Montag, 17.8.2009

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Adolf Glaßbrenner
Berliner Eckensteher



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Berliner Blumensprache

Berliner Blumensprache

(1838)

 

Agley.
                             Warum denn so schüchtern loofen?
Soll ick Dir vielleicht wat koofen?
Nein, nur dieses nich!
Muß Dich erst die Jungfrau sagen:
Jüngeling, derfst nich verzagen,
Rieke liebet Dich!
 
Akazienzweig.
            Edeward, Du kannst Dir trollen,
Liebe kann ick Dich nich zollen!
Aber wenn Du Freundschaft willst,
Du mir die Jefühle stillst.
 
Aloe.
            Ich wählte Dir zu meinen Ritter,
Du keiltest mir: o des war bitter!
Verzeih' mir, deß ich fliehend von Dir eile,
Denn wahre Liebe kennet keine Keile.
 
Aster.
            Jetzt liebst Du mir sehr! doch schade!
Sind nur erst der Liebe Stunden
Futsch, und eh'lich wir verbunden,
Dann bin ick Dir jleich Pomade.
 
Aurikel.
            Jott, wat bist Du niedlich,
Un so appetitlich!
Un Deine Brust
Ist Jötterlust!
 
Balsamine.
            Weil Du sonst so stolz jewesen,
Biste jetzo so vernesen;
Herzensjüte janz alleene,
Bringt Dir wieder uf de Beene.
 
Bandgras.
            Willst Du einen Kuß mir jeben,
Werd' ick in de Wolken schweben!
 
Basilicum.
            Du traust Dir nich ran zu mir!
Na höre, Karl, ick bitte Dir!
Laß Dein Herz in meinem schlüpfen,
Daß wir ein Verhältniß knüpfen.
 
Blumenmohn.
            Wenn's auch int'ressant Dir schiene,
Unverjeßliche Karline!
Du mußt noch ein Anjedenken
Auf die Wanderung mich schenken.
 
Bolle.
            Bolle, jeh' und sage ihr,
Daß ich weine für und für!
Manche Thräne is geflossen,
Aus des Kummers Leid entsprossen;
Doch so viel ich mir auch härmte,
Stets verjebens ich nur schwärmte.
 
Brennende Liebe.
            Wilhelm, rege mir nicht auf!
 
Brennessel.
            Mit Deine Kurmachereie
Sei man nich immer so dreiste!
Wenn ick Dir mal eie,
Det sag' ick Dir, denn schreiste!
 
Buchsbaum.
            Hier schick' ich Dir ein Bischen Buchs,
Das sage Dir, daß Du ein Fuchs!
Du hast mich meine Sprödigkeit jeraubt,
Des hätt' ich nie von meiner Tujend nich jejlaubt.
 
Butterblume.
            Du mußt nicht stets so idealisch sein!
Ich achte wohl die innern Jaben,
Doch muß man was zu leben haben,
Und ohne Brod kann man nich frei'n.
 
Calmus.
            Nach der Liebe Schleife
Wirst umsonst Du rasen!
Mach mir eine Pfeife,
Denn werd' ick Dir wat blasen.
 
Camille.
            Du bist ein wahrer Aphello in der Eifersucht!
Laaß mir!
 
Centifolie.
            Hundert Reize schmücken Dich,
Jöttliche, ich liebe Dir!
 
Citronenblatt.
            Atjes! Atjes!
Wer weeß, wer weeß,
Ob wir uns wiedersehen!
Ick muß nach Pommern jehen.
 
Cypresse.
            Wenn des Lebens Athem einst verstocket,
Und die Pulse nich mehr schlagen dhun,
Denn werd' ich, von dust'rer Nacht umflocket,
In des Jrabes stillem Rande ruh'n;
Dann verjebens, Fieke, wirst Du fragen,
Ob mein Herz Dir droben noch gewiß;
Denn da unten kann man nischt mehr sagen
Weil es rings mit Jras bewachsen is.
 
Dezemberblume.
            Du mit Deine Schimmel-Haare,
Du bist in de besten Jahre?
Na, denn möcht' ick mal die schlechten sehen!
Kleiner Schäker, Du kannst weiter jehen!
 
Dill.
            Jraule Dir nich d'rum, Jeliebte,
Weil das Schicksal Dir betrübte!
Fürchte Dir nich und sei dreiste,
Dein jehören meine Fäuste.
 
Eichenlaub.
            Liebe selbst ist eine Sclaverei,
Deinen Jottlieb hast Du verloren!
Ein deutscher Mann ist frei, ist frei,
Und wär' er in Köthen jeboren.
 
Epheu.
            Dein Blick ist tief mich in das Herz jedrungen,
Ich liebe Dich und halte Dir umschlungen,
Mit Dir hab' ich das Röthlichste im Sinn,
Wann ich vom Militeerdienst frei erst bin.
 
Erbsenblüthe.
            Du hältst mir, Jeliebte, die Treue!
denn anderen Falls,
Bekömmst Du von mir eine Schoote des Knalls!
 
Espe.
            Ulrich, ob Du mir auch wirklich liebst?
Dein Jefühl auch keiner Andern jiebst?
Laß Dir meine Angst man nich verdrießen,
Ach, ick zittere an Händen und an Füßen!
 
Fenchel.
            Zarter Schneider, laß' die Schmeichelei'n,
Sonst empfängst Du bald von mich ein Nein.
Nimmer wirst Du mich erhaspeln,
Willst Du man blos Süßholz raspeln!
 
Feuerlilie.
            Ach, mein Herz brennt lichterloh,
Wie ein jroßes Bündel Stroh!
Niemals werd' ich Ruhe finden,
Kann es Dir nicht auch entzünden.
 
Flieder.
            Nein, bei mir nich, wo ich wohne!
Kommen Sie nach de jroße Kanone,
An des Zeughaus da, um neun,
Werd' ich liebevoll heut' sein.
 
Fuchsschwanz.
            Lehmann! Sein Sie nicht so zudringlich!
 
Gänseblume.
            Jeistlos ist ein jedes Wort,
Jedes Wort auf Ihrer Zunge;
Weichen Sie von mich nur fort,
Sie sind dämlich, juter Junge!
 
Georgine.
            Huld'jend möcht' ick, Jungfrau, mir Dir nah'n,
Und Dir bieten meine Hand zum Jlücke,
Deine Tugend, Lotte, zieht mir an,
Doch Dein Stolz stoßt jrausam mir zurücke.
 
Goldlack.
            Hannchen, pumpe mich was! Mir fehlt es an's
Nothwendigste.
 
Hahnenkamm.
            Fordern Sie nicht so geschwind
Jetzt von mir ein Anjedenken;
Wenn wir erst verheirath't sind,
Werd' ich Ihnen schon was schenken.
 
Holunder.
            Du hast mir sehr verkannt,
Du hast mir tief jeschmerzt,
Als ich mit meiner Hand
Ein wenig nur jescherzt.
 
Hyacinthe.
            Du bist ein junger Jrenadier
Mit den man Umjang pflegen kann;
Doch wejen Liebe frag' bei mir
Erst einje Wochen später an.
 
Jasmin.
            Ich jab schon mein Versprechen,
Drum seien Sie nicht böse,
Den Liebesschwur zu brechen,
Des wäre schauderöse!
Ich mußte Liebe zollen,
Nie kann sie mehr entsprießen,
Doch wenn Sie Freundschaft wollen.
Die können Sie genießen.
 
Jelängerjelieber.
            Wonach ich lange mir jesehnt,
Und still mein Auge hat gethränt,
Das hab' ich jetzt in Dir gefunden,
Und all mein Kummer ist verschwunden.
 
Judenkirsche.
            Herr Jeses! lassen Sie mir sein,
Sie lieben sich ja blos allein!
Sie eitler Jeck, Sie hätten sich
Schon längst vor Liebe ufjefressen,
Wär's jejen die Jebote nich
Von Ihren Moses zu vermessen.
 
Klatschrose.
            Kilian, sei verschwiegen,
Sonst kannste Eene kriejen!
 
Kleeblatt.
            Mit dem Kleeblatt, Dörthe, hier
Dreierlei versprech' ick Dir:
Erstens, daß ich nie erkalte,
Daß ich bis an's Jrab Dir liebe,
Zweetens, daß ich treu Dir bliebe,
Drittens, wenn ich Beides halte.
 
Klette.
            Drajoner, weil ick Ihnen Freund,
Sind Sie den janzen Dag um mir herum;
Betrachten Sie mir als Ihren Feind,
Denn drehen Sie gewiß bald um.
 
Kornblume.
            Einst, da liebten Sie mir, Tobias,
Jetzt dhun Sie mir hassen,
Wär' ick bei Kröchers ein Schnapsglas,
Sie würden mir nie verlassen.
 
Kuhblume.
            Du dhust noch spröde? Un zu mir?
Du bist ein nämliches Madel!
Von solche Sorte krieg' ich Dir
Zehne vor eene Natel.
 
Lewkoye.
            Bin ick mit 'ne And're ooch jejangen,
Dadrum keene Feindschaft nich!
Dein bleib' ick janz unveränderlich,
Aber Sclave? Ne, des kannst Du nich verlangen!
 
Lilie.
            Daß Deiner Unschuld Flamme nie verlischt!
O daß sie ewig brenn'!
Du bist schonst lange majorenn,
Un weeßt von'n hellen, lichten Dag noch nischt!
 
Maiblume.
            Jetzt is Frühling! Ach, wie scheen!
Jetzt liebt Allens! Selbst die Thiere!
Jetzt kann ick Dir frei jesteh'n,
Wat ick längst im Busen spüre!
 
Malve.
            Kaltes Mädchen, willst Du meinen Mord?
Soll ick jlühend denn verderben?
Wenn Du fährst so unempfänglich fort,
Wirst Du einst als alte Jungfer sterben!
Aend're jetzt Dein Herz, Jeliebte, noch,
Denn in schöner Zeit der Liebe biste:
Nütze ihr, und mache der Familie doch
Den Skandal nich in de Dootenliste!
 
Mohn.
            Dicker Muschketier,
Sie langweilen mir!
 
Myrthe.
            Meine Liebe hast Du jetzt erfahren;
Rastlos will ick streben immerdar,
Deß ick Dir nach wen'gen lump'gen Jahren
Flechte einen Brautkranz in das Haar.
Dreißig Dhaler kost't des Bürgerwerden,
Fufzig Dhaler kost't des Werkzeug mir,
Hab' ich dieses erst erspart auf Erden,
O, dann blüht mir schon der Himmel hier!
 
Nachtviole.
            Derf ich's denken? derf ich's wagen?
Ach, wie wird es mir erjeh'n! –
Wenn et Zehne hat jeschlagen,
Wer' ick uf den Hausflur steh'n.
 
Narzisse.
            Jrausam bist Du jejen mir,
Fieke, ich verachte Dir!
 
Nelke.
            Nie nich werd ich Deine,
Du bist mir zu kleene jewachsen,
Deine Natur, juter Mensch,
Is nich nach meinen Jeschmack.
Dieses jinge noch an,
Doch Dein Inwendjes is nich viel besser;
Pucklich und schief is Dein Herz,
So wie Dein Rücken, Musje!
 
Nessel.
            Du schlugst mir tiefe Wunden,
Nie jlaubt ich zu jesunden,
Doch abjewöhnt, vorbei
Ist Deiner Kälte Laster,
Und Deine Liebe sei
Mir jetzt ein engelsch Pflaster.
 
Noli me tangere.
            Laaß mir sind!
 
Palmblatt.
            Willst Du des Leben uns verjiften?
O, Jottlieb, laß' uns Frieden stiften!
 
Petersilie.
            Wenn ick, liebe Friederike,
Dir so still bescheiden kieke,
O, dann denkt mein Herz bei sich:
Diese oder keine nich!
 
Primel.
            Jeh' und sag' ihm, kleine Primel,
Daß er ein zu jroßer Schwiemel,
Wenn er besser werden wollte,
Er nur einst besitzen sollte.
 
Ranunkel.
            Du bist viel zu veränderlich,
Viel zu flatterhaft;
Eens, zwee, drei, so hast Du dich
'Ne And're anjeschafft.
Uf Rosen wieje Dir, uf Nelken,
Doch mir laß sind, ich bitte!
Ich will so früh noch nich verwelken
Drum flieje fort, Kalitte!
 
Reseda.
            Auf die bloße Schönheit seh' ich nich,
Mehr um Deine Tugend lieb' ich Dir!
 
Rittersporn.
            Ach, mein einzjer Cürassier,
Ich hab' Dir so jerne!
Reit'ste ooch nich fort von hier,
In die weite Ferne?
Nein, ach nein, es trösten mir
Zwei der schönsten Sterne,
Sie wie ich bewachen Dir
Da in die Caserne.
 
Rose (rothe.)
            Ich liebe Dir! ich liebe Dich!
Wie's richtig is, ich weeß es nich,
Un's is mich auch Pomade!
Wie, wenn ich lieb', es heißen muß,
Zu fragen erst den Heinsius,
Wär' um die Liebe schade!
Ich liebe Dir, ich liebe Dich,
Wie's richtig is, ich weeß es nich,
Doch klopft mein Herz so schnelle!
Ich lieb' nicht auf den dritten Fall,
Ich lieb' nicht auf den vierten Fall,
Ich lieb' auf alle Fälle.
 
Rose (weiße.)
            Wenn mein Herz für Lieb' gebrochen,
Und ich in das Jrab gekrochen,
Dann besuche meinen Hügel,
Breite aus der Sehnsucht Flügel,
Weine eine Thräne drauf:
Dann wach' ich zum Himmel auf.
 
Rosenblatt.
            Wui!
 
Rosenstengel.
            Ne!
 
Schneeball.
            Fühllos bist Du wie die Flocken
Wie das Eis da in de Zelten!
Laß Dir Liebe schnell entlocken,
Du wirst Dir das Herz erkälten!
 
Schneeglöckchen.
            Es regt sich schon, Karline,
Een Bischen was für mir;
O! daß die Sonne schiene
Tief in den Busen Dir,
Und weckte da die Triebe,
Bis langsam sie erblüh'n,
Und einst als volle Liebe
Für Deinen Friedrich jlüh'n!
 
Sellerie.
            Kleidermacher, Sie sind schwächlich,
Majer, dünn und sehr zerbrechlich,
Essen Sie sich, Lieber, satt,
Daß man was an Ihnen hat!
 
Spieke.
            Halten Sie jefälligst das Maul!
 
Stiefmütterchen.
            Weil ick Dir een paar Maal küßte
Uf de Moabiter Wiese,
Trägste nu schonst ein Jelüste
Nach der Liebe Paradiese?
Hat sich wat zu paradießen!
Schönster! derfst man sagen: Teller!
Willste Adam's Jlück genießen,
Loofe nach den dustern Keller.
 
Tabacksblüthe.
            Schneider, süßer Herzenswaller!
Rooch' nich solchen Knallerballer!
Zähl' Dir zu die feine Menschen,
Paff nich solchen Vaterländ'schen!
Heut' noch riechen meine Kleider,
Sehr nach jestern, lieber Schneider!
 
Tausendgüldenkraut.
            Warum ick Dir verließ?
Du wolltest blos mein Kies!
 
Tulpe.
            Schön bist Du, des muß man wirklich sagen,
Doch jehässig!
Wer Dir uf de Länge kann ertragen,
Na, den fress' ich!
Dir zu meiden macht mir freilich Schmerzen,
Die vergess' ich!
Denn det sag' ick Dir: mit Deinem Herzen
Is et Essig!
 
Veilchen.
            Weil's nich meine Herrschaft will,
Lieben heimlich wir un still;
Was mir übrig bleibt von ihr,
Milletheer, det jeb' ick Dir.
Avancirst Du, diesen Falles,
Dien' ich auch nicht mehr für Alles;
Dann wirst Du die Hand mir schenken,
Un an Krieg is nich zu denken!
 
Vergißmeinnicht.
            Wo Du weilest, denk' an mir!
Mein Portrait umschwebe Dir!
 
Wachholder.
            Auf Verzeihung darf ich hoffen,
Gestern war ich zwar
Nicht bei Laune, aber heute
Lieb' ich, was mir stets erfreute.
 
Zeitlose.
            Du bist ooch schon lange in die Jahre,
Wo Amor schießen kann.
Wat Deine Sprödigkeit betrifft, die spare,
Sonst kriegste keenen Mann.
Ick rathe Dir, sei nich zu ethe,
Jeh' immer dran und drauf;
Denn seh' mal: nachher wird et späte,
Und denn hört Allens auf.


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