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Wie es euch gefällt

William Shakespeare: Wie es euch gefällt - Kapitel 11
Quellenangabe
typecomedy
booktitleEin Sommernachtstraum ? Der Kaufmann von Venedig ? Viel Lärm um nichts ...
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20635-6
titleWie es euch gefällt
pages245-247
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebente Szene

Ein anderer Teil des Waldes

Ein gedeckter Tisch. Der Herzog, Amiens, Edelleute und Gefolge treten auf

Herzog. Ich glaub, er ist verwandelt in ein Tier,
Denn nirgends find ich ihn in Mannsgestalt.

Erster Edelmann. Mein Fürst, er ging soeben von hier weg
Und war vergnügt, weil wir ein Lied ihm sangen.

Herzog. Wenn er, ganz Mißlaut, musikalisch wird,
So gibt's bald Dissonanzen in den Sphären. –
Geht, sucht ihn, sagt, daß ich ihn sprechen will.

Jacques tritt auf.

Erster Edelmann. Er spart die Mühe mir durch seine Ankunft.

Herzog. Wie nun, mein Herr? was ist denn das für Art,
Daß Eure Freunde um Euch werben müssen?
Was? Ihr seht lustig aus?

Jacques. Ein Narr! ein Narr! – ich traf 'nen Narrn im Walde,
'nen scheckgen Narrn – o jämmerliche Welt! –
So wahr mich Speise nährt, ich traf 'nen Narrn,
Der streckte sich dahin und sonnte sich
Und schimpfte Frau Fortuna ganz beredt
Und ordentlich – und doch ein scheckger Narr!
«Guten Morgen, Narr!» sagt' ich; «Mein Herr», sagt' er,
«Nennt mich nicht Narr, bis mich das Glück gesegnet.»
Dann zog er eine Sonnenuhr hervor,
Und wie er sie besah mit blödem Auge,
Sagt' er sehr weislich: «Zehn ist's an der Uhr.
Da sehn wir nun», sagt' er, «wie die Welt läuft:
's ist nur 'ne Stunde her, da war es neun,
Und nach 'ner Stunde noch wird's elfe sein;
Und so von Stund zu Stunde reifen wir,
Und so von Stund zu Stunde faulen wir,
Und daran hängt ein Märlein.» Da ich hörte
So predgen von der Zeit den scheckgen Narrn,
Fing meine Lung an, wie ein Hahn zu krähn,
Daß Narrn so tiefbedächtig sollten sein;
Und eine Stunde lacht ich ohne Rast
Nach seiner Sonnenuhr. – O wackrer Narr!
Ein würdger Narr! die Jacke lob ich mir.

Herzog. Was ist das für ein Narr?

Jacques. Ein würdger Narr! Er war ein Hofmann sonst
Und sagt, wenn Frauen jung und schön nur sind,
So haben sie die Gabe, es zu wissen.
In seinem Hirne, das so trocken ist
Wie Überrest von Zwieback nach der Reise,
Hat er seltsame Texte, übervoll
Von Lebensweisheit, die er brockenweise
Nun von sich gibt. – O wär ich doch ein Narr!
Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke.

Herzog. Du sollst sie haben.

Jacques. 's ist mein einzger Wunsch;
Vorausgesetzt, daß Ihr Eur beßres Urteil
Von aller Meinung reinigt, die da wuchert,
Als wär ich weise. – Dann muß ich Freiheit haben,
So ausgedehnte Vollmacht wie der Wind –
So ziemt es Narrn – auf wen ich will, zu blasen,
Und wen am ärgsten meine Torheit geißelt,
Der muß am meisten lachen. Und warum?
Das fällt ins Auge wie der Weg zur Kirche:
Der, den ein Narr sehr weislich hat getroffen,
Wär wohl sehr töricht, schmerzt es noch sosehr,
Nicht fühllos bei dem Schlag zu tun. Wo nicht,
So wird des Weisen Narrheit aufgedeckt
Selbst durch des Narren ungefähres Zielen.
Steckt mich in meine Jacke, gebt mich frei
Zu reden, wie mir's dünkt, und durch und durch
Will ich die angesteckte Welt schon säubern,
Wenn sie geduldig nur mein Mittel nehmen.

Herzog. O pfui! Ich weiß wohl, was du würdest tun.

Jacques. Und was, zum Kuckuck, würd ich tun als Gutes?

Herzog. Höchst arge Sünd, indem du Sünde schältest;
Denn du bist selbst ein wüster Mensch gewesen,
So sinnlich wie nur je des Tieres Trieb;
Und alle Übel, alle bösen Beulen,
Die du auf freien Füßen dir erzeugt,
Die würdst du schütten in die weite Welt.

Jacques. Wie! wer schreit gegen Stolz
Und klagt damit den einzelnen nur an?
Schwillt seine Flut nicht mächtig wie die See,
Bis daß die letzten, letzten Mittel ebben?
Welch eine Bürgerfrau nenn ich mit Namen,
Wenn ich behaupt, es tragen Bürgerfraun
Der Fürsten Aufwand auf unwürdgen Schultern?
Darf eine sagen, daß ich sie gemeint,
Wenn so wie sie die Nachbarin auch ist?
Und wo ist der vom niedrigsten Beruf,
Der spricht: sein Großtun koste mir ja nichts –
Im Wahn, er sei gemeint – und seine Torheit
Nicht stimmt dadurch zu meiner Rede Ton?
Ei ja doch! wie denn? was denn? Laßt doch sehn,
Worin ihm meine Zunge Unrecht tat.
Tut sie sein Recht ihm, tat er selbst sich Unrecht;
Und ist er rein, nun wohl, so fliegt mein Tadel
Die Kreuz und Quer wie eine wilde Gans,
Die niemand angehört. – Wer kommt da? seht!

Orlando kommt mit gezognem Degen.

Orlando. Halt! eßt nicht mehr!

Jacques. Ich hab noch nicht gegessen.

Orlando. Und sollst nicht, bis die Notdurft erst bedient.

Jacques. Von welcher Art mag dieser Vogel sein?

Herzog. Hat deine Not dich, Mensch, so kühn gemacht?
Wie? oder ist's Verachtung guter Sitten,
Daß du so leer von Höflichkeit erscheinst?

Orlando. Ihr traft den Puls zuerst; der dornge Stachel
Der harten Not nahm von mir weg den Schein
Der Höflichkeit; im innern Land geboren,
Kenn ich wohl Sitte – aber haltet! sag ich,
Der stirbt, wer etwas von der Frucht berührt,
Eh ich und meine Sorgen sind befriedigt.

Jacques. Könnt Ihr nicht durch Vernunft befriedigt werden,
So muß ich sterben.

Herzog. Was wollt Ihr haben? Eure Freundlichkeit
Wird mehr als Zwang zur Freundlichkeit uns zwingen.

Orlando. Ich sterbe fast vor Hunger, gebt mir Speise.

Herzog. Sitzt nieder! eßt! willkommen unserm Tisch!

Orlando. Sprecht Ihr so liebreich? O vergebt, ich bitte!
Ich dachte, alles müßte wild hier sein,
Und darum setzt ich in die Fassung mich
Des trotzigen Befehls. Wer ihr auch seid,
Die hier in dieser unzugangbarn Wildnis
Unter dem Schatten melancholscher Wipfel
Säumt und vergeßt die Stunden träger Zeit:
Wenn je ihr beßre Tage habt gesehn,
Wenn je zur Kirche Glocken euch geläutet,
Wenn je ihr saßt bei guter Menschen Mahl,
Wenn je vom Auge Tränen ihr getrocknet
Und wißt, was Mitleid ist und Mitleid finden,
So laßt die Sanftmut mir statt Zwanges dienen:
Ich hoff's, erröt und berge hier mein Schwert.

Herzog. Wahr ist es, daß wir beßre Tage sahn,
Daß heilge Glocken uns zur Kirch geläutet,
Daß wir bei guter Menschen Mahl gesessen
Und Tropfen unsern Augen abgetrocknet,
Die ein geheiligt Mitleid hat erzeugt:
Und darum setzt in Freundlichkeit Euch hin
Und nehmt nach Wunsch, was wir an Hilfe haben,
Das Eurem Mangel irgend dienen kann.

Orlando. Enthaltet Euch der Speise nur ein Weilchen,
Indessen wie die Hindin ich mein Junges
Will füttern gehn. Dort ist ein armer Alter,
Der manchen sauren Schritt aus bloßer Liebe
Mir nachgehinkt: bis er befriedigt ist,
Den doppelt Leid, das Alter schwächt und Hunger,
Berühr ich keinen Bissen.

Herzog. Geht, holt ihn her!
Wir wollen nichts verzehren, bis Ihr kommt.

Orlando. Ich dank Euch; seid für Euren Trost gesegnet!

(Orlando ab.)

Herzog. Du siehst, unglücklich sind nicht wir allein,
Und dieser weite, allgemeine Schauplatz
Beut mehr betrübte Szenen dar als unsre,
Worin du spielst.

Jacques. Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Braun; dann der Soldat,
Voll toller Flüch und wie ein Pardel bärtig,
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter
Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch und Allerweltssentenzen
Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter
Macht den besockten, hagern Pantalon,
Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
'ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.

Orlando kommt zurück mit Adam.

Herzog. Nun, Freund, setzt nieder Eure würdge Last
Und laßt ihn essen.

Orlando. Ich dank Euch sehr für ihn.

Adam. Das tut auch not;
Kaum kann ich sprechen, selbst für mich zu danken.

Herzog. Willkommen denn! greift zu! Ich stör Euch nicht
Bis jetzt mit Fragen über Eure Lage. –
Gebt uns Musik und singt eins, guter Vetter!

Lied.

Amiens.

Stürm, stürm, du Winterwind!
Du bist nicht falsch gesinnt,
Wie Menschenundank ist.
Dein Zahn nagt nicht sosehr,
Weil man nicht weiß, woher,
Wiewohl du heftig bist.
Heisa! singt heisa! den grünenden Bäumen!
Die Freundschaft ist falsch, und die Liebe nur Träumen.
Drum heisa, den Bäumen!
Den lustigen Räumen!

Frier, frier, du Himmelsgrimm!
Du beißest nicht so schlimm
Als Wohltat nicht erkannt;
Erstarrst du gleich die Flut,
Viel schärfer sticht das Blut
Ein Freund von uns gewandt.
Heisa! singt heisa! den grünenden Bäumen!
Die Freundschaft ist falsch, und die Liebe nur Träumen.
Drum heisa, den Bäumen!
Den lustigen Räumen!

Herzog. Wenn ihr der Sohn des guten Roland seid,
Wie Ihr mir eben redlich zugeflüstert
Und meinem Aug sein Ebenbild bezeugt,
Das konterfeit, in Eurem Antlitz lebt:
Seid herzlich hier begrüßt! Ich bin der Herzog,
Der Euren Vater liebte; Eur ferners Schicksal,
Kommt und erzählt's in meiner Höhle mir. –
Willkommen, guter Alter, wie dein Herr!
Führt ihn am Arme. – Gebt mir Eure Hand
Und macht mir Euer ganz Geschick bekannt.

(Alle ab.)

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