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Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts

Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts - Kapitel 7
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typeessay
authorAlexander Eliasberg
titleRussische Literaturgeschichte in Einzelporträts
publisherWilhelm Goldmann Verlag
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Leo Tolstoi

Keinem Russen, weder Turgenjew noch Dostojewskij, und überhaupt keinem Dichter der Weltliteratur der neueren Zeit war es beschieden, außerhalb seiner engeren Heimat so berühmt zu werden, wie es Leo Tolstoi am Ende des 19. Jahrhunderts war: nicht nur Rußland und Europa, die ganze Welt lauschte bis zuletzt mit Andacht jedem seiner Worte und verehrte ihn als einen Propheten und Lehrer. Die Achtung, die Tolstoi bei allen Völkern genoß, beruhte nicht etwa auf neuen Wahrheiten, die er kündete – seine Predigt fand eigentlich nur wenig überzeugte Anhänger –, sondern auf der Wucht, mit der er predigte, und auf seinem beispiellosen Streben nach Wahrheit: nicht als Wahrheitskünder, sondern als Wahrheitssucher steht er in der ganzen Menschheit unerreicht da. Er suchte die Wahrheit überall, vor allem aber in sich selbst, und zerfaserte, um zu ihr zu gelangen, schonungslos jede Regung seines eigenen Herzens, seine ganze Menschlichkeit, wie auch alle Einrichtungen, Errungenschaften und Glaubenssätze der Menschheit. Diese alles zersetzende, vor nichts haltmachende Analyse zeichnet auch sein ganzes dichterisches Werk aus und macht ihn zum größten Realisten aller Zeiten.

Die Frage, ob Tolstoi schon bei Beginn seiner dichterischen Tätigkeit der Prediger gewesen sei oder ob die Wandlung vom Künstler zum Lehrer sich in ihm mehr oder weniger plötzlich – um das Jahr 1880 – vollzogen habe, ist ebenso müßig, wie die, ob Peter der Große Rußland auf einmal europäisiert oder nur einen schon früher begonnenen Prozeß abgeschlossen habe: in Tolstoi hatten allerdings immer zwei Seelen gelebt, und schon in seinen ersten Werken tönt ein verhaltenes Grollen der späteren Predigt; ebenso finden sich in seinen radikalsten, die Kunst verdammenden Spätwerken Stellen, die nichts anderes als reinste Kunst sind; und doch läßt sich zwischen dem Dichter und dem Prediger Tolstoi auch eine zeitliche Grenze ziehen: vor seiner ›Wandlung‹ schrieb er immerhin Romane, verehrte Kunstwerke, die er später verdammte, zeugte Kinder und lebte äußerlich wie jeder andere reiche russische Gutsbesitzer. Die andere Seite bekam zu einem bestimmten Zeitpunkt das Übergewicht, und der Waagebalken kippte um. Der Künstler und der Prediger, die aus jedem seiner Werke sprechen, sind um so leichter voneinander zu scheiden, als sie sich wie Öl und Wasser niemals vermischen: wo Tolstoi mitten in einem Kunstwerke zu predigen anfängt, ändert er sofort seinen Stil, und die Sprache wird schwerfällig und hölzern. So wollten sich auch im Menschen Tolstoi der Heide und der Asket niemals verbinden; zeit seines Lebens lagen sie im Kampfe, und selbst in seinen letzten asketischen Lebensjahren war der Heide, der Mensch aus Fleisch und Blut, niemals von dem alles Fleisch verdammenden Asketen gänzlich erdrückt.

Eine besondere Eigentümlichkeit des gesamten künstlerischen Werkes Tolstois ist der durchweg autobiographische Charakter: sein Streben war ja immer auf die tiefste psychologische Analyse gerichtet, und darum ist es natürlich, daß er sich vorwiegend mit sich selbst und seinen Nächsten als den dankbarsten Beobachtungsobjekten befaßte. Und so finden wir in allen seinen Hauptwerken immer wieder ihn selbst und seine näheren und entfernteren Verwandten. Jedenfalls haben fast alle von ihm geschilderten Menschen wirklich gelebt und waren ihm persönlich oder wenigstens aus Überlieferung bekannt.

Graf Ljew Nikolajewitsch Tolstoi wurde am 9. September 1828 auf dem Gute Jasnaja-Poljana (deutsch: ›Lichte Waldwiese‹) im Tulaschen Gouvernement, im Herzen Rußlands, geboren, und hier verbrachte er auch den größten Teil seines Lebens. Die Mutter verlor er mit zwei und den Vater mit neun Jahren, und seine Erziehung wurde von mehreren Tanten geleitet. Seine ersten Werke Kindheit und Knabenalter (1852-1854) und die etwa sechs Jahre später entstandene Jugend unterrichten uns über die entsprechenden Abschnitte seines Lebens; äußerlich unterschied es sich kaum vom Leben anderer Knaben und Jünglinge aus reichen Familien; die gleiche Entfremdung von den nur ihren eigenen Interessen lebenden Erwachsenen, die gleiche Dressur durch deutsche und französische Hauslehrer, die gleichen Freuden und Leiden. Was aber den Knaben und Jüngling Tolstoi von allen Altersgenossen unterschied, war die zersetzende Skepsis, mit der er die Außenwelt und sogar sein eigenes Innenleben betrachtete; als Kind war er schon der gleiche fanatische Wahrheitssucher, als der er mit zweiundachtzig Jahren in den Tod ging. Auffallend ist ferner in diesen Schilderungen seiner Kindheit die tiefe Verehrung für den einfachen russischen Bauern, der als lichtes Vorbild innerer Wahrheit dem verlogenen Vertreter der herrschenden Stände gegenübergestellt wird, eine an Vergöttlichung grenzende Verehrung, die in allen späteren Werken wiederkehrt und den alten, ›sehend gewordenen‹ Tolstoi bewegt, sich auch äußerlich, in der Kleidung und zum Teil auch in der Lebensweise, den Bauern zu nähern. – Mit fünfzehn Jahren kam Tolstoi auf die Universität Kasan, und zwar zur Fakultät für orientalische Sprachen; nach dem zweiten Semester fiel er im Examen durch, sattelte zur juristischen Fakultät um und bestand mit knapper Not 1848 das Kandidatenexamen an der Petersburger Universität. Den Studenten Tolstoi lernen wir unter dem Namen Irtenjew in der Jugend kennen: ein verzogener junger Herr mit vielen unangenehmen Allüren, dabei aber vom Streben nach dem Guten beseelt und zugleich voller Zweifel, ob dieses ideale Streben nicht ausschließlich auf ehrgeizigen Motiven beruhe. Eine spätere Wandlung des jungen Grandseigneurs zum Asketen erscheint schon in diesem frühen Stadium durchaus möglich. Die Jahre 1848-1851 blieb Tolstoi wieder in Jasnaja-Poljana und trat dann als Fähnrich in ein Artillerieregiment ein, mit dem er vier Jahre im Kaukasus verbrachte. Hier entstanden die bereits erwähnten Werke Kindheit und Knabenalter, ferner Der Morgen des Gutsherrn und Die Kosaken. Der Morgen des Gutsherrn ist eigentlich ein Fragment aus dem nicht vollendeten Roman Der Gutsbesitzer, und im Helden Nechljudow erkennen wir wiederum Tolstoi selbst, der, von der Universität auf sein Erbgut gekommen, seine Bauern glücklich zu machen versucht; seine redlichen Bemühungen scheitern, doch nicht, weil es dem Gutsherrn an Energie und ernstem Wollen mangelte; der Grund des Mißerfolgs liegt vielmehr in der bloßen Tatsache, daß es Gutsbesitzer und Bauern gibt. Auffallend ist übrigens, daß im Leben des Gutsherrn, wie überhaupt in allen autobiographischen Novellen Tolstois, die Liebe als Passion, die z. B. bei den Helden Turgenjews über alles andere dominiert, gar keine Rolle spielt; eine wirkliche Liebesnovelle ist im ganzen Werke Tolstois überhaupt nicht zu finden.

Die gleichfalls im Kaukasus entstandene Erzählung Die Kosaken hat einige Ähnlichkeit mit den Zigeunern Puschkins. Der Held Olenin (natürlich wieder Tolstoi selbst) flieht aus seiner verlogenen Umgebung in eine Kosakensiedlung, um, gleich dem Puschkinschen Aleko, bei den einfachen Menschen reinste Menschlichkeit zu suchen. Diese findet er beim jungen Kosaken Lukaschka und noch mehr beim alten Jäger Onkel Jeroschka, einem echten Sohn der Erde, dessen tiefste Wahrheit lautet: »Ich meine, alles ist eins. Alles hat Gott dem Menschen zur Freude gemacht. In keinem Ding ist Sünde. Nimm dir ein Beispiel am Tier: es lebt im tatarischen Schilf und auch im unsern. Was Gott gibt, das frißt es. Die Unsrigen sagen aber, daß wir dafür in der Hölle glühende Pfannen lecken müssen werden. Ich meine, all das ist Lüge. Wenn du krepierst, wächst Gras über dir, und das ist alles.« Bei den Kosaken wurde es Tolstoi-Olenin klar, »daß er durchaus kein russischer Edelmann sei, kein Mitglied der Moskauer Gesellschaft und Freund und Verwandter von dem und jenem, sondern dieselbe Mücke oder derselbe Fasan oder Hirsch wie die, die jetzt um ihn herum leben. – Ich werde genau wie sie, wie Onkel Jeroschka leben und sterben, und recht hat er, wenn er sagt: es wird nur Gras über mir wachsen.«

Zu Beginn des Krimkrieges (1855) wurde Tolstoi auf den Kriegsschauplatz kommandiert. Seine Erlebnisse beschrieb er später in den drei Skizzen Sebastopol: es sind die ersten ausgesprochen realistischen Kriegsschilderungen in der russischen Literatur, ohne patriotische Tendenz und ohne romantische Heldenverehrung. Dafür ist hier wieder der Gegensatz zwischen Herren- und Bauernstand und die schöne Menschlichkeit des einfachen Soldaten betont. Nach Friedensschluß (1856) quittierte er den Militärdienst und zog zunächst nach Petersburg, wo er in persönlichen Verkehr mit den führenden russischen Schriftstellern der Zeit – Turgenjew, Gontscharow, Nekrassow – trat. Hier entstanden auch die Novellen Aufzeichnungen eines Marqueurs und Zwei Husaren. In der ersteren zerpflückt Tolstoi wieder sich selbst (er heißt hier Fürst Nechljudow) auf die grausamste Weise; in der zweiten stellt er zwei Generationen eines Grafengeschlechts einander gegenüber und schildert den moralischen Verfall der herrschenden Stände Rußlands.

Im Jahre 1857 ging Tolstoi ins Ausland. Die westeuropäische Zivilisation imponierte ihm natürlich sehr wenig, die Herrschaft der Lüge und Ungerechtigkeit erschien ihm im Auslande noch viel schrecklicher als in Rußland. Seine Eindrücke resümiert er in der Erzählung Luzern, in der er wieder selbst als Nechljudow auftritt, in folgenden Worten: »Am 7. Juli 1857 sang in Luzern vor dem Hotel Schweizerhof, in dem die reichen Leute absteigen, während einer halben Stunde ein armer fahrender Sänger seine Lieder zur Gitarre. Etwa hundert Menschen hörten ihm zu. Der Sänger bat sie dreimal um eine Gabe. Kein Mensch gab ihm etwas, und viele lachten über ihn... Hier ist ein Ereignis, das die Geschichtsschreiber unserer Zeit mit unauslöschlichen Flammenbuchstaben in ihre Chronik eintragen müssen. Es ist viel bedeutsamer, ernsthafter und hat einen tieferen Sinn als alle die Tatsachen, von denen die Geschichtsbücher und die Zeitungen berichten... Diese Tatsache gehört nicht in die Geschichte der menschlichen Taten, sondern in die des Fortschritts und der Zivilisation...« In diesem Zornausbruch des jungen Nechljudow hört man schon das welterschütternde Grollen des greisen Tolstoi. Nach Luzern entstand 1856 die Erzählung Der Schneesturm, der 1857 die wunderbare, zum Nechljudow-Zyklus gehörende Musikergeschichte Albert folgte; in dieser versucht Tolstoi mit allen Mitteln realistischer Analyse die Wirkung der Musik auf die Menschenseele zu schildern, und dieses Kapitel steht an Überzeugungskraft in der ganzen Weltliteratur unerreicht da. Die folgenden Jahre brachten die Erzählungen Die drei Tode, Polikuschka, Leinwandmesser und den kleinen Roman Familienglück (1859). Der letztere ist in Ichform im Namen einer Frau geschrieben und schildert das Erwachen der Liebe in einem jungen Mädchen zu einem viel älteren Mann, die Bitternis der ersten Ehejahre, wo im Verhältnis der jungen Frau zu ihrem Gatten die Liebe als Leidenschaft vorherrscht, und das ruhige Glück, das sie genießt, als die reine Passion vergangen ist und an ihre Stelle das Gefühl der Mutter getreten ist, – ein Zustand, den der Gatte, mit dem wohl Tolstoi selbst gemeint ist, von Anfang an angestrebt hat. Die elementare Leidenschaft wird hier immer von altruistischen Überlegungen gedämpft, und so ist das Werk, obwohl es die Liebe zwischen Mann und Weib zum Thema hat, doch kein ungetrübter ›Liebesroman‹.

Im Jahre 1862 heiratete Tolstoi mit vierunddreißig Jahren die achtzehnjährige Tochter eines Moskauer Arztes, Ssofja Andrejewna Bers, und zog sich nach Jasnaja-Poljana zurück, das nun zu seinem dauernden Wohnsitz wurde. Es waren die schönsten Jahre seines Lebens, in denen er viele Kinder zeugte, sein Gut mit großem Eifer bewirtschaftete und das Landleben in vollen Zügen genoß. »Die herrliche Hitze, das Baden, die Beeren versetzen mich in den Zustand geistiger Müdigkeit, den ich so liebe«, schrieb er einmal dem Dichter Feth: »Schon lange habe ich mich nicht so über die Welt Gottes gefreut wie dieses Jahr. Ich stehe da mit offenem Mund, bewundere alles und fürchte mich zu rühren, um nicht etwas zu verpassen.« In diesen glücklichen Jahren schrieb er auch seine Hauptwerke, Krieg und Frieden und Anna Karenina.

Der Roman Krieg und Frieden, den Tolstoi 1865 begann und der 1869 erschien, bedeutet zweifellos den Höhepunkt seines Schaffens und ist wohl mehr als alle Werke der russischen Literatur im Ausland bekanntgeworden. Es ist kein historischer Roman im landläufigen Sinne des Wortes mit einem oder einigen Helden im Mittelpunkt, sondern ein Kolossalgemälde mit unendlich vielen handelnden Personen, die einander ablösen und die fast sämtlich der Wirklichkeit entnommen sind. Das Fehlen eines Mittelpunktes, um den sich die Geschehnisse drehen, wurde von einigen Kritikern als Kompositionsfehler bemängelt; sehr zu Unrecht, denn gerade die Architektonik dieses Kolossalwerkes ist ein von keinem andern erreichtes Wunder: sie ist ausgesprochen olympisch, obwohl Tolstoi sonst durchaus kein Olympier war. Auf dem Hintergrunde gewaltiger Ereignisse, wie der Schlacht bei Borodino und des Brandes von Moskau, leben, kämpfen und sterben viele Menschen – Napoleon, seine russischen Gegner, mehr oder weniger bekannte Gestalten aus der russischen Geschichte des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts, Tolstois nahe und entfernte Verwandte, Männer und Frauen, alle durch die gleiche scharfe Lupe gesehen und jeglicher Romantik entkleidet, alle gleich wichtig und nichtig, gut und schlecht und in ihrer Menschlichkeit oder vielmehr Körperlichkeit erschreckend wahr. »Tolstoi ist der große Schöpfer menschlicher Körper und nur zum Teil Schöpfer menschlicher Seelen«, sagt Mereshkowskij. Darin steht er im direkten Gegensatz zu Dostojewskij, der in erster Linie die Seele schilderte und sich für den Körper nur wenig interessierte. Es ist die Lehre des alten Onkels Jeroschka, der den Menschen dem Tiere gleichsetzte und die ihn vor jeder andern Kreatur ›auszeichnende‹ Seele gar nicht beachtete. Diese Körperlichkeit haftet allen in Krieg und Frieden auftretenden Menschen besonders an und am unheimlichsten demjenigen, den die Zeitgenossen und die späteren Dichter (auch Puschkin) als einen Halbgott verehrten – Napoleon. Dieser wird nicht nur seines ganzen Übermenschentums, sondern fast auch der Menschlichkeit entkleidet: ein jämmerliches Geschöpf aus Fleisch, Blut und Schweiß. Darin liegt schon eine bewußte geschichtsphilosophische Tendenz: es soll gezeigt werden, daß der Gang der Weltereignisse nicht vom Menschen beeinflußt, sondern von oben regiert wird. »An den historischen Ereignissen sind die sogenannten großen Menschen nur Etiketten, die den Ereignissen die Benennung geben«, sagt Tolstoi. Tendenz ist auch, wie der Bauer Platon Karatajew andern, den herrschenden Ständen angehörenden handelnden Personen gegenübergestellt wird. Dieser Vertreter des Bauernvolkes ist im gleichen Maße idealisiert, in dem die andern und vor allem Napoleon verkleinert sind. Die Tendenz tut aber der hervorragenden künstlerischen Qualität des Werkes durchaus keinen Abbruch, und Krieg und Frieden ist neben Turgenjews Väter und Söhne der vollkommenste russische Roman.

Anfang der siebziger Jahre, nach dem Erscheinen von Krieg und Frieden, wandte sich Tolstoi den Fragen der Volkserziehung zu, die ihn auch schon in den ersten Jahren nach seiner Heirat interessiert hatten. In der gleichen Zeit kommt in ihm auch die große innere Krise zum Ausbruch: er zweifelt am Wert seiner schriftstellerischen Tätigkeit und sucht den Sinn des Lebens im Studium theologischer und philosophischer Probleme und im Verkehr mit dem einfachen Volk zu ergründen. Er verwirft jeden Fortschritt, Kunst und Wissenschaft, trägt sich aber zugleich mit Plänen zu einem neuen Kunstwerk – dem Roman Anna Karenina, der 1875-1876 erschien. Dieses Werk ist wieder zum Teil autobiographisch: Lewin ist niemand anders als Tolstoi selbst und mit Nechljudow und dem Gatten aus dem Familienglück identisch. Das dem Roman vorausgestellte Bibelwort: »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, stellt in bezug auf die Geschehnisse, von denen er handelt, die gleiche fanatische Übertreibung dar wie das von uns oben zitierte Resümee der Erzählung Luzern. Obwohl Tolstoi nur predigen wollte, wurde aus Anna Karenina wiederum ein vollkommenes Kunstwerk, voller blendender Schilderungen aus dem Leben hoher Gesellschaftskreise und herrlicher Naturbilder; ein so vollkommenes Kunstwerk, daß die Kritiker jener Zeit die Tendenz ganz übersahen und den Roman als eine ›Apothese von Eheirrungen‹ werteten. Aber Dostojewskij erkannte natürlich die ganze Tiefe der Tendenz, die er wie folgt formulierte: »Es wird darin mit erschreckender Tiefe und Kraft, mit einem bei uns noch nie dagewesenen Realismus der künstlerischen Schilderung dargelegt..., daß das Böse in der Menschheit tiefer wurzelt, als es die sozialistischen Ärzte annehmen, daß das Böse sich in keiner Gesellschaftsform vermeiden läßt, daß die Menschenseele immer dieselbe bleibt, daß das Anomale und die Sünde von ihr selbst ausgehen und daß schließlich die Gesetze des Menschengeistes noch so unbekannt, unerforscht und geheimnisvoll sind, daß es keine Ärzte und nicht einmal endgültige Richter geben kann, sondern nur Den gibt, Der da sagt: Die Rache ist mein, ich will vergelten.« Zugleich sah Dostojewskij auch klar, wie es mit der Religiosität Tolstois bestellt war: »Er nimmt dem russischen Volk einfach das Kostbarste, beraubt es des wichtigsten Sinnes seines Lebens«, sagt er anläßlich des Romans Anna Karenina; unter dem ›Kostbarsten‹ versteht er aber die Religion des Volkes und ihre traditionellen äußeren Formen.

Nach Anna Karenina veröffentlichte Tolstoi eine ganze Reihe moralphilosophischer Schriften, die den Grund zum ›Tolstoianismus‹ legten. Die Hauptlehren dieser Richtung sind: »Nichtankämpfen gegen das Böse«, Verwerfung jeglicher Kultur, Zivilisation, Wissenschaft und Kunst, Ablehnung des Staates und aller seiner Einrichtungen und vor allem der Kirche. Die ungeheure Wucht, mit der Tolstoi seine im großen ganzen rationalistische Lehre predigte, verschaffte ihm Gehör bei allen Menschen der Erde, aber zu wahrhaften ›Tolstoianern‹ vermochte er nur wenige zu bekehren. Um auch auf das einfache Volk zu wirken, schrieb er ab 1881 eine Reihe Volkserzählungen, von denen einige, wie die Drei Greise oder Die beiden Alten, sich an Schönheit mit gewissen Legenden der Bibel messen können. Um die gleiche Zeit erschien das in seinem Realismus erschreckende Kunstwerk Tod des Iwan Iljitsch und 1890 die berühmte Kreutzer-Sonate – wohl das grausamste Werk der Weltliteratur, eine erbarmungslose Abschlachtung der Ehe, und zwar jeder Ehe – ein unerreichtes Meisterwerk der Psychologie. In die gleiche Zeit gehört das realistische Drama aus dem Bauernleben Macht der Finsternis – eines der besten russischen Theaterstücke. 1895 veröffentlichte Tolstoi seine zwar meisterhaft geschriebene, aber blasphemische Abhandlung Was ist Kunst? und überraschte 1898 die Welt durch einen neuen Roman Auferstehung. In diesem tritt wieder der Fürst Nechljudow auf, der ein Liebesabenteuer seiner Jugend büßt und nach geistiger Auferstehung strebt. Auch dieser Roman ist überall, wo Tolstoi nur schildert, ein Meisterwerk; die schon durch ihren hölzernen Stil auffallenden Stellen, in denen er predigt, lassen sich von dem Kunstwerk leicht scheiden. Die Auferstehung ist gerade ein klassisches Beispiel dafür, wie das Künstlerische und Moralisierende bei Tolstoi nebeneinander laufen, ohne sich zu vermengen, und der Künstler vom Prediger sich nicht unterkriegen läßt, was z.B. bei Gogol der Fall war. Um die gleiche Zeit arbeitete er an der Novelle Hadschi-Murat, die auf Reminiszenzen aus seiner Kaukasuszeit beruht und erst nach seinem Tode erschien: sie zeigt uns den Künstler Tolstoi wieder in seiner ganzen Größe.

So hatte Tolstoi auch nach seiner Anfang der achtziger Jahre erfolgten »Wandlung« eine Reihe von Kunstwerken geschaffen. Die Wandlung äußerte sich darin, daß er von nun an das Schwergewicht seiner Tätigkeit auf die Veröffentlichung zahlreicher Traktate verlegte, in denen er seine rationalistischen kirchen- und staatsfeindlichen Lehren predigte. Turgenjew wandte sich an ihn im Juni 1883, einige Wochen vor seinem Tode, mit dem berühmten Brief: »Kehren Sie zur literarischen Tätigkeit zurück, Sie großer Dichter der russischen Erde!« Zur ›reinen‹ Literatur kehrte Tolstoi jedoch nicht mehr zurück. Noch mehr äußerte sich die ›Wandlung‹ in seiner Lebensweise: er legte einen Bauernkittel an, wurde Vegetarier und suchte sein Leben dem des einfachen Bauern anzupassen. Im scheinbaren Widerspruch dazu steht, daß er im wappengeschmückten Herrenhaus von Jasnaja-Poljana, von jedem Komfort umgeben, lebte und die zahllosen Besucher aus aller Herren Ländern, die zu ihm von Gewissensnöten und auch von bloßer Neugier getrieben pilgerten, von einem livrierten Lakai empfangen und zum ›Grafen‹ geleitet wurden: vom Prinzip des ›Nichtankämpfens gegen das Böse‹ ausgehend, wollte Tolstoi seinen Angehörigen nicht verwehren, nach ihrem Geschmack zu leben. So bestanden äußerlich auch in seinem Leben der ›Graf‹ und der ›Bauer‹ unvermengt nebeneinander. In Gesprächen mit den Gästen versäumte er keine Gelegenheit, gegen jede Kultur und namentlich gegen die jüngste Dichtung loszuziehen; manchmal veröffentlichte er in der Presse, vorwiegend in der ausländischen, Proteste und Aufrufe, und die ganze Welt lauschte erschauernd dem aus Jasnaja-Poljana dringenden Grollen.

Das Leben Tolstois stand also in mancher Beziehung im scheinbaren Widerspruch zu seiner Lehre; dafür starb er aber so, wie nur ein Tolstoi sterben konnte. Als er das Nahen des Todes fühlte, verließ er, von einem Getreuen begleitet, heimlich sein Haus, um den Tod »wie ein Fasan oder Hirsch« des Onkels Jeroschka in der Einsamkeit zu suchen. Allerdings erklärte er im Abschiedsbrief an seine Frau, daß er sein Haus verlasse, weil er so nicht länger leben könne: er zog also fort, um zu leben, nicht um zu sterben. Aber der Tod ereilte ihn bald nach seiner Flucht, am 20. November 1910 auf der Bahnstation Astapowo. Die russische Kirche hatte ihn schon im Jahre 1901 exkommuniziert; Tolstoi war ja jedenfalls nicht griechisch-orthodox und im kirchlichen Sinne überhaupt kein Christ. So wurde er zu Jasnaja-Poljana ohne Beteiligung der Geistlichkeit beigesetzt: es war die erste ›bürgerliche‹ Beerdigung in Rußland. Mit Tolstoi starb einer der Größten der Erde, und wir fragen uns unwillkürlich, ob wir Zeugen des großen Völkerschlachtens und des Zusammenbruchs Rußlands geworden wären, wenn er noch lebte, ob nicht seine Donnerstimme die Menschheit auf dem Wege zum Verderben aufgehalten hätte... Wir schließen dieses Kapitel mit folgenden Worten Mereshkowskijs aus seinem Monumentalwerk Tolstoi und Dostojewskij: »Leo Tolstoi und Dostojewskij, die beiden Gipfel der russischen Kultur, sind vom ersten Strahl der schrecklichen Sonne erleuchtet, der noch keinen der Gipfel der westeuropäischen Kultur getroffen hat. Diese schreckliche Sonne ist der Gedanke an das Ende der Weltgeschichte.«

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