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Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth

Wilhelmine von Bayreuth: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth - Kapitel 13
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authorWilhelmine von Bayreuth
titleMemoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
publisherIm Insel-Verlag
printrun9. bis 13. Tausend
year1923
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Zweiter Teil

Die Markgräfin von Bayreuth 1732-1742

Mit dem Beginn des Jahres 1732 begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich fühlte mich schon seit einiger Zeit sehr unpaß; die Gründe hierfür schienen mir in meiner fortgesetzten inneren Aufregung zu liegen infolge all der Leiden, die mich betroffen hatten. Ich wollte meine Andacht verrichten; aber in der Kirche überfiel mich eine Ohnmacht, die mehrere Stunden andauerte. Als ich daraus erwachte, lag ich im Bett, von der Königin und einer Menge von Leuten umringt, die mir beistehen wollten. Der Arzt erklärte, daß ich guter Hoffnung sei. Ich wurde vielfach geneckt, doch gab ich nicht darauf acht, denn mir war zu übel; an diesem Tage befielen mich noch mehrere Schwächen, so daß ich liegen bleiben mußte. Die Königin ließ mir tags darauf sagen, daß sie den Dreikönigsabend bei mir feiern wolle. Er wurde recht melancholisch begangen; die, welche daran teilnahmen, schienen betrübt, mich zu verlieren, und alle hatten Tränen in den Augen. Ich nahm zärtlichen Abschied von der Markgräfin Philipp; meine Heirat hatte unserer Freundschaft keinen Abbruch getan, und es fiel mir schwer, mich von meinen Freundinnen zu trennen.

Am folgenden Tage (7. Januar) begaben wir uns nach Potsdam. Der König empfing mich mit offenen Armen. Die Hoffnung, in Bälde Großvater zu werden, versetzte ihn in namenlosen Jubel; er überhäufte mich mit Liebkosungen und Aufmerksamkeiten. Ich benützte diese freundliche Gesinnung, um mir eine Gnade auszubitten. Fräulein von Sonsfeld hatte drei Nichten, Töchter des Generals von Marwitz, die sie erziehen ließ, da ihre Schwester gestorben war. Diese drei Mädchen, das älteste war vierzehn Jahre, waren Erbinnen eines beträchtlichen Vermögens. Ihre Tante wünschte die älteste mit nach Bayreuth zu nehmen, um sie auszubilden; doch wagte sie es nicht, diesen Plan auszuführen, ohne vorher die ausdrückliche Erlaubnis des Königs erhalten zu haben. Denn dieser hatte verboten, daß reiche Mädchen sich außer Landes begaben, bei Verlust aller ihrer Güter. Der König willfahrte meiner Bitte unter der Bedingung, daß ich ihm mein Ehrenwort gebe, sie nicht außerhalb seines Landes zu verheiraten, was ich ihm versprach.Da diese Bedingung sich in der Folge als verhängnisvoll herausstellte, bitte ich den Leser, darauf zu achten.

Am Tage meiner Abreise, die auf den 11. Januar festgesetzt war, beschloß ich, einen letzten Versuch zu wagen, den König für mich umzustimmen. Es gelang mir, allein mit ihm zu sprechen und ihm mein Herz zu eröffnen. Ich berief mich auf mein bisheriges Verhalten, ohne die Königin bloßzustellen; indem ich ihm in den lebhaftesten Farben den Kummer ausmalte, den seine Ungnade mir verursacht hatte, schilderte ich ihm in schlichten Worten meine gegenwärtige Lage und bat ihn flehentlich bei allem, was ihm heilig war, mich nicht zu verlassen und mir seinen Schutz und seine Liebe zu gewähren. Meine Rede verfehlte ihre Wirkung nicht; er brach in Tränen aus und konnte mir vor Schluchzen nichts erwidern; er gab mir seine Gefühle durch seine Umarmungen kund. »Es ist mir äußerst schmerzlich,« brach er endlich hervor, »Sie nicht früher erkannt zu haben; man hatte mir ein so abschreckendes Bild von Ihnen entworfen, daß ich Sie ebenso haßte, wie ich Sie jetzt liebe. Hätte ich mich gleich an Sie gewendet, so wäre mir wie Ihnen viel Kummer erspart geblieben; allein man hielt mich davon ab, indem man mir versicherte, Sie seien böser als der Teufel und würden mich nur zu Exzessen treiben, die ich lieber vermeiden wollte. Ihre Mutter mit ihren Intrigen trägt zum Teil schuld an dem Unglück der Familie; von allen Seiten bin ich betrogen und hinters Licht geführt worden, allein meine Hände sind gebunden, und so schwer es mir ums Herz ist, muß ich all die Untaten ungestraft lassen.« Ich ergriff die Partei der Königin und hielt ihm vor, wie gut ihre Absichten gewesen seien; ihre Liebe zu meinem Bruder und mir habe sie einzig so zu handeln vermocht, ihr dürfe er nichts nachtragen. »Ergründen wir es nicht länger,» sagte er; »vorbei ist vorbei, und ich will trachten, es zu vergessen. Was Sie angeht, meine liebe Tochter, so dürfen Sie versichert sein, daß Sie mir mehr als alle andern am Herzen liegen und daß mein Versprechen, Sie vor meinen andern Kindern zu bevorzugen, mir heilig sein soll; fahren Sie fort, mir zu vertrauen, und rechnen Sie stets auf meine Hilfe und meinen Beistand. Ich kann es nicht über das Herz bringen, Abschied von Ihnen zu nehmen; umarmen Sie Ihren Gatten von mir, ich bin zu bewegt, um ihn zu sehen.» Er schied mit Tränen von mir. Ich meinerseits zog mich schluchzend zurück und begab mich zur Königin. Der Abschied von ihr war nicht so herzlich wie der des Königs; trotz meiner kindlichen Liebesbezeigungen blieb sie eiskalt, ohne jede Rührung noch Zärtlichkeit. Der Herzog von Holstein geleitete mich zum Wagen, den ich mit dem Prinzen und Fräulein von Sonsfeld bestieg.

Ich kam an diesem Abend glücklich bis nach Klosterzinna, wo unser erstes Nachtlager vorgesehen war. Der zweite Tag meiner Reise war nicht so glücklich wie der erste. Der Wagen fiel nach meiner Seite um; zwei geladene Pistolen und zwei Koffer, die man, ich weiß nicht warum, mit eingeladen hatte, fielen auf mich herab, ohne mich zu verletzen. Fräulein von Sonsfeld hielt mich für tot; ihr Schreck war so groß, daß sie wie von Sinnen fortwährend die Worte rief: »Herr Jesus, erbarme dich unser!« Ich dachte, sie sei verletzt, was mich ängstlicher machte als mein Sturz, und erkundigte mich. »Ach nein,« sagte sie, »meine Besorgnis gilt Ihnen allein.« Der Erbprinz war tödlich erschrocken aus dem Wagen gesprungen; er wagte nicht, mich zu fragen, ob mir ein Leid geschehen sei. Diese Szene erschien mir komisch; denn ich lag wie ein Maulesel mit allem Gepäck beladen, das im Wagen war, und konnte davon nur mit Mühe befreit werden. Der Markgraf trug mich auf ein beschneites Feld. Durch die barbarische Kälte begannen meine Schuhe anzufrieren, und ich war nahe daran, wie die Frau des Lot zur Eisstatue zu werden, hätte mein Gefolge mich nicht aus meiner Lage befreit. Meine Damen weinten und lamentierten, weil sie sicher glaubten, mein Unfall würde eine Fehlgeburt nach sich ziehen. Man reichte mir allerlei Essenzen und wollte mir Medikamente eingeben, die aber so bitter schmeckten, daß ich sie nicht nehmen wollte. Endlich hatte man den Wagen wieder aufgerichtet, und ich setzte meine Reise fort.

Herr von Borstell, Geheimrat des Königs, begleitete mich und sollte in Bayreuth als Gesandter des preußischen Hofes bleiben. Er wandte sich an meine Hofmeisterin und trug ihr auf, mir zu sagen, ich möchte, obwohl ich nicht verletzt sei, vorsichtshalber meine Reise auf einige Tage unterbrechen, um allen üblen Folgen meines Sturzes vorzubeugen. Fräulein von Sonsfeld und Herr von Voigt stimmten ihm bei. Sie machten dem Prinzen die Hölle so heiß, daß die Weiterfahrt bis nach Leipzig alles war, was ich tags darauf erreichte. Ich wollte mich dort unterhalten. Die Messe, eine der berühmtesten in Deutschland, wurde gerade abgehalten. Da fanden sich viele Fremde in dieser Stadt ein, und auch der Hof zu Dresden kam regelmäßig hin.

In Leipzig legte ich mich des Dekorums halber fürs erste zu Bett, erkundigte mich aber sofort, ob viele Fremde zugegen seien. Doch wie enttäuscht war ich, zu hören, daß die Messe bereits beendet sei und der Hof sowie die Fremden tags zuvor Leipzig verlassen hatten. Statt mich zu vergnügen, verbrachte ich die zwei Tage, die ich mich aufhalten mußte, in grausamer Langeweile. Der Ansprachen und Zeremonien müde, setzte ich endlich meine Reise fort. Sie verlief aufs beste, den Schrecken ausgenommen, den die Felsen und Schluchten in mir hervorriefen; die Wege waren grauenhaft. Trotz der furchtbaren Kälte ging ich lieber, als daß ich mich schütteln ließ.

Endlich erreichte ich Hof, die erste Stadt auf Bayreuther Gebiet. Ich wurde unter Kanonendonner feierlich empfangen. Die Bürgerschaft in Waffen bildete bis zum Schlosse Spalier. Der Hofmarschall von Reitzenstein mit einigen Herren des Hofes und dem ganzen Adel der Umgegend erwarteten mich vor der Treppe (wenn man eine hölzerne Leiter so nennen darf) und führten mich in meine Gemächer. Herr von Reitzenstein beglückwünschte mich im Auftrag des Markgrafen zu meiner Ankunft in seinem Lande. Dann mußte ich eine lange Ansprache von seiten des Adels über mich ergehen lassen. Herr von Voigt hatte mich sehr gebeten, diesen Leuten zuvorkommend zu begegnen. Das Haus Österreich hat bekanntlich dem Adel gewisse Privilegien auf Kosten der Fürsten bewilligt; Privilegien, die ganz ungerechtfertigt sind und nur den Zweck haben, das Ansehen der Monarchen herabzudrücken. Diese haben sie infolgedessen nie anerkennen wollen; jeder reichsunmittelbare Freiherr besteht darauf, auf seinem Besitztum ebensosehr als Herrscher aufzutreten wie der Fürst, dessen Lehnsmann er ist, was zu unaufhörlichen Streitigkeiten und Reibereien Anlaß gibt. Der Adel des Vogtlandes hatte sich mit dem der andern Kreise entzweit. Der Markgraf benutzte die Gelegenheit, um diese Vorrechte ungefähr bis auf die seines übrigen Adels zu beschränken; er war aber damit noch nicht zufrieden, sondern hatte kurz vor meiner Verheiratung getrachtet, den Bevorzugten auch noch die wenigen Privilegien zu nehmen, die er ihnen gelassen hatte. Diese Herren ließen es sich nicht gefallen und empörten sich, so daß es zu einem unheilvollen Aufstand gekommen wäre, hätte man die Gemüter nicht beruhigt. Herr von Voigt, der aus einem vornehmen, reichsunmittelbaren Hause eines andern Kreises stammte und keinen Grundbesitz in der Markgrafschaft hatte, machte dem Fürsten begreiflich, daß man die Leute auf gütlichem Wege und mittels Höflichkeiten wiedergewinnen müsse. Sie waren alle von edlem Geschlecht und manche sehr reich. Daraus konnte man wohl schließen, daß sie entsprechende Manieren hatten – wie sehr fand ich mich aber enttäuscht! Ich sah deren ungefähr dreißig, wovon die meisten Reitzenstein hießen. Sie sahen alle aus wie der Knecht Ruprecht; statt der Perücken ließen sie ihre Haare tief ins Gesicht hinein fallen, und Läuse von ebenso alter Herkunft wie sie selbst hatten in diesen Strähnen seit undenklichen Zeiten ihren Wohnsitz aufgeschlagen; ihre sonderbaren Figuren waren mit Gewändern behangen, deren Alter hinter dem der Läuse nicht zurückstand. Es waren Erbstücke ihrer Ahnen und vom Vater auf den Sohn übergegangen; die meisten waren dem Maß ihrer Ahnen zugeschnitten worden, und das Gold war so abgenutzt, daß man es nicht mehr erkennen konnte; dennoch waren dies ihre Galakleider, und sie dünkten sich in diesen antiken Lumpen zum mindesten ebenso imposant wie der Kaiser in der Tracht Karls des Großen. Ihre groben Manieren standen mit ihrem Äußeren vollkommen im Einklang; man hätte sie für Bauernlümmel halten können. Zum Übermaß waren die meisten auch noch dazu krätzig. Ich hatte große Mühe, ihnen nicht ins Gesicht zu lachen. Es war noch nicht alles. Einen Augenblick später wurden mir andere Geschöpfe vorgestellt; es war die Geistlichkeit, deren Ansprache wiederum vernommen werden mußte. Diese trugen Halskrausen, die sich wie Waschkörbe ausnahmen, so groß waren sie. Ihr Wortführer näselte und sprach so langsam, daß ich das Ende nicht mehr zu erleben glaubte. Endlich machte ich mich von dieser Arche Noah los und ging zu Tische, woselbst die Spitzen des Adels als Geladene erschienen. Ich wählte verschiedene unverfängliche Themen, um diese Stockfische zum Reden zu bringen, doch ein Ja oder ein Nein war alles, was ich erzielte; endlich verfiel ich auf die Landwirtschaft. Das Wort allein entwölkte ihren Geist; ich erfuhr im Nu alles, was ihr Hauswesen betraf, mit allem, was damit zusammenhing. Es entstand sogar ein für sie sehr geistreicher und interessanter Streit. Die einen behaupteten, das Rindvieh der Flachländer sei schöner und einträglicher als das der Gebirgsgegenden, einige andere Schöngeister bestritten dies. Ich sagte kein Wort dazu und wollte schier einschlafen vor Langeweile, als man mir im Auftrag des Herrn von Voigt meldete, daß ich mit einem großen Glase die Gesundheit des Markgrafen zuerst ausbringen müsse. Man reichte mir ein so umfängliches Trinkgeschirr, daß ich meinen Kopf hätte hineinstecken können; dabei war es so schwer, daß es mir fast entfallen wäre. Der Hofmarschall trank dafür auf meine Gesundheit und ließ den König, die Königin und endlich meine sämtlichen Geschwister leben. Ich war erschöpft von all den Komplimenten und sah mich plötzlich in der Gesellschaft von vierunddreißig Betrunkenen, die sich kaum aufrecht halten konnten. Hundemüde und namenlos angewidert von all diesen greulichen Gesichtern, erhob ich mich und zog mich, von diesem ersten Auftreten sehr wenig erbaut, endlich zurück. Zum Unglück mußte ich noch hören, daß ich auch den folgenden Tag in Hof bleiben müsse, da es nicht schicklich sei, am Sonntag zu reisen. Man traktierte mich mit einer Predigt, die dem festlichen vorhergehenden Tage trefflich entsprach. Der Pastor schilderte uns im Detail mit kritischen und anstößigen Worten die Geschichte aller Heiraten, die seit Adam und Eva bis auf unsere Zeit geschlossen worden, und ließ sichs angelegen sein, die Tatsachen genau zu präzisieren, so daß die Männer lachen und wir vor Scham erröten mußten. Das Bankett glich dem des vorigen Tages. Nachmittags ward mir ein neues Fest bereitet, nämlich der Empfang der weiblichen Hofgesellschaft, die ich noch nicht gesehen hatte, der keuschen Gattinnen der Herren des Adels. Sie paßten gut zu ihren lieben Männern. Man stelle sich Ungeheuer mit Lockenfrisuren oder besser Schwalbennestern vor, denn sie trugen falsches, von Schmutz und Ungeziefer überzogenes Haar. Ihre Kleidung war ebenso altertümlich wie die ihrer Ehegatten; fünfzig Bandschleifen in allen Farben erhöhten noch den Glanz; und das Ganze war von linkischen und oftmals ausgeführten Verbeugungen begleitet. Ich sah nie etwas Komischeres. Einige dieser Vogelscheuchen waren bei Hofe gewesen; diese waren tonangebend, spielten die Pariser Modedamen, gaben sich ein geziertes Wesen, und die andern ahmten ihnen dann nach Kräften nach. Dazu die Art, wie sie uns beobachteten; es läßt sich nichts Lächerlicheres und Groteskeres denken.

Ich reiste am nächsten Tage endlich ab und kam bis nach Gefrees, wo der Markgraf meiner harrte. Er empfing mich in einer Schenke. Um mich über die schlechte Herberge zu trösten, versicherte er mir, Kaiser Joseph habe einmal darin übernachtet. Er zeigte sich höchst aufmerksam und überhäufte den Prinzen und mich mit Liebenswürdigkeiten. Nach dem Souper geleitete er mich in mein Schlafzimmer, wo er zwei Stunden lang stehend mit mir sprach. Es war die ganze Zeit von Telemach die Rede und von Amelot de Houssayes Römischer Geschichte, die zwei einzigen Bücher, die er gelesen hatte; auch kannte er sie auswendig wie die Priester ihr Brevier. Der gute Fürst besaß nicht gerade die Gabe der Beredsamkeit; seine Argumente erinnerten an die alten Predigten, die man einem zum Einschlafen zu lesen gibt. Meine Schwangerschaft fing an, mir viel Beschwerden zu verursachen. Es wurde mir übel, und ich wäre der Länge nach hingefallen, hätte der Prinz mich nicht gestützt. Ich verfiel in eine tiefe Ohnmacht, die mehrere Stunden andauerte. Obwohl ich noch sehr unpaß war, fuhr ich tags darauf nach Bayreuth, das nur einige Meilen entfernt lag.

Ich kam am 22. Januar um sechs Uhr abends endlich dort an. Man ist vielleicht neugierig, etwas von meinem Einzug zu erfahren. Vor den Toren der Stadt richtete also im Auftrag des Markgrafen Herr von Dobeneck, Oberfinanzrat von Bayreuth, eine Ansprache an mich. Er war baumlang, ganz aus einem Guß, tat sich auf sein geläutertes Deutsch viel zugute, deklamierte nach Art der deutschen Komödianten, war aber im übrigen ein sehr guter und ehrenhafter Mensch. Wir hielten dann unter dreifachem Kanonendonner unsern Einzug. Der Wagen, in dem die Herren saßen, fuhr voran; dann folgte der meinige, sechs Schindmähren von der Post bildeten dessen Gespann; dann meine Damen, dann die Kammerdiener und endlich sechs oder sieben Gepäckwagen, die den Zug beschlossen. Ich war etwas pikiert über diesen Empfang, ließ mir aber nichts merken. Der Markgraf und seine Töchter, die zwei Prinzessinnen, empfingen mich mit ihrem Hofstaat vor der Treppe. Er geleitete mich alsbald in meine Gemächer.

Sie waren so schön, daß ich einen Augenblick bei ihnen verweilen muß. Es führte ein langer, mit Spinnweben überzogener Korridor hin, der so schmutzig war, daß es einem ganz übel wurde. Ich trat in ein großes Zimmer, dessen Decke, obwohl sie altfränkisch war, die Hauptzierde bildete; die oberen Wandfriese mußten einmal, glaube ich, sehr schön gewesen sein, aber sie waren jetzt so alt und verblichen, daß man nur mit Hilfe des Mikroskopes klug daraus werden konnte; die Figuren waren in Lebensgröße und die Gesichter so löcherig und verwischt, daß sie Gespenstern ähnlich sahen. Das Nebenkabinett war mit schmutzigem Brokat ausgeschlagen; dann kam ein zweites, dessen durchstochene grüne Damastmöbel von prächtiger Wirkung waren; ich sage durchstochen, denn sie waren zerfetzt, die Leinwand kam überall zum Vorschein. Ich betrat mein Schlafzimmer, ganz aus grünem Damast mit Adlern aus verblichenem Gold. Mein Bett war so schön und so neu, daß es nach vierzehn Tagen keine Vorhänge mehr hatte, denn sie waren ganz zerschlissen. Diese Pracht war ich nicht gewohnt, und ich war aufs höchste überrascht. Der Markgraf ließ einen Stuhl für mich herbeirücken; wir setzten uns alle, um uns zu unterhalten, wobei Telemach und Amelot nicht vergessen wurden. Man stellte mir alsdann die Herren des Hofes und die Fremden vor; sie waren folgender Art – ich fange bei dem Markgrafen an.

Georg Friedrich Karl von Brandenburg(-Kulmbach)-Bayreuth, Wilhelmines Schwiegervater

Dieser Fürst zählte damals dreiundvierzig Jahre und war weder schön noch häßlich zu nennen; sein falscher Gesichtsausdruck hatte nichts Einnehmendes, und man kann ihn als nichtssagend bezeichnen; er war außerordentlich mager und krummbeinig; es fehlte ihm jegliche Grazie und Würde, so sehr er sie auch anstrebte; mit seinem kränklichen Körper verband er einen sehr beschränkten Geist und wußte es so wenig, daß er sich für sehr talentvoll hielt; er war sehr höflich, doch ohne jenes gefällige Wesen, das der Höflichkeit erst ihren Reiz verleiht; durchsetzt mit Eigenliebe, sprach er stets von seinem Gerechtigkeitssinn und seiner großen Herrschergabe; er wollte für energisch gelten, war aber statt dessen sehr schüchtern und schwach; er war falsch, eifersüchtig und argwöhnisch; der letzte Fehler war bei ihm einigermaßen entschuldbar, denn er hatte sich ihn nur dadurch zugezogen, daß er fortwährend von Leuten betrogen wurde, denen er sein Vertrauen geschenkt hatte; es ging ihm jede Fähigkeit für Staatsgeschäfte ab: »Telemach« und »Amelot« hatten ihm den Kopf verdreht, er entnahm ihnen diejenigen Grundsätze, die zu seinem Charakter und seinen Leidenschaften paßten; sein Wesen war teils hochfahrend, teils würdelos; bald stellte er sich dem Kaiser gleich und führte lächerliche Etiketten ein, die nicht am Platze waren, und andernteils vergaß er manchmal ganz, was er seinem Range schuldig war; er war weder geizig noch freigebig und gab nie, ohne daran gemahnt zu werden. Sein Hauptfehler war seine Trunksucht, denn er trank von morgens bis abends, was seinen Geist sehr schwächen half. Ich glaube, daß er im Grunde nicht böse war. Durch seine volkstümliche Art hatte er die Liebe seiner Untertanen gewonnen; trotz seines geringen Verstandes hatte er einen sehr scharfen Blick und kannte die Leute seines Ministeriums wie seines Hofstaates sehr gründlich. Dieser Fürst hielt sich für einen Physiognomen und glaubte in den Gesichtszügen den Charakter der ihn Umgebenden lesen zu können. Es standen auch ein paar Schurken in seinem Dienste, die er sich als Spione hielt und die ihn durch ihre verlogenen Berichte zu ungerechten Handlungen veranlaßten; ich sollte unter ihren Verleumdungen oft zu leiden haben.

Prinzessin Charlotte, seine älteste Tochter, durfte für eine vollendete Schönheit gelten; allein sie war nur eine schöne Statue, da sie ganz einfältig, ja manchmal sogar etwas närrisch war.

Die zweite, Wilhelmine, war groß und schön gewachsen, aber nicht hübsch; dafür besaß sie Geist; sie war der Liebling ihres Vaters, den sie bis zu meiner Ankunft gänzlich beherrscht hatte; sie war eine große Intrigantin, dabei von unerträglichem Hochmut, namenlos falsch und sehr kokett. Diese Fehler legte sie nach ihrer Verheiratung gänzlich ab, und ich kann sagen, daß sie gegenwärtig ebensoviel gute Eigenschaften besitzt, als sie früher deren schlechte besaß.

Frau von Gravenreuther, ihre Hofmeisterin, war eine gute Landpomeranze, die ihr nur als Gesellschafterin diente.

Baron Stein, der erste Minister, ist aus sehr großem und vornehmem Hause; er hat Manieren und ist weltgewandt; ein äußerst ehrenwerter Mann, doch nicht eben sonderlich klug; er gehört zu jenen Leuten, die zu allem ja sagen und nicht weiter als ihre Nase sehen.

Herr von Voigt, mein Oberhofmeister, aus ebenso vornehmem Hause, ist zweiter Minister. Er ist viel gereist, hat Bildung und Schliff; er ist von ziemlich angenehmem Verkehr und dabei rechtschaffen, aber sein Hochmut und sein unleidiger Ton machten ihn verhaßt; seine Herrschsucht verleitete ihn zu groben Taktlosigkeiten; sein Mangel an Mut und seine Furchtsamkeit hatten ihm den Spitznamen des Schwierigkeitenpatrons zugezogen. In der Tat witterte er überall Gefahren und war immer wegen nichts und wieder nichts besorgt. Herr von Fischer, gleichfalls Minister, hatte sich als ein Bürgerlicher allmählich so weit hinaufgearbeitet. Er war wie die Leute seiner Art, die, wenn sie zu Ehren gelangt sind, gewöhnlich ihre niedere Herkunft vergessen: er spielte den großen Herrn. Sein intriganter, geschäftiger und ehrgeiziger Sinn richtete nur Schaden an; er genoß damals das Vertrauen des Markgrafen. Es hatte ihn sehr erbittert, daß er bei meiner Heirat gänzlich unbeteiligt geblieben war und statt seiner Herr von Voigt, dessen geschworener Feind er war, mitgewirkt hatte, so daß er seinen ganzen Haß gegen den Prinzen und mich richtete, was wir noch bitter empfinden sollten.

Herr von Corff, der Oberstallmeister, durfte mit Recht für den größten Tölpel seines Jahrhunderts gelten; er war ein Narr und bildete sich ein, geistreich zu sein; er war, was man sich gemeinhin unter einem bösartigen Narren vorstellt, denn er war ein Spion und Intrigant.

Der Hofjägermeister von Gleichen ist ein guter und ehrenhafter Mann, dem nur sein Beruf im Sinne liegt. Seine ostgotische Physiognomie trägt den Stempel seines Schicksals; die Hörner des Aktäon passen zu seinem Amte; er trägt sie in Geduld, da er sich entschloß, sich von seiner Frau, die sie ihm aufgesetzt hatte, zu trennen, so daß er sie instand setzte, ihren Liebhaber zu heiraten. Ich habe diese Dame oft in Begleitung ihrer beiden Gatten gesehen; der erste ist noch am Leben, der andere, Herr von Berghofer, ist tot.

Der Oberst von Reitzenstein ist ein sehr böser Mensch, voller Laster und ohne Tugenden; er steht nicht mehr im Dienst.

Herr von Wittingenhof war die Kopie des vorigen. Die andern übergehe ich mit Stillschweigen, da ich diese hier nur erwähnte, weil sie eine Rolle in diesen Memoiren spielen.

Ich war von diesem Hofe sehr wenig erbaut, und noch weniger von der schlechten Kost, die wir an diesem Abend vorfanden; es gab ganz verteufelte Ragouts, mit saurem Wein, dicken Rosinen und Zwiebeln zubereitet. Zu Ende der Mahlzeit wurde mir übel, und ich war genötigt, mich zurückzuziehen. Man hatte nicht die geringste Aufmerksamkeit für mich gehabt: meine Gemächer waren nicht geheizt worden, die Fenster waren zerbrochen, was eine unerträgliche Kälte verursachte. Die ganze Nacht hindurch fühlte ich mich sterbenskrank, und ich verbrachte sie in Schmerzen und traurigen Betrachtungen über meine Lage. Ich befand mich in einer neuen Welt mit Leuten, die Dorfbewohnern ähnlicher sahen denn Höflingen; die Armut herrschte überall. Soviel ich mich auch nach jenen Reichtümern umsah, von denen ich so viel gehört hatte, nirgends merkte ich eine Spur davon. Der Prinz suchte mich zu trösten; ich liebte ihn leidenschaftlich; die Gleichheit der Gemütsart und der Charaktere ist ein starkes Band; in uns war sie vorhanden, und es war die einzige Linderung inmitten meiner Leiden.

Tags darauf hielt ich Cercle. Ich fand die Damen ebenso unangenehm wie die Herren. Die Baronin Stein wollte meiner Hofmeisterin den Vorrang streitig machen. Ich bat den Markgrafen, nach dem rechten zu sehen. Er versprach es wohl, rührte sich aber nicht.

Tags darauf war Galatafel. Es fanden damals deren viele statt; ich will nur diese hier beschreiben. Der Klang der Pauken und Trompeten erscholl dreimal, erst um elf Uhr, dann um elfeinhalb Uhr, und endlich um zwölf. Beim dritten Signal begab sich der Prinz mit dem ganzen Hofstaat zu meinem Schwiegervater, den er zu mir führte. Alles war in recht sauberem Galaanzug. Herr von Reitzenstein meldete uns, daß aufgetragen sei; er schritt mit seinem Marschallstab voran. Der Markgraf reichte mir die Hand und führte mich in den großen Saal, der mit demselben schmutzfarbenen Brokat behangen war wie mein Kabinett. Der Tisch mit zwanzig Gedecken war auf eine Estrade unter dem Thronhimmel gestellt; die Wache umringte ihn; der übrige Hofstaat blieb hinter uns stehen, bis der erste Gang abgetragen war. Nur meine Hofmeisterin speiste mit uns. Man ließ mehr als dreißig Leute beim Klang der Pauken, Trompeten und Kanonen leben. Diese unerträgliche Zeremonie währte drei Stunden, die mir wie Ewigkeiten schienen, da ich mich sterbenskrank fühlte. Ich fiel fortwährend in Ohnmacht und konnte weder essen noch trinken.

Der Markgraf gab mir noch mehrere Feste, die ich infolge meines Befindens nicht genießen konnte; ich war nicht einmal mehr imstande, zu Tisch zu gehen. Meine Hofmeisterin leistete mir Gesellschaft und aß verstohlen, um mir das Mißbehagen zu ersparen, das mir der Anblick der Speisen verursachte. Dafür war ich den ganzen Nachmittag durch die Gegenwart des Markgrafen geplagt, die mich störte und mir sehr beschwerlich fiel. Man sagte ihm endlich, es ginge mir so schlecht, daß eine Fehlgeburt zu befürchten sei, da er mich durch seine Besuche in meinen Bequemlichkeiten behindere. Ich war sonst sehr zufrieden mit ihm und sah einem friedlichen Leben entgegen. Ich machte die Rechnung ohne den Wirt. Mein Leidensweg war noch nicht zu Ende.

Die Prinzessin Wilhelmine und Herr von Fischer waren über den Einfluß, den ich über den Markgrafen gewann, äußerst bestürzt und störten unsere schöne Eintracht. Ich war töricht genug, den ersten Anlaß zu geben. Ich will meine Eigenliebe nicht schonen und meine Fehler offen eingestehen. Herr von Voigt hatte seinen Oberhofmeisterposten durch die Vermittlung des Königs erlangt. Der Markgraf merkte voll Argwohn und Eifersucht, daß er dem Prinzen und mir anhänglich wurde, und faßte eine heftige Abneigung gegen ihn, die er aber so gut zu verbergen wußte, daß niemand außer Herrn Fischer ihrer gewahr wurde. Dieser, ein geschworener Feind Voigts und sein Nebenbuhler in der Gunst dieses Fürsten, ließ die Gelegenheit nicht unbenutzt, ihn noch mehr gegen Voigt aufzuhetzen. Er sagte ihm, daß Herr von Voigt, als dem reichsunmittelbaren Adel angehörig, nicht ermangeln würde, den Erbprinzen für seine Kaste zu gewinnen. Dies könne zu bedauerlichen Folgen führen, denn der Adel des Vogtlandes, der sehr unzufrieden wäre, könne sich zusammentun und ihn zwingen, zugunsten seines Sohnes abzudanken; der König würde aller Wahrscheinlichkeit nach offen zu diesem halten. Zudem seien die Interessen des Prinzen so eng mit denen des Kaisers verflochten, daß dieser unzweifelhaft im Einverständnis mit dem König handeln würde, um den Markgrafen zu nötigen, gleich dem König Viktor Amadäus von Sardinien abzudanken. Dieses widrige Gewäsch des Herrn Fischer tat seine Wirkung. Der Markgraf überlegte nicht, wie haltlos seine Folgerungen waren. Es steht dem Kaiser nicht zu, einen souveränen Fürsten zu zwingen, sich der Krone zu entäußern, nicht einmal, ihn ohne die Zustimmung der deutschen Reichsfürsten in Acht zu erklären. Dieser selbe Fischer war es auch, der meinen Einzug in Bayreuth inszeniert und dem Fürsten geraten hatte, uns zu demütigen, damit wir ihm nicht über den Kopf wüchsen. Ich zeigte mich dem Markgrafen gegenüber so unendlich aufmerksam, daß er noch schwankte, übrigens hatte er bei seinen unvorhergesehenen Besuchen Herrn von Voigt nie bei dem Prinzen noch bei mir angetroffen, und vielleicht wäre sein Argwohn eingeschlafen, hätte folgendes Zusammentreffen ihn nicht von neuem geweckt.

Herr von Voigt kam eines Tages, mich zu bitten, dem Markgrafen Vorstellungen darüber zu machen, daß ungeachtet aller Mühe, die er sich um das Zustandekommen meiner Heirat gegeben hatte, ihm nicht die geringste Belohnung dafür geboten worden war; ja für den Dienst, den er nun bei mir vertrete, bezöge er keinen höheren Gehalt, obwohl diese Charge ihn zu unvermeidlichen Ausgaben nötige, denen er nicht gewachsen sei; er bat mich also dringend, den Markgrafen zu bewegen, daß er ihm das Oberamt Hof zuerkenne, ein Amt, das er ihm schon öfters versprochen habe. Ich fand sein Gesuch so berechtigt, daß ich mich bereit erklärte, Fürsprache für ihn einzulegen, und wartete den geeigneten Augenblick ab.

Der Markgraf hatte mehrmals geäußert, er würde gern das Silbergeschirr sehen, das der König mir gegeben hatte. Ich sagte ihm scherzend, daß ich ihn dabei zu Gaste haben wollte, damit er es in seinem ganzen Glanze sähe. Der Prinz lud ihn einige Tage darauf ein. Vor dem Souper wurde ein Ball gegeben. Der Markgraf schien vortrefflich gelaunt. Als wir aber zu Tische gingen, drehte sich der Wind. Man sagte mir später, daß er die Farbe gewechselt habe, als er mein Silbergeschirr erblickte, das viel schöner und pompöser als das seine war. Er hatte sich so in der Gewalt, daß er sich alsbald wieder faßte. Er sagte mir tausend liebenswürdige Dinge, ich sei ihm lieber als alle seine eignen Kinder. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um ihm das Gesuch des Herrn von Voigt zu unterbreiten und ihn zu bitten, mir die erste Gnade zu bewilligen, um die ich ihn ersuchte. Er nahm das Gesuch mit zorniger Gebärde. »Ich beschwöre Sie, Prinzessin,« sagte er, »mich fortan mit Ihren Gesuchen zu verschonen; wenn ich meinen Leuten Gnaden erweisen will, denke ich schon selbst daran und brauche niemanden, um mich daran zu erinnern.« Ich war sprachlos vor Staunen. Er erhob sich kurz darauf. Ich war entrüstet und muß eine Schwäche eingestehen. Mit großen Erwartungen aufgewachsen und nacheinander für die ersten Königskronen Europas bestimmt, war ich von den Vorurteilen, die mir in Berlin eingeflößt worden waren, nicht unbeeinflußt geblieben; man spricht dort vom König als dem obersten und mächtigsten Monarchen; die Fürsten des Reiches und selbst die Kurfürsten werden als Vasallen angesehen, die er ausrotten kann, sofern es ihm beliebt. Von diesen irrigen Vorurteilen erfüllt, glaubte ich, daß der Markgraf sich sehr geehrt fühlen müsse, mich zur Schwiegertochter zu haben, so daß ich die Rücksichtslosigkeit, die er mir soeben bezeigt hatte, gar nicht überwinden konnte; eine freundliche Verweigerung meiner Bitte hätte ich nicht übelgenommen, aber seine zornige Miene, seine Geste und endlich die unwirsche Art, mit der er mir geantwortet hatte, ärgerten mich sehr. Ich beklagte mich bitter bei Borstell. Dieser, in Staatsdingen noch ein Neuling, teilte meine Vorurteile, er war lebhaft und aufbrausend; statt mich zu beruhigen, goß er nur Öl ins Feuer. Meine Hofmeisterin, die zugegen war und meine Erregung wahrnahm, wurde meiner Gesundheit wegen besorgt. Die Ausbrüche Borstells hatten sie aufgeregt; im verblendeten Eifer ging sie auf den Markgrafen zu, dem sie in sehr sanfter Weise seinen Mangel an Rücksicht vorwarf. Er gab ihr eine barsche Antwort, sie erwiderte, kurz, es entspann sich ein tüchtiger Streit, der dem Ball ein Ende machte.

Sobald wir uns zurückgezogen hatten, führte der Prinz, der von diesem ganzen Auftritt erfahren hatte, Borstell und Voigt zu mir. Er war jung und ein Hitzkopf; sie machten einen Heidenlärm. Wir sprachen alle zu gleicher Zeit; Fräulein von Sonsfeld weinte still vor sich hin; und bei dem ganzen Wirrwarr konnten wir uns über unser Verhalten nicht einigen. Am nächsten Tage wurde der Marschall von Reitzenstein beauftragt, Herrn von Voigt den Kopf zu waschen. Er händigte ihm einen schriftlichen Verweis des Markgrafen ein, weil er sich an mich gewandt habe, um ein Gnadengesuch einzureichen. Der Fürst ging so weit, von ihm seinen Orden zurückverlangen zu lassen, unter dem Vorwand, daß er den Johanniterorden habe und nicht beide zu gleicher Zeit tragen könne. Der Marschall war ein sehr ehrenwerter und gutgesinnter Mann. Er bat Herrn von Voigt, mir mitzuteilen, daß der Markgraf einen heftigen Zorn auf mich und besonders auf Fräulein von Sonsfeld habe; er beabsichtige sogar, dem König zu schreiben, um sich über ihr Benehmen zu beschweren und ihn zu bitten, sie nach Berlin zurückzuberufen. Voigt erzählte mir dies alles in Gegenwart Borstells. Dieser wollte alsbald eine Stafette an den König abgehen lassen, um ihn von dieser ganzen Geschichte in Kenntnis zu setzen. Ich stimmte diesem Rate bei, obwohl er sehr töricht war. Zum Glück legte meine Hofmeisterin mehr Einsicht an den Tag. Sie riet ihm, sich in Gegenwart derer, die er als Spione des Markgrafen kannte, sehr erbittert zu stellen, und ihnen weiszumachen, er würde einen Boten nach Berlin geschickt haben, wenn ich ihn nicht daran verhindert hätte. Dies wirkte, die absichtlichen Reden Borstells wurden dem Markgrafen hinterbrach; er erschrak darüber; meine angebliche Großmut freute ihn so sehr, daß er mir tags darauf einen sehr artigen Brief schrieb. Ich erwiderte im selben Tone, und der Friede war, wenigstens äußerlich, wiederhergestellt; aber im Grunde liebte er mich nicht, die letzte Begebenheit hatte nun einmal seinen Argwohn erweckt.

Kurze Zeit darauf erhielt ich Briefe von meinem Bruder, der sehr klagte. »Bis jetzt«, schrieb er, »habe ich ruhig in meiner Garnison gelebt; meine Flöte, meine Bücher und ein paar anhängliche Freunde gestalteten mein Leben recht annehmbar. Jetzt will man mich herausreißen, um mich mit einer Prinzessin von Bevern zu vermählen, die ich gar nicht kenne, man zwang mir mein Jawort ab, das ich schweren Herzens gegeben habe. Soll denn die Tyrannei niemals ein Ende haben? Wenn doch wenigstens meine teure Schwester bei mir wäre, ich würde dann alles in Geduld ertragen.«

Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, spätere Königin von Preußen

Die Not meines Bruders ging mir sehr nahe. Ich liebte ihn leidenschaftlich und freute mich lebhaft, daß er mir wieder sein Vertrauen zuwandte. Die Königin bestätigte mir bald darauf die Verlobung des Kronprinzen. Sie schrieb mir folgendes über meine künftige Schwägerin: »Die Prinzessin ist schön, aber strohdumm und ohne jegliche Erziehung. Weiß der Himmel, wie mein Sohn sich mit diesem Grasaffen vertragen wird.«

Diese Nachricht, die mir an und für sich in Anbetracht meines Bruders schmerzlich war, zog mir außerdem noch andere Leiden zu. Die Prinzessin Wilhelmine hatte bisher die Hoffnung gehegt, ihn zu heiraten; da sie glaubte, ich würde dabei mitwirken können, hatte sie mir alle erdenklichen Gefälligkeiten erwiesen. Ich hatte ihre Liebenswürdigkeiten für bare Münze genommen, da ich ihre Absichten nicht ahnte. Es wäre mir nur lieb gewesen, wenn eine meiner Schwägerinnen zu meinem Bruder gepaßt hätte. Aus der Schilderung, die ich von ihnen entwarf, konnte man schon ersehen, daß dem nicht so war. Wie dem auch sei, sie war sehr böse auf mich, in der Meinung, ich sei ihr nicht geneigt gewesen und habe bei der Königin einen ungünstigen Bericht über sie erstattet. Ihre Eifersucht traf nun mit ihrer Enttäuschung zusammen, und sie suchte sich zu rächen. Die Gelegenheit bot sich sehr bald, wie ich nun erzählen werde.

Ich erhielt um diese Zeit wieder einen Brief von meinem Bruder. Er meldete mir, daß er mir viele Dinge zu sagen habe, über die er sich schriftlich nicht auszulassen getraue, und er habe deshalb den Prinzen Alexander, einen apanagierten württembergischen Fürsten, überredet, über Bayreuth zu reisen, um mir alles zu berichten, was vorginge. Ich setzte den Markgrafen von diesem bevorstehenden Besuch in Kenntnis. Er liebte aber weder die Geselligkeit noch die Fremden, weil er in Verlegenheit geriet und nicht wußte, was er mit ihnen reden solle. Er stellte sich also leidend, um den Prinzen nicht empfangen zu müssen, und bat mich, statt seiner die Honneurs zu machen. Der Prinz kam zu sehr später Stunde an. Als die ersten Begrüßungen vorüber waren, entledigte er sich der Aufträge meines Bruders und sagte mir, dieser sei trostlos über seine Heirat; die Prinzessin sei so unerzogen, daß sie auf alles nur ja und nein erwidere, viele glaubten zwar, sie verhielte sich aus guten Gründen so stumm, denn ein Sprachfehler hindere sie, sich deutlich auszudrücken. Seckendorf und Grumbkow stünden nach wie vor in höchster Gunst beim König, und die Königin beherrsche sich zwar vor der Welt, doch sei sie von grausamem Kummer erfüllt. Unser Gespräch dauerte etwas lange, es war zu interessant, um sich nicht hinauszuziehen. Man stellte ihn dann den beiden Prinzessinnen vor; er grüßte sie, ohne ein Wort zu sagen. Ich verbrachte meine Zeit so angenehm mit ihm, daß ich ihn beschwor, den folgenden Tag noch hier zu bleiben.

Bei der Prinzessin Wilhelmine war nun die Hölle los, weil ich sie nicht sogleich dem Herzog vorgestellt und mich so lange mit ihm unterhalten hatte. Erst machte sie meiner Hofmeisterin eine Szene, und dann kam die Reihe an mich. Fräulein von Sonsfeld, die nicht von den Duldsamen war und mit Recht die Prinzessin nicht für befugt erachtete, ihr Vorwürfe zu machen, blieb ihr nichts schuldig. Ich behielt im Anfang meinen Gleichmut, am Ende riß mir aber die Geduld, und ich erwiderte ihr mit ein paar scharfen Worten und ließ sie stehen. Sobald der Prinz abgereist war, schickte sie eine Italienerin, die ihre Kammerjungfer war, zum Markgrafen, um ihn um eine Audienz zu bitten. Diese Kreatur war eine wahre Teufelin. Man sagte, daß sie die Mätresse dieses Fürsten sei, was ich aber nicht glaubte. Sie hatte eine lange Unterredung mit ihm, um ihn auf die Beschwerde, die die Prinzessin führen wollte, vorzubereiten. Er speiste an diesem Tage allein mit seiner Tochter. Ich war sehr erstaunt, sie nachmittags mit roten verweinten Augen zu sehen. Ich fragte sie, ob sie einen Kummer habe. Sie gab mir in ironischem Tone zur Antwort, sie habe einen Schnupfen und wäre recht töricht, sich zu bekümmern, da ihr Vater so liebevoll und gütig zu ihr sei, als sie nur wünschen könne. Ich hatte zu viel Erfahrungen, um nicht zu merken, daß hier eine Intrige gegen mich im Gange sei; so manche, die mir wohlgesinnt waren, bestätigten es mir und warnten mich, da sie mich überall verleumde. Den Markgrafen hatte sie so sehr gegen mich erbittert, daß er mir seitdem gar viele schlechte Streiche spielte. Sie beklagte sich besonders darüber, daß ich sie wie eine Magd behandle, was absolut falsch war. Nicht zufrieden, zwischen ihrem Vater und mir Uneinigkeit zu stiften, wollte sie mich auch mit dem Erbprinzen verfeinden. Sie war fortwährend hinter ihm her, ging mit ihm auf die Jagd und lief den ganzen Tag mit ihm spazieren, so daß ich ihn kaum mehr zu sehen bekam.

Da schlechtes Wetter war und ich mich unwohl fühlte, konnte ich nicht ausgehen. Nach Tische stellte ich mich schlafend, um mich von meinen Damen zu befreien und mich auszuweinen. Die Liebe des Prinzen war mein einziger Trost inmitten meiner Leiden; ich sah mich in der Lage, sie durch die Ränke meiner Schwägerin zu verlieren. Ich war so arm, daß ich nicht imstande war, mir ein Kleid machen zu lassen. Zwei Viertel meiner Einkünfte waren im voraus in notwendigen Geschenken in Berlin verausgabt worden. Weder der König noch die Königin hatten mir einen Heller gegeben, niemand wollte mir etwas vorstrecken, so daß ich mich in großer Bedrängnis sah. Ich war ohne jegliche Zerstreuung und, wie das Schaf unter die Wölfe, mitten unter böse und gefährliche Unmenschen an einen Hof geraten, der eher ein Bauernhof zu nennen war.

Ich will aber meine Lamentationen ein wenig unterbrechen, um etwas Komisches zu erzählen. Das Georgifest stand nahe bevor. Markgraf Georg Christian hatte an diesem Tage den Orden des Ritters Georg gestiftet, seitdem wurde dies Fest stets sehr feierlich begangen. Der Markgraf ernannte nur solche zu Rittern, die aus sehr vornehmem Hause waren. Dieser Orden stand so hoch im Ansehen, daß mehrere Prinzen ihn trugen. Obwohl ich mich sehr schwach und angegriffen fühlte, folgte ich dem Hofe zur Brandenburg, einem Lustschlößchen in nächster Nähe der Stadt. Es ist recht fehlerhaft und ziemlich unbequem gebaut, aber als Lage hatte ich nie etwas so Schönes gesehen, der Garten ist nicht groß, aber hübsch, er grenzt an einen See, in dessen Mitte sich eine Insel befindet, und an dieser ist ein Hafen angelegt worden. Man sieht hier eine kleine Flottille, die aus Gondeln und Ruderschiffen besteht und einen reizenden Anblick gewährt. Vom Hafen und von den Schiffen ertönte eine dreifache Kanonensalve, worauf dreimal Fanfaren einsetzten. Beim letzten Signal begaben wir uns mit dem Gefolge, der Prinz mit den Herren und ich mit den Damen, zum Markgrafen. Er stand aufrecht in sehr reicher Kleidung neben einem Tisch und stützte die eine Hand darauf, um die Wiener Etikette nachzuahmen. Er suchte sogar die Miene des Kaisers anzunehmen und empfing uns mit einer gewissen gravitätischen Huld, die majestätisch wirken und Achtung einflößen sollte. Bei mir wirkte das nicht, ich fand das alles so lächerlich, daß ich Mühe hatte, ernst zu bleiben. Der Prinz und ich wurden als die Ersten zur Audienz zugelassen; dann die Prinzessinnen, und schließlich alle ohne Unterschied. Als er sich an all den Huldigungen gütlich getan hatte, erhielten zwei Herren den Georgi-Ritter-Orden, den der Markgraf ihnen mit einer ziemlich mißglückten und schlecht gehaltenen Ansprache übergab. Dann kam nochmals Kanonendonner, worauf man zur Tafel ging. Ich konnte nur einen Augenblick bleiben, da ich den Geruch der Speisen nicht vertrug. Sooft auf die Gesundheit von jemandem getrunken wurde, wurden wieder drei Kanonenschüsse gelöst. Es wurde reichlich gezecht; alle außer dem Prinzen waren total betrunken. Obwohl es Ende April war, hatten wir eine unerträgliche Kälte. Glücklicherweise traf es sich, daß wir zur Stadt zurück mußten, was uns zwei langweilige Feste von der Art des eben besprochenen, die noch in Aussicht standen, ersparte. In den Zimmern der Hofdamen, die über mir lagen, brach nämlich Feuer aus, und meine Gemächer wurden davon so beschädigt, daß ich nicht darin bleiben konnte. Ich war froh, wieder in Bayreuth zu sein, da mich die Kälte sehr mitgenommen hatte.

Einige Zeit darauf befand ich mich in der Mitte meiner Schwangerschaft. Fräulein von Sonsfeld ließ es dem Markgrafen durch Herrn von Reitzenstein zur Mitteilung bringen, der zugleich nach Befehlen wegen der kirchlichen Fürbitten fragte, die aus diesem Anlaß allgemein gebräuchlich sind. Der Markgraf lachte ihm ins Gesicht und antwortete, es sei nur eine Finte meiner Hofmeisterin, da er ganz bestimmt wisse, daß ich nicht guter Hoffnung sei. Da ich sehr schlank war und meine Schwangerschaft kaum auffiel, hatte ihm die Prinzessin eingeredet, es sei nichts damit. Nun wollte er es gar nicht glauben. Erst auf die Vorstellungen Borstells hin konnte endlich durchgesetzt werden, daß meiner in den öffentlichen Fürbitten gedacht wurde. Die Freude, die die Nachricht im ganzen Lande hervorrief, war unbeschreiblich; aber sie verstimmte den Markgrafen aufs tiefste; trotz all seiner Verstellungskunst trat es deutlich hervor. Seine üble Laune wurde durch die Einflüsterungen seiner Tochter und Herrn von Fischers erhöht; sie redeten ihm ein, sein Sohn sei beliebter als er und alle Welt wende sich dem aufgehenden Stern zu. Der Markgraf ging so weit, offen zu erklären, er wünsche mir eine Tochter, da er, falls ich einen Sohn bekäme, auf Grund meines Heiratsvertrages gezwungen wäre, meine Einkünfte zu erhöhen. Eines Abends nahm er den Prinzen wutentbrannt beiseite; nachdem er ihm sein angebliches Einvernehmen mit dem reichsunmittelbaren Adel zum Vorwurf gemacht hatte, bestand er auf einem offenen Geständnis seiner Intrigen. Der Prinz beteuerte seine Unschuld und hielt ihm vergeblich vor, daß diese Lüge nur von böswilligen Leuten erfunden worden sei, die Zwietracht unter ihnen zu stiften suchten; er ließ sich nicht überzeugen, sondern wurde nur noch aufgebrachter. Vom Zorne hingerissen, ergriff er seinen Sohn am Kragen und hob schon seinen Stock; er hätte ihn gewiß geschlagen, wäre ich nicht zur rechten Zeit erschienen. Der Prinz hatte sich des Stockes bemächtigt und versuchte seinen Vater abzuschütteln, um zu entfliehen. Man stelle sich meinen Schrecken vor. Als er mich sah, ließ er seinen Sohn los und verlor die Fassung. Er wünschte mir guten Abend und zog sich zurück. Der Prinz war außer sich. Ich hatte alle Not, ihn zu beruhigen; da er sehr gutherzig war, brachte ich es durch mein Zureden endlich dazu, daß er einwilligte, seinem Vater entgegenzukommen. Die Versöhnung fand am nächsten Tage statt. Ich benützte die Gelegenheit, um eine Aussprache mit dem Markgrafen zu halten. Meine Worte waren so eindringlich, und ich wußte ihm die Irrtümlichkeit seines Argwohns so klar darzulegen, daß er mir versprach, mir in Zukunft nichts, was man ihm gegen uns sagen würde, vorzuenthalten. Diese Versöhnung war ein harter Schlag für meine Schwägerin; sie fürchtete, die Kosten tragen zu müssen, allein sie täuschte sich; ich war zu großmütig, um mich zu rächen.

Bald darauf wurde ich zur Ader gelassen, was so stark in meine Konstitution eingriff, daß es einige Tage lang sehr schlecht um mich bestellt war. Meine Schwägerin wich nicht von mir und bezeigte mir allerlei Aufmerksamkeiten. Ich vermutete irgendeinen Hintergedanken, doch ohne ihn erraten zu können. Als wir eines Tages allein beisammen waren, rückte sie selbst damit heraus. »Ich glaube, hoffen zu dürfen,« sagte sie, »daß Sie mir gewogen sind, was mich ermutigt, Ihnen mein Vertrauen entgegenzubringen. Obwohl mein Vater mich liebt, so denkt er doch gar nicht an meine Versorgung; ich fürchte, ich bleibe unvermählt, wenn man ihn nicht daran erinnert. Ich kenne meinen Vetter, den Erbprinzen von Ostfriesland; wir lieben uns seit unserer frühesten Jugend, und unsere Neigung hat sich mit den Jahren nur vertieft. Von seiner Mutter, die meine Tante ist, wird unsere Heirat sehnlichst gewünscht; sie hat meinen Vater schon öfters gebeten, mich nach Ostfriesland zu schicken, und ihm versichert, daß sie mich wie ihre Tochter halten und mit ihrem Sohne vermählen wolle, falls ich ihm noch geneigt sei. So beschwöre ich denn Eure Königliche Hoheit, meinen Vater zu bereden, daß er mir gestatte, nach Aurich zu fahren, ich wollte von ganzem Herzen, ich wäre schon dort.«

Ich wußte nicht, was ich ihr darauf erwidern sollte, und die Mitteilung setzte mich in Verlegenheit; ich argwöhnte eine List, durch die sie meinen Gedanken auf den Grund kommen wollte. »Es tut mir unendlich leid« sagte ich »Ihnen hier nicht dienen zu können; ich habe mir gelobt, mich nie in Heiratsangelegenheiten zu mischen, und kann mich nicht entschließen, dem Markgrafen einzureden, daß er Sie entferne. Außerdem ist der Schritt, den Sie hier planen, ein sehr heikler, liebe Schwester, den Sie sich reiflich überlegen sollten, bevor Sie mit Ihrem Vater darüber reden. Sie können nicht von hier fortgehen, ohne einen Heiratsantrag in aller Form erhalten zu haben. Den Prinzen von Ostfriesland haben Sie sehr lange nicht mehr gesehen; sind Sie sicher, ihn so wiederzufinden, wie er Sie verlassen hat, und daß Ihre gegenseitigen Gefühle unverändert geblieben sind? Wenn dem nicht so wäre, würden Sie sehr unglücklich sein, denn Sie wären dann gezwungen, ihn zu heiraten oder dem Ansehen Ihres Hauses empfindlichen Schaden zuzufügen, übereilen sie sich also nicht, und tun Sie nichts, bevor Sie nicht alle Für und Wider reiflich erwogen haben.« Sie fing heftig zu weinen an; ich hätte eine tiefe Abneigung gegen sie, meinte sie klagend, da ich ihr nicht einmal helfen wolle, glücklich zu werden; sie habe selbst nicht den Mut, mit ihrem Vater über diese Sache zu reden, und beschwöre mich, sie nicht im Stiche zu lassen und mit ihm in ihrem Auftrage zu sprechen. Ich gab endlich ihren Bitten nach und erfüllte sie.

Der Markgraf war sehr überrascht, als er die Absichten seiner Tochter vernahm. Er ließ sie alsbald zu sich rufen, da er gar nicht glauben konnte, daß sie ernsthaft gemeint seien. Allein sie bestätigte ihm alles, was ich ihm gesagt hatte, und flehte ihn an, er möge ihren Wünschen willfahren. Der Markgraf äußerte dieselben Bedenken wie ich, allein sie drang so lange in ihn, daß er ihr seine Einwilligung versprach. Er schrieb am selben Tage an seine Schwester, die Fürstin, und meldete ihr, daß er seine Tochter zu ihr schicken wolle, falls sie ihm die genügende Sicherheit für deren Vermählung bieten könne. Ich lasse diese Sache jetzt so lange ruhen, bis die Antwort eintraf, was einige Zeit darauf geschah.

Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich ungefähr um diese Zeit nach Karlsbad, um dort eine Bade- und Trinkkur zu gebrauchen. Sie hatten nur drei Prinzessinnen; der Erzherzog war im Jahre 1716 gestorben. Man hoffte, daß die Bäder, die als der Fruchtbarkeit sehr zuträglich galten, der Kaiserin zu einem Erzherzog verhelfen und so der Wunsch des gesamten Reiches sich erfüllen würde. Ein paar schlechte Politiker, die an unserem Hofe wimmelten, rieten dem Markgrafen, dem Kaiser dort einen Besuch abzustatten. Der Erbprinz bat, ihn begleiten zu dürfen, was ihm endlich recht unwillig zugestanden wurde. Sie machten sich beide mit einem ziemlich spärlichen Gefolge auf den Weg. Obwohl Karlsbad nur zwölf Meilen von Bayreuth entfernt liegt, brauchte der Markgraf doch vier Tage, bis er hinkam, weil er nach jeder Viertelmeile haltmachte, um zu essen und zu trinken. Die Reise erwies sich auch nicht so erfolgreich, wie er gehofft hatte. Der Kaiser und die Kaiserin zeichneten den Erbprinzen sehr aus, und mit dem Markgrafen sprachen sie nur von mir, worüber er sehr gereizt war. Er quälte den Prinzen die ganze Zeit hindurch, der immer zu Hause bleiben musste und nicht wagte, eine Gesellschaft aufzusuchen.

Nach ihrer Rückkehr siedelten wir nach der Eremitage über, einem in seiner Art einzigen Schlößchen. Ich will die Beschreibung desselben auf später verschieben. Die Prinzessin von Öttingen, Gemahlin des Grafen von Hohenlohe-Weikersheim, suchte mich dort auf. Sie war durch ihre Mutter eine Base der Kaiserin und eine sehr vernünftige, aber sehr häßliche Frau. Der Markgraf kannte sie schon lange; er schätzte sie ungemein und war ihr sehr zugetan. Die Prinzessin Charlotte war schon seit geraumer Zeit in tiefe Schwermut verfallen. Ihr Vater konnte sie dank dem Einfluß der Prinzessin Wilhelmine nicht leiden und quälte sie; ihre Schwester war sehr abgeschmackt gegen sie und machte sich ein Vergnügen daraus, sie zu peinigen, denn sie war auf ihre Schönheit eifersüchtig. Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, sie mit ihrem Vater gut zu stellen, war es mir doch nicht gelungen. Sie schüttete nun der Prinzessin von Öttingen ihr Herz aus, und diese schlug dem Markgrafen vor, sie mit sich zu nehmen, um ihre trübe Laune zu zerstreuen. So reisten sie denn zusammen ab.

Mittlerweile liefen die Antworten aus Ostfriesland ein. Die Fürstin sicherte alle geforderten Garantien für die Heirat ihrer Nichte mit ihrem Sohne zu. Die Abreise sollte in drei Wochen erfolgen. Obwohl ich mich niemals beim Prinzen über sie beschwert hatte, war er sehr froh, sie loszuwerden. Wegen ihres ungeregelten Betragens sowie ihrer Intrigen und üblen Nachreden über mich, die er sie offenkundig führen sah, hatte er sich gänzlich von ihr abgewendet. Seine veränderte Haltung ihr gegenüber trug zum Teile schuld an ihrem Entschlusse, nach Aurich zu fahren, denn sie hatte stets ihren Bruder zu beeinflussen und mich dadurch zu unterdrücken gehofft; da sie ihre Hoffnungen fehlschlagen sah, zog sie es vor, sich zu entfernen und eine kleine mittelmäßige Heirat zu machen, als im Schoße ihrer Familie, wo sie mit der Zeit eine bessere Versorgung gefunden hätte, untätig zurückzubleiben. Der Markgraf ließ uns in der Eremitage zurück und begab sich nach Himmelkron, um Abschied von ihr zu nehmen. Sie machte sich den Trennungsschmerz ihres Vaters zunutze, um uns üble Dienste zu erweisen, was ihr trefflich gelang. Sie wurde nur von ihm und den Ränkeschmieden des Hofes vermißt. Ich verbrachte diese wenigen Tage sehr friedlich in der Eremitage. Der Markgraf störte uns durch seine Rückkehr in unsern kleinen Freuden; ich darf sie wohl klein nennen, denn sie waren recht mäßig.

Herr von Borstell erhielt indes seine Abschiedsaudienz und kehrte – sehr unzufrieden mit dem Markgrafen – nach Berlin zurück. Trotz meines dringenden Verbotes setzte er den König von unserer traurigen Lage in Kenntnis. Dieser von Natur gutherzige Fürst war von diesem Bericht und meinem kläglichen Befinden gerührt. Er schrieb mir mit eigener Hand folgendes:

»Es betrübt mich sehr, meine liebe Tochter, daß man Ihnen so viel Verdruß bereitet. Obwohl Sie es mir nicht sagen, weiß ich sehr wohl, daß Sie nur aus diesem Grunde krank sind. Sie müssen hierher kommen zu Ihrem Vater und Ihrer Mutter, die Sie lieben; ich werde Ihnen entsprechende Gemächer in Bereitschaft setzen lassen, damit Sie hier niederkommen können. Seien Sie versichert, daß ich Ihnen meine Liebe beweisen und mein Leben lang für Sie Sorge tragen werde.«

Ich erhielt noch mehrere ebenso drängende Briefe wie diesen. Ich war halbtot, statt der häufigen Ohnmachten hatte ich nun Erstickungsanfälle; dabei wurde ich ganz schwarz im Gesicht, die Augen traten mir heraus, und da mir alles Blut zum Herzen drang, ging mir der Atem so gänzlich aus, daß ich stets zu ersticken glaubte. Man hatte die Ärzte der Stadt zu einer Konsultation versammelt. Alles stimmte für einen Aderlaß, allein die Ärzte waren dagegen. Niemals, sagten sie, hat man eine schwangere Frau zweimal zur Ader gelassen, und noch dazu am Beine. Sie fügten hinzu, daß dieser Mißbrauch, der sich in Frankreich eingeschlichen habe, mit ihrer Methode nicht vereinbar sei. Was aber dieser widersprach, das hätten sie beileibe nicht getan, ich konnte einwenden, was ich wollte. Trotz meines Zustandes glaubte ich, mir die Reise nach Berlin noch zumuten zu können. Mein Leben war eine greuliche Sklaverei. Ich wagte ohne Erlaubnis weder auszugehen noch das Geringste vorzunehmen. Wenn ich zweimal nacheinander mit jemandem sprach, schadete ich ihm; ritt der Prinz aus, so hieß es, er ruiniere die Pferde; ging er auf die Jagd, so warf man ihm vor, daß er das Wild ausrotte, blieb er zu Hause, so wurden Intrigen gewittert; was er auch tat, alles wurde ihm zum Vorwurf gemacht, und die Streitigkeiten und Verweise wollten kein Ende nehmen. Wir beschlossen daher, nach Berlin zu fahren, um uns dieser Tyrannei zu entziehen. Ich bat den König, dem Markgrafen hierüber zu schreiben, und er tat es in sehr zuvorkommender Weise. Der Markgraf war nur zu froh, uns unter diesem Vorwand entfernen zu können. Weder der Prinz noch ich besaßen die Mittel zur Reise; er mußte also mit seinem Vater sprechen. Dieser hütete sich wohl, Schwierigkeiten zu bereiten, und schickte mir tags darauf tausend Gulden. Die Summe war so gering, daß sie kaum zur Hälfte hinreichte, den Rest schöpfte ich aus dem Beutel meiner Damen und meiner armen Dienerschaft. Wir schrieben Ende Juni, und im August sollte ich niederkommen.

Im Lande wurde über unsere Reise viel gemurrt, man schrieb sie dem unfreundlichen Verhalten des Markgrafen zu. Diese Klagen kamen ihm zu Ohren, er war auf seinen Ruf eifersüchtig und wollte sich rechtfertigen. So beauftragte er Herrn von Dobeneck, den besten Redner seines Hofes, mich zu überreden, in Bayreuth zu bleiben. Seine theatralische Rhetorik rührte mich nicht. Meine Antwort lautete sehr zuvorkommend, doch ließ ich mich nicht umstimmen und berief mich auf meinen dringenden Wunsch, meine Familie wiederzusehen, und auf das Versprechen, das ich dem König gegeben hatte, binnen kurzem in Berlin zu sein.

Ich reiste am nächsten Tage ab und kam abends in Himmelkron an. Der Markgraf empfing uns dort sehr freundlich. Ich traf hier Herrn von Bobenhausen, den Gesandten von Kassel, den ich nicht kannte; meine Schwäche und Magerkeit fielen ihm auf, und er riet dem Markgrafen, auf den er einen großen Einfluß hatte, mich nicht weiterreisen zu lassen. Der erste Leibarzt des Markgrafen von Ansbach, den man zu Rate gezogen hatte, stimmte ihm bei und erklärte unumwunden, daß, falls ich abreiste, man auch einen Sarg mitführen sollte, denn ich könnte nicht zwei Poststationen weiterfahren, ohne mein Leben aufs Spiel zu setzen. Dasselbe sagte er zum Erbprinzen, der wie sein Vater von meiner Reise nichts mehr wissen wollte. So mußte ich mich denn ihren Vernunftgründen fügen und ihren Bitten nachgeben. Zum Übermaß mußte ich jetzt auch noch in Himmelkron bleiben. Dieses Lustschloß war früher ein Nonnenkloster gewesen. Die Äbtissin war aber protestantisch geworden, so daß man das Kloster mitsamt den Klosterfrauen säkularisierte; nach ihrem Tode fiel es wieder dem markgräflichen Hause zu. Die Lage war schön und das Schloß sehr wohnlich; als einziger Spaziergang dient hier eine Allee, die an Pracht und Ausdehnung der in Utrecht gleichkommt. Der Markgraf hatte hier eine Falknerei angelegt, und man konnte den Flug der Falken von den Schloßfenstern aus beobachten. Wir verlebten hier eine recht trübe Zeit. Der Markgraf und sein Hofstaat betranken sich tagtäglich; man stieß nur auf Betrunkene, die ihres ohnehin geringen Verstandes beraubt waren; wir waren von Spionen umringt. Solange es tagte, zerrissen uns die Klänge von zwei elenden Trompeten und zwei greulichen Jagdhörnern die Ohren. Der abscheuliche Lärm störte mich im Lesen, meiner einzigen Zerstreuung. Ich hatte die kleine Marwitz, Nichte meiner Hofmeisterin, zur Vorleserin. Dies Mädchen war erst vierzehn Jahre alt und von der Gräfin Fink auferzogen worden; sie hatte weder Manieren noch Gefühle noch Erziehung. Ihre Tante gab sich viel Mühe, um auf sie einzuwirken, doch ihre große Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit vereitelten alle gehofften Erfolge. Dieses Kind besaß im Grunde viel Geist und ein sehr gutes Gedächtnis; sie wurde mir sehr anhänglich, was in mir den Wunsch hervorrief, sie heranzubilden. Ich besprach täglich unsere Lektüre mit ihr, suchte ihre Gefühle anzuregen und ihre Urteilsgabe zu entwickeln. Ich werde noch reichlich Anlaß haben, im Lauf dieser Memoiren auf sie zurückzukommen; sie hat viel teil daran.

Wir verließen endlich Himmelkron. Der Markgraf und der Prinz begaben sich nach Selb, einem Städtchen an der böhmischen Grenze, um dort einer großen Jagd beizuwohnen, die für sie veranstaltet worden war; und ich kehrte in die Eremitage zurück. Ich kam sehr krank dort an; die Schlaflosigkeit hatte sich zu meinen anderen Übeln gesellt, ich konnte ohne Beklemmungen nicht mehr liegen. Man rief nach dem Arzt; dieser Ignorantus Ignoratior Ignorantissimus gab mir ein an sich ziemlich starkes Medikament. Als es zu wirken anfing, brachte es mich fast ums Leben; ich fiel von einer Ohnmacht in die andere, so daß eine Fehlgeburt befürchtet wurde. Meine gute Konstitution und die Hilfe, die man mir leistete, riefen mich zum Bewußtsein zurück. Eine Stafette, die ich vom König erhielt, trug zu meiner Genesung bei, der übergroßen Freude halber, die ich darüber empfand. Er teilte mir mit, daß er mich in drei Tagen in der Eremitage besuchen wolle.

Er kam von Prag und war mit dem Kaiser in dem böhmischen Städtchen Altrop zusammengetroffen. Man hatte dort einen Saal mit zwei Eingängen errichtet, was sich für das Zeremoniell sehr zweckmäßig erwies. Der Kaiser, die Kaiserin und der König sollten zu gleicher Zeit durch die verschiedenen Türen eintreten und auch an getrennten Tischen Platz nehmen. Trotz aller Vorstellungen, die dem König gemacht wurden, war er zuerst zur Stelle und setzte den Kaiser dadurch sehr in Erstaunen, daß er auf ihn zuging, um ihn zu empfangen; er machte ihm sogar Komplimente, die sich für einen gekrönten Herrscher wenig ziemten. Ich habe seitdem von Grumbkow die Episode oft erzählen hören: er sei fast aus der Haut gefahren, als er gesehen, daß sein Herr seiner Würde so viel vergeben hätte.

Ich sandte den Brief des Königs durch eine Stafette an den Markgrafen. Er schickte mir einen andern Brief zu, worin er mich ersuchte, für den Empfang des Königs Sorge zu tragen, und meldete mir, daß er in Selb bleiben wolle, um ihn daselbst zu empfangen und nach der Eremitage zu begleiten. Er schrieb mir auch, daß sein Bruder, Prinz Albert, der als Generalleutnant im Dienste des Kaisers stand, und der Herzog von Gotha sich bei ihm befänden. Wir hatten sehr wenig Platz in der Eremitage, wenn der Markgraf zugegen war; es läßt sich denken, daß wir uns arg zusammendrängen mußten, um den König und sein Gefolge unterzubringen. Ich überließ Monplaisir, eine anliegende Meierei, dem Markgrafen, seinem Bruder und dem Herzog von Gotha, womit er vollkommen einverstanden war. Ich hatte mit großer Mühe alle Anstalten getroffen, als ein neuer Zwischenfall sich ereignete, der schuld an allem Verdrusse war, den ich in der Folge erfahren mußte.

Herr von Bindemann, der einzige des ganzen Hofstaates, der bei mir geblieben war, erhielt in der Nacht einen Brief vom Oberhofmarschall von Ansbach, der ihm anzeigte, daß der Markgraf und seine Gemahlin mit einem Gefolge von über hundert Personen am folgenden Abend in der Eremitage sein würden. Der arme Bindemann, sonst ein kreuzbraver Mann, hatte das Pulver nicht erfunden. Er wollte mich nicht wecken lassen; angesichts der Unmöglichkeit, all diese Leute zu logieren, antwortete er, daß zwar sein Herr den Markgrafen von Ansbach mit Freuden empfangen würde, doch sei er in großer Verlegenheit, da es an Platz fehle und man kaum wisse, wie man den König unterbringen könne. Ich vernahm diese Neuigkeit bei meinen Erwachen und setzte den Markgrafen von diesem Zwischenfall alsbald in Kenntnis: ich mahnte ihn an die Empfindlichkeit des Ansbacher Hofes, der es sicherlich übelnehmen würde, falls man nicht Mittel und Wege fände, ihn zu beherbergen; ich wolle indes gern kampieren und meine Gemächer zur Verfügung stellen, damit der Hof in Monplaisir Platz fände. Er antwortete sofort, er würde niemals dulden, daß ich aus meinen Zimmern zöge, er bäte mich, ihm nur eine Zelle instand setzen zu lassen, und sähe sehr wohl ein, daß man den Markgrafen nicht verletzen dürfe, da es sowohl von seiner wie von des Königs Seite unangenehme Folgen nach sich ziehen würde.

Ich wartete bis um acht Uhr auf meine Schwester. Ihr Ausbleiben beunruhigte mich, so daß ich nach allen Seiten Leute ausschickte, da ich fürchtete, es könne ihr etwas zugestoßen sein. Herr von Bindemann nahm meine Besorgnis wahr. »Beruhigen Sie sich, Prinzessin,« sagte er mit triumphierender Miene, »die Markgräfin wird nicht kommen, sie ist sicherlich umgekehrt.« »Wie kommt es« fragte ich, »daß Sie schon Nachricht darüber haben?« »O Prinzessin, wir sind doch nicht so dumm, als man glaubt, ich habe die Verlegenheit, in die Sie geraten wären, wohl vorausgesehen.« Er teilte mir dann die Antwort mit, die er hingeschickt hatte, und war ganz stolz auf seinen Streich. Ich erfaßte sofort die ganze Sachlage und zweifelte keinen Augenblick, daß es zwischen den beiden Häusern einen Bruch verursachen und mich vielleicht aller Vorteile berauben würde, die mir der Besuch des Königs bringen könnte.

Inzwischen erschien Herr von Seckendorf, der Oberhofmarschall von Ansbach. Ich habe ihn bereits erwähnt, er war der würdige Vetter des Gesandten in Berlin. Er richtete mir im Auftrage seines Herrn und seiner Herrin allerlei Schimpfliches aus: auf so unfreundliche Weise sei noch niemals einem nahverwandten Fürsten die Gastfreundschaft verweigert worden, da der Markgraf die Rücksichtslosigkeit und die Abneigung, die man für ihn an den Tag lege, längst kenne, wäre er ja nie auf den Gedanken verfallen, uns zu besuchen, wenn der König es ihm nicht befohlen hätte; er würde nun diesem unverweilt unser Verfahren zur Kenntnis bringen und versichere mir hoch und teuer, nie im Leben den Fuß wieder nach Bayreuth zu setzen. Ich berief mich auf den Unverstand Bindemanns und machte ihm endlich klar, daß die Dummheit dieses Menschen an diesem Mischmasch schuld sei. Doch wollte er trotzdem gehen. Ich unterhielt ihn indes, um Zeit zu gewinnen, den Postmeister zu benachrichtigen, daß er ihm keine Pferde geben solle.

Dem Markgrafen meldete ich noch am selben Abend, was sich zugetragen hatte, und schickte einen Eilboten an den Oberjägermeister Herrn von Gleichen mit dem Befehl, zu mir zu kommen. Ich übergab ihm Briefe für meine Schwester und ihren Gatten, berief mich darin wieder auf das Mißverständnis Bindemanns und lud sie ein, nach der Eremitage zu kommen. Ich verbrachte eine sehr schlechte Nacht. Der König war mein einziger Halt, und ich zweifelte nicht, daß die Ansbacher ihn gegen mich aufhetzen würden, und fürchtete, von ihm schlecht behandelt zu werden, was mir der Folgen halber in Bayreuth tausendmal unangenehmer gewesen wäre als in Berlin. Herr von Gleichen kehrte zwei Stunden vor der Ankunft des Königs zurück. Der Markgraf und meine Schwester erwiderten sehr verbindlich auf die Briefe, die ich ihnen geschrieben hatte; sie waren sogar über mein Verhalten sehr erfreut, doch wollten sie durchaus nicht kommen, so sehr Herr von Gleichen auch in sie gedrungen hatte.

Der König empfing mich aufs freundlichste. Mein Anblick rührte ihn sogar, da er mich kaum wiedererkannte, so mager und angegriffen sah ich aus. Ich wollte ihn nach seinen Gemächern geleiten, allein er litt es nicht und führte mich zu den meinen, woselbst wir allein blieben. Ich erzählte ihm natürlich, was es mit dem Markgrafen von Ansbach gegeben hatte, ich zeigte ihm die Briefe, die Gleichen mir überbracht hatte, und beschwor ihn, uns wieder zu versöhnen. »Es ist ärgerlich,« sagte er, »daß Bindemann diesen Verstoß begangen hat, und besonders, daß Sie mit so unvernünftigen Leuten zu tun haben. Mein Schwiegersohn hält sich für Ludwig XIV.; er meint gewiß, daß Sie die Post hätten nehmen und ihn um Vergebung bitten sollen; er und sein ganzer Hof sind nichts als Narren. Aber mit Ihrem Verhalten bin ich sehr zufrieden. Ich werde mit Seckendorf reden und ihnen sagen lassen, daß sie kommen. Hole sie der Teufel, wenn sie es mir verweigern.« Mit diesen Worten ging er hinaus und befahl, ihnen eine Stafette in diesem Sinne zu senden.

Grumbkow und Seckendorf, der Gesandte, hatten den König begleitet. Ich zeigte mich ihnen sehr zuvorkommend, und sie richteten mir viele Artigkeiten im Auftrag der Kaiserin aus und sagten mir, sie habe meiner in rühmendster Weise vor dem König gedacht. Dieser hatte unser Gespräch mit angehört, und nähertretend sagte er: »Ja, liebe Tochter, Sie sind der Kaiserin Dank schuldig für die Gefühle, die sie Ihnen entgegenbringt; schreiben Sie ihr, um ihr zu sagen, wie verpflichtet Sie ihr dafür sind.«

Wir gingen zur Tafel. Der König reichte mir die Hand und setzte sich auf den ersten besten Platz. Seine Laune war vortrefflich; nur ich störte sie ein wenig. Ich war äußerst schwach und hatte mich sehr zusammennehmen müssen; es wurde mir übel, und ich mußte mich zurückziehen. Der König wollte mir folgen und konnte nur mit Mühe beruhigt werden. Tags darauf stand ich früh auf, um ihn spazieren zu führen. Er fand den Ort reizend, und besonders meine kleine Eremitage, die ich als Rauchzimmer hatte herrichten lassen. »Sie haben«, sagte er, »alle erdenklichen Aufmerksamkeiten für mich, ich fühle mich hier wie zu Hause; meine Zimmer sind wie in Potsdam eingerichtet; ich fand meine Schemel, meine Tische und meine Gefäße, um mich zu waschen. Ich kann mir nicht denken, wie Sie das alles in so kurzer Zeit beschaffen ließen.«

Der Zwang, den ich mir durch den langen Spaziergang angetan hatte, wurde mir zum Verhängnis. Ich wurde während der Tafel von so argen Beklemmungen befallen, daß man mich für sterbend hielt. Da ich am Ende des Monats niederkommen sollte und wir den siebenten hatten, meinte der König, es sei nun so weit. Er berief schnellstens seinen ersten Leibarzt Stahl, der mit der Wärterin, die mir beistehen sollte, soeben von Berlin angekommen war. Der Mann war ein sehr geschickter Chemiker, dem man mehrere wichtige Entdeckungen verdankt, aber ein großer Arzt war er nicht. Seine Methode war höchst eigentümlich. Er behauptete, daß, wenn die Seele durch ein Übermaß von Materie sich behindert fühle, sie sich deren entledige, indem sie dem Körper Krankheiten zufüge, die ihr förderlich wären; die epidemischen und gefährlichen Übel entstünden nur aus der Schwäche dieser selben Seele, die nicht die Kraft besäße, jene Materie abzustoßen, und sie in ihren Wirkungen behindere, was oft den Tod zur Folge hätte. Auf Grund dieses Vernunftschlusses verordnete er stets nur zwei Arten von Medikamenten, die er ununterschiedlich bei jeglichen Erkrankungen anwandte: nämlich beruhigende Pulver und Pillen. Er fand mich sehr elend und verabreichte mir fürs erste eine Dosis seiner wunderbaren Pillen.

Der König und Fräulein von Sonsfeld blieben den ganzen Nachmittag bei mir. Er fragte mich eingehend über meine gegenwärtige Lage aus. Ich erzählte ihm alle meine Leiden, doch bat ich ihn zugleich, dem Markgrafen huldvoll entgegenzukommen, denn falls er sich anders verhielte, würde er ihn nur noch mehr gegen mich erbittern. »Ich sehe,« sagte er, »daß Sie in der Tat nicht imstande waren, nach Berlin zu fahren, doch müssen Sie nach Ihrer Entbindung unfehlbar kommen; um alle Schwierigkeiten zu beheben, soll mein Schwiegersohn zuerst abreisen, und Sie werden ihm folgen, sobald Sie wohl genug sind. Ich will die Kosten tragen, sowohl was Sie als was Ihr Gefolge betrifft; ich werde meine Angelegenheiten so einzurichten suchen, daß ich Sie bevorzugen kann; Ihr Kind werden Sie mit sich nehmen; ich kann nicht dulden, daß man Sie hier peinigt. Ihr Schwiegervater und mein Schwiegersohn von Ansbach sind zwei Narren, die man einsperren sollte. Ich will mich Ihretwegen dem ersten höflich erzeigen; aber was den zweiten und Ihre Schwester betrifft, so werde ich ihnen den Standpunkt klarmachen und ihnen den Kopf waschen.« Ich bat ihn flehentlich, davon abzusehen, da er meine Schwester dadurch nur noch unglücklicher machen würde, als sie schon sei; er würde sie beide viel eher eines Besseren belehren, wenn er gütig mit ihnen verführe; er möge also meine Bitte erfüllen und gut gegen sie sein, damit sie nicht dächten, ich hätte ihn gegen sie aufgebracht, um mich für den letzten Streich, den sie mir gespielt hätten, zu rächen. Er ging auf meine Gründe ein und willfahrte mir auch hierin. Sie kamen bald darauf an. Der König empfing sie sehr kalt. Da es spät war, ging man zu Tische, und er setzte sich zwischen meine Schwester und mich. Nach dem Souper zog sich alles zurück.

Tags darauf stattete der König meiner Schwester einen Besuch ab. Ich weiß nicht, ob er über den ihm bereiteten Empfang unzufrieden war oder ob irgendein anderer Grund ihn verdrossen hatte, aber ich weiß, daß er den ganzen Tag nichts als zankte und Rügen austeilte. Der Abend wurde in dem Rauchzimmer verbracht, wohin auch wir uns verfügten. Der König erkundigte sich bei meinem Schwiegervater, dem Markgrafen, eingehend über die Zustände seines Landes. Dieser war höchst unwissend in diesem Punkt und konnte die Fragen nicht beantworten. Dies ärgerte den König so, daß er ihm seine geringe Teilnahme an den Regierungsgeschäften vorwarf, wodurch die schreckliche Unordnung entstanden sei, die in seinem Lande herrsche. »Man betrügt Sie von allen Seiten«, sagte er, »und macht sich Ihre Nachlässigkeit zunutze. Sie klagen über Ihre Schulden und tun nichts, um sie zu tilgen. Ich habe Ihnen, von der Mitgift meiner Tochter abgesehen, zweihundertsechzigtausend Taler geliehen; statt Ihre Gläubiger zu befriedigen, lassen Sie diese Summen in Ihren Geldschränken modern und verlieren die Zinsen, die Sie beziehen könnten, und Ihren Kredit. Es wäre Zeit, daß Sie da Ordnung schüfen. Alle Ihre Mühe wird vergebens sein, wenn Sie Ihren Sohn nicht an allem Anteil nehmen lassen, er ist es, der die Last der Regierung mit Ihnen tragen sollte, und an Ihnen ist es, ihn in die Geschäfte einzuweihen; wenn Ihre Leute sehen werden, daß sie eine doppelte Aufsicht haben, werden sie nicht länger wagen, Sie wie bisher zu hintergehen, besonders wenn sie sehen, daß ein gutes Einvernehmen zwischen Ihnen besteht; übrigens kenne ich meinen Schwiegersohn zu gut, um anzunehmen, daß er den Einfluß, den Sie ihm einräumen, jemals mißbrauchen könnte. Schicken Sie ihn jeden Tag in die Gerichtshöfe, er wird Ihnen berichten, was dort alles vorgeht; seine Gegenwart wird den dort Angestellten ein Sporn sein und sie zu größerem Fleiße aufmuntern.«

Diese Ansprache betrübte mich sehr; ich sah die Folgen auf der Stelle voraus. Der Markgraf blieb davon betroffen und gab ihm eine problematische Antwort. Der König erwiderte darauf, daß er sich nicht in seine Angelegenheiten mischen würde, wenn die Achtung, die er für ihn hege, sowie das Interesse seiner Kinder es nicht erheischte. »Wollen Sie, mein lieber Markgraf« sagte er, »daß ich Ihnen jemanden schicke, der Ihren Finanzen aufhilft und Sie aus der Verlegenheit zieht, aus der Sie ja nie herauskommen werden, wenn Sie sich keine Fremden nehmen wollen; denn Ihre eigenen Leute halten zusammen wie eine Kette: wer da einen angreift, greift sie alle an, denn einer trägt den andern; um Sie zu betrügen, stimmen sie alle überein, und nur ein Dritter könnte hinter ihre Schliche kommen. Ich befand mich in der gleichen Lage wie Sie, als ich die Regierung antrat, und habe mir den Rat, den ich Ihnen hier gebe, selbst sehr zunutze gemacht.«

Obwohl der Markgraf über den ersten Teil dieser Rede sehr gereizt war, fand er die letzten Worte so wohlbegründet, daß er das Anerbieten des Königs bereitwillig annahm. Der König nahm ihm das Versprechen ab, uns nach meiner Niederkunft nach Berlin zu schicken; es würde ihm nichts kosten, sondern vielmehr eine große Ersparnis für ihn sein. Der Schwiegervater gestand es ihm gerne zu, und sie schieden scheinbar sehr zufrieden voneinander. Ich nahm abends zärtlichen Abschied von diesem teuren Vater, nicht ohne viele Tränen zu vergießen. Er verließ uns tags darauf, den 9. August.

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