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Waldfräulein Hechta

Willy Seidel: Waldfräulein Hechta - Kapitel 1
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authorWilly Seidel
titleWaldfräulein Hechta
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1. Die Dürre

Eines gleichen Frühlings wußte sich niemand im ganzen Dorfe zu erinnern. Seit der Schnee verging, war noch kein einziger Tropfen Regen gefallen; erbarmungslos blank und glänzend stand der Himmel Tag für Tag über den Bergen, und selten nur kam es vor, daß ein schimmerndes Wölkchen versuchte, das öde Blau zu durchschiffen. Es gelangte aber nicht weit, denn schnell ward es dünn und durchsichtig wie ein zarter Schleier und alsbald war es verschwunden, ausgetrunken von der heißen Luft. Der Bach, dessen Rauschen und Brausen um diese Zeit sonst weithin vernommen ward, schlich und rieselte mit ein paar dünnen Wasserfäden durch die sonnigen Steinblöcke, auf denen das Moos vertrocknet war, und bildete an einzelnen Orten stille, glasklare Teiche, in denen die Forellen ängstlich hin und her huschten. Die sonst so ruhelose Sägemühle am unteren Ende des Dorfes war mitten in der Arbeit stehen geblieben, und das wenige Wasser, das noch vorhanden war, plätscherte und tropfte von einer Schaufel des feiernden Rades in die andere. Was war sonst auf den berieselten Bergwiesen zu beiden Seiten des Thales für eine klingende Musik gewesen von lebendigen Quellen, die, in Rinnen und Röhren hin und her geführt und über das üppige Gras geleitet, fröhlich in der Sonne blitzten und alle Zeit noch vermocht hatten, nach gethaner Pflicht einen plätschernden Ueberfluß an den Bach abzuliefern. Aber das wenige Wassergeriesel, das jetzt aus dem so quellenreichen Walde noch hervorkam, ward gleich anfangs von dem durstigen Wiesenboden aufgetrunken; statt des sonst überall so üppigen Grüns war eine fahle Färbung verbreitet, und bis zu dem fast ausgetrockneten Bach gelangte kein Tropfen mehr. Weiter hinauf, wo sich in verschiedenfarbigen Flecken und Streifen die Felder bis an den dunklen Hochwald hinaufzogen, sah es noch schlimmer aus, denn niedrig und dürftig standen die Saaten auf dem sonst so fruchtbaren Boden, und hätte nicht der starke nächtliche Tau des Gebirges sie allezeit ein wenig erquickt, so wären sie wohl ganz vergangen.

Eine trübe Stimmung herrschte im Dorf, und vielleicht noch nie, seitdem es stand, hatten so viel forschende Augen den Himmel gemustert, und noch nie war von den klugen Wetterverständigen so viel prophezeit worden. Aber alles Prophezeien nützte nichts und wurde leider nicht zu Wasser, sondern immer wieder zu Sonnenschein.

Der alte Lindenbauer saß an einem schönen Sonntagnachmittag unter dem Schatten der uralten Linde vor seiner Hausthür und trank verdrießlich seinen Schoppen Roten. Neben ihm auf der hölzernen Bank hockte sein Sohn, ein hübscher, zwanzigjähriger Bursche, und flocht an einem Peitschenstiel aus Wacholderzweigen.

Der alte Bauer paffte aus seiner kurzen Stummelpfeife still vor sich hin, blickte in die sonnenflimmernde Landschaft und knurrte nur zuweilen ein wenig. Endlich trank er einen langen Zug, räusperte sich bedächtig und sprach: »Weißt du, Joseph, Verlaß ist in diesem verdrehten Jahr auf nichts mehr. Siehst du da wieder den Abendberg, was? Wie war es immer, so lang ich denken kann und wie mir mein Großvater schon erzählt hat? ›Wenn der Abendberg eine Mütze aufsetzt, da gibt's Regen, ehe vierundzwanzig Stunden um sind.‹ Und das kam so sicher wie das Amen in der Kirche. Siehst du, heute hat er sich wieder seine Kappe tief über die Ohren gezogen, aber glaubst du wohl, daß es morgen regnen wird? Gott bewahre, fünfmal hintereinander ist es schon nicht mehr eingetroffen! Die Welt ist konträr geworden.«

Dann knurrte er wieder ingrimmig, paffte heftig vor sich hin und sah zu, wie die heiße Luft über seinen Feldern zitterte.

Der junge Mensch hatte zu der Rede des Vaters nur genickt, dann sagte er:

»Ja, wenn wir jetzt keinen Regen bekommen, da ist es mit dem Futter zu Ende. Am Erlenbruch da finden die Kühe noch eine Woche was, dann ist es vorbei. Sie lassen alle Tage mehr nach mit der Milch, die Liese steht schon beinahe trocken und war sonst die beste.«

Der Alte kratzte sich hinter den Ohren und brummte etwas, das wie ein Fluch klang. Dann fuhr der Sohn fort:

»Dort, hinter dem Abendberg, soll schöne Weide sein, genug für hundert Kühe.«

»Was nützt uns das!« sagte der Alte verdrießlich. »Aus dem verwünschten Wald ist noch niemand wiedergekommen außer dem Mühlenhannes, und der ist verrückt geworden. Dort wächst das Irrkraut, und wer darauf tritt, der geht in die Irre, bis er verschmachtet.«

»Aber der Herr Picus,« warf nun der Sohn ein, »der wandert dort doch überall herum und sammelt seine Kräuter, und es thut ihm nichts. Er hat doch damals den Mühlenhannes gefunden und zurückgeführt. Freilich, den Verstand konnt' er ihm auch nicht wiedergeben!«

»Ja, Herr Picus,« sagte der Alte, »der kann mehr als Brot essen. Den wird der Leibhaftige auch wohl in seinem Hauptbuch zu stehen haben.«

»Herr Picus thut niemand was zuleide,« erwiderte Joseph. »Mit seinen Kräutertränken hat er schon vielen geholfen, und er verschickt sie weithin, bis ins Holland, sagen die Leute. Soll ich ihn, wenn morgen wieder kein Regen kommt, mal fragen, wie er es macht, daß der verrufene Wald ihm nichts anhaben kann? Wenn er's mir sagt, da suche ich die Wiesen hinter dem Abendberg, und unseren Kühen ist geholfen. Sonst müssen wir sie verkaufen oder sie kommen um.«

Der Alte wollte nicht heran an diesen Vorschlag, als aber am Abend seine Kühe eingetrieben wurden und er sah, wie ihnen die Hüftknochen hervortraten und alle Rippen zu zählen waren, da brummte er: »Na, kannst es ja mal versuchen mit dem Herrn Picus!«

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