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Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts

Georg Christoph Lichtenberg: Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleAufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Das Luftbad

In unserm Taschenbuche von 1792 haben wir einige Nachricht vom Seebad gegeben, und nachher mit Vergnügen bemerkt, daß unsere Vorschläge nicht ganz fruchtlos gewesen sind. Der Himmel gebe, daß es die Bäder selbst ebensowenig sein mögen, woran wohl nicht zu zweifeln ist. Würden auch in einem Jahr nur zehn Krankheiten damit abgewaschen, so wäre der Nutzen schon sehr groß, zumal in dieser traurigen Zeit, wo die Arzneien täglich teurer und die Krankheiten immer wohlfeiler werden. Diesen Artikel wollen wir dem Luftbad widmen, das vermutlich die wenigsten unsrer Leser noch in dem Lichte werden betrachtet haben, in welchem es hier erscheinen wird.

Ehemals badete man sich bloß im Wasser und sehr viele Völker, namentlich die gesündesten, kennen bis diese Stunde noch keine andere Bäder als See- und Flußbäder. Hätten sie auch schon einige drüber, so haben sie doch die Wörter nicht dazu, und das ist geradesoviel als hätten sie gar nichts. In der Christenheit badet man sich jetzt in allen vier Elementen, und da, wo man deren fünfe zählt, obendrein auch im fünften. Erstens im Wasser; zweitens im Feuer so weit man es vertragen kann, dahin gehören die russischen Schweißtreibhäuser, und die den Alten schon bekannte Insolation und Aprikation, das Sonnen-, wenn man diese nicht etwa lieber ein Lichtbad nennen will; drittens in der Luft, wovon wir sogleich reden werden; viertens in der Erde. Dieses Bad sowohl, als das Wort dazu, ist eine Erfindung des berühmten Dr. Graham, des Erfinders des himmlischen Bettes. So kostbar sein himmlisches Bett war, so wohlfeil ist sein Erdbad. Man läßt ein Loch in die Erde graben, so tief, daß man darin bis an den Hals stehen kann, und stellt sich nackend hinein, läßt alsdann wieder Erde hinzuwerfen, und etwas fest anstampfen bis an den Hals. Es darf nichts frei bleiben, als der Kopf, selbst die Arme nicht, daher man sich in ameisenreichen Gegenden die Ameisen wedeln lassen muß. Auch die Hunde müssen entfernt werden, weil diese manche Köpfe leicht für Ackersteine halten möchten. Es soll dieses Bad ein Mittel wider sehr viele Übel sein, fast so wie das Grab selbst, das am Ende alle heilt, und Grahams beide Erfindungen, Erdbad und himmlisches Bett in sich vereint. Der gelehrte Erfinder hat auch eine Theorie davon gegeben; sie ist aber etwas verwickelt, und erwartet noch ihre Bestätigung erst von der Erfahrung. Der Dr. selbst hat es einigemal ohne Schaden gebraucht; andere wollen es nicht rühmen. Es gehört also in der Materia medica in die reiche Klasse von Arzneimitteln, die zuweilen nicht schaden. Fünftens endlich das Bad im fünften Element, ich meine das elektrische. Hierzu könnte man noch ein sechstes rechnen, Mesmers magnetisches Bad, und endlich bloß der Zahl Sieben zu Liebe, das Quecksilber- oder Merkurial-Bad. Dieses paßt freilich nicht so ganz hierher. Wer indessen Philosophie studiert hat, wird mir diese Einschaltung leicht vergeben, und bloß der Unstudierten wegen merke ich an, daß man es mit dem Verpacken von Begriffen hält, wie mit dem Verpacken von Waren. Wenn alles in der Kiste ist, was eigentlich hinein gehört, und es schlottert noch, so steckt man etwas anderes dazwischen.

Daß den nackenden Körper ganz einer angenehm kühlen oder auch selbst einer kalten Luft auf kurze Zeit auszusetzen, eben die Wirkung ungefähr tut, wie das kalte Bad, wenigstens die angenehme Wärme beim Ankleiden hervorbringt, wie ein mäßig gebrauchtes kaltes Bad, werden vermutlich mehrere unserer Leser aus der Erfahrung wissen. Ja bei der guten Wirkung des kalten Bades selbst ist es ungewiß, wie viel davon der Berührung der Luft zugeschrieben werden muß, die nun, nachdem der Leib von allen unmerklichen Unreinigkeiten die die Ausdünstung zurück läßt, gereinigt ist, desto näher an den Körper antreten, und die beste Wirkung in kurzer Zeit hervorbringen kann. Vermutlich ist auch die Sache von Ärzten schon weiter untersucht worden als mir bekannt ist. Ich führe hier nur an, daß Franklin, dessen flüchtigste Äußerungen immer mit Respekt gehört zu werden verdienen, ein großer Freund von dem Luftbad gewesen ist. Besonders verdient aber hier erwähnt zu werden, das, freilich sonderbare, Cabinetstückchen von einem Menschen, ich meine Burnet Lord Monboddo, ein bekanntlich schwer gelehrter Mann. Der berühmte Schauspieler Foote nannte ihn eine Elzevirsche Ausgabe von Dr. Johnson, vermutlich weil sein Anblick weder an Koloß noch Bär erinnert, wovon das Kaliber des erstern und die Sitten des letztern leicht jedem ins Gedächtnis kommen mußten, der das Glück hatte den Doktor zu sehen, oder das Unglück ihm zu widersprechen. Man weiß leider freilich, daß Lord Monboddo glaubt, die Menschen wären ehemals riesenmäßig und dabei geschwänzt gewesen; daß er sogar deswegen den Weltumseglern Untersuchungs-Plane vorgelegt hat, die Sache aufs Reine zu bringen; daß er glaubt er spreche das Griechische völlig so aus, wie man es ehemals zu Athen ausgesprochen habe; daß er sich mit Öl salbt wie die Alten etc. Alles dieses kümmert uns hier wenig, genug er nimmt sehr oft ein Luftbad, das ist, er macht sich ganz nackend, in freier Luft, eine starke Bewegung, und glaubt, daß er es diesem Verfahren zu danken habe, daß er sich in seinem siebenzigsten Jahre noch so jung fühlt, als in seinem dreißigsten. Auch hat man mir erzählt, daß er die Fräulein Burnet, seine Töchter, zuweilen nötigen soll, dieses Bad zu gebrauchen, welches wegen der großen Durchsichtigkeit der Luft und (da man bei Tage baden muß) der großen Scharfsichtigkeit der im Stande der Schuld Lebenden wegen, immer eine bedenkliche Kur ist. Dieses alles war längst bekannt, und man achtete nicht viel darauf. Nun aber fängt doch die Sache an ernstlicher zu werden, wenigstens ist sie nun dahin gebracht, daß man davon reden kann, ohne zu fürchten, durch gesuchte unnütze Grübelei die Würde der Naturlehre, oder durch mutwillig scheinende Vorschläge die Majestät der Sittsamkeit und Unschuld zu beleidigen.

Ein englischer Arzt, Abernethy Surgical and physiological Essays by John Abernethy P. II. London 1793. Die Abhandlung selbst ist überschrieben: On the nature of the matter perspired and absorbed from the skin., hat durch viele Geduld erfordernde Versuche gefunden, daß das, was in der Luft, die die menschliche Haut berührt, teils durch Übergang aus dem Körper in dieselbe, teils durch Eintritt aus ihr in den Körper vorgeht, große Ähnlichkeit mit dem bekannten Ein- und Ausatmungs-Prozeß durch die Lungen habe. Reine, dephlogistisierte Luft wird ungefähr ebenso dadurch verändert, als durch das Ein- und Ausatmen. Da nun der Lungen-Prozeß bisher mit großer Wahrscheinlichkeit für den Hauptquell der Wärme warmblütiger Tiere gehalten wurde: so folgt daraus, daß, wenn diese Versuche richtig sind, der Mensch gleichsam über den ganzen Körper einatme, ohne es zu wissen, und also ohne sein Zutun einen Zufluß von Wärme erhalte, der ihm bisher so unbekannt geblieben ist, als es für unzählige Menschen, noch bis jetzt, die Ausleerungen sind, die an der Oberfläche vorgehen. Erhält aber der Mensch Wärme durch Einatmen (so wollen wir es nennen) über die ganze Haut: so muß die Kleidung notwendig eine große Hindernis für diesen Prozeß werden. Zwischen Fell und Hemd usw. muß sehr bald eine Luft entstehen, die für den Prozeß nicht mehr taugt, und die Erstickung muß ihren Anfang nehmen, wenigstens zwischen Fell und Hemd. Gesicht und Hände atmen indessen noch fort. Wer weiß ob nicht bei dem schönern und wärmern Geschlecht, die die Grenzen der Nacktheit an Armen und Busen zuweilen etwas erweitert haben, ein dunkles Vorgefühl dieser neuen Wahrheit zum Grunde lag. Ja wer weiß, ob nicht, was, wo ich nicht irre, unser vortrefflicher v. Cronegk geweissagt hat, eben aus diesem dunkeln Vorgefühl von Abernethys Theorie, der tiefe Ausschnitt am Busen, und der hohe Abschnitt am Unterrock sich endlich einander auf halbem Wege begegnen und zum bloßen Feigenblatt unserer ersten Eltern zusammenschmelzen werden. So führt auch diese Theorie, so wie die neueste Politik auf eine baldige Wiederkehr vom paradiesischen Stand der Unschuld und Gleichheit. – Ein sehr netter Schluß der unmittelbar aus Herrn Abernethys Erfahrungen folgt, ist, daß, wenn es einen in Kleidern friert, es einen deswegen noch nicht gerade auch nackend frieren müsse. Denn es könnte uns ja bloß deswegen in Kleidern frieren, weil der Wärme- Erzeugungs-Prozeß nun über eine so große Fläche der Haut gehemmt ist, daß freilich die Nase und die Fingerspitzen den Verlust bald empfinden müssen. Wir berufen uns hierbei auf die Erfahrung. Man versuche es einmal und kleide sich nackend in einem Zimmer aus, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände reiben und ein kleines Feuer wünschen möchte: so wird man deutlich bemerken, das die unangenehme Empfindung von Kälte gar nicht zunimmt, wenigstens gar nicht in der Verhältnis in der man es nach einer solchen Entblößung erwarten sollte. Ja ich möchte fast sagen, man fände sich wärmer, wenigstens behaglicher. Es mag nun hier Wärme nach Abernethys Vorstellung erzeugt werden, oder die kalte Luft mag wirken wie kalte Bäder überhaupt, und in der Haut sowohl als den Gefäßen die Spannung hervorbringen, die den Umlauf des Bluts begünstigt, und auf diese Weise erwärmen. Ja es kann beides zugleich Statt finden, oder auch beides einerlei sein, nur anders gedacht. Genug, daß es im ganzen wahr ist. Es scheint also nichts weniger als verwerflich zu sein, sich tagtäglich oder wenigstens zuweilen auf eine kurze Zeit nackend der Luft auszusetzen. Doch ist es unser ernstlicher Rat, ja dabei einen Arzt zu befragen, oder wenigstens, nach Maßgabe der Beschaffenheit des Körpers, behutsam zu Werk zu gehen, damit nicht in unserm Comtoir Klagen über Schnupfen, Zahnweh und Erkältungen einlaufen. Denn unser kleines Taschenbuch möchte lieber alles in der Welt sein, nur kein: Jeder Mensch sein eigner Doktor, das wohl im Grunde nichts anders sagt, als: Jeder Mensch sein eigner Giftmischer. Inwiefern durch Herrn Dr. Fausts Vorschläge zu Kindertrachten, die Sache eingeleitet werden könnte, oder wie weit sich seine Vorschläge mit dieser Theorie vertragen, oder ob nicht von dieser Seite her selbst seine Vorschläge eine anständigere Einleitung hätten erhalten können, überlasse ich dem sehr würdigen und gewiß wohlmeinenden Manne selbst zur Entscheidung. Er hat sicherlich sehr viel Wahres gesagt, das aber wenig Eindruck gemacht hat, weil der Hauptgesichtspunkt, wie mich dünkt, etwas unanständig gewählt ist. Es wäre genug gewesen nur einmal in einer einzigen Zeile auf so etwas hinzuweisen; man hätte ihn doch verstanden. Hat es nicht überhaupt eine besondere Beschaffenheit mit unsrer jetzigen Schriftstellerei, daß man über heimliche Sünden überall öffentlich schreiben kann, aber über öffentliche immer heimlich schreiben muß, wenn man nicht eingesteckt sein will?

So viel von dem Luftbad, das freilich den Nachteil mit sich führt, daß man, um es zu gebrauchen, fast weiter nichts nötig hat, als im Freien das Hemd einmal über die Ohren zu ziehen. Alle die herrlichen Reisen nach fremden Gegenden fallen weg, und mit diesen auch die zu manchen Zwecken so zuträglichen Trennungen der im Himmel Zusammengeschlossenen, ich meine die sogenannte Strohwitwenschaften. Die Ärzte müßten denn etwa zeigen, daß zu einem echten Luftbad eine reinere und daher höhere Luftschicht notwendig gewählt werden müßte, und sonach den Harz oder die Bergstraße oder die Schweiz in Vorschlag bringen, wo dann freilich die Unternehmer Sorge tragen müßten, der Durchsichtigkeit und Scharfsichtigkeit zu begegnen, von der wir oben geredet haben.

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