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West-östlicher Divan

Johann Wolfgang von Goethe: West-östlicher Divan - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke in sieben Bänden
authorJohann Wolfgang Goethe
editorBernt von Heiseler
yearo.J.
publisherBertelsmann Lesering
addressGütersloh
titleWest-östlicher Divan
created19990208
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1819
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Hikmet Nameh: Buch der Sprüche

        Talismane werd ich in dem Buch zerstreuen;
Das bewirkt ein Gleichgewicht.
Wer mit gläubger Nadel sticht,
Überall soll gutes Wort ihn freuen,.

Vom heutgen Tag, von heutger Nacht
Verlange nichts,
Als was die gestrigen gebracht.

Wer geboren in bös'sten Tagen,
Dem werden selbst die bösen behagen.

Wie etwas sei leicht,
Weiß, der es erfunden und der es erreicht.

Das Meer flutet immer,
Das Land behält es nimmer.

Was wird mir jede Stunde so bang? –
Das Leben ist kurz, der Tag ist lang.
Und immer sehnt sich fort das Herz,
Ich weiß nicht recht, ob himmelwärts;
Fort aber will es hin und hin,
Und möchte vor sich selber fliehn.
Und fliegt es an der Liebsten Brust,
Da ruht's im Himmel unbewußt.
Des Lebens Strudel reißt es fort,
Und immer hängt's an einem Ort,
Was es gewollt, was es verlor,
Es bleibt zuletzt sein eigner Tor.

Prüft das Geschick dich, weiß es wohl warum:
Es wünschte dich enthaltsam! Folge stumm!

Noch ist es Tag; da rühre sich der Mann!
Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.

        Was machst du an der Welt? Sie ist schon gemacht.
Der Herr der Schöpfung hat alles bedacht,
Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise,
Der Weg ist begonnen, vollende die Reise.
Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht,
Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.
        Wenn der Schwergedrückte klagt,
Hilfe, Hoffnung sei versagt,
Bleibet heilsam fort und fort
Immer noch ein freundlich Wort.

»Wie ungeschickt habt ihr euch benommen,
Da euch das Glück ins Haus gekommen!«
Das Mädchen hat's nicht übel genommen
Und ist noch ein paarmal wieder gekommen.

Mein Erbteil wie herrlich, weit und breit!
Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.

Gutes tu rein aus des Guten Liebe!
Das überliefre deinem Blut.
Und wenn's den Kindern nicht verbliebe,
Den Enkeln kommt es doch zu gut.

Enweri sagt's, ein Herrlichster der Männer,
Des tiefsten Herzens, höchsten Hauptes Kenner:
»Dir frommt an jedem Ort, zu jeder Zeit
Geradheit, Urteil und Verträglichkeit.«

Was klagst du über Feinde?
Sollten solche je werden Freunde,
Denen das Wesen, wie du bist,
Im stillen ein ewiger Vorwurf ist?

Dümmer ist nichts zu ertragen,
Als wenn Dumme sagen den Weisen,
Daß sie sich in großen Tagen
Sollten bescheidentlich erweisen.

Wenn Gott so schlechter Nachbar wäre,
Als ich bin und als du bist,
Wir hätten beide wenig Ehre;
Der läßt einen jeden, wie er ist.

Gestehts! die Dichter des Orients
Sind größer als wir des Occidents.
Worin wir sie aber völlig erreichen,
Das ist im Haß auf unsresgleichen.

Überall will jeder obenauf sein,
Wie's eben in der Welt so geht,
Jeder sollte freilich grob sein,
Aber nur in dem, was er versteht.

Verschon uns, Gott, mit deinem Grimme!
Zaunkönige gewinnen Stimme.

Will der Neid sich doch zerreißen,
Laß ihn seinen Hunger speisen.

Sich im Respekt zu erhalten,
Muß man recht borstig sein.
Alles jagt man mit Falken,
Nur nicht das wilde Schwein.

Was hilft's dem Pfaffenorden,
Der mir den Weg verrannt?
Was nicht gerade erfaßt worden,
Wird auch schief nicht erkannt.

Einen Helden mit Lust preisen und nennen
Wird jeder, der selbst als Kühner stritt.
Des Menschen Wert kann niemand erkennen,
Der nicht selbst Hitze und Kälte litt.

Gutes tu' rein aus des Guten Liebe!
Was du tust, verbleibt dir nicht;
Und wenn es auch dir verblieben
Bleibt es deinen Kindern nicht.

        Soll man dich nicht auf's schmählichste berauben,
Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben!
        Wie kommt's, daß man an jedem Orte
So viel Gutes, so viel Dummes hört?
Die Jüngsten wiederholen der Ältesten Worte
Und glauben, daß es ihnen angehört.

Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten!
Weise fallen in Unwissenheit,
Wenn sie mit Unwissenden streiten.

»Warum ist Wahrheit fern und weit?
Birgt sich hinab in tiefste Gründe?«
Niemand versteht zur rechten Zeit! –
Wenn man zur rechten Zeit verstünde,
So wäre Wahrheit nah und breit
Und wäre lieblich und gelinde.

Was willst du untersuchen,
Wohin die Milde fließt!
Ins Wasser wirf deine Kuchen;
Wer weiß, wer sie genießt!

Als ich einmal eine Spinne erschlagen,
Dacht ich, ob ich das wohl gesollt?
Hat Gott ihr doch wie mir gewollt
Einen Anteil an diesen Tagen!

»Dunkel ist die Nacht, bei Gott ist Licht.«
Warum hat er uns nicht auch so zugericht?

Welch eine bunte Gemeinde!
An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde.

Ihr nennt mich einen kargen Mann;
Gebt mir, was ich verprassen kann!

Soll ich dir die Gegend zeigen,
Mußt du erst das Dach besteigen.

Wer schweigt, hat wenig zu sorgen;
Der Mensch bleibt unter der Zunge verborgen.

Ein Herre mit zwei Gesind,
Er wird nicht wohl gepflegt.
Ein Haus, worin zwei Weiber sind,
Es wird nicht rein gefegt.

Ihr lieben Leute, bleibt dabei
Und sagt nur: »Autos epha!«
Was sagt ihr lange Mann und Weib?
Adam, so heißt's, und Eva!

Wofür ich Allah höchlich danke?
Daß er Leiden und Wissen getrennt.
Verzweifeln müßte jeder Kranke,
Das Übel kennend, wie der Arzt es kennt.

Närrisch, daß jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam »Gott ergeben« heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

Wer auf die Welt kommt, baut ein neues Haus,
Er geht und läßt es einem zweiten;
Der wird sich's anders zubereiten.
Und niemand baut es aus.

Wer in mein Haus tritt, der kann schelten,
Was ich ließ viele Jahre gelten;
Vor der Tür aber müßt er passen,
Wenn ich ihn nicht wollte gelten lassen.

Herr, laß dir gefallen
Dieses kleine Haus!
Größre kann man bauen,
Mehr kommt nicht heraus.

Du bist auf immer geborgen,
Das nimmt dir niemand wieder:
Zwei Freunde ohne Sorgen,
Weinbecher, Büchlein Lieder.

»Was brachte Lokman nicht hervor,
Den man den Garst'gen hieß!«
Die Süßigkeit liegt nicht im Rohr,
Der Zucker, der ist süß.

Herrlich ist der Orient
Übers Mittelmeer gedrungen;
Nur wer Hafis liebt und kennt,
Weiß, was Calderon gesungen.

»Was schmückst du die eine Hand denn nun
Weit mehr als ihr gebührte?«
Was sollte denn die Linke tun,
Wenn sie die Rechte nicht zierte?

Wenn man auch nach Mekka triebe
Christus' Esel, würd' er nicht
Dadurch besser abgericht,
Sondern stets ein Esel bliebe.

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

Schlägst du ihn aber mit Gewalt
In feste Form, er nimmt Gestalt.
Dergleichen Steine wirst du kennen.
Europäer Pisé sie nennen.

        Betrübt euch nicht, ihr guten Seelen!
Denn wer nicht fehlt, weiß wohl, wenn andre fehlen;
Allein wer fehlt, der ist erst recht daran,
Er weiß nun deutlich, wie sie wohl getan.
»Du hast gar vielen nicht gedankt,
Die dir so manches Gute gegeben!«
Darüber bin ich nicht erkrankt,
Ihre Gaben mir im Herzen leben.

Guten Ruf mußt du dir machen,
Unterscheiden wohl die Sachen;
Wer was weiter will, verdirbt.

        Die Flut der Leidenschaft, sie stürmt vergebens
Ans unbezwungne feste Land:
Sie wirft poetische Perlen an den Strand,
Und das ist schon Gewinn des Lebens.
Vertrauter
        Du hast so manche Bitte gewährt,
Und wenn sie dir auch schädlich war;
Der gute Mann da hat wenig begehrt,
Dabei hat es doch keine Gefahr.
Wesir
Der gute Mann hat wenig begehrt,
Und hätt ich's ihm sogleich gewährt,
Er auf der Stelle verloren war.
        Schlimm ist es, wie doch wohl geschieht,
Wenn Wahrheit sich nach dem Irrtum zieht.
Das ist auch manchmal ihr Behagen:
Wer wird so schöne Frau befragen?
Herr Irrtum, wollt er an Wahrheit sich schließen,
Das sollte Frau Wahrheit bald verdrießen.

Wisse, daß mir sehr mißfällt,
Wenn so viele singen und reden!
Wer treibt die Dichtkunst aus der Welt?

– Die Poeten!
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