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Johann Georg Kerner

Johann Georg Kerner

(Pseudonyme: August Wattenburg und Gustav Scanderholm)

Geboren am 9. April 1770 in Ludwigsburg, gestorben am 7. April 1812 in Hamburg.

Kerner bekmpfte die Gewalten des Absolutismus und begeisterte sich fr die Ideale der Franzsischen Revolution, ohne die realen Verhltnisse Frankreichs, die er teilweise als Augenzeuge von 1791 bis 1801 beobachten konnte, unkritisch gutzuheien. In seinen politischen Anschauungen zeigte er beachtliche Prinzipientreue.

Georg Kerner, dessen Persnlichkeit zuerst von seinem jngeren Bruder, dem Dichter Justinus Kerner, in den Erinnerungen Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit (1849) gewrdigt wurde, war ltestes Kind des Oberamtmanns Christoph Ludwig Kerner in Ludwigsburg, der ihn sehr streng erzog. Nachdem er in seiner Heimatstadt die Lateinschule besucht hatte, studierte er seit 1779 an der Hohen Carlsschule in Stuttgart. Mit gleichgesinnten Freunden demonstrierte er dort zu Beginn des Jahres 1791 seine Revolutionsbegeisterung. Nach seiner medizinischen Promotion wandte er sich nach Straburg, um sein Studium an der dortigen Universitt fortzusetzen. Er wurde Mitglied der "Gesellschaft der Freunde der Konstitution" und am 12. Juli 1791 zu deren deutschem Sektretr gewhlt. Ende 1791 reiste er mittellos und zu Fu nach Paris. Als Nationalgardist schtzte er am 20. Juni und am 10. August 1792 das Leben Ludwig XVI. Obgleich ihn die Entwicklung in Frankreich enttuschte, schrieb er im Oktober und November an den franzsischen Auenminister, um ihn auf gnstige Bedingungen fr eine Revolutionierung Wrttembergs hinzuweisen. In Paris, wo er u.a. mit Gustav von Schlabrendorf, Georg Forster, Adam Lux und Konrad Engelbert Oelsner zusammentraf, erlebte und berlebte er die radikalste Phase der Franzsischen Revolution. Wie Adam Lux, dessen Pariser Zeit er detailliert schilderte, sympathisierte er mit den Girondisten und schrieb im April 1793: "Noch ist die Sache Frankreichs, so grlich verzerrt und so blutig sie ist, noch ist sie besser als die Sache der Tyrannen Europens, noch ist es menschenwrdiger, unter den Greulen der Anarchie zu leben, als ruhig unter dem Fu eines schwindschtigen Kaisers, eines elenden Knigs von Preuen, eines gekrnten englisch-hannoveranischen Narren und eines russischen Weibes zu erlahmen..." (zit. nach Voegt, S.418). Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Arzt am Hospital der dnischen und schwedischen Gesandtschaft, aber auch als Korrespondent der Hamburgischen Neuen Zeitung.

Im April 1794 floh Kerner in die Schweiz und wurde von der dortigen franzsischen Gesandtschaft fr eine geheime Mission in Wrttemberg eingesetzt. Er sollte auf einen Separatfrieden zwischen seinem Vaterland und Frankreich hinarbeiten. Kerner war nicht erfolgreich und reiste erneut nach Paris, wo er seit Beginn des Jahres 1795 lebte. Von dort schrieb er fr die Zeitschrift "Klio" von Paul Usteri, den er in Zrich kennengelernt hatte, die Artikelserie Briefe aus Paris. Als Augenzeuge berichtete er anschaulich ber die Aufstnde vom Germinal und Prairial, wo er selbst unter Einsatz seines Lebens gegen die Aufstndischen kmpfte. Angesichts der Politik der Thermidorregierung und Kerners Furcht vor einer Wiederkehr des Royalismus wurde er zum radikalen Republikaner. ber die Regierung urteilte er im September 1795: "Dieses schndliche Sanftmutsystem bringt uns mit jedem Tage einem furchtbaren Abgrund nher, und ich behaupte zuversichtlich, da es uns mehr Blut kosten wird, als uns jemals der Terroism gekostet hat. Dieses System ist mit anderen Worten eine frmliche Lossprechung von allen Pflichten gegen republikanische Gesetze und republikanische Beamte; ein lauter Aufruf zur vollkommensten Anarchie; ein groer Schritt zum Knigstume...." (zit. nach Voegt, S.240).

Als der aus Wrttemberg stammende franzsische Diplomat Karl Friedrich Reinhard (1761-1837) Ende des Jahres 1795 zum Gesandten der deutschen Hansestdte mit dem Sitz in Hamburg ernannt wurde, stellte er Kerner als seinen Privatsekretr ein. Beide wurden vor allem von dem aufgeklrten Kreis um Georg Heinrich Sieveking und dem Arzt Johann Albert Heinrich Reimarus freundlich aufgenommen. 1796 heiratete Reinhard die Tochter des Arztes, Christine Reimarus. Der franzsische Gesandte verwandte Kerner fr mehrere diplomatische Missionen, die diesen nach Bremen, Hildesheim, Berlin und zweimal nach Paris fhrten, wo er Augenzeuge des antiroyalistischen Staatsstreiches vom 18. Fructidor (5. September 1797) wurde. ber einen Teil seiner politischen Reiseeindrcke berichtete er in Zeitschriften, die er dann spter als Buch verffentlichte: Briefe ber Frankreich, die Niederlande und Teutschland, geschrieben in den Jahren 1795, 1796 und 1797 (1797). Im April 1797 grndete er die Philanthropische Gesellschaft in Hamburg, eine politische Vereinigung, die auch Juden aufnahm und sich fr die Erhaltung, Festigung und Propagierung republikanischer Ideale einsetzte. Zu ihren Mitgliedern zhlte Johann Gotthard Reinhold (1771-1838), ein Jugendfreund Kerners, mit dem er auf der Hohen Carlsschule einen ewigen Freundschaftsbund geschlossen hatte und dem er in Hamburg die Stelle eines batavischen Gesandtschaftssekretrs vermitteln konnte. Als Kerner nach Italien abgereist war, dominierte vorbergehend Leonard Bourdon bei den Philanthropen, bevor die Gesellschaft im November 1798 vom Hamburgischen Senat verboten wurde. Als Reinhard 1798 als Gesandter an den Hof des Groherzogs Ferdinand III. nach Florenz versetzt wurde, folgte Kerner ihm. In Italien beobachtete und beklagte Kerner die Korruption der franzsischen Behrden und sympathisierte mit den italienischen Patrioten. 1799 flohen die Diplomaten vor den sterreichischen Truppen und Reinhard, kurze Zeit Auenminister Frankreichs, war von 1800-1801 in Bern Gesandter bei der Helvetischen Republik.

Whrend Reinhard weiterhin in franzsischen Diensten blieb, lste sich Kerner von seiner Wahlheimat und begab sich Ende 1801 wieder nach Hamburg. In einem lngeren Aufsatz, der in der Zeitschrift Frankreich anonym mit dem Titel Auszge aus den Briefen eines Deutschen aus Paris erschien, distanzierte er sich von Frankreich und der napoleonischen Machtpolitik. Antinapoleonisch war zudem das Journal Der Nordstern (1802), eine Zeitschriftengrndung Kerners, die vermutlich von Reinhard, der seit dem Juni als Gesandter in Hamburg lebte, inhibiert wurde (Verbot selbst durch Beschlu des Senats). Es kam zu einer vorbergehenden Distanz zwischen beiden Mnnern. Kerner entschlo sich in Hamburg als Arzt zu wirken und gegab sich nach Kopenhagen, um dort sein medizinisches Wissen zu vervollstndigen. Nach einer Reise durch Sdschweden, ber die er in dem Buch Reise ber den Sund berichtete, erffnete er Ende 1803 eine Privatpraxis in Hamburg. Am 27.Mai 1804 heiratete er die Hamburgerin Johanna Friederike Duncker. So engagiert sich Kerner dem rztlichen Beruf, speziell der Geburtshilfe, widmete - er wurde 1807 zum Armenarzt ernannt und plante eine Reform des Entbindungswesens -, so entsagte er doch nie politischen Aktivitten. Er war seit 1804 Mitarbeiter der Zeitschrift Nordische Miszellen und dichtete spter das haerfllte Gedicht Das blaue Fieber gegen die Eroberungskriege Napoleons. Als Agent der Stdte Bremen und Lbeck versuchte er whrend der franzsischen Besatzungszeit allzu harte Manahmen der franzsischen Behrden zu mildern. 1812 brach in Hamburg eine Fleckfieberepidemie aus. Der unermdliche helfende Arzt infizierte sich und starb zwei Tage vor seinem 42. Geburtstag.

Kerners umfangreicher Nachla hat sich nur in Resten erhalten; trotzdem zeigen die Ergebnisse der neueren Forschung, da sich noch manche Dokumente seines ungewhnlichen Lebens finden lassen. Seine revolutionre Leidenschaft, die elementare Dynamik, mit der er sich als Republikaner bis zur Selbstaufgabe fr seine Ziele einsetzte, sollten dazu anregen sein politisch-publizistisches Werk vorzustellen.


  • 1790 ber den wichtigen Einflu gut eingerichteter Kranken-Anstalten und Armen-Huser auf das Wohl eines Staates, Rede
  • 1791 Einige Bemerkungen ber Tochtergeschwlste, Doktorarbeit
  • 1802 Briefe aus Paris
  • 1803 Reise ber den Sund
  • 1810 ber das Hamburgische Entbindungshaus und das Entbindungswesen der Armenanstalt

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