Montag, 17.8.2009

Kultur

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Adolf Glaßbrenner
Berliner Eckensteher



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Herr Rentier Buffey über Göthes »Torquato Tasso«

Herr Rentier Buffey
über Göthes
»Torquato Tasso«

(1847)

Brief des Rentiers Buffey an Flitter

»Vereerter Freund Wohlgeboren!

Sie entschuldjen, Herr Flitter, deß ich an Ihnen schreibe, des heeßt, einen Brief, nennt man des? Sie fragen natürlich Wie so?, weil wir in eine Stadt wohnen, in Berlin, aber ich sehe Ihnen villeicht in de erste Zeit nich, un mir is es mit Tarkwato Tasson in meinen Kopp noch nich janz richtig, un da Hulda mit ihre verheirathe Freundinnn nach Hamburg jereist is, so wende ich mir an Ihnen, ob mein Urtheil richtig is, un wie so deß die Leute so sehr nach des Stück sind, wat mir bis uf die Seidenraupen-Jeschichte jar nich ansteht, nich juttirt, nennt man des!

Jethe hat mich nämlich nie jefallen können, weil er Allens so von sonne kalte Seite anfaßt, so mit Jlacee-Handschen, nich aus't Herz raus. Er besitzt Vernunft, des is wahr, aber er is mir zu vornehm und zu stille, er hat keenen Schwunk, Fantarsie heeßt des. Un denn fehlt et ihm ooch an Riehrung un an Wahrheit, denn wenn er mal Mensch sind will, denn hängt er sich jedes Mal noch drei Mäntel um, damit er sich nich erkältet. Ich habe nämlich darüber jelesen un habe mich ooch immer gedacht: ein Dichter muß en janz andrer Mensch sind, also so wie jeder andre Mensch is, denn sonst is er keen Dichter, natürlich, sondern macht am Ende blos des in so'ne duse, jlatte Verse, was jeder Hans Narre bei Dieses oder Jenes fühlt. Dichter, hab' ich mir immer jedacht, des is so: man hat en jroßes Herz un en jroßen Jeist, so deß man sich über die Natur fortschwingen un wieder Jott vor sich alleene sind kann? Wie? Oder wie soll ick mir ausdrücken? Man hat die janze Welt in de Tasche un fliegt damit nach de Sonne ruf. Na nu, wat geschieht mir? Nuh jeh' ick den Mittwoch nach Tarkwato Tasson, dem ich noch nich persönlich jekannt habe, uf'n zweeten Rang mit Willemmen, un wollte mir so recht delektiren. Denn Sie wissen, Herr Flitter, ich schmeichle mir mit meine Meinung, mit Urtheil, nennt man des, über Kunst. So seh' ich des Stück! Tarkwato kommt vor un dhut nischt; die Andern kommen ooch vor, und dhuen ooch nischt, un wie Jott den Schaden besieht: is des Stück mit een Mal aus! – – Ne, hören Se mal, Herr Flitter, des nehmen Sie mir nich übel; ich habe schon viele Stücker jesehen, aber so was is mir noch nich vorjekommen: vor zwölf Jroschen Courant so 'ne elende Hofjeschichte, wo weiter nischt vorjeht, als was in den Bürjerstand alle Dage vorkommt, un in fünf Minuten wieder verjessen is. Ick sage Ihnen, ick denke, der Willem verschlingt das janze Stück, so hat der Junge des Maul vor Jähnen ufgerissen! Natürlich, ich habe ihm Eine gestochen, denn des is keene Bildung, bei Jöthen zu hojappen, aber des heeßt, ich hätte mir eijentlich ooch Eine stechen müssen, denn ick habe noch mehr jehojappt als Willem, un ick bin doch en vernünftijer Mensch, Bürjer un Rentier. Nu erklären Sie mir des, wo da die Poesie sitzt??

Un denn, des nehmen Sie mir ooch nich übel: is denn des en Dichter, der zu einen Andern sagt: »den Herrn, der mir ernährt, den dien' ick,« wie der Tarkwato von Jöthen? Wenn ein Hund so denkt, denn laaß' ich mir des jefallen, davor is er Hund, un läßt sich mit Füßen treten; aber wenn ein Dichter so denkt, denn is er keener! Ein Dichter muß blos vor Jott un vor der Kunst Respekt haben, der Purpur un de Krone muß ihm akkurat so viel jelten wie ein Bettlerjewand und 'ne Schlafmütze! Un denn nu jar der Schluß, wo des Trajische drinn liejen soll! Als ob des so'n jroßes Verbrechen wäre, deß der berühmtste Dichter so'ne Dischtrikt-Prinzessin von Italien een eenzijes Mal umarmt, un noch dazu, wenn man überzeugt is, deß ihr des ungeheuer wohl dhut! Ne, uf solche Frauenzimmer-Witze eine janze Trajedie bauen, un darin en Unjlück sehen, daß so'ne dämlige Prinzessin, die immer so weenerlich jämmerlich dünne un vornehm spricht, un mir lange nich so lieb is, wie meine frische, lebendije und jeistvolle Hulda, deß die von einen Dichter, den se nich werth is, die Schuhriemen ufzulösen, umarmt wird: uf so'ne Dummheiten laaße ich mir nich in. Scheckspier hätte es nich jedhan, dazu war er zu jesund. Wenn ick Jöthe jewesen wäre, ick würde mir schämen, so kleenlich un erbärmlich zu denken, un so'n pimpliches Zeug zu schreiben, nennt man des!

Nu, bitte, Herr Flitter, sagen Sie mir Ihr Urtheil darüber, damit ich sehe, wie des mit meins übereinstimmt, schriftlich, pro Stadtpost, nich frankirt. Ich bezahle den Jroschen, ich kann des!


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