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Rund um den Kongreß

Ödön von Horváth: Rund um den Kongreß - Kapitel 4
Quellenangabe
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typecomedy
authorÖdön von Horváth
titleRund um den Kongreß
publisherSuhrkamp Verlag
seriesÖdön von Horváth ? Gesammelte Werke
volumeBand 3 ? Komödien
printrunErste Auflage
editorTraugott Krischke und Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6aac9049
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Drittes Bild

Schminke wartet auf einem Platz voller Fahnen vor dem Kongreßsaal.
Im Kongreßsaal wird begeistert applaudiert.
Schminke horcht; geht auf und ab.

Der Generalsekretär erscheint; er ist im Frack und sehr nervös: Herr Schminke! Schminke eilt auf ihn zu.

Sie sind Herr Schminke? Ich bin der Generalsekretär des internationalen Kongresses für internationale Bekämpfung der internationalen Prostitution und habe enorm zu tun. Herr Schminke sind Presse? Ich bedaure es außerordentlich, daß Sie bei der Absendung der Pressekarten übersehen worden sind, denn ich und der Kongreß legen auf eine großzügige Zusammenarbeit mit der Presse den allergrößten Wert. Auf alle Fälle freut es mich ehrlich, Ihnen bereits heute mitteilen zu können, daß die aufopferungsvolle Arbeit des Kongresses bereits heute äußerst beachtliche Erfolge gezeitigt hat. So hat der Kongreß bereits bis heute zwölf Unterausschüsse eingesetzt, die die Reihenfolge der zur Diskussion stehenden Programmpunkte bestimmen sollen. Ja!

Schminke Es freut mich außerordentlich, daß die Reihenfolge der zur Diskussion stehenden Programmpunkte bereits heute bestimmt wird.

Der Generalsekretär Werden soll! Ja!

Schminke Und was die Absendung der Pressekarten betrifft, so würde ich mich allerdings außerordentlich wundern, wenn ich nicht übersehen worden wäre.

Der Generalsekretär Ja!

Schminke Und was die Bekämpfung der Prostitution betrifft –

Der Generalsekretär unterbricht ihn: Ja! Na denn Hochachtung! Er will ab.

Schminke Halt! Es dreht sich hier nicht um Pressekarten!

Der Generalsekretär Sondern?

Schminke überreicht ihm sein Manuskript.

Was ist das?

Schminke Eine Denkschrift.

Der Generalsekretär Was soll ich damit?

Schminke An die Adresse des Kongresses.

Der Generalsekretär Motto?

Schminke ›Mit Aufhebung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse verschwindet auch die aus ihnen hervorgehende offizielle und nicht offizielle Prostitution.‹

Der Generalsekretär Wer sagt das?

Schminke Das wissen Sie. Stille.

Der Generalsekretär Ich weiß nichts. Lassen Sie die bürgerlichen Produktionsverhältnisse in Ruhe, Sie Kommunist! Ja!

Schminke Haben Sie den traurigen Mut zu leugnen, daß die Prostitution ausschließlich ein Produkt wirtschaftlicher Not ist?

Der Generalsekretär Nicht ausschließlich!

Schminke Zu neunundneunzig Prozent!

Der Generalsekretär Zu achtundneunzig!

Schminke Zu neunundneunzig!

Der Generalsekretär Zu hundert! Wenn Sie nämlich auch die seelische Not berücksichtigen wollen! Auch Königinnen leiden Not! Auch am Golfplatz wird gelitten! Ja!

Schminke Nur kein Pathos.

Der Generalsekretär Es ist mir bekannt, daß gewisse Elemente jede Regung seelischer Not als bürgerliches Vorurteil verhöhnen. Ja! Also: ich bestätige hiermit den Einlauf Ihrer sogenannten Denkschrift, die der Kongreß zu den Akten legen wird, da die Prostitution bekanntlich unausrottbar, ja kaum bekämpfbar ist, weil das Prinzip der käuflichen Liebe zu tief in uns verankert ist, man möchte fast sagen: die käufliche Liebe ist ein wesentlicher Bestandteil des Menschlichen schlechthin. Ja!

Schminke Sie verteidigen die Prostitution?

Der Generalsekretär Sie zwingen mich dazu! Ja!

Schminke Nein.

Der Generalsekretär Bringen Sie mich nicht aus dem Konzept, Sie!

Schminke Was soll denn der ganze Kongreß?!

Der Generalsekretär Organisieren! Die internationale Bekämpfung der internationalen Prostitution international organisieren. Ja! Er will rasch ab, kehrt aber plötzlich um und fixiert Schminke. Was haben Sie soeben gesagt?

Schminke Kritik.

Der Generalsekretär Ich warne Sie.

Schminke Danke.

Der Generalsekretär Bitte. Ich warne Sie zum zweiten Male. Der Kongreß streitet Ihnen das moralische Recht zur Kritik kraft seines guten Willens glatt ab, und Ihr politisches Recht verstößt gegen die Verfassung. Ich warne Sie zum dritten Male. Wenn Sie Ihren Platz nicht schleunigst verlassen, so lasse ich ihn räumen. Ja!

Schminke rührt sich nicht.

Also: Wollen Sie freiwillig folgen?

Schminke Nennen Sie das freiwillig?

Der Generalsekretär Ich fühle mich voll der Langmut, und Sie tragen die Konsequenz. Ich warne Sie zum vierten Male.

Schminke Zum fünften Male.

Der Generalsekretär Zum sechsten Male! Ich zähle noch bis zehn. Bei zehn stehen Sie an der Wand. Garantiert. Der Kongreß ist zwar gut, aber streng und infolgedessen gerecht. Ja! Er zählt: Sieben. Acht. Neun. Nun?

Schminke Zehn.

Der Generalsekretär Schweigen Sie! Wer zählt da?! Wer zählt da im wahren Sinne des Wortes?! Ich oder Sie?!

Schminke Zehn.

Der Generalsekretär So schweigen Sie doch, Sie Fanatiker! Das könnte Ihnen so passen, den Märtyrer zu markieren!

Der Kongreß will keine Heiligenscheine, Herr! Und ich persönlich kann keiner Fliege ein Haar krümmen und bin zu guter Letzt nur ein Angestellter, der davon lebt, daß er für den Kongreß verantwortlich zeichnet! Wie wärs mit einem Kompromiß?

Schminke Ich zähle.

Der Generalsekretär Herr Schminke. Ich bin Familienvater und wenn Sie den Platz nicht räumen, wird mir zum Ersten gekündigt.

Schminke Ich möchte sehen, ob der Kongreß den Mut hat, mich bei zehn an die Wand zu stellen.

Der Generalsekretär Natürlich hat der Kongreß den Mut, aber ich trage die Verantwortung, Sie verantwortungsloses Subjekt! Sie tragen natürlich keine Verantwortung, wenn Sie erschossen werden! ›Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig‹ – auch sone Literatenerfindung! Ja!

Schminke zählt: – sieben, acht, neun, zehn!

Trommelwirbel.
Der Generalsekretär hält sich verzweifelt die Ohren zu.
Soldaten mit Gasmasken und aufgepflanztem Seitengewehr erscheinen im Hintergrunde.

Der Generalsekretär Le Kladderradatsch!

Hauptmann  tritt vor und spricht österreichisch: Pardon, meine Sährverehrten! Mir scheint, als hätt hier wer bis zehn gezählt – a servus, Herr Generalsekretär! Na was machtn der Kongreß? Beratn? So? Apropos Kongreß: die Henriett laßt si scheidn. Die Schwester von der Henriett is die Josephin. Und die Schwester von der Josephin is die Pojdi.

Schminke Hauptmann! Ich habe bis zehn gezählt und fordere füsiliert zu werden.

Stille.

Hauptmann  starrt Schminke an; er spricht plötzlich preußisch: Wa? Wie? Wer istn dieser Kümmeltürke?

Der Generalsekretär Er bekämpft die bürgerliche Produktionsweise.

Hauptmann österreichisch: Bürgerliche Produktionsweis? Weiß der Teifl, was das is! Apropos Produktionsweise: die Christl heirat an Judn.

Schminke Na wirds bald?

Hauptmann preußisch: Halten Sie die Fresse, Lausejunge! Kümmeltürke!

Schminke Ich fordere füsiliert zu werden!

Hauptmann preußisch: Fresse, Fresse! Hier wird nicht jefordert, hier wird jehorcht! Disziplin! Kümmeltürke, Kümmeltürke!

Der Generalsekretär Ich heiße Pontius Pilatus und wasche meine Hände in Unschuld. Mein Name ist Hase, und für Tumultschäden durch höhere Gewalt trägt ausschließlich jener Kümmeltürke die Verantwortung! Ja!

Hauptmann österreichisch: Aber mein sehr verehrter Herr von Hase, aber das is doch ganz wurscht, wer die Verantwortung trägt.

Er kommandiert: Stillgestanden!

Soldaten stehen still.

Wollens der Exekution beiwohnen, Herr von Hase?

Der Generalsekretär Danke, nein. Ich kann keine Exekution sehen, ich leide nämlich an einem nervösen Magen.

Hauptmann österreichisch: Geh, wer wirdn so verweichlicht sein, Herr von Hase! Oder sans gar gegn die Todesstraf?

Der Generalsekretär Oh, nein!

Hauptmann österreichisch: Wissens, so a Deliquenterl is halt nur a arms Hascherl, aber man muß ihm halt derschiessn, wo bleibtn sunst die Autorität? Es muß halt sein, in Gotts Namen!

Der Generalsekretär Amen! Rasch ab.

Hauptmann kommandiert: Zum Gebet!

Soldaten beten.
Schminke steht mit dem Rücken zum Publikum an einer imaginären Wand.

Legt an!

Feuer!

Soldaten füsilieren Schminke.
Im Kongreßsaal wird begeistert applaudiert.
Schminke bleibt unbeweglich aufrecht stehen.

Hauptmann kommandiert: Weggetreten!

Soldaten ab.
Hauptmann zündet sich eine Zigarette an.
In einer kleinbürgerlichen Wohnung erklingt der Donauwalzer: Klavier und Violine.
Hauptmann summt mit.

Schminke  nähert sich ihm langsam: Hauptmann.

Hauptmann Pardon! Mit wem hab ich die Ehr?

Schminke Sie haben mich doch soeben füsiliert.

Hauptmann Ah, der Herr von Schminke! Aba freilich, hab Sie ja jetzt grad hingricht. Aba wissens, Herr von Schminke, mit sowas is dann für mich so ein Fall erledigt. Sie san für Ihre Sachn bestraft und wenn aner für seine Untaten gebüßt hat so is die Sach für mich akkurat erledigt. I trag niemand was nach. Es is ganz so, als wär nix geschehn. Darf i Ihnen a Zigarettn – ? Er bietet ihm eine an.

Schminke Sie irren sich. Ich bin ja tot.

Hauptmann  starrt ihn an: Aso. Ja. Aba natürlich!

Schminke Ich bitte Sie nur zu berücksichtigen, daß Sie mich erledigen konnten, daß man aber meine Idee nicht töten kann.

Hauptmann Was meinens denn für a Idee?

Schminke Haben Sie Angst?

Hauptmann Aba Herr von Schminke!

Schminke Ich bin kein Herr. Ich bin eine Idee.

Hauptmann Also wissens, vor aner Idee hab i schon gar ka Angst.

Schminke Es gab einmal einen römischen Hauptmann, der sagte: ›So stirbt kein Mensch.‹ Und damit sagte er bereits –

Hauptmann  unterbricht ihn: Na was werd er scho gsagt habn, der römische Rittmeister?

Schminke Daß er die neue Welt sieht.

Hauptmann Amerika?

Schminke Nein.

Stille.

Hauptmann  begreift plötzlich: Aso.

Schminke Ja.

Stille.

Auf Wiedersehen! Ab.

Hauptmann  zum Publikum: Also die neue Welt, des warn die Katholikn und die alte Welt, des warn die Judn, respektive die Antike. Die war a scho morsch, man muß ja bloß an die Ausschweifungen der Remerinnen denkn – Er denkt. Aba pensionieren hat er sie do net lassn, der remische Rittmeister, wenn er a den allgemeinen Verfall, gewissermaßen Vision –

A! Redn mer von was anderm!

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