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Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Gogol
titleAbende auf dem Vorwerke bei Dikanjka und andere Erzählungen
publisherBüchergilde Gutenberg
illustratorGünther Stiller
year1962
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081127
modified20140612
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Johannisnacht

Eine wahre Begebenheit, erzählt vom Küster der X-schen Kirche

Foma Grigorjewitsch hatte eine Eigentümlichkeit: er konnte es auf den Tod nicht leiden, dieselbe Geschichte zweimal zu wiederholen. Und wenn es auch manchmal jemand fertigbrachte, ihn zu bewegen, daß er eine seiner Geschichten zum zweitenmal erzählte, so fügte er jedesmal etwas Neues ein oder änderte die Erzählung so, daß man sie gar nicht wiedererkennen konnte. Einmal gelang es einem jener Herren – wir einfachen Leute wissen gar nicht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber sind sie ja eigentlich nicht, eher so was wie die Makler auf unseren Jahrmärkten: sie schleppen, betteln und stehlen sich alles mögliche zusammen und machen dann daraus jeden Monat oder jede Woche ein Büchlein so dünn wie ein Abc-Buch –, es gelang also einem jener Herren, diese Geschichte von ihm herauszulocken, und Foma Grigorjewitsch hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dieser selbe junge Herr aus Poltawa in einem erbsgrauen Rock gefahren und bringt ein kleines Büchlein mit; er schlägt es in der Mitte auf und zeigt es uns. Foma Grigorjewitsch ist schon im Begriff, sich die Brille aufzusetzen, aber es fällt ihm ein, daß er vergessen hat, sie mit Faden und Wachs festzumachen; darum gibt er das Büchlein mir. Da ich lesen gelernt habe und keine Brille brauche, so begann ich zu lesen. Ich hatte aber noch keine zwei Seiten umgeblättert, als er mich bei der Hand packte.

»Wartet! Sagt mir zuvor, was Ihr da lest?«

Ich muß gestehen, daß mich diese Frage etwas verblüffte.

»Was ich lese, Foma Grigorjewitsch? Eure eigene wahrhafte Geschichte. Eure eigenen Worte.«

»Wer hat Euch gesagt, daß das meine eigenen Worte sind?«

»Was für einen Beweis wollt Ihr denn noch? Da steht es ja ausdrücklich gedruckt: Erzählt vom Küster Soundso.«

»Spuckt dem auf den Kopf, der das gedruckt hat! Er lügt, der verdammte Moskowiter! Sind das meine Worte? Es klingt, als hätte ihm der Teufel eine Schraube im Kopfe losgemacht! Hört zu, ich will euch die Geschichte selbst erzählen.«

Wir rückten alle an den Tisch heran, und er erzählte:

»Mein Großvater (Gott hab' ihn selig! Möge er in jener Welt nichts als Weizenbrot und Mohnkuchen mit Honig zu essen bekommen!) verstand großartig zu erzählen. Wenn er erzählte, konnte man den ganzen Tag auf einem Platze sitzen und nur immer zuhören. Es ist kein Vergleich mit den heutigen Possenreißern, die so lügen und dabei noch eine solche Sprache führen, als hätte man ihnen drei Tage lang nichts zu essen gegeben; man möchte am liebsten seine Mütze nehmen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, als ob es heute gewesen wäre – meine selige Mutter war noch am Leben –, ich erinnere mich noch, wie sie an manchem langen Winterabend, wenn draußen der Frost krachte und das schmale Fenster unserer Wohnstube mit Schnee vermauerte, wie sie da am Spinnrocken saß, den langen Faden zog, mit dem Fuß eine Wiege schaukelte und dazu ein Lied sang, das mir noch heute in den Ohren klingt. Die Talglampe beleuchtete wie vor Schreck zitternd und flackernd die Stube. Die Spindel summte, und wir Kinder drängten uns um den Großvater zusammen, der vor Alter seit fünf Jahren nicht mehr vom Ofen heruntergekrochen war, und hörten ihm zu. Aber die wunderbaren Mären von den alten Tagen, von den Feldzügen der Saporoger Kosaken, von den Polen, von den Heldentaten eines Podkowa, eines Poltora-Koshucha oder eines Ssagaidatschnij packten uns nicht so sehr wie die Erzählungen von alten seltsamen Begebenheiten, bei denen es uns kalt überlief und unsere Haare zu Berge standen. Manchmal jagten uns diese Erzählungen solchen Schrecken ein, daß wir dann den ganzen Abend Gott weiß was für Spuk sahen. Und wenn es manchmal vorkam, daß ich nachts hinausgehen mußte, so glaubte ich immer, es habe sich inzwischen ein Gast aus jener Welt in mein Bett gelegt. Der Himmel strafe mich, so daß ich nie wieder Gelegenheit habe, diese Geschichte zu erzählen, wenn ich nicht gar oft meinen eigenen Rock am Kopfende meines Bettes für einen zusammengerollten Satan hielt. Das Wichtigste an den Erzählungen meines Großvaters aber war, daß er niemals log und nur von solchen Dingen sprach, die sich wirklich zugetragen hatten.

Eine seiner wunderlichen Geschichten will ich euch jetzt wiedererzählen. Ich weiß wohl, daß es unter den Gerichtsschreibern und anderen Leuten, die weltliche Bücher lesen, gescheite gibt, die sich zwar in einem ganz gewöhnlichen Gebetbuche nicht auskennen, aber dafür um so besser zu spotten verstehen. Was man ihnen auch erzählt, sofort fangen sie zu grinsen an. Ein furchtbarer Unglaube hat sich in der Welt breit gemacht! Was soll ich noch viel darüber sprechen? Gott und die Heilige Jungfrau mögen mich verdammen, ihr werdet es mir vielleicht gar nicht glauben: aber als ich einmal die Rede auf die Hexen brachte, so fand sich wirklich ein Frechling, der nicht einmal an die Hexen glaubte! Ich lebe ja, Gott sei Dank, schon so viele Jahre auf der Welt und habe schon solche Ketzer gesehen, für die es leichter ist, in der Beichte zu lügen, als für unsereinen, eine Prise Tabak zu nehmen; und selbst diese Ketzer bekreuzigten sich, wenn sie einmal etwas von einer Hexe hörten. Ich wollte, es wäre ihnen einmal im Traum . . . ich will lieber gar nicht sagen, wer ihnen im Traum erscheinen soll . . . Was soll ich noch viel von solchen Leuten sprechen!

Vor mehr als hundert Jahren – so erzählte der Großvater – war unser Dorf so ganz anders, daß es niemand wiedererkennen würde! Es war nur ein Weiler, ein ganz elender Weiler! An die zehn ungetünchte und ungedeckte Bauernhäuser standen unordentlich mitten im Felde. Es gab weder einen Zaun noch einen ordentlichen Schuppen, wo man einen Wagen oder ein Stück Vieh hätte einstellen können. Und so lebten die Reichen; und wie wir Armen lebten, das hättet ihr sehen sollen: ein Loch in der Erde – das war das ganze Haus! Nur wenn Rauch aufstieg, konnte man merken, daß da ein Christenmensch wohnte. Ihr werdet fragen, warum die Menschen so lebten? Armut war es ja eigentlich nicht, denn damals zog fast ein jeder als Kosake durch die Welt und erbeutete in fremden Ländern genug Reichtümer. Es hatte aber gar keinen Zweck, sich ein anständiges Haus zu bauen; denn es trieb sich damals allerlei Gesindel in der Gegend herum: Krimer Tataren, Polen, Litauer . . . Es kam auch vor, daß eigene Landsleute in Scharen angeritten kamen und plünderten. Alles mögliche kam vor.

In diesem Weiler zeigte sich manchmal ein Mann oder, richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt. Woher er kam und wozu er kam, das wußte kein Mensch. Er vergnügte sich, soff und verschwand gleich wieder, wie wenn ihn die Erde verschlungen hätte. Und bald war er schon wieder da, wie vom Himmel gefallen, und trieb sich im Kirchdorfe umher, von dem jetzt keine Spur mehr zu sehen ist und das sich vielleicht kaum hundert Schritte von Dikanjka befand. Eine lustige Kumpanei scharte sich um ihn, man lachte und sang, warf das Geld mit vollen Händen umher und ließ den Schnaps wie Wasser fließen . . . Manchmal machte er sich an die jungen Mädchen heran, schenkte ihnen so viele Bänder, Ohrringe und Halsketten, daß sie gar nicht wußten, wo sie alles hintun sollten! Die jungen Mädchen wurden freilich manchmal nachdenklich, wenn sie von ihm so beschenkt wurden: Gott allein weiß, ob die Sachen nicht doch durch unreine Hände gegangen waren. Die leibliche Tante meines Großvaters, die um jene Zeit an der heutigen Oposchnjaner Landstraße eine Schenke hielt, in der Bassawrjuk (so hieß dieser teuflische Mensch) öfters zechte, pflegte zu sagen, daß sie von ihm um nichts in der Welt ein Geschenk annehmen würde. Andererseits, wie konnte man ein Geschenk zurückweisen? Einen jeden überlief es kalt, wenn Bassawrjuk seine borstigen Brauen zusammenzog und einen so böse ansah, daß man am liebsten davonlaufen würde. Nahm man aber etwas von ihm an, so kam schon in der nächsten Nacht so ein gehörnter Kerl aus dem Sumpf zu Besuch und würgte, wenn man ein Halsband angenommen, am Halse, biß in die Finger, wenn man einen Ring, oder zerrte am Zopfe, wenn man ein Haarband bekommen hatte. Nein, auf solche Geschenke verzichtete man lieber! Das Unglück aber war, daß man sie unmöglich loswerden konnte: warf man so einen teuflischen Ring oder eine Halskette ins Wasser, so schwamm das Ding oben auf der Oberfläche und kehrte in die Hand zurück, die es fortgeworfen.

Im Dorfe war eine Kirche; ich glaube, sie war gar dem heiligen Pantelej geweiht. An der Kirche wirkte als Priester P. Afanassij, seligen Andenkens. Als er merkte, daß Bassawrjuk selbst am heiligen Ostersonntag nicht in den Gottesdienst kam, wollte er ihm Vorwürfe machen und eine Kirchenbuße auferlegen. Aber wo! Er kam kaum mit heiler Haut davon. ›Hör' einmal, Herr!‹ herrschte ihn jener an. ›Kümmere dich lieber um deine Sachen, anstatt dich in fremde zu mischen, wenn du nicht willst, daß man dir deinen Bockhals mit heißem Brei verkleistert!‹ Was konnte man mit diesem Verdammten anfangen? P. Afanassij erklärte nur, daß er einen jeden, der mit Bassawrjuk verkehrte, für einen Ungläubigen und Feind der Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts halten würde.

Im gleichen Dorfe lebte ein Kosak namens Korsh. Und dieser Korsh hatte einen Arbeiter, den die Leute Pjotr Besrodnyj, das ist ›Elternlos‹ nannten, wahrscheinlich darum, weil er weder seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenälteste sagte, daß seine Eltern im Jahre nach seiner Geburt an der Pest gestorben wären; aber die Tante meines Großvaters wollte daran nicht glauben und gab sich die größte Mühe, den armen Pjotr mit Verwandtschaft zu versehen, obwohl er diese genausoviel brauchte wie wir den vorjährigen Schnee. Die Tante pflegte zu sagen, sein Vater lebe auch jetzt noch unter den Saporoger Kosaken; er sei in türkischer Gefangenschaft gewesen, habe Gott weiß was für Marter erlitten und sei durch irgendein Wunder entflohen. Die schwarzbrauigen Mädchen und jungen Weiber kümmerten sich wenig um seine Abstammung. Sie sagten nur, daß, wenn man ihm einen neuen Überrock mit rotem Gürtel anziehen, eine neue schwarze Lammfellmütze mit schmuckem Boden aus blauem Tuch aufsetzen, einen türkischen Säbel anschnallen und in die eine Hand eine Peitsche und in die andere eine hübsch verzierte Pfeife geben würde, er alle anderen Burschen in die Tasche stecken könnte. Leider hatte aber der arme Petrusj nur einen einzigen grauen Kittel, in dem mehr Löcher waren, als mancher Jude Dukaten in der Tasche hat. Das wäre noch nicht so schlimm; weit schlimmer war, daß der alte Korsh ein Töchterchen hatte, so hübsch, wie ihr ein ähnliches wohl noch nie gesehen habt. Die Tante meines gottseligen Großvaters berichtete – und ein Frauenzimmer, das wißt ihr doch selbst, wird eher, mit Verlaub zu sagen, den Teufel küssen als ein anderes Weibsbild eine Schönheit nennen –, sie berichtete, daß die vollen Bäckchen des Kosakenmädels so frisch und rosig waren wie die allerzartesten rosenfarbenen Mohnblüten, wenn sie, in Gottes Tau gebadet, aufleuchten, ihre Blättchen entfalten und sich der aufgegangenen Sonne zu Ehren schmücken; daß ihre Augenbrauen so schwarz wie die Schnüre waren, die die Mädchen heutzutage für ihre Kreuze und Schmuckmünzen bei den moskowitischen Hausierern kaufen, und sich gleichmäßig um ihre klaren Augen schwangen, wie um sich in ihnen zu spiegeln; daß ihr Mündchen, nach dem sich damals alle Burschen die Finger leckten, wie geschaffen dazu schien, mit Nachtigallenstimme zu singen; daß ihr Haar, so schwarz wie die Rabenflügel und so weich wie der junge Flachs (damals flochten unsere jungen Mädchen ihr Haar noch nicht zu kleinen, mit hübschen grellfarbigen Bändern durchzogenen Zöpfen), in freien Locken auf das goldgestickte Überkleid niederfiel. Ach, möge Gott mich strafen, so daß ich nie wieder in der Kirche das Halleluja singe, wenn ich sie nicht gleich auf der Stelle abküssen würde, trotz der grauen Haare, die sich schon auf meinem Schädel zeigen, und trotz meiner Alten, die mir auf dem Halse wie ein Star im Auge sitzt. Nun, wenn ein Bursch und ein Mädel nahe beieinander leben . . . da wißt ihr doch selbst, was daraus werden kann. Man konnte oft in aller Herrgottsfrühe die Spuren der roten Stiefelchen mit den eisenbeschlagenen Absätzen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj geschwatzt hatte. Der alte Korsh hätte wohl nichts Schlimmes geahnt; aber einmal – und das kann ja nur eine Finte des Teufels gewesen sein –, einmal fiel es dem Petrusj ein, ohne sich recht im finstern Hausflur umzusehen, das Mädel sozusagen von ganzer Seele auf die rosigen Lippen zu küssen, daß es nur so knallte, und dieser selbe Teufel – mag doch dem Hundesohn das heilige Kreuz im Traume erscheinen! – stiftete den alten Brummbären an, in diesem Augenblick die Tür zu öffnen. Korsh erstarrte zu einem Stück Holz, riß das Maul auf und hielt sich mit der Hand am Türpfosten fest. Der verdammte Kuß hatte ihn ganz betäubt. Er klang in seinen Ohren lauter als der Schlag mit dem Stößel gegen die Mauer, mit dem heutzutage der Bauer, in Ermangelung von Gewehr und Schießpulver, in der Johannisnacht die bösen Geister von seiner Stube verjagt.

Als er wieder zur Besinnung kam, nahm er seiner Vorfahren Reitpeitsche vom Nagel und wollte sie schon auf dem Rücken des armen Petrusj tanzen lassen, als plötzlich Pidorkas sechsjähriger Bruder Iwasj herbeigelaufen kam, die Beine des Vaters erschrocken umklammerte und flehte: ›Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!‹ Was war da zu tun? Das Herz des Vaters ist doch nicht von Stein. Er hängte die Reitpeitsche wieder an den Nagel, führte Petrusj aus der Stube hinaus und sagte ihm: ›Wenn du dich jemals wieder in meiner Stube oder auch nur draußen vor dem Fenster zeigst, so höre, Petro: bei Gott, dann ist es um deinen schwarzen Schnurrbart und deinen Kosakenschopf, den du dir zweimal um das Ohr wickeln kannst, geschehen – ich will nicht Terentij Korsh heißen, wenn dann der Schopf nicht Abschied von deinem Schädel nimmt!‹ Nachdem er dies gesagt hatte, gab er ihm einen leichten Stoß ins Genick, so daß Petrusj hinausflog. Das hatten sie also von der Küsserei! Die beiden Täubchen hatten nun schweren Kummer. Um diese Zeit tauchte im Dorfe das Gerücht auf, daß zu Korsh öfters ein Pole ins Haus kam; ein Pole in goldstrotzendem Rock, mit langem Schnurrbart, mit Säbel und Sporen und Taschen, die so klirrten wie der Klingelbeutel, den unser Meßner Taras in der Kirche umgehen läßt. Es ist doch wirklich nicht schwer zu erraten, wozu man zu einem Vater kommt, der ein schwarzbrauiges Töchterchen hat. Eines Tages nahm Pidorka ihren Bruder Iwasj auf die Arme und sagte unter Tränen: ›Iwasj, lieber Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein goldenes Kind, so schnell wie der Pfeil aus dem Bogen, und erzähle ihm alles: wie gern möchte ich seine braunen Augen, sein weißes Antlitz küssen, aber mein Schicksal will das nicht. Mehr als ein Handtuch habe ich mit heißen Tränen durchweicht. So schwer, so traurig ist mir ums Herz. Mein eigener Vater ist mir feind: er zwingt mich, den Polen, den ich nicht liebe, zu heiraten. Sag ihm noch, daß man auch schon die Hochzeit vorbereitet; es wird aber keine Musik auf meiner Hochzeit geben: statt der Leiern und Flöten wird der Gesang des Küsters tönen. Ich werde nicht mit meinem Bräutigam zum Tanze gehen; hinaustragen wird man mich. Dunkel, ach so dunkel wird meine Kammer sein! Aus Ahornbrettern gebaut, mit einem Kreuz statt des Schornsteins auf dem Dache!‹ Wie versteinert hörte Petro zu, als das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallte. ›Und ich Unglücklicher dachte schon daran, nach der Krim oder zu den Türken zu ziehen, viel Gold zu erbeuten und mit all dem Reichtum zu dir, meine Schöne, zurückzukehren. Doch das soll nicht sein. Ein böser Blick hat uns getroffen. Auch ich werde Hochzeit haben, mein teures Fischchen, aber auf meiner Hochzeit wird nicht einmal ein Küster singen – statt des Priesters wird ein schwarzer Rabe mir zu Häupten krächzen; das weite Feld wird meine Stube sein und die graue Wolke mein Dach. Der Adler wird mir die braunen Augen aushacken, der Regen wird meine Kosakenknochen auswaschen, und der Sturm wird sie austrocknen. Was fang' ich an? Wem soll ich klagen, wen soll ich anklagen? So hat's wohl Gott gewollt! Verloren ist verloren!‹ Und mit diesen Worten ging er in die Schenke.

Die Tante meines gottseligen Großvaters war ein wenig erstaunt, als Petrusj in die Schenke kam, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein anständiger Mensch zur Frühmesse geht; sie glotzte ihn an wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, als er von ihr einen Krug Branntwein verlangte, so groß wie ein halber Eimer. Aber vergebens suchte der Arme sein Leid im Schnapse zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge wie Brennesseln und schmeckte bitterer als Wermut. Er warf den Krug zu Boden. ›Traure doch nicht, Kosak!‹ dröhnte plötzlich ein Baß über seinem Kopfe. Er sah sich um: es war Bassawrjuk! Herrgott, diese Fratze! Die Haare wie Borsten, die Augen wie beim Ochsen. ›Ich weiß wohl, was dir fehlt: das da!‹ Mit teuflischem Grinsen ließ er den Lederbeutel, den er am Gürtel trug, erklirren. Petrusj fuhr zusammen. ›He, he! Wie das funkelt!‹ brüllte Bassawrjuk, indem er sich Dukaten auf die Hand schüttete. ›He, he, wie das klimpert! Und für einen ganzen Berg solcher Dinger wird man von dir nur eine einzige Tat verlangen‹ – ›Satan!‹ schrie Petrusj. ›Gib's her! Ich bin zu allem bereit!‹ Sie waren bald einig. ›Paß auf, Petrusj, du bist mir gerade zur rechten Zeit in den Weg gekommen: morgen ist der Johannistag. Nur in dieser einen Nacht im Jahre blüht das Farnkraut. Verpasse es nicht! Ich werde dich um Mitternacht im Bärengraben erwarten!‹

Ich glaube, die Hühner warten nicht so sehnsüchtig auf die Stunde, wo die Bäuerin ihnen ihr Futter ausstreut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Jeden Augenblick sah er hin, ob die Schatten der Bäume nicht länger würden, ob die sinkende Sonne sich nicht schon rötete: und je länger er warten mußte, um so ungeduldiger wurde er. Wie langsam die Zeit vergeht! Gottes Tag hat wohl irgendwo sein Ende verloren und kann es nicht wiederfinden. Nun ist die Sonne fort. Der Himmel rötet sich auf der einen Seite. Und schon wird er trüb. Im Felde wird es kälter. Es dämmert und ist schon ganz dunkel. Endlich! Als er sich auf den Weg machte und behutsam durch das Waldesdickicht in eine tiefe Schlucht, die man den Bärengraben nennt, hinabstieg, wollte ihm das Herz aus der Brust springen. Bassawrjuk erwartete ihn schon. Stockfinster war es. Hand in Hand schlichen sie durch das Moor, bei jedem Schritt stolpernd und sich in den Dornenbüschen verfangend. Endlich kamen sie auf einen freien Platz. Petro sah sich um: noch niemals war er an dieser Stelle gewesen. Auch Bassawrjuk blieb stehen.

›Siehst du, hier sind vor dir drei kleine Hügel. Allerlei Blumen werden auf ihnen erblühen, aber alle überirdischen Mächte mögen dich davor bewahren, auch nur eine von ihnen zu brechen! Doch wenn das Farnkraut erblüht, faß es und renne davon, ohne dich umzublicken, was du auch hinter dir zu sehen meinst.‹

Petro wollte noch etwas fragen . . . aber der war schon verschwunden. Nun ging er zu den drei Hügeln; wo sind die Blumen? Nichts ist zu sehen. Schwarzes Steppengras überwucherte alles. Da wetterleuchtete es plötzlich, und vor ihm erschien ein ganzes Beet voll wunderbarer Blumen, wie er sie noch nie gesehen hatte; daneben waren auch die einfachen Blätter des Farnkrauts. Petro fing schon an zu zweifeln; beide Hände in die Hüften gestemmt, stand er nachdenklich vor den Blumen und fragte sich:

›Was ist denn dabei? Zehnmal am Tage sehe ich allerlei Kräuter; was ist denn das für ein Wunder? Macht sich am Ende diese Teufelsfratze über mich lustig?‹

Aber sieh: da blüht schon eine kleine rote Knospe und bewegt sich, wie wenn sie lebendig wäre. Das ist doch wirklich wunderbar! Sie bewegt sich und wird immer größer und größer und glüht rot wie eine brennende Kohle. Ein Sternchen flackert auf, es knistert leise, und die Blüte entfaltet sich vor seinen Augen wie eine Flamme und beleuchtet die anderen Blumen, die daneben stehen.

›Jetzt ist's Zeit!‹ sagte sich Petro und streckte die Hand aus. Und er sah, wie sich Hunderte zottiger Hände nach der gleichen Blume ausstreckten; und er hörte, wie hinter ihm jemand von Ort zu Ort herumlief. Er schloß die Augen, zog am Stengel, und die Blüte blieb in seiner Hand. Sofort wurde alles still. Auf einem Baumstumpfe saß plötzlich Bassawrjuk da, ganz blau angelaufen wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger. Seine Augen starrten auf etwas, das nur er allein sehen konnte; der Mund stand halb offen, aber er sprach kein Wort. Ringsum blieb alles stumm und unbeweglich. Herrgott, wie unheimlich! . . . Da erklang aber ein Pfiff, vor dem Petro das Herz stehenblieb, und es dünkte ihn, als ob das Gras rauschte und die Blumen zueinander sprächen mit Stimmchen, so dünn wie silberne Glöckchen; die Bäume dröhnten wütende Flüche . . . Bassawrjuks Gesicht wurde plötzlich lebendig, und seine Augen leuchteten auf. ›Endlich ist sie zurück, die Hexe!‹ brummte er durch die Zähne. ›Paß auf, Petro, gleich wird vor dir ein schönes Weib erscheinen: tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du für ewig verloren!‹ Nun zerteilte er das Dornengestrüpp mit seinem Knotenstock, und vor ihm stand plötzlich eine Hütte, wie es im Märchen heißt: ›ein Hüttchen auf Hühnerfüßchen‹. Bassawrjuk schlug mit der Faust gegen die Wand, und die ganze Hütte erbebte. Ein großer schwarzer Hund kam winselnd hervor, verwandelte sich sofort in eine Katze und sprang ihnen in die Augen. ›Nicht so wild, nicht so wild, alte Hexe!‹ sagte Bassawrjuk und fügte noch so ein Wörtlein hinzu, daß jeder anständige Mensch sich dabei die Ohren zugehalten hätte. Und siehe da: statt der Katze stand schon ein altes Weib, so runzlig wie ein gebackener Apfel, und krümmte den Rücken; die Nase und das Kinn sahen zusammen wie ein Nußknacker aus. – Eine nette Schönheit! – dachte sich Petro, und es überlief ihn kalt. Die Hexe entriß ihm die Blume, beugte sich über sie, flüsterte unverständliche Worte und besprengte sie mit irgendeinem Wasser. Funken stoben ihr aus dem Munde, Schaum trat ihr auf die Lippen. ›Wirf sie hin!‹ sagte sie, indem sie ihm die Blume zurückgab. Petro warf die Blume in die Luft und – o Wunder! sie fiel nicht gerade hin, sondern schwebte noch lange als leuchtende kleine Kugel im Dunkeln, wie ein Boot durch die Luft; dann begann sie langsam zu sinken und fiel schließlich zu Boden, so fern von ihnen, daß das leuchtende Sternchen nicht größer erschien als ein Mohnkorn. ›Hier!‹ sagte heiser die Alte; Bassawrjuk reichte ihr einen Spaten und rief: ›Grabe hier an dieser Stelle, Petro; du wirst hier so viel Gold finden, als weder du noch Korsh je im Traume gesehen habt.‹ Petro spie sich in die Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß darauf und wendete die Erde um, einmal, noch einmal, ein drittes und viertes Mal . . . er stieß auf etwas Hartes! . . . Der Spaten klirrte und wollte nicht tiefer eindringen. Nun sahen seine Augen ganz deutlich eine kleine eisenbeschlagene Truhe. Er wollte mit der Hand nach ihr greifen, aber die Truhe begann immer tiefer in die Erde zu versinken; und hinter sich hörte er ein Lachen, das ganz wie das Zischen von Schlangen klang. ›Das Gold kriegst du nicht, ehe du nicht Menschenblut vergossen hast!‹ sagte die Hexe und stellte vor ihn ein etwa sechsjähriges Kind, das in ein weißes Laken eingehüllt war; sie machte ihm ein Zeichen, daß er dem Kinde den Kopf abhacken müsse. Petro erstarrte. Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit, so mir nichts dir nichts einem Menschen den Kopf abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Voller Wut riß er das Laken vom Kopfe des Kindes, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind hielt seine Händchen gekreuzt und sein Köpfchen gesenkt . . . Wie toll sprang Petro mit dem Messer auf die Hexe und holte zu einem Schlage aus . . .

›Und was versprachst du für das Mädchen? . . .‹ dröhnte Bassawrjuks Stimme; im gleichen Augenblick hatte Petro das Gefühl, als ob ihn ein Schuß in den Rücken getroffen hätte. Die Hexe stampfte mit dem Fuß: eine blaue Flamme schlug aus dem Boden empor . . . Die Stelle am Boden leuchtete auf und wurde durchsichtig wie Kristall, und Petro konnte alles, was in der Erde war, wie auf der flachen Hand sehen. Dukaten und Edelsteine in Kisten und Töpfen lagen haufenweise unter der Stelle, auf der sie standen. Petros Augen brannten vor Gier . . . es schwindelte ihm . . . Wie ein Besessener holte er mit dem Messer aus, und unschuldiges Blut spritzte ihm in die Augen . . . Ein teuflisches Lachen dröhnte von allen Seiten. Fürchterliche Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm. Die Hexe krallte ihre Hände in die geköpfte Leiche und sog wie ein Wolf das Blut . . . Alles drehte sich um Petro im Kreise herum! Er nahm seine letzten Kräfte zusammen und begann zu laufen. Alles, was er sah, war von einem roten Licht übergossen. Alle Bäume schienen in Blut getaucht, sie leuchteten und stöhnten. Das Himmelsgewölbe glühte und bebte . . . Feuerflecke zuckten wie Blitze vor seinen Augen. Mit dem Aufwand seiner letzten Kräfte erreichte er seine Hütte und fiel wie ein Stein zu Boden. Und ihn überfiel ein Schlaf so fest und tief wie der Tod.

Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petro, ohne aufzuwachen. Als er am dritten Tage erwachte, starrte er lange in die Ecken seiner Stube. Vergeblich suchte er sich auf irgend etwas zu besinnen: sein Gedächtnis war wie die Tasche eines alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Er reckte sich und hörte plötzlich zu seinen Füßen ein Klirren. Er sah hin: zwei Säcke voll Gold lagen am Boden. Erst jetzt erinnerte er sich wie an einen Traum, daß er irgendeinen Schatz gesucht, und wie er sich allein im Walde gefürchtet hatte . . . Aber um welchen Preis er den Schatz erlangt hatte, das konnte er unmöglich begreifen.

Als Korsh die Goldsäcke sah, wurde er weich wie Butter. ›Ach dieser Petrusj! Habe ich ihn denn nicht geliebt? War er mir nicht stets wie ein eigener Sohn?‹ Und der alte Brummbär begann zu lügen, daß dem Petrusj die Tränen in die Augen traten. Pidorka erzählte ihm, daß vorbeiziehende Zigeuner den Iwasj gestohlen hätten; aber Petrusj konnte sich auf das Kind gar nicht besinnen, so hatte ihn der Teufelsspuk verwirrt! Nun hatte es keinen Zweck, noch länger zu warten. Den Polen schmiß man hinaus und machte sich an die Hochzeitsfeier: man buk Berge von Kuchen, stickte zahllose Handtücher und Kopftücher, rollte ein Faß Branntwein aus dem Keller herauf, setzte das junge Paar an den Tisch, schnitt das Hochzeitsbrot auf, ließ die Leiern, Zimbeln und Flöten erschallen – und es ging los . . .

In alten Zeiten wurde eine Hochzeit ganz anders gefeiert als heute. Wenn die Tante meines Großvaters von so einer Hochzeit erzählte, so wurde man vom bloßen Zuhören lustig! Wie die Mädels in schmuckem Kopfputz aus gelben, blauen und rosa Bändern, die oben von einer goldenen Tresse zusammengehalten waren, in feinen, an den Nähten mit roter Seide und von oben bis unten mit kleinen silbernen Blumen bestickten Hemden in Saffianstiefelchen auf hohen eisenbeschlagenen Absätzen so majestätisch wie die Pfauen und so laut rauschend wie der Sturmwind durch die Stube sprangen. Wie die jungen Frauen in bootförmigen Hauben aus Goldbrokat mit kleinen Ausschnitten am Nacken, aus denen die goldenen Käppchen mit den beiden Hörnchen aus feinstem schwarzem Lammfell, das eine nach vorn und das andere nach hinten, hervorguckten, in blauen Überkleidern aus bestem Seidenstoff mit roten Klappen, in würdiger Haltung, die Hände in die Hüften gestemmt, eine nach der anderen hervortraten und gemessenen Schrittes den Hoppak tanzten. Wie die Burschen in hohen Kosakenmützen, feinen Tuchröcken mit silbergestickten Gürteln, die Pfeife im Munde, wie die Teufel um das Weibsvolk scharwenzelten und schwatzten. Als der alte Korsh die Jungen sah, konnte er sich nicht länger halten und ließ seine alten Tage wieder aufleben. Mit einer Leier in der Hand, aus der Pfeife paffend und zugleich etwas singend, einen Becher auf dem Kopfe, begann der Alte beim lauten Geschrei der lustigen Gäste zu hopsen. Was die Menschen nicht alles erfinden können, wenn sie angeheitert sind! Manchmal verkleidete man sich so, daß man überhaupt keinem Menschen ähnlich sah. Mit den Maskeraden bei den heutigen Hochzeiten ist es gar nicht zu vergleichen. Was treibt man denn heute? Man verkleidet sich als Zigeunerinnen und als Moskowiter, und das ist alles. Nein, da verkleidete sich damals der eine als Jude und der andere als Teufel, erst küßten sie sich und dann packten sie einander bei den Schöpfen . . . Gott sei ihnen gnädig! Man lachte so, daß man sich den Bauch halten mußte. Oder man zog sich türkische und tatarische Kleider an; die Goldstickereien leuchteten wie das Feuer . . . Und manchmal trieb man solche Späße, daß es nötig wäre, die Heiligenbilder aus der Stube hinauszutragen! Mit der Tante meines gottseligen Großvaters, die dieser Hochzeit beiwohnte, begab sich eine lustige Geschichte: sie hatte ein weites tatarisches Gewand an und ging mit einem Becher in der Hand von Gast zu Gast, um alle zu bewirten. Nun stiftete der Teufel einen an, sie von hinten mit Branntwein zu begießen; und ein anderer schlug in diesem Augenblick Feuer und zündete den Branntwein an . . . die Flamme loderte empor . . . Die arme Tante erschrak so sehr, daß sie sich vor allen Leuten die Kleider vom Leibe zu reißen begann. Da gab es einen Lärm, ein Lachen und ein Durcheinander wie bei einem Jahrmarkt. Mit einem Wort, selbst die ältesten Leute konnten sich an keine so lustige Hochzeit erinnern.

Pidorka und Petrusj lebten nun zusammen wie reiche Leute, von allem hatten sie genug, alles glänzte wie Gold . . . Und doch schüttelten die Leute die Köpfe. ›Vom Teufel kommt nichts Gutes!‹ klang es wie aus einem Munde. ›Woher kann er den Reichtum haben, wenn nicht vom Versucher des rechtgläubigen Christenvolkes? Wo hat er einen solchen Haufen Gold hernehmen können? Warum ist Bassawrjuk gerade an dem Tag, als Petrusj so plötzlich reich wurde, spurlos verschwunden?‹ Man sieht ja: nicht alles, was die Leute reden, ist eitles Gerede! In der Tat: es verging kein Monat, und Petrusj war nicht wiederzuerkennen. Woher das kam und was mit ihm geschehen war, das wußte Gott allein. Er saß immer auf einem Fleck und sprach kein Wort; er dachte und spintisierte und wollte sich wohl auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka zuweilen gelang, ihn zum Sprechen zu bringen, so vergaß er sich und heiterte sich sogar etwas auf; kaum fiel aber sein Blick auf die Goldsäcke, so schrie er gleich: ›Halt, halt, ich hab's vergessen!‹ Und er versank in Gedanken und suchte sich wieder auf etwas zu besinnen. Manchmal, wenn er lange so auf einem Fleck saß, schien es ihm, daß das Vergessene ihm gleich wieder einfallen würde . . . aber gleich war alles wieder weg. Er sitzt in der Schenke; man kredenzt ihm Schnaps; der Schnaps brennt ihm auf der Zunge; der Schnaps widert ihn an; jemand geht auf ihn zu und klopft ihm auf die Schulter . . . Das ist alles, worauf er sich besinnen kann; alles übrige ist wie im Nebel. Der Schweiß rinnt ihm vom Gesicht, und er setzt sich wieder ganz entkräftet auf seinen Platz.

Alles mögliche versuchte Pidorka: sie befragte Wahrsager, ließ Zinn gießen und Wasser besprechen – nichts wollte helfen. So verging der ganze Sommer. Viele Kosaken hatten schon die Heu- und die Kornernte eingebracht, und die kühneren waren schon ins Feld gezogen. Schwärme von Wildenten drängten sich noch in unseren Sümpfen, aber der Zaunkönig war schon längst verschwunden. Die Steppe war rot von Heidekraut. Getreidehaufen lagen bunt wie Kosakenmützen im Felde umher. Auf den Straßen konnte man schon mit Reisig und Brennholz beladene Wagen sehen. Die Erde war hart geworden und stellenweise gefroren. Schon fielen Schneeflocken vom Himmel herab, und die Baumäste hüllten sich in Rauhreif wie in Hasenfelle. Schon ging an klaren Frosttagen der rotbrüstige Gimpel wie ein eitler polnischer Edelmann über den Schneehaufen spazieren und pickte sich Körner. Kinder jagten mit Riesenstöcken hölzerne Kreisel über das Eis, während ihre Väter ruhig auf den Öfen lagen und nur ab und zu mit der brennenden Pfeife in den Zähnen vor das Haus traten, um mit einem kräftigen Worte auf den so frühzeitigen Frost zu schimpfen, oder um sich auszulüften, oder um das Korn im Flur noch einmal durchzudreschen. Und dann kam wieder die Schneeschmelze, die Zeit, ›wo der Hecht mit dem Schwänze das Eis durchschlägt‹. Petro war aber immer derselbe, war sogar noch trübsinniger geworden. Wie angekettet saß er mitten in der Stube vor den Goldsäcken, verwildert, über und über mit Haaren bewachsen, und sah gar schrecklich aus. Er dachte immer an dasselbe, wollte sich immerauf etwas besinnen und ärgerte sich und wütete, weil er es nicht konnte. Manchmal erhob er sich wie wild von seinem Platz, schwang die Arme, starrte auf einen Punkt, als ob er etwas erhaschen wollte; seine Lippen bewegten sich, als wollten sie irgendein längst vergessenes Wort aussprechen, und erstarrten gleich wieder . . . Rasende Wut überfiel ihn; wie ein Besessener nagte und biß er sich die Hände und raufte sich die Haare, bis er wieder still wurde und wie ohnmächtig niederfiel; und dann begann er von neuem nachzusinnen, zu wüten und sich zu quälen . . . Das war wie eine Strafe Gottes. Pidorka hatte keine Freude am Leben mehr. In der ersten Zeit fürchtete sie immer, allein mit ihm in der Stube zu bleiben; später gewöhnte sie sich an ihr Unglück. Aber die frühere Pidorka war nicht mehr wiederzuerkennen. Die Wangen waren blaß, die Lippen lächelten niemals; ganz abgezehrt war sie, ausgeweint waren ihre einst so klaren Augen. Jemand, der mit ihr Mitleid hatte, gab ihr einmal den Rat, zu der Zauberin zu gehen, die im Bärengraben hauste und von der es hieß, daß sie alle Krankheiten heilen könne. Pidorka entschloß sich, dieses letzte Mittel zu versuchen; mit vielen Worten überredete sie die Alte, mit ihr mitzukommen. Es war in der Abendstunde, gerade am Vorabend der Johannisnacht. Petro lag bewußtlos auf der Bank und sah den Gast gar nicht. Aber allmählich richtete er sich auf und heftete seinen Blick auf die Zauberin. Und plötzlich erbebte er wie auf dem Blutgerüst; die Haare standen ihm zu Berge . . . und er lachte so wild auf, daß Entsetzen Pidorka ins Herz schnitt. ›Nun weiß ich es! Nun weiß ich es!‹ schrie er ganz außer sich vor Freude. Er ergriff eine Axt und ließ sie aus aller Kraft auf die Alte niedersausen. Die Axt drang vier Zoll tief in die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden und ein Kind von sechs Jahren, in weißem Hemd, mit verhülltem Kopfe stand plötzlich mitten in der Stube . . . Das Laken, in das es gehüllt war, fiel herunter. ›Iwasj!‹ schrie Pidorka und stürzte auf ihn hin. Doch das Gespenst war plötzlich vom Kopf bis zu den Füßen mit Blut bedeckt und erleuchtete die ganze Stube mit rotem Lichte . . . Außer sich vor Angst lief Pidorka auf den Flur hinaus; sie besann sich aber und wollte in die Stube zurück, um den Bruder zu retten. Aber vergebens! Die Tür war so fest zugeschlagen, daß sie sie nicht mehr öffnen konnte. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür ein – keine Seele war in der Stube! Alles war voller Rauch, und in der Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Häufchen Asche, von dem hie und da Rauch aufstieg. Man stürzte zu den Säcken: statt der Dukaten lagen nur Scherben darin. Mit glotzenden Augen, aufgerissenen Mäulern, so starr, daß keiner den Schnurrbart zu rühren wagte, standen die Kosaken wie angewurzelt da. Solche Angst hatte ihnen dieses Wunder eingejagt!

Was weiter geschah, weiß ich nicht mehr. Pidorka gelobte, eine Pilgerfahrt zu unternehmen; sie sammelte die Habe zusammen, die ihr vom Vater übriggeblieben war, und nach einigen Tagen war jede Spur von ihr verschwunden. Niemand wußte zu sagen, wohin sie gegangen war. Übereifrige alte Weiber erklärten bereits, sie hätte sich dorthin begeben, wohin Petrusj verschwunden war; aber ein Kosak, der aus Kijew kam, erzählte, er habe dort im Höhlenkloster eine Nonne gesehen, die zu einem Gerippe abgemagert war und immerfort betete und in der die Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka erkannt hätten; daß noch niemand von ihr auch ein einziges Wort gehört habe; daß sie zu Fuß nach Kijew gekommen sei und für das wundertätige Bild der Mutter Gottes eine Fassung mitgebracht habe, die so dicht mit leuchtenden Edelsteinen besetzt gewesen sei, daß man die Augen schließen müßte, wenn man nur hinblickte.

Aber, mit Verlaub, damit war die Geschichte noch nicht zu Ende. Am selben Tage, als der Teufel Petrusj geholt hatte, tauchte Bassawrjuk wieder im Dorfe auf; aber jetzt mied man ihn noch mehr als früher. Nun wußte man, was er für einer war: doch niemand anders als der leibhaftige Satan, der Menschengestalt angenommen hatte, um Schätze aus der Erde zu graben; und da er mit seinen unreinen Händen keinen Schatz heben konnte, verführte er junge Burschen dazu. Im gleichen Jahre verließen alle Leute ihre Lehmhütten und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort fanden sie keine Ruhe vor dem verdammten Bassawrjuk. Die Tante meines gottseligen Großvaters erzählte, er sei auf sie ganz besonders wütend gewesen, weil sie ihre Schenke auf der Oposchnjaner Landstraße aufgegeben hatte; er habe immer versucht, an ihr Rache zu nehmen. Einmal waren die Dorfältesten in der Schenke versammelt und unterhielten sich, wie man so sagt, nach Rang und Amt am Tisch, auf dem ein gebratener Hammel stand; es wäre wohl eine Sünde, zu sagen, daß der Hammel klein gewesen sei. Man sprach über dies und jenes, auch über allerlei Mirakel und Wunder. Und plötzlich schien es, und nicht nur einem einzelnen – das wäre ja noch nicht so wichtig –, aber allen schien es, als ob der Hammel den Kopf erhöbe, als ob seine Augen sich belebten und leuchteten und als ob ihm plötzlich ein schwarzer struppiger Schnurrbart gewachsen wäre, den er bedeutungsvoll bewegte. Im Hammelkopf erkannten alle sofort Bassawrjuks Fratze; die Tante meines Großvaters glaubte schon, er würde gleich Schnaps verlangen . . . Die ehrenwerten Dorfältesten griffen nach ihren Mützen und rannten davon. Ein anderes Mal ereignete sich folgende Geschichte: Der Kirchenälteste, der die Angewohnheit hatte, ab und zu ein Zwiegespräch mit Großvaters Schnapsglas zu führen, sah einmal, als er es noch keine zweimal geleert hatte, wie das Glas sich vor ihm höchst ehrfurchtsvoll verneigte. ›Daß dich der Teufel!‹ rief er aus und begann sich zu bekreuzigen . . . Auch seine Ehehälfte erlebte ein ähnliches Wunder; kaum hatte sie in einem riesigen Trog Teig zu kneten begonnen, als der Trog plötzlich in die Höhe sprang. ›Halt! Halt!‹ Aber der Trog hörte nicht auf sie: stolz und würdevoll tanzte er durch die Stube . . . Lacht nur darüber! Aber unseren Großvätern war es gar nicht so lustig zumute. Obwohl P. Afanassij mit dem Weihwasserfaß durchs ganze Dorf ging und den Teufel mit dem Weihwedel zu vertreiben suchte, klagte die Tante meines gottseligen Großvaters noch lange Zeit darüber, daß jemand jeden Abend aufs Dach klopfte und an den Wänden kratzte. Was soll ich noch viel erzählen! Jetzt scheint auf der Stelle, wo unser Dorf steht, alles ruhig; es ist aber noch gar nicht so lange her – mein seliger Großvater und ich haben es noch erlebt –, daß an der verfallenen Schenke, die die unsauberen Geister noch lange Zeit auf eigene Kosten auszubessern trachteten, kein Christenmensch vorbeigehen konnte. Aus dem verrußten Schornsteine stiegen dichte Rauchwolken empor, so hoch, daß einem die Mütze vom Kopfe fiel, wenn man hinaufsah, und aus dem Rauche fielen glühende Kohlen über die ganze Steppe; und der Teufel – ich sollte ihn, den Hundesohn, gar nicht nennen! – heulte so jämmerlich in seinem Loch, daß die erschrockenen Raben sich scharenweise aus dem nahen Eichenwalde erhoben und mit wildem Geschrei durch den Himmel jagten.«

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