Mein Herr!
Sie glauben, es könne Aufmerksamkeit verdienen, und nützlich seyn, wenn ich zu Papier bringe, was für einen Weg ich eingeschlagen habe, in der Kunst so spät noch auf einen erträglichen Grad zu steigen; möchten das viele Künstler vor mir gethan haben, wie unendlich nützlich müßte das für die Kunst seyn, wenn man mehr die Geschichte der Kunst, durch was für Mittel Künstler zu ihrer Grösse gelanget sind, was für Schwierigkeiten, und wie sie solche überwunden, was sie auf ihrem Wege und bey ihrer Entwicklung für Bemerkungen gemacht haben, in der Mahler-Geschichte finden würde. Ihre Werke würden vielleicht weniger gelehrt als die Werke gelehrter Kenner seyn; aber sie würden Sachen enthalten, die sie jeder unter seinen besondern Umständen, jeder bey seinem Anwachs und bey seinen Arbeiten gemacht, auf die der Kenner niemals kommen kann. So (um nur ein par Exempel zu geben) enthält das Werk, das Lairesse, nachdem er durch seine Kunst die allgemeine Bewunderung sich erworben hatte, zu schreiben anfieng, die brauchbarsten Materialien, und Sachen, die nur ein Lairesse mit solcher Deutlichkeit, während den Jahren seiner Studien und seiner besten Arbeiten gefunden und genau beobachtet hat; und wie unschätzbar ist das Werkgen von Mengs, das mehr gutes über die Kunst zu denken giebt, als ganze Folianten; weiß er gleich als Philosoph sich nicht deutlich zu machen, so redt er doch da, wo er als Künstler redt, mit einer Stärke, mit so viel Licht, mit so geläutertem Geschmack, mit einem so feinen, so philosophischen Beobachtungs-Geist, als man nur von dem grössesten Künstler unsers Zeit-Alters erwarten kann.
Aber auf mich zu kommen: Ich fürchte mich, Ihnen mein Versprechen zu halten. Noch bin ich mitten auf dem Wege; und meine Umstände werden kaum erlauben, viel weiter zu kommen. Ich fürchte Ihnen Sachen zu sagen, die nur wenig zu bedeuten haben; doch dann bleibt mein Geschwatz weiter nichts als ein Brief an Sie, mit dem Sie eben so umgehen, wie man mit Briefen thut, die nichts zu bedeuten haben; und Sie werden Ihnen und mir darmit verschonen, daß ein Brief von mir der einzige Fleck in Ihrem Werk sey.
Sie wissen, daß mein Beruf niemals seyn konnte, Künstler zu werden; daher war ich in meiner Jugend ganz ohne Anleitung. Beschmierte ich gleich in meinen jungen Jahren die Menge Papier, so wars doch nur ein elendes Spiel, ohne Absicht und ohne Anführung; so mußte ich nothwendig zurückebleiben; und es war eine natürliche Folge, daß meine Neigung sich um vieles verlohr. Die besten Jahre giengen so dahin, ohne daß ichs versuchte, ob ich in der Kunst wohin gelangen könnte. Indeß thaten die Schönheiten der Natur und die guten Nachahmungen derselben von jeder Art immer die gröste Würkung auf mich; aber in Absicht auf Kunst wars nur ein dunkles Gefühl, das mit keiner Kenntniß verbunden war; und daher entstand, daß ich meine Empfindungen, und die Eindrücke, die die Schönheiten der Natur auf mich gemacht hatten, lieber auf eine andere Art auszudrücken suchte, deren Ausdruck weniger mechanische Übung, aber die gleichen Talente, eben das Gefühl für das Schöne, eben die aufmerksame Bemerkung der Natur fordert.
Da ich die Gelegenheit bekam, meines sel. Herrn Schwehervaters Heinrich Heidegger, des innern Raths, der Ao. 1763. starb, ehrte und kannte die freyen Künste von Jugend an. Sein Cabinet ist eins der besten in unsrer Vaterstadt, und enthält vornemlich die besten Stiche nach der Niederländischen Schule; und eine vollständige Sammlung der ersten Drücke des Freyischen Werks, welches die erhabenen Werke der Römischen Schule am würdigsten geliefert hat. Auch ist es wegen einer starken Sammlung von Handzeichnungen merkwürdig, und wird itzt durch seinen Sohn mit Einsicht und Wahl immer vermehrt. fürtreffliche Sammlung täglich zu sehn, erwachte meine Leidenschaft für die Kunst von neuem, und ich faßte im 30. Jahr meines Alters den Entschluß, zu versuchen, ob ich noch zu einem Grad gelangen könnte, der mir bey Kennern und Künstlern Ehre machen würde.
Meine Neigung gieng vorzüglich auf die Landschaft; und ich fieng mit Eifer an zu zeichnen, aber mir begegnete, was so vielen begegnet. Das beste und der Haupt-Endzweck ist doch immer die Natur; so dacht ich, und zeichnete nach der Natur; aber was für Schwierigkeiten, da ich mich noch nicht genug nach den besten Mustern in der verschiedenen Art des Ausdrucks der Gegenstände geübt hatte! Ich wollte der Natur allzugenau folgen, und sah mich in Kleinigkeiten des Detail verwickelt, die den Effect des Ganzen störten, und fast immer fehlte mir die Manier, die den Gegenständen der Natur ihren wahren Character beibehält, ohne sclavisch und ängstlich zu seyn. Meine Gründe waren mit verwickelten Kleinigkeiten überhäuft, die Bäume ängstlich und nicht in herrschende Hauptpartien geordnet, alles durch zu ängstliche Arbeit zu sehr unterbrochen. Kurz: Mein Auge war noch nicht geübt, die Natur wie ein Gemählde zu betrachten, und ich wußte die Kunst noch nicht, ihr zu geben und zu nehmen, da wo die Kunst nicht hinreichen kann. Ich fand also, daß ich mich zuerst nach den Künstlern bilden müsse. Ist nicht das, was mir begegnete, der Fehler der ältern Künstler, die noch nicht genug gute Muster hatten, ich meyne die ältern Niederländer und Deutsche; sie hielten sich so genau an die Natur, daß der kleinste Nebenumstand oft so genau gemahlt ist, wie der hervorstehendeste, und ihre Gemählde verlieren darum ihre Würkung; sie sind zu ängstlich und zu überhäuft. Genien, die diese Fehler einsahn, suchten dieselben zu meiden, und machten sich mit den Regeln des Schönen in der Disposition, der gemässigten Mannigfaltigkeit, der Haupt-Massen in der Anordnung und im Schatten und Licht, u. s. w. bekannt. Nach diesen war nun nöthig zu studieren; und um den Weg so kurz als möglich zu machen, wählte ich nur das Beste, das, was in jeder Art am besten sieh ausnahm, um zu einem Muster zu dienen. Diese sorgfältigste Wahl des Besten, soll für den Lehrer und den Schüler die erste Grundregel seyn. Das Mittelmässige ist das schädlichste, und muß mehr ausgewichen werden, als das ganz Schlechte, dessen Fehler leichter ins Auge fallen. Wie sehr könnten die Kupferstecher dem wahren Geschmacke nützlich seyn, wenn sie darauf dächten, durch die Wahl dessen, das sie liefern wollen, bey Kennern sich eben so wol Ehre zu machen, als durch die Ausarbeitung selbst. Was für ein Schwal von Mittelmässigem wird durch viele von ihnen vervielfältigt und in die Welt zerstreut, das niemals den Fleiß eines Tages verdient hätte. Oder lohnt sichs nicht der Mühe sich zehnfach zu bedenken, worauf man die Arbeit so vieler Monate verwenden wolle? Nur die ersten Werke der Kunst sind wol dieser Mühe werth. Wie sehr wird die Zeit verschleudert, wenn man bey Unterweisung junger Künstler sie bey Mittelmässigem aufhält; ihr Geschmack wird so für das wahre Schöne nicht gebildet; das Mittelmässige bleibt ihnen erträglich, und nährt bey ihnen den Stolz, sich groß zu glauben, weil es ihnen ein Leichtes war, nicht weit hinter ihrem Original zu bleiben. Man lasse den jungen Künstler die Köpfe nach Raphael studieren, wie unerträglich werden ihm die faden, süssen Gesichtergen vieler von den Neuern seyn! Man lasse ihn nach dem Schlender so vieler beliebter Künstler nach der Mode zeichnen, und laß ihn dann den schönen Apoll oder Antinous zeichnen, er wird aus beyden gemeine Leute oder schlechte Tänzer machen, und nicht empfinden, daß er es schlecht gemacht hat.
Ich fande das beste, in meinen Studien von einem Haupttheile zum andern zu gehen; denn wer alles zugleich fassen will, wählt sich gewiß den mühsamern Weg; seine Aufmerksamkeit wird allzu zerstreut seyn, und immer ermüden, da er bey zu vielen verschiedenen Gegenständen auf einmal zu viel Schwierigkeiten findt. Ich wagte mich zuerst an die Bäume, und da wählte ich mir vorzüglich den Waterloo, von dem in dem obgedachten Cabinet eine fast vollständige Sammlung ist. Je mehr ich ihn studierte, je mehr fand ich wahre Natur in seiner Landschaft. Ich übte mich in seiner Manier so lange, bis ich in eigenen Entwürfen mit Leichtigkeit mich ausdrückte. Ich versäumte indessen nicht, nach andern zu arbeiten, deren Manier nicht des Waterloo, aber nichts destoweniger glückliche Nachahmung der Natur war; ich übte mich darum auch nach Swanefeld und Berghem, und wo ich einen Baum, einen Stamm, ein Gesträuch fand, das vorzüglich meine Aufmerksamkeit reitzte, das copierte ich in mehr und weniger flüchtigen Entwürffen. Durch diese gemischte Übung erhielt ich Leichtigkeit im Ausdruck, und mehr eigentümliches in meiner Manier, als ich hatte, da ich an den Waterloo, mein vorzügliches Muster, mich allein hielt. Ich gieng weiter, von Theilen zu Theilen; für Felsen wählte ich die grossen Massen des Berghem und S. Rosa; die Zeichnungen, die Felix Meyer, Ermels und Hackert nach der Natur, und in ihrem wahren Character gemacht haben; für Verschiesse und Gründe wählte ich die grasreichen Gegenden, und die sanften dämmernden Entfernungen des Lorrain, die sanft hintereinander wegfliessenden Hügel des Wouvermann, die in gemässigtem Licht, mit sanftem Gras, oft nur zu sehr, wie mit Sammet bedeckt sind; dann den Waterloo, dessen Gründe ganz Natur sind, ganz so, wie er sie in seinen Gegenden fand, und darum ist er auch hierinn schwer nachzuahmen. Für sandigte oder Felsengründe, die hier und da mit Gesträuch, Gras und Kräutern bewachsen, wählte ich mir den Berghem.
Wie sehr fand ichs leichter, wenn ich itzt wieder nach der Natur studierte! Ich wußte itzt, was das Eigentümliche der Kunst ist; wußte in der Natur unendlich mehr zu beobachten, als vorher, und wußte mit mehr Leichtigkeit eine ausdrückende Manier zu finden, da wo die Kunst nicht hinreicht. Anfänglich hatte ich auf meinen Spaziergängen oft lange umsonst gesucht, und nichts zum Zeichnen gefunden. Jetzt find' ich immer etwas auf meinem Wege. Ich kann oft lange umsonst suchen, um einen Baum zu finden, der in seiner ganzen Form mahlerisch schön ist. Aber wenn mein Auge gewöhnt ist, zu finden, so find ich in einem sonst schlechten Baum eine einzelne Partie, ein paar schön geworfene Äste, eine schöne Masse von Laub, eine einzelne Stelle am Stamm, die, vernünftig angebracht, meinen Werken Wahrheit und Schönheit giebt. Ein Stein kann mir die schönste Masse eines Felsstückes vorstellen; ich hab es in meiner Gewalt, ihn ins Sonnenlicht zu halten, wie ich will, und kann die schönsten Effekten von Schatten und Licht, und Halblicht und Wiederschein, darbey beobachten. Aber bey dieser Art die Natur zu studieren, muß ich mich hüten, daß mich der Hang zum bloß Wunderbaren nicht hinreisse; immer muß ich mehr auf das edle und schöne sehen, sonst kann ich leicht in meinen Zusammensetzungen ins Abentheurliche fallen, und wunderbare Formen allzusehr häufen.
Meine Studien nach der Natur mache ich nicht ängstlich aber auch nicht flüchtig; ich mag einzelne Theile oder ganze Aussichten zeichnen. Je bedeutender ein Theil meines Gegenstands ist, destomehr führe ich ihn sogleich aus. Viele begnügen sich der Natur in flüchtigen Entwürfen einen Hauptgedanken abzunehmen, und führen ihn hernach aus. Aber wie? In ihrer einmal angenommenen Manier: Das Wahre und Eigenthümliche der Gegenstände geht darbey verloren. Und das wird uns weder durch Zauberey von Farbe, noch grosse Wirkung von Schatten und Licht ersetzt: Man ist bezaubert, aber nicht lange; das forschende Auge sucht Wahrheit und Natur, und findet sie nicht. Aber wann ich itzt einen Gegenstand, den ich aus der Natur genommen hatte, ergänzen wollte; wann ich das beyfügen wollte, was ein mahlerisches Ganzes ausmachen soll; dann war ich furchtsam, und verfiel oft auf erkünstelte Umstände, die mit der Einfalt und der Wahrheit dessen, was ich aus der Natur genommen hatte, nicht harmonierten. Meine Landschaften hatten nicht das Grosse, das Edle, die Harmonie, noch zu zerstreutes Licht, keine rührende Hauptwürkung; und also mußte ich jetzt aufs Ganze denken.
Aus allen suchte ich itzt diejenigen Künstler aus, die in Absicht auf Ideen und Wahl und Anordnung ihrer Gegenstände mir vorzüglich schienen. Ich fand in den Landschaften des von Everdingen das einfältige Ländliche in Gegenden, wo doch die gröste Mannigfaltigkeit herrschet; reissende Ströme und zerfallene Felsenstücke, dicht mit Gesträuch verwachsen, wo vergnügte Armuth in der einfältigsten Bauart hingebaut hat; Kühnheit und Geschmack und etwas originales herrschen bey ihm überall; doch muß man bey diesem schon zum voraus die Felsen nach einem bessern Geschmack zu formen wissen. Das gröste Exempel, wie man nachahmen soll, giebt Dietrich; seine Stücke in diesem Geschmacke sind so, daß man glauben sollte, Everdingen habe es gemacht, und sich selbst übertroffen. Swanefelds edle Gedanken, die mit so grosser Würkung ausgeführt sind, und die auf seine grossen Massen von Schatten einfallende Reflex-Lichter. Sal. Rosa kühne Wildheit, des Rubens Kühnheit in Wählung seiner Gegenstände. Diese und mehrere studierte ich in flüchtigen Entwürffen, jetzt im Ganzen, da es mir jetzt meist darum zu thun war, der Einbildungskraft ihren wahren Schwung zu geben. Endlich studierte ich blos und allein die beyden Poussin und den Claude Lorrain. In diesen fand ich vorzüglich die wahre Grösse; es ist nicht blos Nachahmung der Natur, wie man sie leicht findt; es ist die Wahl des Schönsten; ein poetisches Genie vereint bey den beyden Poussin alles was groß und edel ist; sie versetzen uns in jene Zeiten, für die uns die Geschichte und die Dichter mit Ehrfurcht erfüllen, und in Länder, wo die Natur nicht wild, aber groß in ihrer Mannigfaltigkeit ist, und wo unter dem glücklichen Clima jedes Gewächse seine gesundeste Vollkommenheit erreicht. Ihre Gebäude sind nach dem grossen Geschmack und der edeln Einfalt der alten Baukunst aufgeführt, und ihre Bewohner sind von edelm Ansehen und Betragen, so wie sich unsere Einbildungskraft Griechen und Römer denkt, wenn sie von ihren edeln Handlungen begeistert ist, und sich in ihre glücklichsten Zeiten versetzt. Anmuth und Zufriedenheit herrschen überall in den Gegenden, die uns Lorrain mahlte; sie erwecken in uns eben die Begeisterung, eben die ruhigen Empfindungen, die uns die Betrachtung der schönen Natur selbst erwekt; sie sind reich ohne Wildheit und Gewimmel; mannigfaltig, und doch herrschet überall Sanftheit und Ruhe. Seine Landschaften sind Aussichten in ein glückliches Land, das seinen Bewohnern Überfluß liefert. Ein reiner gesunder Himmelsstrich, unter dem alles mit gesunder Üppigkeit aufblühet.
Was ich von diesen grossen Mustern aufbringen konnte, betrachtete ich täglich mit der angesträngtesten Aufmerksamkeit; aber das war nicht genug, mir ihre Denkart und ihre Ideen gänzlich bekannt zu machen. Ich legte sie beyseite, und wiederholte die Hauptzüge derselben aus dem Gedächtniß; das that ich oft, aber ich ruhete auch da nicht; ich machte mehr flüchtige als genaue Copien von ihren Landschaften, die ich aufbehalte; und so mach ichs mit allem, was mir vorzüglich gefällt; so bekomm ich eine Sammlung der besten Ideen. Es wird niemand fragen, warum das? Ich kann sie ja in Kupferstichen haben. Gut, dann besitz ich sie wol, aber ich habe nichts für mein Studium gethan. So wird der Künstler eine immer merkwürdige Sammlung zusammenbringen; er hat so nach dem besten studiert, und sich zugleich in den Besitz desselben gesetzt.