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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Vom alten Haselstrauch.

Es war einmal ein alter Haselstrauch, der war sehr groß und stand am Eingange des Waldes. Die Kinder im Dorfe kannten ihn alle recht gut; denn so oft sie in den Wald gingen, kamen sie ja bei ihm vorüber. Seine Nüsse waren auch viel größer und süßer als die der übrigen Haseln und wuchsen gewöhnlich in großen Klumpen zu sechs und acht beieinander. Was aber das beste war, der alte Haselstrauch schien sich nicht daran zu kehren, ob es gerade ein Nußjahr sei oder nicht, sondern trug in jedem Jahre gleich gut und dazu in so reichlicher Fülle, daß fast für alle Kinder genug daran zu pflücken war. Darum war er denn auch allen ein lieber Freund, und manches Kind hatte wohl auch im stillen schon einmal darüber nachgedacht, was es mit dem alten Haselstrauche doch wohl eigentlich für eine Bewandtnis habe. Aber keiner wußte es; denn im ganzen Dorfe war kein Sonntagskind.

Der alte Haselstrauch war nämlich ein altes Schloß, welches dem Prinzen Haselquast gehörte, und worin dieser mit seiner Frau, der Prinzessin Haselblüte, schon viele Jahre gewohnt hatte. Sie war nur eine kleine, aber ganz allerliebste Dame und ging nie anders als in einem olivengrünen Atlasrock und einem Mieder vom köstlichsten Purpur gekleidet. Ihr Gemahl dagegen, der Prinz, war ein schlanker Ritter und trug einen goldgelben Panzer, aus unzähligen kleinen Schuppen kunstvoll zusammengesetzt. Sie lebten sehr glücklich mit einander und hatten viele Kinder, welche alle ihren Eltern aufs Haar ähnlich sahen, die kleinen Prinzen ganz ihrem Vater, und die kleinen Prinzessinnen, ganz ihrer Mutter. Damit die Kleinen nun auch in die Schule gehen und etwas lernen konnten, hielt der Vater eigens einen Hofmeister für sie, der war ein alter, lustiger Herr und hieß Haselfrosch. Er hatte eine besondere Vorliebe für die grüne Farbe und trug darum auch immer grüne Beinkleider und einen grasgrünen Frack. Seine Weste und Kravatte waren aber weiß, denn er hatte früher einmal studiert und war eigentlich Kandidat, und die Kandidaten tragen ja immer eine weiße Weste und Kravatte.

Der alte Herr Haselfrosch war ein leidenschaftlicher Jäger und ging darum auch gern einmal auf die Jagd. Auch konnte er sehr geschickt schwimmen und ganz wunderschön singen. Da er aber schon alt war, litt er etwas an der Gicht, und jedesmal, wenn es Unwetter werden wollte, konnte er es schon vorher in seinen Beinen fühlen. Anstatt dann aber zu jammern und zu klagen wie andere Leute, verbiß er sich den Schmerz und fing an zu singen, und dann sang er immer das hübsche Lied vom Regen:

»Regen, Regen rusch!
De König fahrt to Busch!«

Dann wußten auch schon immer der Prinz und die Prinzessin, daß es bald regnen würde. Die ihm anvertrauten Kinder liebte der alte Herr Haselfrosch, als wenn sie alle seine eignen wären. Darum ließ er sich es denn auch garnicht nehmen, sie jeden Abend, wenn sie zu Bette gebracht waren, in den Schlaf zu singen. Es gab aber doch eine Sorte von Kindern, auf welche der alte Herr es garnicht gut hatte, das waren die Kinder im Dorfe; und das kam daher:

Eines Tages war er auf der Jagd gewesen und hatte sich ein großes, schwarzes Rüsseltier geschossen. Es war aber kein wildes Schwein, sondern nur eine Fliege gewesen, und da sie ihm so prächtig geschmeckt hatte, war er ganz lustig geworden und hatte sich im Park des Schlosses in eine grüne Laube gesetzt und dort ein lustiges Jägerlied angestimmt. Es war gerade an einem Sonnabendnachmittag, dann halten ja überall die Lehrer keine Schule, und die Kinder des Dorfes wollten gerade in den Wald gehen, um dort zu spielen. Der alte Herr Haselfrosch hatte sie in seiner Freude gar nicht bemerkt, und als sie nun mit einem Male den Gesang hörten, fielen sie über den alten Haselbusch her und schrieen alle zusammen: ein Laubfrosch! – ein Laubfrosch! – Und nun ging es ans Suchen, die einen hier und die andern dort; und der eine von ihnen bekam ihn schon einmal zu sehen, gerade als er aus der Laube schlüpfen und sich in einer anderen, die etwas weiter entfernt lag, besser verstecken wollte; und er schlug mit seiner Mütze nach ihm; aber er schlug vorbei, und schnell war der alte Herr Haselfrosch wieder verschwunden. Gottlob! nun war er gerettet. Er hatte nämlich einen kühnen Satz getan und war in den Burggraben gesprungen, den die Kinder einfach einen Graben nannten und an welchen er in seiner Todesangst im ersten Augenblick noch garnicht gedacht hatte. Da schwamm er denn nun eine Strecke unter dem Wasser fort und versteckte sich im Grase, und als die Kinder endlich, des Suchens müde, wieder fortgegangen und schon im Walde verschwunden waren, fing er noch gräßlich an zu schimpfen und schrie immer:

Quack, quack! quack, quack!
Das Kinderpack!
Quack, quack! quack, quack!
Das Kinderpack!

Aber die Kinder hörten ihn nicht mehr, und als es draußen wieder sicher war, kroch er schnell ans Land und floh in mächtigen Sprüngen nach Hause, wo er nun von der großen Gefahr erzählte, in welcher er gewesen war, und wo der Prinz und die Prinzessin sich auch schon seinetwegen sehr geängstigt hatten und noch ganz entrüstet waren über all die Verwüstung, welche die wilden Buben und Mädchen mit ihren großen Füßen auf dem frischen Rasen des schattigen Schloßparks gemacht hatten. Aber es sollte später einmal ganz anders und noch viel schlimmer kommen.

Zuerst war die Nußzeit gewesen, und die Kinder des Dorfes hatten wieder in gewohnter Weise an dem alten Haselstrauch ihre Freude gehabt. Darauf war das liebe Weihnachtsfest gekommen, und der alte Nußknacker im Dorfe hatte kaum das Maul soweit aufreißen können, um all' die großen und prächtigen Nüsse entzweizuknacken. Nachher war es Winter geworden, ein langer, strenger Winter. Der Sturm hatte durch den Wald gesaust, und der Schnee hatte das Feld bedeckt, und es war bitterlich kalt gewesen. Aber die im Schlosse hatten sich garnicht so viel daraus gemacht, sondern sich in ihre warmen Zimmer zurückgezogen und an den kurzen Tagen und langen Nächten immer lange geschlafen und sich die übrige Zeit in gemütlicher Häuslichkeit mit allerlei Kurzweil vertrieben. Dazu hatte der alte Herr Haselfrosch von jeher ein besonderes Geschick gehabt. Er wußte auch ja so viele herrliche Lieder und war ein vortrefflicher Sänger. Ganz besonders freuten sich der Prinz und die Prinzessin, wenn er ihnen einmal das Lied vorsang von dem Königssohne, welcher die geraubte Prinzessin wieder aus dem Drachenschlosse befreit und nachher zur Frau bekommt. Dann wurde dem Prinzen Haselquastallemal das Herz klopfen und der Panzer zu enge, und die Prinzessin Haselblüte verbarg dann ihr rosiges Gesicht in das seine Spitzentuch, welches ihr die alte Spinne einmal für freies Obdach im Schlosse aus Dankbarkeit gewirkt hatte, und weinte vor Rührung. Die Kinder aber hörten am liebsten die Lieder aus seiner Studentenzeit und besonders das vom ledernen Fuchs, der da erzählen mußte, was der lederne Herr Papa und die lederne Frau Mama und die lederne Mamsell Sör machten, und der nachher Tabak rauchen mußte und das Rauchen nicht vertragen konnte und darauf jämmerlich anfing zu singen:

»O, o, wie wird mir weh!
O, o, wie wird mir weh!
O, o, wie wird mir ledern weh!«

Dann lachten sie alle laut auf und klatschten jubelnd in die Hände. Außerdem konnte der alte Herr Haselfrosch auch noch vortrefflich erzählen, Jagdabenteuer und Reisegeschichten. Er war ja auch ein geschickter Jäger und hatte zur Sommerzeit oft weite Reisen gemacht. Wenn er dann von den Gefahren erzählte, worin er gewesen war, kam er auch immer wieder, gerade so, wie es alte Leute gewöhnlich tun, auf die Geschichte zurück, die er im letzten Frühjahre unter d«n Kindern des Dorfes erlebt hatte und wie schlau und geschickt er ihnen entmischt war, und wie tüchtig er sie nachher auch ausgescholten habe:

»Quack, quack! quack, quack!
Das Kinderpack!«

So war ihnen der Winter vergangen, und nun war es wieder Frühling geworden.

Eben war der April mit einem sonnigen Tage ins Land gekommen. Der erste Storch war schon über das alte Schloß dahingeflogen, und durch die Fenster klangen die lustigen Frühlingslieder der Lerchen. Als die kleinen Prinzen und Prinzessinnen das merkten, wurde ihnen das Herz groß vor Luft und Sehnsucht und wehmütig guckten sie durch die dunklen grünen Scheiben in den goldenen Sonnenschein. Da sagte denn der Prinz zu seinem Hofmeister, – es war gerade an einem Sonntage und keine Schule: – Mein lieber Herr Haselfrosch, sagte er, die Sonne scheint so warm, und das Wetter ist so schön, und die lieben Kinder sind den ganzen Winter nicht aus dem Hause gekommen; wie wär's, wenn Sie heute einmal mit ihnen spazieren gingen? – Herr Haselfrosch antwortete: Mit Vergnügen, Durchlaucht! – denn auch er hatte etwas gemerkt und sehnte sich wieder ins Freie. Und die Kinder hüpften und jubelten vor Freuden um ihn herum und konnten sich kaum so lange gedulden, bis der Papa und die Mama sie alle gezählt und das eine nach dem andern warm angezogen und sonntäglich gekleidet hatten. Endlich war es geschehen. Der alte Hofmeister trug wieder wie immer seinen grünen Frack und die weiße Weste und Kravatte; die kleinen Prinzen aber gingen ganz wie ihr Vater im goldgelben Panzer, und die kleinen Prinzessinnen ganz wie ihre Mutter in einem olivengrünen Röckchen und einem Mieder von köstlichem Purpur. War nun aber der alte Haselbusch, – ich wollte sagen, der alte Schloßpark, – mit einem Male lebendig geworben! Da war auch keine Stelle, an der es nicht zu merken war, und alles wimmelte von Prinzen und Prinzessinnen. Und neugierig summte schon eine Fliege darüber hin, und der grüne Herr Hofmeister sah dann allemal mit klugen Augen hinterher, und der milde Tauwind wehte so lau, und die lieben Sonnenstrahlen taten so warm und mild, daß die lustige Gesellschaft der Kleinen und ihr alter Führer sich ganz darüber vergaßen und immer weiter und weiter in den Park hineinspazierten. Als nun auch noch die Lerchen wieder anfingen zu jubilieren, konnte sich's der alte lustige Hofmeister nicht länger erwehren, setzte sich mitten in den Sonnenschein, räusperte sich quack, quack! quack, quack! und fing an zu singen:

»Wie reizend, wie wonnig ist alles umher!«

O, hätte er es nimmer getan! es war sein Schwanenlied und der Grabgefang für alle!

Auf der Koppel am Walde spielten die Kinder des Dorfes, die Knaben und die Mädchen. Halt! rief da plötzlich einer, was war das?! – Der Laubfrosch! der Laubfrosch! Und die einen nach den andern nahmen ihre Pantoffel in die Hände und leise schlichen sie sich nun, wie Diebe in der Nacht, an den alten Haselstrauch heran. Der lustige Sänger aber merkte noch nichts; denn sie waren alle noch immer ganz leise, und der helle Sonnenschein hatte ihm auch die Augen geblendet, so daß er in dem Augenblick nicht recht sehen konnte. Ähnlich ging es auch den kleinen Prinzen und Prinzessinnen; sie hatten über den schönen Frühling und das herrliche Lied alles andere vergessen, und gerade, als der Hofmeister schon beim dritten Verse war:

»Der Birkenbusch wanket am flüsternden Hain,
Die Brombeer umranket das Felsengestein,
Die Bienen besummen die Matten entlang,
Die Frösche verstummen vorm Lerchengesang!« –

da verstummte auch er plötzlich, und – schwapps! – saß er unter der Mütze. Ein lautes Hurra! ertönte von allen Seiten, und quack, quack! war nur noch das einzige, was der arme Gefangene unter der schweren Mütze mit halberstickter Stimme hervorzuwürgen vermochte. Die kleinen Prinzen und Prinzessinnen, so mit einem Male ihres treuen Führers beraubt, konnten vor Entsetzen keinen Laut hervorbringen und hatten ganz den Kopf verloren. Da zappelte denn nun der arme Herr Haselfrosch in den Händen der bösen Buben, und sie freuten sich über seinen grasgrünen Rock und jubelten, daß sie ihn hatten, und die Mädchen kicherten: Sieh, sieh wie er die Beine streckt! Als er einmal ein wenig Luft mehr hatte, rief er noch, so laut er nur konnte:

»Quack, quack! quack, quack!
Das Kinderpack!«

um, wo möglich, noch die armen, schutzlosen Prinzen und Prinzessinnen zu warnen und zur eiligen Flucht anzutreiben. Aber auch das war umsonst; denn sie waren ja vor Schrecken ganz kopflos geworden, und die wilden Knaben und Mädchen hatten sie auch schon gesehen, die kleinen stattlichen Prinzen mit den goldgelben Schuppenkleidern und die kleinen niedlichen Prinzessinnen mit olivengrünen Seidenröckchen und pupurfarbigen Miedern. Hei! riefen nun die Knaben, wachsen hier aber herrliche Pfeifen! – und o! riefen wieder die Mädchen, was für prächtige Blüten! – und nun ging es ans Brechen und Schneiden, ohn' Erbarmen, von Zweig zu Zweig, bis die Knaben alle jeder eine lange Pfeife mit prächtigen, goldgelben Troddeln im Munde und die Mädchen jedes einen herrlichen Kranz voll lieblicher Purpurblüten im Haare hatten. O, wie die armen Kleinen nun jammerten und schrie'n! Aber die wilden Knaben und Mädchen konnten es nicht hören; denn es war ja kein Sonntagskind darunter. Der alte Herr Hofmeister aber hatte zu viel gekriegt; er sagte noch einmal quack! – holte tief Atem und war eine Leiche. – Und der alte Haselstrauch war wie eine erstürmte Burg. Alles geknickt, zerbrochen und zertreten; – und darinnen jammerten der Prinz und die Prinzessin um ihre geraubten Kinder und rangen in Verzweiflung die Hände.

Als nun der Frühling vorüber war und der Sommer zu Ende ging, trug der alte Haselstrauch zum erstenmale keine Nüsse. Und keiner wollte es glauben, und keiner konnte es begreifen; aber es war wirklich so. Sie konnten ihn nur nicht verstehen. Da standen denn nun die Kinder des Dorfes und ließen ihre Ohren hängen und wurden ganz still und schlichen sich, wie sie gekommen waren, mit leeren Taschen nach Hause. Der Prinz aber und die Prinzessin waren aus Gram gestorben, und ihr Schloß, der alte Haselstrauch, glich einer verfallenen Ruine.

Er vermochte sich auch nicht wieder zu erholen. Nur hier und da grünten noch im nächsten Sommer seine halberstorbenen Zweige, und es war deutlich zu sehen, daß es auch mit ihm zu Ende ging.

Jetzt ist er schon lange ausgerodet. Damals aber, als er noch am Leben, obgleich schon im Sterben war, fragte ich ihn einst, was ihm fehle, und da hat er mir wehmütig seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Ich aber habe ihn verstanden; denn – ich bin ein Sonntagskind!

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