Der amerikanische Krieg hatte England gedemütigt und den Ruhm der französischen Waffen hergestellt, ganz Frankreich jubelte und besang die Weisheit seines Königs Ludwig des Sechzehnten. Weil das weibliche Geschlecht dort etwas mehr als in andern Ländern an den öffentlichen Angelegenheiten teilnahm, so wurde auch manche Frau von der Begeisterung für den König ergriffen, nur hielt sich diese mehr an die Gestalt und Person als an die Weisheit, die nur eine allegorische Figur sein kann. Es war nichts Seltenes in Frankreich, des Königs Brustbild, mit Blumen geschmückt, wie einen Hausgott in den Schlafzimmern reicher Frauen zu finden, wo sonst nur Haubenstöcke und Modepuppen gesehen wurden. Allmählich war dieser Enthusiasmus, wie alles in der unruhigen, tadelsüchtigen Hauptstadt verschwunden; der König wurde um schlechtes Wetter, verdorbenes Mittagessen und langweilige Liebhaber verlästert, erst schwanden die Blumen, dann wurden die Brustbilder als Haubenstöcke gebraucht, bald erschienen Karikaturen, während entferntere Provinzen noch in Ehrfurcht und Bewunderung zu dem fernen Könige verharrten. Niemand war so eifrig in ihrer Verehrung wie Frau von Saverne, die reiche Witwe eines päpstlichen Beamten zu Avignon. Als eine geborne Französin - sie war Tochter des reichen Seidenfabrikanten Lonny in Lyon - hatte sie das Recht, in dem Könige den Landesvater zu ehren; sein Brustbild war ihr höchster Schatz, zum Ärger des Beichtvaters, der lieber das Bild ihres Schutzpatrons an die Stelle gesetzt hätte. Sie vergaß alle Freunde und Verehrer bei dem Wunsche, in Paris die Strahlen der königlichen Huld in der Nähe mitzugenießen. Vergebens suchte ihr Beichtvater diesen Entschluß zu hindern, er sprach zu ihr von der Neigung seines damals abwesenden Bruders, des päpstlichen Hauptmanns, aber Frau von Saverne wollte wenigstens einmal den König sehen, sie glaubte sonst nicht ruhig leben zu können und meinte, der Wunsch sei so unschuldig, so natürlich, und wenn sich andre Frauen der Gegend nach Paris begäben, um dort ungezwungen mit Liebhabern zu schwärmen, so sei es wohl ihr vergönnt, der reinsten Schwärmerei etwas zu erlauben, welche die Anhänglichkeit an den Vater ihres Vaterlandes erzeugt habe. Der Beichtvater aber blieb dabei: kein Mensch müsse in guter Absicht nach Paris gehen, sonst werde er betrogen; habe einer etwas Böses vor, nun, so fände er da seinen Spielraum.
Unterwegs erinnerte sie sich oft des Gesprächs und mußte des Erbfeindes von Paris lachen, der, ohne sie zu kennen, eine halbe Million Menschen verdammte; aber unangenehm blieb ihr immer sein letztes Wort, als sie des Königs Büste sauber einpackte: «Jetzt beschweren Sie ihren Wagen mit dem Bilde, und werden die Kiste sorgsam wie ein Kind auf ihrem Schoß wiegen, aber wenn Sie zurückkommen, nehmen Sie kein Geldstück mit dem Bilde ohne Schauder in die Hand; so werden Sie Ihre Lust büßen.» Aber sie schob das alles auf den Ärger, den der Mann empfunden, daß sie ihr dortiges Vermögen einkassiert habe, statt es dem Kloster zu vermachen, noch mehr auf den Verlust des guten Tisches in ihrem Hause. Am verdrießlichsten war es ihr, daß er ihrem Mädchen abgeredet hatte, sie nach der Frevelstadt zu begleiten; sie mußte nun eine Pariserin mitnehmen, welche gleichfalls den Wunsch gehegt hatte, dahin zurückzukehren. Dies Mädchen hieß Manon, war längst über die Jugend hinaus und hatte im Auslande die Kinderlehrerin gespielt; sie wußte viel von ihren Schicksalen zu erzählen, aber es war immer, als ob der Faden fehlte, der all das Seltsame verbinden sollte; Frau von Saverne konnte ihr nicht recht vertrauen. Übrigens wußte das Mädchen in Paris Bescheid, nannte die Straße, durch welche sie einfuhren, ließ den Wagen bei einem Hotel stillehalten, wo die Wirtin sie freundlich bewillkommte, auch sogleich die gewünschte Wohnung einräumte. Ehe noch die schwere Schatulle und die Büste, auch alle andre mitgebrachten Sachen aufgestellt worden, wollte Frau von Saverne nach den Tuilerien eilen, unter Führung ihrer Wirtin, um keinen Augenblick zu verlieren, wo sie vielleicht den geliebten König erblicken könne. Als die Wirtin diesen Grund ihrer Reise herausgebracht hatte, schüttelte sie mit dem Kopfe und versicherte, bei ihnen stände kein Mensch mehr auf, wenn er warm säße, um den König zu sehen; er hätte dies und jenes getan, könne auch wohl noch dies und jenes tun. Frau von Saverne verstand keinen Scherz über so etwas, sie gebot ihr zu schweigen, aber die Frau lachte höhnisch und versicherte, sie werde den König doch nicht sehen, denn er sei in Versailles. Kaum hatte die gute Saverne das gehört, so eilte sie mit Ungeduld, Pferde zu bestellen, und trotz dem Verdruß ihrer Kammerjungfer reiste sie nach Versailles noch an demselben Tage, nachdem sie eine Monatsmiete der Wirtin geschenkt hatte. Sonderbar war es ihr, daß ein Reiter den Wagen bis nach Versailles begleitete, den niemand kannte und der auch mit ihr an demselben Hotel abstieg; inzwischen war ihr manches wichtiger, doch behielt sie sein Gesicht in Gedanken. Die Leute in dem Hotel kamen ihr in seltsam neugieriger Art entgegen, sie schienen zu wissen, daß sie den König sehen wolle, und sagten ihr, daß er wegen Unwohlsein jetzt selten den Garten besuche. Sie beklagte mit Lebhaftigkeit seine Krankheit; die Leute lächelten und sagten, es habe keine Gefahr. Frau von Saverne fand den Ort reizend und ganz nach ihrem Geschmacke; sie sprach davon, sich da anzukaufen, besah Häuser in der Nähe des Schlosses, war aber verwundert, daß keiner der Besitzer mit ihr einen Handel eingehen wollte, obgleich sie ansehnlich über den wahren Wert bot. Ihre Lebensweise richtete sie sehr einfach ein; die Buchhandlungen lieferten ihr einen Reichtum an Büchern über die Geschichte Frankreichs und des letzten Krieges, die Wirtin sorgte für ihren Tisch, die Kammerjungfer blieb ihre einzige Gesellschaft, da sie bei ihrem verstorbenen Manne, der sehr einsam lebte, sich des Umgangs entwöhnt und am wenigsten Verlangen danach in der Fremde hegte, die ihr Beichtvater als höchst verderbt und betrügerisch schilderte; morgens waren es die Bücher, nachmittags der Schloßgarten, der sie anzog und beschäftigte.
Da im Garten eben eine neue Terrasse angelegt wurde, so waren stets viele Arbeiter versammelt, die einmal in den Ruhestunden miteinander über ihre Geschicke sprachen, als Frau von Saverne in der Nähe auf einer Bank saß. Sie hörte, wie der eine die Gefahren beschrieb, welche er als Gefangener im letzten Kriege unter den Wilden überstanden, und wie er nun für das alles keinen Lohn empfange. Das ergriff sie; sie trat zu dem Manne, drückte ihm ein Goldstück in die Hand und sagte: «Euer gerechter König wird für Euch sorgen, nehmt indessen die Kleinigkeit an!» - Der Mann dankte und sah ihr verwundert nach, und die nächsten Tage fand sie sich von manchen Arbeitern um Geld angesprochen, die alle ihre Taten im Kriege und ihr Unglück berichteten. Sie gab jedem etwas gegen die Erinnerungen ihrer Kammerjungfer, welche alle die Leute Lügner schalt. «Hätten sie auch gelogen», sagte Frau von Saverne, «wozu gab mir der Himmel Vermögen und einen genugsamen Sinn, wenn ich meinen Überfluß nicht verschenken dürfte?» Die Kammerjungfer klagte, daß sie auf diese Art ihr Vermögen verschwenden würde, doch Frau von Saverne verwies sie auf den Spruch der Bibel, daß jeder sich Freunde machen müsse mit dem ungerechten Mammon, damit er aufgenommen werde in den ewigen Hütten. - « Ich sehe Sie schon in einer Hütte, in einer recht armseligen Hütte noch hier auf Erden!» antwortete das vorwitzige Kammermädchen. Allmählich wurde der guten Frau das Einreden dieser Person unleidlich, sie sollte fort, behauptete aber, sie könne nicht fortgeschickt werden; auch brachte sie einen Polizei-Offizianten zu ihr, der versicherte, das dürfe nicht vor dem Ablauf einer gewissen Zeit geschehen, da sie keine gegründete Ursache zur Klage habe. Frau von Saverne kannte die Gesetze nicht, der Polizei-Offiziant war ein Musterbild aller grobdreisten Gemeinheit, die damals noch den meisten anklebte, die sich zu dieser widerlichen Beschäftigung hergaben; sie beschloß aus Furcht vor den Ungezogenheiten des Mannes, die Zeit geduldig abzuwarten, obgleich sie ihr sehr lang wurde.
Das Mädchen war noch in ihrem Dienste, als es hieß, der König werde an einem Abend zum ersten Male den Garten besuchen, um seine Herstellung zu feiern. Das war ein Tag der Freude; Frau von Saverne schmückte die Büste des Königs am Morgen und war nachmittags die erste in der Nähe der Türe, aus welcher der König heraustreten sollte. Bald sammelten sich Leute, und sie bemerkte in ihrer Nähe eben den Menschen, der sie von Paris nach Versailles begleitete, dessen hähernes Gesicht mit ungeheurem Munde ihn einem Nußknacker ähnlich machte; sie mußte ihn späterhin immer so nennen. Die Schweizer gaben das Zeichen, daß der König komme, Frau von Saverne beugt sich vor und wird von einigen weitergestoßen, in dem Augenblicke aber von dem Nußknacker zurückgerissen, mit dem Bedeuten, es sei einer Frau nicht anständig, sich dem Könige so in den Weg zu drängen. Sie antwortet, aber der Mann zieht sie unerbittlich fort, während die Menge ihr Vive le Roi! schreit und der lang ersehnte Anblick ihr auf diese Weise entzogen wird. Die Menge folgt jetzt unbändig dem Könige, der Augenblick ist versäumt, kaum kann sie ihre Tränen mäßigen, sie fühlt sich gekränkt und wird von mehreren Leuten, die sich zu jenem gesellten, noch verspottet. Als sie trostlos nach Hause kam, fand sie einen Unglücklichen, der ihr Mitleid ansprach, weil sie wegen ihrer Milde bekannt sei, er im Kriege ein Bein verloren habe und sich jetzt in seinem Handwerk niederlassen und heiraten wolle, sie möchte ihm ein Kapital leihen, er bringe ihr die besten Zeugnisse über seinen Fleiß und sein Geschick. Sie vergaß ihren Gram, meinte, daß sie zu dieser Wohltat von dem Feste in höherer Fügung entfernt worden sei, und gab dem Menschen tausend Livres mit der Erinnerung, es ihr ohne Interessen wieder zu zahlen, wenn er einmal sich reich gearbeitet hätte, heute aber dem Könige zu Ehren ein Glas zu trinken, da er dessen Herstellung die Wohltat danke. Der Mann wollte ihr zu Füßen fallen, aber sie sprang in ihr Schlafzimmer. Gleich darauf hörte sie ein heftiges Zanken im Vorsaale, die Kammerjungfer rang mit dem Stelzfuß und schrie immer, ihre Herrschaft habe nichts zu verschenken, sie sei unter Aufsicht; bald kam auch der Polizei-Offiziant und suchte das Geld zu nehmen. Frau von Saverne trat hinaus und sprach für den Stelzfuß; die Leute gaben auch nach, aber sie wurde so fremdartig angeblickt, daß sie bald betroffen auf ihr Zimmer ging und des Beichtvaters, sie wußte nicht warum, denken mußte. Sie betete an dem Tage sehr viel und mußte sich wieder über das Kammermädchen ärgern, die ihr auseinandersetzte, sie möchte lieber eine Komödie des Molière zu ihrer Zerstreuung lesen, lieber zweitausend Livres für ein gesticktes Kleid als eintausend an Arme ausgeben.
Am nächsten Tage trat der Nußknacker in einem gerichtlichen Kleide mit einem anderen Manne herein, der sie halb lächelnd, halb scheu ansah. Er sagte ihr, daß er vom Gerichte abgeschickt sei, Erkundigungen über ihr Vermögen einzuziehen, weil mehrere Anzeigen gegen sie eingelaufen wären; der andere tat, als ob er ihre Hand küssen wolle, befühlte ihr aber den Puls. Befangen und überrascht setzte sie keinen Zweifel in die Richtigkeit des Geschäfts, und da ihre Angelegenheiten sehr einfach waren, so konnte sie dem Antrage mit einer leichten Übersicht ihrer Papiere genügen. Nachher wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, doch brachte der andre die Rede auf den König, und sie verhehlte nicht in ihrer südlichen Lebhaftigkeit, welche große Erwartungen sie noch für das Wohl ihres Vaterlandes von der Güte und Einsicht des Königs hege. Die beiden Leute sahen sich bedenklich an und nahmen dann Abschied mit der Versicherung, noch an dem Tage wiederkommen zu wollen. Nach Tische wollte Frau von Saverne den gewohnten Spaziergang nach dem Schloßgarten unternehmen, aber vor der Tür kam ihr der Nußknacker allein entgegen und versicherte, sie müsse sogleich in den Wagen steigen, den er eben habe kommen lassen, um dem Gerichte noch selbst Rede und Antwort zu geben.