen absolut sicheren Tip könne man in der Politik nicht geben; sie sei eben ein Spiel. Worauf Rantzau, gegen seinen Bruder gewendet (den er ziemlich grob anfuhr), meinte, das sei ja gerade ihr Reiz! Mir fuhr es durch den Kopf, was diesmal der Einsatz ist!

Daß Scheidemann gehen und Haase Ministerpräsident werden müsse, gab Rantzau zu. Noske scheint er nicht sehr stark verteidigen zu wollen; wenigstens bestritt er seinem Bruder, daß die Entente auf Noske Wert lege. Im Gegenteil, sie sehe in ihm einen Vertreter des alten Militarismus. Dagegen hatte er starke Bedenken gegen die völlige Ausschiffung des Zentrums. Dadurch werde der Anschluß Deutsch-Österreichs gefährdet (christlich-soziale Volkspartei) und die Absplitterung einer rheinischen Republik gefördert. Auch die Aufnahme der Beziehungen zu Rußland sei in diesem Augenblick sehr bedenklich, denn in keinem Punkte sei die Entente gegen uns so mißtrauisch wie in dem des Bolschewismus. Wenn wir die diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland aufnähmen, dann werde dieser Verdacht wieder auf das unangenehmste bestärkt. Radek könne er unter keinen Umständen freilassen. Ich sagte, das sei ja alles Sache der Verhandlung; meine Absicht sei nur, daß es überhaupt zwischen den Unabhängigen und ihm baldigst zu praktischen Besprechungen komme, bei denen sich dann alles Weitere finden werde. Rantzau dankte eifrig und sagte, er stünde mir morgen in jedem Augenblick zur Verfügung; alle andren müßten warten. Ich sah daraus, wie sehr ihn die Rolle lockt.

Berlin. 5. März 1919. Mittwoch

Nachmittags berichtete ich Rantzau über meine Unterhandlungen mit den Unabhängigen. Er war ziemlich erregt, weil ihm eben die Nachricht zugegangen war, daß sein Vetter Klüver in Halle von der Menge in die Saale geworfen und seitdem verschwunden sei. Klüver war mein Regimentskamerad und leitete als Generalstäbler die Operationen der Regierungstruppen gegen Halle. Wegen meiner Völkerbundsideen hat Rantzau mit Simons gesprochen. Wir sollen daran zusammen weiterarbeiten.

Dann war Wieland Herzfelde bei mir und brachte mir die zweite Nummer seiner Zeitschrift, die jetzt ›Die Pleite‹ heißt. Die Karikaturen von Grosz sind blendend, namentlich Ebert als Monarch im Klubsessel: ein Meisterwerk. Der literarische Inhalt dagegen zentnerschwer, das gerade Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte: eine Sammlung von Manifesten, Kreischen und Pathos statt Witz und Farbe. Herzfelde sagt, seine Freunde und Mitarbeiter (Spartakisten) wollten es so, hätten gegen den leichten Ton der ersten Nummer revoltiert. Sie bleiben trotz internationaler Pose in den schlechten Eigenschaften deutsch: de lourds Allemands. Sie glauben nicht an die Macht und den Ernst des Witzes. Nur Keulenschläge töten nach ihrer Ansicht. Konsequenterweise ist Gewalt das einzige Mittel der Organisation.

Abends in einen Vortrag von Bölke über die neue Armee. ›Bund Neues Vaterland‹. Lyzeum-Klub. Etwa sechzig Leute dünn gesät in einem kleinen Saal. Der Kapitänleutnant Persius vom ›Berliner Tageblatt‹ hielt eine würdelose, bis zur Lächerlichkeit naive Rede, in der er forderte, daß wir, ohne irgendwelche Kritik zu üben, als reuige Sünder und in tiefer Dankbarkeit, wenn wir zugelassen würden, dem Pariser Völkerbunde beitreten sollten. Ich widersprach ihm auf das schärfste, indem ich den wahren Charakter dieses sogenannten Völkerbundes als eines imperialistischen Bündnisses einiger Großmächte klarstellte.

Berlin. 6. März 1919. Donnerstag

Die Ploetz erzählt mir früh, daß am Molkenmarkt und Alexanderplatz schwere Kämpfe stattfänden mit Minenwerfern. In der Neuen Friedrichstraße seien mehrere Häuser demoliert. In der Stadt sind seit gestern überall Barrikaden und Drahtverhaue, teils von den Spartakisten, teils von den Regierungstruppen errichtet. Zeitungen sind heute früh nicht erschienen. Daher selber hingegangen, um nachzusehen. Ecke Linden und Friedrichstraße kommt in voller Fahrt ein Auto der Feuerwehr mit einem Verwundeten oder Toten auf einer Bahre. Am Schloß ist jetzt, kurz vor ein Uhr, alles ruhig. Beim Rathaus stehen bewaffnete Patrouillen der republikanischen Sicherheitswehr. Diese greift mit der Volksmarinedivision zusammen das Polizeipräsidium an, in dem sich Reinhardtsche Regierungstruppen verteidigen. An der Ecke der Königstraße und der Neuen Friedrichstraße steht hinter einer Absperrung von republikanischer Sicherheitswehr eine ziemlich phlegmatische Menge und hört zu, wie geschossen wird; zu sehen ist nichts, aber am Alexanderplatz ist Infanteriefeuer und von Zeit zu Zeit der dumpfe Einschlag einer Mine. Beide Teile haben Artillerie und Minenwerfer. Deshalb sind es die ernstesten Kämpfe seit Anfang der Revolution. Viel Stimmung ist aber unter der Menge nicht bemerkbar. Wie Hilferding mir erzählte, ist heute früh ein Parlamentär der Volksmarinedivision und später deren Führer, der zu Unterhandlungen ins Polizeipräsidium gegangen war, beim Heraustreten von den Reinhardttruppen totgeschossen worden.

Um ein Uhr zwanzig kommt republikanische Soldatenwehr mit Musik die Linden heruntermarschiert. Ecke Linden und Friedrichstraße, bei der Passage, stehen andre Truppen, anscheinend Reinhardtsche, die Offiziere mit Achselklappen, und dazwischen ein Panzerauto mit Totenköpfen und Maschinengewehren. Die Republikaner marschieren unbehelligt am Feind vorbei.

Um drei Viertel fünf treffe ich in der Wilhelmstraße Victor Naumann, der nach Hause geht. Er erzählt, Bergen sei eben heruntergekommen und habe alle Beamten im Amte nach Hause geschickt. An den Mauern kleben gerade heute Plakate: ›Wer hat die schönsten Beine von Berlin? Caviar-Mäuschen-Ball. Am 6. März abends.‹ Während ich jetzt schreibe, um halb sieben, geht plötzlich das elektrische Licht aus. Verschärfung und Ausdehnung des Streiks also auch auf die Elektrizitätswerke.

Inzwischen ist der Kriegszustand bis in unsere Gegend am Potsdamer Bahnhof und Tiergarten vorgedrungen. Als ich mit Simons und Hilferding von der Viktoriastraße nach dem Wannseebahnhof gehen wollte, war die Margarethenstraße von Reinhardttruppen in Sturmhauben abgesperrt. Hilferding und Simons mußten umkehren. Der Leutnant sagte, Spartakus wolle den Potsdamer Platz stürmen; deshalb sei alles abgesperrt. Potsdamer Straße, Potsdamer Bahnhof und Köthener Straße sind menschenleer und an allen Straßenecken von Posten besetzt. Die Sache macht den Eindruck eines viel ernsteren Krieges als der Spartakusaufstand. Keine Guerilla, sondern eine große Operation; allerdings wird diese nichts entscheiden, weil die latente Unzufriedenheit bleibt und wächst. Die Explosion kann durch einen Sieg der Regierungstruppen höchstens um einige Wochen aufgeschoben werden. Reinhardt und Scheidemann handeln jetzt so, wie Westarp im Januar 1918 handeln wollte, und machen dabei denselben Rechenfehler: sie glauben, mit Maschinengewehren und Minenwerfern psychologische Fragen lösen zu können. Dieselben Argumente, die ich damals Westarp entgegensetzte, treiben mich jetzt dazu, die Umbildung der Regierung, wenn nötig durch einen Staatsstreich, anzustreben.

Berlin. 7. März 1919. Freitag

Beim Fortgehen aus dem Amte gegen sechs fällt mir in der Leipziger Straße auf, daß die meisten Kaufhäuser schon geschlossen sind und ihre eisernen Fensterläden herabgelassen haben. Es sieht aus, als ob irgendein Putsch erwartet werde. In der inneren Stadt fielen heute vormittag, als ich dort war, nur noch einzelne Schüsse. Heute nachmittag hört man nichts mehr. Überraschend ist daher diese Furchtsamkeit. Das elektrische Licht brennt seit heute morgen wieder und noch immer jetzt um siebeneinviertel Uhr abends. Die Untergrundbahn fährt. An den Mauern kleben Plakate der S.P., die gegen den Streik ›das Arbeitervolk von Berlin‹ aufrufen. Sachlich unabhängig vom Streik, aber psychologisch wirksam ist die Niederwerfung des Matrosenaufstandes durch die Reinhardttruppen. Als ich heute früh mit Simon an der Schloßbrücke und an der Wallstraße die Posten Reinhardts sah, blitzte mich unter ihren Sturmhauben zum ersten Male seit der Revolution der Geist des alten preußischen Staates wieder an. Es ist nicht ausgeschlossen, daß einmal die alte preußische Disziplin und die neue sozialistische zusammenschießen und eine proletarische Herrenkaste bilden, die der Welt gegenüber die Rolle eines neue Kulturformen mit der Waffe propagierenden Römertums übernehmen. Bolschewismus oder wie man es nennen will! Der arme preußische Junkeroffizier ist immer eine Art Proletarier gewesen. Wenn in diese zur Disziplin vorgebildeten deutschen Massen ein Glaube hineinschießt, Liebknecht oder ein anderer, dann wehe allen Gegnern; wenn nicht heute, so nach einer Generation!

Berlin. 8. März 1919. Sonnabend

Heute morgen sind wieder Zeitungen erschienen. Die letzten beiden Tage sind die seit Beginn der Revolution blutigsten in Berlin gewesen. Nach dem ›Lokal-Anzeiger‹ hat es fünfhundert bis sechshundert Tote gegeben. Ernst hat seinen ›Aderlaß‹ (vergleiche 25. Februar 1919). Der Generalstreik ist vorläufig unterbrochen. Die Arbeiter haben neue Bedingungen gestellt: Entfernung der Freiwilligen-Regimenter aus Berlin, Aufhebung des Belagerungszustandes. Kestenberg, der gestern in meinem Auftrage in der Reichskanzlei war, sagt, es herrsche dort ein Siegesrausch. Der Himmel hänge den Mehrheitssozialisten voller Geigen. Alle Schwierigkeiten schienen ihnen behoben, weil sie mit Hilfe Reinhardts den Aufstand in Berlin zusammengeknallt haben. Er glaubt daher nicht, daß jetzt Aussicht sei, sie zu einem Kompromiß mit den Unabhängigen oder zur Aufnahme von Unabhängigen in die Regierung zu bewegen. Im Norden Berlins soll dagegen der Haß gegen die Regierung und den »Westen« rasen; Reinhardt-Soldaten, die allein gehen, werden von der Menge in Stücke gerissen. Bald soll kein Mensch mit einem Stehkragen dort mehr sicher sein.

Als ich gegen drei Viertel fünf die Wilhelmstraße hinunterging, hielt im Hofe der Reichskanzlei ein Lastauto, auf das Gefangene, Zivilisten und Soldaten, verladen wurden. Die Wachen vor dem Gebäude trieben das Publikum aufgeregt an, schnell vorbeizugehen. Ich blieb auf Grund meines Ausweises stehen. Plötzlich sprang ein Soldat mit einer Peitsche von der Seite auf das Auto hinauf und schlug auf einen der Gefangenen mehrere Male ein. Dann fuhr das Auto an und auf die Straße heraus. Die Gefangenen, meistens Soldaten, standen in der Mitte mit hochgehobenen, hinter dem Kopfe gekreuzten Händen: ein beschämender Anblick bei Leuten in deutscher Uniform.

Ich ging nach einiger Überlegung in die Reichskanzlei, verlangte den Kommandanten, und als dieser mir als abwesend gemeldet wurde, den Adjutanten der Besatzung (Reinhardttruppen). Ich erzählte ihm den Vorfall mit der Durchpeitschung des Gefangenen, verlangte eine Untersuchung und gab meine Aussage zu Protokoll. Der Leutnant sprach sein Bedauern aus, sagte aber zur Entschuldigung, der Gefangene habe drei Ausweise von verschwundenen Offizieren des Regimentes bei sich gehabt; als Begleitmannschaft seien ihm schon einige ganz zuverlässige Leute mitgegeben, weil die Gefahr bestünde, daß er nicht lebend nach Moabit komme. Die Erbitterung der Leute sei grenzenlos. Gestern abend sei ein Wachtmeister des Regimentes von Spartakisten angehalten und kurzerhand auf der Straße erschossen worden. Zwei Soldaten des Regimentes seien von den Spartakisten ins Wasser geworfen, andren die Kehlen durchschnitten.

Alle Scheußlichkeiten des erbarmungslosesten Bürgerkrieges sind auf beiden Seiten im Gange. Der Haß und die Erbitterung, die jetzt gesät werden, werden Früchte tragen. Unschuldige werden die Greuel büßen. Es sind die Anfänge des Bolschewismus!

Das elektrische Licht brennt wieder. Alle Kabaretts, Bars, Theater, Tanzlokale sind im Gange.

Ein neues Element, das gestern und heute unheimlich gewachsen ist, kommt seit einigen Wochen, etwa seit der Ermordung Liebknechts, in die deutsche Revolution: das Element der Vendetta, der Blutrache, das in allen großen Revolutionen schließlich treibend wird und als letzte von den revolutionären Kräften übrigbleibt, wenn alle andren ausgebrannt oder befriedigt sind.

Berlin. 9. März 1919. Sonntag

Gestern ist die Bötzowsche Brauerei, das ›Fort Eichhorn‹ der Spartakisten, von den Regierungstruppen genommen worden. Heute vormittag steht der Kampf an der Frankfurter Allee. Diese wird von den Spartakisten unter Maschinengewehrfeuer gehalten und von der Regierung mit 15,5-cm-Haubitzen beschossen. Flieger greifen in den Kampf ein. Es ist eine regelrechte Schlacht.

Simon Guttmann telephoniert mir heute vormittag, daß Wieland Herzfelde vorgestern verhaftet worden ist wegen ›Jedermann‹, weil er den Aufruf der bayerischen Soldatenräte gegen den weißen Terror darin veröffentlicht hat. Mit Hilferding und Hugo Haase telephonisch eine Zusammenkunft bei Haase heute um sechs verabredet.

Nachmittags Gang durch die innere Stadt, um die Verwüstungen der letzten Kämpfe zu sehen. Sie sind im allgemeinen geringer, als die Zeitungen sie erwarten ließen. Immerhin sind einzelne Bauwerke ziemlich stark beschädigt, und überall liegt viel Glas auf den Straßen, stellenweise auch eine dichte Schicht Ziegelstaub. Das Polizeipräsidium hat zu den alten einige neue Kratzwunden bekommen. Dem Warenhaus von Tietz sind alle Fensterscheiben kaputtgegangen. Davor ist auf dem Straßendamm eine Blutlache. Gegenüber ist das Eckhaus an der Prenzlauer Straße vom Dach aus zwei Etagen tief aufgerissen durch eine Fliegerbombe oder Granate. An der Prenzlauer Allee bei Bötzow ist die Kirchhofsmauer mitsamt einem Baum und einem Laternenpfahl niedergelegt; offenbar ist eine Mine hineingeflogen. Bei weitem am schlimmsten sieht es in der Kleinen Schützenstraße aus, wo zwei gegenüberliegende Häuser durch Minen fast vollständig zerstört sind. Dagegen ist die Volksbühne, die angeblich schwer gelitten haben sollte, ganz unversehrt. Überall sind Stacheldrahtverhaue und Barrikaden, die Regierungstruppen halten. Es wird auch noch viel geschossen; man weiß aber nicht recht, von wem oder wozu.

Um sechs bei Haase in seiner Wohnung Brückenallee 22. Bessere mittlere Bourgeoisie, Einrichtung aus den neunziger Jahren in einem anständigen, etwas schweren Geschmack, dunkel Eiche, Böcklin, Mona Lisa. Guter persischer Teppich. Haase sieht die Situation so wie ich, das heißt sehr ernst. Aber Eintritt mit Mehrheitssozialisten in die Regierung sei nicht mehr möglich und würde nichts nützen; die Unabhängigen würden nur mit den Mehrheitssozialisten zusammen diskreditiert werden. Ich redete sehr eindringlich auf ihn ein, sagte, daß ohne Regierungsänderung mir der Absturz in den blutigen Bolschewismus unvermeidlich scheine, weil die Arbeiter das Vertrauen in die jetzigen Regierungsmänner verloren hätten, an die Ehrlichkeit ihrer Versprechungen deshalb nicht glaubten und so in Verzweiflung gerieten. Wenn Haase nicht eingreife, sähe ich keine Rettung mehr.

Berlin. 10. März 1919. Montag

Noske hat das Standrecht über Berlin verhängt. Er hat gestern angeordnet: ›Die Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten zwingen mich zu folgendem Befehl: Jede Person, die mit den Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen. Noske.‹ Das ist die Antwort auf die Lichtenberger Morde, der die Gegenantwort nicht fehlen wird. So bohren wir uns mit großer Schnelligkeit gegenseitig in den blutigen Abgrund hinein.

Simon Guttmann besuchte mich. Er sagt, die Erbitterung auf beiden Seiten sei grenzenlos. Im Westen (Friedenau, Wilmersdorf usw.) werde von nichts gesprochen, als daß man alle Spartakisten totschießen müsse. Umgekehrt verlange im Osten die Bevölkerung, daß jeder Regierungssoldat, der gefangen abgeführt werde, sofort erschossen werde. Die Begleitleute der Spartakisten könnten die Regierungssoldaten nicht schützen. Eine Vermittlung zwischen beiden Parteien sei nicht mehr möglich. Man müsse für jeden Gefangenen fürchten, der in den Händen der Gegenpartei sei.

Die Hissung der Kaiserstandarte auf dem Schlosse nimmt Guttmann ernst. Das Schloß sei so abgesperrt gewesen, daß kein Spartakist sich einschleichen konnte. Tatsächlich habe ein Teil der Regierungstruppen August Wilhelm zum Kaiser ausrufen wollen. Guttmann meint, jetzt werde die Regierung den Spartakusaufstand noch einmal niederschlagen. Dann werde vielleicht einige Monate Ruhe herrschen.

An eine Beendigung des Krieges will Guttmann nicht glauben; er werde so oder so weitergehen, solange das Prinzip, aus dem er entsprungen sei, fortbestehe. Dieses Prinzip sitze so tief, daß es auch von keinem Sozialismus überwunden werden könne. Guttmann kommt hierbei ins Mystische und Religiöse. Er sieht die Rettung nur in Asien, in einem Zurückgehen auf asiatische religiöse Denkweisen.

Das »Berliner Tageblatt« heult gegen Spartakisten und Unabhängige wie ein Derwisch, dem der Schaum vor dem Munde steht: Blutdurst-Exhibitionismus, berechnet auf die Bourgeoisie von Berlin W. Währenddessen zertrampeln im Osten von Berlin angeblich Arbeiterfrauen verwundete Soldaten auf dem Straßenpflaster. Und die Regierung gibt heute abend bekannt, daß die standrechtlichen Erschießungen begonnen haben; gleich als Anfang dreißig Mann auf einem Haufen.

Noske sitzt in der Bendlerstraße hinter Stacheldraht und mit einer Leibgarde von sieben Offizieren, zwölf Unteroffizieren und fünfzig Mann zu seiner persönlichen Bedeckung wie Nikolaus II. oder Dionys, der Tyrann.

Berlin, 11. März 1919. Dienstag

Die Kämpfe gegen die Spartakisten um Lichtenberg und auch die standrechtlichen Erschießungen gehen weiter. Bis auf die vielen bewaffneten Patrouillen in Sturmhauben und einzelne Drahtverhaue merkt man nichts davon im Westen. Die Roheiten und Erschießungen verpesten aber die moralische Luft bis in den Tiergarten.

Nachmittags Unterredung mit dem Ministerialdirektor Simons, der Nachfolger von Kriege, über meinen Völkerbundplan im Auswärtigen Amte. Rantzau soll ihm gesagt haben, wir sollten in der Kritik des Pariser Planes nicht zu scharf sein, da wir vielleicht doch hinein müßten. Simons meinte, er mache sich anheischig, den Pariser Bund von innen zu sprengen, indem er binnen kurzem alle Großmächte so durcheinanderbringe, daß sie sich sämtlich in den Haaren lägen.

Zu meiner Idee sagte Simons, sie scheine ihm Zukunft zu haben. Im jetzigen Stadium sehe er eine Vertretung, wie ich sie wolle, als Oberhaus über dem nach nationalen Kurien gewählten Völkerparlament. Er war dafür, daß ich den Plan unter meinem Namen veröffentliche. Da ich Gesandter sei, werde man wissen, daß ich nicht ohne Zustimmung der deutschen Regierung den Plan veröffentlicht habe; andererseits sei dann die Regierung nicht so festgelegt, wie wenn sie selber ihn amtlich herausgegeben habe. Jedenfalls soll noch über diesen Punkt eine Konferenz mit Rantzau stattfinden.

Berlin. 12. März 1919. Mittwoch

Sommerwarmer Frühlingstag. Man denkt wider Willen an die in den letzten Tagen Erschossenen, die diese Wärme des neuen Jahres nicht mehr spüren werden.

Der Kommandant der Reichskanzlei, ein Rittmeister von Platen, schreibt mir auf meine Anzeige wegen der Peitschung eines Gefangenen am Achten: Offizier-Stellvertreter Kluge gebe an, ›er habe einen der Gefangenen mit der Peitsche bezeichnet. Geschlagen habe er denselben nicht ...‹ Dies ist gelogen. Ich habe genau gesehen, daß der Mann drei- bis viermal auf einen Gefangenen eingeschlagen hat.

Abends aß Bernstorff (der Botschafter) bei mir bei Hiller im Cabinet particulier unter vier Augen. Er macht die Friedensverhandlungen. Äußerte unverblümt, daß wir gezwungen sein würden abzulehnen. Rantzau fährt hin nach Paris und wird nein sagen. Ich wies darauf hin, daß dann alles darauf ankäme, wer bei uns als verantwortliches Haupt der Regierung die Ablehnung auf sich nehme.

Berlin. 13. März 1919. Donnerstag

Entwurf des jungdemokratischen Programms diktiert.

Abends Zusammenkunft unseres »revolutionären« Klubs bei Cassirer: Hilferding, Kestenberg, Lederer, Breitscheid, Däubler, Hugo Simon, Justizrat Werthauer, der Redakteur Doescher vom »Vorwärts«, der Engländer Young, ein Kommunist aus dem Kultusministerium, Fister. Dieser unterbreitete mir ein Projekt für eine Proletarierschule, die Betriebsräte heranbilden soll. Ich habe etwas Ähnliches in meinem Programmentwurf verlangt und zeigte diesen Fister.

Mit Däubler zusammen den Justizrat Werthauer beauftragt, die Interessen Wieland Herzfeldes in die Hand zu nehmen. Dieser soll nach Däubler von Moabit nach Plötzensee gebracht sein. Den Maler Grosz haben, wie Däubler erzählte, Soldaten in seinem Atelier verhaften wollen; er hat sich auf Grund eines falschen Ausweises für einen andren ausgegeben und ist seitdem ein Flüchtling: schläft eine Nacht hier, die andre dort (so ungefähr wie ich in Warschau).

Der weiße Schrecken wütet ungehemmt. Die Erschießung von vierundzwanzig Matrosen durch Regierungstruppen auf dem Hofe eines Hauses in der Französischen Straße scheint ein grauenhafter Mord gewesen zu sein: Die Leute wollten in dem Hause bei ihrer Kassenverwaltung bloß ihre Löhnung holen.

Young, der in Lichtenberg war, sagt, es seien dort nur wenige hundert Spartakisten gewesen; die Regierungstruppen hätten sofort einmarschieren können, wenn sie gewollt hätten. Warum hätten sie es vorgezogen, die Sache laufen zu lassen? In Halle, wo Young ebenfalls war, sei alles vollkommen ruhig gewesen, bis die Noske-Truppen kamen. Young sagt, er habe sich jetzt überzeugt, daß der Geist, der Noske und seine Garden beseele, nichts andres sei als der alte Militarismus, der sein Haupt wieder erhebe. Er dürfte, insofern mit Militarismus Brutalität und Überheblichkeit gemeint ist, recht haben.

Noske hat heute in Weimar eine im Tone höchst bedauerliche, schnurrbartschnauzende Rede gehalten, in der er seinen Sieg über den inneren Feind verkündet; sehr widerwärtig! Alle geistig und ethisch anständigen Menschen müssen einer so leichtsinnig und frech mit dem Leben ihrer Mitbürger spielenden Regierung den Rücken kehren. Die letzten acht Tage haben durch ihre Schuld, durch ihr leichtfertiges Lügen und Blutvergießen, einen in Jahrzehnten nicht wieder zu heilenden Riß in das deutsche Volk gebracht. Die Stimmung gegen sie heute abend wechselte zwischen Abscheu und Verachtung. So mag man in Frankreich gegen Napoleon III. nach dem Staatsstreich empfunden haben wie heute hier gegen Noske und Scheidemann.

Bemerkenswert war heute abend in dieser revolutionär gestimmten Gesellschaft Arnim in Uniform mit seinem »Pour le mérite«.

Berlin. 14. März 1919. Freitag

Die Erschießung der vierundzwanzig Matrosen in der Französischen Straße, wo in dieser ganzen Zeit nichts los gewesen ist, will mir nicht aus dem Kopf. Es ist eines der scheußlichsten Bürgerkriegsverbrechen unter den mir historisch bekannten. Ich versuchte abends, mir »Wie es euch gefällt« bei Reinhardt anzusehen; kam aber nicht in die Stimmung. Diese Morde und Erschießungen an der Tagesordnung in Berlin wollten mir nicht aus dem Sinn.

Von George Grosz heute einen Brief erhalten, in dem er mir schreibt: »Da ich mich augenblicklich in peinlicher Verlegenheit befinde, bitte ich Sie um gütige Mitteilung, ob ich wohl mit einem etwaigen Vorschuß auf das Ihnen reservierte Bild rechnen darf.« Datiert aus seinem Atelier. Er scheint also doch zurück zu sein. Ihm geschrieben, daß ich ihn Sonntag zwischen zwölf und eins besuchen und die Sache in Ordnung bringen werde.

Berlin. 15. März 1919. Sonnabend

Die Erschießungen gehen weiter. Die Stadt starrt heute wieder von Maschinengewehren, als ob eine große Aktion im Gange wäre. In der Charlottenstraße steht je ein schweres MG mit Bedienung an der Ecke der Mohrenstraße beim Bahnhof der Untergrundbahn und an der Ecke der Taubenstraße beim Schauspielhause. Patrouillen in Sturmhauben mit Handgranaten halten die Wagen auf, geben sich kriegerisch, schaffen eine Atmosphäre. Wolfgang Heine hat als Justizminister gestern in der Preußischen Nationalversammlung eine Rede à la Loebell oder Puttkamer gegen die Unabhängigen gehalten, in der er sie als Zuhälter der Spartakisten brandmarkt. Das sieht nicht nach Einigung aus. Allerdings war Heine nach meinem Gefühl schon von jeher mit dem Herzen reaktionär.

Heute zufällig am Bankschalter in der Deutschen Bank Kemnitz getroffen, der die katastrophale Idee des Bündnisangebots an Mexiko ausgeheckt und dem schimmerlosen Zimmermann eingeflößt hat. Er blickte noch feuriger als sonst donquichottisch in die Welt, trug eine herausfordernd große Schleife vom Eisernen Kreuz im Überzieher und teilte mir unaufgefordert mit, er sei »wegen Monarchismus« zur Disposition gestellt (er hat es, glaube ich, bis zum Gesandten gebracht). Mich attackierte er, weil ich »die Front gewechselt« habe, Republikaner sei. Ich gab ihm Bescheid, worauf er nicht ganz mit Unrecht replizierte, Demokraten und Sozialdemokraten würden doch zwischen rechts und links zerrieben: unsere Leute liefen nach beiden Seiten auseinander. Die Monarchie komme früher wieder, als ich glaubte.

Berlin. 16. März 1919. Sonntag

Vormittags George Grosz in seinem Atelier besucht, um ihm das Geld für das von mir gekaufte Bild zu bringen. Nachdem er mich auf den Flur hineingelassen hatte, bat er mich, einen Augenblick hier zu warten, da erst ein Freund, der im Atelier übernachtet habe, verschwinden müsse; wahrscheinlich ein flüchtiger Kommunist.

Grosz sagt, zahlreiche Künstler und Intellektuelle (zum Beispiel Einstein) seien auf der Flucht von Haus zu Haus. Die Regierung habe vor, rücksichtslos die Kommunisten ihrer geistigen Führer zu berauben. Er selbst fühle sich jetzt wieder sicher; er bereitet sogar eine zweite Nummer der »Pleite« vor mit noch bissigeren Karikaturen. Dann schilderte er einige Erlebnisse der letzten Tage, die ihn offenbar tief erschüttert haben: kämpfende Spartakisten, selbst Zuchthäusler, deren Begeisterung und Todesmut unglaublich waren. Fanatismus für eine Idee. Dadurch habe er einen ganz neuen Begriff vom Proletariat gewonnen. Der Künstler, der Intellektuelle habe sich bescheiden einzuordnen. Noch umwälzender: Er hat gesehen, wie in der Nähe des Eden-Hotels ein Leutnant einen Soldaten, der keinen Ausweis hatte und in rüdem Tone antwortete, totschoß. Die Kameraden des Erschossenen hätten heiß geweint, aus Schmerz oder Wut. Er bekennt sich jetzt als Spartakist. Auch Gewalt sei nötig, um die Idee durchzusetzen; denn anders könne man die Trägheit des Bourgeois nicht überwinden. Ich widersprach, weil jede Idee durch Verbrüderung mit der Gewalt entwertet werde.

Bernhard scheint zu hoffen, daß der Rätekongreß (am 8. April) die Scheidemann und Genossen aus dem Inneren der Partei heraus beseitigen werde. Allerdings wäre das der einzige konstitutionelle Weg; sonst gibt es nur Staatsstreich oder dritte Revolution. Daß diese diskreditierte, blutbespritzte Regierung sich noch lange halten könnte, ist nach Bernhards Ansicht ausgeschlossen. Nur sei bei den Kommunisten niemand, der als Staatsmann in Frage komme. Rosa Luxemburg sei der einzige Staatsmann der Partei gewesen, die vielleicht Deutschland hätte regieren können.

Berlin. 19. März 1919. Mittwoch

Es schneit. – Ludwig Stein telephonierte mir morgens halb neun, daß er zurück sei, Haguenin heute ankomme und er mich noch heute sehen müsse, um mich »auf Haguenin einzustellen«.

Um eins Stein in der Deutschen Gesellschaft getroffen. Er behauptet, daß er in Bern nicht nur Haguenin, sondern auch noch Poncet, den englischen Militärattaché, den französischen Botschaftsrat Clinchant, den italienischen Gesandten Farinolla und andre Angehörige der Entente gesprochen habe. Auch habe er bei sich Bernstein mit dem englischen Militärattaché zusammengebracht. Die große Angst der Entente sei der Bolschewismus. Die französische Regierung behaupte aber, die vorgemalte Gefahr der Bolschewisierung Deutschlands sei nur ein »Camouflage«. Haguenin, Poncet und Clinchant hielten sie dagegen für ernst. Haguenin sei jetzt nach Berlin gesandt, um darüber zu berichten. Stein möchte seine Wohnung als ›neutralen Boden‹ für Zusammenkünfte zur Verfügung stellen. Die Aufgabe sei, Haguenin von der Wirklichkeit der bolschewistischen Gefahr zu überzeugen und ihm Material zu liefern.

Nachher frühstückte Georg Bernhard bei mir bei Hiller. Er sagte, Schlesinger habe aus Bern geschrieben, daß Stein dort einen sehr schlechten Eindruck gemacht habe und nur sozusagen unter dem Druck von Ador von Haguenin empfangen worden sei. Angeblich habe Stein der Entente Kohlen aus dem Ruhrgebiet versprochen.

Berlin. 21. März 1919. Freitag

Früh rief mich Wieland Herzfelde an und teilte mir mit, daß er frei sei. Später besuchte er mich. Er ist etwa acht Tage in Moabit und Plötzensee gewesen. Seine Schilderungen aus den Gefängnissen sind so furchtbar, daß mir schlecht wurde vor Ekel und Empörung. Dostojewskis ›Totenhaus‹ ist übertroffen. Die Mißhandlungen der Gefangenen vom Ins-Gesicht-Spucken bis zum An-die-Wand-Stellen und Totschlagen sind so allgemein, die Quälerei in Gegenwart der Offiziere so selbstverständlich, daß Wielands Glaube an ein einstudiertes Lynchen, mit Instruktionsstunde, wo es gelehrt wird, fast vernünftig scheint. Er sagt, die Erbitterung unter den Gefangenen sei so, daß es gefährlich sei, für das Leben auch nur eines einzigen Bourgeois ihnen gegenüber einzutreten. Wenn sie zur Macht kämen, wollten sie alle ohne Ausnahme ausrotten. Das Bild, das man bekommt, ist das einer vollkommen entmenschten Soldateska, die auf der Gegenseite einen gleich unmenschlichen Blutdurst zeugt. Herzfelde sagte, es sei ihm in der jetzigen Situation, nach dem, was er gesehen habe, unmöglich, den leichten Ton in seinem Blatt anzuschlagen. Es gebe nur noch Kampf mit den äußersten Mitteln.

In der Sitzung des Verfassungsausschusses unseres November-Klubs (Prittwitz, Bülow, Bornstädt, Kraus) brachte ich nachmittags die Sache vor und beantragte, daß eine Kommission unseres Klubs so bald wie möglich Herzfelde höre und dann Schritte ergreife, um die Demokratische Partei zum Einschreiten zu zwingen.

Berlin. 22. März 1919. Sonnabend

In Ungarn ist die Räterepublik proklamiert worden. Grund: die Auslieferung fast ganz Ungarns an Rumänen und Tschechen durch die Entente. Michael Karolyi hat demissioniert und ruft das Weltproletariat gegen die Entente zu Hilfe. Die neue Regierung soll ihr Bündnis mit Sowjetrußland erklärt haben.

Um halb eins bei Georg Bernhard und ihn gebeten, Herzfelde zu empfangen; ich überzeugte ihn von der Notwendigkeit, gegen diese Scheußlichkeiten aufzutreten. Er warf dann im Anschluß an eine vertrauliche Besprechung bei Scheidemann gestern und wegen einer Zusammenkunft, die er heute abend mit Haguenin haben soll, die Frage der Kontinentalpolitik auf. Er sagte, der Inhalt der gestrigen Mitteilungen bei Scheidemann sei katastrophal gewesen, indem eine Bündnispolitik gegen England abgelehnt worden sei mit der Begründung, daß Bündnisse und gegnerische Politik gegen irgendeinen Staat überhaupt veraltet seien. Bernhards Ansicht ist, daß wir eine kontinentale Bündnispolitik mit Frankreich und Rußland treiben müßten; und diese werde, ob wir es wollten oder nicht, ihre Spitze gegen England richten, weil England wünschen müsse, die Kontinentalmächte durcheinanderzubringen. Wir sollten daher unsere Truppen – je eher, je lieber – aus Rußland zurückziehen, die Verteidigung gegen die Bolschewiki an unsere Grenze zurückverlegen, mit Frankreich eine direkte Verständigung suchen.

Um drei Sitzung im Redaktionslokal der »Deutschen Nation«, um Herzfelde zu hören. Anwesend Prittwitz, Neven-Dumont, Pabst-Weiße, Kraus und Dr. Scheurer. Herzfelde erzählte seine Erlebnisse. Wir wurden uns einig, daß etwas geschehen müsse, vor allem, um sofort das Los der Gefangenen zu verbessern, und dann um die Offiziere, die die Scheußlichkeiten duldeten oder anstifteten, zur Rechenschaft zu ziehen. Kraus und Scheurer machten zwar geltend, daß wir damit die einzige Waffe, die unsere Regierung hätte, um die innere Ordnung aufrechtzuerhalten und den Grenzschutz zu sichern, zerbrächen. Ich drang aber mit meiner Ansicht durch, daß die Feigheit sich auch hier wieder als das schlimmste aller Übel zeigen werde genauso wie im Kriege, wo ebenfalls aus ähnlichen Rücksichten alles stillschweigend spießbürgerlich hingenommen wurde.

Abends war Bierabend im neuen Demokratischen Klub im ›Bristol‹. Ich nahm mir Bernstorff (den Botschafter) vor, gab ihm Herzfeldes Darstellung zu lesen und veranlaßte ihn, mit mir zusammen zu Pachnicke und dem Justizrat Kempner zu gehen, denen wir die Sache vortrugen, indem wir verlangten, daß die Demokratische Partei aktiv vorgehe.

Kempner versprach, daß in Weimar am Dienstag die Partei eine Interpellation einbringen werde. Er selbst und Nuschke hätten auch ein großes Material, namentlich über die Ermordung der Matrosen in der Französischen Straße. Dort seien sogar Mitglieder der Demokratischen Partei mit ermordet worden. Kempner äußerte, es würde zu einer Katastrophe für die Partei führen, wenn sie die Sache den Unabhängigen überließe. Ich drang auf strengste Bestrafung aller irgendwie beteiligten Offiziere. So scheint die Sache wirklich ins Rollen zu kommen und die Soldateska ihre Verbrechen büßen zu sollen. Die so abscheulich Hingemarterten, die diesen Teufeln zum Opfer gefallen sind, werden nicht wieder lebendig. Aber wenigstens ist für die Zukunft eine gewisse Hemmung der bestialischen Instinkte zu erwarten.

Berlin. 23. März 1919. Sonntag

Hellmuth Herzfelde besuchte mich. Aus Anlaß seiner Zeitschrift sprach er seinen absoluten Widerwillen aus, Gedichte von Däubler oder Becher, überhaupt reine Kunst zu bringen. Im Laufe des Gesprächs formulierte er dieses so, daß er und seine Freunde immer feindlicher der Kunst gegenüberständen. Was George Grosz und Wieland machten, sei zwar Kunst, aber sozusagen nur nebenbei. Die Hauptsache sei der Puls der Zeit, die große Gemeinschaft, in der sie mitschwinge. Er lehnte dann auch jede alte Kunst, auch wenn sie in ihrer Zeit gerade diese Eigenschaft der Modernität gehabt habe, ab. Sie wollten keine Dokumente schaffen, nichts, was Bestand habe und den Nachkommenden im Wege stehe.

Nachmittags bei Stresemanns zum Tee. Ich machte ihn ebenfalls mobil gegen die Greueltaten und gab ihm Herzfeldes Bericht. Auch von der Ermordung der Matrosen hatte er eine ganz falsche Vorstellung, glaubte, es seien im Kampfe gefangene Matrosen gewesen. Als ich ihm den wirklichen Hergang schilderte, war er entsetzt. Er versprach, in der Debatte in Weimar persönlich zu sprechen und schon morgen zu Schiffer zu gehen, um diesen aufzuputschen und schnellstens Abhilfe in den Gefängnissen zu schaffen.

Berlin. 24. März 1919. Montag

Nachmittags im ›Kaiserhof‹ bei Claus Albrecht, der mir den hier insgeheim verbliebenen Vertreter der Sowjetregierung Markowski eingeladen hatte. Außerdem kamen noch Gropius, Gleichen, ein Baron Wolff und ein Herr von Manteuffel. Markowski gab auf meine Fragen Schilderungen der Zustände in Rußland.

Berlin. 25. März 1919. Dienstag

Mit Stresemann telephoniert, der Schiffer sucht, um durch ihn wegen der Scheußlichkeiten in den Gefängnissen einen Druck auf die Regierung auszuüben.

Berlin. 27. März 1919. Donnerstag

Haguenin und Hilferding bei mir gefrühstückt. Haguenin ist ganz plötzlich nach Paris berufen und will morgen reisen. Er hatte schon zu übermorgen ein Frühstück mit Roediger bei mir angenommen. Er sagt, die Lage habe sich zugespitzt, schien aber nicht genau zu wissen, warum er so plötzlich zurückberufen worden ist; auch hofft er, in zehn Tagen wieder hier zu sein. In ziemlicher Erregung deutete er allerdings an, daß vielleicht Ludwig Stein schuld sei, weil er in indiskreter Weise zu einem Abgesandten des Generals Dupont, einem halben Spion, über Haguenins hiesige Tätigkeit und Beziehungen geschwatzt hat, trotzdem ihn Haguenin vor dem Manne gewarnt hatte. Haguenin meinte halb scherzend, aber offenbar nervös, es sei nicht unmöglich, daß er bei seiner Ankunft in Paris verhaftet werde; wir seien doch schließlich noch im Kriege.

Stein scheint Haguenin überhaupt stark auf die Nerven gefallen zu sein. Haguenin beklagte sich, daß Stein vor ihm zu jemandem gesagt habe, er habe Haguenin nach Berlin ›kommen lassen‹! Ganz empört meinte Haguenin: das habe er stillschweigend mit anhören müssen!

Die Zuspitzung der Lage führt Haguenin auf das stark getrübte Verhältnis zwischen Frankreich und Amerika zurück. Amerika habe Frankreich durch die Kündigung der Kredite in eine sehr unangenehme Lage versetzt. Außerdem habe sich Frankreich von den Polen und Tschechen an der Nase herumführen lassen. Die ganze polnische Politik Frankreichs sei durch einen kleinen früheren Vizekonsul in Warschau, Degrand, ein Schoßkind der Herzogin von Uzès, gemacht worden.

Abends Klub bei Cassirer. Viele Leute, namentlich auch viele fremde und feindliche Journalisten: Sacerdote vom ›Avanti‹, Young von den ›Daily News‹, Mr. Harrison von einer Zeitung in Chicago, der Franzose Got vom Hagueninschen Stabe. Eine internationale Gesellschaft. Taktloserweise und gegen meinen Einspruch hielt Werthauer einen kurzen juristischen Vortrag, in dem er seine Theorie entwickelte, daß die Regierung unter Druck der Freikorps in Deutschland einen inneren Krieg erklärt habe. Um die Sache abzuschwächen, griff ich ein und stellte an ihn die Frage, wieweit der Gallifetsche Präzedenzfall, indem er nach der Kommune 30 000 Menschen in Paris erschießen ließ, vielleicht juristisch hier in Betracht käme?

Ein Dr. Rüstow sagte: Nein; er sei beim Obersten Reinhardt, den er aus dem Felde kenne, gewesen und habe ihm auf Grund der Schilderungen von Koch erzählt, was in den Gefängnissen vorgehe; Reinhardt habe die Sache sehr ernst genommen, gesagt, er habe schon so etwas munkeln hören, es müsse Abhilfe geschaffen werden, er werde möglichst bald seine Truppen aus den Gefängnissen herausziehen, das sei das einzige Radikalmittel. Jedenfalls hat Reinhardt eine anständige Auffassung.

Däubler befragte mich, wie er einen Paß nach der Schweiz bekäme, und erwähnte bei dieser Gelegenheit, daß er nach dem Friedensschluß Italiener sein werde. Für Deutschland optieren werde er auf keinen Fall. Die Gründe, die er für dieses passive Ausscheiden aus der deutschen Schicksalsgemeinschaft angab, schienen mir verächtlich klein: die schlechte Aufnahme oder Nichtbeachtung seines ›Nordlichts‹, üble Erfahrungen mit deutschen Verlegern und ähnliches. Er ist doch ein kleiner Mensch. Die etwas verächtliche Beurteilung, die er von Herzfeldes, Becher, Grosz erfährt, ist berechtigt. Ich brachte es nicht über mich, ihm zuzureden, deutsch zu bleiben; ich fühlte die Hemmung meines Stolzes.

Sachs, der kommunistische Bankier (mir übrigens wenig sympathisch, aber unvermeidlich infolge seiner Verbindung mit Breitscheid), erzählte, daß heute am Alexanderplatz wieder geschossen worden sei und im ›Kaiserhof‹ ein Spielklub sich aufgetan habe, der die ganzen großen Säle für vierzigtausend Mark monatlich gemietet und Leute wie den Afrikaleutnant Graetz und einen Hohenlohe als Direktoren mit viertausend Mark monatlich angestellt hat. Das Eröffnungsbankett mit sieben Gängen und reichlich Sekt sei tipptopp gewesen. Hollmann, Sachs, Breitscheid gingen um Mitternacht hin. Die Ausländer waren ganz Ohr, während Sachs mit semitischer Schamlosigkeit und Phantasie vortrug; eine Korona aus Chicago, Rom, Paris stand um ihn herum, die Harrison zeigte ihre weißen Zähne, lächelte und bedauerte. Die zerschossenen Häuser am Alexanderplatz und noch ungerächten Matrosenleichen müssen vielen durch den Kopf gegangen sein.

Berlin. 28. März 1919. Freitag

Nachmittags Ausschuß-Sitzung des Auswärtigen-Amt-Klubs (vom 16. November): Prittwitz, Riezler, Bornstädt, Kraus, Apelt, Grunelius. Bornstädt macht heftige Opposition gegen jede Verurteilung der Berliner Morde in der ›Deutschen Nation‹. Wir dürften der Regierung nicht in den Rücken fallen. Es sei offenbar eine ›konzentrische Aktion‹ von Hilferding bis Bernhard gegen die Regierung im Gange, an der er sich weigere teilzunehmen; dabei warf er mir wütende Blicke zu. Prittwitz wollte ein anständiges Abrücken. Die Sache soll morgen entschieden werden.

Dann Diskussion über den Völkerbund, wobei alle bis auf Kraus meinen Standpunkt einnahmen, allerdings Riezler mit der unnötigen Ideologie, daß das von mir Erstrebte ein ›Bundesstaat‹ sei, ein Welt-Bundesstaat; wogegen Apelt sehr vernünftige juristische Bedenken vorbrachte, denen ich beistimmte.

Riezler ist ein unverbesserlicher Theoretiker; statt das Praktische zu ergreifen, konstruiert er Definitionen. Allmählich verstehe ich die verhängnisvolle Unfruchtbarkeit der Bethmannschen Politik, deren Hauptvertreter Riezler war. Sie stand da wie ein Weihnachtsbaum, ganz mit Ideen behängt, die aber alle ohne Saft oder Triebkraft waren. Für Riezler ist die Idee immer nur ein Vorwand, um etwas nicht zu tun. Obgleich er meinen Standpunkt verteidigte, graute mir vor seinen Verschnörkelungen. Er ist der für Politik als organisiertes Handeln am wenigsten begabte Kopf, der mir vorgekommen ist. Sein ganzes Denken mündet von Natur in organisiertes Nichthandeln, organisierte Impotenz, die irisierend und verführerisch sich als höhere Weisheit ausgibt. Daß Bethmann dieses Gaukelspiel jahrelang ertragen hat, beweist auch seine mangelnde Begabung. Bismarck oder Napoleon hätten Riezler nach dem ersten Vortrag zum Teufel gejagt.

Berlin. 29. März 1919. Sonnabend

Massigli frühstückte bei mir. Unterhaltung hauptsächlich über Sozialisierung. Er erzählte, was anekdotisch und auch politisch interessant ist, daß Longuet Patenkind von Clemenceau sei und intime familiäre Beziehungen zu ihm behalten habe. Clemenceau war der Verteidiger seines Vaters, als dieser im Exil war. Der große politische Gegensatz Longuet-Clemenceau, der die französische Politik zu beherrschen scheint, rückt dadurch in ein eigenartiges Licht: so ungefähr, als ob Ludendorff väterlicher Freund von Liebknecht gewesen wäre.

Sitzung des November-Klubs mit Riezler, Prittwitz, Bornstädt, Neven, Kraus, Apelt. Zeitschriftgründung. Apelt schlug als Verleger Reinhold vor. Ich sekundierte. Nachher über die Berliner Greuel mit Riezler, der aus München kommt. Es war erstaunlich, wie wenig er davon wußte. Er hatte ›etwas davon gehört‹; hielt das Ganze aber offenbar für verhältnismäßig harmlos und natürlich, bis ich ihm Tatsachen sagte, die ihn aufklärten. So ist es offenbar bei dem größten Teil der ›öffentlichen Meinung‹. Die meisten glauben, daß der Matrosenmord und die Erschießungen höchstens bedauerliche Überschreitungen von an sich legitimen Repressions-Maßregeln gewesen seien. Daß es bestialische Verbrechen ohne jede Rechtsgrundlage waren, wissen heute noch die wenigsten.

Berlin. 31. März 1919. Montag

Sie haben Däumig verhaftet. Eine neue Dummheit, die Däumig wahrscheinlich über kurz oder lang an die Spitze der Regierung bringen wird, wenn sie ihn nicht im Gefängnis jetzt ermorden. Allerdings ist auch dieses möglich, nur wachsen immer neue Führer nach. Dabei hat der ›Vorwärts‹ heute früh den guten Geschmack, sich in einer dicken Überschrift darüber aufzuregen, daß ›Der Mörder von Jaurès freigesprochen‹ ist. Und abends kommt er noch einmal in seinem Leitartikel auf diesen ›ungesühnten Mord‹ zurück. Es wäre nützlicher, er faßte in den eigenen Dreck.

Der Vollzugsrat hat durch eine Abordnung dem Staatsanwalt erklären lassen, daß die Arbeiter in den Generalstreik eintreten würden, wenn Däumig nicht enthaftet werde. Darauf ist er sofort freigelassen worden. Diese blutige Regierung ist außerdem noch schwächlich.

Deutsch von der AEG bewegte sich in düsteren, reaktionären Prophezeiungen: Erst wenn die Arbeiter wieder zehn oder zwölf Stunden am Tage arbeiteten, werde unsere Wirtschaft in Ordnung kommen! Die Arbeiterräte würden alles zugrunde richten. Frau Deutsch sah schon den Augenblick, wo sie in eine Vier-Zimmer-Wohnung ziehen müßte: dann wolle sie lieber sterben! Sie und ihr Mann hätten eben erst ihr schönes neues Haus bezogen. Sehr modern! Sogar Arbeiten von Gaul. Sie hält die alte Sezession noch immer für eine Avantgarde. Diese Gesellschaftsdamen aus der Vorkriegszeit, Mumien, die ihre Perlen auf alten, vergilbten Hälsen herumtragen, wirken erschreckend im heißen Atem und Blutdunst der Massen, die keine seidenen Vorhänge mehr selbst aus Abendunterhaltungen der besten Kreise ausschließen. Die Leere eines solchen Mummenschanzes alter Weiber wirkt auf mich viel abstoßender als die Tanzerei, in der Natur und Wirklichkeit stecken.

Berlin, 1. April 1919. Dienstag

Riezler, der aus München kommt, meint, der Bolschewismus werde auf Prag übergreifen und dann auch sehr bald Bayern erobern. In Bayern sei keine militärische Macht wie hier die Freiwilligen und deshalb auch keine Möglichkeit, dem Bolschewismus entgegenzutreten. Allerdings ist Riezler von Natur Schwarzseher. Er selbst hält den Bankrott der Staatsidee in der ganzen Welt, wie er in einer Rede heute abend aussprach, für unabwendbar, weil der Weltkrieg diese Idee ad absurdum geführt habe. Er hält sozusagen das Weiterbestehen des Staates mit dem Weiterbestehen der Menschheit für unvereinbar, weil die Staaten sich, solange sie ungeschwächt bestehen, immer wieder bekriegen und daher bei den Fortschritten der Kriegstechnik die Menschheit oder zum mindesten die Kultur ausrotten werden. Aus diesem Grunde tritt er für meinen Gedanken ein.

Berlin. 2. April 1919. Mittwoch

Abends aß Romberg bei mir im Union-Klub. Wir besprachen seine Berufung ins Amt und meine Völkerbundidee. Nachher setzte sich Schillings zu uns und erzählte in seiner närrisch genialischen, oft amüsanten Weise vom Kaiser, von Roosevelt usw. Den Kaiser als pathologische Figur charakterisierte er sehr unterhaltend. Romberg sagte richtig, wir seien alle schuld, weil wir uns mit leeren Protesten gegen dieses Regime begnügt hätten, statt die praktischen Konsequenzen zu ziehen und zu gehen. Über die Ausbreitung des kommunistischen Gedankens auch in wissenschaftlichen und Professorenkreisen regte sich Schillings fast pathetisch auf. Allerdings bezeichnete er auch Paul Cassirer als Bolschewisten, was nicht zutrifft und seine übrigen Einrangierungen verdächtig machte.

Nach Hause mit Romberg, der mir nochmals seine starken Bedenken auseinandersetzte gegen seine Übernahme des Ostfragen-Referats. Er fühle sich der Sache auch geistig nicht gewachsen. Die ungeheuer verantwortlichen Entscheidungen, die hier zu fällen seien und über das Leben von Millionen verfügten, schrecken ihn. Ich versuchte ihm, so gut es ging, zuzureden. Ich halte ihn augenblicklich in der Tat für den einzigen, der die Sache übernehmen kann.

Der Union-Klub mit all den alten, unveränderten Herren machte auf mich den Eindruck einer Leichenkammer.

Berlin. 3. April 1919. Donnerstag

Abends Klub bei Cassirer. Wieder viele ausländische Journalisten: Ward Price, Young, Miß Harrison, der Mann vom ›Corriere della Sera‹ usw. Mit Price über Rußland. Die Selbstverproviantierung der Fabriken und Regierungsämter auf dem Lande, die Markowski schildert, wurde mir beleuchtet durch eine Bemerkung von Price, daß in vielen russischen Gegenden die Fabrikarbeiter noch gleichzeitig Bauern sind, die zweimal im Jahre zur Aussaat und zur Ernte aufs Land gehen und arbeiten. Dadurch wird es vollkommen natürlich, daß sie sich ihre Lebensmittel von zu Hause selbst holen. Price sagt, wenn diese Selbstverproviantierung nicht gewesen wäre, so wären die Städte verhungert und die Sowjetregierung zusammengebrochen. Er korrespondiert nicht mehr für den ›Manchester Guardian‹, sondern für die neue Arbeiterzeitung, den ›Daily Herald‹, der, wie er mir sagte, eine Gründung von Lansbury ist und katholisierende Tendenzen hat.

Der ›Corriere‹-Mann, der übrigens einen recht gebildeten und eleganten Eindruck macht, studiert wie alle andren fremden Korrespondenten die soziale Umwälzung. Sie scheint sie alle zu verblüffen. Der Klub entwickelt sich allmählich zum ersten internationalen Treff- und Mittelpunkt nach dem Kriege, von wo Eindrücke und Stimmungen in alle Welt gehen.

Berlin. 5. April 1919. Sonnabend

Besuch bei Joseph Bloch, dem meine Idee für den Völkerbund gesagt und angeboten als Broschüre für die ›Sozialistischen Monatshefte ›. Er verhielt sich zunächst sehr vorsichtig, wandte ein, daß der Weltfriede nur gesichert werden könne, wenn dem englischen und amerikanischen Proletariat die Aussicht genommen werde, sein Weltübergewicht und seine höhere Lebenshaltung mit Gewalt auf Kosten des Kontinental-Proletariats aufrechtzuerhalten. Dieser Anreiz zum Imperialismus falle aber erst dann fort, wenn Deutschland sich mit Rußland und Frankreich wirtschaftlich zusammenschließe. Dann sei das angelsächsische Monopol gebrochen. Es ist seine Lieblingsidee, ich ging darauf ein, erklärte ihm aber, daß meine Sicherung der seinen keineswegs Konkurrenz mache, sondern sie nur ergänze. Er gab dann zu, daß mein Vorschlag sozialistischer sei als die bisherigen Völkerbundpläne, und übernahm es, die Herausgabe der Broschüre beim Verlag zu vermitteln. Er hat einen klugen, oben breiten, unten spitz zulaufenden Kopf vom Typus Schopenhauer, dünne weiße Haut und blaue Adern an den Schläfen: etwas Feines, Scharfes und Zähes in der Diskussion. Er könnte wahrscheinlich als einsamer Gelehrter störrisch bis zur Borniertheit sein. Seine Wohnung ist auffallend hell und geistig. Weiße Boiserien und offene Bücherschränke an den Wänden, in denen die Bücher wohlgepflegt in ihren bunten Einbänden wie Blumenbeete bis oben an die Decke stehen. Viel Licht durch breite, kaum verhängte Fenster. Meine Bemerkung, daß der Grad der Organisation ein guter Maßstab für den Grad der schöpferischen Arbeit eines Volkes sei, bestritt er. Im Gegenteil, Organisationen töteten manchmal das Schöpferische. Das sei das Schicksal der Kirchen und auch der Arbeiter-Internationale.

Als ich von ihm kommend über den Reichskanzlerplatz ging, kaufte ich die ›BZ‹ und fand darin den Beschluß der Münchener, in Bayern die Räterepublik auszurufen: das erste Stück von Deutschland, das zum Bolschewismus übergeht. Wenn sich die Kommunisten dort halten könnten, so wäre das ein deutsches und europäisches Ereignis ersten Ranges.

Abends November-Klub unter Vorsitz von Riezler. Weisungen an Bornstädt für den Parteitag. Riezler fährt morgen nach München, wie er mir sagte, mit einem Koffer voll Geld. Er hofft noch hineinzukommen. Berg ist, ebenfalls mit Geld, schon heute gefahren. Riezler hat heute mit Ebert gesprochen. Riezlers Plan ist, daß die jetzige bayerische rechtssozialistische Regierung sich, sobald die Räterepublik ausgerufen ist (also wahrscheinlich übermorgen), irgendwo in Nordbayern, etwa Nürnberg, als Gegenregierung konstituiert. Epp soll von Thüringen mit bayerischen oder angeblich bayerischen Truppen einmarschieren und die Räteregierung stürzen. Ebert erläßt eine Proklamation im geringschätzigen Tone.

Die größte Gefahr wäre, wenn die Räteregierung die Notenpresse in die Hand bekäme; dann könnte sie sich mit Papier eine Zeitlang über Wasser halten. Sonst, meint Riezler, müßte sie aus Geldmangel kapitulieren.

Ich fragte, ob der Einmarsch der Preußen nicht das ganze bayerische Volk für die Räteregierung einigen werde? Riezler meinte, nein, die Angst vor dem Bolschewismus sei noch größer als der Haß gegen Preußen; ebenso wie in Rußland. Das bayerische Volk sei ein Sauvolk, leidenschaftlich, aber unbeständig; vor den Preußen würden alle weglaufen. Die führenden Münchener Kommunisten sieht Riezler im zweifelhaftesten Lichte; zum großen Teil Vorbestrafte oder Unfähige, die es nirgends zu etwas gebracht hätten. Er hofft, ebenso wie Cohen, auf den Abfall von Nordbayern. Die Landbevölkerung sei rätefeindlich, werde sich aber zuerst ducken. Von ihr erwartet er keinen Widerstand. Das Zusammentreffen der Bolschewisierung Bayerns mit der Eröffnung des Rätekongresses in Berlin schafft zweifellos eine höchst gefährliche politische Situation.

Berlin. 7. April 1919. Montag

Die Räterepublik ist heute nacht in München ausgerufen worden. Nachmittags bei Farinolla, der mir vorgestern seine Ankunft angezeigt hatte. Ich gab ihm meine Auffassung der Lage, die pessimistisch ist. Er sagte, daß auch er den Weltbolschewismus für unvermeidlich halte und in ihm als Durchgang zu einer neuen Welt die einzige Lösung sehe. In Italien sei der Sturz der Monarchie sicher. Ob der Kommunismus sofort folgen werde, unsicher. Er sei auf seinem Gute gewesen, wo dreihundert Bauern (Pächter) säßen, die aus dem Schützengraben zurück seien. Diese arbeiteten wieder ganz ruhig, aber wenn man sie aufriefe, um die Gewalten zu stürzen, die für den Krieg verantwortlich seien, würden alle mitgehen. In Frankreich hätten die Soldaten, die aus dem Schützengraben heimkämen, keinen Haß gegen die Deutschen. Dagegen seien sie entschlossen, zu Hause reinen Tisch zu machen. Farinolla glaubt an einen blutigen Umsturz in Frankreich. Meinen Einwand, daß der französische Bauer und kleine Rentner an seinem Besitz klebe, ließ er nicht gelten; stärker sei der Haß gegen die Mächte der Vergangenheit, die den Krieg verschuldet hätten. In England komme Lloyd George vorläufig durch, indem er prinzipiell bis zum Friedensschlusse den Arbeitern alles bewillige, was sie verlangten. Aber auch hier erhöben die Arbeiter den Kopf. Neulich habe in Paris ein aus Bern zurückkehrender Arbeiterführer den englischen Botschafter Lord Derby telephonisch angerufen und, als der Botschafter ihm durch einen Sekretär sagen ließ, er sei augenblicklich nicht abkömmlich, geantwortet: Der Botschafter solle selbst sofort ans Telephon kommen! Derby sei darauf auch tatsächlich gekommen. Das sei ein Symptom, wie die Machtverhältnisse wirklich seien.

Farinolla sprach sich vorsichtig warnend gegen Haguenin und sehr gereizt gegen Frankreich aus. Er bat mich, ihm Unterlagen zu schaffen, daß die Franzosen bereits jetzt mit uns Handelsbeziehungen angeknüpft hätten. Die Franzosen wollten alles für sich; den Italienern gönnten sie dagegen nicht einmal den Verkauf ihrer Apfelsinen und Trauben nach Deutschland. Italien sei gegen sie wehrlos, da es nicht einmal für zehn Tage Kohlen habe.

Berlin. 8. April 1919. Dienstag

Die Wilhelmstraße ist mit Kanonen und Maschinengewehren gespickt. Am Wilhelmplatz stehen zwei Revolverkanonen auf Lastautos aufmontiert, um die Straße nach rechts und links zu bestreichen. Überall Noskegarden im Stahlhelm mit Handgranaten.

Berlin. 9. April 1919. Mittwoch

Mit den ›Sozialistischen Monatsheften‹ die Herausgabe meiner Völkerbund-Broschüre abgemacht.

Nachher im Rätekongreß. Rede von Brass, der Noske, das Eden-Hotel und die Regierung auf das heftigste angriff, namentlich wegen ihrer Lockspitzelei, und pathetische Antwort von Wissell, der die verzweifelte Lage Deutschlands, den Trümmerhaufen, in krassen Farben malte, um eine weitgehende Sozialisierung im Augenblick für unmöglich zu erklären. Mir scheint: entweder die Sozialisierung erhöht die Produktion, dann müßte sie jetzt gerade durchgeführt werden, oder sie vermindert sie (wie Wissell offenbar annimmt), dann darf sie nie gemacht werden. Nicht daß Deutschland wirtschaftlich ruiniert ist, sondern daß die Arbeiter infolge des Krieges nicht mehr arbeiten wollen, ließe sich allenfalls einwenden. Aber warum sie in sozialisierten Betrieben noch weniger arbeiten sollten als jetzt, ist nicht einzusehen. Diese ganze Verteidigung scheint mir daher äußerst schwach, namentlich von einem Sozialdemokraten.

Abends Hauptausschuß-Essen des ›Demokratischen Klubs‹ zur Einweihung der Klubräume im ›Bristol‹. Bemstorff (der Botschafter), Nernst, Pabst-Weiße, Dr. Ullstein usw. Ein verlorener Abend. Bis auf einige Ausnahmen übelstes Philisterium; geistige Ebene der Bierbank. Eine Mischung von Fett und Gold, die nur noch Ekel erregen kann. Was daran, außer den Mittelstandsmanieren, demokratisch sein soll, mir unerfindlich. Dieselbe Klasse unterhält in Frankreich wenigstens noch kleine Mädchen oder in England Bibelklassen; hier ist es der unverblümte Sumpf, ideenloses Fett, das zu irgendwelcher Politik überhaupt kein Recht hat. Und dieses Getier kriecht jetzt dank der Revolution als Republikaner heraus.

O Brutus! O Robespierre! O Lassalle! Diese Existenzen werden jetzt mit Blut verteidigt.

Berlin. 10. April 1919. Donnerstag

Abends Klub bei Cassirer. Vortrag eines Direktors Meyer aus dem Saargebiet. Er sagt, die Franzosen träten dort korrekt auf; versuchten die Bevölkerung zu versorgen. Annektieren wollten sie nicht, jedenfalls nicht politisch; aber wirtschaftlich ausbeuten.

Berlin. 12. April 1919. Sonnabend

Ich arbeite an meiner Völkerbund-Broschüre. Ging deshalb nicht in den Rätekongreß, obwohl heute die große Auseinandersetzung zwischen Cohen, Reuss, Kaliski und Däumig über die Rätefrage angesagt war.

Nachmittags besuchte mich Wieland Herzfelde. Brachte mir Nr. 3 der ›Pleite‹. Er sagt, die Straßenhändler wagten nicht, sie zu verkaufen, weil sie Angst hätten, totgeschlagen zu werden. Aber er brächte Tausende von Nummern (vier- bis fünftausend) durch Vertrauensleute in den Betrieben an. Von seiner Broschüre ›Schutzhaft‹ druckt er jetzt sogar eine zweite Auflage. Ich zeigte ihm meinen Völkerbundentwurf. Er nimmt ihn von seinem kommunistischen Standpunkte aus an; meinte, er gehe über den Bolschewismus sogar hinaus, indem er ihn als verwirklicht voraussetze. Er will für die Verbreitung der Idee in seinen Kreisen sorgen. Er selbst hat eine sich einpassende Idee: Die Menschen sollten sich nicht nach Staaten, sondern nach frei zu wählenden Gesetzesgemeinschaften (also nach Analogie von Religionsgemeinschaften) organisieren. Ein jeder solle erklären dürfen, nach welchem Gesetz er leben wolle.

Es geht etwas vor! Eine ungeheure Gärung der Ideen bereitet gegenüber der gänzlich ideenlosen Revolution vom 9. November eine neue friedliche oder blutige, aber wirkliche Revolution vor. Jetzt erst fängt die Revolution an.

Berlin. 13. April 1919. Sonntag

Nachmittags bei Kippenbergs, die auf einen Tag hier sind, im ›Adlon‹. Sie wußten beide von den Matrosenmorden in Berlin, den Zuständen in den Berliner Gefängnissen usw. nichts. In Leipzig habe man davon nichts gehört.

Gestern ist der sächsische Kriegsminister Neuring in Dresden von der Menge aus dem Kriegsministerium herausgeschleppt, in die Elbe geworfen und im Wasser durch Schüsse ermordet worden.

Berlin. 14. April 1919. Montag

Gefrühstückt mit Hugo Simon und Hilferding. Simon sagte mir, er halte jetzt die Finanzkatastrophe Deutschlands für unabwendbar. Schiffer, der gestern zurückgetreten ist, habe die kostbare Zeit vertrödelt und die Vermögen ins Ausland verschwinden lassen. Die Kapitalien versickerten in lauter Rinnsale, wo sie nicht mehr zu fassen seien.

Der Streik der Bankangestellten dauert an und ist sehr unbequem, auch mir, da kein Geld zu bekommen ist.

Berlin. 15. April 1919. Dienstag

Mit Hutten-Czapski gefrühstückt in der neuen Bar in der Wilhelmstraße (Peltzer). Kleines, sehr elegantes Lokal, das eine frühere Ordonnanz des General-Gouvernements Warschau am Sonnabend eröffnet hat. Wir aßen jeder ein Kotelett und bezahlten pro Kopf einundfünfzig Mark. Jeunesse dorée mit Damen an allen Tischen; unter anderen Richard Kühlmann, der kein graues Haar hat und aussieht wie fünfunddreißig. Er kam an unseren Tisch; als er fort war, meinte der alte Hütten: »Einer der größten Verbrecher der deutschen Geschichte.« Kühlmann ist aber wurschtig, wohlhabend und amüsiert sich. Er hatte irgendeine hübsche Kusine mit. Die ganze Gesellschaft, all die kleinen Hohenlohes und Horstmanns von der Garde und der Industrie spüren die Revolution noch nicht. Sie freuen sich nur, daß sie mit heilen Knochen wieder hier sind aus Palästina, Kurland, Frankreich, Georgien. Kühlmann macht in älteren Semestern den Tanz mit.

Abends Vortrag von Schücking über Völkerbund in der Deutschen Gesellschaft. Er beschränkte sich auf Historisches und Anekdoten. Romberg war deshalb sehr enttäuscht, weil er erwartete, daß meine Idee von Schücking lanciert werden würde. Wir saßen nachher mit Eduard Bernstein, der das Korreferat, auch rein historisch, gehalten hatte als Ersatz für Kautsky. Er stellte sich in der Sozialisierung auf einen so bourgeois-liberalen Standpunkt, namentlich in bezug auf die Unternehmer und die Sozialisierung der Betriebe, daß von wirklichem Sozialismus kaum noch etwas übrigblieb.

Berlin. 17. April 1919. Gründonnerstag

Simon Guttmann bei mir. Gespräch über Spartakismus. Ich fragte, ob sie denn Führer hätten, die fähig seien, die Regierung zu übernehmen. Er sagte, augenblicklich nicht; aber das Personal wüchse heran, in sechs bis acht Monaten würden sie so weit sein. Bis dahin würde das jetzige Regime halten. Er will von den Unabhängigen, Breitscheid, Haase usw., nichts wissen; es sei zwischen ihnen und Scheidemann kein prinzipieller Unterschied. Den marxistischen Standpunkt, Enteignung der Produktionsmittel, verwirft er, weil er von der Maschine her gedacht sei; man müsse vom Menschen ausgehen, enteignen, was der Mensch nicht gebrauche, den toten Besitz, ob Produktionsmittel oder nicht. Ich gab ihm meinen Völkerbundentwurf. Herzfelde, dem ich ihn gestern gab, sagte, er gehe über den Bolschewismus hinaus, indem er diesen als schon durchgeführt voraussetze. Gerade deshalb aber, weil er so weit vorausdenke, würden die bourgeoisen Kreise ihn für ungefährlich halten.

Abends kam Gerhard Mutius zu mir, der aus Christiania von Rantzau hertelegraphiert ist. Ich nahm ihn mit in den Klub bei Cassirer,wo auch Massigli, Hesnard, Sacchi vom ›Corriere‹, Hilferding, Hugo Simon, Breitscheid, Charlie Kühlmann usw. Cassirer, der gestern aus München gekommen ist, erzählte von der Räterevolution. Nach seinen Schilderungen ein Karneval, aber ein blutiger. Landauer wollte kein Blut vergießen; die Ereignisse sind stärker gewesen. Bis sehr spät Diskussion mit Breitscheid und Cassirer über das Rätesystem. Meine Rechtfertigung der Räteverfassung, daß der Betrieb als Lebensgemeinschaft Vertretung hat, während der Wahlkreis keine Lebensgemeinschaft ist. Nur die Lebensgemeinschaft erkennt die Führernaturen und kann deshalb begründet wählen; Wahlkreiswahlen sind papierene Wahlen, bei denen dem Wähler die Unterlagen zur Beurteilung des Gewählten fehlen. Breitscheid stimmte zu. Cassirer leugnete, daß in der heutigen Fabrik Lebensgemeinschaften sich bildeten. Die Maschine atomisiere im Gegenteil die Menschen.

Berlin. 18. April 1919. Karfreitag

Schücking frühstückte mit mir im ›Adlon‹. Er sagte, ich habe in der gestrigen Kabinettssitzung ›einen großen Triumph gefeiert‹. Simons habe meinen Gedanken vorgetragen und das Kabinett darauf ihm, Schücking, den Auftrag erteilt, auf Grund dieses Gedankens einen Entwurf auszuarbeiten, der als offizieller deutscher Entwurf dem Wilsonschen entgegengestellt werden soll. Man habe darüber diskutiert, ob die Zentralvertretung den Organisationen als Oberhaus über ein demokratisches Völkerparlament oder selber als Völkerparlament eingebaut werden solle? Schließlich sei aber beschlossen worden, daß nur ein Vertretungskörper, und zwar der von mir vorgeschlagene, aufgestellt werden solle. Die Ansichten seien dahin gegangen, daß vielleicht die Sache nicht sofort durchzusetzen sein werde, daß Deutschland durch diese Idee aber wieder die Führung an sich nehme und die Sympathien weiter Kreise gewinne; auch werde sich dieser Vorschlag wohl schließlich, weil er richtig sei, durchsetzen. Schücking fügte hinzu, es werde an dem neuen Völkerbundentwurf bereits fieberhaft gearbeitet; wenn das Kabinett ihn billige, werde er schon Montag oder Dienstag veröffentlicht werden, so daß sie meiner Veröffentlichung vorauskommen. Allerdings solle ich als Urheber der Idee ausdrücklich anerkannt werden.

Ich bin selbst erstaunt, mit welcher Gewalt diese Idee, seitdem ich sie geäußert habe, sich Bahn bricht: die Fesselung des Staates durch die universalen Kräfte der Menschheit. Aus der Verzweiflung geboren, kann sie die Zukunft der Menschheit vielleicht formen und leiten zu neuer Blüte. Karfreitagszauber. Ich fühlte abends bei Anhören eines Volksliedes nur noch schmerzlich als Kontrast die tiefe Erniedrigung unseres Volkes. Plötzlicher, fast völliger Nervenzusammenbruch.

Berlin. 19. April 1919. Sonnabend

Gearbeitet. Abends Redaktionssitzung der ›Voss‹, um über die publizistische Behandlung meiner Idee zu beraten. Bernhard hatte Kaliski, Redlich, Wallenberg, Elben und noch einen geladen. Ich trug ihnen meinen Plan vor. Bernhard unterstützte ihn, ebenso Kaliski. Wallenberg ging von der unpolitischen, rein menschlichen Seite darauf ein; diese sei das Hinreißende daran. Auf seinen Vorschlag wurde beschlossen, am Donnerstag früh die ganze erste Seite der ›Voss‹ einem Referate über meinen Vortrag zu widmen mit einer großen Überschrift, um ihn als das Ereignis des Tages hervorzuheben. Die neue Idee solle als ›die deutsche Völkerbundidee‹ hinausgestellt werden. Bernhard meinte, meine Sorge müsse sein, sie über die Grenzen hinauszugeben, damit sie auch im Auslande wirke. Bernhard will sie dann als Hinaustragung der Räteidee ins Internationale propagieren. Verhindert werden müsse, daß sie die Regierung (Schücking) früher herausbringe als ich, da sie dadurch ›versaut‹ werde.

Berlin. 20. April 1919. Ostersonntag

Romberg im Amte aufgesucht. Ihn gebeten zu vermitteln, damit nicht durch eine vorzeitige Veröffentlichung der Regierung meine Agitation durchkreuzt werde. Er war sehr aufgeregt. Die gestern eingetroffene unverschämte Vorladung der Entente und unsere höhnische Antwort hätten die Lage so zugespitzt, daß die Regierung jetzt sofort mit positiven Gegenvorschlägen hervortreten müsse. Sie könne nicht warten, bis die Friedensbedingungen der Entente abgeholt und von uns devot durchstudiert seien, sondern müsse das Prävenire spielen. Hierzu hätte sie nur zwei Trümpfe, meine Völkerbundidee und ein weitgehendes internationales soziales Programm. Ich beschwor Romberg, etwas zu tun, da ich selbst schwer mit Rantzau reden kann, um nicht den Eindruck besorgter Eitelkeit zu machen.

Abends um neun telephoniert mir Romberg, daß mir Rantzau den Vortritt läßt; aber nur ein paar Tage, lange könne die Regierung nicht warten. Das Wasser steht ihnen offenbar bis an den Hals; sie haben dem Volke nichts zu bieten, wenn der Friede abgelehnt werden muß. Da greifen sie nach dieser Idee wie nach ihrer letzten Planke, gleichgültig, ob sie dabei kaputtgeht!

Berlin. 22. April 1919. Dienstag

Heute steht im ›12-Uhr-Mittagsblatt‹, die Regierung werde einen ›Deutschen Völkerbundentwurf‹ am Mittwochabend (also gleichzeitig mit meinem Vortrage im Herrenhause) veröffentlichen; zu den geistigen Vätern dieses Entwurfs gehöre Erzberger! Es handelt sich um den Schückingschen Entwurf, der auf meinen Ideen aufgebaut ist. Erzberger meldet aber seine Vaterschaft an! Seine dicke Person scheint ihm offenbar immer noch nicht berühmt genug. Nachmittags telephonierte Bernhard, um mich zu warnen; gestern abend sei der Presse mitgeteilt worden, daß der Entwurf morgen, Mittwoch, herauskäme.

Ich ging ins Amt und sprach mit Romberg und Roediger. Dieser telephonierte Simons an, der sagte, vor meinem Vortrage und insbesondere morgen werde nichts herauskommen. Erzberger habe die Notiz in die Zeitung gesetzt. Dieser Halunke will im voraus den Schein erwecken, daß sein großer Geist wieder einmal Deutschland gerettet hat. Wer sein Machwerk von Völkerbundentwurf kennt, wird allerdings nicht auf diese Stimmungsmache hereinfallen.

Simon Guttmann, der vormittags bei mir war, lobte gerade meine Preisgabe der Demokratie zugunsten der menschlichen Persönlichkeit, die in ihren lebendigen Teilen gefaßt werde statt als bloße Zahl wie beim demokratischen allgemeinen Stimmrecht. Er bezeichnete den Entwurf als eine gute Grundlage für Weiteres, einen Fortschritt, mit dem er sich als Kommunist im Prinzip einverstanden erklären könne. Die formale Demokratie bezeichnet er als eine Methode zur Ausschaltung der Persönlichkeit.

Berlin. 23. April 1919. Mittwoch

Der Kampf um die Veröffentlichung des Völkerbundentwurfs der Regierung und um die Aufnahme meiner Ideen ist bis heute weitergegangen.

Abends hielt ich meinen Vortrag im großen Sitzungssaale vom Herrenhaus. Der Saal und die Tribünen waren dicht besetzt. Ich redete ungefähr eine Stunde. Nachher sprachen Bülow, Schücking, Pabst-Weiße für meinen Vorschlag, Steinthal zweifelhaft, Gleichen dagegen; Gleichen in einer sonderbar konfusen und schwammigen Rede. Das Haus reagierte auf Steinthal mit eisigem Schweigen, auf Gleichen mit Zischen. Schücking redete leicht und sympathisch, mehr eine geistvolle Causerie als eine Rede. Mein Schlußwort, in dem ich eine energische Absage an die formale Demokratie richtete, aber meinen Glauben an die Demokratie als die Form der Zukunft auf gereinigtem Boden aussprach, wurde mit einem Sturm des Beifalls vom ganzen Hause aufgenommen. Hiermit hatte ich offenbar ins Herz getroffen.

Berlin. 24. April 1919. Donnerstag

Morgens kam ein Photograph von einer Gesellschaft ›Photothek‹ und photographierte mich am Schreibtisch, eine Dame vom ›Weltecho‹ und bat um eine Unterlage für eine Zeichnung. Die ›Voss‹ bringt meinen Vortrag über fünf Spalten auf der vorderen und zweiten Seite. Abends wurde ich interviewt für das ›Wiener Tagblatt‹ und das Stockholmer ›Aftontidningen‹.

Die gleichzeitige Veröffentlichung des Regierungsentwurfs und meiner Idee hat offenbar eine große Konfusion hervorgerufen. Wiegand vom New Yorker ›Sun‹ telephonierte mir, daß bei den amerikanischen Journalisten beides durcheinandergeworfen und zweifellos diese Konfusion auch auf die amerikanische Presse übergreifen werde. Dieselbe Konfusion scheint nach dem, was mir Lesser vom ›Wiener Tagblatt‹ sagte, in Wien zu herrschen. Offenbar hat Erzberger, indem er die Veröffentlichung des Regierungsentwurfs gleichzeitig mit meinem Vortrage im Herrenhause erzwang, gerade diese Konfusion gewollt, um meine Idee dadurch totzumachen. Ein schlauer Winkel-Halunke; fast amüsant.

Berlin. 25. April 1919. Freitag

Bei Haguenin gefrühstückt im ›Adlon‹ mit Georg Bernhard, der heute früh einen sehr warmen Leitartikel über meinen Völkerbund veröffentlicht hat, und Redlich. Außerdem war der französische Professor Hesnard anwesend. Ich hatte eine lange vertrauliche Besprechung mit Haguenin. Er klagte, daß das Auswärtige Amt ihn ›nicht richtig benutze‹, das heißt vernachlässige. Seine Verbindungen in Paris, namentlich mit Poincaré und Clemenceau, hätten ihm erlaubt, uns manchen Dienst zu erweisen, wenn wir uns nur seiner bedient hätten. So habe mein Memorandum über Polen einen großen Eindruck gemacht. Die Beschlüsse der Konferenz seien dadurch wesentlich beeinflußt worden. Wenn Paderewski nicht gekommen wäre, wären die Ergebnisse noch besser gewesen. Fast sei Danzig vollkommen frei geworden; Paderewski habe diesen Beschluß aber wieder umgeworfen (woraus hervorgeht, daß Danzig unter polnische Verwaltung kommen soll!).

Ich warf hier ein, daß die Danziger Frage eine von denen sei, die den Frieden verhindern könnten. Danzig an Polen abzutreten sei für uns unmöglich.

Haguenin fuhr fort, er hätte Rantzau eine ganze Anzahl vertraulicher Dinge zu sagen gehabt, aber Rantzau habe ihn seit seiner Rückkehr aus Paris noch nicht empfangen. Auch würde er gern einigen besonders geeigneten Mitgliedern unserer Friedensdelegation Empfehlungen mitgeben, damit sie in Paris private Verbindungen anknüpfen könnten. Aber dazu müsse er doch wissen, wer hinfahre. Bisher habe man es ihm nicht mitgeteilt. Eine finanzielle Annäherung oder Zusammenarbeit Deutschlands und Frankreichs sei durchaus erwünscht. Allerdings stoße sie noch auf große Schwierigkeiten; das Mißtrauen gegen Deutschland und insbesondere gegen deutsche Geschäftsleute sei in der französischen Geschäftswelt sehr groß. Man fürchte sich, von den Deutschen übers Ohr gehauen zu werden. Mißtrauen und Angst vor Deutschlands Stärke sei überhaupt das Kennzeichen der öffentlichen Meinung in Frankreich. Auch Foch stehe auf diesem Standpunkte. Er halte es für ein ›malheur irréparable‹, daß er nicht dazu gekommen sei, Deutschland ein Sedan zu bereiten. Man glaube an eine Wiedergeburt des deutschen Militarismus. Die Noske-Truppen würden als Symptom angesehen. Deshalb sei die öffentliche Meinung heute in Frankreich Deutschland gegenüber viel ungünstiger als vor einigen Wochen.

Ich fragte, wie die Stellung der Regierung in Frankreich sei; ob sie sich noch lange halten werde. Haguenin meinte, Clemenceau sei seit dem Attentate sehr gealtert; er stehe jetzt in greisenhafter Weise unter dem Einfluß seiner Umgebung, die schlecht sei (Mandel usw.). Gleich nach dem Frieden werde Clemenceau gehen. Dann kämen Leute wie Thomas, Briand, Renaudel in Betracht. Clemenceau stehe sich mit den Sozialisten und insbesondere mit Thomas sehr schlecht. Gegen Thomas habe er einen wahren Haß, weil er ihn fürchte und verschiedentlich ihn um Hilfe habe bitten müssen. Ich redete wieder für direkte Verhandlungen über finanzielle und soziale Fragen zwischen Deutschen und Franzosen; präzise Punkte sollten besprochen werden. Haguenin sagte, er fürchte, man habe im Auswärtigen Amt den Eindruck, daß er hier sei, um Deutschland zu streicheln, ›pendant qu'on l'opère‹. Und etwas Richtiges wird hieran sein.

Berlin. 26. April 1919. Sonnabend

Gegessen beim Geheimrat von Berger mit dem preußischen Ministerpräsidenten Hirsch, dem früheren Minister des Innern Loebell, Georg Bernhard, dem Kapitän Taegert, dem Major Kalle (bisherigen deutschen Militärattaché in Madrid) und dem Geheimrat Strauß vom Ministerium des Innern. Loebell sprach mich an über meinen Völkerbundentwurf, billigte ihn und bedauerte, daß die Regierung ihn sich nicht zu eigen gemacht habe, da mit ihrem eigenen Entwurf diplomatisch nichts anzufangen sein werde. Nach Tisch setzte mir Taegert, der deutschnational ist (die Frau Freundin der Kronprinzessin), in Gegenwart des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten auseinander, daß wir nur gerettet werden könnten durch einen ›königlich-sozialdemokratischen Bolschewismus‹. Diesen total närrischen Plan entwickelte er mit großem Ernst und vielen Argumenten.

Berlin. 27. April 1919. Sonntag

Aufführung von Else Lasker-Schülers ›Wupper‹ vor der ›Junges Deutschland‹-Gesellschaft im Deutschen Theater. Expressionistische Dekorationen. Das Stück eine Mischung von Marlitt und Wedekind mit Lichtblitzen einer eigenen Genialität. Das Publikum war durchsetzt mit Leuten, die klatschten, wollte sich aber im ganzen nicht erwärmen. Mir gegenüber in der anderen Proszeniumsloge saß Hirsch mit dem Major Kalle und Haenisch. Ich ging nachher ein paar Schritt mit Wolfgang Heine, der mir gealtert und geschrumpft aussah.

Berlin. 28. April 1919. Montag

Heute sind Rantzau und die Friedensdelegation nachmittags nach Versailles abgefahren.

Berlin. 29. April 1919. Dienstag

Abends in Strindbergs ›Vater‹ im Theater an der Königgrätzer Straße. Die Orska spielte die Frau leopardenhaft, wie ein Katzenraubtier schleichend, Harlan den Vater als Löwe brüllend. Man hatte den Eindruck, vor einem Käfig im Zoologischen Garten zu sitzen. Samson und Dalila ins Moderne und Tierische übersetzt. Grandios, auch in der Leistung der beiden Hauptdarsteller, aber ohne jede menschliche Ergriffenheit von mir wahrgenommen.

Berlin. 1. Mai 1919. Donnerstag

Nationalfeiertag. Alles geschlossen, selbst die Gastwirtschaften. Eindruck einer Nationaltrauer über die verfehlte Revolution.

Berlin. 2. Mai 1919. Freitag

Essen bei Frau v. Riedel (Schwester Fürstners). Sie kommt aus der Schweiz; erzählte, ich gelte dort jetzt allgemein als Bolschewik (wahrscheinlich infolge der unsinnigen Warschauer Märchen). Psycha habe mich warnen lassen. Psycha hängt mit der Stryczinska nahe zusammen, die es aus Warschau haben wird.

Berlin. 3. Mai 1919. Sonnabend

Wieland Herzfelde bei mir. Er erzählte von kommunistischen Versammlungen, denen er beigewohnt hat. Überall seien Russen bei diesen Zusammenkünften; viel besser geschult als die Deutschen, ohne Pathos, kühl, berechnend wie Generalstabsoffiziere. Sie sprächen immer rein sachlich und verachteten den deutschen Arbeiter wegen seiner politischen Dummheit und Rückständigkeit. Herzfelde meint, es müßten schon vor der Revolution zahlreiche russische Agitatoren im kommunistischen Sinne in Deutschland tätig gewesen sein. Aber die deutsche Kommunistische Partei leide vor allem an Geldmangel. Sie habe nichts. Die Zustände seien geradezu kläglich. Außerdem seien viele von den kommunistischen Arbeitern offenbar hysterisch. Man merke das bei den Diskussionen, wo nur die Russen kalt überlegen blieben, die Deutschen sich bis zur Sinnlosigkeit aufregten. Von seiner ›Pleite‹ setzt Herzfelde jetzt 10 000 bis 12000 Exemplare ab.

Berlin. 12. Juni 1919. Donnerstag

Seit 7. Mai, seit der Überreichung der Friedensbedingungen, so gedrückt, daß keine Lust zum Schreiben. Jetzt sind die Aussichten etwas besser, da die Entente in sich offenbar nicht mehr so fest steht und modifizierte Bedingungen vorbereitet. Ich will versuchen, wieder zu schreiben.

Ich werde in letzter Zeit viel als Nachfolger von Rantzau genannt, namentlich in der ausländischen Presse. Habe in einem Interview in ›New York Times‹ dementiert, daß ich irgendwelche Absichten hätte, Rantzau zu verdrängen.

Berlin. 13. Juni 1919. Freitag

Die Antwort der Entente auf unsere Gegenvorschläge sollte heute in Versailles überreicht werden. Wurde aber wieder verschoben. Beisetzung Rosa Luxemburgs. Alles ruhig verlaufen.

Berlin. 15. Juni 1919. Sonntag

Pazifisten-Bankett. Ein Herr Meyer-Bremen reichte eine Resolution herum, nach der man sich durch Unterschrift verpflichten sollte, keinen Kriegsdienst zu tun oder irgendeine Beihilfe zum Kriege durch eigene Handlungen oder Unterlassungen zu leisten. Natürlich wäre das das einzig Radikale, wenn es allgemein würde. Abends Vortrag von Wyneken über Schulreform im Beethoven-Saal. Viele Kinder, zur Hälfte bebrillt, was bei einer Jugendbewegung einen traurigen Eindruck macht.

Berlin. 16. Juni 1919. Montag

Hilferding frühstückte mit mir. Er sieht die unvermeidliche Katastrophe voraus. Meint, Erzberger werde unterzeichnen. Aber so oder so werde es in einigen Wochen zum Kladderadatsch kommen. Er ist noch immer für glattes Unterzeichnen unter Protest. Meinen Vorschlag hält er für zu kompliziert für das Volk. Er sagte, es seien Proskriptionslisten vorbereitet von denen, die im Falle der Nichtunterzeichnung verhaftet werden sollten. Er stehe auch darauf. Meinte, er würde schwer herauskommen, wenn sie ihn einmal hätten, wegen ihres Hasses auf die ›Freiheit‹. Übrigens sagte er, diese habe jetzt die 200 000-Auflage überschritten.

Berlin. 17. Juni 1919. Dienstag

Die Antwort der Entente ist gestern übergeben worden. Heute früh sind wieder die Zeitungen bis auf den ›Vorwärts‹ nicht erschienen; nur der ›Vorwärts‹ und einige Winkelblättchen. Man erfährt daher nichts Näheres. ›Vorwärts‹ bringt bloß Angaben aus französischen Zeitungen über den Inhalt. Die ›Berliner Mittagszeitung‹ bringt eine Reutermeldung, die den Inhalt der Mantelnote der Ententeantwort wiedergibt: angeblich in grobem Tone Deutschlands Kriegsschuld, ›das größte Verbrechen gegen die Menschheit, das jemals begangen worden ist‹, in den Mittelpunkt gestellt. Rantzau und die Delegation sind gestern abend aus Versailles abgereist. Die Mitglieder sollen auf dem Wege zum Bahnhof mit Steinwürfen empfangen und zum Teil verletzt worden sein. Das alles sieht nach neuem Krieg aus.

Die ›Neue Berliner‹ (›12-Uhr-Mittags‹) kommt schon (obwohl ›unabhängig‹) mit einer Riesenüberschrift sensationell: ›Attentat auf die deutsche Friedensdelegation‹. Es ist wie 1914. Und ebenso drückend schwül und sonnig wie damals Ende Juli.

Berlin. 22. Juni 1919. Sonntag

Scheidemann und Rantzau sind zurückgetreten. Neues Kabinett Bauer, das den Frieden unter Vorbehalt und Protest unterzeichnen will. Die Vorbehalte beziehen sich auf das Bekenntnis der alleinigen Schuld Deutschlands am Kriege und die Auslieferung des Kaisers und der andren sogenannten Schuldigen.

Die deutsche Flotte, die in Scapa Flow interniert war, hat sich selbst versenkt.

Abends unbeschreibliche Niedergeschlagenheit; als ob alles Leben im Innern der Seele erstorben wäre.

Berlin. 23. Juni 1919. Montag

Studenten und Soldaten haben heute früh die französischen Fahnen, die ausgeliefert werden sollten, aus dem Zeughaus herausgeholt und vor dem Denkmal Friedrichs des Großen verbrannt.

Nachmittags heißt es, da die Entente die Unterzeichnung unter Vorbehalt abgelehnt hat, hätten sich die militärischen Führer gegen die Regierung aufgelehnt, das Zentrum seine Zustimmung zur Unterzeichnung zurückgezogen, die Regierung ihren Rücktritt beschlossen. Heute abend läuft das Ultimatum ab. Die Spannung ist ungeheuer. Die Luft drückt schwül. Gegenrevolution, Krieg, Aufstand drohen wie nahe Gewitterwolken.

Früh Brief von Dietrich Bethmann, der nach seinen eigenen Schilderungen ein Hauptschuldiger am Kriege ist. Er macht geheimnisvolle Andeutungen über meinen ›Ehrgeiz‹ (den ich nicht besitze) und beschwört mich, alles zu tun, um die Auslieferung zu verhindern.

August Müller, der eine ›mauvaise langue‹ ist, erzählt, am Tage vor der Übermittlung des Friedensvertrages durch die Entente (am 5. Mai) habe Ebert ein großes Saufgelage für Minister und frühere Minister gegeben. Nachts um eins habe Trimborn, der frühere Zentrums-Staatssekretär des Innern, eine Karnevalsansprache im Kölner Dialekt gehalten. Gegen drei sei alles schwergeladen nach Hause gewankt. Die Folge sei gewesen, daß, als der Friedensvertrag in der nächsten Nacht ankam, kein Minister aus dem Bett zu bekommen gewesen sei. Müller sagte, er habe allein auf der Friedensdelegation mit noch einem andern, dessen Name mir entfallen ist, den Friedensvertrag empfangen und vergeblich versucht, irgendeinen der Minister heranzuholen. Sie waren sämtlich von der früheren Nacht zu überanstrengt. Außerdem habe Erzberger erklärt, am nächsten Tage sei es immer noch früh genug, um vom Vertrag Kenntnis zu nehmen! Dabei habe man nicht einmal gewußt, ob der Vertrag nicht eine ganz kurze Frist zur Entscheidung setzen werde.

Auf Erzberger war allgemein die Verbitterung ungeheuer. Müller sagte, wenn er nicht anders beseitigt werden könne, wollte er selbst hingehen und ihn mit einem Knüttel totschlagen; kein Schwurgericht in Deutschland werde ihn wegen einer solchen Tat verurteilen. Ich fürchte sehr, daß Erzberger das Schicksal Liebknechts teilen wird. Allerdings nicht wie Liebknecht unverdientermaßen, sondern durch seine unheilvolle Tätigkeit selbstverschuldet.

Berlin. 24. Juni 1919. Dienstag

Noske hat heute mit den aufsässigen Truppenführern verhandelt und anscheinend eine Art von Einigung trotz der ›Schmach-Paragraphen‹ des Friedensvertrages erzielt. Die Generäle haben sich vorläufig unterworfen. Im Norden Berlins wird weiter geplündert.

Abends Versammlung bei Gerlach, um Mitteilungen von Montgelas zur Schuldfrage entgegenzunehmen. Anwesend Quidde, Nuschke, Wehberg, Dr. Gumbel. Eduard Bernstein war eingeladen, erschien aber nicht. Montgelas wies nach, daß die ersten Mobilisationsakte auf seiten der Entente geschehen seien. Am 24. Teilmobilisation der englischen Flotte, am 28. und 29. Gesamtmobilisation Rußlands, zwei Tage früher als die österreichische Generalmobilmachung. Diplomatisch bezeichnete Montgelas als der Aufklärung bedürftig, warum die am 25. in Wien bekanntgewordene Antwort Serbiens nicht telegraphisch oder telephonisch, sondern bloß per Kurier nach Berlin geschickt worden sei, so daß sie erst am 27. in Berlin bekannt wurde. Durch diese Verzögerung ist die Haltung der Berliner Regierung in den entscheidenden Tagen stark im unversöhnlichen Sinne beeinflußt worden. Denn sofort nach Bekanntwerden der serbischen Antwort hat der Druck aus Berlin auf Wien eingesetzt. Inzwischen waren die Dinge aber in Rußland und sonstwo weitergerollt.

Mir ist klar, daß hier der Knoten der Schuldfrage liegt, soweit sie uns trifft; und da stecken mir persönlich Dietrich Bethmanns Mitteilungen ein Licht auf. Er und Hoyos haben in Wien jede Gelegenheit ausgenutzt, um den Krieg herbeizuführen, so sagte er mir selbst. Ich vermute, daß er mit schuld ist an der sonderbar langsamen Übermittlung der serbischen Antwort; er mag Angst gehabt haben, daß sein Vetter Theobald ›umfiele‹, wenn er die Antwort noch rechtzeitig erführe.

In Wien war man in unglaublichem Leichtsinn überzeugt, Rußland werde nicht losschlagen! Dabei war Rußland schon eifrig mit seiner Mobilmachung beschäftigt. Wie leichtsinnig man in Wien war, beweisen nicht nur die offiziösen Presseäußerungen, sondern auch die von Montgelas mitgeteilte Tatsache, daß die Österreicher zwei Tage nach der russischen Teilmobilisation verstreichen ließen, ehe sie selbst zu mobilisieren anfingen. Sie ließen ihre Grenze also zwei Tage lang den russischen mobilisierten Truppen offen! Das muß man mit dem Ränkespiel von Dietrich Bethmann und Hoyos zusammenhalten, um die unheilvolle psychologische Situation in Wien zu verstehen, die vielleicht den Ausbruch des Krieges entschieden hat.

Jetzt erkenne ich erst, daß Dietrich Bethmanns Selbstbeschuldigungen und Gewissensbisse nicht bloß Pose, sondern leider bitterer Ernst waren. Öffentlich wird das allerdings vorläufig kaum bekanntwerden, und so rennen die Leute in der Schuldfrage immer mit dem Kopf gegen die Wand, indem sie in Berlin suchen, während der wirkliche Knoten in Wien sitzt, in der Deutschen Botschaft in Wien und am Ballhausplatz bei Hoyos mit seinem hölzernen Gesicht und seiner mathematisch trockenen, närrisch-klugen Psychologie. Dieser närrische Rechenmeister und der Romantiker Dietrich Bethmann sind in ihrer unheimlichen Verbrüderung in der Tat die treibenden Kräfte des Kriegsausbruchs gewesen; Bethmann, dessen Instinkt es ist, alle Situationen zu verwirren, durch unklare Träume und hitziges Temperament ins Pathetisch-Tragische zu steigern, dazu seine Eitelkeit und Genugtuung, in wichtigen Dingen eine Rolle zu spielen.

Gerade heute bekam ich von ihm einen Brief, in dem er mich drolligerweise vor ›persönlichem Ehrgeiz‹ warnt. Er verteidige mich gegen alle in der Schweiz, die mich deshalb angriffen! Was soll ich denn erstreben? Ich habe so, wie ich bin, eine einflußreichere Stellung, als wenn ich, wie die Zeitungen mich immer wieder avancieren lassen, Minister des Äußeren wäre! Warum soll ich mich, ganz ohne mir oder dem Lande nutzen zu können, zur Nachfolge von Rantzau drängen? Bethmann wird mich so lange ›verteidigen‹, bis alles glaubt, daß die Zeitungen recht haben. Er ist, was die Franzosen ›brouillon‹ nennen, bis zum Pathologischen. Und die Hände dieses Mannes haben infolge der Schwäche von Theobald Bethmann und Tschirschky die Geschichte der Menschheit in einem weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick gelenkt!

Gerlach trat mit Leidenschaft dafür ein, daß die deutsche Regierung ganz allein schuld am Ausbruch des Krieges sei. Er sagte ausdrücklich, in jenem Augenblick seien die andren in der Tat die ›reinen Unschuldengel‹ gewesen. Montgelas, Quidde, Nuschke und ich traten ihm entgegen. Ich trotz Dietrich Bethmann und Hoyos, weil nur das ganz parallele Spiel in Petersburg und Paris (Poincaré) und die relative Energielosigkeit in London schließlich den Ausbruch herbeigeführt haben. Wenn Dietrich und Hoyos keine Kumpane auf der andren Seite gehabt hätten, hätten sie ihr Spiel verloren.

Auf unserer Seite Grundschema der Situation: eine schwache Zentralregierung (Theobald Bethmann) in Berlin, Kampf um die Seele dieses schwachen ›leitenden‹ Staatsmannes zwischen Wien und London. In Wien Tschirschky, getrieben und zum Teil hintergangen von Dietrich Bethmann; hinter Berchtold in derselben Richtung und mit noch kühlerer Berechnung tätig Ludwig Hoyos. Kühlmann auf Urlaub auf dem Lande in seiner üblichen Wurschtigkeit verharrend trotz der Gefahr; in London Lichnowsky mit seinen Illusionen über Grey, unterstützt nur von Schubert, den Kampf gegen Wien führend. Berlin war nur ein Schauplatz, auf dem sich alle diese aktiven und passiven Einflüsse kreuzten. Irgendein wirklicher Wille ist in Berlin nie zustande gekommen; es blieb eine bloße Telephonzentrale.

Montgelas erzählte hierzu folgendes, das meine Auffassung bestätigt: in Berlin sei Falkenhayn gegen, Moltke für die Kriegserklärung gewesen. Falkenhayn habe aber schließlich Moltke überredet, so daß Moltke sich entschloß, die Kriegserklärung an Frankreich, die bereits abgegangen war, zurückzurufen! Man schickte hinterher, aber das Telegramm war bereits fort! Zu spät! (Montgelas hat das von Haeften.) Ein fester, klar durchdachter Wille also nicht einmal bei den Militärs.

Berlin. 28. Juni 1919. Sonnabend

Unsere Bevollmächtigten Bell und der neue Außenminister Hermann Müller haben den Friedensvertrag in Versailles unterzeichnet.

Berlin. 29. Juni 1919. Sonntag

Mit Romberg, der zurückgetreten ist wegen der Unterzeichnung, im Demokratischen Klub gegessen. Er sondierte mich wegen Rantzau und einer Diktatur. Seine Idee ist, daß ein Dreimännerkollegium, unter denen Rantzau, die Macht übernehmen sollte: Rantzau, ein Sozialdemokrat und ein Unabhängiger, etwa Hilferding als Sozialisierungsdiktator. Er bat mich, die Unabhängigen wegen Rantzau zu sondieren.

Weimar. 9. Juli 1919. Mittwoch

Ratifikation des Friedensvertrages in der Nationalversammlung. Würdige Sitzung bis auf den Ton, in dem Fehrenbach eingriff, als nach des Deutschnationalen Traubs Rede das Publikum klatschte; ein harter, häßlicher Schulmeisterton, der nicht zur tragischen Größe des furchtbaren Augenblicks paßte.

Weimar. 23. Juli 1919. Mittwoch

Victor Naumann wohnt wieder bei mir. Vormittags in Nationalversammlung. Programmreden des Ministerpräsidenten Bauer und des Außenministers Hermann Müller. Bauers Rede, von Ulrich Rauscher gemacht, recht gut und wirkungsvoll. Sachlich kündigt sie einen mir höchst widerwärtigen Staatssozialismus an. Müllers Rede schwach und farblos. Den einzigen etwas wärmeren Ton traf er, als er von Frankreich sprach; für einen deutschen Außenminister im Augenblick, wo uns Frankreich den Fuß auf den Nacken setzt, etwas merkwürdig.

Alle, die ich sprach, waren von Müllers Rede und Auftreten enttäuscht. Ich habe von der Unterredung, die ich mit ihm hatte, den Eindruck eines etwas naiven, anständigen und frischen jungen Mannes, etwa von der Sorte, die ein solides, mittleres Handlungshaus anständig leiten könnte. Er ist auch fühlbar verlegen und unsicher im persönlichen Verkehr. Unsere Außenpolitik wird unter ihm keine großen Taten vollbringen. II est un peu gaga! Wird sich mit der Zeit zweifellos auch von seiner eigenen Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit überzeugen lassen, obwohl er vorläufig noch bescheiden ist. Meinem Völkerbunde, den er aus der ›Voss‹ kennt, steht er, wie er sagt, sympathisch gegenüber.

Abends aßen van de Velde, der seit kurzem wieder hier ist, und Victor Naumann bei mir. Naumann, der mich als Gesandten in Brüssel in Vorschlag gebracht hat, sagt, Haniel und Rosenberg stünden dieser Ernennung sehr sympathisch gegenüber. Van de Velde war von dem Gedanken begeistert. Verspricht allerlei Unterstützung und Empfehlungen, namentlich an Lefebvre, den Sekretär des Königs, Naumann an die Königin durch ihre Mutter.

Weimar. 24. Juli 1919. Donnerstag

Abends aßen außer Naumann noch Nadolny und Walter Schücking bei mir. Nadolny sagt mir, ich gälte allgemein als ›Unabhängiger‹. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich eingeschriebenes Mitglied der Demokratischen Partei bin und den Klassenkampf vermeiden möchte, also nicht gut als Unabhängiger mich bezeichnen könne. Van de Velde sagt auch, Solf habe ihm in der Schweiz gesagt, ich sei Spartakist geworden.

Weimar. 25. Juli 1919. Freitag

Heute kam endlich die große politische Auseinandersetzung. Vormittags begann sie mit Reden des Zentrumsabgeordneten Brauns und des preußischen Landwirtschaftsministers Braun, dann entlud sich nachmittags in einer der dramatischsten Sitzungen, die wohl je ein Parlament abgehalten hat, die Spannung.

Der Deutschnationale Graefe, eine schlanke, feine, etwas spanisch-nervöse Erscheinung mit einem vornehmen und blassen Gesicht und schon leicht ergrauendem Spitzbart, griff Erzberger und die Revolution an, indem er sie für die Katastrophe verantwortlich machte; namentlich Erzberger auf Grund der Enthüllungen Botho Wedels als Urheber der Indiskretion über den Czerninschen Immediatbericht vom April 1917. Graefes Rede war rhetorisch äußerst wirksam, das blasse, feine, ernste Gesicht, die schöne, gepflegte Stimme, der schwere Vorwurf, daß durch Erzbergers Indiskretion der Frieden im Jahre 1917 verhindert worden sei, dann ein Zitat aus einer Rede von Bismarck, durch das angedeutet wurde, Erzberger sei vielleicht bestochen gewesen von Österreich oder Frankreich.

Erzberger, der am Ministertisch bis dahin vollmondartig gelacht hatte, wurde ganz blaß und rot und schrie: »Unverschämtheit, was meinen Sie damit?« Graefe ließ sich aber nicht aus dem Konzept bringen, sondern wiederholte das Zitat. Man fühlte von diesem Augenblick an, daß es ein Ringen auf Tod und Leben war, daß zwei riesenhafte, weit über die Mauern des Theatersaales hinausreichende Gewalten einander an der Kehle hatten.

Als Graefe sich setzte, hatte man das Gefühl, daß die Situation rhetorisch nicht mehr gesteigert werden könne. Erzberger mit seiner Spießergestalt, seinem klobigen Dialekt, seinen grammatischen Sprachfehlern fiel zunächst ganz ab, obwohl er sehr geschickt und dramatisch anfing mit: »Ist das alles?«

Ich stand unmittelbar hinter ihm an der Rednertribüne, sah seine schlecht gemachten, platten Stiefel, seine drolligen Hosen, die über Korkzieherfalten in einem Vollmondhintern münden, seine breiten, untersetzten Bauernschultern, den ganzen fetten, schwitzenden, unsympathischen kleinstbürgerlichen Kerl in nächster Nähe vor mir: jede ungelenke Bewegung des klobigen Körpers, jeden Farbenwechsel in den dicken, prallen Wangen, jeden Schweißtropfen auf der fettigen Stirn. Aber allmählich wuchs aus dieser drolligen, schlecht sprechenden, ungeschickten Gestalt die furchtbarste Anklage empor, die schlecht gemachten, schlecht gesprochenen Sätze brachten Tatsache auf Tatsache, schlossen sich zu Reihen und Bataillonen zusammen, fielen wie Kolbenschläge auf die Rechte, die ganz blaß und in sich zusammengeduckt und immer kleiner und isolierter in ihrer Ecke saß. Als er das Pacellische Telegramm verlas, da stieg uns allen das Blut in die Augen. Der alte Nuschke, der in meiner Nähe stand, sah aus, als ob er einen Geist sehe. Ein Zentrumsabgeordneter rief mit unterdrückter Stimme, die wie ein Seufzer klang, in die lautlose Stille: »Und danach ist mein Bub gefallen!«

Dann ging es wie ein Gemurmel und dann wie ein Meerestosen durch das Haus. Die ganze Linke, drei Viertel des Hauses, war auf den Beinen und gegen die kleine, vor Wut bebende und blasse Rechte gewendet. Man schrie: »Mörder, Mörder!« Es sah aus, als ob sich der ganze Block der Linken zusammengeballt auf die Rechte stürzen und sie auf ihren Sitzen erwürgen würde. Blut lag in der Luft. Einzelne riefen: »Staatsgerichtshof«; Erzberger antwortete: »Wird schon kommen!« Als er geendet hatte und schwitzend sich an mir vorbeidrängte, sprang die Rechte auf, Hugenberg, Semler, Roesicke, Graefe! Ein jeder meldete sich zu persönlichen Bemerkungen; Semler, blaß und in einer lächerlichen Weise, Saint-Just ähnelnd, stand vor Erzberger in Positur, wollte auf ihn mit den Fäusten losgehen, wurde von Parteigenossen zurückgehalten.

Das ungeheure Pathos der Situation – ein Volk, das zum ersten Male die Wahrheit sieht – wuchs gigantisch über die Äußerungen der Erregung empor und schien sogar deren Wirkung zu dämpfen. Etwas weniger, und ich glaube, es wäre wirklich Blut geflossen. Gesamteindruck aber doch, daß Erzberger und seine Gegner einander ungefähr wert sind.

Weimar. 26. Juli 1919. Sonnabend

Dernburg aß abends bei mir mit Naumann und Claus Albrecht. Dernburg war Erzbergers Enthüllungen gegenüber skeptisch, ›vermutete‹, daß das noch nicht veröffentlichte englische ›Friedensangebot‹ nichts sei als die englische Antwort auf die Papstnote und nichts enthalte als einen Hinweis auf die schon bekannten Ententebedingungen. Dernburg fügte hinzu, er sei Erzberger gegenüber vorsichtig geworden; er kenne noch mehr solche ›Erzbergeriaden‹. Erzberger scheint Richthofen heute zugegeben zu haben, daß die englische Note ganz kurz gewesen sei und nichts Neues enthalten habe. Dann hätte Erzberger also ein fast unglaublich unverschämtes und freches Spiel mit der Nationalversammlung und den ernstesten Angelegenheiten des deutschen Volkes getrieben!

Weimar. 30. Juli 1919. Mittwoch

Vormittags den jungen Maler Molzahn besucht und mit ihm zu einem Kameraden von ihm, dem Bildhauer Herrmann. Junge Leute, die eine völlig abstrakte, expressionistische Kunst suchen. Herrmann erreicht in der Tat ein wahres Pathos der abstrakten Form. Ich sagte Molzahn Geld zu, damit sie eine von ihnen geplante Zeitschrift herausgeben können. Sie suchen, wie Molzahn sagt, vor allem ›den neuen Menschen‹.

Berlin. 3. August 1919. Sonntag

Becher besuchte mich. Er hat das Bändchen Lutherscher Psalmen, das ich ihm neulich gab, studiert. Sagt, er hätte sich daraufhin entschlossen, den Stil seines Dramas zu ändern.

Berlin. 4. August 1919. Montag

Heute vor fünf Jahren! Damals der Abend mit Otto Dungern und seiner Frau im ›Habsburger Hof‹, wo Varnbüler hereinkam und uns Bethmanns Rede und den Einmarsch in Belgien mitteilte! Nur fünf Jahre! Und doch ein Jahrhundert, das zwischen damals und heute liegt: eine Weltepoche. Ich entsinne mich, daß wir uns scheuten, in Uniform über die Straße zu gehen wegen der Ovationen, die wir lächerlich fanden.

Nachmittags telephoniert mir Victor Naumann, daß ein wüster Angriff auf mich von Léon Daudet in der ›Action Française‹ steht. Ich sagte ihm durchs Telephon, ich riete, nichts zu unternehmen. Daudet sei ein notorischer Pornograph und Schmutzfink, den man sogar in Frankreich nicht ernst nehme. Mich lasse die Sache ganz kalt. Aber offenbar ist es der Auftakt zum Konzert, das folgen wird, wenn ich nach Brüssel gehen sollte. Beweis, daß die Franzosen Befürchtungen haben, oder wenigstens die Sorte Léon Daudet, die einen dauernden Kriegszustand mit Deutschland wünschen.

Berlin. 5. August 1919. Dienstag

Becher mit der Schwichtenberg zum Essen. Er wiederholte, daß die Psalmen ihn auf einen neuen Weg für seinen Dramenstil gebracht hätten. Zum Ärger der Schwichtenberg erzählte Becher, daß er in den jüngeren P., einen siebzehnjährigen blonden, mir etwas fade erscheinenden Jungen, verliebt gewesen sei. Dessen Naivität, als er zum ersten Male (angeblich) einen Fahrstuhl sah, habe ihn bezaubert. Ich glaube, daß Becher hauptsächlich die Schwichtenberg eifersüchtig machen wollte, was ihm auch vollkommen gelang; namentlich da beide jungen P.s prinzipiell Frauen ablehnen und für die Knabenliebe eintreten (nach Blüherschem Rezept).

Berlin-Weimar. 7. August 1919. Donnerstag

Wieland Herzfelde besuchte mich. Er war deprimiert, meinte, die Revolution sei wahrscheinlich zu Ende. Der Sturz der Räteregierung in Ungarn (gestern ist der Erzherzog Josef in Budapest als Regent eingesetzt worden), die schlechten Nachrichten, die er aus Moskau empfangen hat, stimmten ihn sehr pessimistisch. Schon vor drei Wochen sagte er mir, nach seiner Ansicht sei die Revolution um 50 Jahre vertagt. Er las mir dann aus seinen ›Träumen‹ oder ›Tragigrotesken der Nacht‹ vor, die ich drucken will.

Weimar. 8. August 1919. Freitag

Heute vor einem Jahr war die Schlacht, die den Krieg entschieden hat. Damals waren Romberg und ich bei Haeften, und ich verhandelte mit den Bolschewiki.

Nachmittags nach Berka. Im Zuge auf der Rückfahrt äußerte ein älterer, gutsituierter Mann, er möchte Erzberger erschlagen, man müßte ihm ein paar Handgranaten unter den Wagen packen. Ganz laut, in einem überfüllten Wagen. Niemand erhob den geringsten Einwand.

Weimar. 13. August 1919. Mittwoch

Abends mit Peter Pfeiffer und Victor Naumann gegessen. Pfeiffer erzählte, er sei vom Generalstab losgeschickt worden, um festzustellen, was wahr sei an den Geschichten, die über die Liebesabenteuer des Kronprinzen umliefen. Er habe dann selbst eine Photographie aufgenommen, wie die Geliebte des Kronprinzen, Selma Kahn aus Esch in Luxemburg, morgens aus dem Zimmer des Kronprinzen in einem rosa Negligé die aus dem Schützengraben heimkehrenden Feldgrauen beobachtete. Da sei sein dynastisches Gefühl erstorben, sagt Pfeiffer. Er erzählte dann noch weitere Skandalgeschichten und scheint stark zu färben.

Weimar. 20. August 1919. Mittwoch

Ich besprach mit Rubakin die Übersetzung meines Buches ins Russische und seine Verbreitung in Rußland. Er sagte, meinen Grundgedanken kenne und billige er. Er wolle die Sache übernehmen (natürlich will er dabei verdienen).

Lasswitz erzählte mir als sehr wichtig, daß jetzt der Botschafter in Washington Richthofen sicher sei. Die Ämterjagd, namentlich in der Diplomatie, geht völlig schamlos hier vor sich. Lasswitz, der als Wolff-Vertreter in Bern zu meiner Zeit vollkommen versagte, ist zum Sekretär von Hermann Müller, dem kleinen Saubayern, gelaufen und hat eine ›große Gesandtschaft‹ verlangt; schlimmstenfalls ein Generalkonsulat erster Klasse.

Weimar. 21. August 1919. Donnerstag

Nachmittags um fünf Vereidigung Eberts in der Nationalversammlung. Die Bühne war festlich geschmückt mit den neuen Reichsfarben, Blattpflanzen und Blumen, Gladiolen und Chrysanthemen, unter denen ein Theaterteppich, offenbar der Moosboden aus dem ›Sommernachtstraum‹, ausgebreitet war. Die Orgel spielte, und alles drängte sich in schwarzem Rock zwischen den Blattpflanzen wie bei einer besseren Hochzeit. Das Haus war dicht besetzt bis auf die Deutschnationalen- und Unabhängigen-Bänke, die ostentativ leer blieben. Einige Sekretäre und Stenographen verteilten sich als Statisten auf die Plätze der Deutschnationalen.

Ebert, im schwarzen Bratenrock, klein und breitschulterig, mit einer goldenen Brille, kam nach einem Orgelvorspiel auf die Bühne vor, gefolgt vom hinkenden Reichskanzler Bauer und dem Reichsministerium, die alle ebenfalls sehr feierlich schwarz waren. Ullsteins ›Berliner Illustrierte‹ hat es passend gefunden, gerade heute das Bild von Ebert und Noske in Badehosen zu bringen: Ebert wie der Wassermann aus der ›Versunkenen Glocke‹. Das Bild schwebt bei der feierlichen Handlung über den Bratenröcken in der Luft.

Als Ebert den Eid leisten soll, fehlt das Manuskript. Es muß erst gesucht werden. Peinliche Pause, da die Orgel aufgehört hat zu spielen. Fehrenbach wird nervös. Schließlich kommt jemand mit dem Blatt durch die Bratenröcke nach vorne gedrängt. Ebert spricht den Eid mit einer ganz sympathischen hellen Stimme. Fehrenbach begrüßt ihn. Ebert redet. Alles sehr anständig, aber schwunglos wie bei einer Konfirmation in einem gutbürgerlichen Hause. Die Republik sollte Zeremonien aus dem Weg gehen; diese Staatsform eignet sich nicht dazu. Es ist, wie wenn eine Gouvernante Ballett tanzt. Trotzdem hatte das Ganze etwas Rührendes und vor allem Tragisches. Dieses kleinbürgerliche Theater als Abschluß des gewaltigsten Krieges und der Revolution! Wenn man über die tiefere Bedeutung nachdachte, hätte man weinen mögen.

Weimar. 22. August 1919. Freitag

Abends aß ich im ›Erbprinzen‹ mit Heinze, dem Führer der Deutschen Volkspartei, und Fräulein v. Gierke von den Deutschnationalen. Die Gierke war außer sich über den Boykott der Eidesleistung durch ihre Partei. Es sei ihr unmöglich gewesen, dagegen durchzudringen. Schulz-Bromberg habe geradezu Streikposten ausgestellt. Vorwand sei gewesen, daß es der Partei ›zu schmerzlich‹ sei, dieser Handlung beizuwohnen. Das habe aber Graefe und andre nicht gehindert, ihr als Zuschauer auf der zweiten Galerie beizuwohnen. Das sei doch eine Komödie! Dabei seien ›die Leute‹ (Ebert und Genossen) so taktvoll; sie hätten die Republik nicht einmal erwähnt. Es fiel mir auf, daß die Gierke von der Regierung nur als ›die Leute‹, wie von Dienstboten, spricht trotz ihrer offenbar ziemlich ehrlichen Sympathie. Sie meinte dann aber, gegen die Arbeitsunlust und die Spartakisten nütze jetzt ›nur Gewalt‹. Ich erlaubte mir, andrer Meinung zu sein. Sie blieb aber dabei, daß ›nur Gewalt‹ heute helfen könne.

Nachher zu Rubakin in den ›Elefanten‹. Er will zwanzigtausend Volksbibliotheken zu je tausend Bändchen auf russisch ins Leben rufen und durch die Kooperativen in Rußland verteilen lassen, um eine deutschfreundliche Stimmung zu schaffen.

Berlin. 2. September 1919. Dienstag

Wieland Herzfelde besuchte mich. Politisch sehr niedergeschlagen. Er glaubt nicht, daß noch irgendwelche revolutionäre Ereignisse in Aussicht stünden. Nach seinen Nachrichten seien die Berliner Arbeiter entschlossen, sich auch nicht provozieren zu lassen. Mein Eindruck ist jetzt auch, daß die Revolution vorläufig zu Ende ist. Was gegenwärtig marschiert, ist die Gegenrevolution, hinter der die Monarchie schon deutlich wiederauftaucht. Die vollständige Unfähigkeit des sozialdemokratischen Regierungspersonals, die weit überlegene Erfahrung und Schlauheit der konservativen Beamten (wie Berger, Nadolny, Gilsa usw.), die Schwierigkeit, in einem ruinierten Lande Sozialismus zu machen, die physische Ermattung des ausgehungerten Proletariats haben die Revolution auf einen toten Punkt gebracht, und da nichts dauernd stillstehen kann, so kommt jetzt die rückläufige Bewegung, die Gegenrevolution. Das wird Deutschlands wirkliche Niederlage.

Berlin. 4. September 1919. Donnerstag

Becher hält nichts von der revolutionären Energie der Arbeiter. In Thüringen, wo er Vertrauensmann der Kommunistischen Partei ist, sei an einen Putsch nicht zu denken. Im Gegenteil, wenn von andrer Seite Putsche versucht würden, würde die KPD dagegen wirken. Der ganzen Kommunistischen Partei fehle es an Führern, an Erfahrung, an allem, was zu einer erfolgreichen Revolution nötig sei. Sie sei außerdem von Spitzeln ganz zerfressen. Die Arbeiter faßten die ganze Revolution nur als ein Mittel auf, zu Autos und seidenen Strümpfen zu kommen. Revolutionär sei der deutsche Arbeiter nur, wenn er Hunger habe. Eine kommunistische Revolution in Deutschland wäre nur möglich, wenn die Verbindung mit Rußland hergestellt werde, mit russischen Führern und russischen Rotgardisten. Er erzählte von einem Drama, das er jetzt in Rügen, wo er hinfährt, schreiben will: ›Arbeiter, Bauern und Soldaten. Der Aufbruch eines Volkes.‹ Zuerst ein Einzelmensch, der seine revolutionären Ideen um sich verbreite, und schließlich ein ganzes Volk als handelnde Person. Am Schlusse solle das Drama sogar ins Publikum, ins Parkett mit hinüberspielen.

Nachmittags waren Dr. Peiser und Wesemann vom ›Vorwärts‹ und Jantschge aus Wien bei mir, um mich zu bitten, die Führung der Weltjugendbewegung in Deutschland zu übernehmen. Ich schlug ihnen einige andre Namen vor, machte es aber schließlich wie Julius Caesar mit dem Lorbeerkranz. Ich sagte nur, Bedingung sei dann, daß ich auch die effektive Leitung und nicht bloß den Namen bekäme. Auch daß die Arbeiterjugend in erster Linie herangezogen werde.

Für ihren Wunsch, mich an die Spitze zu stellen, brachten sie meinen ›Scheinwerfer‹-Artikel vor. Wesemann sagte, der Herausgeber des ›Marxist‹(der den Artikel abgedruckt hat) habe gesagt, solange der ›Marxist‹ bestehe, habe noch kein Artikel ein solches Verständnis für die Arbeiterseele gezeigt.

Berlin. 12. September 1919. Freitag

Erstickend heißer Tag wie die vorhergegangenen. Wieland Herzfelde frühstückte bei mir. Ich sprach mit ihm über den Münchener Geiselmordprozeß, der seit Tagen die Zeitungen füllt und unter glänzender gegenrevolutionärer Regie eine gewaltige Propaganda gegen die Kommunisten macht. Ich sagte, trotzdem ich diese Absicht durchschaute, machte er doch auf mich einen starken Eindruck, weil er die kommunistische Seele, das heißt die Gesinnung zum mindesten bei einem Teile der Kommunisten, als genau gleich der der übelsten Reaktionäre und Kriegsschlächter enthülle. Er gab mir dieses zu und sagte, auch in weiteren Kreisen der KPD sehe man dieses ein. Daher sei eine Spaltung in der Partei entstanden zwischen solchen, die erst die Gesinnung reformieren wollten, und solchen, die gleich möglichst schnell die Macht erstrebten. Er gehört natürlich zu den ersteren.

Sitzung des Komitees der Weltjugendliga, das sich allmählich konstituiert. Ich habe den Vorsitz übernommen. Nur kam heute Arthur Zickler vom ›Vorwärts‹, früherer Arbeiter, der einen starken, fast finsteren Eindruck auf mich machte. Er könnte ein sehr wirksamer Agitator werden. Wir waren uns einig, daß wir parteilos, aber auf sozialistischer Grundlage vor allem eine neue Gesinnung hervorrufen wollten.

Abends ›Bund Neues Vaterland‹. Ein aus Rußland zurückgekehrter deutscher Kaufmann Ebert, der Angestellter der Sowjetregierung bei der Lebensmittelverteilung im Gouvernement Tschernigow gewesen ist, gab seine Erfahrungen und Ansichten zum besten. Er erklärte, er sei Kommunist gewesen, aber durch seine Erfahrungen in Rußland von der Undurchführbarkeit des Kommunismus überzeugt worden. Auf meine Frage, welche Tatsachen ihn überzeugt hätten, konnte er nicht antworten, sondern murmelte immer nur: »Der Krieg ist die Ursache, der Krieg, der Krieg.« Als ich ihn darauf hinwies, daß der Krieg doch nicht durch den Kommunismus hervorgerufen sei und ebensowenig die Rohstoffknappheit, schwieg er verlegen ganz still.

Seine einzelnen Daten bestätigten nur, was wir schon längst wissen, daß im Schleichhandel alles zu haben ist, aber sehr teuer (Pfund Brot 45 Rubel usw.), daß die Intellektuellen Zeitungen verkaufen und die Arbeiter hohe Löhne beziehen. Er selbst habe als Beamter zuerst 650, später 1100 Rubel Monatsgehalt gehabt. Als ihm vorgehalten wurde, daß er nach seinen eigenen Preisangaben hiervon nicht leben konnte, antwortete er, er habe auch nicht von seinem Gehalt, sondern von Bestechungen gelebt. Bestochen hätten ihn die ›Spekulanten‹ (die Schieber). Schieber sei aber heute jedermann in Rußland, und wenn es nur mit einem halben Pfund Mehl sei; in erster Linie die Arbeiter. Die Bestechlichkeit sei heute größer als unter dem Zaren; aber ebenso sei die Rote Armee besser diszipliniert als die des Zaren. Die Arbeiter lebten nicht sehr viel schlechter als unter dem Zaren. Die Bauern hätten alles reichlich, nur keine Maschinen. Die Produktion sei viel geringer als unter dem Zaren, nicht nur, weil die Rohstoffe fehlten, sondern auch, weil die Arbeitslust geringer sei. Im ganzen überzeugte er mich nicht, daß das kommunistische Experiment an seiner inneren Unmöglichkeit gescheitert sei, sondern eher an den äußeren Umständen.

Berlin. 13. September 1919. Sonnabend

Rubakin bei mir. Er sagte, sein russischer Bibliothekenplan sei jetzt finanziert und werde in den nächsten Monaten ins Leben treten. Ferner solle jetzt sein großes Institut ›Intellectus et Labor‹ gegründet werden. Er bat mich, für Deutschland mit Albert Einstein und Professor Nicolai zusammen den Vorsitz zu übernehmen. Das Komitee besteht außerdem für Frankreich aus Romain Rolland, für Belgien aus Vandervelde, für die Schweiz aus Ferière und Baudouin. Der Amerikaner de Kay soll das Geld geben. Von de Kay brachte mir Rubakin das Buch ›Women and the New Social State‹ mit, in das ich nachher hineinsah und das in einigen Grundideen über den Völkerbund (insbesondere, daß dieser ein Bund von Werktätigen und nicht von Regierungen oder Staaten sein müsse) mit mir übereinstimmt. Bemerkenswert, da ich bisher de Kays Ideen nicht kannte und de Kay nicht die meinigen.

Berlin. 19. September 1919. Freitag

Abends in eine sehr schlechte Aufführung von ›Kabale und Liebe‹ im Theater an der Königgrätzer Straße; die Orska als Lady Milford zum Auspfeifen.

Berlin. 20. September 1919. Sonnabend

Früh Besprechung bei Richthofen mit Naumann. Eintritt der Demokraten. Auswärtiges Programm aufgesetzt. Ich verlangte intensivere Behandlung der russischen Frage, Anbahnung des wirtschaftlichen Völkerbundes, wirksame Reform des Amtes. Richthofen sagte mir, Ebert habe gegen meine Person ein starkes Vorurteil.

Abends Aufführung von Mahlers Auferstehungs-Symphonie (II) in der Philharmonie unter Walter.

Was der gelebt, geliebt, gestritten ...

Berlin. 21. September 1919. Sonntag

Früh Telegramm, daß Mama schwer erkrankt.

Trotzdem Unterredung mit Nadolny. Er bestreitet, daß Ebert gegen mich etwas hätte. Mein Name sei in ungünstiger Weise lediglich einmal von einem Minister im Salonwagen auf der Fahrt von Weimar genannt worden, der geäußert habe, ich sei ›Unabhängiger‹! Nadolny will dem gleich entgegengetreten sein.

Berlin. 22. September 1919. Montag

Vormittags erneute Unterredung mit Richthofen, zu dem ich hinging, um ihm zu sagen, daß Hermann Müller, wenn er unfähig sei, fort müsse, nicht das Auswärtige als Sinekure behalten dürfe, so was machte ich nicht mit. Schließlich hätten wir nicht die Hohenzollern verjagt, um jetzt sozialdemokratische Princillons in Gestalt von Gewerkschaftssekretären als unabsetzbare Nulpen an entscheidenden Stellen zu haben. Richthofen gab Müllers Unfähigkeit zu, meinte aber, seine Entfernung sei jetzt nicht durchzusetzen. Das Äußerste würde sein, daß man ihm einen Staatssekretär beigebe. Wenn er, Richthofen, dieser Staatssekretär werde, so würden sie allerdings nicht länger als acht Tage miteinander auskommen; dann werde einer von beiden fliegen. Mit anderen Worten, er, Richthofen, werde, wenn er erst Staatssekretär sei, Müller sofort hinausbeißen; dazu sei er Manns genug. Aber anders gehe es nicht. Er erklärte sich dann bereit, Nadolny die Ostfragen (mit Ausschluß des Fernen Ostens) anzuvertrauen, auch ihn zum Unterstaatssekretär und Vertreter des Staatssekretärs zu machen. Ich solle doch Nadolny veranlassen, mit ihm zu sprechen.

Beim Nachhausekommen die Nachricht, daß die arme, gute Mama schon am Freitag gestorben ist. Eine große, unglückliche Frau, mit Schönheit, Leidenschaft, Phantasie und Witz weit über den Durchschnitt, ja bis zur Genialität ausgestattet, aber ohne Lebensklugheit. So zerstieß sie sich an allerlei kleinlichen Widerständen wie eine Löwin im Käfig. Sie hatte zu uns und namentlich zu Wilma eine große, reine Liebe, die sie in den letzten Jahren allein durch alle Leiden trug. Nach dem Telegramm soll ihr letztes Wort mein Name gewesen sein. Sie war von der königlichen Rasse der Engländerinnen, mit der Mischung von matter of fact, hochfliegender Leidenschaft und Phantasie und Irrationalität gewisser Shakespearischer großer Heldinnen. Ihr Schicksal war tragisch, weil sie das, was sie in sich hatte, nie zur Reife bringen konnte; weil ihre Persönlichkeit sich in sich verzehrte! Ich verliere in ihr mehr als eine Mutter, einen großen, auf mich mächtig trotz aller Entfernung wirkenden Lebenshintergrund. Seit fünfeinhalb Jahren hatten wir uns nicht gesehen; jetzt gerade sollten wir uns in der Schweiz treffen. Das ist auch für sie eine wahrhaft tragische Geschichte.

Berlin. 24. September 1919. Mittwoch

Papas Geburtstag. Ich weiß noch immer nicht, ob und wann Mamas Beisetzung gewesen ist. Sehr deprimiert.

Berlin. 10. Oktober 1919. Freitag

Frühstück im Klub in der Bellevuestraße mit Albert Einstein, Nicolai, Rubakin, Sytin (dem russischen Verleger) und Hugo Simon, um Rubakins Volksbüchereiprojekt zu besprechen. Es sollen einige Millionen Bände nach Rußland geworfen werden. Simon wegen Kapitalisierung zugezogen. Meinte, Druckerei und Verlag müßten etwa eine Million aufbringen, dann sei vielleicht Bankengeld zu haben. Im ganzen etwa drei Millionen nötig. Gewinn wird auf rund vierzig Millionen kalkuliert, von dem Teil für Rubakins Institut zu sichern. Beschlossen, Georg Bernhard heranzuziehen.

Abends Becher, der aus Hiddensee angekommen ist, bei mir. Las mir den zweiten Akt seines Dramas (›Aufbruch eines Volkes‹) vor. Er aß mit mir.

Nachher zusammen bei Cassirer. Slevogts ›Zauberflöten‹-Radierungen waren ausgestellt. Er selbst war da; kommt aus dem Saargebiet; erzählt Schlimmes von der kleinlichen Unterdrückung durch die Franzosen. Die Wut sei groß; er fürchtet aber, daß das Gebiet für Deutschland verloren sei, da die kleinliche tägliche Schikane die Bevölkerung und Gesinnung zermürbe.

Berlin. 12. Oktober 1919. Sonntag

Schickele und Annette Kolb bei mir gefrühstückt. Nachher bei Wolde, Meier-Graefes.

Berlin. 14. Oktober 1919. Dienstag

Früh telephonisch mit Arnhold gesprochen. Er sagt, gestern sei die Frage des Eintritts Fremder in deutsche Aufsichtsräte im Reichswirtschaftsamt eingehend besprochen worden. Die überwiegende Mehrzahl der Anwesenden sei dagegen gewesen, weil bei Unternehmungen wie die deutsche chemische Industrie, die deutsche Schiffahrt, die mustergültig organisiert seien, die Gefahr bestehe, daß unsere Geheimnisse über die Grenzen getragen würden. Ich machte geltend, bei andren Industrien sei diese Gefahr doch wohl gering. Arnhold schloß sich dem an; man könne den Franzosen sagen, die Sache müsse von Fall zu Fall entschieden werden. Im übrigen meint Arnhold, daß wir aus Frankreich nicht viel Kapital bekommen würden, da sie selber ihre Kapitalien gebrauchten.

Nachher bei Helphand (den ich zum ersten Male sah) im ›Kaiserhof‹; dort war auch Victor Naumann mit Pernot. Nachher kam Haguenin. Helphand ist ein ungeheuer dicker Sokrates, und sein Geist scheint ebenso umfassend wie sein Körper. Er hielt uns einen über eine Stunde langen Vortrag über Rußland und den Bolschewismus, der nur durch einzelne kurze Zwischenfragen von Pernot unterbrochen wurde; auf französisch, in einem gebrochenen, aber fließenden und präzisen Französisch. Ganz gegen den Bolschewismus, den aber die Entente in der verkehrtesten Weise durch Gewalt und Blockade bekämpfe. Dadurch sei Lenin und Trotzki die Gelegenheit geboten, sich als nationale Vorkämpfer zu geben. Richtig wäre nur die Bekämpfung durch Hebung der Produktion und Organisation, Lieferung von Rohstoffen, Nahrungsmitteln, Maschinen usw. Ebenso wie in Westeuropa müsse auch in Rußland die Anarchie durch sozialdemokratische Organisationsarbeit ausgemerzt werden. Lenin und Trotzki würden sich einer Wendung nicht widersetzen. Bucharin sei allerdings zu eng, um eine solche mitmachen zu können.

Berlin. 4. Dezember 1919. Donnerstag

Matrosenmord-Prozeß. Marloh: Nach seinen Aussagen macht er den Eindruck einer mörderischen Gliederpuppe. Vollgestopft mit Exerzierreglement, ohne Herz oder Verstand. Ein Scheusal, das nicht einmal böse ist. Die grauenhafte Karikatur des preußischen Militarismus. Er führt die ganze Richtung ad absurdum. Seit Friedrich Wilhelm I. im Werden bis zu diesem Abschluß. In dem ganzen Kerl stecken nur Phrasen und Rohrstock. Dabei mordet er kaltblütig dreißig junge Landsleute ›aus Patriotismus›! – Reichardt dagegen ein bösartig glatter Schuft, die andre Verkörperung des preußischen Militarismus. Ein kleiner Falkenhayn; mit Blut glattgestrichen.

Letzten Endes ist die Erschießung von Katte und die der zweiunddreißig Matrosen aus demselben Geiste hervorgegangen; eine widernatürliche Unmenschlichkeit, die nur den äußersten Abscheu wecken kann.

Berlin. 6. Dezember 1919. Sonnabend

Aufhebung des Belagerungszustandes für Berlin, der seit dem 3. März gedauert hat.

Berlin. 12. Dezember 1919. Freitag

Gefrühstückt mit dem Erbprinzen Reuss, der mich gestern antelephoniert hatte, ›um wieder Verbindung aufzunehmen›, wie er sagte. Ich hatte ihn seit 1915 nicht gesehen. Er widmet sich dem Theater; sehr vernünftig, da die Kultur das einzige geblieben ist, wo die gefallenen Fürstenhäuser noch Dienste leisten können. Der Kürassier Schierstädt, der in Frankreich die bekannte Patrouille ritt und gefangen wurde, setzte sich heran. Ein netter, sympathischer Junge. Er ist noch bei der Reichswehr, geht aber, da keine Zukunft dabei. Möchte eine Vortragstournee in Amerika machen. Hat dort einen Verleger für sein Buch gefunden.

Berlin. 13. Dezember 1919. Sonnabend

Der Minister Wolfgang Heine telephonierte mich gestern abend an und bat mich, heute früh als Zeuge im Prozeß von Paul Cassirer nach Moabit zu kommen. Heine plädierte, obwohl preußischer Minister des Innern, selbst; eine mich ziemlich überraschende Vermischung der Funktionen. Es kam dann ein Vergleich zustande.

Nachmittags Sitzung des Vorstandes der Canitz-Gesellschaft. Der frühere Minister des Innern Loebell führte den Vorsitz. Ein kleiner Richthofen, der jetzt Erster in Leipzig ist, gab Aufschlüsse über das Leben der jetzigen Aktiven. Mindestwechsel fünfhundert Mark. Dieses entspräche etwa zweihundertfünfzig Mark früher; man könne sich dafür aber weit weniger leisten als früher für zweihundertfünfzig Mark. Sie bezahlen drei Mark für ihr Essen, bekommen nur zweimal in der Woche Fleisch, sonst Gemüse und viel Kartoffeln. Etwa die Hälfte der Aktiven, lauter Jungens aus den besten alten Familien, hat nicht mehr als den Mindestwechsel von fünfhundert Mark. Dazu ist zu bemerken, daß ein junger zwanzigjähriger Arbeiter heute etwa drei Mark die Stunde, also etwa vierundzwanzig Mark täglich verdient, also über sechshundertfünfzig Mark monatlich. Der Student aus gutem Hause ist also heute bedeutend schlechter gestellt als der gleichaltrige junge Arbeiter. Mit der Zeit muß das doch eine mächtige Wirkung, auch kulturell, haben. Mein Eindruck von meiner Unterhaltung mit Richthofen war, daß das Leben dieser jungen Studenten in Leipzig, die unter den Studenten zu den bestbemittelten gehören, äußerst kümmerlich, fast schon ein Elend ist. Wir beschlossen, von uns aus einen Essenzuschuß zu bezahlen, damit die jungen Leute etwas besser genährt werden; pro Kopf für jeden Aktiven dreißig Mark monatlich.

Berlin. 21. Dezember 1919. Sonntag

Eingeladene Versammlung im Kunstsalon Cassirer zur Begründung von ›Clarté›. Schickele hielt einen Vortrag. Breitscheid präsidierte. Belanglose Reden. Nachher hatte die Lasker-Schüler die Zudringlichkeit, Däubler auf mich zu hetzen mit dem Auftrage, mich ihr vorzustellen. Seit vier Jahren versuche ich, diese gräßliche Person zu vermeiden. Däubler als Mastodon führte den Auftrag so ungeschickt aus, daß ich die Vorstellung nicht vermeiden konnte. Ich sagte guten Tag und empfahl mich.

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